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Christine Schmitt

 

Der Traum der weißen Pferde

 

*

 

Fantasy

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© 2018 AAVAA Verlag

 

Alle Rechte vorbehalten

 

1. Auflage 2018

 

Umschlaggestaltung: AAVAA Verlag

Coverbild: white horse with a flying eagle beautiful painting illustration

© jozefklopacka / Fotolia Datei: #76649647

 

Printed in Germany

 

Taschenbuch:  ISBN 978-3-8459-2566-0

Großdruck:   ISBN 978-3-8459-2567-7

eBook epub:  ISBN 978-3-8459-2568-4

eBook PDF:  ISBN 978-3-8459-2569-1

Sonderdruck  Mini-Buch ohne ISBN

 

AAVAA Verlag, Hohen Neuendorf, bei Berlin

www.aavaa-verlag.com

 

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Alle Personen und Namen innerhalb dieses E-Books sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

 

 

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„In Gedenken an eine tiefe Freundschaft,

eine prägende Zeit,

und den Weg in ein neues Leben“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Fundamente dieser Geschichte

gründen auf dem Wunsch, Menschen zu erreichen.

Und zwar nicht auf dem Verstandeswege, sondern dadurch, dass sie berührt werden.

Die Bausteine zu dieser Geschichte sind Erfahrungen, gute wie schlechte, viele Gespräche, Zufälle, Begegnungen und schicksalhafte Fügungen, von überall her zusammengetragen, welche sich dann, wie ganz von selbst, ineinander fügten und rasch Gestalt annahmen.

Erst war alles nur einen schöne und zauberhafte Geschichte. Wie ein Gebäude, märchenhaft und fantastisch. Doch dann legte das Leben, über Jahre hinweg, selbst Hand an und ließ Teile der Geschichte, die der Wirklichkeit nicht Stand hielten, wie ein Kartenhaus, in sich zusammenbrechen und fügte wiederum andere Teile hinzu. So machte sich das Leben selbst mit zum Architekten dieser Geschichte.

Nehmen Sie jetzt also gerne dieses Buch zur Hand, tauchen sie ein und finden Sie darin Ihre ganz eigene, persönliche Geschichte. Und den eigentlichen Sinn dahinter.

Finden Sie ferner vielleicht auch noch den Mut, Ihre ganz persönliche Geschichte umzuschreiben, nach Ihren ganz eigenen Wünschen und Möglichkeiten.

Und finden Sie auch den Glauben daran, dass sich alles, was sich in Ihrem Leben ereignet hat, für Sie letztendlich immer zum Guten hin wenden wird.

 

 

 

 

 

1. Sehnsuchtsland

 

Irgendwo in Raum und Zeit existiert ein Land, welches auf keiner Karte verzeichnet ist. Und nur Menschen mit ganz besonderen Fähigkeiten können dorthin gelangen, allein mit der Kraft ihres Herzens und dem festen Glauben daran. Dort in diesem Land gibt es ein Tal, das von einer sanft geschwungenen Hügelkette umrahmt wird. Diese Hügelkette ist in ein grünes Mooskleid gehüllt und schmiegt sich, fast wie selbstverständlich, an das Blau des Himmels.

Und in diesem Tal hat man den Eindruck, es herrsche immer nur Frühling. Die Sonne geizt nur selten mit ihrer Anwesenheit und hüllt alles in ein weiches, goldenes Licht, das auch die scheinbar unbedeutendsten Dinge wertvoll erscheinen lässt und so deren Schönheit, die ja in Allem vorhanden ist, an den Tag bringt. Das Sonnenlicht öffnet den Blumen des Tals am Morgen die Augen und lässt die Tautropfen in ihren Kelchen funkeln wie Diamanten. Und am Abend begleiten die letzten Sonnenstrahlen die Blüten in das Land der Träume, wo sie Kraft sammeln können für einen neuen Tag.

Und so entfalten Millionen von Blumen Tag für Tag ihre volle Schönheit aus reiner Lebensfreude und verschenken diese an jeden, der sich die Zeit nimmt sie sich anzusehen.

Das ganze Tal ist, übers Jahr gesehen, wie ein einziges Meer aus Blüten, bestehend aus den verschiedensten Farben und Formen. Und es ist in dieser verschwenderischen Vielfalt so bunt und vielgestaltig wie das Leben selbst. Und wie die Wellen eines Meeres einzelne Felsen umspülen, so umspült dieser, im Wind wogende Pflanzenteppich, in all seiner Farbenpracht, auch die Wurzeln der mächtig und stolz, daraus, aufragenden Bäume. Bäume, deren Äste sich weit ausladend in den Himmel strecken. Gerade so, als würden sie von dort die nötige Lebensenergie, zusammen mit dem Segen Gottes, für das Land erbitten und in sich aufnehmen, um dann alles zusammen der Erde wieder über ihre tiefgründigen Wurzeln zuzuführen.

An vielen Stellen dringen kleine Rinnsale, quirlig plätschernd, aus den Tiefen der Erde an die Oberfläche und vereinigen sich zu kleinen Bächen, die lebensspendend das ganze Tal durchziehen. Auf ihrer Oberfläche spiegelt sich der blaue Himmel und die Sonne pflanzt mit ihren Strahlen tausende kleine Lichtersterne. Ein lauer Wind durchzieht das ganze Tal, angefüllt mit dem süßen Duft der Blüten und dem würzigen Geruch feuchter Erde und lässt die Blüten, Gräser und die Kronen der Bäume im Takt des Lebens hin und her wogen. Die Luft ist erfüllt vom Summen, Zirpen und Fiepen unzähliger Insekten, sowie den Gesängen und den Rufen der Vögel, die - scheinbar schwerelos - ihre Kreise am Himmel ziehen und den Lauten vieler weiterer Tiere, großen und kleinen, für die dieses Tal zu ihrer Heimat geworden ist. Nichts hätte hier schöner sein können, als es war.

Ein richtiges Paradies eben!

Und überall in diesem Tal war er gegenwärtig. Er, dieser eigenartige Zauber, der die verschiedensten Lebewesen friedlich nebeneinander her und auch miteinander leben ließ, in einer einzigartigen Harmonie und einem scheinbar nie enden wollenden Frieden und eines grenzenlosen Glückes. Ein wahres Paradies, in dem alle Lebewesen, egal ob klein, ob groß, egal ob Tier oder Pflanze, sich den Anderen gegenüber als gleichberechtigt verstanden. Denn sie alle begriffen sich als die verschiedenen, sich gegenseitig bedingenden Teile einer einzigen, großartigen Schöpfung.

Und unter all dieser Daseinsvielfalt lebte einst auch ein ganz besonderes Geschöpf. Dieses Geschöpf bewegte sich auf vier hohen, schlanken Beinen und besaß daneben ein strahlend weißes, kurzes Fell. Ein Fell, das jedes Auge zu blenden vermochte. Dann, wenn die Strahlen der Sonne direkt darauf fielen und vom Fell des Tieres reflektiert wurden.

Auch dieses Tier lebte getreu nach den Gesetzen des Waldes und war gut Freund mit allen anderen Lebewesen des Tales. Und auch die anderen Tiere des Tales begegneten ihm freundlich und unterhielten sich gerne mit ihm. Denn es hatte stets ein nettes Wort für jeden und war auch sonst immer achtsam im Umgang mit allen Lebewesen des Tales und so machte es sie sich zu Freunden.

