Die Tote im Tief

Ostfrieslandkrimi

Alfred Bekker


ISBN: 978-3-95573-751-1
1. Auflage 2018, Bremen (Germany)
Klarant Verlag. © 2018 Klarant GmbH, 28355 Bremen, www.klarant.de und www.ostfrieslandkrimi.de

Titelbild: Umschlagsgestaltung Klarant Verlag unter Verwendung eines Bildes von shutterstock.

Sämtliche Figuren, Firmen und Ereignisse dieses Romans sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit echten Personen, lebend oder tot, ist rein zufällig und von dem Autor nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf - auch auszugsweise - nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Inhalt

Kapitel 1

Kriminalhauptkommissar Ebbo Steen von der Kripo Emden parkte den Wagen am Straßenrand in der Bedekaspeler Marsch und war froh, dass er für seinen VW überhaupt noch irgendwo einen Platz fand. Es standen nämlich schon jede Menge Fahrzeuge da. Einsatzfahrzeuge zum Teil, aber Steen erkannte auch den weißen Ford von Tammo Tjaden, dem Reporter des Neuen Ostfriesenblattes.

Wahrscheinlich mal wieder den Polizeifunk abgehört, dachte Steen. Das Neue Ostfriesenblatt ist schon am Ort des Geschehens, bevor die Polizei kommt! Würde mich wundern, wenn Tjaden das nicht genüsslich und mindestens doppelt und dreifach in seinem Artikel verbrät!

Ein etwa achtjähriger Junge kam die Uferböschung hochgerannt und rief seiner Mutter aufgeregt zu: „Da liegt eine Leiche im Kanal, sagen die!“

„Komm her, wir gehen.“

„Aber das ist voll cool!“

„Komm trotzdem.“

„Meinst du, die ziehen die Leiche noch raus?“

„Weiß ich nicht.“

„Aber wozu sind sonst die Taucher hier?“

„Das ist nichts für Kinder.“

„Ach, Mann!“

„Mama – nicht Mann.“

„Ist doch kackegal!“

„So reden wir nicht, woll?“

Woll – das Erkennungswort für Touristen aus dem Ruhrgebiet, dachte Steen. Ist genauso gut wie ein Nummernschild aus Dortmund oder Essen.

Er atmete tief durch und zog die die Prinz-Heinrich-Mütze fest über den Kopf, da es ziemlich windig war und er keine Lust hatte, das gute Stück hinterher aus dem dunklen Wasser des Tiefs herausfischen zu müssen. Fröstelnd machte er seinen Parka zu. Bundeswehr, Modell 1980er Jahre mit herausnehmbarem Futter, etwas ausgebleicht vom häufigen Waschen, aber ansonsten gut gepflegt.

War mal cool, ist inzwischen ein Stück fürs Textilmuseum und hält immer noch gut warm, dachte er.

Und da Steen nicht viel dicker geworden war und den Parka immer noch zubekam, gab es auch keinen Grund, ihn gegen etwas anderes auszutauschen.

Eine Leiche im Knockster Tief - deshalb war Kriminalhauptkommissar Steen hier. Und ein Tief war natürlich kein Kanal, auch wenn in beiden das Wasser stand und nicht floss. Aber sowas wussten „Binnenländer“ nicht. Kanäle waren künstliche Schifffahrtswege oder wurden zur Entwässerung angelegt; ein Tief hingegen war ein natürliches Gewässer. Aber eines, das es nur hier an der Küste gab. Entstanden aus Prilen, vom Meerwasser ausgespülten Vertiefungen und Rillen im Gelände, die sich mit Wasser füllten, weil das Land regelmäßig von der Flut überschwemmt wurde. Seitdem es die Deiche gab, kam die Flut nicht mehr und umspülte die Dörfer auf den aufgeschütteten Erdhügeln. Aber die Tiefs hatten sich dauerhaft mit Wasser gefüllt. Früher Brackwasser, das sich nicht entscheiden konnte, ob es salzig oder süß sein wollte. Heute Süßwasser, das überall aus dem feuchten, vollgesogenen Land herausquoll. Und viele Tiefs waren ausgebaggert, damit die Motorboote mit ihren Schrauben nicht stecken blieben.

