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Das Buch

Jolanda, Tochter von Staatsanwalt Volker Schilling, mit dem Hauptkommissarin Jessica Steinfels seit Jahren eng zusammenarbeitet, wurde vergewaltigt und mit eingeschlagenem Schädel tot im Grüneburgpark aufgefunden. Jessica schwört ihm, Jolandas Mörder zu finden. Doch bevor sie ihr Versprechen einlösen kann, erhält sie die an sie persönlich gerichtete anonyme Ankündigung eines Mordes. Was zunächst wie ein übler Scherz wirkt, entpuppt sich als Auftakt einer brutalen Mordserie, bei der der Täter fast täglich ein neues Opfer hinrichtet. Jessicas Ermittlungen führen sie nicht nur tief in die Vergangenheit von Täter und Opfern, sie offenbaren auch Abgründe, die schier unglaublich sind – und die sie auf eine Spur führen, von der sie sich wünscht, sie niemals entdeckt zu haben.

Die Autorin

Carola Sieglinde Ossig wurde 1964 in Offenbach geboren und widmet sich, nach einem kaufmännisch geprägten Berufsweg, seit 2016 nur noch dem Schreiben. Angeregt durch Abschnitte ihrer Berufserfahrung hat sich Carola S. Ossig mit den Abgründen der menschlichen Psyche näher befasst und lässt dieses Wissen in ihre Werke einfließen. Sie lebt mit ihrem Mann in Hessen und ist Mutter eines erwachsenen Sohnes. Carola S. Ossig ist Mitglied der „Mörderischen Schwestern, Vereinigung deutschsprachiger Krimiautorinnen e.V.“. Bisherige Veröffentlichungen: „Besondere Tage wie diese“ (Kurzgeschichten, 2014). „36, attraktiv, sucht“ (Liebesgeschichte mit Tiefgang, 2015). „Nebeltanz“ ist ihr Krimi-Debüt.

Carola S. Ossig

Nebeltanz

Kriminalroman

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Anmerkung der Autorin

Alle im Buch beschriebenen Inhalte sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit realen Begebenheiten oder Namensgleichheiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sowie Firmen wären rein zufällig und sind in keiner Weise beabsichtigt. Besonders das Don-Bosco-Internat und die damit verbundenen Figuren sind fiktiv. Ebenso die St.-Blasius-Kirche in Frankfurt-Bonames. Wo konkrete Adressen genannt werden, stimmen zwar die Straßennamen, aber die Handlungen beziehen sich nicht auf real existierende Gebäude.

eISBN 978-3-946413-60-8

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Inhalt

Das Buch

Die Autorin

Anmerkung der Autorin

Taunus-Internat – 1979

Montag, 10. Oktober2016

Dienstag, 11. Oktober

Mittwoch, 12. Oktober

Donnerstag, 13. Oktober

Freitag, 14. Oktober

Samstag, 15. Oktober

Montag, 17. Oktober

Dienstag, 18. Oktober

Mittwoch, 19. Oktober

Donnerstag, 20. Oktober

Freitag, 21. Oktober

Samstag, 22. Oktober

Danksagung

Hoffnung
sieht das Unsichtbare,
fühlt das Unfassbare
und erzielt das Unerklärbare.

Maximilian Maria Kolbe
(1894 – 1941)

Hoffnung lässt leben – oder sterben.

Taunus-Internat – 1979

Prügel von den Lehrern, Kakerlaken im Essen, Fliegen im Pudding, Ekel, Abscheu und Angst sind meine ständigen Begleiter. Ich sitze in unserem Klassenraum in der ersten Reihe, wir tragen kurze Hosen. Vorne zu sitzen ist besonders unangenehm. Ich kann meine nackten Beine nicht verbergen. Herr Dickensdorf ist unser Lateinlehrer. Er versteht keinen Spaß. Wenn wir unsere Vokabeln nicht aus dem Effeff beherrschen, verteilt er schmerzhafte Kopfnüsse. Ede kommt dran. Ich kann seinen Angstschweiß riechen. Dennoch hebt er tapfer seinen Kopf und versucht aufzusagen, was er gelernt hat: „Hodie Tullia et Iulius in forum properant. Ibi Marcus amicus diu expectat.”

Herr Dickensdorf verhöhnt ihn: „Na, Eduard, weißt du denn auch ausnahmsweise, wie es weitergeht?”

Ede murmelt undeutlich mit gesenktem Kopf: „Populus clamat: Ibi sunt.“

„Ibi est, du Schwachkopf, ibi est! Wie oft muss ich dir das noch erklären? Wir sind hier im Singular nicht im Plural!” Er schlägt Ede mit dem Rohrstock so hart auf den Arm, dass es kracht. Alle in der Klasse zucken zusammen. Ede wischt sich die Tränen weg. Herr Dickensdorf scheint heute trotz allem gut gelaunt zu sein, denn er belässt es bei nur dem einem Hieb. Ede reibt seinen schmerzenden Arm. Der dunkelrote Striemen bleibt für alle als Mahnmal sichtbar. Nicht nur Ede ist erleichtert, als die Lateinstunde endlich zu Ende ist.

Verstohlen schaue ich mir in der Pause die Schüler der höheren Klassen an. Ob es wohl jemanden gibt, der stark ist? Der vielleicht sogar in Ruhe gelassen wird? Wenn ja, wie hat der das geschafft? Gibt es jemanden, dem ich vertrauen, den ich fragen und um Hilfe bitten kann? Mir geht die vergangene Nacht nicht aus dem Kopf. Was war mit Ede in der Zwischenzeit passiert, als man ihn zu später Stunde aus unserem Zimmer rief? Warum hat er nach seiner Rückkehr so geweint? Er lag wie ein Embryo gekrümmt in seinem Bett, zitterte, ihm schien alles weh zu tun. Aber meine Frage, was passiert war, hat er nicht beantwortet, sich nur weggedreht und geschwiegen.

Die Gluthitze des Hochsommers legt sich wie ein nicht gebetener Stoff über uns und lässt freies Atmen kaum zu. Der Schweiß läuft mir den Rücken runter. Konzentration fällt schwer. Selbst nach fast fünf Monaten hier im Internat habe ich kaum Kontakt zu den Mitschülern, was nicht an mir liegt, aber jeder wendet sich ab, wenn ich ihn anspreche, und dann, für mich das Schlimmste: keinen Kontakt zur Außenwelt. Ich habe ja auch niemanden, der an mich denkt oder mich besuchen würde. Waisenkinder haben niemanden. Ede ist der Einzige, der mich scheu, jedoch freundlich anlächelt. Er ist sehr schweigsam. Aber es ist eine positive Verschwiegenheit. Auch wenn er nicht redet: Ede tut mir gut.

Es ist Freitag, wir haben über einunddreißig Grad, der Himmel ist blau, und nur wenige Wolken ziehen träge dahin. Wir haben eine Stunde Freizeit. Es wird ein langer Tag, und ich versuche, einen Platz zu finden, wo ich mich zurückziehen und ausruhen kann. Ich gehe in den Hof und steuere meinen Lieblingsbaum an, eine riesige Buche. Leider sind auf diese Idee mit dem schattigen Platz unter der Buche schon andere Schüler gekommen. Alles besetzt. Ich gehe in das Schulhaus zurück. Wenigstens ist es hinter den dicken Mauern angenehmer als draußen. Ich setze mich in einen leeren Klassenraum und lehne meinen Kopf an die kühlen Steinwände. Ferdinand, den alle nur Ferdel nennen, schlendert zu mir herüber. Er ist so alt wie ich, aber ich mag ihn nicht besonders. Er bleibt vor mir stehen.

