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Haus Bartleby, die Herausgeber:

Illustrationen dieser Anthologie:

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Edition Nautilus Verlag Lutz Schulenburg

Inhaltsverzeichnis

An uns alle, die Hamster im Rad

I. BÜCK DICH HOCH!

Deichkind

Bück dich hoch

Carlotta, Juri und Mira Assmann

Nö!

Sonja Eismann

Wir können’s nicht

Oliver Kociolek

Unsere Angst ist deren Macht

Elisabeth Voß

Über das Privileg, eine Karriere verweigern zu können

Martin Nevoigt

Besinnt euch!

Anne Waak

Big Love

Van Bo Le-Mentzel

Ich bin dein neuer Prof

Niels Boeing

Monopoly bei drei Grad Celsius

Christian Dries

Bartleby wird mobilisiert

II. ARBEIT IN ANBETRACHT DES NAHENDEN ENDES

TAPETE

Arbeit in Anbetracht des nahenden Endes

Guillaume Paoli

Alles für die Katz

Andrea Komlosy

Leben ist Arbeit

Volka Polka

Eine nüchterne Analyse

Ulrich Renz

Eine Zivilisationskrankheit

Holger Schatz

Sinnlos und überflüssig

Paul Herden

Der Acker der lebenden Toten

David Graeber

Bullshit-Jobs

Yanis Varoufakis

Bescheidener Vorschlag

III. SAG ALLES AB!

Dirk von Lowtzow

Sag alles ab

Antonia Baum

Deswegen schlafen

Patrick Spät

»Noch so ein Sieg, und wir sind verloren!«

Lucy Redler

Gegenwehr statt Yogi-Tee

Hans-Peter Müller

Ökonomie und Lebenskunst

Alix Faßmann

Lauf um dein Leben!

Nis-Momme Stockmann

Zum K-Wort

Anselm Lenz

Das Ende der Neoliberalen Epoche

Hendrik Sodenkamp und das Haus Bartleby

Das Kapitalismustribunal

Verzeichnis aller beteiligten Personen

Danksagung

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An uns alle, die Hamster im Rad

Wir kamen zusammen an einem Herbsttag in Berlin. Bis hierhin waren wir alle unseren Weg gegangen in einer Ökonomie, von der jeder weiß, dass sie binnen weniger Jahrzehnte den einzigen Planeten, den wir Menschen haben, ruiniert. Diese eine Erde, die allen Menschen gleichermaßen gehört. Wir strampelten uns ab im Rad des Lebens.

Wir waren Schriftsteller, Arbeiterinnen, Dozentinnen, Altenpfleger, Radiojournalisten, Soldaten, Möbelverkäufer, Wissenschaftlerinnen, Metallarbeiter, Väter, Mütter, Studentinnen und Experten des Alltags gewesen – und zum Teil blieben wir das auch. Diese Begriffe waren nur nicht mehr die Begründung unserer Existenz.

Man könnte sagen, wir entschieden uns dazu, wieder Menschen zu sein. Aber auch das kam uns gestelzt vor, denn vorher waren wir ja auch schon Menschen gewesen, wir hatten nur eine andere Form gehabt. Was sich änderte, war der Blick auf die Welt.

Als wir unsere Karrieren hinter uns gelassen hatten, öffnete sich der Horizont weit, wie nach einer hässlichen stürmischen Nacht. Und wir blickten auf das, was übrig war. Eine entgeisterte Zivilisation, die jeden Tag ihre Versprechen auf das große Glück brach, den Globalen Süden betrog, wo sie es nur konnte, das Land unter den Reichen aufteilte und ohne haltbare Begründung Mieten von den Armen verlangte, überall Eigentum an sich riss und es mit Waffengewalt verteidigte, potente junge Männer für Armeen anwarb, um sie im Namen des Friedens auf andere junge Männer zu hetzen und alle Menschen von klein auf in ein System von offenen Abhängigkeiten, horrenden Schulden und immer unterschwelligeren Zwängen verstrickte. Ein System, das sich niemand ausgesucht hatte, das niemand jemals so gewollt haben kann, aber aus dem kein Mensch mehr austreten konnte. All das wurde mit einem Anstrich von »Chancen«, »Kreativität«, »Selbstverwirklichung« überstrahlt.