Es war eines der Gesetze des Tales, dass man all das, was man an Gedanken, Worten und Taten gibt oder aussendet, seien sie gut oder schlecht, egal von welcher Seite aus, in gleicher Weise wieder zurückerhält.

Und so gaben die Lebewesen in dem Tal allesamt gerne, mit frohem Herzen und gänzlich ohne Neid. Das Wertvollste aber, das sie sich schenkten, war Freundschaft.

So verliefen die Tage in diesem Tal allesamt in dem immer wiederkehrenden, harmonischen Gleichklang. Ohne jedoch, dass deshalb auch nur im Ansatz Langeweile aufkam. Und so wanderte auch das weiße Tier Tag für Tag durch den Wald, in dem es geboren war und in dem es sich zu Hause fühlte. Es lauschte dem Gesang der Vögel, naschte vom süßen Nektar der bunten Blüten und stillte seinen Hunger mit den saftigen Früchten der Bäume und Sträucher.

Auf seinen täglichen Streifzügen traf es auch immer wieder auf neue, ihm fremde Tiere, mit denen es sich dann auch immer gerne und sehr lange angeregt unterhielt, um von deren Anderssein zu lernen. Und so hatte das Tier schon bald viele sehr erstaunliche und interessante Geschichten aus der Lebenswirklichkeit dieser, zum Teil auch sehr exotischen Lebewesen, erfahren. Und wenn das weiße Tier so durch sein Tal streifte, achtete es immer darauf, dass es keine der zarten Blüten, die den Bach säumten, mit seinen Hufen zertrat. Auch dann nicht, wenn es sich einen erfrischenden Schluck aus dem kühlen Nass gönnte.

Das blieb natürlich nicht unbemerkt. Und so sprachen die Dotterblumen auch eines Tages zu ihm: „Hab’ Dank für deine Achtsamkeit. Mögest du auf deinen Lebenswegen stets die gleiche Rücksichtnahme erfahren!“ Dem weißen Tier war dieser Dank fast ein wenig peinlich, denn es hielt seinen Umgang mit den Geschöpfen der Natur für selbstverständlich. Waren sie doch alle Teile der gleichen Schöpfung. Dennoch bedankte das Tier sich herzlich bei den Blumen für die guten Wünsche und setzte seinen Weg freudig fort. Ab und an legte es eine kurze Pause ein, um wieder einmal einen Schluck aus dem Bach zu trinken, um sich zu erfrischen und um so die klare Reinheit des Wassers in sich aufzunehmen. Oder um seinen Kopf einfach mit geschlossenen Augen in den Himmel zu recken und die ganze Kraft und Wärme der Sonne tief in sich aufzunehmen und damit jede Dunkelheit und Kälte aus seinem Körper zu vertreiben. Und um seinen Körper stattdessen ganz mit dem Licht und der Wärme aufzufüllen. Tief sog das weiße Tier dabei die vom Blütenduft schwere Luft in sich auf und fühlte sich unendlich glücklich, hier leben zu dürfen.

Konnte das Leben nicht einfach herrlich sein!

Und mit einem letzten tiefen Atemzug und einem stillen Lächeln auf seinen Lippen öffnete das weiße Tier danach wieder die Augen und ging weiter, einfach immer der Nase nach.

Und als das weiße Tier so dahinschlenderte, begegneten ihm zwei Schmetterlinge, die mit den zarten Bewegungen ihrer filigranen Flügel einen anmutigen Tanz in der Luft vollführten. Ihre Flügel waren von einer Farbe, wie es das Tier noch nie zuvor gesehen hatte. Es war ein tiefes, strahlendes Blau, das selbst die Farbe des Himmels übertraf. Ein Blau, das immer dann zu sehen war, wenn die Sonne ihren höchsten Stand am Himmel erreicht hatte und das Blau dann seine größte Leuchtkraft besaß.

Und so sprach das weiße Tier die Schmetterlinge begeistert an: „Was seid ihr nur für wunderschöne Tiere! Ihr müsst gewiss sehr glücklich sein und ein gutes Herz haben, wenn euch die Schöpfung mit so viel Schönheit und Anmut ausgestattet hat. Gerne würde ich euer Freund sein. Sagt mir bitte, wer ihr seid und woher ihr kommt!“ Die Schmetterlinge ließen sich auf einer weißen Glockenblume nieder, wodurch ihre Farbe noch intensiver zu leuchten begann. Und nur ab und zu, während sie da saßen, hoben und senkten sich ihre Flügel leicht, um so die Balance auf der sacht im Wind schwingenden Blüte zu halten. Das weiße Tier ließ sich erwartungsvoll daneben ins Gras sinken und lauschte gespannt dem, was ihm die Schmetterlinge zu erzählen hatten: „Sei gegrüßt! Wir sind Schmetterlinge, wie du bestimmt schon bemerkt haben wirst und wir kommen von sehr weit her. Wir können fliegen und sind somit frei wie der Wind und wir lassen uns von ihm von Ort zu Ort tragen. Für uns gibt es keine Mauern und keine Zäune, keine Grenzen und auch sonst nichts, das uns aufhalten könnte. Und so sind wir auf unseren Reisen schon weit herumgekommen, aber noch nirgends haben wir ein so schönes Tal wie dieses hier gesehen. Und weil wir dachten, dass jeder, der das Glück hat, in einem so schönen Tal leben zu dürfen, nicht anders als glücklich sein kann, haben wir uns entschieden, uns für eine Weile hier niederzulassen. Und weil niemand jemals zu viele Freunde haben kann, freuen wir uns darüber, dass auch du jetzt unser Freund sein möchtest und so bieten wir dir mit Freuden auch unsere Freundschaft an. Aber jetzt sag’ du uns einmal, was du denn für ein Tier bist! Noch nie ist uns so ein Tier wie du begegnet. Auf keiner unserer Reisen. Du musst also etwas ganz Besonderes sein!“

„Ach nein“, sagte das weiße Tier da verblüfft: „ich bin doch nichts Besonderes! Ich bin einfach nur ein weißes Tier! Ein Tier wie viele andere auch. Nur eben nicht so bunt und so schön wie zum Beispiel ihr es seid.“

Die Schmetterlinge stimmten dem, was das weiße Tier sagte, nur bedingt zu: “Ja, du bist weiß! Aber zu welcher Tierart gehörst du? Zu welcher Familie?“

Und das Tier antwortete wieder: “Ich gehöre zu den Tieren des Waldes hier. Hier wurde ich geboren. Sie alle hier sind meine Familie. Ich bin wie sie.“

Die Schmetterlinge aber schienen nun doch sehr erstaunt über die Antwort des Tieres und entgegneten stirnrunzelnd und deutlich widersprechend: „Aber das kann nicht sein! Schau dich doch einmal an! Du bist nicht so wie die anderen Tiere hier! Keines davon hat ein ähnlich schneeweißes Fell wie du. Und keines hat diesen Glanz in den Augen und bewegt sich mit so viel Anmut wie du. Dich umgibt ein eigenartiger Zauber. Uns scheint, du bist ein Wesen mit einer fast schon magischen Ausstrahlung und nach unserem Erleben bist du ganz einzigartig unter den Tieren hier und auch anderswo. Und deshalb ist es uns eine ganz besondere Freude, dich getroffen zu haben und dich zum Freund zu haben. Wir wünschen dir Freude auf all deinen Wegen!“ Mit diesen Worten erhoben sich die beiden Schmetterlinge in die Luft und flogen davon. Das Tier aber sah ihnen noch lange nachdenklich nach, bis die Schmetterlinge schließlich seinen Blicken am Horizont entschwanden.

