Cover_9783473477920.jpg

Als Ravensburger E-Book erschienen 2018

Die Print-Ausgabe erscheint im Ravensburger Buchverlag Otto Maier GmbH

© 2018 Ravensburger Buchverlag

Titel der Originalausgabe »The School for Good and Evil #4: Quests for Glory«
Text Copyright © 2017 by Soman Chainani
Cover and map illustration copyright © 2017 by lacopo Bruno

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, Garbsen.

Übersetzung: Ilse Rothfuss
Lektorat: Tamara Reisinger
Umschlag: Iacopo Bruno

Alle Rechte dieses E-Books vorbehalten durch Ravensburger Buchverlag Otto Maier GmbH, Postfach 1860, D-88188 Ravensburg.

ISBN 978-3-473-47895-8

www.ravensburger.de

Für Ally und Brendan

In einem tiefen, dunklen Tann
Liegt eine Schule wundersam.
Die Schule für Gut und Böse.
Zwei Türme wie Zwillingsköpfe,
Einer für die Reinen,
Einer für die Gemeinen.
Es gibt kein Entrinnen,
Der Wald ist ein Graus,
Nur durch ein Märchen
Find’st du hinaus.

20309.jpg

20278.jpg

Agatha hatte sich jahrelang nach einem Happy End mit einem Mädchen gesehnt, aber dann war alles anders gekommen – und nun plante sie die Hochzeit mit einem Jungen, was sich manchmal geradezu unwirklich anfühlte.

Besonders, weil dieser Junge ihr seit Monaten aus dem Weg ging. Sie konnte kaum noch schlafen vor Angst und Kummer und weil ihr der Kopf schwirrte von all den Dingen, die sie für den großen Tag noch zu erledigen hatte. Aber das war nicht der wahre Grund, warum sie jetzt wach lag. Nein, es war etwas anderes: eine Erinnerung, die sie am liebsten für immer in ihrem tiefsten Inneren vergraben hätte …

Tedros, der tränenüberströmt von der Bühne gezerrt wurde. Tedros, dessen Schreie so verzweifelt und herzzerreißend waren, dass sie ihr noch immer in den Ohren gellten …

Sie wälzte sich herum und vergrub ihren Kopf unter dem Kissen.

Sechs Monate waren seit damals vergangen: dem Tag von Tedros’ missglückter Krönungszeremonie. Und seither schlief sie nicht mehr gut.

Agatha spürte, wie Schlitzer sich gereizt am Fußende des Bettes herumwarf, weil ihre Ruhelosigkeit ihn wach hielt. Sie seufzte und konzentrierte sich auf ihren Atem. Nach und nach wurde sie ruhiger. Wie immer fiel es ihr leichter, sich für andere zusammenzureißen, selbst wenn es nur darum ging, schneller einzuschlafen, um ihren kahlen, verwahrlosten alten Kater zu schonen. Wenn sie doch nur ihrem Prinzen auch so einfach helfen könnte! Gemeinsam schafften sie es sonst immer, eine Lösung zu finden …

Klick. Ihr Herz setzte einen Schlag lang aus.

Die Tür.

Sie lauschte angestrengt, hörte Schlitzers leises Schnarchen und das Geräusch des Türriegels, der knarzend aufging.

Agatha stellte sich schlafend, während ihre Hand vorsichtig zu ihrem Nachttisch glitt und nach dem Messer tastete. Dort lag es griffbereit, seit sie in Camelot war. Und das mit gutem Grund, denn Tedros hatte sich hier Feinde gemacht, lange bevor er als König zurückgekommen war. Diese Feinde saßen zwar jetzt im Gefängnis, hatten aber überall ihre Spione, die nur darauf lauerten, Tedros und seine künftige Königin zu töten.

Ihre Zimmertür ging langsam auf.

Niemand durfte sich um diese Zeit in ihrem Flur aufhalten, ja nicht einmal in ihrem Flügel.

Sanftes Mondlicht fiel durch den offenen Türspalt herein und beschien ihren Rücken. Agatha hielt den Atem an und lauschte auf die gedämpften Schritte, die über den Marmorboden tappten. Ein Schatten kroch an ihrem Hals hinauf, streckte sich auf ihrer Bettdecke.

Agatha umklammerte das Messer noch fester.

Langsam senkte sich ein Gewicht hinter ihrem Rücken auf die Matratze.

Ruhig, ermahnte sie sich. Das Gewicht wurde schwerer. Rückte näher.