Ein Tourist konnte die Tiefs für Kanäle halten, für einen Teil des dichten Netzes von Wasserstraßen, das Ostfriesland durchzog wie ein Spinnennetz. Aber Kanäle waren zumeist gerade, richteten sich nach den Grenzen von Feldern, Bauernhöfen, Gemeinden. Tiefs verliefen selten gerade. Die Kräfte der Gezeiten hatten sie geschaffen und oft in gewundenen Linien in die Marsch gegraben.

Steen drängelte sich durch die Schaulustigen, die gaffend am Ufer standen.

„Aaachtung! Notarzt! Machen Sie bitte Platz!“, rief er mit seiner dröhnenden, durchdringenden Stimme, die die Unterstützung durch ein Megafon nicht brauchte. Es bildete sich eine Gasse.

Alle starrten ihn an.

Und vielleicht fragte der eine oder andere sich, wieso ein Notarzt keine Arzttasche bei sich trug.

Jedenfalls war Platz genug, sodass Steen ungehindert zum Anleger gehen konnte, der zu einem Restaurant gehörte.

Ein großes Schlauchboot lag dort.

„Min Jung, seit wann bist du denn Arzt?“, fragte eine kugelrunde alte Frau, die Inhaberin des Lokals.

Sie war weit über neunzig und nannte wahrscheinlich jeden, der mehr als dreißig Jahre jünger war als sie, 'min Jung'.

Steen kannte sie.

Vor anderthalb Jahren war bei ihr eingebrochen worden und damals war die Aufgabe, diese resolute Alte zu beruhigen, an Steen hängen geblieben.

Aber das war ja nichts Neues.

Immer, wenn Fingerspitzengefühl gefragt war und ein echter Diplomat gebraucht wurde, dann musste Steen ran. Renitente Säufer zählten genauso zur besonderen Zielgruppe des Kriminalhauptkommissars wie alte Damen, die partout nicht einsehen wollten, dass ein hundsgemeiner Wohnungseinbruch wahrscheinlich ungeklärt bleiben würde, weil es einfach zu wenig Hinweise auf den oder die Täter gab.

Steen hatte mit dem Fall eigentlich gar nichts zu tun gehabt. Es war gar nicht sein Ressort gewesen, schließlich war ja niemand gestorben. Erst dann hätte Steen nämlich einen offiziellen Auftritt gehabt. Aber es waren alle Kollegen der Ansicht gewesen, dass er einfach das beste Händchen hatte, um solche Situationen zu meistern.

In dem Augenblick, als sie 'min Jung’ zu ihm gesagt hatte, war ihm bereits klar gewesen, dass er die Situation im Griff hatte.

Und so war es dann ja auch gekommen.

Es war ihm tatsächlich gelungen, sie zu beruhigen, was allerdings eine harte Geduldsprobe gewesen war.

Selbst für Steen, der eigentlich mehr Geduld hatte als der ganze Rest der Kripo Emden zusammengenommen.

Ob es jetzt, in diesem Moment, allerdings auch ein gutes Zeichen war, dass sie 'min Jung’ zu ihm sagte, da war er sich nicht so ganz sicher.

„Ja, nun säch maal! Wie kommt es denn nun, dat du auf einmal ein Doktor bist, min Jung? Dat gaait doch nooit mit rechten Dingen tau!“

Frau Min-Jung wurde sie von allen genannt, die sie kannten. In Wirklichkeit hieß sie Beate Hinnerksen.

Steen lächelte.

Und er versuchte, es auch wirklich wie ein Lächeln aussehen zu lassen. Und nicht etwa wie ein freches Grinsen. Lag ja beides nah beieinander.

Aber angesichts der Tatsache, dass er wegen einer Leiche hier war, wäre Letzteres wohl sowieso unangebracht gewesen. Jedoch ein verständnisvolles Lächeln mit einer ernsten Note, das ging selbst in dieser Situation, fand Steen.