Was hatten die beiden gesagt? „Du bist anders! Etwas Besonderes! Schau dich doch einmal an!“ Was meinten sie nur damit? Es war doch nur ein Tier, so wie all die anderen Tiere in diesem Wald und diesem Tal auch. Es gehörte doch zu ihnen. Sie waren seine Brüder und Schwestern. Sie waren seine Familie. Und noch nie hatten sie ihm das Gefühl gegeben, dass es anders war. Das Tier rief sich nun selbst zur Ordnung. Schluss jetzt mit diesem Unsinn. Das weiße Tier, es war ein Kind dieses Tales und damit auch Teil dieser Gemeinschaft der Tiere hier. Die Tiere hier, sie waren seine Familie. Es gehörte einfach zu ihnen. Doch da war mit einem Mal aber auch so eine Stimme im Kopf des weißen Tieres, die sich mit dieser Begründung allein nicht zum Schweigen bringen lassen wollte. Warum hatten die Schmetterlinge dann so komische Sachen gesagt? “Schau dich doch einmal an!“ Was glaubten sie denn so Besonderes an ihm gesehen zu haben?

So ein Unsinn! Das Tier schüttelte sich energisch, so dass ihm seine lange, weiße Mähne wie eine haarige Wolke um den Kopf flog. Schluss damit! Das Tier musste jetzt unbedingt etwas dagegen unternehmen. Dagegen, dass ihm derartige Gedanken weiterhin in seinem Kopf herumspukten und es sich selbst noch etwas einzubilden begann. Nur weil da ein paar Schmetterlinge etwas in das Tier hineininterpretierten, was vielleicht nur ihrer elfenhaften Natur und ihrem Hang zu Märchen und Legenden entsprang.

Und so ging das weiße Tier entschlossen zurück zum Bach, um mit dem reinen, kühlen Wasser wieder Klarheit in seine Gedanken zu bringen und um damit alle Zweifel kurzerhand wegzuwaschen. Fest entschlossen, seinen Kopf in dem klaren Nass unterzutauchen, um dadurch auch das unruhig wallende Blut zusammen mit den beunruhigenden Gedanken, die die Worte der Schmetterlinge in seinem Kopf hervorgerufen hatten, abzukühlen und um sie so zum Schweigen zu bringen, näherte das weiße Tier sich schwungvoll der Wasseroberfläche. Aber plötzlich zuckte es genauso schwungvoll, wie es sich dem Wasser genähert hatte, auch gleich wieder zurück. Denn es begegnete dort, nahe der Wasseroberfläche, ganz unerwartet zwei großen, strahlend grünen Augen. Augen, die ihm sanft aber auch neugierig entgegenblickten. Augen, in denen aber auch ein Anflug von Traurigkeit lag. Und es dauerte eine ganze Weile, bis das Tier schließlich erkannte, dass es sein eigenes Spiegelbild war, das ihm da entgegenblickte. Und zum ersten Mal in seinem Leben begann das weiße Tier sich bewusst zu betrachten.

Es sah das strahlend weiße Fell, den langen weißen Schweif, die klaren grünen Augen, die wie tiefe Seen in einer von Schnee bedeckten Landschaft wirkten, geheimnisvoll und unergründlich. Es sah die weiße Mähne, die den anmutig geformten Kopf umwehte und die an seinem Hals hinabfloss und es sah dort, mitten auf seiner Stirn, ja es sah dort wirklich und wahrhaftig ein goldfarbenes Horn. Ein Horn, das wie zu einer Spirale zusammengedreht war und das an einen Lichtstrahl der Sonne erinnerte. Besonders dann, wenn das Tier seinen Kopf zum Himmel empor hob und das Sonnenlicht direkt auf sein goldenes Horn traf und es so zum Leuchten brachte.

Und in diesem Moment wurde es dem Tier mit einem Mal bewusst, dass die beiden Schmetterlinge Recht hatten.

 

*

2. Die Suche nach dem Ich

 

Die Schmetterlinge hatten Recht!

Das Tier, es sah wirklich ganz anders aus als all die anderen Tiere des Waldes, denen es tagtäglich begegnete. Denn keines davon war ihm wirklich ähnlich. Das weiße Tier, es hatte nicht den schönen, buschigen Schwanz des Eichhörnchens, das unentwegt damit beschäftigt war, die Samen der Bäume als Vorrat in der Erde zu vergraben. Es hatte nicht das bunte Federkleid der Vögel, die jeden Abend ihr Schlaflied anstimmten, wenn sich die Sonne nach einem erfüllten Tag hinter den Hügeln, mit einem letzten, purpurroten Aufleuchten verabschiedete. Es hatte nicht das weiche, samtig schimmernde, schwarze Fell des Panthers, der sich geschmeidig durch das Unterholz des Waldes bewegte. Es hatte nicht, wie die Schnecke, ein Haus auf seinem Rücken, in das es sich hätte zu jeder Zeit zurückziehen können.

Es hatte nicht, ..., es hatte nicht, …, es hatte nicht, …!

Das weiße Tier - es war einfach anders!

Und während es dem Tier bei dieser Betrachtung heiß und kalt gleichzeitig wurde, bildeten sich auf der Wasseroberfläche plötzlich kleine, kreisförmige Wellen, die zum Ufer hin ausliefen. Und dann sprach aus der Mitte dieser Wellenbewegungen heraus eine Stimme vom Grund des Baches das Tier an und unterbrach so seine trüben Gedanken: „Hey du! Was guckst du denn so traurig drein?“ Das Tier schaute in das klare Wasser, geradewegs in die Richtung, aus der die Stimme kam und sah dort zwei Forellen, die mit ihren schlanken Körpern gegen die Strömung des Baches anschwammen, wobei sich ihre Flossen wie kleine Schleier um ihre Körper bewegten. Das weiße Tier antwortete ihnen hoffnungsvoll: „Ach ihr seid es, ihr lieben Fische! Vielleicht könnt ihr mir ja helfen! Sagt mir, ich bin doch eure Schwester und gehöre doch zu eurer Familie!“

„Nein“, antworteten die Fische da aber bestimmt: “Du bist keines von uns! Wir mögen dich gerne. Aber du bist nicht wie wir. Du bist anders! So ein Tier, wie du eines bist, haben wir sonst noch nirgendwo gesehen und wir können dir deshalb leider auch nicht bei der Beantwortung deiner Frage helfen. Aber mach’ dir nichts daraus! Wir mögen dich trotzdem. Fast so wie eine richtige Schwester. Aber jetzt müssen wir weiter. Du weißt, die Familie! Sie wartet. Wir wünschen dir noch einen schönen Tag!“

„Euch auch noch einen schönen Tag“, erwiderte das weiße Tier enttäuscht und lief weiter entlang des Baches. Ohne jedoch wirklich etwas von seiner Umgebung wahrzunehmen und ohne zu wissen, wohin es eigentlich ging. Es folgte einfach weiter dem Bachlauf.