Ruhig. Sie konnte den Atem des Eindringlings spüren.

Ruhig. Der Schatten griff nach ihr. Jetzt!

Keuchend warf sich Agatha herum und schwang ihr Messer nach dem Eindringling, der blitzschnell ihr Handgelenk packte und sie aufs Bett drückte, sodass das Messer nur zentimeterweit von seiner Kehle entfernt war.

Agatha keuchte vor Entsetzen, während sie in das Weiß seiner Augen starrte.

Mehr konnte sie im Dunkeln nicht erkennen, aber jetzt spürte sie die Hitze, die seine Haut abstrahlte, fing den frischen, vertrauten Minzgeruch auf und alle Angst wich aus ihrem Körper. Tedros. Millimeter für Millimeter ließ sie sich von ihm das Messer aus der Faust zwängen, bis er mit einem Seufzer neben ihr ins Kissen fiel. Alles lief so schnell und lautlos ab, dass Schlitzer keinen Mucks machte.

Agatha wartete darauf, dass Tedros etwas sagte, dass er sie an sich zog und ihr erklärte, warum er sie die ganze Zeit gemieden hatte. Stattdessen rollte er sich neben ihr zu einer Kugel zusammen und winselte wie ein erschöpfter Hund.

Agatha strich ihm über sein seidiges Haar und ließ ihn in ihr Nachthemd schniefen.

Sie hatte ihn noch nie weinen sehen. Nicht so wie jetzt, so voller Angst, so hoffnungslos. Aber nach und nach beruhigte er sich in ihren Armen, sein Atem wurde regelmäßiger, sein Körper überließ sich ihrer Berührung und er blickte mit einem schiefen Lächeln zu ihr auf.

Doch dann erlosch sein Lächeln.

Sie waren nicht allein. Eine hochgewachsene Frau im Turban stand in der Tür und starrte sie an, die Lippen missbilligend zusammengepresst.

Wie der Blitz war Tedros verschwunden, genauso unerwartet, wie er gekommen war.

Die Augustsonne flutete zum Fenster herein, sodass der Kronleuchter an der Decke Funken sprühte und Agathas Augen mit seinem Feuerwerk blendete.

Sie blinzelte schläfrig und studierte den Kronleuchter, an dem mehrere Kristalle fehlten und der mit Spinnweben behangen war wie ein alter Grabstein.

Seufzend umarmte sie ihr Kissen. Es roch immer noch nach ihm. Schlitzer schlich vom Fußende des Bettes zu ihr herauf, schnupperte am Kissen und hob die Pfote, um es zu zerfetzen, aber Agatha bremste ihn mit einem strengen Blick. Mürrisch kroch der Kater ans Fußende zurück. Es wurde allmählich besser mit ihm. In der ersten Nacht hatte er ungeniert in Tedros’ Schuh gepinkelt.

Aus dem Flur drang Stimmengemurmel herein, das rasch näher kam. Bald schon war es vorbei mit der schönen Morgeneinsamkeit. Agatha setzte sich in ihrem unförmigen schwarzen Nachthemd auf und blickte sich im Zimmer um. Es war dreimal so groß wie ihr altes Zuhause auf dem Grabhügel, aber kaum weniger verwahrlost. Die juwelenbesetzten Spiegel waren staubig und blind, das Sofa abgewetzt und durchgesessen, und der zweihundert Jahre alte Schreibtisch aus Elfenbein war völlig zerkratzt. Agatha umklammerte ihr Kissen wie einen Rettungsring und genoss die Stille, die von den rissigen taubenblauen Marmorfliesen und den gleichfarbigen Wänden mit ihrem gold gesprenkelten Blütenmuster ausging. Die Gemächer der Königin waren wie alles hier in Camelot: auf den ersten Blick prunkvoll und königlich, aber alt, verstaubt und verblichen, wenn man genauer hinsah. In gewisser Weise passte das ja zu ihr – sie lebte in den Gemächern der Königin, war aber in Wahrheit noch nicht einmal gekrönt.

Noch zwei Monate bis zur Hochzeit.

Eine Hochzeit, die ihr von Tag zu Tag unheimlicher wurde.