Doch der Stern unserer alten Ökonomie sinkt. Er ist von hier aus kaum noch zu erkennen. Wir bemerken, ungefragt Konzepte mitgetragen zu haben, die nach vier Jahrzehnten Neoliberaler Epoche so schal und hässlich geworden sind wie verschimmelter Apfelsaft, den man uns und allen Menschen in einer hübschen Weinflasche präsentiert. Wir haben einen bunt designten Rückfall in die Adenauer-Ära erlebt, diesmal nicht unter dem Deckmantel der christlichen Nächstenliebe und der totalen Rechtstreue, sondern im Gewand eines total werdenden, sich dem Anschein nach weich und flexibel gebenden Neoliberalismus.

Man flüsterte uns zu: »Und jetzt auf ex! Trink, als wäre diese Flasche die letzte, alternativlose Möglichkeit, etwas vom Leben abzubekommen! Denk dir was aus, stell dich an, source dich aus, verkauf dich und denk an die Work-Life-Balance!« Und immer schön lieb gucken.

Nein. »We would prefer not to.« Wir eröffneten ein Produktionsbüro bei einem Freund, versammelten uns im Hinterzimmer, publizierten auf hausbartleby.org und an Orten, die du dir noch gar nicht vorstellen kannst, organisierten leibhaftige Diskussionsrunden unter dem Titel WERK, vernetzten uns unterschwellig, entwickelten uns zu einer trickreichen Lobby, antichambrierten mit einer ausgefeilten Pressing-Technik und arbeiteten daran, dass das, was wir vorfanden, systematisch hinterfragbar wurde.

Die Aufgabe der sogenannten Generation Y wird darin bestehen, einen friedlichen Übergang der Zeitenwende, die wir erleben, zu bewerkstelligen. Riesiges Eigentum und Machtapparate durch etwas Feineres zu ersetzen. Und einander dabei niemals unfreiwillig aus den Augen zu verlieren.

So beobachteten wir, dass abhängige Arbeit durch nichts anderes entsteht als die seltsam eigentümliche Verteilung von Besitz. Denn Arbeiten und Miete zahlen muss in dieser Form nur diejenige, die von der Eigentümer-Riege letztlich dazu gezwungen wird – sofern sie nicht in den Ritzen der Infrastruktur verrecken will oder gleich ganz ausgesperrt bleibt. Das erzeugt eine systematisch gewollte Unfreiheit, führt zu erbärmlich kaschierten Abhängigkeiten und zwingt unzählige Menschen dazu, die Unwahrheit zu sagen. Das Rad immer weiter und weiter zu drehen. Letztlich wird es in den Krieg führen.

Dieses Buch handelt somit auch von Menschen, die zum eigenen Nachteil richtige Entscheidungen protegieren. Oder die zumindest in der Lage dazu sein könnten. Ja, es geht auch um Erkenntnis und Gewissen, am Ende einer düsteren Epoche, die irgendwann nach 1968 fast unmerklich begonnen hat, in Deutschland seit 1999 schamlos auftrumpft und nach 2001 den Globus immer näher an den Abgrund führt. Bis wir heute endlich spüren, dass wir womöglich nur noch Millimeter entfernt sind von Hyperinflation, Bürgerkriegen, womöglich noch viel Schlimmerem, mitten in Europa.

Wir sind auf unterschiedlichen Pfaden und nach langen Jahren des Studierens, Abwägens und Reflektierens zu der Einsicht gelangt, dass es jetzt ein deutliches Zeichen braucht, an diesem gesellschaftlichen Irrtum nicht mehr teilzunehmen. Und es ist heute beinah gleich, woher es kommt und wer sich diesem Appell anschließt.

Wir rufen den lebenslangen Generalstreik aus und schließen uns dem Urteil des legendären und wahrhaftigen Gregor Gog an – des ›Königs der Vagabunden‹, der im Jahr 1929 in einer Flugschrift gegen Kapitalismus und Arbeitswahn wetterte:

»Die tugendfreien Spießer sprechen von den Vagabunden als einem arbeitsscheuen Gesindel. [Die] Aufgabe [des Vagabunden] ist in dieser Welt nicht die spießbürgerliche Arbeit. Diese Arbeit wäre Mithilfe zur weiteren Versklavung, wäre Arbeit an der bürgerlichen Hölle! Sklavendienst zum Schutze und zur Erhaltung der Unterdrücker! Der Kunde, revolutionärer als Kämpfer, hat die volle Entscheidung getroffen: Generalstreik das Leben lang! Lebenslänglich Generalstreik!«

Du verstehst.

