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Mia Brown ist das Pseudonym einer deutschen Autorin, die an der schönen Ostsee geboren wurde. Zu ihren großen Leidenschaften zählte bereits in jungen Jahren das Meer, an dem sie aufwuchs, sowie das Lesen unzähliger Bücher. Dabei erfüllte sich ihr Traum, etwas Eigenes aufzuschreiben, erst viele Jahre später.

Nach Kurzgeschichten in diversen Zeitschriften erschien 2012 ihr Romandebüt, dem sich weitere Veröffentlichungen in unterschiedlichen Genres anschlossen. Die Autorin liebt das Leben und die Natur über alles, zwei Dinge von vielen, die sie heute, nach Jahren in der Großstadt, mit ihrem Mann, drei Katzen und einem Hund im Oderbruch genießt.

Mia Brown

HOTLINE OF

Love

GEHEIMES BEGEHREN

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www.Elysion-Books.com

ELYSION-BOOKS

1. Auflage: September 2017

VOLLSTÄNDIGE AUSGABE

UMSCHLAGGESTALTUNG: Ulrike Kleiner

LAYOUT & WERKSATZ: Hanspeter Ludwig

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Inhalt

Prolog

1 – Louisa Silverman

2 – Hanna McCourt

3 – Kurt Logan

4 – Agentur Love to go

5 – Die Entscheidung

6 – Mein neues Leben

7 – Schweigen ist Gold

8 – Stimme des Herzens

9 – Dunkle Wolken

10 – Das Bembe

11 – Chris Jones

12 – Spiel mit dem Feuer

13 – Ein verhängnisvoller Tag

14 – Das Lächeln der Mona Lisa

15 – Savannah und Christian

16 – Louisa und Christian

17 – Schatten

18 – und Licht

Epilog

Sechs Monate danach, Westküste Kaliforniens

Prolog

Sie hob das Glas, nahm einen tiefen Schluck Ginger Beers und ließ die Zunge über ihre trockenen Lippen kreisen. Ihre schmalen Hände bebten, ihr Blick auf das Display des mobilen Telefons fokussiert, flackerte unruhig unter dem Kranz aus dichten Wimpern. Nichts rührte sich. Bis auf das gleichmäßige Pendelgeräusch des antiquierten Regulators an der magentafarbenen Wand und dem sommerlichen Zwitschern der Vögel vor dem Fenster, unterbrach kein Ton das friedliche Bild. Trügerische Stille, die ihren Puls beschleunigte und ihren Hals umklammert hielt. Sie stand auf und griff nach dem Telefon, zerstörte das bunt schillernde Spiegelbild auf der glänzenden Oberfläche ihres Wohnzimmertisches. Krampfhaft nach Luft ringend drückte sie das schmale Gerät an ihre Brust. Es musste gelingen. Nur keinen Fehler machen. Der Text saß. Heute begann ihr neues Leben.

Tief einatmend stellte sie sich an das offene Fenster und ließ die Lider sinken. Ihre Gedanken flatterten wie kleine Kolibris. Es war ihr erstes Mal, aber es würde nicht schmerzen. Sie erschrak bis ins Mark, als urplötzlich das Display aufleuchtete und das Telefon auf ihrer Brust leise schnurrend vibrierte. Sie öffnete die Augen. Ihr Blick fing die spielende Kindergruppe hinter der Reihe stämmiger Pappeln ein und ein Lächeln glitt über ihr Gesicht. Taylor my love. Sie summte Roy Orbisons »Pretty Women« vor sich hin, ließ sich in das weiche Polster der Couch sinken, zog die Knie an die Brust und räusperte sich. Dann drückte sie auf den Empfangsknopf ihres Handys.

»Hi! Willkommen in der Hotline love to go. Ich bin Savannah, mit wem habe ich das Vergnügen?«

»Du kannst mich Brad nennen, einfach nur Brad.«

1 – Louisa Silverman

Zunächst durchflutete mich Erleichterung. Ein tiefes, zufriedenes Gefühl, in dem es keinen Platz für wehmütige Empfindungen gab. Im Gegenteil. Mit jedem Schritt, der mich weiter vom dem grauen Gerichtsgebäude entfernte, fort von dem Geschehen, das mich vor zehn Minuten zu einer geschiedenen Frau, einer Mutter verurteilte, die sich das Sorgerecht für ihren Sohn mit einem Mistkerl von Mann teilen musste, wuchs mein Groll auf die verantwortlichen Männer. Auf meinen Ex, der plötzlich sein Herz für Taylor entdeckt hatte und auf einen unfähigen Richter, der einen mickrigen Unterhalt für angemessen befand, weil momentan die Geschäfte in der Automobilbranche schlecht liefen. Lachhaft! Was wusste dieser Typ schon von den Machenschaften eines ausgebufften Bob Silvermans? Was von dessen fragwürdigen Autoverkäufen, die seine Firma in die dritte Welt tätigte und die gutes Geld brachten? Vielleicht war es Bobs mitleiderregender Miene geschuldet, dass dieser weltfremde Jurist einen Erzeuger weiterhin auf einen kleinen Jungen losließ und das, obwohl Bob nie ein fürsorglicher Dad gewesen war? Geteiltes Sorgerecht? Echt traurig. Was gab es da zu teilen, verdammt!