Früher hatte Agatha davon geträumt, mit ihrer besten Freundin Sophie in Gavaldon in einem Haus am Dorfplatz zu leben, wo sie jeden Morgen Tee und Toast frühstücken und dann gemeinsam in ihre neu eröffnete Buchhandlung A&S Bookshop gehen würden. Der Laden hatte einst Mr Deauville gehört, aber Agatha und Sophie hatten ihn nach dem Tod des alten Buchhändlers übernommen. Abends würden sie Kräuter und Blumen für Sophies Schönheitscremes pflücken, und dann würden sie Agathas Mutter auf dem Grabhügel Nummer 1 besuchen, um mit ihr zu Abend zu essen – würziges Lammhirngulasch oder Eidechsen-Quiche. (Für Sophie würde es natürlich gedünstete Pflaumen und geraspelte Gurken geben.) Ein ganz normales, unspektakuläres Leben. Ein glückliches Leben. Ihre Freundschaft mit Sophie war alles, was Agatha dazu gebraucht hätte.

Sie drückte das Kissen noch fester an sich. Wie schnell sich doch alles ändern konnte …

Jetzt war ihre Mutter tot, Sophie war die Schulleiterin des Bösen an ihrer alten Schule und Agatha würde in zwei Monaten König Artus’ Sohn heiraten.

Im Gegensatz zu Agatha war Sophie schon ganz im Hochzeitsfieber. Sie schickte ihr Briefe über Briefe mit Tortenrezepten und Entwürfen für Kleider oder prunkvolles Hochzeitsgeschirr, das Agatha ihrer Meinung nach für diesen Tag anfertigen lassen musste.

Agatha warf einen Blick auf die Briefe, die sich auf ihrem Schreibtisch stapelten und bereits mit Spinnweben überzogen waren. Jeden Tag nahm sie sich vor, ihrer Freundin endlich zu antworten, konnte sich aber nie dazu aufraffen. Und das Schlimmste war, dass sie nicht einmal wusste, warum.

Die Schritte im Flur kamen immer näher.

Agathas Magen fing an zu flattern.

So ging das jetzt seit sechs Monaten. Sie wurde immer unglücklicher und Tedros zog sich immer mehr zurück. Gestern Nacht hätten sie endlich die Chance gehabt, miteinander über den Krönungstag zu reden, und trotzdem hatte keiner von ihnen den Mut dazu aufgebracht. Agatha wusste, dass Tedros sich schämte … dass er zerknirscht und hilflos war … Aber wie sollte sie ihm helfen, wenn er nicht mit ihr redete? Und wie sollte er auch mit ihr reden, wenn er nie mit ihr zusammen war?

Noch mehr Stimmen. Und Schritte. Jetzt schon ganz nahe.

Agathas Mund wurde trocken vor Angst und sie griff nach dem Wasserglas auf ihrem Nachttisch. Leer. Der Krug ebenso.

Schlitzer huschte vom Bett hinunter und lief zu der zweiflügeligen Tür.

Agatha brauchte mehr Zeit mit Tedros. Sie sehnte sich danach, wieder offen und ehrlich mit ihm sprechen zu können, so wie früher. Einfach mit ihm zusammen zu sein, unbefangen und unter vier Augen, ohne seinen ganzen Hofstaat um ihn herum.

Die Tür krachte auf und vier Kammerfrauen trippelten herein, alle in den gleichen fließenden Gewändern, nur in einem jeweils anderen Pastellton – pfirsichfarben, pistaziengrün, pampelmusengelb, marzipanrosa –, wie eine Auswahl von Macaron-Plätzchen. Eine hochgewachsene Frau mit dunklem Teint folgte ihnen. Sie war ganz in Lavendelblau, hatte dunkle, rauchige Augen, blutrot geschminkte Lippen und eine wilde schwarze Haarmähne, die kaum unter ihren Turban passte. In der einen Hand hielt sie ein ledergebundenes Notizbuch, in der anderen eine Schreibfeder, so lang und spitz, dass sie eher einer Peitsche glich.

»Um sieben Uhr Frühstück mit der Hoffloristin im Speisesaal des Blauen Turms; danach wirst du im Zwanzigminutentakt die Näherinnen empfangen, die sich für die Anfertigung der königlichen Hochzeitswäsche beworben haben; dann ein Interview mit dem Camelot Courier für die Vorhochzeitsausgabe. Um neun wirst du den Zoo von Camelot besuchen, um die offiziellen Hochzeitstauben auszuwählen; es gibt verschiedene Arten in allen erdenklichen Weißschattierungen …«

Agatha konnte sich kaum konzentrieren, weil Pfirsich und Pistazie sie aus dem Bett gehoben hatten und abwechselnd mit kochend heißen Handtüchern abrubbelten, während Pampelmuse ihr eine Zahnbürste in den Mund steckte und Marzipan ihr Gesicht mit diversen Cremes behandelte, so wie Sophie es früher gemacht hatte – nur leider komplett ohne Sophies Charme und Witz.

