Aus dem Amerikanischen von Manfred Sanders

Impressum

Die amerikanische Originalausgabe Comfort Food

erschien 2010 im Verlag Burlesque Press.

Copyright © 2010 by Kitty Thomas

Copyright © dieser Ausgabe 2018 by Festa Verlag, Leipzig

Lektorat: Katrin Hoppe

Alle Rechte vorbehalten

eISBN 978-3-86552-623-6

www.Festa-Verlag.de

Für das Schweigen –

das nicht immer der Feind der Kommunikation ist.

Danksagungen

Ich danke den Menschen, ohne deren Unterstützung und Hilfe dieses Buch nicht möglich gewesen wäre.

K: für Kritik, Feedback, Redigieren und die 15 Fotos von Hühnersuppe, die es dann schließlich doch nicht auf das Buchcover geschafft haben.

M, C und SEP: fürs Vorablesen.

C und J: für die Hilfe beim Formatieren.

Vorbemerkung der Autorin

Dies ist keine Geschichte über einvernehmlichen BDSM-Sex. In diesem Roman geht es um »tatsächliche« Sklaverei. Wenn es Ihnen Unbehagen bereitet, eine erotische Geschichte ohne »Safewords« zu lesen, so ist dies nicht das richtige Buch für Sie. Dieser Roman ist eine frei erfundene Geschichte; die Autorin befürwortet oder billigt in keiner Weise Handlungen, die an anderen ohne deren Einverständnis vorgenommen werden.

Eins

Der erste Tag meiner Gefangenschaft war wie eine Geburt – oder wie Sterben. Im Endeffekt läuft ja beides gleich ab, mit dem langen Tunnel und dem hellen Licht am Ende. Vielleicht ähnelte es aber auch keinem von beiden. Vielleicht trügt mich nur meine Erinnerung, denn an dem Tag gab es für mich nichts anderes als Dunkelheit.

Meine Augen waren verbunden und ich saß auf einem harten Metallstuhl, beide Beine an ein Stuhlbein gebunden und die Arme hinter meinem Rücken gefesselt. Der intensivste Sinneseindruck war die Stille. Sie war wie eine erstickende Decke, unter der ich nicht wegkam. Ich hätte etwas sagen können, um wenigstens meine eigene Stimme zu hören, aber ich wollte nicht schon in den ersten Minuten, nachdem ich das Bewusstsein wiedererlangt hatte, meine Verzweiflung verraten.

Ich erinnere mich, wie ich daran dachte, dass Spionagefilme oft so anfingen, mit sensorischer Deprivation – der erste Schritt, um einen Gefangenen dazu zu bringen, seine Geheimnisse auszuplaudern. Aber ich hatte keine Geheimnisse. Ich war ein offenes Buch und vielleicht war gerade das das Problem. Ich hatte durch meine Vorträge einen gewissen Bekanntheitsgrad erworben, war selbstbewusst und wortgewandt. Ein leuchtendes Beispiel für das, was andere gerne wären. Keine Bedrohung für irgendjemanden.

Ich hatte ein paar Bücher geschrieben und eine kleine Anhängerschaft treuer Fans um mich geschart. Jemandem würde auffallen, dass ich verschwunden war, spätestens dann, wenn in ein paar Wochen mein nächster Vortrag anstand.

Der Tag hatte mit einem solchen Vortrag begonnen. Ein Brunch in einem netten kleinen Restaurant in der Innenstadt von Atlanta war für die Veranstaltung gebucht worden. Ich begann und beendete meine Vortragsreisen üblicherweise in Atlanta, weil ich es von da nicht weit bis nach Hause hatte.

Das Publikum bestand überwiegend aus Frauen, meiner vorrangigen Zielgruppe, obwohl ich nie vorhatte, so etwas wie eine »Stimme der Frauen« zu sein. Eine Handvoll Männer waren da, aber ich achtete nicht sehr auf sie.

Frauen gehen etwas anders durchs Leben als Männer. Wir sind immer vorsichtig. Es ist nicht so, dass wir rund um die Uhr in elender Panik davor leben, vom nächstbesten Mann vergewaltigt oder umgebracht zu werden; so denken nur die ganz Neurotischen.

