001

Inhaltsverzeichnis
 
 
 

001

Gehen ist kein Sport
002
Gehen ist kein Sport.
Beim Sport zählen Technik und Regeln, Ergebnisse und Wettbewerb, und das verlangt eine regelrechte Ausbildung: Man muss die Positionen kennen, die richtigen Bewegungen verinnerlichen. Und erst lange danach kommen Improvisation und Talent.
Sport besteht aus Ergebnissen: Wievielter bist du geworden? Mit welcher Zeit? Welchem Ergebnis? Immer gibt es den Sieger und die Verlierer, wie im Krieg – zwischen Krieg und Sport besteht eine Verwandtschaft, die den Krieg ehrt und den Sport entehrt: vom Respekt vor dem Gegner zum Hass auf den Feind.
Sport ist natürlich auch Hartnäckigkeit, Lust an der Anstrengung, Disziplin. Es ist ein Ethos, Arbeit.
Aber zum Sport gehören auch das Material, Zeitschriften, Veranstaltungen, ein Markt. Die Ereignisse. Sport ist Anlass für große Medienevents, bei denen die Konsumenten von Marken und Bildern zusammenströmen. Immer mehr Geld fließt in den Sport und entseelt ihn, und die Medizin spielt eine immer größere Rolle bei der Schaffung künstlicher Körper.
Gehen ist kein Sport. Einen Fuß vor den anderen zu setzen ist ein Kinderspiel. Wenn sich Spaziergänger begegnen, sind Zahlen und Ergebnisse nicht wichtig: Man erzählt sich, welchen Weg man genommen hat, welcher Pfad durch eine besonders schöne Landschaft führt, welchen Ausblick man von diesem oder jenem Felsvorsprung hat.
Dennoch hat sich die Industrie bemüht, einen eigenen Markt für Wanderausrüstung zu schaffen: revolutionäre Schuhe, Hightech-Socken, praktische Rucksäcke, Funktionskleidung … Der Geist des Sports soll übertragen werden: Man wandert nicht mehr, sondern »unternimmt eine Trekkingtour«. Der Spaziergänger kauft sich Teleskopstöcke, mit denen er aussieht wie ein verhinderter Skiläufer. Aber das führt nicht weit. Das kann nicht weit führen.
Spazieren gehen: Es gibt keine bessere Art der langsamen Fortbewegung. Zum Gehen braucht man vor allem zwei Beine. Alles andere ist überflüssig. Schneller vorwärtskommen? Dann gehen Sie nicht, sondern machen Sie etwas anderes: Fahren, gleiten, fliegen Sie. Beim Gehen zählt nur eines: die Intensität des Himmels, das Leuchten der Landschaft. Gehen ist kein Sport.
Wenn der Mensch erst einmal steht, bleibt er nicht lange auf der Stelle stehen.