„Kennst du Nikolaus?“, will er wissen. „Er geht in die elfte Klasse. Er hat dich beobachtet und findet dich nett. Keine Ahnung, was er an dir mag. Ich denke, er kann sich bessere Freunde aussuchen. Aber er lässt dir ausrichten, dass er dich sprechen will. Und du scheinst ja gerade nicht beschäftigt zu sein.“ Er grinst. „Ja, also, ich gehe dann mal wieder. Nikolaus wartet auf dich in der Umkleidekabine der Turnhalle. Er will alleine mit dir reden.“ Lässig schlendert er Richtung Hof, die Hände tief vergraben in seinen Hosentaschen.

Ich sitze da, versteinert wie die Mauern um mich herum. Was will dieser Nikolaus von mir? Der alte Holzstuhl knarrt, als ich ihn beim Aufstehen nach hinten schiebe. Die Turnhalle des Internats befindet sich in einem Nebengebäude. Über den Hof, einen kleinen Kiesweg entlang, der zu beiden Seiten von Rasen gesäumt ist. Seit Tagen ist er gelb, ausgeblichen von den Strahlen der erbarmungslosen Sonne. Die Luft steht flirrend wie eine Wand. Es ist kaum auszuhalten. Wenigstens ist es drinnen kühler. Ein hochgewachsener Junge erwartet mich. Er hat die Statur eines durchtrainierten Sportlers. Nikolaus kommt auf mich zu und reicht mir die Hand. „Hallo, schön dass du da bist. Ich dachte, es wäre an der Zeit, dass wir uns mal kennenlernen.“

Ich nehme seine Hand und drücke sie. „Hallo Nikolaus. Ferdel sagte, du wolltest mich sprechen. Um was geht’s denn?“

Nikolaus quetscht schmerzhaft meine Hand und dreht mir den Arm auf den Rücken.

„He, was soll das? Lass mich los!“

Nikolaus denkt nicht dran. Er holt eine Augenbinde aus seiner Hosentasche und flüstert mir ins Ohr: „Du wirst gleich noch mehr aushalten, mein Kleiner. Du bist ein wirklich hübscher Junge. Das finden meine Kumpels übrigens auch. Und damit du später nicht weißt, von wem ich rede, werde ich dir jetzt die Augen verbinden. Ist auch besser – für dein Seelenheil.“ Er lacht dreckig.

Ich versuche mich zu wehren und wegzulaufen, als er mich loslässt, um die Binde anzubringen. Er stellt mir ein Bein, wirft mich zu Boden, kniet sich auf meinen Rücken, dass ich kaum noch Luft bekomme und zerrt ein schwarzes Tuch über meinen Augen fest.

„Halt gefälligst still!“

Ich gerate in Panik. Was will er von mir? Was hat er vor? Schon höre ich verschiedene Stimmen, aber die Augenbinde verhindert, dass ich etwas sehe. Die Tür fällt ins Schloss. Ich bin ausgeliefert. Nikolaus zerrt mich hoch. Von hinten werden mir die Arme festgehalten, von vorne die Hose runtergezogen. Ich kann mich nicht wehren. Auf einmal lachen alle. Über die Größe von meinem Penis, nehme ich an. Über meine schwach sprießende Schambehaarung. Ich wäre am liebsten in den Erdboden versunken.

„Das wächst noch“, meint einer. „Aber noch braucht er sein kleines Stehaufmännchen sowieso nicht.“

„Nun wollen wir mal sehen, wie er den Einführungslehrgang besteht.“ Das war eindeutig Nikolaus‘ Stimme. Einführungslehrgang? Was meint er damit? Schon werde ich mit einem kräftigen Schlag auf den Boden gezwungen.

„Knie dich, ich bin der Erste. Das ist mein Vorrecht.“

Meine Hose wickelt sich um meine Knöchel. Mein Hemd wird mir unter die Achseln geschoben. Mein Hintern ragt blank und ungeschützt in die Luft.

„Knebelt ihn! Ich will keine Zuhörer.“

Mir wird ein Stofflappen in den Mund gestopft. Ich würge und habe das Gefühl, mich übergeben zu müssen. Ich kann nicht schlucken, nicht sprechen, nicht um Hilfe schreien. Meine Pobacken werden brutal auseinandergezogen. Etwas drückt von außen nach innen. Ich zucke zusammen. Dann ein so heftiger Schmerz, dass ich das Gefühl habe, ich werde zerrissen. Ich schreie, aber der Knebel verhindert, dass mehr als ein leises Wimmern herauskommt.

„Halt still, dann hast du es schnell hinter dir“, raunt mir Nikolaus zu.

Ich will nicht stillhalten! Ein Schlag auf den Hinterkopf macht mich benommen, aber nicht benommen genug, dass ich den Schmerz nicht spüre, der immer stärker wird. Nikolaus packt mich an den Hüften und hält mich eisern fest. Jemand fasst mich an den Schultern, mein Kopf wird zwischen zwei Beine geklemmt. Ich bekomme kaum noch Luft.

„Mein Gott, der ist eng wie eine Mädchenmuschi“, höhnt Nikolaus und stößt noch fester zu. Es tut so weh! Himmel! Es tut so verdammt weh! Ich will mich wehren, aber Schläge donnern auf meinen Hinterkopf.

„Wenn du nicht stillhalten kannst, bekommst du noch mehr Prügel. Also benimm dich, du Memme.“

Ich versuche stillzuhalten, so gut es geht, denn jede Bewegung, die ich mache, vergrößert den Schmerz. Nikolaus wird schneller, die Stöße tiefer. Mir laufen die Tränen über das Gesicht. Ich denke, ich muss sterben. Er stößt noch ein paar Mal kurz und tief, und dann zieht er sich aus mir zurück. Zufrieden grunzte er.

„Das hast du doch gut gemacht, mein Kleiner. Ganz wunderbar. Und damit du gleich weißt, was Sache ist, bleib mal schön knien. Denn die anderen wollen auch mal.“

Etwas wischt mir über den wunden Hintern. Auch das tut weh.

„Der Vorteil ist, dass du jetzt schön offen bist und feucht. Glaub mir, das Weitere tut nicht mehr weh.“

Ich kann nicht glauben, was ich höre. Die anderen? Soll ich das hier weitere Male über mich ergehen lassen? Bitte, bitte nicht! Ich versuche wieder mich zu wehren, aufzustehen, aber schon schlägt mir jemand ins Gesicht.

„Bleib, sonst setzt es Prügel. Also sei brav, mein Kleiner.“

Blut läuft aus meiner Nase. Mein ganzer Körper schmerzt. Mir ist schlecht. Schon macht sich der Nächste an mir zu schaffen. Sein Penis ist nicht ganz so wuchtig, dafür sind seine Stöße umso brutaler. Der Rest der Meute feuert ihn an. Wie viele mögen wohl noch kommen? Ich will mich in eine andere Dimension denken. Wo Ruhe und Frieden herrschen und keine Schmerzen zu spüren sind. Weg von hier! Weit, weit weg!