„Wenn ich gesagt hätte, ich bin Polizist, dann hätte mir doch niemand Platz gemacht.“ Er hob die Augenbrauen und um seine Mundwinkel spielte ein verschmitztes Lächeln. „Oder irre ich mich da?”

Frau Min-Jung seufzte hörbar.

„Jau, dat kann wohl sein“, gab sie nach kurzem Überlegen zu.

„Eben“, antwortete Steen augenzwinkernd.

„Die Welt ist ein falscher Schein.”

„Wer sagt das denn?”

„Unser alter Pastor. Aber den kennst du nicht mehr, min Jung.”

„Nee?”

„Der war schon tot, bevor du geboren wurdest.”

„Na denn …”

„Nun geh schon, min Jung. Dein Kollege wird ungeduldig. Ich hab das so im Gefühl.”

Anscheinend lag Frau Min-Jung mit ihrem Gefühl genau richtig.

„Steen, komm jetzt!“, rief sein Kollege Ulfert Jansen aus dem Schlauchboot. Ein Ruf, den der Kriminalhauptkommissar aus Emden schlecht überhören konnte, obwohl er genau das liebend gern getan hätte. Er konnte sich nämlich wirklich angenehmere Dinge vorstellen, als in einem kippeligen Boot zu sitzen und sich eine Leiche anzugucken.

„Na, los!”, wiederholte Ulfert Jansen seine kollegiale Aufforderung noch einmal und missachtete dabei eindeutig die dienstliche Hierarchie, die eigentlich das Verhältnis der beiden Kripobeamten regelte.

Aber das schien ihn im Augenblick nicht zu kümmern.

Jemand der so hieß, musste von der Küste stammen. Nur hier gab es solche Namen.

Und eigentlich hätte er auch blond sein müssen und bleich. Aber Ulfert Jansen sah ganz anders aus, auch wenn er ein reinblütiger Ostfriese in x-ter Generation war.

Er hatte dunkles Haar und hätte rein optisch betrachtet auch Italiener oder Araber sein können.

„Ja, worauf wartest du denn noch?“

„Ich bin nur im Dienst, nicht auf der Flucht“, antwortete Steen flapsig und mühte sich etwas ab, bis er schließlich bei seinem Kollegen im Boot saß.

Besonders geschickt war Steen dabei nicht. Das Boot schaukelte ganz schön, aber sie schafften es schließlich doch noch abzulegen, ohne zu kentern.

Der Außenborder knatterte.

Ulfert Jansen hatte ihn sicher im Griff, wie sich das gehörte. Er steuerte das Boot in Ufernähe das Tief entlang.

Das Große Meer war ganz in der Nähe.

Gemeint war damit der Binnensee dieses Namens, nicht die Nordsee, denn hier hieß ein See >Meer< und das Meer dafür >die See<. Manche Fremden fanden das verdreht, aber Steen pflegte immer zu sagen: „Alles eine Frage der Perspektive.“

Links am Ufer standen ein paar kleinere Ferienhäuser.

Kleine Hütten zum Teil - nicht solche Prachtbungalows, wie sie das Nordufer des Großen Meeres beherrschten.

Auch hier waren Menschen sensationslüstern stehen geblieben: Bewohner der Häuser, Angler, Spaziergänger.

„So viele Zuschauer kann ich bei der Arbeit nicht leiden“, nörgelte Steen.

„Is schon klar, aber ich hab sie nicht hergerufen.“

„Aber weggeschickt hast du sie auch nicht.“

„Mann, das ist jetzt nicht dein Ernst!“

„Ich sag nur, was ich denke.“

„Und das ist in diesem Fall einfach nur Müll.“

Steen knurrte noch etwas vor sich hin.

Der Wind war heftig, und um ein Haar wäre ihm die Prinz-Heinrich-Mütze vom Kopf geweht, aber er konnte sie gerade noch festhalten.

Sicherheitshalber drückte er sie sich so tief und stramm auf den Kopf, dass sie dort auf jeden Fall bleiben würde.

Irgendwann hatte man diesen Mützentyp mal nach seinem bekanntesten Träger benannt.

