Der Weihnachtspullover

 

Glenn Beck

mit Kevin Balfe und Jason Wright

 

 

 

Aus dem Amerikanischen von

Angelika Naujokat

 

 

 

 

 

 

 

Die Originalausgabe erschien 2008 bei

Threshold Editions, Simon & Schuster, Inc., New York

 

1. Auflage 2009

Copyright © 2008 by Mercury Radio Arts, Inc.

für die deutschsprachige Ausgabe

Copyright © 2009 by Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg

www.hoca.de

eBook ISBN 978-3-455-38086-6

 

Datenkonvertierung eBook:

Kreutzfeldt digital GbR, Hamburg

www.kreutzfeldt.de

 

 

 

 

 

 

 

Für meine Kinder

Mary, Hannah, Raphe

und Cheyenne

 

 

Vergesst niemals, woher wir kamen,

wie wir hierher gelangten

und wer uns in die Wärme des

Sonnenscheins geführt hat.

 

 

 

 

 

 

Wie alles ein Ende findet ...

 

 

er Weihnachtspullover lag viele Jahre im obersten Fach meines Kleiderschranks.

Er passte mir schon seit einer halben Ewigkeit nicht mehr, und wenn ich früher nicht so oft umgezogen wäre, hätte ich ihn wohl nie wieder hervorgeholt. Trotzdem wäre mir nicht im Traum eingefallen, ihn wegzugeben. Ich faltete ihn bei jedem Umzug vorsichtig in einen Umzugskarton und beförderte ihn in mein neues Heim, um ihn dort wieder in sein Fach zu legen, ohne ihn jemals zu tragen.

Egal wie viel Zeit auch verstrich, der bloße Anblick des Pullovers löste bei mir immer eine heftige Gefühlsaufwallung aus. In seiner Wolle waren Splitter meiner kindlichen Unschuld gefangen – mein größter Kummer, meine größten Ängste, Hoffnungen, Enttäuschungen und mit der Zeit auch meine größte Freude.

Anfangs schrieb ich diese Geschichte in der Absicht, nur meine Familie an ihr teilhaben zu lassen. Aber während des Schreibens geschah etwas, und die Geschichte übernahm die Führung. Es gibt Dinge, die ich jahrelang zu vergessen versucht habe – was mir schließlich auch zu gelingen schien. Doch diese Dinge, die eigentlich niemals ein anderer Mensch erfahren sollte, sprudelten mit einem Mal aus mir heraus. Es war fast so, als wollte der Pullover, dass seine Geschichte erzählt wird. Vielleicht hatte er lange genug still in seinem Schrankfach gelegen.

Es hat dreißig Jahre gedauert, bis ich es fertigbrachte, diese Geschichte mit jemandem zu teilen. Und vermutlich wird es den Rest meines Lebens dauern, bis ich sie in ihrer ganzen Bedeutung und der ihr innewohnenden Kraft völlig verstanden habe. Einige der Namen und Geschehnisse mögen verändert worden sein, aber die folgende Geschichte ist im Wesentlichen die Geschichte des wichtigsten Weihnachtsfestes meines Lebens.

Im Sinne dieser gesegneten Zeit möchte ich diese Geschichte als ein Geschenk für Sie mit Ihnen teilen. Möge sie Ihnen und Ihren Lieben die gleiche Freude bereiten, die sie mir bereitet hat.

 

 

 

 

 

 

 

 

Eddies Gebet

 

 

Lieber Gott, ich weiß, dass es schon eine ganze Weile her ist, seit ich mich das letzte Mal an dich gewandt habe. Nach allem, was geschehen ist, wusste ich nicht so recht, was ich sagen sollte.

Mom erklärt mir ständig, dass du über uns wachst – auch in schweren Zeiten. Irgendwie glaube ich ihr das ja, aber manchmal fällt es mir schwer zu verstehen, warum du zugelassen hast, dass uns all diese schlimmen Dinge passiert sind.

Ich weiß, dass Mom hart arbeitet und dass das Geld knapp ist, aber könnte ich bitte dieses Jahr zu Weihnachten ein Fahrrad bekommen, lieber Gott, dann wäre das Ganze nicht mehr so furchtbar schlimm. Ich werde auch alles tun, um dir zu beweisen, dass ich es verdient habe. Ich werde in die Kirche gehen. Ich werde fleißig lernen. Ich werde Mom ein guter Sohn sein.