Irgendwann später komme ich nackt im Duschraum zu mir. Wasser rieselt von oben auf mich herab. Zwischen meinen Beinen läuft das Blut verdünnt von dem kalten Wasser in den Abfluss. Dort, denke ich, läuft mein Leben davon. Dort, Richtung Abfluss, verlässt mich meine Seele. Irgendwann kommt der Tod. Hoffentlich.

Ein Lehrer findet mich schließlich. Meine Abwesenheit ist zunächst gar nicht aufgefallen. Erst als ich auch zum Abendessen nicht erschienen bin, hat man mich vermisst. Der Lehrer ist entsetzt. Er umsorgt mich, holt eine Decke, wickelt mich vorsichtig ein und trägt mich in die Krankenstation. Dann holt er den Internatsarzt. Ich werde untersucht. Der Rektor trifft ein.

Dem undeutlichen Gemurmel beider Männer entnehme ich, dass „kein Skandal“ gewünscht wird. Der Junge muss doch nicht gleich in ein Krankenhaus. Die aufgerissenen Wunden an After und Darm würden doch bestimmt irgendwann von alleine heilen bei guter ärztlicher Betreuung. Nicht wahr, Herr Doktor? Und die Hämatome im Gesicht – nun ja, die Jungs prügelten sich halt ab und zu, da kann man nichts machen. Auch das heilt von alleine. Und es soll Ihr Schaden nicht sein, wenn Sie ihn ohne Krankenhaus wieder zusammenflicken. Schaffen Sie doch. Oder?

Der Lehrer schweigt. Ihm scheint die Sache peinlich zu sein. Der Arzt bekommt vom Rektor Anweisungen. Sie werden sich einig. Ich werde vorsichtig auf mein Zimmer gebracht. Ein Beruhigungsmittel haut mich um. Doch ich erlebe in den folgenden Albträumen immer wieder alles von vorne.

Das, was mir passierte, was man mir angetan hat, wird totgeschwiegen. Ich frage mich, was ist mit Nikolaus? Wird er denn nicht zur Rechenschaft gezogen? Hat denn niemand Interesse daran, herauszufinden, wer die Mittäter waren? Meine Seele hungert verzweifelt nach Gerechtigkeit. Aber nichts geschieht. Gar nichts!

Als ich langsam wieder gehen und am Schulalltag teilnehmen kann, merke ich eine Veränderung im Verhalten der älteren Mitschüler. Man grinst mich von der Seite an, man klopft mir beim Vorbeigehen auf die Schulter. Fast so, als hätte ich eine Mutprobe, eine Feuertaufe bestanden. Sind die denn alle total durchgeknallt? Nikolaus gehe ich aus dem Weg. Allein der Gedanke, ihm zu begegnen, verursacht mir Übelkeit. Bevor ich einen Raum betrete, luge ich um die Ecke, um zu sehen, ob er drinnen ist. Bevor ich einen Gang betrete, tue ich dasselbe. Und nie, nie gehe ich allein irgendwo hin. Ede begleitet mich, froh über meine Freundschaft. Ich habe das Gefühl, er weiß, was mir passiert ist.

Er weiß es! Und ich weiß nun, was sie mit ihm machen, wenn er nachts aus unserem Zimmer geholt wird. Oh Gott!

Dies ist die Hölle, und ich kann ihr nicht entkommen. Ich bin Waise und habe kein anderes Zuhause, in das ich mich flüchten könnte. Keine Familie, die ich anflehen könnte, mich auf ein anderes Internat zu schicken. Ich muss bleiben. Aber ich hasse es hier! Hasse Nikolaus, den Direktor und das ganze Leben.

Es gibt nur einen Weg hier raus. Manchmal wird einer von uns Waisen adoptiert. Doch das Glück haben nur die Vorzeigeschüler und die mit den guten Manieren. Ich lerne noch verbissener, noch intensiver, noch zielstrebiger. Ich will der Beste werden. Auch in den Benimmkursen, die wir alle besuchen müssen.

Der nette Lehrer setzt sich beim Rektor für mich ein, dass ich sonntags beim Pastor der Kirche in Falkenstein als Messdiener tätig sein und zu dem Zweck das Schulgelände verlassen darf. Ich bin seit etwas über einem Jahr nicht mehr außerhalb des Internats gewesen und freue mich unglaublich über diesen Freigang. Der Pastor selbst ist ein netter und gütiger Mensch. Ich überlege, ob ich mich ihm wohl anvertrauen kann. Aber zunächst überwiegt die Freude, all die Dinge zu sehen und zu erleben, die mir früher so selbstverständlich gewesen sind. Diese Freude verdeckt meine Trostlosigkeit. Vorübergehend.

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Ein halbes Jahr später besucht mich der freundliche Lehrer auf meinem Zimmer. Ich freue mich, ihn zu sehen.

„Hallo, mein Junge, wie geht es dir?“, begrüßt er mich und gibt mir die Hand.

Mir tut sein Kommen gut. „Danke, alles in Ordnung. Und Ihnen?“

Er sieht mich lächelnd an. „Ich habe immer viel zu tun. Aber heute Abend habe ich frei, und da dachte ich, ich schaue mal nach dir.“

Dieses Verhalten zeichnet ihn aus, und dass er zu mir kommt, ist etwas Besonderes. Ich lege mein Buch beiseite. „Sehr nett von Ihnen, nehmen Sie doch Platz.“

Ede schleicht sich aus dem Zimmer. Warum tut er das? Der Lehrer setzt sich zu mir auf die Bettkante. „Es ist mir etwas unangenehm, aber ich möchte gerne etwas mit dir besprechen.“

Ich kann mir nicht vorstellen, was das sein könnte.

Er hüstelt. „Damals, als dir das mit Nikolaus passiert ist. Das geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Wie du da lagst, so hilflos. So nackt. Du hast mir so endlos leid getan.“

Schweigend schaue ich ihn an. Und?

„Bitte glaube nicht, ich wäre wie die anderen.“ Er stockt. „Ich bin nicht so – so …“ Wieder hüstelt er. „Aber damals, wie ich dich da so liegen sah, so nackt. Da ist etwas mit mir passiert. In mir. Verstehst du?“

Nein, ich verstehe ganz und gar nicht. Mir wird der Mund trocken. Warum packt mich plötzlich Angst? Was will er von mir?

Er nimmt meine Hand. Ich entziehe sie ihm. Er nimmt meine andere Hand.

„Ich bitte dich doch nur, mir ein wenig entgegenzukommen. Ich will und werde dir bestimmt nicht weh tun. Bestimmt nicht.“

Ich rücke ein Stück von ihm weg. „Bitte gehen Sie.“

„Nein, ich werde nicht gehen!“, herrscht er mich an und lässt die Maske der Freundlichkeit fallen. „Du schuldest mir was für meine Hilfe.“ Er geht zur Tür, schließt sie ab und steckt den Schlüssel ein. „So. Nun sind wir ungestört.“

Mir läuft es kalt den Rücken herunter. „Was wollen Sie von mir?“ Ich kann kaum noch atmen.

„Ich verspreche dir, ich werde dir nicht weh tun. Aber ein bisschen entgegenkommen musst du mir schon.“ Er öffnet seinen Hosenschlitz und sein praller Schwanz springt heraus. „Fass mich an, ja? Und ich fasse dich ein wenig an. Mehr musst du nicht tun.“

Ich will raus hier, aber die Tür ist versperrt. Ich sehe seinen Schwanz und mir wird übel.