Also: Warum arbeiten wir? Für wen? Wofür? Was ist Arbeit und was nicht? Und müssen das alle machen – Arbeit? Dressiert auf abhängige Arbeit, strampeln wir Hamster uns ab im Rad des Lebens, um den Profit von Chefs und »Standorten« zu mehren. Fortwährend bedroht man uns mit Krisen, ständig sollen die Probleme dieser Ökonomie zu unseren gemacht werden. Für uns und viele andere bleiben indes nur die Krümel; die Zeit der dicken Backen ist schon lange vorbei.

Wir wollen die Torte und dazu die ganze Konditorei – für alle zu gleichen Teilen. Wir werden uns nicht länger mitschuldig machen am ökonomischen, ökologischen und ethischen Desaster.

Der Kapitalismus ist in jeder Hinsicht hoch verschuldet. Wir sind nicht willens, diesen vertrockneten Saftladen unter Einsatz unseres Lebens mitzutragen, die Schulden abzuzahlen, die wir nicht gemacht haben, den anderen armen Leuten zu erklären, warum sie für die Großkopferten kriechen, ihnen Miete überweisen sollen und durch ein frenetisches Wirtschaften die maßlose Vernichtung der Lebensgrundlagen auf dem Planeten zwanghaft immer weitertreiben müssen. Wir werden uns nicht schon wieder zu Vollstreckern eines schleichenden Zivilisationsbruchs machen, von dem nachher wieder mal niemand was gewusst haben will.

Das System ist depressiv, wir sind es nicht. Ihr Hamster: Zeigt eure Zähne! Zernagt den Käfig! Setzt eure Köttel hinter dieses einstürzende Gebäude! Euer Abgang könnte nicht stilvoller sein!

Für unser Buch, dessen Erlöse unserer Conjuration des Égaux, der Verschwörung der Gleichen, namentlich der freien Assoziation Haus Bartleby, gemeinnütziger e.V. zugute kommen, baten wir Kollegen, Mitstreiterinnen, Freunde der Loge sowie entfernte Menschen unseres gesteigerten Vertrauens um ihre Geschichten.

Zu lesen sind ihre Plädoyers für den lebenslangen Generalstreik mit all ihren Widersprüchen, Paradoxien, Näherungen, Erlebnissen, Lamenti und unterschiedlichen Erkenntnissen. Am Ende gilt: Sag alles ab! Die Verweigerung ist ein guter Anfang. Hamster, halte das Rad an! Pflege den Müßiggang, die Eleganz, die Liebe! Verbünde dich in Betrieben und Ämtern!

Vollbeschäftigung ist keine Lösung. Und wenn du nicht mehr weiter weißt oder willst, dann komm zu uns oder mach es selbst! Schließ dich der Arbeit gegen das Bestehende an, ob mit vollem Risiko wie wir, oder eben so weit, wie es dir möglich ist.

Mit herzlichen und hochachtungsvollen Grüßen aus der Lobby Haus Bartleby

Berlin, im Sommer 2015

Die Herausgeber

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I.

BÜCK DICH HOCH

Deichkind

Bück dich hoch

Halt die Deadline ein, so ist’s fein!
Hol’ die Ellenbogen raus, burn dich aus!
24/7, 8 bis 8, was geht ab, machste schlapp, what the fuck?!

Bück dich, bück dich, bück dich hoch,
bück dich, bück dich, bück dich hoch,
bück dich, bück dich, bück dich hoch,
bück dich hoch, ja!
Das muss heute noch zum Chef, besser jetzt!
Bück dich hoch.
Ach du Schreck, Bonus-Scheck, ist schon weg!
Bück dich hoch.
Fleißig Überstunden, ganz normal!
Bück dich hoch.
Unbezahlt, scheißegal, keine Wahl!
Bück dich hoch.

Klick dich, fax dich, mail dich hoch,
grapsch dich, quetsch dich, schleim dich hoch,
kick dich, box dich, schlaf dich hoch,
bück dich hoch, ja!