Ich werde es mir verdienen, das verspreche ich dir.

 

 

 

 

 

 

Kapitel 1

 

 

ie Scheibenwischer schnitten Halbkreise in den Schnee auf der Windschutzscheibe. Das ist guter Schnee, dachte ich und rutschte nach vorn, um mein Kinn auf den kunstlederbezogenen Vordersitz zu legen.

»Lehn dich zurück, mein Schatz«, befahl meine Mutter Mary mit sanfter, aber nachdrücklicher Stimme. Sie war erst neununddreißig, aber ihre erschöpft dreinblickenden Augen und die grauen Strähnen in ihrem kohlrabenschwarzen Haar ließen die meisten Leute glauben, dass sie viel älter sei. Wenn man das Alter anhand der Dinge bestimmte, die einem Menschen in seinem Leben zugestoßen waren, hätten sie wohl recht gehabt.

»Aber Mom, wenn ich mich zurücklehne, dann kann ich den Schnee doch nicht sehen!«

»Na schön. Aber nur bis zur Tankstelle.«

Ich rutschte noch weiter nach vorn und platzierte meine ausgelatschten Keds auf der Schwelle, die mitten durch unseren alten Ford Pinto Kombi lief. Ich war mager und groß für mein Alter, was bedeutete, dass ich meine Knie dabei gegen die Brust drücken musste. Mom behauptete, es sei sicherer auf dem Rücksitz, aber tief in meinem Inneren wusste ich, dass es dabei nicht wirklich um meine Sicherheit ging, sondern dass das Radio der Grund war. Ich spielte ständig daran herum, drehte am Einstellrad und wechselte von ihrem langweiligen Sender, der andauernd nur Perry Como spielte, zu einem, der richtige Musik brachte.

Während wir weiter Richtung Tankstelle fuhren, konnte ich durch den Schnee ins Stadtzentrum von Mount Vernon hineinblicken. Unzählige Punkte roter und grüner Weihnachtsbeleuchtung säumten die Main Street. Heiße Sommertage im Bundesstaat Washington waren zwar selten, aber wenn sie vorkamen, dann schienen die mit Lichterketten behängten Laternenmasten fehl am Platz. Die Beleuchtung hing dort in einer Art Sommerschlaf, bis sie irgendein Arbeiter im Auftrag der Stadt wieder einstöpselte, wenn die Zeit gekommen war, und die Glühbirnen, die nicht aufwachen wollten, austauschte. Doch jetzt im Dezember verbreiteten die Lichter ihren Zauber und erfüllten uns Kinder mit Vorfreude auf das Weihnachtsfest.

In diesem Jahr sah ich dem Fest allerdings eher mit einer ängstlichen Gespanntheit als mit Vorfreude entgegen. Ich wollte, dass dieses Jahr Weihnachten endlich wieder so war, wie ich es von früher kannte. Am Morgen des ersten Weihnachtsfeiertages war unser Haus immer erfüllt gewesen von Lachen und heiteren Gesichtern, und es gab schöne Geschenke auszupacken. Aber vor drei Jahren war mein Vater gestorben, und es kam mir so vor, als sei Weihnachten mit ihm gestorben.

Vor seinem Tod hatte ich nie einen Gedanken an unsere finanzielle Situation verschwendet. Wir waren weder reich noch arm. Wir hatten ein hübsches Haus in einer netten Wohngegend, es gab jeden Abend ein warmes Essen, und in dem Sommer, als ich fünf Jahre alt war, flogen wir sogar einmal nach Disneyland. Ich erinnere mich noch daran, wie ich mich für den Flug feingemacht habe. Der einzige andere Urlaub, an den ich mich noch erinnere, war der, den wir einige Jahre später in Birch Bay verbrachten – was exotischer klingt, als es war, denn es handelte sich in Wirklichkeit um einen Steinstrand nur eine Autostunde von daheim entfernt.

Damals fehlte es uns an nichts – außer vielleicht an etwas mehr Zeit füreinander.