Dieser hatte nach mehreren Windungen die Wiese verlassen und war am Waldrand angekommen. Das weiße Tier folgte dem Bachlauf weiter in den Wald hinein, angetrieben durch das Plätschern des Wassers, das jetzt in den Ohren des weißen Tieres wie ein leises Flüstern klang, das immer nur ein und dieselbe Frage kannte: „Wer bin ich?“ Das Tier trottete mit schleppenden Schritten und mit von schweren Gedanken tief gebeugtem Haupt an den Ufern des Baches entlang, immer weiter hinein in den Wald. Und zum ersten Mal hatte es keinen Blick für die mächtigen Bäume, die seit das weiße Tier denken konnte hier standen und scheinbar völlig unbeeindruckt von den vielen großen und kleinen Geschehnissen, die sich zu ihren Füßen tagtäglich ereigneten, in stoischer Ruhe ausharrten. Es sah nicht die großen Buchen, deren Wurzeln weit aufgefächert knorrig in die Erde ragten und deren zerklüftete und borkige Stämme auf der Seite, die dem Norden zugewandt war, dicht mit grünem Moos bewachsen waren. Die Bäume hier waren allesamt schon sehr alt. Älter wohl als jedes andere Lebewesen, das hier lebte und sie hatten schon vieles erlebt und auch schon so manch einen Sturm überstanden. Und jede der mächtigen Buchen hatte ihre ganz eigene Persönlichkeit, mit der sie ihre Betrachter in ihren Bann zu ziehen vermochte. So fanden zum Beispiel in den Kronen manch eines dieser Bäume große Stauden wilder Orchideen ihr Zuhause. Viel besucht von Hummeln, deren Summen sich in das Konzert der vielen Waldvögel mischte.

Doch auch dafür hatte das weiße Tier heute keinen Blick. Unaufhörlich kreiste immer nur ein und derselbe Gedanke in seinem Kopf: „Wer bin ich?“

Das Tier tauchte nur ein einziges Mal kurz aus seiner Versenkung auf und hob seinen Kopf in dem Moment, als es auf eine Lichtung hinaustrat. Es war eine Lichtung inmitten des Buchenwaldes, auf der sich gewöhnlich die smaragd-farbenen Eidechsen träge auf den einzeln, zwischen Farnen und Gräsern verstreut liegenden Steinen sonnten.

Und bei diesem kurzen Blick entdeckte das weiße Tier inmitten dieser sonnendurchfluteten Lichtung eine Rehfamilie mit zwei Kitzen, die sich dort zum Ausklang des Tages gemeinsam eingefunden hatte. Die zwei kleinen Kitze standen noch auf sehr wackligen Beinen und wirkten selbst in ihrem Spiel noch etwas unbeholfen. Dennoch sprangen sie in ungestümem Tempo über die Wiese, wobei immer das eine das andere zu fangen suchte. Man konnte ihnen die Lebensfreude und die Unbekümmertheit ihres jungen Lebens deutlich ansehen. Sie tobten und sprangen ausgelassen über die von der Sonne mit goldenem Licht beschienene Wiese, während die Elterntiere eng beieinander, in unmittelbarer Nähe standen und stolz das Treiben ihrer Sprösslinge betrachteten. Und dabei berührten sich ihre Körper von Zeit zu Zeit wie zufällig auf eine ganz zarte und liebevolle Weise, die erkennen ließ, dass sie zusammengehörten. Diese Vier gehörten ganz zweifellos zusammen!

Das sah man auf den ersten Blick. Und zwar nicht nur deshalb, weil sie sich schon alleine in ihrem Äußeren glichen, sondern man erkannte es auch an der Vertrautheit, mit der sie miteinander umgingen.

Bei einem solchen Anblick wurde dem weißen Tier sonst jedes Mal ganz warm ums Herz und es freute sich ehrlich an diesem stillen Glück der anderen. Doch dieses Mal war etwas anders. Ein tiefer, nie gekannter Schmerz durchfuhr das Herz des weißen Tieres. Und es wandte sich traurig ab und ging ziellos weiter durch den Wald. Alleine. Und zum ersten Mal in seinem Leben fühlte es sich auch so – alleine!

Das weiße Tier fühlte sich mit einem Mal fremd in diesem, seinem Tal, in dem es doch eigentlich zuhause war. Mit einem Mal war es so, als gehöre es nicht mehr dazu. Und das weiße Tier kam sich vor, als befände es sich unter einer Glasglocke und wäre darin gefangen. Einer Glasglocke, die es von allem trennte und isolierte. Von allem, was ihm bisher vertraut und zugehörig schien. Es war dieses Bewusstsein, dass es anders war, anders als alle anderen Tiere dieses Tales. Dieses Bewusstsein entfremdete das weiße Tier von diesen und machte es einsam.

Und dieses Gefühl des Andersseins und die damit verbundene Einsamkeit lasteten so schwer auf ihm, dass es seinen Kopf tief gesenkt hielt und keinen Blick mehr für die schönen Dinge ringsumher hatte. Es war zwar alles immer noch da. Alles an seinem Platz, wie zuvor auch, aber irgendwie hatte sich die Welt des weißen Tieres nun grundlegend verändert. Alles Schöne war verschwunden. Die Farben in der sonst so leuchtenden Landschaft wirkten jetzt viel blasser und kühler und wie mit einem grauen Schleier überzogen. Auch die Strahlen der Sonne schienen nun an Intensität verloren zu haben und vermochten das Tier nicht mehr richtig zu wärmen. Es fühlte tief in seinem Innern eine nie gekannte Kälte in sich aufsteigen. Seine Schritte wurden immer schwerer und mühsamer und es fühlte sich sehr, sehr müde und sehr alt und auch richtiggehend krank. Und dieses Gefühl nahm nun immer mehr zu, bis das weiße Tier schließlich nicht mehr in der Lage war, seinen Weg fortzusetzen.

Völlig ermattet blieb es einfach stehen und ließ sich an Ort und Stelle zwischen den Wurzelarmen einer mächtigen Rotbuche nieder und bettete seinen Kopf auf den weichen, grünen Moosteppich dazwischen. Schlafen! Nur ein wenig schlafen, dachte das erschöpfte Tier, am Ende seiner Kräfte. Und wenn ich dann aufwache, werde ich merken, dass alles nur ein böser Traum war und ich werde wieder so sein, wie all die anderen Tiere des Waldes und ich werde mich wieder eins fühlen mit ihnen. Und kaum hatte das Tier seine Augen geschlossen, da verfiel es auch schon in einen tiefen Schlaf, der auch den Rest des Tages über andauern sollte.

Die Sonne senkte sich langsam in ihrem rot leuchtenden Abendkleid auf die Hügelkette, die das Tal umgab, um sich dahinter, wie allabendlich, zur Ruhe zu begeben. Dabei grüßte sie mit ihrem Farbenspiel die silberne Scheibe des Mondes, der sich zur gleichen Zeit anschickte, von nun an mit dem Zauber der Nacht das Land zu regieren. Das Mondlicht überzog das ganze Tal nach und nach mit seinem silbrigen Glanz, ließ Träume und Mythen zum Leben erwachen und machte die Magie der Stunde sichtbar.