Freiheiten
003
Da ist zuerst die loslösende Freiheit, die das Gehen bietet, schon ein kleiner Spaziergang: die Last der Sorgen ablegen, eine Weile die Aufgaben vergessen. Wir nehmen den Schreibtisch nicht mit – wir gehen hinaus, schlendern, denken an etwas anderes. Bei einer längeren, mehrtägigen Wanderung ist die Ablösung noch deutlicher: Wir lassen die Zwänge der Arbeit hinter uns, befreien uns aus der Zwangsjacke der Gewohnheiten. Aber warum sollte beim Gehen die Freiheit deutlicher spürbar sein als bei einer großen Reise? Weil beim Gehen andere Belastungen gleichfalls schmerzlich spürbar werden: das Gewicht des Rucksacks, die Länge der Etappen, die Unsicherheit des Wetters (drohender Regen, Gewitter, unerträgliche Hitze), spartanische Unterkünfte, der eine oder andere Schmerz … Aber nur das Gehen kann uns von Illusionen befreien, dass Dinge unverzichtbar wären. Beim Gehen regieren mächtige Notwendigkeiten. Um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, müssen wir so und so viele Stunden gehen, das sind so und so viele Schritte. Spontane Entscheidungen sind nur begrenzt möglich, denn wir wandern nicht auf Gartenwegen und dürfen nicht die falsche Weggabelung nehmen, sonst kommt uns das teuer zu stehen. Wenn der Nebel über die Berge hereinzieht oder es in Strömen zu regnen beginnt, müssen wir weitergehen, immer weiter. Der Bedarf an Wasser und Verpflegung will genau berechnet werden, je nach Strecke und Versorgungsmöglichkeiten. Und von der Unbequemlichkeit spreche ich erst gar nicht. Das Wunder besteht darin, dass wir nicht trotzdem, sondern gerade deswegen glücklich sind. Damit will ich sagen, dass die Tatsache, keine unendliche Auswahl beim Essen und Trinken zu haben, den Wechselfällen des Wetters ausgeliefert zu sein, sich nur auf den Rhythmus der eigenen Schritte verlassen zu können, auf einmal die Überfülle des Angebots (an Waren, an Verkehrsmitteln, an Vernetzung), die unendliche Auswahl an Möglichkeiten (zu kommunizieren, einzukaufen, sich zu bewegen) als eine Fülle von Abhängigkeiten erkennbar werden lässt. All diese »Mikro-Befreiungen« sind stets nur Beschleunigungen in einem System, das mich immer stärker einsperrt. Alles, was mich von Zeit und Raum befreit, entfremdet mich der Geschwindigkeit.
Für jemanden, der die Erfahrung nie selbst gemacht hat, klingt die schlichte Beschreibung des Zustands, in dem der Wanderer sich befindet, schnell wie eine Absurdität, eine Verirrung, eine freiwillige Knechtschaft. Denn rasch interpretiert der Stadtmensch das, was sich dem Wanderer als eine Befreiung darstellt, als Entbehrung: nicht mehr vernetzt zu sein, nicht mehr ein Knoten in einem Netz zu sein, das Informationen, Bilder, Waren verteilt, sich bewusst zu werden, dass all dies nur die Realität und Bedeutung hat, die wir ihm zumessen. Nicht genug damit, dass meine Welt keineswegs untergeht, wenn ich nicht mehr eingebunden bin, sondern die Verbindungen erscheinen mir auf einmal als schwere Fesseln, die mich einschnüren, ersticken.
Die Freiheit ist ein Stück Brot, ein Schluck frisches Wasser, eine weite Landschaft.
Zum Genuss der Freiheit der Loslösung gehört aber, dass ich nicht nur gern aufbreche, sondern auch gern heimkehre. Es ist ein eingeschobenes Glück, die Freiheit als kleine Flucht, die einen oder mehrere Tage dauert. Nichts hat sich wirklich verändert, wenn ich zurückkomme. Das alte Leben geht weiter: mit Geschwindigkeit, mangelnder Rücksicht auf mich und auf andere, mit Aufregung und Erschöpfung. Das einfache Leben hat eine Wanderung lang gewirkt: »Die frische Luft hat dir gutgetan.« Nach der punktuellen Befreiung falle ich zurück ins Gewohnte.
Die zweite Freiheit ist aggressiver, rebellischer. Die Loslösung ist angesichts der Art, wie wir leben, nur ein vorübergehendes »Ausklinken«: Ich entziehe mich dem Netz für ein paar Tage, auf einsamen Wegen erlebe ich, wie es sich anfühlt, außerhalb des Systems zu sein. Aber man kann auch entscheiden, auszusteigen. In dem Zusammenhang denkt man gleich an die Aufrufe zur Grenzüberschreitung und zum ungebundenen Leben in den Schriften von Kerouac oder Snyder: Schluss mit den dummen Konventionen, mit der einschläfernden Sicherheit der Mauern, mit der Langeweile des Immergleichen, dem Überdruss der Wiederholung, der Ängstlichkeit der Wohlhabenden und dem Hass auf alle Veränderung. Man muss Aufbrüche provozieren, Überschreitungen, endlich dem Wahnsinn und dem Traum Nahrung geben. Die Entscheidung, loszulaufen (in die Ferne aufzubrechen, irgendwohin, etwas anderes zu versuchen), bedeutet in dem Fall, dem Ruf der Wildnis (The Wild) zu folgen. Beim Gehen entdecken wir die enorme Kraft sternenbeschienener Nächte, elementare Energien, und unsere Wünsche passen sich an: Sie sind gewaltig, unsere Körper sind erfüllt. Wenn wir erst die Tür zur Welt zugeschlagen haben, hält uns nichts mehr. Der Gehsteig klebt nicht mehr an den Füßen (der hunderttausendmal wiederholte Weg zurück an den heimischen Herd). Wegkreuzungen zittern wie zaudernde Sterne, wir entdecken, welchen Kitzel es bedeutet, wählen zu können, spüren die Freiheit wie einen Schwindel.