Mein Vater kaufte die City Bakery, als ich noch klein war. Die Bäckerei existierte schon seit Beginn des neunzehnten Jahrhunderts in der Stadt. Er hatte einen langen Arbeitstag, verließ das Haus jeden Morgen vor Sonnenaufgang, eine ganze Weile bevor ich aufstand. Meine Mutter brachte mich zur Schule, kümmerte sich kurz um den Haushalt, stellte die Waschmaschine an und stand meinem Vater dann für den Rest des Tages in der Bäckerei zur Seite.

Nach der Schule ging ich zu Fuß zur Bäckerei, um meinen Eltern zu helfen. An manchen Tagen benötigte ich für die Strecke weniger als eine halbe Stunde, aber für gewöhnlich war ich viel länger unterwegs. Ich blieb oft am Rande des Stadtzentrums mitten auf der Brücke stehen, die über den I-5 Freeway führte, und sah zu, wie die Autos und die Lkws darunter hindurchrasten. Es standen immer eine Menge Kinder dort und spuckten auf die Fahrbahnen herab in der Hoffnung, einen Wagen zu treffen. Aber so ein Kind war ich nicht. Ich stellte mir lediglich vor, wie ich dort herabspuckte.

Ich beschwerte mich häufig darüber, dass ich so oft in der Bäckerei sein musste – ganz besonders, wenn mir mein Dad auftrug, Töpfe und Schüsseln zu spülen –, aber insgeheim fand ich es toll, ihm bei der Arbeit zuzusehen. Für andere war er vielleicht nur ein Bäcker, aber in meinen Augen war er ein Künstler, eine Art Bildhauer, der statt Stein und Meißel Teig und Rührstab benutzte, aber am Ende immer ein Meisterwerk zustande brachte.

Dad und mein Onkel Bob waren in der Bäckerei ihres Vaters in die Lehre gegangen, als sie in meinem Alter waren. Sie hatten sich Schürzen umgebunden und eine scheinbar nicht enden wollende Reihe von Töpfen und Schüsseln gespült und nach der Schule Rezepte auswendig gelernt. Im Falle meines Vaters dauerte es nicht lange, bis der Lehrling fähiger war als der Meister.

Dad hatte einfach den Dreh heraus, wenn es ums Backen ging. Er war der Einzige in der Familie, der seinen Rezepten Leben einzuhauchen vermochte. Es dauerte nicht lange, und die Brote und Kuchen aus der City Bakery galten als die besten der ganzen Stadt. Dad liebte seine Kreationen beinahe so sehr wie seine Familie.

Die Samstage waren immer etwas Besonderes, denn an diesen Tagen verbrachte mein Vater den größten Teil der Zeit damit, Kuchen zu glasieren und zu verzieren. Nicht ganz zufällig waren dies die Tage, an denen ich am liebsten mit ihm zusammenarbeitete. Nun ja, zusammenarbeiten war vielleicht ein wenig übertrieben. Ich hatte mit dem Backen nicht viel zu tun. Er erlaubte mir lediglich, das Brot aus dem Gärschrank zu nehmen, nachdem es aufgegangen war – aber ich beobachtete ihn sehr genau und nutzte so oft wie es ging die Vorteile meiner Stellung als »offizieller Glasur-Vorkoster«.

Obwohl Dad ständig versuchte, mir seine Rezepte beizubringen, schaffte ich es nicht einmal, sie mir richtig aufzuschreiben. Schuld daran war Moms Ansicht nach, dass ich das Konzentrationsvermögen einer Mücke besaß, aber ich wusste, dass ich einfach lieber aß als backte. Ich habe mich nie für den Bäckerberuf interessiert. Es war mir zu viel Arbeit, und man musste zu früh aufstehen. Aber Dad gab niemals die Hoffnung auf, dass ich meine Meinung irgendwann einmal ändern würde.

Er machte es sich zur Aufgabe, mir beizubringen, wie man Plätzchen backt, aber schon sehr bald, nachdem er mir die Verantwortung für den Teig und den Mixer übertragen hatte, wurde ihm bewusst, dass dies ein Fehler gewesen war. Ein großer Fehler. Wenn er mich nur noch ein paar Minuten länger mit dem Teig allein gelassen hätte, wäre nicht mehr genug zum Backen übrig geblieben. Danach änderte Dad klugerweise seine Taktik und ging von praktischen Übungen zu Frage- und Antwortspielen über. Er zeigte mir, wie man einen ganzen Schwung Schokoladenkuchen fabrizierte, fragte dann das Rezept ab und warf mir Mehl ins Gesicht, wenn ich eine Zutat nannte, die in einem Kuchen nichts zu suchen hatte. Wie zum Beispiel Fleisch.