Im Schein des Mondes leuchtete auch das Fell des weißen Tieres, das im Schlaf Vergessen suchte, weithin sichtbar. So als wäre es mit Silberfäden durchwirkt, schien das weiße Tier mit dem Mond - zumindest auf diese Weise - eine Art Verbindung einzugehen, indem es durch den silbrigen Glanz seines Felles den Schein des Mondes auf Erden widerspiegelte.

Dicht an die Wurzeln der Buche geschmiegt ruhte das weiße Tier nun und fand im Schoße der Nacht etwas von dem Schutz und der Geborgenheit, die ihm der Tag heute versagt hatte. Und letztendlich schenkte die Nacht ihm auch einen Traum. Einen Traum, der vielleicht die Antwort auf seine Frage zu sein schien. Eine Antwort auf die in seiner Seele brennende Frage:

„Wer bin ich?“

In diesem Traum fand sich das Tier auf einer steilen Klippe wieder. Es lag im Schatten von gelb blühenden Ginsterbüschen und blickte hinaus aufs Meer, dessen blaue Fluten nur durch den Horizont, der zu dieser Stunde nur noch als dünne Linie an dessen Oberfläche sichtbar war, begrenzt wurde. Und diese feine Linie trennte das Blau des Meeres vom Blau des Himmels wie durch eine feine Naht. Die Sonne stand hoch und ließ die warme Luft über der Erde flirren. In den Ginsterbüschen summte emsig ein Bienenvolk und leerte dabei die gelben Blütenkelche. Grillen ergänzten das Konzert mit ihrem Zirpen aus dem Verborgenen heraus. Ab und zu unterbrochen vom Kreischen der Möwen. Die Luft schmeckte salzig durch das nahe Meer, dessen Wellen ein stetes Auf und Ab vollführten, bis sie sich schließlich mit einem donnernden Geräusch an dem grauen Granit der Klippen brachen.

Hoch oben in der Luft, über dem Platz, wo das weiße Tier sich nun hingelegt hatte, zog ein mächtiger Adler seine Kreise, stolz und frei.

Das weiße Tier beobachtete versonnen den Flug des Adlers. Er schien stetig über der Stelle, an der das weiße Tier lag, zu kreisen. So, als suche er dort etwas Bestimmtes. Seine Kreise wurden dabei enger und enger und er verlor auch deutlich an Höhe. Plötzlich erblickten seine scharfen Augen unter sich das weiße Tier, das mit großen, grünen Augen gebannt zu ihm heraufblickte. Er sah mitten hinein in diese Augen, die klar und tiefgründig zugleich, wie zwei tiefgrüne, kristallklare Bergseen, in einem von einem silbrig weißen Fell überzogenen, ebenmäßigen Gesicht leuchteten. Und so trafen sich ihre Blicke, wie magisch voneinander angezogen.

Und magisch war dann auch das Gefühl, das sich bei dieser ersten Begegnung bei beiden in ihrem Innern ausbreitete und das von da an immer weiter von ihnen Besitz ergriff. Ein Gefühl von Verbundenheit, von inniger Vertrautheit, so als wären sie Freunde, seit langer, langer Zeit schon und so, als wäre dies eine Freundschaft, die auch auf alle Zeiten bestehen sollte. Das weiße Tier traf dieser Augenkontakt mit dem Adler wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Noch nie zuvor in seinem Leben hatte es sich einem anderen Tier gegenüber auf Anhieb so vertraut, so zugehörig gefühlt, wie es nun bei diesem Adler der Fall war. Bei diesem Adler, einem Tier also, das in seiner Art dem weißen Tier von Natur aus doch so grundverschieden war. Und doch verspürte das weiße Tier diesem Adler gegenüber eine Anziehung, fast schon eine Art Verwandtschaft. Ja, das war es! Das weiße Tier fühlte sich mit dem Adler seelenverwandt.

Es blickte zu ihm hinauf, blickte in seine blauen Augen und sah darin... ja es sah darin wirklich und wahrhaftig einen Teil von sich selbst. Einen Teil, von dem es bis zu diesem Moment selbst nicht gewusst hatte, dass er ihm sein ganzes Leben lang in seinem Herzen gefehlt hatte. Doch jetzt, da es diesem Teil in der Gestalt dieses Adlers begegnet war, fühlte das weiße Tier ganz deutlich, wie sich durch diese Begegnung eine große Leere in seinem Herzen füllte. Und mit einem Mal fühlte sich das weiße Tier überhaupt nicht mehr einsam oder alleine. Es hatte da oben in der Form des Adlers, sein Gegenstück, seinen Zwilling gefunden. Den Teil, der ihm bisher immer gefehlt hatte und den Teil, der das weiße Tier nun vollkommen machte. Das weiße Tier war in diesem Moment so glücklich, wie es glaubte, in seinem Leben zuvor noch nie gewesen zu sein. Endlich hatte es hier jemanden gefunden, der ganz und gar zu ihm zu gehören schien. Es fühlte sich so an, als ob sie von jeher für einander bestimmt gewesen wären. Dies schien auch der Adler, hoch über dem weißen Tier, so zu empfinden. Denn dem weißen Tier war auf einem Mal so, als vernähme es die Stimme des Adlers, der ihm aus der Ferne etwas zurief.

„Alte Freundin!“, hörte das Tier ihn. So als ob der Adler ihm diese Worte zuflüstern würde. Obwohl dies über die Entfernung hinweg, die die beiden voneinander trennte, in Wirklichkeit kaum möglich war. Aber vielleicht hörte oder vielmehr fühlte das Tier diese Worte auch mehr, als es sie hörte, einfach irgendwie tief in seinem Herzen. Doch sie waren da! Irgendwie hatten sie den Weg vom Herzen des Adlers bis hinein in das Herz des weißen Tieres gefunden und sie fielen dort auf fruchtbaren Boden.

Für das weiße Tier und den Adler schien die Zeit nun einfach still zu stehen. Sie hatten sich nach langer Zeit nun endlich, durch Raum und Zeit hinweg, wiedergefunden und das Band ihrer Freundschaft neu geschlossen. So zumindest fühlte es sich für beide in diesem Augenblick an. Ein wahrlich magischer Moment!

Der seltsame Bann wurde dann jedoch jäh gebrochen, als ein donnerndes Geräusch die ansonsten so friedliche Stille durchbrach. Es war das Donnern vieler Hufe auf einem staubigen Weg, das rasch näher zu kommen schien. Das weiße Tier wusste nicht, wie ihm in diesem Moment geschah und automatisch duckte es sich Schutz suchend tief in die Ginsterbüsche, die es dort, an seinem Ruheplatz, umgaben. Der Lärm der donnernden Hufe kam immer näher. Und dann sah das weiße Tier schließlich auch die Tiere, die in wilder Flucht vor etwas ungeheuer Bedrohlichen am Rand der Klippen herangestürmt kamen. Es waren mehrere Dutzend Tiere. Tiere, ein jedes mit einem silberweißen Fell und einem goldfarbenen Horn auf seiner Stirn. Tiere, in denen das weiße Tier, dort in seinem Versteck, unweit des Geschehens, sich selbst wiedererkannte. Dem weißen Tier blieb vor Erstaunen und blankem Entsetzten beinahe das Herz stehen. Das da, diese Herde weißer Pferde, das ist meine Familie! Ihnen gehöre ich an, dachte das weiße Tier mit wild klopfenden Herzen. Endlich! Endlich habe ich mit ihnen meine Wurzeln gefunden! Meine Suche hat jetzt, hier und heute, ein Ende.