Aber man weiß nie, was für ein Spinner sich auf einen fixiert. Und trotz aller ermutigenden Reden und der Frauenbewegung sind Frauen doch im Großen und Ganzen immer noch Beute.

An dem Punkt befand ich mich gerade: der fast vollständigen Verleugnung, dass es mir passiert war. Mir, die immer so vorsichtig ist. Die immer ihre Türen abschließt, beim Joggen oder Spazierengehen nie Musik auf den Ohren hat, niemals Süßigkeiten von Fremden in Lieferwagen annimmt. Sie wissen, was ich meine.

Ich lauschte der Stille und fragte mich, wie zum Teufel das hatte passieren können. Auch andere Dinge gingen mir durch den Kopf. Etwa die Hoffnung, dass ich vielleicht doch ein Regierungsgeheimnis besaß, und sobald ich es ausgeplaudert hatte, könnte ich fröhlich meines Weges gehen.

Vergewaltigung. Tod. Verstümmelung. Vielleicht in der Reihenfolge, vielleicht auch nicht. Wobei die Reihenfolge sicherlich besser wäre als Verstümmelung-Vergewaltigung-Tod. Oder Vergewaltigung-Verstümmelung-Tod. Man wünscht sich die Verstümmelung immer nach dem Tod.

Der Tod an erster Stelle wäre natürlich das Best-Case-Szenario. Ich hatte genug Frau-in-Not-Filme gesehen und ich war kein McGyver. Ich hatte keine Kugelschreiber dabei, die ich aus meiner Tasche fummeln und zu Kurzstreckenraketen umbauen konnte.

Der Fehler, den ich begangen hatte, war sehr dumm gewesen. Ich hatte mein Glas unbeaufsichtigt gelassen. Über solchen Mist müssen Männer sich nie Gedanken machen. Ich schätze, es liegt daran, dass es statistisch gesehen weniger weibliche Psychopathen gibt, die Männern auflauern, als umgekehrt, und die meisten Konfrontationen zwischen Männern laufen eher direkt ab.

Wie allen Frauen, die im heutigen Klima der Angst und Abscheu gegenüber Männern aufgewachsen sind, hat man mir beigebracht, mein Glas niemals unbeaufsichtigt zu lassen. Alle Frauen wissen das. Wir wissen es. Selbst wenn man es uns nicht ausdrücklich beibringt, scheint dieses Wissen zum Grundpaket des Frauseins dazuzugehören. Gesunder Menschenverstand im Zeitalter der K.-o.-Tropfen. Zu erwarten, dass wenigstens der einfühlsamste Mann so etwas wirklich versteht, ist so, als würde man von einem Wolf erwarten, die Feinheiten des Kaninchenseins zu verstehen.

Trotzdem. Wir glauben immer, es gibt Ausnahmen. Wie diesen Brunch.

Aber es gibt keine Ausnahmen. Wenn es so wäre, würde ich nicht an einen Stuhl gefesselt dasitzen und auf das zweifelhaft beruhigende Geräusch meines Ein- und Ausatmens lauschen.

Ich musste die ganze Zeit daran denken, wie meine Eltern wohl reagieren würden. Vor einigen Jahren war meine Schwester Katie bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Sie war taub und konnte den Wagen nicht hören, als er um die Kurve raste. Und der Fahrer war nicht an Glatteis auf der Straße gewöhnt – wie niemand im Süden. Meine Eltern hatten seit Jahren nicht über sie gesprochen, weil sie nicht damit fertigwurden. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie sie mein Verschwinden verkraften sollten, und fragte mich, ob sie Gott dafür verfluchen würden, dass er ihnen diese Scheiße zweimal hintereinander antat.

In dem Moment öffnete sich quietschend die Tür, genau wie eine Tür in einem Gruselfilm. Zumindest wusste ich jetzt, in was für einer Geschichte ich steckte – sinnlos, mir noch was vorzumachen. Die Schritte seiner Stiefel hallten laut auf dem Betonboden, als er auf mich zukam. Er blieb nicht weit vor mir stehen und die Stille dehnte sich zu einer kleinen Ewigkeit. Schließlich erlag ich dem Zwang, etwas zu sagen.