Prinz-Heinrich-Mütze eben.

So wie das Madonna-T-Shirt oder der Humphrey-Bogart-Hut.

Wird Zeit, dass man diesen Mützentyp mal umbenennt, dachte Steen. Prinz Heinrich kennt schließlich keine Sau mehr. Helmut-Schmidt-Mütze wäre wohl passender. Aber das hat man wohl in den Siebzigern versäumt. Und jetzt dürfte es zu spät sein. Und irgendwann kennt man dann beide nicht mehr und jeder fragt sich, wieso die Mütze so einen bekloppten Namen hat.

Sie erreichten schließlich die Stelle, wo das Knockster Tief in einen parallel zum Ufer des Großen Meeres verlaufenden Kanal mündete, der von dem Binnensee wiederum nur durch eine gras- und schilfbewachsene lang gezogene Insel getrennt war.

Ein zweites Boot dümpelte dort vor sich hin.

Es war größer und gehörte dem Amt für Wasserwirtschaft, das hier mal schnell Amtshilfe geleistet hatte.

Es eine Yacht zu nennen, wäre vielleicht etwas übertrieben gewesen. Dazu war es nicht luxuriös genug ausgestattet, aber sonst konnte es diesen Vergleich schon aushalten.

Mehrere Männer und eine Frau waren an Bord und zwei Taucher im Wasser. Sie kamen immer wieder an die Oberfläche und machten irgendwelche Zeichen.

Steen fragte sich, was das sollte.

Auf jeden Fall sah es wichtig aus.

Die Frau an Bord des Motorbootes war Altje Remels, Polizeibeamtin der Schutzpolizei in Emden. Sie war so blond und blauäugig, wie man sich eine echte Ostfriesin vorstellte. Ihre Frisur wirkte immer ein bisschen so, als hätte der letzte Herbststurm sie ordentlich zerzaust.

Sie schob das immer darauf, dass ihre Mütze nicht richtig saß.

Abgesehen davon war Altje Remels ziemlich übergewichtig. Es ging das Gerücht, dass sie einmal einen Einbrecher in Loppersum mit der Drohung: „Stehen bleiben oder ich fall auf dich!” zum Aufgeben bewegen konnte.

Aber das war vielleicht wirklich nur ein Gerücht.

„Moin, Altje”, grüßte Steen freundlich.

Aber er sah schon, dass Altje ziemlich geladen war.

Das hatte vielleicht damit zu tun, dass das Boot ziemlich stark schaukelte - Altje stand auf der einen Seite, die zwei Männer an Bord bildeten das Gegengewicht auf der anderen.

„Schön, dass ihr auch endlich mal kommt!”, raunzte sie. „Wo bleibt ihr denn?”

„Na hör mal, du weißt doch, was zurzeit auf der Straße nach Emden los ist!”, meinte Steen. „Und Ulfert ist ja auch schon eine Weile hier.”

„Ja, aber der ist auch erst hier angekommen, nachdem das Boot schon abgelegt hatte”, entgegnete die Remels ungehalten und starrte ins Wasser.

Man konnte ihr ansehen, wie schlecht ihr dabei wurde. Das Boot senkte sich bedenklich auf ihre Seite.

Nein, auch wenn sie von der Küste stammte und mit ihren echten blonden Haaren und den echten roten Wangen so aussah wie eine Ostfriesin aus dem Bilderbuch: Eine Seefahrerin würde sie wohl in diesem Leben nicht mehr werden.

Gewässer, die größer als die heimische Badewanne waren, blieben ihr vermutlich auch in Zukunft suspekt.

„Wo ist denn die Leiche?”, fragte Steen, während Ulfert das Boot, in dem die beiden saßen, jetzt nahe genug herangebracht hatte.

„Na, da unten immer noch”, sagte die Polizistin und deutete hinab in die Tiefe. Und dabei geriet das Boot wieder ziemlich heftig in Bewegung.

„Vorsicht, Altje”, beschwerte sich einer der Männer an Bord.

„Keine Sorge, wir kentern schon nicht”, gab Altje zurück.