Bück dich hoch! Komm, steiger den Profit!
Bück dich hoch! Sonst wirst du ausgesiebt!
Bück dich hoch! Mach dich beim Chef beliebt!
Bück dich hoch! Auch wenn es dich verbiegt!
Bück dich hoch! Komm, steiger den Profit!
Bück dich hoch! Sonst wirst du ausgesiebt!
Bück dich hoch! Mach dich beim Chef beliebt!
Bück dich hoch! Bück dich hoch, ja!

Dieses Wochenende Pitch, machste mit!
Bück dich hoch.
Denke groß, sei aktiv, halt dich fit!

Bück dich hoch.
Pass dich an, du bist nichts, glaub ans Team!
Bück dich hoch.
Halt die Schnauze, frisch ans Werk und verdien!
Bück dich hoch.
Aufgebraucht, abgeraucht, ausgetauscht!
Bück dich hoch.
Komm, pack im Meeting noch ne Schippe drauf!
Bück dich hoch.
Yogakurs, abgesagt, reingekloppt!
Bück dich hoch.
Fehlt der Job, ja mein Gott, tu als ob!
Bück dich hoch.

Zick dich, bitch dich, grins dich, push dich,
deal dich, klatsch dich, drück dich, reib dich,
swing dich, stich dich, grip dich, zech dich,
roll dich, fahr dich, stampf dich, jag dich,
kämpf dich, schieß dich, gräm dich, flash dich,
schlag dich, kick dich, press dich, füg dich,
treib dich, knöpf dich, schraub dich, quäl dich,
bück dich hoch.

Du brauchst Konkurrenz, keine Fans!
Do your fucking Job, till the End!
Nimm dir ein Beispiel an Donald Trump!
Was ist los, reiß dich zusammen, pack mit an!
Deinen Einsatz gibst du denen da oben gern!
Bück dich hoch.
Schenke deinen Urlaub dem Konzern!
Bück dich hoch.
Trink nen großen Schluck Leistungsdruck!
Bück dich hoch.
Wir steigern das Bruttosozialprodukt!

Carlotta, Juri und Mira Assmann

Nö!

Eine der ersten Instanzen im Lebenslauf, die gesellschaftliche Strukturen und Ungleichheiten unter dem Deckmantel demokratischer Gleichheit reproduziert, ist leicht zu benennen: die Schule. So stellt der Kritische Psychologe Klaus Holzkamp in einer dezidierten Schulkritik fest, dass durch hierarchische Überwachung, normierende Sanktion und Prüfungen eine »Macht der Norm« entstehe, die zu Homogenität zwinge und Anforderungen stelle anstatt Gelegenheiten zu bieten. Doch auch im Schulsystem gibt es Orte der Verweigerung, so beispielsweise an Freien Schulen, die sich dem Gefüge der Regelschule entziehen und eine neue Lernkultur schaffen wollen.

Welchen Blick gewinnt ein Mensch, der weitgehend frei von herrischer Norm lernt und lebt? Dazu zwei Experten aus der Praxis, beide Lernende an der Freien Schule Kreuzberg, deren Antworten aus Einzelinterviews im Folgenden aus der Freiheit der Schreibenden heraus zusammengetragen werden. Carlotta, zehn Jahre alt, mag den Donnerstag am liebsten, an dem sie nur bis 14 Uhr in die Schule geht und dann machen kann, was sie will. Juri, acht Jahre alt, mag den Freitag am liebsten, weil er dann in der Werkstatt der Schule bauen kann.

Ihr steht jeden Morgen unter der Woche auf und geht in die Schule. Warum eigentlich?

Juri: Weil Kinder lernen müssen. Sonst wissen sie nicht so viel.

Carlotta: Ich glaube, ich würde eigentlich nicht in die Schule gehen, wenn ich dort nicht meine Freunde treffen würde.

Wie würdet ihr sonst lernen?

Juri: Ich würde schon lernen zuhause, aber anders als in der Schule. Meine Mama würde mir dann bestimmt Hefte kaufen, und damit würde ich dann Rechnen lernen.

Carlotta: Ich sage jetzt natürlich, dann würde ich gar nicht lernen wollen, aber wahrscheinlich würde ich dann doch etwas wissen wollen und einfach ziemlich viel nachfragen.

Würdest du etwas am Lernen ändern, Juri?