„Hör mal, du hast bei mir was gutzumachen. Schließlich habe ich dir die Möglichkeit mit dem Messdienst in der Kirche eröffnet, das kann ich dir auch ganz schnell wieder wegnehmen und jemand anderen vorschlagen. Dann kriegst du in den nächsten Jahren überhaupt keinen Freigang mehr. Also, los: Fass mich an!“ Er nimmt meine Hand und führt sie zu seinem aufrechtstehenden Schwanz. „So. Und jetzt umfassen und ganz langsam hin und her gleiten. Ah, ja, genau so.“ Genießerisch legt er den Kopf nach hinten und verdreht die Augen. „Und nun lass deine Hose herunter. Ich will dich auch anfassen.“

In welchen Albtraum bin ich hier geraten? Ich will nicht! Aber er lässt mir keine Wahl. Zerrt meine Hose auf und duldet nicht, dass ich ihn loslasse. Er fummelt an meinem Schwanz herum. Sieht er meinen Ekel nicht? Wenn ja, stört ihn das nicht.

„Du bist so ein süßer Junge. Du bist so schön. So rein. Ah, ja, weiter, immer hin und her.“ Er umfasst meine Hand und drückt sie fest um seinen Schaft. Dann werden seine Bewegungen immer schneller. „Ja, gut. Weiter. Das machst du gut.“ Er stöhnt. Packt meinen Kopf wie einen Schraubstock, drückt ihn nach unten und stößt mit seinem Schwanz hart in meinen Mund. Und schon klatscht sein klebriges Wasser bis in meinen Hals. Ich würge, kriege keine Luft! Er zieht sich heraus, der Rest geht aufs Bettlaken.

„Na“, er lacht, „da werden die Damen von der Zimmerreinigung denken, du wärst schon soweit. Du wichst doch sicher jede Nacht, mein Kleiner?“

Ich muss mich übergeben. Aufs Bett. Doch selbst der Geschmack der Galle aus meinem Magen überdeckt nicht den Geschmack von seinem ekelhaften Zeugs in meinem Mund.

Er putzt sich mit einem Taschentuch sauber und zieht die Hose wieder hoch. „Wie dem auch sei.“ Sein Tonfall ist beiläufig. „Ich habe dich in Zukunft für mich reserviert, das ist so abgesprochen. Da hätte es dein Hintern richtig gut, denn ich bin nicht so wie die anderen. Aber versprechen, dass ich bei dir der Einzige bin, kann ich dir nicht.“ Er streichelt mir über den Kopf. „Und das hier, nicht wahr, das bleibt unser kleines Geheimnis. Oder meinst du, einem fantasierenden Kind würde man mehr Glauben schenken als einem angesehenen Lehrer der Schule?“ Mit dem Kinn deutet er auf das vollgekotzte Bett. „Mach das sauber, ja?“ Er holt die Schlüssel aus seiner Jacke, geht zur Tür und schließt sie auf. Bevor er geht, blickt er noch einmal zu mir zurück. „Bis zum nächsten Mal.“

Bis zum nächsten Mal? Bis. Zum. NÄCHSTEN Mal?

In meinem Magen wächst ein riesiger Knoten aus Zorn, der sich so heiß und brennend anfühlt wie todbringendes Magma kurz vor der Eruption.

Hier ist die Hölle. Und ich bin verdammt.

Montag, 10. Oktober 2016

Kriminalhauptkommissarin Jessica Steinfels kam gut gelaunt, aber völlig gerädert im Präsidium an. Den Kopf hätte sie unter den Arm klemmen können, denn die Nacht war eine einzige Katastrophe gewesen. Ihr Vater pflegte zu sagen: „Bier auf Wein, das lass sein, doch Wein auf Bier, das rat ich dir.“ Obwohl sie sich gestern an diesen Ratschlag gehalten hatte, musste das letzte Glas Rioja wohl schlecht gewesen sein. Sie grinste reumütig. Der Wein war einfach zu gut gewesen, um ihm zu widerstehen. Und wenn man obendrein eingeladen wurde … Allerdings wurde es langsam Zeit, dass die Aspirintablette ihre Aufgabe erfüllte. Wenn nicht, musste sie wohl noch eine nachschieben.

Sie seufzte, setzte sich an ihren Schreibtisch und breitete die Akten der letzten Woche vor sich aus. Ihr Arbeitseifer befand sich nicht nur aufgrund der Kopfschmerzen im Keller. Sie hatte weder Lust, an dem Fall der misshandelten Tochter von diesem Mistkerl eines Alkoholikers zu arbeiten, der seine ganze Familie terrorisierte, noch an dem Fall Heinrich Helm, dem ständig die Hand ausrutschte. Seine Frau zog regelmäßig in ein Frauenhaus, kroch aber immer wieder zu ihm zurück. Ihre nachweislichen Hämatome waren ihren und erst recht seinen Behauptungen nach stets auf „natürliche“ Gründe zurückzuführen, an denen die Frau angeblich selbst schuld war, weil sie ständig „aus Versehen“ irgendeine Treppe hinunterfiel oder sich an einer Möbelkante nach der anderen stieß. Manchmal hatte Jessica das Gefühl, wie Don Quijote gegen Windmühlen zu kämpfen. Aber das war ihr Job.

Sie schüttelte den Kopf und schlug lustlos die Helm-Akte auf. Widerwillig starrte sie auf die Seiten, ohne den Text oder eins der Fotos wahrzunehmen. Verdammt, sie brauchte einen Kaffee. Vielleicht machte der sie ein wenig munterer. Mit etwas Glück killte er auch die Kopfschmerzen.

Sie hatte die Kaffeemaschine in der Gemeinschaftsküche befüllt und eingeschaltet, als ihr Kollege Franz Faller hereinkam. „Morgen, Jessica. Alles klar?“

„Ja, danke und bei dir?“

Franz ließ sich auf einen Stuhl fallen. Er streckte die Beine von sich, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und lehnte sich zurück. „Du weißt doch, wenn man Kinder hat, ist immer Trubel angesagt, da gibt es keine Erholung am Wochenende. Im Gegenteil! Die Kids halten einen ganz schön auf Trab, weil sie gerade am Wochenende alles nachholen wollen, wozu Papa unter der Woche keine Zeit hatte.“ Er grinste. „Aber das ist auch das Schöne mit ihnen. Wie geht es dir denn?“

Jessica lächelte. „Abgesehen von einem Killer-Kater geht es mir gut.“

Franz öffnete den Mund zu einer garantiert anzüglichen Antwort, wie Jessica an seinem spöttischen Gesichtsausdruck ablas, doch zu ihrem Glück verhinderte das Eintreten von Sven Köhler und Monika Möller, dass er sie aussprach.

„Morgen, ihr!“ Sven warf einen konsternierten Blick auf die Kaffeekanne, deren Boden erst daumenbreit bedeckt war. „Wie – der Kaffee ist noch nicht fertig?“

Bevor Jessica darauf antworten konnte, tauchte Hajo Schiele, der Leiter des Kommissariats 11, an der Tür auf. Sein ernstes Gesicht verhieß nichts Gutes. Statt eines Grußes nickte er in die Runde.