Zischend atmete ich aus. Ich ballte meine Hände zu Fäusten, während ich an den unbekannten Menschen mit ihren unbekannten Problemen vorbeieilte, an ihren unbekannten Sorgen und Nöten, die mich in diesem Moment herzlich wenig interessierten, weil mich mein eigenes Schicksal beschäftigte. Die schmalen Absätze meiner High Heels knallten auf die gepflasterte Straße, trommelten einen Stakkato in den heißen Junitag, der meiner Wut den nötigen Drive verlieh. Mit einer heftigen Bewegung wischte ich eine feuchte Haarsträhne aus meiner Stirn, versuchte meine bebenden Hände unter Kontrolle zu bekommen, meinen keuchenden Atem, der meine Brust hob und senkte und mich zwang, vor einem der Schaufenster in der Fulton Street, der belebten Einkaufsmeile Downtown Brooklyns, innezuhalten. Herrgott Louisa. Nun beruhige dich endlich. Erledigt. Abgehakt das Kapitel Bob Silverman. Aufgestanden, Krone gerichtet und den Blick voraus gelenkt, verdammt!

Schnaufend ließ ich meinen Blick über die modernen Taschen in der Auslage gleiten, über den glitzernden Schmuck, die eigens drapierten Hüte, Schuhe, Gürtel, bunten Tücher, bis ich das Spiegelbild der dunkelhaarigen Frau in dem sonnendurchfluteten Glas erfasste. Hallo? Gleichgültig starrte ich zurück. War ich das? Diese große schlanke Frau in dem eleganten Dress, die wie eine Angestellte der American Airlines wirken würde, wäre ihr Gesichtsausdruck weniger verbissen? Deren dunkle Augen wütend funkelten, nachdem sie vor wenigen Minuten von ihrem Ehemann geschieden worden war? Ich streckte meinem Spiegelbild die Zunge heraus und begrüßte das rebellische Grinsen, das urplötzlich über mein Gesicht glitt, wie einen Freund. Männer? Never ever! Ein tiefes Frohlocken stieg meine Kehle hinauf, als ich meinem Konterfei zuzwinkerte und meine Schultern straffte. Perfekt, Lou! Du wirst dir und der Welt beweisen, dass ein Leben ohne Kerle möglich ist. Ich nickte entschlossen Richtung Schaufensterscheibe. Meine Zukunft würde mir gehören, mir und meinem kleinen Taylor. Was nützte mir ein Kerl mit dem Ego eines aufgeblasenen Ochsenfrosches? Ein Besserwisser und Rudelführer, der seinen Hang zur Polygamie immer weniger vor mir verborgen hatte. Alles bestens, mach dir keine Gedanken, beruhigte ich mich innerlich, wobei ich dem kleinen Zweifelteufel, der fast gleichzeitig zu einem hastigen Sprung in meinen Verstand ansetzen wollte, einen gekonnten Schwinger versetzte. Diesen Moment ließ ich mir von niemandem zerstören. Dafür fühlte er sich viel zu wundervoll an.

Ich atmete tief durch, inhalierte die frühsommerliche Luft, die glühend heiß über den trockenen Asphalt flimmerte, über vorbeiflitzende Autos strich und erneut Schweißtropfen auf meine Stirn trieb. Mit einer schnellen Bewegung streifte ich meine Kostümjacke von den Schultern und ließ sie über die Umhängetasche fallen. Schluss mit dem förmlichen Dress. Ich öffnete die oberen Knöpfe meiner Bluse und blickte prüfend auf den zarten Stoff, der meine Oberweite umspannte. Hey, Louisa! Schon viel besser! Genauso wollte ich mein neues Leben beginnen. Ungezwungen, lässig, ohne männliche Regeln oder diverse Liebschaften, die zum Leben meines Exmannes wie die Luft zum Atmen gehörten und ein Gefühl absoluter Unzulänglichkeit in mein Gehirn gepflanzt hatten. Jetzt wollte ich endlich unabhängig sein und mich wegen eines kleinlichen finanziellen Budgets meines Ex weder gedemütigt noch gebunden fühlen. Gleich morgen wollte ich auf Jobsuche gehen. Irgendetwas würde sich schon für mich finden. Leider hatte ich meine Ausbildung zur Fotografin abgebrochen, als ich Bob kennenlernte. Eine Zukunft mit ihm erschien mir damals wie ein Lottogewinn. Geborgenheit, Wohlstand und finanzielle Sicherheit bei einem gestandenen Mann zu finden, waren Träume eines jungen Mädchens, das der lieblosen Umgebung seines Elternhauses entkommen wollte. Woher hätte ich ahnen sollen, dass sich mein Entschluss als Riesenfehler entpuppen würde? Vor meiner Ehe war ich einige Zeit als gut gebuchtes Model tätig gewesen. Konnte ich darauf zurückgreifen und noch immer auf mein Aussehen setzen?

Möglichst unauffällig drehte ich mich vor dem Schaufenster und begutachtete meine Silhouette. Trotz meiner fünfundzwanzig Jahre und der Geburt eines wundervollen Jungen vor vier Jahren war meine Figur okay. Immerhin verfügte ich über Erfahrungen als Unterwäschemodel, ein Vorteil im Business, der mir jetzt eventuell zugute kommen konnte. Ich sollte meine Jobsuche mit einem Anruf bei Kurt Logan beginnen. Mein ehemaliger Manager würde wissen, welche Chancen ich überhaupt noch in der Branche hatte. Außerdem hatte er früher eine Schwäche für mich gehabt, weil ich genau den dunkelhaarigen Frauentyp verkörperte, den er bevorzugte. Selbstverständlich war ich kein graziles scheues Reh mehr, keine ahnungslose Schöne, die bei jedem Kompliment errötete. Ich betrachtete mein Spiegelbild und sah eine junge Frau, deren sanfte Rundungen die Reife ihrer Figur betonten. Kategorie schlank und ansehnlich, wie ich fand. Ich neigte den Kopf und ließ meine dunklen Haare mit einem verträumten Lächeln über die Schultern fallen. Dunkle Augen blickten mich an. Eine Pose, die Kurt mehr als einmal in Begeisterung versetzt hatte und die ich noch immer beherrschte, wie ich grinsend befand. Trotzdem gab es zwischen dem wesentlich älteren Mann und mir nie etwas, das über eine berufliche Verbindung hinausging.