»Warum tun Sie das?« Meine Stimme zitterte, als ich es sagte, und das hasste ich. Ich klang schwach. Ich hatte noch nie in meinem Leben schwach geklungen.

Was für eine klischeehafte Frage. Wenn das meine letzten Worte sein sollten, dann waren es ziemlich dumme und unwichtige, aber ich wollte es unbedingt wissen. Warum hatte er mich entführt? Hatte ich irgendeine Vibration ausgestrahlt oder war er einfach nur besessen? Schrie irgendetwas an mir Opfer?

Ich hatte immer versucht, den Eindruck zu vermitteln, dass ich keine leichte Beute war. Offensichtlich hatte ich mir nur selbst etwas vorgemacht – es war für ihn lächerlich einfach gewesen, mich in seine Gewalt zu bringen.

Aber vielleicht war ich ja auch zu voreilig, wenn ich von vornherein davon ausging, dass mein Entführer männlich war. Theoretisch konnte es genauso gut eine Frau sein.

Eine Frau, die eifersüchtig auf meinen beruflichen Erfolg war. Die mich aus irgendeinem imaginären Grund hasste, vielleicht weil ihr Mann mich hübsch fand oder so etwas. Als ob ich die Kontrolle darüber hätte, wer mich hübsch findet. Eine Psychopathin wird immer diesen einen absolut unwahrscheinlichen Grund finden, sich auf einen einzuschießen.

Und es ist ja nicht so, dass ich Männer hasse. Es gibt nur einen sehr kleinen Prozentsatz von Männern, die gewalttätig gegenüber Frauen sind, trotz der Leichtigkeit, mit der es ihnen möglich wäre. Die meisten Frauen hassen keine Männer. Und die, die es doch tun, tun es wahrscheinlich nicht, weil so viele Männer Gewalt gegen Frauen ausüben, sondern weil sie es könnten, wenn sie wollten. Dieses Wissen erzeugt eine Art hilfloser Wut in einigen Frauen. Eine Wut, die ich nie verspürt hatte, bis zu diesem Tag.

Er hatte noch immer nichts gesagt. Ich hielt diesen inneren Monolog in meinem Kopf, weil ich Angst hatte, etwas zu sagen, das mich das Leben kosten könnte. Oder Schlimmeres. Es war naiv, aber ich wollte daran glauben, dass ich irgendwie den Verlauf der Ereignisse beeinflussen konnte, indem ich das Richtige sagte. Meine Worte, also gerade das, was mich für die Menschen interessant machte, waren nutzloser, als ich einzugestehen bereit war. Meine einzige Waffe war so effektiv wie eine Spritzpistole.

Ich spürte, wie sich ein Kloß in meinem Hals bildete, als er näher trat. Da meine Augen immer noch verbunden waren, konnte ich ihn nicht sehen, aber ich wusste, dass er mich beobachtete, mich wahrscheinlich amüsiert betrachtete. Es stank mir, dass er mein Leben in seinen Händen hielt und gleichzeitig amüsiert über mich sein konnte.

Ich wartete weiter auf eine Antwort auf die Warum tun Sie das-Frage, aber die Antwort kam nicht.

Es gibt ein standardmäßiges Opfer/Täter-Protokoll, eine Art Etikette, wenn man so will. Warum tun Sie das? ist die einleitende Frage, manchmal gefolgt von Schreien oder Weinen. Ich schrie und weinte nicht. Ich wollte meine Energie für die eine entscheidende Gelegenheit zur Flucht aufsparen. Irgendwann würde er einen Fehler machen. Er musste.

Nach der Einleitung des Opfers sagt der Täter für gewöhnlich etwas so Schreckliches, dass das Opfer sich wünscht, bloß niemals den Mund aufgemacht zu haben. Dieser Mann jedoch schien aus dem Terror der Ungewissheit Kapital schlagen zu wollen.

Denn klar: Wenn er mit mir sprach, entdeckte ich vielleicht etwas Menschliches in ihm, etwas, mit dem ich vernünftig reden konnte, eine winzige, schwache Hoffnung, mit der ich einen Handel abschließen konnte. Eine große, kühle Hand legte sich sanft auf meine Wange.