»Danach eine Signierstunde für Die Geschichte von Sophie und Agatha im Büchereck, um Spenden für die Reparatur der Rohrleitungen im Schloss aufzutreiben«, fuhr Lavendelblau fort, »gefolgt von einem Charity-Lunch, bei dem du den Kindern reicher Mäzene eine Geschichte vorlesen wirst. Das Geld, das wir dabei einnehmen, fließt in die Instandsetzung der Zugbrücke …«

»Ähm, Lady Gremlaine? Bleibt da noch Zeit, dass ich Tedros mal sehen kann?«, murmelte Agatha unter dem blauen Gewand hervor, das die Kammerfrauen ihr über den Kopf zerrten. »Wir haben seit einer Ewigkeit nicht mehr zusammen gegessen …«

»Nach dem Lunch wirst du mit deinen Tanzstunden beginnen, als Vorbereitung auf den Hochzeitsball, danach folgt eine Unterweisung in Tischmanieren und höfischem Protokoll, damit du dich beim Festessen nicht blamierst, und schließlich hast du noch eine Geschichtsstunde über die Triumphe und Desaster vergangener Königshochzeiten, in der Hoffnung, dass deine nicht zu letzteren gehören wird«, beendete Lady Gremlaine ihren Vortrag.

Agatha knirschte mit den Zähnen. »Tanzen, Etikette, Geschichte … das ist ja wie in der Schule für Gute. Nur mit dem Unterschied, dass ich dort genug Zeit hatte, um mit meinem Prinzen zusammen zu sein.«

Lady Gremlaine hob den Kopf und klappte ihr Notizbuch zu, so abrupt, dass dabei einer der Edelsteine aus dem brüchigen Spiegel fiel. »Nun, wenn du keine weiteren Fragen hast, werden deine Kammerfrauen dafür sorgen, dass du rechtzeitig zum Frühstück erscheinst«, sagte sie und drehte sich zur Tür um. »Der König braucht mich dringend an seiner Seite, und zwar in jeder einzelnen Sekunde.«

»Ich will Tedros heute sehen«, beharrte Agatha. »Bitte bringen Sie das in meinem Terminplan unter.«

Lady Gremlaine erstarrte, wandte sich wieder Agatha zu und kniff ihre Lippen zu einem dünnen roten Strich zusammen. Die Kammerfrauen wichen ängstlich zurück.

»Soviel ich weiß, hast du ihn gestern Nacht lange genug gesehen. Und zwar gegen die Regeln!«, zischte Lady Gremlaine. »Der König darf vor eurer Hochzeit nicht mit dir allein im Zimmer sein.«

»Tedros wird mich ja wohl sehen dürfen, wann immer er will«, schoss Agatha zurück. »Ich bin schließlich seine Königin.«

»Noch nicht, Prinzessin«, erwiderte Lady Gremlaine kühl.

»Ja, aber in zwei Monaten bin ich es«, sagte Agatha herausfordernd. »Und es macht mich verrückt, dass ich meine Zeit für die Hochzeitsplanung vergeude und herumrenne wie ein kopfloses Huhn, obwohl ich viel lieber mit Tedros zusammen wäre. Aber da Sie ja nicht nur die Oberhofmeisterin des Königs, sondern auch die seiner künftigen Königin sind, werden Sie dieses Treffen mit Tedros sicherlich für mich arrangieren können.«

»Ah, ich verstehe.« Lady Gremlaine kam drohend auf Agatha zu. »Das Schloss verfällt, dein König trägt eine Krone, die noch immer umstritten ist, überall lauern Spione, die dich töten wollen, die einstige Königin und ihr ehebrecherischer Ritter sind seit der Krönung untergetaucht, und der Royal Schrott, dieses Hetzblatt, das auf den Sturz der Monarchie hinarbeitet, nennt dich eine ›verwöhnte Diva aus einem volksverdummenden Märchen, die Tedros noch mehr Schande machen wird als seine eigene Mutter‹. Und du hast nichts Besseres zu tun, als von deiner Schulzeit und ein paar heimlichen Küssen im dunklen Flur zu träumen?«