Kurt Logan war ein gestandener, verheirateter Mann, als wir uns begegneten. Und ich hatte gerade meinen Highschoolabschluss in der Tasche, als er mich auf der Straße ansprach und mir einen Job als Unterwäschemodel in Aussicht stellte. Eine Wahnsinnschance, endlich aus der Enge meines Elternhauses auszubrechen. Einem Zuhause, das ich ohnehin nur bis zu meinem zehnten Geburtstag als solches bezeichnete. Schuld daran war Olivia, unsere Haushälterin, die nach dem Krebstod meiner Mom zu uns kam, das Zepter an sich riss und meinen trauernden Dad mit Erfolg umgarnte. Was wusste ich schon von Liebe oder sexueller Lust, die Männer und Frauen magisch anzog? Ich war ein Kind und ich hasste diese Person mit der Enttäuschung eines kleinen Mädchens, das mit ansehen musste, wie sich das liebevolle Verhalten ihres Dads in Gleichgültigkeit verwandelte und den zehn Jahre älteren Bruder aus dem Haus trieb.

Als mir Kurt nach einigen vielversprechenden Aufträgen eine kleine Wohnung im Herzen East New Yorks besorgte, einer fürchterlichen Gegend, an die ich mich nur ungern erinnere, schien mein Glück trotzdem vorerst perfekt. Ich verdiente gut und konnte endlich mein Leben genießen, oder das, was ich irrtümlicherweise dafür hielt. Heute weiß ich, dass berufliche Erfüllung nur die eine Seite der Medaille ist, trostlos und eintönig sein kann, wenn die Liebe zu dem, was dich als Mensch ausmacht, fehlt. Liebe und Zärtlichkeit war etwas, das ich seit dem Tod meiner geliebten Mom schmerzlich vermisste, eine wunderschöne Erinnerung wie eine Blume, die in meinem Herzen schlummerte und darauf wartete, zum Blühen gebracht zu werden.

Es war der dreizehnte Mai, ein herrlicher Tag im Frühling und ich hatte gerade meinen neunzehnten Geburtstag gefeiert, als Kurt für seine Agentur, zu deren Team ich seit Kurzem gehörte, einen wirklich lukrativen Auftrag an Land zog. Uns erwartete eine Unterwäschedemonstration vor einem Klientel, das aus betuchten, zahlungskräftigen Geschäftsleuten bestand, die nicht nur Ablenkung vom Alltagsstress suchten, sondern gleichzeitig in New Yorks Metropole exquisite Damengarderobe für ihre Lieben einkaufen wollten. Wie von Kurt vorausgesehen, waren die Herren sehr interessiert, das Geschäft lief ausgezeichnet und unsere Stimmung war dementsprechend aufgeräumt, als wir nach der Show in der Garderobe auf unseren erfolgreichen Manager warteten. Ich erinnere mich noch, wie Kurt die Tür aufstieß, ein riesiger Rosenstrauß in den Raum geschoben wurde, der seinen Träger, bis auf zwei in teures Tuch gehüllte Beine, komplett verdeckte. Selbstverständlich zog diese bühnenreife Show alle Blicke auf sich. Okay, ich erinnere mich an den Anblick, weil er einfach urkomisch war. Alle Mädchen kicherten los und benahmen sich wie pubertierende Teenager, die ihre Lachsalven kaum unter Kontrolle bringen konnten. Mich selbstverständlich eingeschlossen. Das änderte sich schlagartig, als der Überbringer dieses gewaltigen Blumenarrangements sichtbar wurde, lächelnd auf mich zukam und mich mit überschwänglichen Komplimenten zum Abendessen einlud. Aus dem Gelächter der Umstehenden wurde neidvolles Geraune. Ich suhlte mich regelrecht in der Bewunderung dieses Mannes und sagte überrascht und geschmeichelt zu. Allein Bobs Anblick schien die erotischen Fantasien meiner Kolleginnen geradezu heraus zu kitzeln. Mit glühenden Wangen und blitzenden Augen flirteten sie mit ihm, versuchten mit allen weiblichen Tricks seine Aufmerksamkeit zu erlangen. Vergebens. Bob hatte nur Augen für mich. Dabei teilte ich anfänglich die allgemeine Bewunderung für ihn kaum.