„Es gibt eine weibliche Leiche im Grüneburgpark! Laut den Kollegen von der Bereitschaft eindeutig ein Tötungsdelikt. Jessica, Franz, ihr übernehmt. Ich habe das Tatortteam schon verständigt. Die sind unterwegs.“

Jessica warf einen sehnsüchtigen Blick auf die Kaffeemaschine, die mit der Kaffeeproduktion immer noch nicht fertig war. „Der Montag fängt ja gut an“, murmelte sie und meinte damit nicht nur den Leichenfund. Sie knuffte Franz an der Schulter, der noch keine Anstalten gemacht hatte, sich zu erheben. „Gehen wir.“

Franz stand seufzend auf und folgte ihr.

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Der Parkplatz wimmelte von Polizeiwagen, deren Blaulicht ihn in ein gespenstisches Licht tauchte. Ein Stück dahinter auf der Rasenfläche zeigte das rot-weiße Absperrband den Fundort der Leiche an. Jessica und Franz parkten ihren Wagen und zogen sich Spurenschutzanzüge, Schuhüberzieher und Einweghandschuhe an, bevor sie zur Absperrung gingen. Sie kannte einige der uniformierten Kollegen, so auch den älteren Beamten, der am Absperrband dafür sorgte, dass die Schaulustigen, die sich in einer großen Traube versammelt hatten, weder den Einsatz behinderten noch die Absperrung überschritten. Jessica zeigte trotzdem ihren Ausweis. „K11, Steinfels und Faller.“ Sie nickte zu Franz hin.

Der Beamte nickte ebenfalls. „Ich erinnere mich noch an euch, Kollegen. Ich hoffe, ihr habt nicht allzu gut gefrühstückt oder seid hart im Nehmen.“ Er hob das rot-weiße Band und ließ sie durch.

Nach dieser Vorwarnung wappnete sich Jessica gegen einen wahrhaft grauenvollen Anblick. Sie und Franz gingen zu einer großen Eiche, wo die Kollegen vom Erkennungsdienst bereits dabei waren, das weiße Schutzzelt um die Leiche herum aufzubauen.

„Morgen, Leute“, grüßte sie in die Runde. „Dürfen wir?“

Auf das zustimmende Nicken trat sie näher an die Leiche heran. Eine Frau lag mit verkrümmten Gliedern und blutig geschlagenem Schädel zwischen einer oberirdischen Wurzelgabelung. Jemand – vermutlich der Täter – hatte sie teilweise mit Laub zugedeckt. Ihre Hose war bis zu den Knöcheln heruntergezogen, das Gesicht unter dem blutverkrusteten Haar nicht zu erkennen. Die Kopfwunde, die von einem aufgestellten Scheinwerfer beleuchtet wurde, sah wirklich übel aus. Der Schädel war stellenweise regelrecht zerquetscht. An der linken Schläfe war er so stark zertrümmert, dass Gehirnmasse herausgequollen war.

Franz stieß scharf die Luft aus. „Overkill“, meinte er.

Dem musste Jessica sich anschließen. Sie hatte schon etliche Leichen gesehen und bei jeder, die so zugerichtet gewesen war, hatte sich am Ende herausgestellt, dass der Täter mit großer Wut immer wieder auf das Opfer eingeschlagen hatte. Fast immer handelte es sich bei solchen Fällen um eine Beziehungstat. Aber hier im Park? Das war für eine Beziehungstat ungewöhnlich.

Franz wandte sich an einen der Kollegen. „Wer hat die Leiche entdeckt?“

„Ein Jogger, der jeden Morgen hier mit seinem Hund lang läuft.“ Er deutete auf einen Mann, der jenseits der Absperrung neben einem Einsatzwagen stand, einen schwarzen Labrador an seiner Seite, und sehr betroffen wirkte. Kein Wunder, denn man fand nicht alle Tage eine Leiche, schon gar keine so übel zugerichtete. Vermutlich würde der Mann eine Weile mit Albträumen zu kämpfen haben; vielleicht sogar für den Rest seines Lebens.

Franz bedankte sich und ging zu dem Mann hinüber. Jessica beugte sich zu der Leiche hinab, um sie näher in Augenschein zu nehmen. Bodennebel waberte im Park und verbarg die Tote vor den Blicken der Schaulustigen, die den Hals reckten, um etwas zu sehen. Ein passendes Leichentuch.

„Weiß man schon, wer die Tote ist?“, fragte sie eine Frau von der Kriminaltechnik, die inzwischen die Jackentaschen der Toten durchsucht hatte und deren Inhalt durchsah.

Die Frau nickte. „Sie hat einen Perso dabei und einen Schülerausweis. Gemäß denen heißt sie Jolanda Schilling und ist noch keine achtzehn.“

Jessica hatte das Gefühl, unvermittelt in einen Albtraum geraten zu sein. „Wie heißt sie?“

„Jolanda Schilling. Kennen Sie sie?“

„Scheiße!“

Das durfte nicht wahr sein. Jessica beugte sich zu der Leiche hinunter und schob ihr sanft das blutverkrustete Haar aus ihrem Gesicht. Inständig hoffte sie auf einen Irrtum, eine zufällige Namensgleichheit. Doch das, was sie von dem zerstörten Gesicht erkennen konnte, hatte tatsächlich eine große Ähnlichkeit mit Jolanda. Jessica ging zu der KT-Beamtin und warf einen Blick auf den Personalausweis. Er gehörte Jolanda, ohne jeden Zweifel. Gottverfluchte Scheiße!

„Das ist die Tochter von Staatsanwalt Volker Schilling.“

Jolandas Tod würde Volker umbringen. Nachdem er vor zehn Jahren seine Frau an den Krebs verloren hatte, war Jo sein Ein und Alles. Jessica hatte ihn zwar erst kennengelernt, als er schon Witwer war, aber sie hatte immer den Eindruck gehabt, dass er sich längst das Leben genommen hätte, um seiner Frau zu folgen, wenn er sich nicht um seine Tochter hätte kümmern müssen. Eine ständige Aura von Traurigkeit umgab ihn, auch wenn er sich stets bemühte, sich das nicht anmerken zu lassen. Die große Liebe seines Lebens zu verlieren, war schlimm genug; eine Hölle, die Jessica sich nicht ausmalen mochte. Und jetzt auch noch Jo …

„Oh Mann“, kommentierte die KT-Beamtin. Sie schüttelte den Kopf. „Ich will Ihnen nichts vormachen.“ Sie deutete auf die Leiche. „Bei dem Wetter wird es schwer sein, irgendwelche Spuren zu finden. Wir hatten starken Wind letzte Nacht, und es hat geregnet. Wie soll man da noch etwas rund um den Fundort erkennen? Aber wir tun unser Möglichstes. Unser Bestes.“

Jessica lächelte flüchtig. „Das tut ihr doch sowieso immer, wie ich weiß. – Darf ich mal sehen?“ Sie streckte die Hand nach dem Portemonnaie aus, in dem sich der Ausweis befunden hatte.