In der Art und Weise, wie er mich berührte, lag keine Gewalt oder Bedrohung. Es war nur meine Wange, also war es sicherlich keine übermäßig sexuelle Berührung. Dennoch war es eine Drohung. Die Berührung sagte: Ich kann jederzeit deine persönliche Blase durchbrechen oder dich anfassen.

Seine Hand blieb für einige Minuten fest an die Seite meines Gesichtes gedrückt, während mein Herz wie ein Hammer in meiner Brust schlug. Eine riesige, starke Hand. Er konnte mich damit leicht totschlagen oder er konnte sanft sein. Obwohl zu diesem Zeitpunkt auch Sanftheit ein Akt der Gewalt war. Ich wusste nicht, was mir lieber war.

Bei Gewalt hätte ich die angemessene, gesellschaftlich anerkannte Opferreaktion zeigen können. Ich wusste aus eigener Erfahrung, dass alles andere eine ganz andere körperliche Reaktion hervorrufen konnte.

Mit 17 hatte ich meinen ersten richtigen Freund. Er sah toll aus und besaß diese Aura von Gefahr, auf die Mädchen in dem Alter stehen. Er strahlte etwas Wildes und Beunruhigendes aus und ich ließ mich davon mitreißen.

Bis dahin hatten wir nur gefummelt. Mehr ließ meine streng religiöse Erziehung nicht zu, aus Angst, den Zorn Gottes auf mich herabzubeschwören, und kein Orgasmus war eine Ewigkeit in der Hölle wert. Obwohl mir im Nachhinein die Vorstellung, irgendeine Gottheit würde sich die Mühe machen, jeden einzelnen Menschen für das zu bestrafen, was er ohne Klamotten anstellt, bestenfalls albern erscheint.

Er hatte mich aufs Bett gedrückt, meine Beine hingen über den Rand. Wir waren in seinem Zimmer; seine Eltern saßen unten und sahen fern. Die Geräusche der Abendnachrichten klangen herauf in sein Zimmer. Ich lag auf dem Bett, mein Slip auf dem Boden, obwohl ich immer noch meine Bluse trug.

Er wollte mich lecken. Ich war zu dem Zeitpunkt noch nicht dazu bereit, außerdem hatte ich panische Angst, eine Geschlechtskrankheit zu bekommen, die Geschlechtskrankheit. Ja, mein Wissen über sexuell übertragbare Krankheiten war in jenem Klima sexueller Abstinenz praktisch nicht existent. Trotzdem – ich hatte Nein gesagt. Und ich meinte Nein.

Er ignorierte mich, zwängte sich zwischen meine Beine und drückte meine Handgelenke fest an meine Oberschenkel, während er mich auf dem Bett festhielt. »Ich verspreche, es wird dir gefallen«, sagte er.

Ich wehrte mich, aber er war zu stark und ich konnte nicht genug Kraft aufbringen, um ihn wegzustoßen. Er vergrub seinen Kopf zwischen meinen Beinen und begann langsam, die dort zusammenlaufenden Nervenbündel mit seiner Zunge zu befeuchten.

Ich wollte schreien, wäre aber vor Scham gestorben, wenn seine Eltern mich halb nackt auf seinem Bett gefunden hätten.

Irgendwie machte das Wissen, dass ich es hätte verhindern können, es noch schlimmer. Aber es war so oder so eine Grenzüberschreitung – seine Zunge auf meiner Klitoris oder seine Eltern, die erfuhren, was wir taten, und mich für ein Flittchen hielten.

»Bitte … bitte nicht«, flehte ich ihn an, aber er hörte nicht auf.

Es war unglaublich, wie schnell mein Widerstand erlahmte, wie schnell »bitte nicht« zu »o Gott, hör nicht auf« wurde.