Eines Tages, mitten in einem Apfelstrudel-Quiz, kam Dads Kassiererin (meine Mutter) nach hinten in die Backstube, um ihn zu fragen, ob er sich um eine Kundin kümmern könnte. Das war nichts Außergewöhnliches, denn Dad ging gelegentlich nach vorn – meist nachmittags, während die Ofen abkühlten und meine Mom ihren täglichen Gang zur Bank erledigte. Ich glaube, es war insgeheim eine seiner Lieblingszeiten am Tag. Er war ein geselliger Mensch und blickte nur zu gern in die Gesichter seiner Kunden, wenn sie von seinen neuesten Kreationen kosteten.

An diesem Tag sah ich zu, wie Dad Mrs. Olsen begrüßte, eine Frau, die mir der älteste Mensch der ganzen Stadt zu sein schien. Sie war eine Stammkundin. Es war mir schon früher aufgefallen, dass sich meine Mum immer Zeit nahm, wenn sie Mrs. Olsen bediente, und sich ihre Geschichten anhörte. Sie glaubte wohl, dass sie einsam war. Dad behandelte sie mit dem gleichen Respekt. Er lächelte freundlich, wenn er mit ihr sprach, und ich bemerkte, wie sich auch auf ihrem Gesicht der Anflug eines kleinen Lächelns ausbreitete. Dad hatte diese Wirkung auf viele Menschen.

Mrs. Olsen hatte eigentlich nur einen Laib Brot kaufen wollen, aber Dad verbrachte geschlagene fünf Minuten mit dem Versuch, sie noch zu etwas anderem zu überreden – von Cremeschnitten bis Schokoladenkuchen. Obwohl sie hartnäckig ablehnte, bestand mein Vater darauf und sagte, es gehe auf seine Rechnung. Schließlich gab sie von einem Ohr zum anderen lächelnd nach und erklärte, dass dies sehr freundlich von ihm sei. Ich weiß es noch so genau, weil ich damals dachte, wie schlicht und doch zutreffend diese Aussage war, denn mein Dad war wirklich ein freundlicher Mensch.

Nachdem das Brot eingetütet und ihre kostenlosen Naschereien in eine Schachtel gepackt worden waren, griff Mrs. Olsen in ihr Portemonnaie und zog daraus eine Sorte Geld hervor, wie ich sie noch niemals zuvor gesehen hatte. Soweit ich das beurteilen konnte, war es gar kein richtiges Geld. Es sah eher aus wie Coupons – bloß dass wir in der Bäckerei keine Coupons ausgaben. Als sie sich zum Gehen wandte, begann mein Herz zu rasen. War mein Dad etwa gerade vor meinen Augen betrogen worden? Die Bäckerei sorgte für unser Einkommen (und, was viel wichtiger war, für meine Geschenke). Ich schlich mich an meinen Vater heran, der an der Kasse stand, und flüsterte, ohne darüber nachzudenken, dass unsere Kundin mich vielleicht noch hören könnte: »Dad, das ist gar kein richtiges Geld.«

Mrs. Olsen blieb wie angewurzelt stehen und sah meinen Vater an. Der wiederum warf mir einen zornigen Blick zu und sagte: »Eddie, geh bitte auf der Stelle nach hinten.« Seine Stimme hatte eine gewisse Schärfe, die keinen Widerspruch duldete. Dann nickte er Mrs. Olsen verständnisvoll lächelnd zu, und sie drehte sich um und trat zur Tür hinaus. Mir wurde klar, dass ich in Schwierigkeiten steckte.

Als ich die Backstube durch den Durchgang betrat, fühlte sich mein Gesicht heißer an als der Ofen, vor dem ich nun stand.

»Eddie, ich weiß, dass es nicht deine Absicht war, aber hast du eine Vorstellung davon, wie peinlich das gerade für Mrs. Olsen gewesen ist?«

»Nein«, erwiderte ich wahrheitsgemäß.