»Aber darum geht es doch gar nicht!«, protestierte Agatha, der von dem schweren Parfüm der Oberhofmeisterin fast schlecht wurde. »Ich weiß ganz genau, welche Probleme auf uns zukommen, aber Tedros und ich müssen doch zusammenarbeiten …«

»Ach ja? Und warum fragt er dann nie, ob er dich sehen kann?«, fauchte Lady Gremlaine. »Um die Wahrheit zu sagen, der König hat kein einziges Mal deinen Namen erwähnt, außer wegen des Zwischenfalls gestern Nacht, der sich, wie er mir versprochen hat, nicht wiederholen wird.«

Agatha sagte nichts darauf.

»Nun, siehst du – ich fürchte, König Tedros hat Wichtigeres zu tun, wenn er die Schande dieses Krönungstags rechtzeitig zur Hochzeit wieder wettmachen will«, fuhr Lady Gremlaine fort. »Eine Hochzeit, die so prunkvoll, so einzigartig und atemberaubend sein muss, dass alle Zweifel weggefegt werden, die seine würdelose Krönungszeremonie hinterlassen hat. Und die Hochzeit wird nun mal nach alter Tradition von der künftigen Königin ausgerichtet. Damit kannst du dem König helfen.« Sie beugte sich so weit vor, dass sich ihre Nasenspitzen fast berührten. »Aber wenn du wünschst, dass ich König Tedros wissen lasse, deine Pflichten als künftige Königin seien unter deiner Würde, und dass du dich gegen alles sträubst, was man dir sagt, bis hin zur Farbe deiner Garderobe, der Wichtigkeit regelmäßiger Wannenbäder und der Auswahl deines Schuhwerks, und dass du überdies seine dringend erforderlichen Bemühungen, sich als König zu zeigen, untergräbst, nur um das Gefühl zu haben, dass du mit ihm zusammenarbeitest … nun, dann werde ich dir selbstverständlich zu Diensten sein, Prinzessin. Wir werden ja sehen, was er dazu sagt.«

Agatha schluckte und ihr Hals wurde feuerrot. »Nein, nein … schon okay. Ich werde ihn sicher morgen sehen können«, sagte sie leise und hob den Kopf.

Aber Lady Gremlaine war bereits fort. Zurück blieben ihre pastellfarbenen Handlangerinnen, die nur darauf warteten, Agatha zum Frühstück zu scheuchen, obwohl man ihr gar keine Zeit zum Essen lassen würde.

Nach der Hälfte des Programms wäre Agatha am liebsten davongelaufen. Seit Wochen ließ sie das nun alles mit einem gequälten Lächeln über sich ergehen. Es war immer der gleiche Trott: Aufstehen, Anziehen, Termine durchsprechen und dann Platzkarten, Torten, Kerzen oder Tafelaufsätze in allen Varianten inspizieren, obwohl Agatha keinerlei Unterschiede erkennen konnte. (Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätten sie auch in einer Fledermaushöhle heiraten können – dort war zumindest kein Platz für Gäste.) Zwischendurch musste sie noch ihre Auftritte für die Aktion »Schönes Camelot« absolvieren, die von ihr als künftiger Königin angeführt wurde, um Spenden für das zerbröckelnde Schloss aufzutreiben, das nach König Artus’ Tod dem Verfall preisgegeben war. Agatha stand zwar voll hinter dieser guten Sache und nahm im Prinzip jeden Blödsinn dafür in Kauf (als Sophies beste Freundin war sie ja einiges gewöhnt), aber Lady Gremlaines Programm überstieg einfach ihre Kräfte. Die Hofmeisterin ließ auch keine Gelegenheit aus, Agatha bloßzustellen und zu demütigen – so musste sie zum Beispiel die Hymne beim Wald-Rugby-Cup singen (selbst die Mannschaft von Camelot hielt sich dabei die Ohren zu) oder beim Frühlingsfest auf einem Bullen reiten (der so lange bockte, bis Agatha kopfüber in einem Misthaufen landete).