Doch dieses, sich gerade noch aufdrängende, Hochgefühl fand so urplötzlich wie es sich bei dem weißen Tier eingestellt hatte, auch schon wieder ein Ende.

Denn anscheinend wurde diese Herde weißer Pferde von etwas sehr Bedrohlichem gnadenlos die Klippen entlang gehetzt. In wildem Galopp rasten die gejagten Tiere, scheinbar ungebremst und blind vor Angst, auf den Abgrund der steil abfallenden, schroffen Felsen zu. Dabei vermischte sich das Donnern ihrer Hufe auf dem felsigen Untergrund mit dem Donnern der Brandung eines nun von aufkommenden Windböen aufgepeitschten Meeres am Fuße der Klippen. Angsterfüllte Wieherlaute der gejagten Tiere waren nun weit über die sich rasch verdunkelnde Landschaft hinweg zu hören und ließen dem weißen Tier das Blut in den Adern gefrieren. Denn es konnte nur noch eine Frage der Zeit sein, bis es zum unvermeidlichen Absturz der Tiere ins Meer kommen musste.

Das weiße Tier war vor Angst wie gelähmt und duckte sich voller Panik tief in die Büsche, von denen es umgeben war. Es hielt den Atem an, um nicht bemerkt zu werden. Gleichzeitig aber suchte es fieberhaft nach einer Möglichkeit, diesen Tieren, von denen es - und das wusste das weiße Tier nun mit Gewissheit - ja selbst auch eines war, zu helfen. Doch wie nur? Was konnte es bloß tun? Ohne zu wissen, was in diesem Moment wirklich geschah, spürte das weiße Tier doch ganz instinktiv, dass es jetzt auch selbst in großer Gefahr war. Es fühlte sich hilflos einer unsichtbaren Bedrohung ausgeliefert. Was war hier nur los? Was hatte das alles denn bloß zu bedeuten? Wie hypnotisiert konnte das weiße Tier dem ungeheuerlichen Geschehen um sich herum nur machtlos zusehen.

Eine Herde, bestehend aus mehreren Dutzend Tieren, welche dem weißen Tier, dort in seinem Versteck, bis aufs Haar glichen, rasten mit vor Schreck weit aufgerissenen Augen und angstvoll geblähten Nüstern auf die Spitze der Klippe zu. Ihre Körper bäumten sich auf, als die ersten der weißen Tiere den Rand der Felsen erreicht hatten und ihre Hufe dort ins Leere traten. Ihre weißen Körper waren von der Anstrengung, einem übermächtigen Feind zu entkommen, schweißnass und ihre goldfarbenen Hörner blitzten auf in den letzten Strahlen der untergehenden Sonne. Mit verkrampften Muskeln warfen sie ihre sehnigen Körper herum, um so, vielleicht in letzter Sekunde, doch noch dem drohenden Absturz zu entgehen. Doch ihre Lage war hoffnungslos. Denn im selben Moment als die Tiere umkehren wollten, baute sich, wie aus dem Nichts kommend, eine übermächtige Gestalt in einer tief schwarzen, schmiedeeisernen Rüstung und hoch zu Ross, wie eine unüberwindliche Festung vor ihnen auf und versperrte ihnen den Weg zurück.

Der Reiter haute seinem schwarzen Hengst die Sporen so brutal in die Flanken, dass dem Tier vor Schmerz weißer Schaum vor das Maul trat und es sich, wie von Dämonen angetrieben, in wilder Raserei immer wieder aufbäumte. Dabei schwang der schwarze Reiter über seinem Kopf ein beinahe mannsgroßes, aus hartem Stahl getriebenes Schwert, das noch rot zu glühen schien vom Feuer, in dem es einst gegossen worden war. Mit gnadenloser Herrschsucht zwang der schwarze Ritter dabei seinem schwarzen Hengst seinen Willen auf und trat ihm so hart in die Flanken, dass dieser erneut zornschnaubend auf seine Hinterbeine stieg und so auf die Herde der weißen Tiere zusprang.

Die verzweifelten Tiere unternahmen nun einen letzten Versuch auszubrechen. Doch mit seinem glühenden Schwert versengte der schwarze Ritter die Erde unter sich und steckte die trockenen Grasbüschel in Brand. Rasch breitete sich das Feuer aus und rollte unaufhaltsam, wie eine Tod bringende Walze, auf die Herde der weißen Tiere zu.

Hoffnungslos in die Enge getrieben gab es hier nun wahrhaftig keine Rettung mehr für die weiße Herde und so suchten die weißen Pferde ihr Heil in dem todbringenden Sprung über die Klippen. Die qualvollen und von Todesangst durchdrungenen Schreie der Tiere waren auch dann noch zu hören, als ihre Körper in den Fluten des aufgewühlten Ozeans eintauchten und unaufhaltsam auf den Meeresgrund hinabgezogen wurden. Dann wurde urplötzlich alles totenstill.

Mit dem Verschwinden auch noch des letzten Tieres dieser weißen Herde legte sich nun fast augenblicklich eine unheilvolle Stille über die Kippen und das Umland. Das Feuer, das der schwarze Reiter entfacht hatte, erstarb, als es am kargen Klippenrand keine Nahrung mehr fand und hinterließ dort nichts weiter als verbrannte Erde. Auch die Sonne war nun, ohne ihr übliches Ritual des Abendrotes, das vor Beginn der hereinbrechenden Nacht, an anderen Tagen sonst immer wie ein Versprechen für das Kommen eines neuen Morgens am Himmel stand, einfach so erloschen. So, als hätte sie all ihre Lebensenergie verloren und würde deshalb die Erde auf lange Zeit verlassen.

Hilflos und vor Tränen fast blind musste das weiße Tier, immer noch hinter einem Ginsterbusch verborgen, mitansehen, wie sich die Tiere, in denen das weiße Tier seine Brüder und Schwestern erkannte, denn um diese handelten es sich ja wirklich, aus Verzweiflung über den Rand der Klippen ins Meer gestürzt hatten. Und es musste bis zuletzt mit anhören, wie ihre ängstlichen Laute in den Fluten des Meeres für immer verstummten. So, als hätte es sie nie gegeben. Ein gequältes Schluchzen entwischte der Kehle des weißen Tieres, was nun auch dem schwarzen Ritter nicht entging. Schlagartig wandte er sich um in die Richtung, aus der er dieses Geräusch vernommen zu haben glaubte und in der sich das weiße Tier ja auch tatsächlich verborgen hielt.