Natürlich war ich neugierig auf das, was meine Kolleginnen von ihrem ersten Sex mit einem Typen berichteten, aber ich wollte das auf keinen Fall bei einem One Night Stand herausfinden. Meine Vorstellung von der Zukunft sah vollkommen anders aus. Mir schwebte die große Liebe vor, Leidenschaft, Treue, Blümchensex in vollendeter Harmonie. Herrje war ich naiv! Heute kann ich darüber nur lachen, über mich, meine grenzenlose Blindheit und über Bobs raffiniertes Auftreten. Er schien zu ahnen, dass meine Vorstellungen von der Liebe rein theoretischer Natur waren. Für Bob Silverman wurde es das ganz große Kino! Über die körperliche Liebe wusste ich nur so viel wie das Studium einschlägiger Literatur her gab. Dazu zählten Herz-Schmerz-Romane, die besonders romantisch veranlagte junge Mädchen wie mich zum Schmelzen brachten. Kein Wunder, dass ich bei Bobs Auftreten glaubte, einem meiner Romanhelden begegnet zu sein. Alles passte. Sein sicheres Auftreten, sein durchtrainierter Body, seine florierende Firma und sein Aussehen, das an den blonden, blauäugigen Highlander erinnerte, der mich ohnehin faszinierte. Er gehörte eindeutig zur Kategorie Traummann und es störte mich nicht im Geringsten, dass er fast vierzig Jahre alt war. Sein jungenhafter, höflicher Charme ließ sein Alter bedeutungslos werden. Bob konnte sich benehmen, wurde niemals ausfallend, ein Charakterzug, den er selbst in den fünf Jahren unserer Ehe niemals verlor. Wahrscheinlich war es der Grund für mich, ihn nicht schon vor Jahren zum Teufel zu jagen.

Heute ist es mir egal, welcher seiner Vorzüge letztendlich den Ausschlag gaben, mich davon überzeugten, das Richtige zu tun. Immerhin stimmte das Gesamtpaket. Bob war groß, kräftig, attraktiv und gut bestückt. Eine genetische Veranlagung, die das weibliche Geschlecht entzückte und die er schamlos ausnutzte, wie ich später erkannte. Und irgendetwas an diesem prallen großen Organ musste auch mich beeindruckt haben. Natürlich gestand ich mir das nicht ein. Dank meiner konventionellen Erziehung und deren ablehnende Haltung zu außerehelichen Sex, fühlte ich meine Jungfräulichkeit keinen Tag gefährdet.

Als mich Bob ungefähr acht Wochen nach unserer ersten Begegnung in sein Appartment in West Greenwich Village in Manhattan einlud, kamen mir erste Bedenken, was den Ort unserer Begegnung betraf. Trotzdem sagte ich sofort zu.

Bereits in den frühen Morgenstunden dieses Sommertages war es drückend heiß und ich mehr als froh, als mich Bob am späten Nachmittag anrief, um mich aus meiner beengten Mietswohnung herauszuholen. Mittlerweile war ich neugierig auf seine Welt, auf seine private Umgebung, die sich mit Sicherheit von meiner erheblich unterschied.

Selbst heute, an einem Tag, wo sich die rosaroten Blütenblätter meiner damaligen Vorstellungen in hässliches Braun verwandelt haben, muss ich schmunzeln, wenn ich an das Gefühl denke, das allein Bobs Auftreten an diesem Tag bei mir auslöste. Für mich verkörperte er den Prinzen, von dem alle neunjährigen kleinen Mädchen träumen. Warum sollte es mich zehn Jahre später stören, dass er statt von einem weißen Pferd, geschmeidig aus einem schwarzen Mercedes glitt, um mich abzuholen? Zumindest das Aufsehen, das er mit der glänzenden Limousine vor dem dicht besiedelten Hochhaus an der Bezirksgrenze zu Queens erregte, wäre mit einem Pferd kaum zu toppen gewesen. Die Kinder umstanden ihn staunend, streichelten ehrfürchtig das blanke Metall und bildeten eine Schneise, damit ich passieren konnte. Ich lächelte stolz und mein Herz flog ihm entgegen, als ich mich in das tiefe Polster fallen ließ und ihn verstohlen musterte. Er sah in seiner leichten, sommerlichen Stoffhose und dem offenen Hemd, das meinen Blick auf seine breite Brust lenkte und auf verwirrende Weise den Wunsch erweckte, meine Hand über seine nackte Haut gleiten zu lassen, verdammt sexy aus. Mein Gehirn mutierte zu einem schizophrenen Organ. Wunsch kämpfte gegen Verstand, wobei letzterer bald in einen weinseligen Zustand geriet, der ihn jede Stunde ein wenig mehr ausschaltete. Im Übrigen schob ich an diesem Abend alles beiseite, was in irgendeiner Form mein Hochgefühl beeinträchtigen konnte. Wir tranken süffigen Wein, ließen uns Sushi, Kaviar und gebackenes Gemüse kommen, plauderten über seinen Arbeitstag, meine anstehenden Projekte und blickten uns verliebt in die Augen. Auf seiner kleinen mediterranen Terrasse, mit dem typischen Atem des Hudson River, der dem lauen Sommerabend einen besonderen Touch verlieh, geriet mein Herz endgültig in Schwingungen.

Ich war bereits ein wenig beschwipst, als er mich innig küsste, aufhob und in sein Bett trug. Wie selbstverständlich schmiegte ich meine Wange an seine Brust, inhalierte diesen unglaublichen Duft aus Aftershave und Moschus und seufzte beglückt. Heute glaube ich, dass ich mich in diesen Sekunden unendlich geborgen fühlte. Geliebt und behütet, ähnlich den Anfängen meiner Kindheit. Erst als ich meine Lippen öffnete und sie zärtlich um eine seiner Brustwarzen schloss, verschwanden meine Kindheitserinnerungen und machten neuen, keineswegs unangenehmen Empfindungen Platz. Bob reagierte stöhnend. Mein Puls schoss in die Höhe und ließ meinen Körper an Stellen antworten, die ich bestenfalls aus den Beschreibungen meiner Romane kannte. In meinem Bauch flatterten tausende Schmetterlinge und die feuchte Bereitschaft in meinem Schoß konnte ich kaum ignorieren.