»Eddie, Mrs. Olsen ist eine gute Kundin von uns. Ihr Mann ist vor einem Jahr gestorben, und sie hat es sehr schwer, über die Runden zu kommen. Du hast vollkommen recht, sie hat mir kein Geld gegeben, aber die Menschen, die darauf angewiesen sind, verwenden es wie Geld. Man nennt es Lebensmittelmarken. Unsere Regierung hilft Mrs. Olsen damit, Lebensmittel zu kaufen, bis sie wieder auf die Beine gekommen ist. Wir reden in ihrer Gegenwart nicht darüber, weil es ihr unangenehm ist, andere um Hilfe bitten zu müssen.«

Dad erklärte mir, dass unsere Familie zwar niemals die Hilfe von jemand anderem in Anspruch nehmen würde – besonders nicht von der Regierung –, es aber gute Menschen gebe, die darauf angewiesen seien. Ich hatte sogleich Mitleid mit Mrs. Olsen, mehr noch, ich hatte Mitleid mit allen Menschen, die auf diese Art Hilfe von anderen angewiesen waren. Und ich war froh, dass ich niemals in diese Lage kommen würde.

Einige Monate später erhielt ich die Gelegenheit, meinem Vater zu beweisen, dass ich meine Lektion gelernt hatte.

Mom war wieder einmal unterwegs zur Bank, und ich stand vorn im Laden und legte frische Makronen ins Schaufenster, während Dad die Kunden bediente. Ich bemerkte, wie er abermals diese komisch aussehenden Coupons in Zahlung nahm – dieses Mal von einem Kerl, der damit Brot, einen Obstkuchen und ein Dutzend Plätzchen kaufte. Doch anstelle eines freundlichen Lächelns, netter Worte und Empfehlungen blieb mein Vater vollkommen stumm.

Nachdem der Kunde unseren Laden verlassen hatte, konnte ich meinen Vater fragen, warum. Ich folgte ihm nach hinten in die Backstube. »Was hast du denn, Dad?«, erkundigte ich mich.

»Ich kenne diesen Mann, Eddie. Er ist durchaus in der Lage zu arbeiten, aber er zieht es vor, auf der faulen Haut zu liegen. Jeder, der imstande ist, Geld zu verdienen, hat nicht das Recht, es anderen wegzunehmen.«

Ich begriff mit der Zeit, dass mein Vater, der in armen Verhältnissen aufgewachsen war und sich alles erkämpft hatte, was wir besaßen, immer die Hilfe anderer Leute abgelehnt hatte. Er hatte geschuftet, um sein Geschäft aufzubauen und für seine Familie zu sorgen. Und er war der Überzeugung, dass andere Menschen das Gleiche tun sollten. »Die Regierung ist dafür da, um als Sicherheitsnetz zu fungieren«, so erklärte er mir eines Abends, »aber nicht als Bonbonautomat.«

Ich weiß nicht, ob meine Mutter mit der gleichen Einstellung aufgewachsen war oder ob sie sie während der gemeinsamen Jahre mit meinem Dad übernommen hatte, aber sie empfand genauso. Nun, da er fort war, waren harte Zeiten für uns angebrochen, aber sie weigerte sich, es auch nur in Erwägung zu ziehen, irgendjemanden um Hilfe zu bitten. »Wir werden das schon schaffen, Eddie«, sagte sie immer wieder. »Wir sind zwar im Moment gezwungen, ein wenig bescheidener zu leben, aber es gibt so viele Menschen, die es nötiger haben als wir.«

Mom versuchte, die Dinge wie gewöhnlich optimistisch zu sehen. Dass wir »ein wenig bescheidener« lebten, war eine echte Untertreibung und vermochte nicht im Entferntesten zu beschreiben, wie sparsam wir inzwischen geworden waren. Wenn wir einmal ins Restaurant essen gingen – was nur noch zu ganz besonderen Gelegenheiten vorkam –, ermahnte sie mich, bevor die Kellnerin auftauchte, immer mit den Worten: »Denk daran, keine Milch zu bestellen, Eddie, davon haben wir reichlich zu Hause. Das wäre Verschwendung.«

Aber so dumm war ich nicht. Mit Verschwendung hatte das gar nichts zu tun, sondern mit Geld. Es ging nie um etwas anderes. Es kam mir so vor, als würde Mom scheinbar dauernd in einer offenbar endlosen Reihe von Jobs arbeiten, während unser Haus schneller zerfiel als Dads berühmter Apfelstreusel und ich seit dem Star-Wars-Millennium-Falken vor zwei Jahren kein Weihnachtsgeschenk mehr bekommen hatte, mit dem ich angeben konnte.