Einen Moment lang, nur einen kurzen Moment lang, erhaschte das weiße Tier einen Blick in die stechenden und alles durchdringenden Augen des schwarzen Ritters, die als einziges durch einen Schlitz in seinem schwarzen Helm ausgespart wurden. Dem weißen Tier gefror förmlich das Blut in den Adern und es machte sich ganz klein dort, in seinem Versteck.

In der Hoffnung, der schwarze Ritter würde diesem verräterischen Geräusch dann, wenn sich das weiße Tier jetzt völlig ruhig und unsichtbar verhielte, nicht mehr weiter nachgehen. Und es so ganz einfach übersehen.

Dem weißen Tier stand der kalte Schweiß auf seiner Haut. Es zitterte und kniff seine Augen so fest zu, wie es das auch immer getan hatte als es noch ganz klein war. Nämlich immer dann, wenn es, wie jetzt auch, vor etwas ganz furchtbare Angst hatte. Denn damals hatte es geglaubt: „Wenn ich dieses Etwas, das mir Angst macht, nicht sehen kann, dann kann mich auch dieses Etwas nicht sehen!“ Was natürlich töricht war. Aber zumindest half es dem weißen Tier jetzt in dieser Situation, einigermaßen ruhig zu bleiben. Nach schier endlosen Minuten wandte sich der schwarze Ritter dann endlich doch wieder seinem Pferd zu, tätschelte ihm zufrieden den Hals und stieg ab. Er schien dem Geräusch, das vor kurzem noch seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch genommen hatte, nun keine weitere Beachtung mehr zu schenken, trat stattdessen mit seinem Schwert dicht an den Rand der Klippen und blickte triumphierend auf sein grausames Werk, das er an der Herde der weißen Pferde verübt hatte.

Inzwischen verdunkelten dichte, schwarze Rauchwolken, die von der verbrannten Erde aufstiegen, die Sonne, die von da an alles von ihrer Macht verloren zu haben schien und mehr und mehr verblasste. Es wurde dunkel. Eine unnatürliche Dunkelheit übernahm jetzt zusammen mit dem Herrn der Finsternis die Herrschaft über die Welt und all ihre Geschöpfe.

Das aufgewühlte Meer schleuderte in einem letzten Aufbäumen seine Wellen wütend gegen die Felsen, so dass die graue, schaumige Gischt hoch über die Klippen hinweg spritzte. Denn selbst das Meer hatte jetzt durch die Abwesenheit der Sonne und des blauen Himmels seine blaue Farbe verloren und mutete nun in diesem diffusen Zwielicht an wie eine graue Masse, die Gift sprühend die Klippen zu erklimmen trachtete. Alles Leben, alle Schönheit war mit einem Mal wie weggewischt. Und zurück blieb eine Atmosphäre aus einer Mischung aus Angst, Verzweiflung und Tod.

Da zerschnitt ein lautes, triumphierendes Lachen die angespannte Stille. Mit einem Ruck richtete der schwarze Ritter nun sein Schwert gen Himmel, erhob seine Stimme über das Donnern der grauen Meeresfluten und rief in die nun unaufhaltsam aufziehende Nacht: „Ich, der Herr über die Finsternis! Herr auch über alle verlorenen Seelen verkünde hiermit, dass es mit dieser Stunde keine Einhörner mehr auf dieser Welt geben wird. Sie sind von dieser Erde getilgt. Und mit ihnen werden auch alle Träume, alle Hoffnung und alles Licht auf ewig auf dieser Erde ausgelöscht sein. So wahr ich der Herr der Finsternis bin, sage ich allen, die es zu hören vermögen:

Solange das Meer sein wird - und das Meer ist unendlich - werden die Einhörner Gefangene sein, im steten Spiel der Gezeiten. Und nur mir allein werden sie noch mit ihrer Anmut und ihrer Magie zu Diensten sein, um meine Macht dadurch noch zu mehren. Und der Glanz ihrer Augen wird allein nur noch mein Herz erwärmen. Und kein anderes Lebewesen wird je wieder ein Einhorn zu Gesicht bekommen. Und so werden die Einhörner in Vergessenheit geraten und all ihre Tugenden mit ihnen. Und ich allein werde Herrscher sein über alle Kreaturen und den Himmel, die Erde und das Meer. Mein Wille geschehe!“

„Das wird nie geschehen. Hörst du! Niemals!“ Dieser Ruf kam aus den Wolken, die sich inzwischen über dem Meer zu einem wahren Unwetter zusammengeballt hatten. Und mit einem entschlossenen Schrei stürzte sich in diesem Augenblick der Adler vom Himmel herab und raste auf den schwarzen Ritter zu, um ihn mutig anzugreifen. Das weiße Tier sah, von dem Ruf des Adlers aufgeschreckt, hoch und wäre in diesem Moment beinahe selbst aufgesprungen, um den Adler unter Einsatz seines eigenen Lebens von seinem selbstmörderischen Vorhaben abzuhalten.

Denn der Kampf schien für den Adler schon von vornherein aussichtslos zu sein. Und so kam es dann auch! Sein scharfer Schnabel prallte immer wieder an der Rüstung des schwarzen Ritters ab und nur unter Aufbietung all seiner Muskelkraft und dank seiner unvergleichlichen Wendigkeit gelang es dem Adler, dann doch immer wieder den gezielten Schwerthieben des schwarzen Ritters, zwar mühsam und meist auch in letzter Minute, immerhin aber doch rechtzeitig zu entkommen. Nach und nach aber verließen den Adler, durch die vielen, unzähligen und dennoch erfolglosen Angriffe, dann letztendlich doch seine Kräfte. Dennoch dachte der Adler gar nicht daran aufzugeben. Sein unerschütterlicher Glaube an die Wichtigkeit seines Tuns gab ihm immer wieder neuen Mut, um einen erneuten Angriff zu wagen. So auch dieses Mal. Und ohne Rücksicht auf sein eigenes Leben, setzte er zu einem erneuten Sturzflug an und fuhr dem schwarzen Ritter dabei mit seinen Krallen mitten ins Gesicht.

Und dieses Mal drangen die Krallen des Adlers durch den Schlitz in die Maske des Helms des Herrn der Finsternis ein und hinterließen einen langen Schnitt auf der Haut des Ritters, dicht neben seinem linken Auge. Der schwarze Ritter geriet, verursacht durch einen brennenden Schmerz in seiner linken Gesichtshälfte, leicht ins Wanken und schien den Halt zu verlieren. Blut rann ihm über das linke Auge und trübte seine Sicht. Der Adler erkannte darin nun seine beste Chance. Und als der schwarze Ritter, dadurch kurz beeinträchtigt, für einen Moment orientierungslos mit seinem Schwert in der Luft herumstocherte, nutzte der Adler diese Gelegenheit, um den Herrn der Finsternis mit einem Überraschungsangriff zu überrumpeln. Bevor der Adler sich nun aber erneut auf den Ritter stürzen konnte, suchte er mit seinem Blick nach dem weißen Tier, das immer noch reglos in seinem Versteck verharrte und er rief ihm zu: „Schnell, lauf weg! Rette dich! Du hast eine Aufgabe zu erfüllen! Du musst leben, um die Einhörner zu befreien!“

Darauf jedoch hatte der schwarze Ritter nur gewartet. Und mit einer raschen Drehung schwang er sein Schwert in die Richtung, aus der die Stimme des Adlers zu ihm drang und schlug zu.