Als er fertig war, lag ich nur da. Meine Beine zitterten von der Heftigkeit meines Orgasmus. Sie hatten sich in Pudding verwandelt und ich fühlte mich schwach, berauscht vom Nachglühen der Euphorie. Für diesen Orgasmus konnte ich unmöglich zur Hölle fahren. Er schaute mir in die Augen, mit einem selbstzufriedenen, verschmitzten Lächeln, und meinte neckend: »Ich hab ja gesagt, dass es dir gefallen wird. Und? Was sagst du?«

»Danke.« Das war unser kleiner privater Joke. Wir hatten ihn bisher nie in einem sexuellen Kontext benutzt. Das Wort war mir entschlüpft, bevor ich es verhindern konnte, und in gewisser Hinsicht war es genau das richtige Wort.

Wir redeten danach nie über den Vorfall und er zwang mich auch nie wieder zu etwas. Er musste es nicht. Ich gab ihm keine Gelegenheit dazu, denn es war zu verwirrend. Ich bin mir sicher, dass er davon überzeugt war, nichts Falsches getan zu haben, denn er hatte erfolgreich meine Meinung geändert, indem er meinen Körper gegen mich aufgehetzt hatte. Am Ende hatte es mir gefallen. Die ganze schäbige Geschichte, von Anfang bis Ende.

Angst und Hilflosigkeit, kombiniert mit absoluter Lust und letztendlicher Kapitulation. Monatelang masturbierte ich zur Erinnerung an das Ereignis. Es dauerte mehrere Jahre, bis ich einer Freundin davon erzählte.

Sie war der Meinung, es sei nichts anderes als eine Vergewaltigung gewesen. Wahrscheinlich hatte sie recht, aber ich hatte es nie so gesehen. Aus irgendeinem Grund hatte ich nicht die normale emotionale Reaktion gezeigt. Es hatte mich unglaublich angetörnt. Irgendwie war ich wohl anders verdrahtet, und das war vielleicht das Einzige, was mich gerettet hatte. Im Laufe der Zeit entwickelte sich bei mir eine tiefe Scham über die Sache, nicht wegen des Missbrauchs, sondern weil mich das, was mir angetan worden war, nicht angemessen traumatisiert hatte. Weil ich mich manchmal immer noch selbst berührte, wenn ich daran dachte.

Ich dachte, er hätte mich wieder allein gelassen, aber dann hörte ich, wie ein Metallstuhl über den Boden kratzte. Sein Gewicht senkte sich auf den Stuhl und er stellte etwas auf einen Tisch. Mein Atem stockte.

Sekunden später stupste ein Löffel gegen meine Lippen. Ich öffnete den Mund und warme Hühnersuppe glitt in meinen Rachen. Mein bevorzugtes Trostessen. O bittere Ironie. Dass er mir irgendwelche Drogen verabreichte, befürchtete ich nicht. Denn warum sollte er?

Mich zu betäuben, hatte nur meinem Transport hierher gedient. Jetzt hatte er mich, wo er mich haben wollte, ohne Zweifel in irgendeinem gruseligen, schalldichten Kellerraum. Ich hörte, wie er Kräcker in die Suppe zerbröckelte, bevor er mich mit dem nächsten Happen fütterte. Ich hatte gar nicht gemerkt, wie hungrig ich war. Offenbar wird durch intensive Angst das Hungergefühl unterdrückt.

Nach dem zweiten Löffel befummelte seine Hand sanft eine meiner Brüste durch die Kleidung. Ich versteifte mich und zuckte zurück. Er schrie nicht und schlug mich auch nicht. Er stellte nur den Teller auf den Tisch und stand auf. Dann entfernten sich seine Schritte in die Richtung, aus der er gekommen war.

Das also war das Spiel, das er spielte? Entweder akzeptierte ich seine Berührung oder er ließ mich verhungern? Wie ich gehört habe, ist das eine schreckliche Art zu sterben, gleich nach Ertrinken oder Ersticken. Aber auch das konnte noch auf der Tagesordnung stehen; es fing ja gerade erst an.

»Bitte … warten Sie.« Ich hasste mich dafür, dass ich das sagte. Hasste mich so sehr, dass ich, wenn ich meine Hände frei und eine Rasierklinge griffbereit gehabt hätte, mich möglicherweise aufgeschlitzt hätte, um direkt vor seinen Augen zu verbluten.