Juri: Ja, dass manche Schulen nicht so streng sind. An der Schule von meinem Freund, da zeigen die mit Stöckern auf die Tafel und sagen: Alle hinsetzen! Das ist da ganz streng. Und streng mag ich nicht so, weil man dann alles machen muss auf Befehl. Wenn es nicht so streng ist, lernt man ja trotzdem, nur dass man nicht alles so schnell machen muss und es netter ist.

Was würdet ihr mit eurer Zeit machen, wenn ihr nicht in die Schule müsstet?

Juri: Dann würde ich mich selber beschäftigen, viel rausgehen, Sachen bauen, Zeichnen und Hörspiele hören.

Carlotta: Ich würde mich mit Freunden treffen, viel lesen und zuhause bleiben, wenn ich keine Lust hätte rauszugehen.

Habt ihr schon mal etwas abgesagt, was ihr eigentlich machen solltet?

Juri: Ja. Ich wollte nicht rausgehen und habe einfach gesagt: Ich komme nicht mit!

Carlotta: Ja, letztes Jahr ganz oft. Da habe ich mich ganz viel versteckt, weil ich keine Lust hatte, und hab dann natürlich auch oft den Unterricht verpasst.

Und was ist dann passiert, Carlotta?

Carlotta: Die Lehrer waren schon ziemlich wütend auf mich, glaube ich.

Hast du es dann doch gemacht?

Carlotta: Ne, das ganze Jahr lang nicht. Aber dann in den Sommerferien habe ich mir gedacht, dass es klar ist, dass wenn ich irgendwas Blödes mache, dass die das dann auch nicht gut finden, also kann ich das doch auch einfach mal machen.

Was meinst du, warum dir das in den Sommerferien aufgefallen ist?

Carlotta: Weil ich war da nicht in der Schule und hatte Zeit, darüber nachzudenken, dass das letzte Jahr eigentlich richtig doof war für mich. Dabei habe ich mir gedacht, dass ich das ändern kann – und das habe ich dann auch gemacht.

Warum gehen eure Lehrer in die Schule?

Juri: Weil die Kinder nicht alleine lernen sollen. Sonst machen sie mehr Quatsch und lernen wahrscheinlich nicht so viel.

Carlotta: Weil sie bezahlt werden und weil sie vielleicht auch Spaß daran haben, mit Kindern etwas zu unternehmen.

Warum arbeiten Erwachsene denn?

Juri: Damit sie Geld verdienen und damit Essen und Waschmittel kaufen können und die Miete bezahlen.

Carlotta: Weil in dieser Welt kann man eigentlich nichts erreichen ohne Geld. Und deswegen machen die das wahrscheinlich. Oder manche Menschen wollen vielleicht auch etwas anderes erreichen, wie z. B. eine Ärztin, die möchte, dass es anderen gutgeht und deshalb arbeitet. Aber die macht das dann auch, weil sie ziemlich viel Geld dafür bekommt.

Was passiert, wenn Erwachsene nicht arbeiten gehen?

Juri: Dann kriegen sie kein Geld und können nichts kaufen, was sie vielleicht haben möchten.

Carlotta: Dann gibt es noch Hartz IV, aber mehr eigentlich nicht. Oder sie sind auf der Straße und können gar nichts machen. Oder man hat das Glück, dass die Verwandten genug Geld haben, so dass man sich das leisten kann.

Würdet ihr etwas daran ändern, wenn ihr könntet?

Juri: Ja, dass die Armen auch Sachen kriegen und vielleicht ein Haus haben. Also Essen auf jeden Fall.

Carlotta: Ich würde Geld abschaffen. Ich würde handeln, z.B. ich habe eine schöne Blume, und jemand findet die total toll und gibt mir dafür eine Gummibärchen-Tüte. Also das fände ich besser, weil dann auch Leute auf der Straße etwas haben. Aber dann ist auch wichtig, nicht ungerecht zu handeln.

Was ist eigentlich Arbeit?

Carlotta: Da muss man halt bestimmte Sachen, die man vor sich liegen hat, erfüllen. Und wenn man das geschafft hat, bekommt man Geld. Oder es gibt auch Sachen, da sitzt du den ganzen Tag rum, und dafür bekommst du dann Geld.

Was ist für euch faul sein?