Das weiße Tier aber erwachte aus seiner Erstarrung und rannte davon. Wie von Furien gejagt. Trotzdem konnte es nicht anders! Es warf noch einen letzten Blick zurück zum Adler und dessen Schicksal. Und so sah es auch, wie das Schwert des Ritters den Adler traf, ihm seine Federn versengte und sah, wie der Adler verletzt zu Boden stürzte.

Vor Tränen blind und von Schmerz wie betäubt, stürzte das weiße Tier jetzt immer weiter hinein in die nun immer schneller aufziehende Dunkelheit. Es lief und rannte in panischer Flucht einfach nur weg, ohne zu wissen wohin es sich flüchten sollte. Einfach nur weg von hier, war alles, was das weiße Tier in diesem Moment zu denken in der Lage war. Und so lief es allein um sein nacktes Überleben. Nichts anderes zählte jetzt. Und auf diesem Weg verlor es dann letztendlich auch mit jedem Schritt, den es sich nicht nur aus dem Gefahrenbereich, sondern dadurch auch unweigerlich von dem Adler und von seiner verlorenen Familie der weißen Herde weiter entfernte, all sein Vertrauen, all seinen Glauben und all seine Hoffnung. Und von diesem Moment an ging es den Weg des Vergessens durch die Zeit.

„Lauf! Lauf! Lauf!“ Das weiße Tier rannte so schnell es konnte und hatte dennoch das Gefühl, dass es immer weiter verfolgt wurde. Und dass der Verfolger obendrein noch immer weiter zu ihm aufschloss. War das dieser schwarze Ritter? Dieser Herr der Finsternis, wie er sich selbst nannte? War er es, der trotz des ganzen Durcheinanders auf den Klippen die Flucht des Einhorns doch irgendwie mitbekommen hatte und ihm nun, nachdem es ihm gelungen war, den Adler mit seinem Schwerthieb außer Gefecht zu setzten, ja vielleicht sogar zu töten, nun folgte?

Das weiße Tier durfte gar nicht erst daran denken. Es musste jetzt nur eines und zwar seinem Verfolger entkommen. Nur so konnte es dem Adler helfen, sollte er seine Hilfe denn auch wirklich benötigen. Und so rannte es orientierungslos immer weiter durch die Dunkelheit. Es rannte und rannte und hatte doch, wie in einem wahren Alptraum, den Eindruck nicht wirklich von der Stelle zu kommen.

Und immer näher schien der unheimliche Verfolger dem weißen Tier jetzt zu kommen. In diesem Moment glaubte es schon, seinen heißen Atem in seinem Nacken fühlen zu können und machte einen verzweifelten Satz nach vorne, um so den Abstand zwischen sich und seinem Verfolger zumindest wieder etwas zu vergrößern. Aber durch diesen, doch sehr unüberlegten Sprung, kam das weiße Tier gefährlich ins Straucheln, was ihm wiederum wertvolle Zeit kostete. Zeit, die das weiße Tier nicht hatte. Und so kam, was kommen musste.

Das weiße Tier hörte das Schnauben des schwarzen Hengstes des Herrn der Finsternis nun dicht an seinem Ohr und es wusste, jetzt war es verloren!

Fast schon hatte es den Zugriff des Herrn der Finsternis selbst herbeigesehnt, damit diese unerträgliche Angst endlich ein Ende hatte, egal wie.

Doch als es dann spürte, wie die Finger des Herrn der Finsternis nach seiner Mähne griffen und das weiße Tier daran grob nach hinten gerissen wurde, schrie es doch, gepeinigt von nackter Todesangst, auf und schlug wie wild um sich.

Das Zerren an seiner Mähne aber wurde immer heftiger, so dass dem weißen Tier nun auch noch die Tränen in die Augen traten und es dadurch zusätzlich behindert wurde. Mit wilder Entschlossenheit riss es nun seine Augen weit auf. Jetzt wollte es ihn sehen, diesen schwarzen Ritter! Diesen Herrn der Finsternis, der ihm seine ganze Familie, kaum dass es diese wiedergefunden hatte, wieder entrissen und auf brutale Weise ins Meer gestürzt hatte. Und der dasselbe wohl auch gleich mit ihm tun würde. „Sollte er doch!“ dachte das weiße Tier jetzt voll zornigem Trotz. Was sollte es denn schließlich hier auch noch auf dieser Erde, auf der es ohne Familie und ohne ein wirkliches Zuhause alleine und verlassen war. Sollte der Herr der Finsternis es doch auch hinab auf den Grund des Meeres stürzen! Dann wäre es so, wenn schon nicht im Leben, dann zumindest doch im Tode, mit den Seinigen vereint.

Als es dem weißen Tier dann auch wirklich gelang, seine Angst zu überwinden und es dann tatsächlich auch wagte, seine Augen zu öffnen, blickte es sich fassungslos um. Denn um es herum war es jetzt weder dunkel, noch war da die Hand eines Herrn der Finsternis, die es an seiner Mähne festhielt.

„Wo bin ich?“, dachte das weiße Tier und verstand nicht wirklich, was das alles zu bedeuten hatte. Wo war die Dunkelheit? Wo ihr Verfolger, dessen heißer Atem ihm gerade noch im Nacken gebrannt hatte? Weg! Einfach weg! Wie konnte das sein?

Und dann, nach einigen weiteren Augenblicken, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. „Ein Traum! Ja! Das Ganze war einfach nur ein Traum gewesen!“ Dem weißen Tier fielen nun zentnerweise die Steine vom Herzen. Denn nun wusste es auch wieder ganz genau, wo es sich befand und auch wie es hierhergekommen war.

Das weiße Tier lag nämlich immer noch zwischen den Wurzeln der Buche. Da, wo es sich am Abend zuvor selbst hingelegt hatte, bevor es völlig erschöpft eingeschlafen war. Und das Ziehen an seiner Mähne war auch nicht auf die Hand des Herrn der Finsternis zurückzuführen, sondern vielmehr darauf, dass es sich wohl, während es so schreckliche Sachen geträumt hatte, zwischen den Wurzeln der Buche hin und her geworfen hatte. Und dabei hatten sich dann wohl auch seine Haare in der Rinde des Baumes verfangen. Und das ziepte nun einmal!

„Ein Traum!“, dachte das weiße Tier nun und atmete erst einmal tief durch. Nur ein Traum! Ich bin nicht in Gefahr! Und ich muss auch nicht mehr fliehen, weil alles einfach nur ein böser Traum gewesen war. Ein Traum? Das weiße Tier richtete sich erleichtert auf, befreite seine Mähne aus der Rinde und blickte sich, immer noch leicht verwirrt, um.

Die ersten Sonnenstrahlen schickten gerade einen neuen Tag über das Tal und damit waren nun auch die Geister aus dem Traum des weißen Tieres fast vollkommen verschwunden. Aber eben nur fast. Wenn das alles wirklich nur ein Traum gewesen war, dann war dieser Traum aber doch sehr real gewesen. Und das, was das weiße Tier in dem Traum erlebt hatte, würde auch viele der Fragen, die es sich gestern noch vergeblich gestellt hatte, beantworten.