Die Frau reichte ihr das gelbe, mit Strassblumen bedeckte Mäppchen. Jessica warf einen Blick hinein. Das Fach für die Geldscheine war leer, ebenso das fürs Münzgeld. Das deutete auf Raubmord hin. Aber der Overkill, wie Franz es genannt hatte, passte nicht dazu. Außerdem trug Jolanda noch ihre Halskette mit dem Medaillon, in dem sich ein Foto ihrer Mutter befand, wie Jessica wusste, weil Volker Schilling es ihr gezeigt hatte, um ihre Meinung zu hören, ob es seiner Tochter gefallen könnte. Die Armbanduhr und ein goldener Ring am Finger, der bestimmt nicht aus unedlem Metall bestand, waren ebenfalls noch vorhanden. Ein Täter, dem es nur auf Wertsachen angekommen war, hätte alles mitgehen lassen. Und die heruntergezogene Hose deutete auf ein Sexualdelikt hin.

„Habt ihr ein Smartphone gefunden?“, wollte Jessica wissen.

Die Frau von der Kriminaltechnik schüttelte den Kopf. „Falls sie eins bei sich hatte – und welcher Teenager hat keins? – und sie es nicht irgendwo hier verloren hat und wir es nur noch nicht gefunden haben, dann ist es wohl gestohlen worden.“

Ein Lichtblick, denn wenn der Dieb nicht die Sim-Karte ausgetauscht hatte, konnte man das Handy orten und ihm und damit hoffentlich auch dem Mörder auf die Spur kommen.

Franz kam zurück und deutete mit dem Daumen über die Schulter zurück zu dem Mann, der die Tote gemeldet hatte. „Der Hund hat die Tote gefunden und wie verrückt gebellt. Dadurch ist der Besitzer erst auf sie aufmerksam geworden. Und ich hatte stark den Eindruck, dass er sich wünscht, er wäre heute mal woanders langgelaufen. – Was ist los? Du siehst aus, als wärst du einem Geist begegnet.“

Sie schüttelte den Kopf. „Das Mädchen ist Jolanda Schilling. Die Tochter vom Staatsanwalt.“

Franz wurde blass. „Oh mein Gott!“ Er fuhr sich mit beiden Händen über den Kopf. „Scheiße!“

Das konnte er laut sagen. Todesnachrichten zu überbringen war nie einfach. Jessica hatte jedes Mal ein mulmiges Gefühl vorher, weil man nie wusste, wie die Hinterbliebenen reagierten. Von kompletter Erstarrung über scheinbar unberührte Sachlichkeit, Weinkrämpfe und Nervenzusammenbruch hatte sie schon alles erlebt. Deren geballte Verzweiflung auszuhalten war am schwersten und ging einem immer wieder aufs Gemüt. Aber dafür gab es regelmäßig Schulungen und Supervision. Doch vor dem Moment, in dem sie Volker über den Tod seiner Tochter informieren musste, fürchtete sie sich wie nie zuvor.

Der Nebel wurde dichter und entzog Jolanda nachhaltig den Blicken der Schaulustigen, sofern diesen nicht schon vom Schutzzelt die Sicht versperrt wurde. Die KT-Beamten hatten die unmittelbare Umgebung fotografiert und begannen damit, die Leiche vorschriftsmäßig vollständig zu entkleiden, während die Frau, die Jessica das Portemonnaie gegeben hatte, den Vorgang fotografierte. Ein Mann steckte einen faustgroßen Stein in einen Asservatenbeutel. Möglicherweise die Tatwaffe.

Jessica empfand eine maßlose Wut auf den noch unbekannten Täter. Sie lenkte sich davon ab, indem sie weiter das Portemonnaie inspizierte. Sie fand Visitenkarten, kurze Notizen, die Quittungen einer Boutique auf der Zeil über 121,25 Euro.

„Was machte Jolanda im Grüneburgpark?“, rätselte sie. „So durchnässt wie ihre Kleidung war, muss sie seit gestern Abend hier gelegen haben, als es anfing zu regnen.“

Franz legte ihr die Hand auf die Schulter. Er wusste von ihrer Freundschaft mit Volker Schilling und ahnte, wie sie sich fühlte. „Das werden wir rausfinden, Jess. Und alles andere auch.“ Er drückte ihre Schulter. „Komm, bringen wir es hinter uns. Besser Schilling erfährt die Nachricht von dir als von jemand anderem.“

Jessica nickte. Hier konnten sie im Moment sowieso nicht viel tun.

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Jessica hatte Magenschmerzen, als sie und Franz Volker Schillings Büro im Gebäude der Staatsanwaltschaft betraten. Irrationalerweise fühlte sie sich schuldig, weil die entsetzliche Nachricht, die sie ihm überbringen musste, sein Leben zerstören würde. Und zwar restlos. Sie hätte es ihm lieber zu Hause gesagt anstatt hier in seinem Büro.

Volker Schilling saß hinter seinem Schreibtisch und legte den Telefonhörer auf, als Jessica und Franz eintraten. Er war grau im Gesicht und hatte Schatten unter den Augen.

„Guten Morgen“, grüßte er erstaunt. „Hatten wir einen Termin?“ Er winkte ab, bevor Jessica antworten konnte. „Es muss warten. Meine Tochter ist gestern Abend nicht nach Hause gekommen.“ Er presste abwechselnd die linke Faust in die rechte Hand und umgekehrt.

Jessica trat neben ihn, nahm sanft seine Hand und drückte sie. „Volker, wir haben Jolanda gefunden.“

Er erwiderte ihren Händedruck. „Oh, Gott sei Dank! Egal, was sie angestellt hat, Hauptsache sie …“ Sein Blick in Jessicas Gesicht ließ ihn verstummen. Seine Augen wurden groß, sein Gesicht verlor alle Farbe. Er schüttelte den Kopf. „Nein.“ Schüttelte den Kopf heftiger. „Nein!“ Tränen traten in seine Augen.

„Es tut mir so unendlich leid.“ Der Satz, schon unzählige Male gesprochen, klang so hohl wie immer. Doch dieses Mal hatte Jessica das Gefühl, dass er nicht nur nicht den geringsten Trost spendete, sondern das Entsetzliche, Unaussprechliche noch verschlimmerte. „Jolanda ist Opfer eines Tötungsdelikts geworden. Man hat sie heute früh im Grüneburgpark gefunden.“

Wieder starrte er Jessica an. Tränen rannen ihm über die Wangen, doch er schien es nicht zu merken. „B-bitte sag, dass … dass das nicht w-wahr ist.“

Jessica konnte nur den Kopf schütteln. Sein Leid schnitt ihr ins Herz. Er sog scharf die Luft ein und stieß sie wimmernd wieder aus, gefolgt von einem heftigen Schluchzen. Er sackte über dem Schreibtisch zusammen, barg das Gesicht in den Armen und heulte in einer Weise, die Jessica die Haare zu Berge stehen ließ. Sie kniete sich neben ihn, legte eine Hand auf seinen Arm und strich ihm mit der anderen über den Kopf.

„Es tut mir so entsetzlich leid“, wiederholte sie. „Ich bin hier. Du bist nicht allein.“ Blöder Spruch, denn das half ihm nichts. Nichts auf der Welt konnte ihm helfen. Doch sie hatte das Gefühl, etwas sagen zu müssen, obwohl sie nicht wusste, was. Also schwieg sie und beschränkte sich darauf, seinen Arm zu drücken und seine Schultern und seinen Rücken zu streicheln.

Nach einer gefühlten Ewigkeit hob er den Kopf und blickte sie an. „Ist es wirklich Jo?“ Seine Stimme war kaum zu verstehen.