Ich war neunzehn Jahre alt und ich wollte diesen Mann, keine Frage. Bob schien es ebenfalls zu spüren. Seine Küsse wurden fordernder, bevor er mich behutsam auf das breite Bett sinken ließ, sich über mich kniete und eine Hand unter mein kurzes Kleid schob. Langsam führte er sie meinen Oberschenkel hinauf. Dabei blickte er mich unverwandt an. Seine Augen waren weit geöffnet und so dunkel wie das Wasser des Hudson River bei Nacht. Ich sah das Begehren darin funkeln, wodurch sein schmales Gesicht, dass unter den Haaren, die ihm unkontrolliert ins Gesicht fielen, fast animalisch wirkte. Oh ja, Bob konnte unwiderstehlich sein und es gefiel mir, was er mit seinen Händen tat. Bereitwillig spreizte ich die Beine, als er unter mein Spitzenhöschen glitt, den rasierten Streifen meines Venushügels erreichte und meine Schamlippen öffnete. Sanft begann er, meine Klitoris zu massieren. Erst als er vorsichtig seine Finger in mich schob, dort ebenfalls rieb und knetete, stockte mein Atem und ich zuckte zurück. Er ließ sofort von mir ab.

»Keine Angst, Kleines«, flüsterte er mir zu. »Ich werde dir nicht wehtun.« Seine Worte klangen rau und abgehetzt, Anzeichen seiner gezügelten Leidenschaft, wie ich heute weiß.

Es musste ihm einiges abverlangt haben, sich als echter Gentleman zu beweisen. Ein Verhalten, das mit seiner Lust kaum vereinbar war, wie ich ziemlich schnell erkannte. Bob vögelte gern und viel. Darin war er ungehemmt, wild, rücksichtslos, ausdauernd und großartig. Sein Vermögen, keine Frau ohne erfüllten Orgasmus aus seinem Bett zu entlassen, war unbestritten. Wahrscheinlich wird es das Einzige bleiben, was mir zukünftig fehlen wird. Manchmal erinnerte mich Bob an die Legende über das Standvermögen eines Dschinghis Khan, des Herrschers der Mongolen. Vielleicht gehörten Männer wie mein Ex zu dessen potenten Nachfahren.

Ich weiß nicht, ob er mich tatsächlich liebte. Für Bob waren alle schönen Frauen begehrenswert, er genoss das Gefühl der absoluten Hingabe und dafür himmelten sie ihn selbst während unserer Ehe an.

Verdammte Scheiße!

Aber an diesem, von gegenseitigem Begehren geprägten Abend, gab es nichts an ihm auszusetzen. Und er hielt sein Versprechen. Es wurde kein oberflächlicher, schmerzhafter Akt, sondern eine tolle Erfahrung für mich, geprägt von Aufmerksamkeit und Lust für den Partner.

Er streifte mir mein Kleid über den Kopf, öffnete meinen BH und zog mir mein Höschen mit einer raschen Bewegung aus. In meinem Kopf drehte sich alles, als ich vollkommen nackt und mit gespreizten Beinen vor ihm lag und seine bewunderten Blicke auffing. Merkwürdigerweise schämte ich mich nicht. Im Gegenteil. Mein Interesse galt zunehmend der Ausbuchtung in seiner Hose, die sich in dem gedämpften Licht der Schlafzimmerbeleuchtung deutlich abzeichnete und deren Anblick erwartungsvolle Schauer über meinen Körper jagte. Meine Hände bebten, als ich mich aufrichtete, die Knöpfe an seinem Schritt öffnete und fassungslos auf den gewaltigen Penis starrte, der mir entgegensprang. Außer in speziellen Büchern, die an der Highschool ebenso die Runde machten, wie andere pornografische Zeitschriften, hatte ich noch nie ein erigiertes, männliches Glied live gesehen, eigentlich überhaupt keinen vollkommen nackten Mann. In meinem Elternhaus wurde streng darauf geachtet, dass wir uns voreinander nicht unbekleidet zeigten. Ich schüttelte den Kopf, als Bob seine Hose abstreifte und sich behutsam an mich drängte.

»Das geht nicht«, flüsterte ich ihm zu, wobei ich die weiche Eichel an meinem Bauch spürte und den harten Schaft, der mich zutiefst erschreckte. »Er wird mich zerreißen, befürchte ich.«

Bob lachte leise. Sein heißer Atem streifte meine Brüste, als er spielerisch mit seinen Lippen über meinen Oberkörper strich und an meinem Ohrläppchen knabberte. »Sicher nicht, Darling. Mein Schwanz liebt schöne Frauen. Entspann dich einfach. Es wird dir gefallen.«