Guinevere hatte Agatha vor ihrer neuen Zuchtmeisterin gewarnt. Lady Gremlaine hatte bereits im Schloss regiert, als Guinevere König Artus geheiratet hatte, aber Guinevere entließ sie kurz nach Tedros’ Geburt. Nach Guineveres Flucht und Artus’ Tod übernahm der Kronrat die Herrschaft von Camelot, weil Tedros noch nicht sechzehn war, und diese sogenannten Ratgeber holten Lady Gremlaine zurück. Da nun aber auch Guinevere ins Schloss zurückgekehrt war, hatte Lady Gremlaine es natürlich eilig, Tedros und seine neue Königin unter ihre Fuchtel zu bringen. Agatha hätte die alte Wichtigtuerin am liebsten gefeuert, aber das konnte sie erst, wenn Tedros’ Krönung besiegelt war.

Ihr blieb also nichts anderes übrig, als sich mit Lady Gremlaine gutzustellen, obwohl diese von Anfang an kein gutes Haar an ihr gelassen hatte. Agatha hatte keine Ahnung, warum, aber Lady Gremlaine wollte sie definitiv nicht als Königin von Camelot sehen. Und sie schien zu glauben, dass Agatha freiwillig auf ihren Prinzen verzichten würde, wenn sie ihr nur lange genug das Leben schwer machte.

Aber da konnte sie lange warten. Lieber sterbe ich, schwor sich Agatha. Und so war sie im letzten halben Jahr jeden Morgen mit dem festen Entschluss aufgestanden, sich nicht von dieser Frau unterkriegen zu lassen.

Aber der Tag heute brachte das Fass zum Überlaufen.

Zuerst die Floristin, die Agatha dreißig Minuten lang so viele duftende Blumenbouquets unter die Nase hielt, dass ihr die Augen tränten und sie ständig niesen musste. Als Nächstes erschienen die sechs Näherinnen und präsentierten ihr jede Menge Leinenstoffe, die alle gleich aussahen. Dann war die Reporterin vom Camelot Courier an der Reihe, eine grässliche Quasselstrippe namens Bettina, die mit einem roten Lolli im Mund erschien.

»Lady Gremlaine hat alle deine Antworten bereits vorgegeben. Wir können also das Protokoll vergessen und einfach ein bisschen plaudern, nur so zum Spaß«, schwindelte die Reporterin, um dann eine Reihe unverschämt vertraulicher Fragen über Agathas Beziehung zu Tedros auf sie abzufeuern: »Was hat er im Bett an?«; »Hat er einen Kosenamen für dich?«; »Hast du ihn schon mal dabei ertappt, dass er anderen Mädchen nachschaut?«

»Nein«, sagte Agatha auf die letzte Frage und hätte am liebsten hinzugefügt: »Und schon gar nicht so einem mickrigen Furz wie dir.« Aber sie hielt eine ganze Stunde lang den Mund, bis es ihr endgültig reichte.

»Möchtet ihr denn bald Kinder haben?«, säuselte Bettina mit einem kitschigen Lächeln.

Worauf Agatha sagte: »Wieso? Brauchst du neue Eltern?«

Damit war das Interview beendet.

Aber der Charity-Lunch war kein bisschen besser. Agatha musste einer Schar verzogener Bälger »Der Löwe und die Schlange« vorlesen, das berühmteste Märchen von Camelot. Und die Kinder, die die Geschichte natürlich schon kannten, hatten sie ständig unterbrochen, bis ihr erneut der Geduldsfaden gerissen war.

Jetzt klebte sie wie ein nasser Sack in ihrem verschwitzten Kleid in der königlichen Kutsche (zwischendurch hatte sie noch die Hochzeitstauben im Zoo ausgesucht), und als sie an die Tanz- und Benimmstunden dachte, die noch vor ihr lagen, brach sie in Tränen aus.

Um die Wahrheit zu sagen, der König hat kein einziges Mal deinen Namen erwähnt. Lady Gremlaines boshafte Bemerkung ging ihr nicht mehr aus dem Kopf.

Agatha hatte sich damit zu trösten versucht, dass die alte Intrigantin gelogen hatte, aber sie wusste, dass das nicht stimmte. Tedros ging ihr aus dem Weg, so viel stand fest, und wenn er ihr zufällig mal irgendwo begegnete, machte er ihr schnell ein nichtssagendes Kompliment oder redete über das Wetter, um dann hastig davonzuhuschen wie ein verschrecktes Eichhörnchen. Gestern Nacht hatte sie ihn zum ersten Mal ohne sein gehetztes Plastiklächeln gesehen, das er immer aufsetzte, um sie abzuwimmeln. Ein Lächeln, das ihr signalisierte: Frag mich ja nichts. Mir geht’s blendend, okay?

Was natürlich nicht stimmte. Und Agatha hatte keine Ahnung, wie sie ihm helfen sollte.