Jessica nickte. „Kein Zweifel möglich.“ Wie sehr wünschte sie, sich zu irren! „Sie hatte ihre Ausweise bei sich und ich“, sie räusperte den Kloß weg, der ihr im Hals saß, „habe sie auch identifiziert. Ich kenne sie schließlich.“ Sie verzichtete darauf, ihm nochmals zu versichern, wie leid es ihr tat. Stattdessen drückte sie seine Schulter. „Kannst du uns sagen, wann du Jolanda zuletzt gesehen hast? Wenn nicht, dann machen wir das zu einem anderen Zeitpunkt.“

Seine Augen füllten sich mit neuen Tränen. Er wischte sie mit dem Ärmel seines Jacketts weg und nickte. „Gestern Abend beim Abendessen. Sie wollte mit ihrer Freundin Nathalie mal wieder ins Kino gehen. Beim Abschied hat sie mir noch ein Luftküsschen zugeworfen.“

Diesmal konnte er die Tränen nicht wieder zurückhalten. Er fischte eine Packung Papiertaschentücher aus einer Schreibtischschublade. Seine Hände zitterten, als er es aufriss, eins herauszog und sein Gesicht darin verbarg. Seine Schultern zuckten in stummem Schluchzen. Jessica streichelte wieder seine Schultern und fühlte sich so elend hilflos, dass sie am liebsten etwas zerschlagen hätte. Idealerweise das Gesicht des noch unbekannten Mörders.

Schilling wischte sich das Gesicht ab und warf das zerknüllte und durchweichte Taschentuch in den Abfalleimer neben dem Tisch, ehe er ein weiteres aus der Packung nahm und sich schnäuzte. Franz entdeckte eine Wasserflasche und ein paar Gläser auf einem Beistelltisch, goss eins davon voll und stellte es ihm hin. Schilling trank einen Schluck und räusperte sich. In seinen Augen schimmerten die nächsten Tränen.

„Als sie um elf immer noch nicht zu Hause war, obwohl der Film nur bis zehn ging, rief ich bei Nathalie an. Sie schlief schon, die Mutter war am Telefon und sagte, dass Nathalie den ganzen Tag zu Hause war. Jo hatte den Kinobesuch abgesagt.“ Er sah Jessica in die Augen. „Warum hat sie mir denn erzählt, dass sie ins Kino geht, wenn sie da gar nicht hin wollte?“ Er schüttelte den Kopf. „Das passt nicht zu ihr! Sie belügt mich doch nie!“

Jessica hütete sich, darauf zu antworten. Sie fragte sich nicht zum ersten Mal, ob Eltern wirklich so naiv waren zu glauben, ihre Kinder seien Engel, die immer die Wahrheit sagten und keine Geheimnisse hatten. Besonders wenn sie im Teenageralter waren. „Ich bin sicher, dafür findet sich eine Erklärung.“

Volker nickte, aber sie fühlte, dass er nicht überzeugt war. „Ich habe bei der Polizei angerufen, ob sie vielleicht einen Unfall hatte.“ Seine Stimme klang schleppend, als müsste er sich zu jedem Wort zwingen. „Aber die haben abgewiegelt. Ein Mädchen kurz vor der Volljährigkeit dürfe auch mal eine Nacht durchmachen, ohne den Eltern was davon zu sagen. Ich solle noch abwarten.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich habe die ganze Nacht kein Auge zugetan und dauernd versucht, Jo auf dem Handy zu erreichen. Aber sie ist nicht rangegangen. Jetzt weiß ich auch warum.“ Wieder brach er in Tränen aus. „Warum? Oh Gott im Himmel, warum denn nun auch noch Jo? Gott, warum tust du mir das an?“

Jessica fühlte ebenfalls Tränen aufsteigen und schluckte sie mühsam hinunter. Sie wünschte, sie könnte irgendetwas tun, um Volkers Leid zu mildern. Doch das Einzige, was sie tun konnte, war, Jolandas Mörder möglichst schnell zu ermitteln. Nicht, dass das Volker in irgendeiner Weise geholfen hätte.

Das nächste nasse Taschentuch flog in den Abfallkorb, in nur kurzem Abstand gefolgt von einem dritten. „Wisst ihr schon Näheres?“ Volkers Stimme klang rau. „Wie kommt Jolanda überhaupt in den Grüneburgpark? Was machte sie denn da?“

Das war eine verdammt gute Frage. So wie Jessica Jolanda kannte – gekannt hatte –, sah es ihr nicht ähnlich, ihren Vater zu belügen und sich abends im Grüneburgpark herumzutreiben. Das machte in Verbindung mit dem „Overkill“ und der mutmaßlichen Vergewaltigung sowie dem unvollständigen Diebstahl der Wertsachen eine Beziehungstat immer wahrscheinlicher, bei der ein Raubmord nur hatte vorgetäuscht werden sollen.

Volker blickte Jessica in einer Weise an, dass sie ahnte, was er sie fragen wollte. Er schluckte, räusperte sich und musste mehrmals ansetzen, bevor er die Frage stellen konnte. „W-wurde sie – v-vergewaltigt?“ Flüsternd, als würde die Befürchtung zur Gewissheit, wenn er sie laut ausspräche.

Himmel, welche Antwort sollte sie ihm geben? Die ungeschminkte Wahrheit würde ihn noch mehr vernichten, aber eine Lüge würde er ihr nie im Leben verzeihen. Manchmal hasste sie ihren Job.

„Das können wir noch nicht mit Sicherheit sagen. Wir können es aber auch nicht ausschließen.“ Dass seine Tochter mit bis zu den Knöcheln heruntergezogener Hose gefunden worden war, die man ihr bestimmt nicht ohne Grund ausgezogen hatte, würde er früh genug erfahren. Jetzt nicht.

Volker nahm ihre Hand und drückte sie so fest, dass es schmerzte. Eindringlich sah er ihr in die Augen. „Wie“, er schluckte, „wie wurde sie umgebracht? Bitte, ich muss es wissen.“

Jessica atmete tief durch und streichelte seine Hand, ehe sie antwortete. „Sie wurde erschlagen. So wie es aussieht, muss es ein schwerer Gegenstand gewesen sein, vermutlich ein Stein. Wir haben einen in Tatortnähe gefunden, der zur der Verletzung passen könnte. Das wissen wir aber erst nach der Untersuchung der KT mit Sicherheit.“ Sie beugte sich ein Stück vor, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen und erwiderte den Druck seiner Hand. „Wir finden den Täter, Volker. Und wenn wir dafür jeden Zweig, jedes Blatt und jeden Grashalm im Park umdrehen müssen. Das verspreche ich dir.“

Sei vorsichtig mit solchen Versprechungen, mahnte ihr Gewissen. Du weißt, wie Dürrenmatts Kommissär Matthäi aufgrund des gleichen Versprechens geendet hat. Sie ignorierte die Warnung. Sie würde ganz sicher nicht den Verstand verlieren und ein Wrack werden, falls sich der Täter nicht innerhalb der nächsten Wochen ermitteln ließe. „Ehrenwort!“, bekräftigte sie.

Er nickte und tätschelte ihre Hand. „Ich weiß, Jessica. Und dafür bin ich dir – deiner ganzen Abteilung unendlich dankbar.“

Zitternd stemmte er sich hoch und trat ans Fenster, stützte die Hände auf dem Fensterbrett ab und starrte hinaus in den Herbstnebel, den die Sonne immer noch nicht zu durchdringen vermocht hatte.