Ich fing schon an zu feilschen, machte diese Den Entführer besänftigen damit er mir nicht zu sehr wehtut-Sache. Im Gegenzug würde er mir hier und da eine kleine Freundlichkeit gewähren, um mich in totale Abhängigkeit von ihm zu bringen, und voilà – fertig ist das Stockholm-Syndrom.

Seine Schritte verstummten und ich hörte, wie er sich umdrehte, schweigsam wie immer. Nach einem kurzen Moment kehrte er zurück und setzte sich wieder auf den Stuhl.

Ich versuchte, nicht zu hyperventilieren; ich wusste nicht, was ich ihm zugestehen musste, damit er mich in eine Papiertüte atmen ließ. Und so begann unsere Übereinkunft. Er sagte kein einziges Wort, sprach nie eine Drohung aus. Es war nicht nötig.

Es war eine stillschweigende Übereinkunft. Ich würde ihm geben, was er wollte, sonst … Im Moment war sein Druckmittel das Essen auf dem Tisch. Schon darüber war ich mit mir uneins, ich schalt mich, dass ich nicht stärker war, dass ich nicht länger ausgehalten hatte. Er hatte noch nicht versucht, mich zu vergewaltigen. Meine Brüste befummeln zu lassen war ein geringer Preis für etwas zu essen.

Wieder stupste der Löffel gegen meinen Mund und ich öffnete ihn, um die warme Flüssigkeit aufzunehmen. Er hatte die guten Kräcker gekauft, die ovalen von Town House. Die mochte ich am liebsten. Ein kurzer Moment der Hysterie überkam mich, als ich mich fragte, wie lange er mich schon beobachtet hatte, wie viel er über mich wusste. Wusste er, dass gerade dieses Essen mir idiotischerweise ein Gefühl der Sicherheit vermittelte?

Ich erstarrte, als ich den Löffel klappernd auf den Teller fallen hörte. Ich wusste, was das bedeutete. Jede Zelle meines Körpers war aufgekratzt, in Alarmbereitschaft, wollte zurückweichen, als seine Hand sich erneut um meine Brust schloss. Er machte keine Anstalten, mich auszuziehen. Anscheinend wollte er, dass ich jedem einzelnen Schritt meiner Schändung zustimmte.

Ich wollte nicht reagieren, aber sein Daumen strich so sanft, so aufreizend über meine Brustwarze unter den Kleidungsschichten, dass ich mich ihm unwillkürlich entgegenstreckte. Ich wollte mich ihm entziehen, aber dann würde er gehen und das Essen mit sich nehmen. Und dieses Mal würde ihn mein Bitten vielleicht nicht zur Umkehr bewegen.

Das Muster wiederholte sich immer wieder. Erst ein Löffel Suppe, dann das Begrapschen, bis die Suppe aufgegessen war. Er wollte ganz sichergehen, dass mir die Bedingungen klar waren, dass ich nichts umsonst bekommen würde. Ich würde für alles bezahlen müssen.

Immer wieder ging ich in Gedanken den Tag durch. Wenn ich nun irgendetwas anders gemacht hätte? Wenn ich den Tisch nicht verlassen hätte? War es wirklich nötig gewesen, so kurz vor Ende des Tages noch einmal den Lippenstift nachzuziehen?

War ein Röhrchen mit einer wächsernen Farbe, die sich Sassy Vixen nannte, wirklich der Katalysator für den Verlust meiner Freiheit gewesen?

Ich wusste, dass es verrückt war, so zu denken. Er hätte mich früher oder später sowieso gekriegt, wenn er es wirklich darauf angelegt hatte. Jener Moment in der Zeit war nicht der entscheidende Moment gewesen. Es hätte einen anderen unaufmerksamen Moment gegeben, für den ich dann hätte bezahlen müssen.

Wir waren mit dem Teller Suppe fertig und eine unbehagliche Stille breitete sich aus. Es war, als hätte er nur bis hierher geplant und wüsste noch nicht, wie seine nächsten Schritte aussehen sollten. Vielleicht wartete er auf eine Reaktion von mir.

Also gut.