Aber in diesem Jahr würde alles anders sein. Ich hatte mich seit Monaten von meiner besten Seite gezeigt. Hatte den Abfall rausgebracht, bevor mich Mom überhaupt darum bitten konnte, hatte meine allerfeinsten Geschirrspülfertigkeiten zu Hause eingesetzt und im Allgemeinen dafür gesorgt, dass sie keine Entschuldigung haben würde, mir das Fahrrad vorzuenthalten, das ich verdiente.

Und dennoch überließ ich nichts dem Zufall. Jedes Mal, wenn mich ein Verwandter oder ein Nachbar fragte, was ich mir zu Weihnachten wünschte, sorgte ich dafür, dass meine Mutter in der Nähe war, um meine eindeutig formulierte Antwort zu hören, die keinen Interpretationsspielraum zuließ: ein rotes Fahrrad mit schwarzem Bananensattel von Huffy.

 

 

 

Der laute Motor des Ford riss mich aus meinen Gedanken. Wir befanden uns auf der Main Street, und die eben noch entfernten Lichter leuchteten nun hell durch unsere beschlagenen Scheiben. Ich versuchte, durch die Heckscheibe zu erkennen, wo wir waren, aber ich konnte nichts weiter sehen als das Spiegelbild meines dunkelblonden Schopfes.

Mom fuhr vorsichtig, obwohl das Stadtzentrum beinahe ausgestorben dalag. Die Ampel an der Kreuzung vor uns wechselte auf Rot, und sie brachte den Wagen behutsam zum Stehen.

»Sieh doch nur, Eddie!« Sie zeigte aus dem Beifahrerfenster.

Ich rieb mit der Hand einige Male über das Glas, um das Kondenswasser wegzuwischen. Wir hatten direkt vor dem großen Schaufenster von Richmond’s Sporting Goods angehalten, der Stelle, wo ich zum ersten Mal einen Blick auf das Huffy geworfen hatte, von dem ich nun schon das ganze Jahr träumte.

Meine Augen wanderten geübt über Baseballschläger, Handschuhe und Schlitten im Schaufenster hinweg zu der Stelle, wo das Huffy stand. Mein Huffy. Das mich mit seinem knallroten Rahmen, dem glänzenden Chromlenker und dem schwarzen Bananensattel durch Schnee und Nebel anfunkelte.

»Wahnsinn.« Das war das einzige Wort, das mir dazu einfiel.

Mom schaute nicht mehr länger zu dem Fahrrad hinüber, sie beobachtete mich im Rückspiegel. Ich konnte ihren Mund zwar nicht sehen, aber ich wusste, dass sie lächelte. Ich lächelte zurück. Perry Como lieferte die Filmmusik dazu.

»Möchtest du den Wagen auftanken?«, fragte sie ein paar Minuten später, als sie an der Selbstbedienungs insel anhielt. Wir tankten sehr oft, weil unser Pinto immer durstig war und Mom für gewöhnlich nur genug Geld hatte, um den Tank zur Hälfte zu füllen.

»Klar«, sagte ich, kletterte über den Sitz und folgte ihr zur Tür hinaus. »Darf ich ein paar Red Vines haben, wenn ich zum Bezahlen reingehe?«

»Tut mir leid, Eddie«, erwiderte meine Mutter sanft. »Ich habe zwar das Geld für Red Vines, aber nicht genug für den Zahnarzt.« Sie lächelte. »Und jetzt flitz los.« Ich wusste, dass sie kein Geld für den Zahnarzt hatte, aber sie konnte mich mit ihrer Entschuldigung nicht täuschen. Ich wusste, dass sie auch kein Geld für Red Vines hatte.

Ich gab mir Mühe, ein überaus enttäuschtes Gesicht aufzusetzen, aber tief in meinem Inneren hegte ich die Hoffnung, dass »kein Geld für Red Vines« bedeutete, dass sie es für etwas anderes sparte.

Für mein Fahrrad.