„Ich will sie noch einmal sehen.“

„Nach der Obduktion wirst du bestimmt die Gelegenheit dazu bekommen, wenn du das wirklich willst. Aber du solltest sie vielleicht besser so in Erinnerung behalten, wie sie sich gestern von dir verabschiedet hat.“

Er schüttelte den Kopf. „Ich werde Jolanda immer in meinem Herzen tragen. So wie meine Marianne. Also gib mir Bescheid – oder sag dem Rechtsmediziner, er soll mir Bescheid geben, wenn …“

„Mach ich.“

„Und halte mich bitte auf dem Laufenden, Jessica. Ich weiß, dass du das nicht offiziell tun darfst und eigentlich überhaupt nicht tun darfst gemäß den Vorschriften.“ Er drehte sich zu ihr um und sah ihr in die Augen, die seinen dunkel vor Trauer und mit einer Leere darin, von der Jessica in diesem Moment wusste, dass nichts und niemand sie je wieder füllen könnte. „Aber ich bitte dich. Als – Freund.“

Sie nickte. „Klar. Kein Thema.“

Er nickte ebenfalls. „Lasst ihr mich bitte allein.“

Sie zögerte. „Bist du dir sicher?“

„Ja. Geh. Ich komme klar.“

Jessica hörte den Zweckoptimismus und wusste, dass er weit davon entfernt war „klarzukommen“. Nicht heute, nicht morgen und für die nächsten Wochen – Monate auch nicht, die ihm wie eine Ewigkeit aus Schmerz und Verzweiflung vorkommen würden. Wie damals als Marianne gestorben war. Nur diesmal war niemand mehr da, der ihm einen Grund zum Weiterleben gab.

„Volker, wenn du irgendwas brauchst …“

„Findet den Mörder“, unterbrach er sie. Seine Stimme klang gepresst und eisig. „Mehr brauche ich nicht.“

Jessica zögerte wieder, aber der Ausdruck in Volkers Augen zeigte ihr, dass er wirklich allein sein musste. Sie nickte. „Ich melde mich. Wenn du uns noch Nathalies Nachnamen sagen würdest? Wir müssen mit ihr sprechen.“

„Feld. Nathalie Feld. Sie wohnt im Schlehenweg. Die Nummer weiß ich nicht.“

Jessica wartete, ob er noch etwas sagen würde, doch er wandte sich wieder dem Fenster zu. „Die Hausnummer finden wir schon raus. Bis dann.“

Er antwortete nicht. Sie hätte gern noch mehr gesagt, ihn nochmals ihres Mitgefühls versichert, ihm gesagt, dass alles gut würde; doch solche Plattitüden wären ein Schlag ins Gesicht gewesen. Also schwieg sie, gab Franz einen Wink und verließ das Büro. Draußen atmete sie auf. Das Schlimmste war überstanden. Für sie. Besser fühlte sie sich dadurch nicht. Noch immer war ihr übel und die Kopfschmerzen des Killer-Katers hatten sich gefühlt verdreifacht. Sie brauchte endlich einen starken Kaffee und eine nicht minder starke Schmerztablette. Danach musste sie die „Mordkommission Jolanda“ zusammenstellen.

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Stille empfing Volker, als er sein Haus betrat. Um diese Zeit nichts Ungewöhnliches, denn Jolanda war normalerweise immer noch in der Schule. Wäre in der Schule gewesen, wenn … Und eben deshalb kam ihm die Stille niederschmetternd vor. Denn sie würde niemals enden. Kein Lachen mehr. Keine Diskussionen am Abend so wie früher, ob Jolanda schon um neun oder doch erst um zehn Uhr nach Hause kommen dürfe. Keine laute Musik mehr, von der er Kopfschmerzen bekam. Wie gerne würde er diese Kopfschmerzen aushalten! Klaglos, wenn dafür nur sein Kind noch lebte!

Doch sie war tot. Keine gemeinsamen Gespräche mehr, über Politik und das Weltgeschehen, bei denen Jo alles, was er sagte, aufsog und ihm später mit seinen eigenen Worten Kontra gab. Dass Jo, seine kleine und doch schon so große Jolanda, nie mehr zurückkommen würde, war für ihn unvorstellbar. Ein Horrorszenario, dessen Grausamkeit nicht einmal von den schlimmsten Gruselfilmen übertroffen wurde.

War dies überhaupt sein Haus? Es sah aus wie seins, aber es wirkte vollkommen fremd. Verändert. Als hätte er jeden Bezug dazu verloren.

Er ging zu der Bar im Wohnzimmer, die nur dürftig gefüllt war, denn er trank selten Alkohol. Doch heute brauchte er einen kräftigen Drink. Oder zwei. Vielleicht fühlte sich das Haus danach wieder wie sein Heim an. Er griff zur erstbesten Flasche, einen spanischen Brandy, schenkte sich ein Glas voll und trank es in einem Schluck aus. Goss es noch einmal voll und kippte den Inhalt hinunter, ohne etwas zu schmecken. Er spürte nur das Brennen im Magen und die alkoholbedingte Hitzewallung.

Langsam ging er in den ersten Stock, wo Jolanda ihr Zimmer hatte. Er öffnete die Tür, und ihr Duft schlug ihm entgegen – nach dem Apfelshampoo, das sie so gern benutzt hatte. Ihm wurde schwindelig. Hastig setzte er sich auf ihr Bett, bevor er umkippte. Er strich über das ungemachte Bett, ehe er seinen Kopf auf das Kissen legte. Hier war der Duft nach Apfelshampoo noch intensiver.

Er brach in Tränen aus. Schlug auf das Kissen ein und wünschte sich, es wäre das Gesicht ihres Mörders. Es durfte nicht wahr sein. Es durfte einfach nicht wahr sein! Jolanda hatte doch noch ihr ganzes Leben vor sich gehabt. Er hörte ein Jaulen, Wimmern und Röcheln und begriff erst sehr viel später, dass er selbst diese Laute ausstieß. Egal. Hier hörte ihn keiner und er musste sich nicht zusammenreißen. Konnte seiner Trauer, seiner Verzweiflung freien Lauf lassen.

Könnte er doch die Zeit zurückdrehen und verhindern, dass Jo gestern Abend das Haus verließ! Dann wäre sie noch am Leben. Schuldgefühle überschwemmten ihn mit einer solchen Macht, dass er sie wie ein Stakkato von Schlägen empfand. Er hatte Jo wohl zu viele Freiheiten gelassen, sie zu sehr verwöhnt, ihr jeden Wunsch erfüllt und ihr zu wenige Grenzen gesetzt. Oder war es umgekehrt? Hatte er sie zu sehr behütet, dass sie sich gegängelt gefühlt und deshalb zu einer Lüge gegriffen hatte, um sich abends aus dem Haus zu stehlen? Wie oft hatte sie ihn wohl noch belogen? War er schuld an ihrem Tod?

Sein Körper schmerzte. Der Brandy ließ seinen Magen rebellieren. Er würgte, hastete ins Bad und übergab sich. Kotzte sich die Seele aus dem Leib, bis nur noch grünlicher Schleim kam. Die Seele? Nein, die war schon fort. Ihm aus dem Leib gerissen worden mit Jos Tod.