Juri: Wenn man Schule schwänzt. Oder wenn Eltern sagen, man soll mal kommen, und ich sage: Nö! Kommt ihr doch zu mir! Dann mache ich das, was ich wollte, einfach weiter. Manchmal ist faul sein dann gut und manchmal nicht.

Carlotta: Faul sein ist nichts Schlimmes, finde ich. Weil wenn man das nicht ist, dann ist das doof für einen selbst. Ich komme z. B. nach Hause um 16 Uhr und der ganze Tag war total anstrengend für mich und dann lege ich mich hin und mache ein Hörspiel an. Was ich dann nicht mag, ist, wenn meine Mama direkt reinkommt und möchte, dass ich was mache. Dann drehe ich total durch, weil ich denke, dass ich auch noch tausend andere Dinge machen muss.

Was machst du dann, wenn deine Mama reinkommt und sagt, du sollst was machen?

Carlotta: Dann sage ich meistens einfach ›Nö‹ und manchmal mache ich es dann doch. Aber wenn sie dann danach noch etwas will, dann frage ich einfach: Was soll ich denn noch alles machen?

Wie fühlt sich das an, ›Nö‹ zu sagen?

Juri: Gut, wenn man das, was man machen will, weitermachen kann und das andere dann einfach nicht mehr machen muss. Carlotta: Ich kann mir schon denken, dass sich das für den anderen in dem Moment doof anfühlt. Aber ich fühle mich dann besser damit.

Können Erwachsene gut ›Nein‹ sagen?

Juri: Na ja, eher so mittel.

Sagen Erwachsene denn manchmal ›Nein, das mache ich jetzt nicht‹?

Carlotta: Eigentlich nicht, soweit ich weiß. Ich glaube, weil sie Angst haben, bei der Arbeit rausgeschmissen zu werden. Die brauchen ja immer noch das Geld.

Was ist denn für dich Angst?

Carlotta: Das bedeutet, dass man halt bestimmte Dinge nicht mag, aber wenn man das nicht tut, dann bekommt man Ärger, und davor hat man Angst. Oder auch wenn du was weißt, was du nicht wissen sollst. Ich habe letztens in einem Buch von einem Mädchen gelesen, das einem Gespräch zugehört hat von zwei Männern, die etwas Böses geplant haben. Sie ist dann weggerannt, weil sie Angst hatte, dass die Männer mitbekommen haben, dass sie zugehört hat.

Was ist für euch Stress?

Juri: Wenn ich zuhause trödele, und meine Mama muss schnell zur Arbeit, aber ich bin an dem Tag ganz langsam. Dann machen wir alles ganz ganz schnell und vergessen manche Sachen einfach. Carlotta: Wenn jemand dir sagt: Jetzt mach das doch mal! Jetzt mach das doch mal! Jetzt mach das doch mal! Und ich mir denke: Ja! Okay, ich mache das ja auch noch, aber nicht jetzt sofort. Wenn man irgendwie dreißig Aufgaben auf einmal bekommt und nicht weiß, wie man das alles sofort machen soll. Das ist Zeitdruck dann, und das ist doof. Als ich noch an der Regelschule war und wir da Klassenarbeiten gemacht haben, und wir hatten plötzlich nur noch fünf Minuten Zeit, ich hatte aber noch eine halbe Seite vor mir, weil ich an einer anderen Aufgabe hängengeblieben bin. Das war Stress.

Haben Erwachsene auch Stress?

Carlotta: Ja. Die haben sehr viel Stress, glaube ich. Einfach weil sie so viel machen müssen, z. B. das Mietgeld zahlen. Wenn sie das nicht an einem bestimmten Tag machen, dann müssen sie doppelt so viel zahlen oder so, und dann sind sie gestresst. Oder sie sind gestresst, wenn sie zu spät zur Arbeit kommen. Wenn man zu spät zur Arbeit kommt, kann man richtig Ärger kriegen.

Wäre es für euch okay, zu spät zur Schule zu kommen?

Juri: Ja. Ich ziehe dann einfach meine Schuhe aus und setze mich noch dazu zum Morgenkreis oder so.

Carlotta: Ja. Aber ich bin ja auch an einer Schule, wo die das jetzt nicht so schlimm finden, wenn man da zu spät kommt.

Was ist Fleiß?