Seine Hände hatten erneut ihre Wanderung aufgenommen, erkundeten meinen Körper, glitten über die Innenseiten meiner Oberschenkel, bevor er sich plötzlich vor mich kniete, meinen Po zu sich heranzog und seinen Kopf herabbeugte. Ich stöhnte unkontrolliert, bebte vor Lust und heftigen Schauern, als ich seine Zunge zwischen meinen geheimen Lippen spürte. Mein Atem stockte und meine Klitoris erigierte wie ein kleiner Penis, als sich meine Sinne auf den Mann konzentrierten, der zwischen meinen Beinen eine Explosion der Lust erzeugte. Mein Verstand war ausgeschaltet. Es gab nur uns beide, ihn und mich. Meine Oberschenkel zitterten, als ich in seine Haare griff und ihn auf mich zog. Unsere Lippen fanden sich zu einem wilden, hemmungslosen Kuss. Dann löste er sich von mir, öffnete die Schublade seines Nachttischchens, zog ein Kondom hervor und streifte es über seine beachtliche Erektion. Mit einem Ruck drang Bob in mich ein, betäubte den kurzen Schmerz mit zärtlich gemurmelten Worten an meinem Ohr und festen Stößen, die ihn sanft aber fordernd tiefer in mich gleiten ließen. Ich folgte seinem Rhythmus, spürte seine Zunge auf meinen Brüsten, seinen heißen Atem auf meinem Körper und das betörende Reiben seines Gliedes in meiner feuchten Scheide. Ich keuchte auf, als sich meine Vagina plötzlich um ihn krampfte, eine Gänsehaut meinen Rücken erfasste und mich der erste Orgasmus meines Lebens mit voller Wucht erfasste, bevor meine Muskeln erschlafften.

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»Hey Baby, du hast gerade Spaß, oder?« Ein junger Mann mit einem Skater unter den Füßen flitzte grinsend an mir vorbei, bedachte mich mit einer obszönen Geste seiner Finger und katapultierte mich unvermittelt zurück in die Gegenwart. Erschrocken blickte ich ihm nach. Konnte er hellsehen oder stand der Wunsch – bitte vögel mich wie Bob Silverman – bereits auf meiner Stirn geschrieben? Mein Spiegelbild lächelte entspannt zurück. Na wenn schon. Irgendetwas Gutes blieb aus jeder gescheiterten Ehe zurück. Da waren Erinnerungen an wundervollen Sex mit meinem Exmann bestimmt das kleinste Übel.

Mit einem kurzen Blick auf meine Armbanduhr vergewisserte ich mich, dass Taylor erst in zwei Stunden aus dem Kindergarten abgeholt werden musste. Perfektes Timing. Ich zog mein Handy aus der Tasche und drückte auf Hanna McCorts eingespeicherte Telefonnummer. »Hi, Hanna. Es ist vollbracht. Bleibt es bei unserem Treffen in dreißig Minuten? Okay, Süße. Ich freue mich auf dich. Ja, ja. Champagner und schön kalt, wenn ich bitten darf. Immerhin feiern wir heute meinen privaten Independence Day. Bis gleich.«

Schmunzelnd ließ ich das Handy zurück in die Tasche gleiten. Feiern war das Stichwort. Und Belohnen das Pendant. Mit einem Blick auf die wundervollen Taschen in der Schaufensterauslage drückte ich die Tür des noblen Ladens auf und betrat den herrlich klimatisierten Verkaufsraum.

2 – Hanna McCourt

An der Bedford Ave verließ ich die Subway, stöckelte die Treppe hinauf und lenkte meine Schritte zielsicher in die 7th Street. Nein, es wunderte mich nicht, dass Hanna ausgerechnet den kleinen, fast unscheinbaren Italiener in dieser Straße für unser Date ausgewählt hatte. Wir kannten uns seit mehr als vier Jahren, da blieb nichts unentdeckt. Ich blickte auf die Tüte in meiner Hand und schmunzelte in mich hinein. Wir mochten uns beide sehr, aber unsere Vorlieben für die schönen Dinge im Leben konnten unterschiedlicher kaum sein. Während Hanna für gutes Essen alles stehen und liegen ließ, passierte mir das Gleiche höchstens beim Shoppen oder wenn es meinen geliebten Taylor betraf. Selbst unser Musikgeschmack driftete in verschiedene Richtungen. Hanna ließ nichts unversucht, um ja keinen der angesagten Rockevents zu verpassen. Ich hingegen bevorzugte die gediegene Atmosphäre großer Opernhäuser, die sanften Töne klassischer Musik. Trotzdem gab es etwas, was wir beide teilten. Eine Leidenschaft, die alles andere zweitrangig werden ließ – die Liebe zu unseren Kindern.

»Wir benehmen uns wie Glucken«, hatte mir die etwa gleichaltrige, hübsche Kursteilnehmerin mit den strahlend blauen Augen und den rotblonden krausen Haaren kichernd zugeflüstert, als wir uns das erste Mal in der Krabbelgruppe unserer Kinder begegneten. Sie hatte meinen besorgten Blick, mit dem ich die Schwimmübungen meines einjährigen Taylors begleitete, aufgefangen, und sich gurrend dem beschmutzten Po ihrer Tochter Lynn gewidmet. Ein Kind, das sie im Zustand der absoluten Bewusstseinsstörung von dem größten Chaoten Williamburgs empfangen hatte, wie sie mir wenige Monate später lachend gestand. Dieser »Chaot« entpuppte sich im Laufe unserer Freundschaft als durchaus angesagter Maler in der Kunstszene, der in unregelmäßigen Abständen Hannas Konto um eine erkleckliche Summe Alimente bereicherte. Im Gegenzug erwartete er weder an seine unzulänglichen Verhütungspraktiken, noch an das unerwünschte Produkt daraus erinnert zu werden. Zu meinem Erstaunen war Hanna mit diesem Arrangement durchaus zufrieden. Sie hielt die Füße still, besorgte sich einen kleinen Job bei McDonalds, um die zahlungsfreien Monate ihres Exlovers zu überbrücken und widmete sich in den vergangenen fünf Jahren liebevoll der Betreuung ihrer Tochter Lynn. Sie wollte auf keinen Fall die Fehler ihrer Mom und Granny wiederholen, wie sie mir versicherte. Eine Vergangenheit, von der ich lange Zeit nichts ahnte, weil sie nie ein Wort darüber verlor. Das änderte sich eines Tages.