Mit einem Seufzer wischte sie sich die Tränen ab. Wegen Tedros war sie doch nach Camelot gekommen. Um seine Königin zu werden. Um ihm zur Seite zu stehen, in guten wie in schlechten Tagen. Und jetzt waren sie beide allein, jeder kämpfte für sich auf verlorenem Posten. Dabei wusste Agatha, dass Tedros sie brauchte. Deshalb war er gestern Nacht auch zu ihr ins Bett gekrochen. Aber warum konnte er das nicht einfach zugeben? Tief in ihrem Herzen wusste Agatha, dass es nichts mit ihr zu tun hatte. Und trotzdem fühlte sie sich zurückgewiesen und gekränkt.

Schlitzer rollte sich auf ihrem Schoß zusammen, um ihr zu zeigen, dass er auch noch da war.

Wehmütig kraulte sie seinen kahlen Kopf. »Ach, könnten wir doch auf unseren guten alten Grabhügel zurück – in die Zeit, als von Jungs noch keine Rede war …«

Schlitzer fauchte zustimmend.

Agatha schaute aus dem Fenster ihrer blau-goldenen Kutsche, die durch die Altstadt zum Marktplatz von Camelot rollte. Normalerweise mied der Kutscher die Abkürzung durch diesen Teil von Camelot, weil der Zustand der Straßen hier so schlecht war, und nahm stattdessen die längere Route zum Schloss zurück. Aber sie waren schon ziemlich spät dran für die Tanzstunde und Agatha wollte nicht gleich beim ersten Mal einen schlechten Eindruck auf ihren Lehrer machen. Schlamm und Erde spritzten von den ungepflasterten Gassen um die Kutsche herum auf und der dichte Regen trübte die Sicht auf die bunten Zelte, die alle mit dem Wappen von Camelot beflaggt waren: Excalibur, von zwei Adlern flankiert, auf blauem Grund.

Trotz des Regens, der die Scheiben beschlagen ließ, bemerkte Agatha sofort den krassen Unterschied zwischen den reich gekleideten Bürgern und den vielen zerlumpten, ausgemergelten Tagelöhnern, die in ihren baufälligen Hütten in den Gassen um den Markt herum hausten. Königliche Wachen patrouillierten auf dem Platz und hielten das Lumpenvolk mit roher Gewalt von den reichen Bürgern fern, die in den Zelten ein und aus gingen. Agatha schob ihr Fenster hinunter, um besser hinaussehen zu können, aber der Kutscher klopfte sofort mit seiner Reitgerte gegen die Scheibe.

»Nicht rauslehnen, Mylady«, warnte er.

Agatha stieß das Fenster wieder hoch. Als sie vor einem halben Jahr in ihr neues Königreich eingeritten war, hatte sie dieselben Elendsquartiere mitten in der Altstadt gesehen. Laut Tedros hatte Camelot unter seinem Vater ein goldenes Zeitalter erlebt, in dem jeder seinen Besitz vermehren konnte. Aber nach Artus’ Tod hatten seine Ratgeber sich mit den Reichen verbündet und halsabschneiderische Gesetze erlassen, um das Vermögen und den Landbesitz der Mittelschicht an sich zu bringen, die daraufhin völlig verarmte. Tedros hatte angekündigt, dass er diese Gesetze rückgängig machen und den vielen Obdachlosen wieder ein Dach über dem Kopf verschaffen würde. Aber die Schere zwischen Arm und Reich war in den letzten Monaten nur noch weiter aufgeklafft. Warum hatte er keinen Erfolg mit seinen Maßnahmen? Sah er denn nicht, dass das Königreich zu zerfallen drohte? Wie konnte er zulassen, dass sein Volk in Armut und Elend verkam? Wenn ich der König wäre, dachte Agatha …

Aber sie war ja noch nicht mal Königin. Und so wie er gestern Nacht geweint hatte, war Tedros offenbar genauso frustriert und ratlos wie sie selbst. Er regierte Camelot ganz allein, niemand war an seiner Seite, um ihn zu unterstützen, weder seine Mutter noch Lanzelot, ja nicht einmal Merlin, der mit den anderen beiden vor sechs Monaten spurlos verschwunden war.