»Bitte sagen Sie mir, warum Sie das tun.« Meine Stimme war jetzt kräftiger. Vielleicht war es die Opfer-Entführer-Allianz, die wir inzwischen geschmiedet hatten. Er schien nicht die Art von Mann zu sein, die ohne Planung zuschlug. Vielmehr schien er jemand zu sein, der mehrere Ewigkeiten warten konnte, bis sich alles nach seinen Wünschen entwickelte.

Keine Antwort.

Er legte die Finger auf meine Lippen und brachte mich sanft zum Schweigen. Offensichtlich hatte er nicht die Absicht, meine Frage zu beantworten, und ich hatte nicht die Macht, ihn dazu zu zwingen. Er ging neben mir in die Hocke und ich hörte, wie er mit dem Messer die Seile durchschnitt, die meine Beine an den Stuhl fesselten.

Ich verspürte den Drang, ihn ins Gesicht zu treten, ließ es aber bleiben. Wenn ich ihn trat, eskalierte die Situation zu tatsächlicher körperlicher Gewalt, und er würde zweifellos zurückschlagen. Das war sicherlich kein Mensch, der sich in vornehmer Zurückhaltung übte. Aber bevor ich zu einem endgültigen Entschluss kommen konnte, war die Gelegenheit, ihn zu treten, auch schon vorbei, denn er bewegte sich hinter mich.

Er durchtrennte die Seile um meine Handgelenke. Ich hatte gar nicht gemerkt, wie tief die Seile sich in meine Haut geschnitten hatten, aber als die wunden Stellen jetzt mit der Luft in Berührung kamen, fingen sie an zu brennen. Er trat wieder vor mich, wobei er meine Arme mit nach vorne brachte und meine Hände vorsichtig in meinen Schoß legte, als wäre ich eine Gliederpuppe. Ich spürte kaum, wie ich atmete.

Ich habe eine tief sitzende Angst vor Messern. Ehrlich gesagt kenne ich nicht viele Leute, die keine Angst vor Messern haben. Für die meisten ist ein Messer beängstigender als eine Pistole. Wenn einen jemand mit einer Pistole tötet, dann kann es schnell sein und schmerzlos. Ein Messer bietet einem diesen Luxus nicht. Es ist auf eine Weise intim und brutal, wie eine Pistole es nie sein könnte.

Obwohl meine Hände und Beine frei waren, wehrte ich mich immer noch nicht. Er hatte ein Messer und mir waren die Augen verbunden; man musste kein Mathematiker sein, um meine Chancen auszurechnen. Bevor ich die Augenbinde abnehmen konnte, griff er nach meinen Handgelenken und rieb sie sanft, als wäre er tatsächlich besorgt, dass er mir wehgetan hatte.

Aber ich wusste, dass das nicht der Fall war. Jemand, der einen betäubt, entführt und in einen Kellerraum sperrt, schert sich nicht darum, ob er einem wehtut. Vielleicht wollte er mir noch nicht wehtun. Mit einer raschen Bewegung riss er mir die Augenbinde herunter.

Auch wenn die dunkle Stoffbinde nicht gerade angenehm gewesen war, hatte sie doch als eine Art Schutz, als ein Filter gedient. Jetzt war nichts mehr zwischen uns. Ich blickte in die kältesten, schwärzesten Augen, die ich je gesehen hatte, unergründlich und tief und nicht ganz menschlich. Da war eine Fremdheit, etwas, das ihn grundlegend von mir unterschied, von allen Menschen, die mir bisher begegnet waren.

Ich rechnete damit, dass jetzt die verbalen Drohungen losgingen, nachdem das Geheimnis meines Entführers gelüftet war, aber ich irrte mich. Er starrte mich nur an. Ich war sein Forschungsprojekt.

Unter anderen Umständen hätte ich ihn attraktiv gefunden. Er war muskulös, hatte ein markantes Gesicht, tolle Haare, kein Gramm überflüssiges Körperfett. Ich vermute, dass Ted Bundys Opfer zu irgendeinem Zeitpunkt das Gleiche gedacht haben – dass es völlig unmöglich sei, dass jemand ihnen wehtun wollte und gleichzeitig so schön war. Es war ein unglaublicher Schock, dass jemand, der so attraktiv war, ein brutales Raubtier sein konnte.