»Stimmt es, dass unser Schicksal aus einem Kreis besteht, dem wir nicht entkommen können? Dass unser Leben in einem Laufrad vorangetrieben wird und niemand die Möglichkeit hat auszusteigen, selbst wenn er es möchte?«, hatte mich Hanna bei einem unserer Tagesausflüge in den Prospect Park gefragt, erst unsere zweijährigen Kinder, dann mich nachdenklich gemustert und sich unschlüssig die Locken aus der Stirn gestrichen. Sie lehnte an einer der großen Rotbuchen, die wir als geeigneten Platz für unser Picknick auserkoren hatten und war ungewöhnlich ernst. Der Wind fuhr in die Kronen der Bäume, beugte die Zweige und tauchte Hannas Silhouette in ein rötliches Farbenmeer aus Licht und Schatten. Schatten, die trotz des schmalen Lächelns auf ihrem Gesicht nicht verschwanden, während sie ihren Blick mit meinem verband. Ich spürte, dass sie etwas bedrückte, eine Last, die sie mit sich herumtrug und die sie im Begriff war, mit mir zu teilen. Trotz eines mulmigen Gefühls in meiner Magengegend und der ahnungsvollen Stille in der wir nach ihren Worten verharrten, nickte ich ihr aufmunternd zu.

»Manchmal frage ich mich, was aus Lynn werden soll, wenn die Aussage meiner Granny mindestens einen Funken Wahrheit enthält«, fuhr sie leise fort. »Gran hat behauptet, dass es die Gene sind, die unser Schicksal bestimmen. Irgendwelche verdammten Anlagen, die wir im Blut haben, ob sie uns gefallen oder nicht. Denen wir verdanken, was und wer wir sind, die uns manipulieren und verbiegen wie willenloses Wachs. Wenn das stimmt, Lou, und Granny Recht hat, warum zum Geier reiß ich mir dann den Arsch auf? Kann ich überhaupt irgendetwas tun, um Lynn vor einem ähnlichen Schicksal wie dem meiner Grandma, meiner Mom oder meinem zu bewahren?« Verzweiflung lag in ihrer Stimme, in den Augen, die ihr helles Blau verloren hatten und einen dunklen Schmerz ahnen ließen, den ich nicht verstand. Erschrocken über diesen Ausbruch fuhr ich auf. Bislang kannte ich Hanna unbeschwert und sorglos. Diese Trauer passte nicht zu meiner kleinen Hexe, wie ich sie liebevoll nannte. Mit beiden Händen zog ich sie zu mir hinunter auf die Decke und nahm sie fest in den Arm.

»Was ist los, Hanna? Dieses Gerede über Gene und Veranlagung? Was soll das? Du bist Lynns Mom und wirst nicht zulassen, dass ihr etwas Schlimmes zustößt. Natürlich erben wir nicht nur die guten Anlagen von unseren Vorfahren. Stimmt schon. Aber was wir letztendlich aus dem, was uns in den Schoß gelegt wird, machen, das bestimmen wir ganz allein.«

Ich wiegte sie sanft hin und her und langsam entspannte sie sich, bevor sie von den Frauen in ihrer Familie erzählte. »Meine Grandma war eine lebenslustige, irische Lady aus gutem Haus und mit einem kleinen Vermögen auf der hohen Kante«, begann sie leise. »Irgendwann in den sechziger Jahren bereiste sie New York, verliebte sich unsterblich in den Bandleader einer drittklassigen Truppe, wurde von ihm schwanger und blieb. Klar, dass der Typ Grannys Geld mit vollen Händen ausgab, regelrecht verschleuderte, bis kein einziger Dollar auf ihrem Konto übrig blieb. Und klar auch, dass er sofort das Weite suchte, nachdem er das erkannte. Manchmal frage ich mich, ob ihr Leben anders verlaufen wäre, wenn sie einen Blick in die Zukunft hätte werfen können? Wer weiß das schon, Lou. Meine Grandma war eine Kämpferin, die trotz der miesen Umstände niemals aufgab. Sie versuchte das Beste aus ihrem Leben zu machen, brachte meine Mom auf die Welt und packte die Gelegenheit beim Schopf, als sich ein älterer, vermögender Industrieller für sie interessierte und sie tatsächlich heiratete. Wahrscheinlich begann die Ehe für Granny nicht mit der großen Liebe, aber als gebranntes Kind lernte sie das unbeschwerte Leben an der Seite dieses ruhigen Mannes schätzen. Als er zehn Jahre später starb und Grandma seinen Tod aufrichtig betrauerte, war aus dieser Verbindung längst aufrichtige Zuneigung geworden. Er hinterließ sie gut versorgt. Ihr und ihrer Tochter, meiner Mom, fehlte es an nichts. Meine Oma verwöhnte sie nach allen Regeln der Kunst. Vielleicht einen Tick zu viel?« Hanna zog die Schultern hoch und schob die Unterlippe vor. »Jedenfalls war meine Mom noch minderjährig, als sie behütet und wahrscheinlich gelangweilt in die Drogenszene abrutschte. Egal, was Grandma versuchte, um das Drama aufzuhalten. Es blieb alles erfolglos.« Hanna stöhnte leise und ich bemerkte, wie sie ihre Hände zu Fäusten ballte und ein verächtlicher Zug ihre Mundwinkel erreichte. »Es ist komisch, Lou, aber manchmal bin ich froh, sie nie gekannt zu haben«, fuhr sie bitter fort. »Diese Frau ist mir so fremd wie jede andere Unbekannte. Und es sollte nichts geben, was mich ihretwegen belastet. Aber so ist es nicht. Von dem Moment an, als Granny mir von ihrer minderjährigen Tochter erzählte, die ihr neugeborenes Baby zurückließ, um ihrem verfickten Dealer zu folgen, hasste ich sie. In meinem Unterbewusstsein wuchs der Groll auf meine verantwortungslose Mom wie ein Tumor heran. Ich konnte ihr das einfach nicht verzeihen, verstehst du? Egal, was Granny versuchte, um meine Wut auf sie zu besänftigen. Nichts half. Einmal erlittenes Unrecht konnte auch Grannys Liebe zu mir nicht ungeschehen machen. Ich war unbequem und unerwünscht und deshalb hat mich meine Mom zurückgelassen.«