„Das sagst du!”, warf ihr Kollege ein.

„Ja, und?”

„Eben!”

„Soll das jetzt eine Anspielung sein?”, fragte Altje, sichtlich pikiert.

„Anspielung? Worauf denn?”

„Auf die paar Pfund zu viel, die ich mit mir herumtrage?”

„Höchstens auf meine Todesangst, Altje!”

„Du übertreibst!”

„Vorsicht!”

„Ich sagte doch, wir kentern nicht!”

Jetzt kam die Leiche hoch. Und wenig später auch einer der Taucher. Er nahm sein Mundstück aus dem Mund und sagte: „Wir mussten sie noch einmal nach unten ziehen, um die Kette besser lösen zu können.”

„Welche Kette?”, fragte Steen.

Der Taucher drehte sich zu ihm um. „Die Tote ist mit einer Kette an einem Gewicht festgemacht worden.”

„Und die war so lang, dass die Leiche auf dem Wasser herumschwamm und von Leuten bemerkt wurde?”, fragte der Kripobeamte.

„Genau, ein geschickter Killer war das nicht”, meinte der Taucher grinsend. „Na ja, es hat eben nicht jeder Talent zum Mörder.”

Steen nickte.

„Stimmt. Für uns natürlich super”, stellte er fest, „so lässt der Täter uns wenigstens auch eine Chance. Man stelle sich vor, wir hätten es immer mit kriminellen Meistermördern zu tun.”

„Häh?”, fragte der Taucher.

„Wäre auf die Dauer ziemlich deprimierend. Auch ein Kommissar lebt vom Erfolgserlebnis.”

„Wat is?” Der Taucher schien Steens laut ausgesprochenen Gedanken nicht folgen zu können.

„Schon gut.”

„Is nicht so wichtig?”

„So isses.”

Ein zweiter Taucher kam an die Oberfläche.

Die Tote war eine ältere Frau.

Sie sah aufgedunsen aus.

Die Zeit im Wasser war ihr offensichtlich nicht gut bekommen und hatte sie sehr verändert.

Steen dachte darüber nach, ob er sie schon mal gesehen hatte.

Schließlich kannte er wirklich viele Leute in der Gegend. Und außerdem las er regelmäßig die Lokalzeitung.

Berichte mit Bürgermeistern, die Senioren zu einem hohen Geburtstag gratulierten und dafür mit den Jubilaren fotografiert wurden, bildeten durchaus einen inhaltlichen Schwerpunkt der Lokalzeitung.

Oft schien es das Einzige zu sein, was berichtenswert war. Wenn jemand einfach nur ein Jahr älter geworden war und das oft genug wiederholt hatte, schien das in dieser ruhigen Gegend schon den Charakter eines Ereignisses zu haben.

„Na, erkannt?”, fragte Ulfert, der Steens Gedanken erraten zu haben schien.

Aber Steen kam nicht darauf, wer die Frau sein könnte und schüttelte den Kopf.

„Echt nich?”

„Nee, echt nich.”

„Kein aufblinkendes Treffer-Zeichen in deinem Kleincomputer unter der Prinz-Heinrich-Mütze?”

„Nee, kein Zeichen.”

„Soon Schiet, würde ich mal sagen.”

Steen nickte. „Soon Schiet”, wiederholte er. „Müssen wir doch zu fortgeschritteneren Methoden der Identifizierung greifen.”

 

Kapitel 2

 

Als die Leiche in das Boot gehievt wurde, war das ein Ereignis ganz eigener Art. Hatte etwas von einer Slapstick-Nummer, aber Lachen war für das Publikum aus Pietätsgründen natürlich streng verboten.

Das Hineinhieven der Leiche brachte das Motorboot abermals fast zum Kentern. Danach brachte Altje Remels das Boot gefährlich ins Schaukeln, weil sie eine ziemlich unbedachte Bewegung machte. Und am Ende versuchten auch noch die Taucher, ins Boot zu kommen, das auch eigentlich groß genug dafür war. Aber das bewirkte dann, dass Polizeimeisterin Remels fast über Bord ging. Mit rudernden Bewegungen hielt sie sich auf der trockenen Seite der Reling. Aber das führte dazu, dass das große Motorboot des Amtes für Wasserwirtschaft jetzt in noch heftigere Bewegung geriet.