Juri: Wenn man ganz viel macht. Also ganz viel liest oder rechnet, und der Lehrer sagt: Stopp, es ist ja schon Pause. Sich sehr auf die Arbeit anstrengen ist fleißig sein. Beim Bauen bin ich gerne fleißig.

Carlotta: Das bedeutet, dass man die ganze Zeit super viel macht. Das mache ich auch manchmal, z. B. wenn mich etwas interessiert, dann bin ich immer ziemlich dabei. Aber was ich anstrengend finde ist, wenn ich gerade nicht wirklich Lust habe, weil es mich nicht interessiert.

Wie fühlt sich das an, wenn du eine Sache machst, die dich interessiert?

Carlotta: Dann sage ich ganz viel dazu, was ich schon weiß, und frage auch viel mehr, wenn ich etwas nicht verstehe. Wenn ich das dann weiß, freue ich mich, dass ich etwas weiß, was ich vorher nicht wusste.

Wenn ihr erwachsen seid, wie möchtet ihr leben?

Juri: Ich möchte eine Wohnung haben und Geld mit Sachen bauen und Zeichnen verdienen. Also ich bin dann Künstler oder Modellbauer.

Carlotta: Ich möchte gerne so leben, dass ich nicht unter Zeitdruck stehe, aber dass mir schon manchmal Dinge gesagt werden, die ich bitte machen solle. Sonst ist es so, dass ich nie eine Aufgabe kriege, und wenn ich dann doch mal eine kriege, nicht weiß, was ich machen soll.

Unter welchen Bedingungen findest du das okay, dass du dann Aufgaben von anderen bekommst?

Carlotta: Wenn ich z. B. in einer Wohnung mit noch dreißig anderen Leuten wohne und mir mal jemand sagt, ich soll den Müll runterbringen. Das ist dann schon okay.

Arbeitest du später auch, Carlotta?

Carlotta: Ja, ich würde mir gerne mal ein Detektivbüro angucken. Es ist mir schon bewusst, dass man da auch unter Zeitdruck steht, aber ich dachte mir, das ist trotzdem ganz spannend. Oder ich werde Buchlektorin. Aber was ich nicht mögen würde, ist, wenn man dann bei diesem Job alles verbessern muss. Wenn da mal was falsch stehen bleibt, ist das auch okay. Und meinetwegen sagen mir dann auch mal andere, was ich machen soll. Aber das heißt dann nicht, dass ich das mache.

Glaubt ihr, dass ihr keinen Stress habt, wenn ihr arbeitet?

Juri: Wahrscheinlich schon. Aber ich habe dann ja auch Spaß, wenn ich bauen kann.

Carlotta: Ich glaube schon, dass ich Stress haben werde, aber ich hoffe mal, nicht so viel. Man hat z. B. schon weniger Stress, wenn man einfach mal zu den anderen sagt: Guckt mal, wenn ihr euch jetzt mal kurz entspannt, dann geht’s euch viel besser. Und dann machen die das vielleicht und denken sich, dass das eigentlich eine ganz gute Idee ist. Wenn man selber ruhiger ist, überträgt sich das auch auf andere Leute und dann sind alle nicht mehr so gestresst.

Was glaubt ihr, was Erwachsene von Kindern lernen können?

Juri: Faul sein.

Carlotta: Dass man sich einfach mal kurz Zeit nehmen kann und machen kann, was man möchte.

Was müsste sich ändern, damit Erwachsene sich die Zeit nehmen können?

Juri: Dass die Arbeit kürzer ist und dass nicht alles so vom Chef beobachtet werden muss.

Carlotta: Dass es keinen Bestimmer gibt, sondern dass alle gemeinsam bestimmen. Dass Erwachsene keine Angst haben, vom Job gefeuert zu werden. Aber das ginge nur, wenn es kein Geld gäbe.

Wie wäre es denn ohne Geld?

Carlotta: Man könnte sich Sachen anbieten, z. B. du erntest für jemanden Karotten auf seinem Feld und bekommst dafür dann einen Sack voll Karotten. Ganz einfach.

Und hättest du noch Zeit zu lesen, wenn du Karotten selber ernten müsstest?

Carlotta: Ich glaube, dann hätte ich noch viel mehr Zeit zum Lesen. Und da ist dann ja Schule auch noch da, da könnte ich mir Bücher ausleihen.

Die Schule gibt’s dann also noch?