Hanna schnaufte und wischte sich verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel. Dann löste sie sich aus meinen Armen, zog die jammernde Lynn auf ihren Schoß und strich ihr zärtlich die aufsässigen Locken aus dem Gesicht. Mein Blick flog zu Taylor, der vergnügt krähend Bausteine zu einem Turm aufschichtete, den er anschließend begeistert umschubste. Ich lächelte. Wie gut ich Hanna verstand. Nicht nur Taylor, sondern auch Lynn waren auffallend hübsche Kinder. Während Taylor Bobs helle Haare und meine dunklen Augen geerbt hatte, waren es bei Lynn dicht bewimperte, bernsteinfarbene Augen und widerspenstige rotblonde Locken. Eine entzückende Mischung aus den Genen irischer und afrikanischer Vorfahren.

»Vielleicht sollte ich ihr wirklich langsam vergeben? Granny hat mich gut versorgt und mit Sicherheit geliebt. Es war nicht ihre Schuld, dass ich ohne Eltern aufwachsen musste.« Hannas Blick glitt nachdenklich in die Ferne, bevor sie ihre blauen Augen auf mich richtete. Fragend und unsicher. Ich nahm ihre Hand, legte sie auf mein Herz und schüttelte entschieden den Kopf. »Nein, es war nicht ihre Schuld. Alles wird gut. Nichts wiederholt sich zwingend in unserem Leben. Du wirst deine Hände über Lynn halten, sie behüten und beschützen. Kein Hamsterrad, kein Kreis, der sich nicht öffnen lässt. Du bist eine McCourt und stark, liebste Hanna. Das genügt.«

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Gedankenverloren wich ich einer Gruppe Jugendlicher aus, die einer hübschen Gleichaltrigen hinterherpfiffen. Ich blieb stehen und lächelte ihnen zu. Eines Tages werden es unsere Kinder sein. Taylor und Lynn. Und Hanna und ich werden stolz auf uns sein, weil wir es ohne Männer geschafft haben. Zwei Jahre nach unserem Gespräch starb Hannas Granny und hinterließ ihr ein schönes Haus in Williamburgs bester Lage. Soweit ging es Hanna gut. Sie hatte ein schönes Zuhause mit vielen Erinnerungen an ihre Kindheit und die Liebe ihrer Granny, die stets gegenwärtig war. Deshalb war es keine Option, die Immobilie zu veräußern, um ihren mageren Verdienst bei McDonalds aufzupeppen. Wir mussten uns etwas anderes einfallen lassen. Vielleicht sollten wir uns jetzt, nach meiner Scheidung, gemeinsam etwas Neues suchen? Bereits von Weitem erblickte ich meine liebste Freundin. Sie stand inmitten aufgestellter Tische und Stühle vor dem kleinen Restaurant, hielt die Arme in die Höhe gereckt, rief mir etwas zu und scherte sich keinen Deut um den Aufruhr, den sie verursachte. Hanna! Ich spürte das Brennen auf meinen Wangen und das peinliche Gefühl, das mir wie eine Schlange den Rücken hinauf kroch, weil alle Augen auf uns gerichtet waren.

Hanna du wirst jetzt nicht …? Mein Unterbewusstsein hieb sich brüllend auf die Schenkel, weil es die Antwort bereits kannte. Natürlich wird sie! Du kennst sie doch. Trag es mit Fassung, Lou. Kopf hoch und durch.

»Hallo Süße. Hier bin ich«, schallten mir Hannas Worte triumphierend entgegen. »Alles organisiert und bestellt! Ein Hoch auf deine glückliche Scheidung!« Verkrampft lächelnd eilte ich ihr entgegen, wobei ich den Ärger über das Grinsen der umsitzenden Gäste versuchte auszublenden. Tapfer ignorierte ich das Beifallklatschen an einem der Tische, die anerkennenden Worte einer Gruppe junger Männer, die sich scheinbar berufen fühlten, ihren Senf zu meinem neuen Familienstand abgeben zu müssen. Blöde Kerle, genau deshalb habe ich mich von einem wie euch getrennt. Schnell zog ich Hannas Arme herunter, umarmte sie flüchtig und schob sie auf den einzigen freien Tisch zu.

»Herzlichen Dank, Hanna McCourt«, zischte ich in ihr Ohr, während ich meinen Kopf an ihre Wange legte und ihren blumigen Duft einatmete. »Vielleicht möchtest du eine Anzeige in der New York Times schalten? So in der Art – Meine Freundin Louisa Silverman ist gerade glücklich geschieden? Nur für den Fall, dass es irgendjemandem entgangen sein sollte.«