„Sollen wir helfen?”, fragte Ulfert jetzt, obwohl auch das Schlauchboot, in dem er zusammen mit Steen saß, ziemlich ins Schwanken geraten war.

„Untersteh dich!”, entgegnete Steen.

„Wie?” Ulfert Augen wurden schmal. Er schien nicht gleich zu schalten.

„Das kriegen die schon alleine hin”, sagte Steen. „Man muss auch anderen eine Chance geben, sich zu bewähren.”

„Jetzt sag nicht, ich soll zurück zum Ufer rudern!”

„Doch … aber … warte mal.”

„Was ist denn?”

„Da drüben im Schilf.”

„Was soll da sein?”

„Ruder mal hin, Ulfert.”

„Bin ich hier dein Wasser-Taxi, oder was?”

„Jo, bist du.”

„Find ich nicht so witzig!”

„Nur für heute, Ulfert. Nur für heute.”

 

Kapitel 3

 

Ulfert ruderte das Schlauchboot also zum Schilf am Ufer. Dort hing ein Taschentuch.

„Bisschen näher, Ulfert!”, forderte Steen.

Er beugte sich weit hinaus. So weit, dass er dabei fast seine Mütze verlor.

Dann hatte er das Taschentuch erwischt.

Er hatte dafür ganz ordnungsgemäß einen Latexhandschuh übergezogen. Da er nur noch einen in der Tasche seines Parkas gehabt hatte, konnte er auch nur eine Hand benutzen, um dieses Taschentuch, das ein Beweisstück sein konnte, so zu bergen, dass eine Laboruntersuchung hinterher auch noch Sinn machte.

Er hielt es hoch.

Das Taschentuch wehte wie eine kleine Fahne im Wind.

Die dunkelroten Flecken waren nicht zu übersehen.

„Denkst du, dass das Blut ist?”, fragte Ulfert.

Steen zuckte die Schultern. „Kann sein. Kann auch was anderes sein. Du weißt ja, dass das manchmal schwer zu beurteilen ist. Aber spätestens nach dem DNA-Test wissen wir das.”

„Ich tippe mal auf die DNA von Ketchup”, meinte Ulfert feixend.

„Könnte trotzdem was mit unserem Fall zu tun haben”, erwiderte Steen und sinnierte laut: „Jemand hat die Frau ins Wasser geworfen und ihren Fuß mit einer Kette beschwert - wie ein Anker. Vielleicht ist es sogar eine Ankerkette.”

Er sah nochmal zu dem Boot des Amtes für Wasserwirtschaft hinüber. Die Tote war inzwischen an Bord. Und die Taucher hatten auch das Ende der Kette befreit, die um den Fuß der Leiche geschlungen worden war.

Es war tatsächlich eine Ankerkette - mit einem Anker dran, wie man ihn zum Beispiel für einen Jollenkreuzer benutzte.

Altje Remels nahm den Anker entgegen.

„Stimmt also”, meinte Steen zu Ulfert, als er das sah.

„Es ist ein Anker!”, rief Altje Remels.

Steen nickte. Er bewegte dabei das Taschentuch. Irgendwie missdeutete Altje Remels seine Geste. Sie glaubte offenbar, dass Steen sie nicht verstanden hatte.

Deshalb rief sie noch einmal: „Es ist ein Anker, Steen!”

Sie schrie das so durchdringend, dass man es bei dieser Windrichtung vermutlich noch auf der anderen Seite des Großen Meeres hören konnte. Irgendein Blesshuhn gab eine genauso schrille Antwort darauf.

Möglicherweise hatte Altje Remels gerade seltene Wasservögel bei der Brut gestört.

Als Steen dann sah, dass Tammo Tjaden vom Neuen Ostfriesenblatt sich am Ufer stehend eifrig Notizen machte, dachte der Kommissar: Dann hat ja die Presse wenigstens auch etwas zu berichten!