PLATSCH! Ein schwarzer Klumpen aus zermatschtem Essen knallte gegen die Scheibe. Agatha drehte sich um und sah einen schmutzigen Tagelöhner, der hinter der Kutsche herbrüllte: »DIESER SOGENANNTE KÖNIG UND SEINE BEINAHE-KÖNIGIN

Jetzt wurden auch andere auf die Kutsche aufmerksam. »DIESER SOGENANNTE KÖNIG UND SEINE BEINAHE-KÖNIGIN!«, johlten sie hasserfüllt und bewarfen den Wagen mit Essen, alten Schuhen und Erdklumpen. Der Kutscher peitschte wild auf die Pferde ein, um sie aus dem Marktviertel hinauszutreiben.

Heiße Wut stieg in Agatha auf, und am liebsten wäre sie aus dem Wagen gesprungen, um diesen Dummköpfen klarzumachen, dass weder Tedros noch sie für die Zustände hier verantwortlich waren – die Elendsviertel, die missglückte Krönungszeremonie, die Tatsache, dass das einst blühende Camelot so heruntergekommen war …

Aber es half ja nichts. Wenn ich auf der Straße leben müsste und nichts zu essen hätte, würde ich vermutlich auch dem König die Schuld daran geben, dachte Agatha.

Schließlich regierten sie jetzt das Land, auch wenn sie für den Niedergang von Camelot nichts konnten. Aber dem notleidenden Volk war die Vergangenheit egal, es wollte Fortschritte sehen. Und Camelot war nicht die Schule, wo jeder Sieg und jede gute Tat auf einer Tafel vermerkt wurden, damit alle es sehen konnten. Das hier war das wirkliche Leben. Und zugegeben, sie hatten bisher nicht viel bewirkt, aber sie gaben ihr Bestes, um das Land wiederaufzubauen, obwohl sie beide noch so jung und unerfahren waren.

Oder jedenfalls Tedros gab sein Bestes. Während Agatha, seine Königin, auf dem Weg in ihre Tanzstunde war!

Missmutig saß Agatha in ihrer Ecke, als die Kutsche den Hang hinaufratterte, zu den elfenbeinfarbenen Toren von Camelot, die bei ihrer Ankunft von der königlichen Leibwache geöffnet wurden. Die Mauern mochten voller Rostflecke sein und die Türme oben verwittert und rußgeschwärzt, aber Artus’ Schloss war trotzdem ein imposanter Anblick – eine Festung, die auf zerklüfteten grauen Felsklippen hoch über dem Wilden Meer thronte. Die weißen Türme mit ihren blauen Kuppeln, die in die tief hängenden Wolken aufragten, schimmerten sanft im trüben Nachmittagslicht.

Vor einem Felsspalt, der zum Eingang des Schlosses führte, hielt die Kutsche an.

»Die Zugbrücke ist nach der Krönung immer noch nicht passierbar«, seufzte der Kutscher und lenkte die Pferde in eine Remise am Rand der Felswand. »Wir werden die Seilbrücke nehmen müssen.«

Agatha stürzte aus der Kutsche, ehe der Mann ihr den Wagenschlag öffnen konnte. Genug gejammert, dachte sie, während sie über die wacklige Seilbrücke balancierte, die auch hohe Ehrengäste benutzen mussten, bis die Zugbrücke repariert war. Tedros jammert auch nicht, weil wir keine Zeit füreinander haben. Er beharrt nicht darauf, dass wir doch ein Team seien und zusammenarbeiten müssten. Nein, Tedros reißt sich zusammen und schuftet für sein Volk.

Vielleicht hatte Lady Gremlaine ja recht. Vielleicht sollte Agatha nicht immer nur daran denken, was sie als Königin alles nicht durfte, sondern sich lieber auf ihre Aufgabe konzentrieren. Ein Fest der Liebe und Schönheit war sicher die beste Möglichkeit, nach der missglückten Krönung das Vertrauen in das Königreich wieder zu festigen. Mit einer prunkvollen Hochzeit konnten sie dem Volk zeigen, dass das goldene Zeitalter von Camelot zurückkehren würde … dass ihr Happy End sie nicht umsonst hierhergeführt hatte … dass nicht nur Agatha und Tedros ihr Glück gefunden hatten, sondern auch das Volk von Camelot, selbst die, die alle Hoffnung verloren hatten.

Hocherhobenen Hauptes marschierte Agatha ins Schloss zurück, um so schnell wie möglich zu ihren Tanzstunden zu kommen. Sie war jetzt wild entschlossen, ihr Bestes zu geben.

Bis sie auf ihren Lehrer traf.