Warum musste er so etwas tun? Lagen ihm die Frauen denn nicht scharenweise zu Füßen? Mich durchfuhr plötzlich der eiskalte, entsetzliche Gedanke, dass dieser Mann etwas von mir wollte, das er bei einer normalen Verabredung nicht bekommen konnte. Vielleicht wollte er meinen Körper in kleine Stücke hacken und sauber in weißes Papier verpackt in der Gefriertruhe aufbewahren. Ich erschauderte bei dem Gedanken und bemühte mich schnell, ihn zu verdrängen.

Monster sollten nicht schön sein. So lautet die Regel. Der Glöckner von Notre Dame war hässlich. Frankensteins Monster war hässlich. Nosferatu … hässlich. Hässlich stand in der Stellenbeschreibung für Monster. Und doch war der Mann, der da so ruhig vor mir kniete, nicht hässlich. Jedenfalls nicht äußerlich. Wenn man irgendwo anders hinschaute als in seine Augen, war er die Sorte Mann, von der jede Frau ab der Pubertät träumte.

Jetzt stand er auf und wich langsam von mir zurück. Seine Augen nagelten mich auf dem Stuhl fest. Er hielt das Messer nicht auf eine bedrohliche Weise, aber er hielt es weiter in der Hand. Er machte ein paar Schritte zur Tür, dann überlegte er es sich anders, drehte sich um, kam zurück und zog mich vom Stuhl hoch. Ich war kurz davor, ihn wieder anzuflehen, aber im Augenblick ging es gar nicht um mich.

Er stellte meinen Stuhl auf den anderen, auf dem er gesessen hatte, klappte den Kartentisch zusammen und nahm den Teller und den Löffel.

Ich hätte Stunden, ja, Tage damit verbringen können, mich dafür zu schelten, dass ich nicht zumindest versuchte, an ihm vorbei zur Tür zu rennen, aber ich bin froh, dass ich es nicht getan habe.

An der Wand neben der Tür befand sich eine Tastatur. Den Raum zu verlassen erforderte außerdem einen Netzhautscan und einen Daumenabdruck. Wer auch immer mein Entführer war, er verfügte über nicht unbeträchtliche finanzielle Mittel. Vielleicht war ich Teil einer geheimen Regierungsstudie.

Die Tür schloss sich lautlos hinter ihm und ich blieb allein in der Zelle zurück, mit nichts weiter als der Kleidung an meinem Leib. Boden und Wände aus Beton, Deckenbeschaffenheit unbekannt, alles grau. In der gegenüberliegenden Ecke stand eine Toilette ohne Deckel, und in den Boden, nicht weit von der Toilette, war ein Abfluss eingelassen. Es war wie eine Gefängniszelle ohne Gitter oder Fenster oder ein Bett.

Ich wusste nicht, wie spät es war oder warum mir das wichtig erschien, aber es hatte etwas Beunruhigendes, nicht zu wissen, ob es Tag oder Nacht war. Wann sollte ich schlafen? Nicht dass es eine Rolle spielte. Es gab nichts anderes zu tun außer Schlafen.

Im Film gibt es immer einen Ausweg. Es ist ganz egal, wo der Schurke einen gefangen hält, es gibt immer einen Fluchtweg. Man kann ein Schloss knacken oder mit etwas Benzin, einem Streichholz und irgendeinem Zünder eine Bombe bauen, um die Tür wegzusprengen. Man kann zwischen den Dachziegeln hindurch ins Freie kriechen oder ein Fenster einschlagen oder eine Schwachstelle in der Wand entdecken, die man mit einem scharfen Werkzeug, das man zufällig bei sich hat, bearbeiten kann.

Meine Zelle war eine Festung. Sie ließ die Filme sehr realitätsfern erscheinen. In Wirklichkeit ist es gar nicht so schwer, eine ausbruchsichere Zelle zu bauen, wenn man mal darüber nachdenkt. Man braucht dazu lediglich stabile Wände, Böden und Decken und einen Ausgang, der mit Fingerabdruckscans und Netzhautscans gesichert ist.