Das hat nichts damit zu tun, dass wir uns von etwas Künstlichem befreien, um einfache Freuden zu kosten, sondern wir erfahren Freiheit als eigene Grenze und Grenze der menschlichen Natur, als Überborden einer rebellischen Natur, die größer ist, als ich es bin. Das Gehen kann Übermaß provozieren: übermäßige Müdigkeit, die den Geist verwirrt, übermäßige Schönheit, die die Seele aufwühlt, Trunkenheit auf den Gipfeln der Berge (der Körper explodiert förmlich). Und schließlich weckt das Gehen die rebellische, archaische Seite in uns: Unsere Wünsche werden grob und kompromisslos, unsere Begeisterung regt sich. Denn das Gehen bringt uns die Vertikale des Lebens. Wir werden davongetragen von dem Wildbach, der direkt unter uns entspringt.
Damit möchte ich sagen, dass wir beim Gehen nicht uns selbst begegnen, als handele es sich darum, sich wiederzufinden, sich von alten Entfremdungen zu befreien, um ein authentisches Ich zurückzuerobern, eine verlorene Identität. Beim Gehen entfliehen wir vielmehr schon der Idee der Identität, der Versuchung, jemand zu sein, einen Namen zu haben und eine Geschichte. Jemand zu sein ist gut bei großen Abendgesellschaften, wo alle von sich erzählen, und es ist gut in der Praxis des Psychologen. Aber ist jemand zu sein nicht auch eine soziale Verpflichtung, die uns Ketten anlegt (wir zwingen uns, einem Bild zu entsprechen), eine dumme Fiktion, die auf unseren Schultern lastet? Die Freiheit beim Gehen besteht darin, niemand zu sein, weil der Körper, der geht, keine Geschichte hat, nur dem unvordenklichen Lebensstrom angehört. So sind wir ein Tier auf zwei Beinen, das geht, einfach eine reine Kraft inmitten hoher Bäume, ein Schrei. Und oft schreien wir beim Gehen unsere wiederentdeckte animalische Präsenz hinaus. In der großen Freiheit, die die zerrissene Generation eines Allen Ginsberg oder William S. Burroughs so gefeiert hat, in diesem Überschuss an Energie, die unsere Existenzen zerreißen und die Zeichen der Unterwerfung zerplatzen lassen sollte, war das Wandern in den Bergen ein Mittel neben anderen (Drogen, Alkohol, Trinkgelage, Orgien), mit dem man versuchte, die Unschuld wiederzuerlangen.
Aber beim Wandern scheint ein Traum durch: Wandern als Ausdruck der Ablehnung einer verdorbenen, verrotteten, entfremdenden, jämmerlichen Kultur.
Ich habe Whitman gelesen, wisst ihr, was er sagt: Freut euch, Sklaven, und schreckt die fremden Tyrannen, er meint, das ist die Haltung für den Barden, den irren Zen-Barden der alten Wüstenpfade. Seht mal, das Ganze ist nämlich eine Welt voll von Rucksackwanderern, Dharma-Gammler, die sich weigern, zu unterschreiben, was die Konsumgesellschaft fordert: dass man Produziertes verbrauchen soll und daher arbeiten muss, um überhaupt konsumieren zu dürfen, das ganze Zeug, das sie eigentlich gar nicht haben wollten, wie Kühlschränke, Fernsehapparate, Wagen … und lauter solcher Kram, den man … eine Woche später auf dem Mist wiederfindet … ich habe eine Vision von einer großen Rucksackrevolution, Tausende oder sogar Millionen junger Amerikaner, die mit Rucksäcken rumwandern.
Die letzte Freiheit des Wanderers ist seltener. Es ist eine dritte Stufe nach der Rückkehr zu den einfachen Freuden und der Rückeroberung des archaischen Tiers. Es ist die Freiheit des Verzichts. Der große Indienforscher Heinrich Zimmer berichtet, dass die hinduistische Philosophie vier Etappen auf dem Weg des Lebens unterscheidet. Die erste ist die des Schülers, des Lehrlings, des Lernenden. Am Morgen seines Lebens muss er vor allem den Anweisungen des Meisters gehorchen, seine Lektionen anhören, Kritik annehmen und sich Grundsätzen fügen. Er muss empfangen. In der zweiten Etappe wird der mittlerweile erwachsene Mann in der Mitte seines Lebens zum Hausherrn, Ehemann, Versorger der Familie: Er kümmert sich nach Kräften um seinen Besitz, trägt zum Unterhalt der Priester bei, übt einen Beruf aus, unterwirft sich selbst sozialen Zwängen und erlegt sie anderen auf. Er akzeptiert, soziale Masken zu tragen, die seine Rolle in der Gesellschaft und der Familie festschreiben. Später, wenn die Kinder so weit sind, dass sie die Nachfolge antreten können, am Nachmittag seines Lebens, kann der Mann dann seine gesellschaftlichen Pflichten, familiären Lasten, wirtschaftlichen Sorgen abwerfen, und er wird Eremit. Das ist die Etappe des »Aufbruchs in den Wald«, wo er durch Konzentration und Meditation lernen muss, sich mit dem vertraut zu machen, was schon immer unveränderlich in uns vorhanden war und darauf wartet, von uns erweckt zu werden: das ewige Selbst, das hinter allen Masken, Funktionen, Identitäten, Geschichten steht. Und zuletzt folgt der Pilger auf den Eremiten, am unendlichen, leuchtenden Abend unserer Existenz: Von nun an besteht das Leben aus Wegstrecken (es ist die Etappe des umherziehenden Bettlers), wo die unendliche Wanderung hierhin und dahin das Zusammenfallen des namenlosen Selbst und des überall gegenwärtigen Herzens der Welt illustriert. Also hat der Weise auf alles verzichtet. Das ist die höchste Freiheit: die vollkommene Loslösung. Ich bin nicht mehr beteiligt, weder an mir selbst noch an der Welt. Gleichgültig gegenüber der Vergangenheit und gegenüber der Zukunft, bin ich nur noch die ewige Gegenwart der Koinzidenz. Und wie wir in den Aufzeichnungen von Swami Ramdas über seine Suche nach Gott lesen, wird uns in dem Augenblick, in dem wir auf alles verzichten, alles geschenkt, wird uns in dem Augenblick, in dem wir nichts mehr fordern, alles in Fülle gegeben. Alles, das heißt die Intensität der reinen Präsenz.
Bei langen Wanderungen erhaschen wir einen Blick auf diese vollkommene Freiheit des Verzichts. Wenn wir lange gehen, kommt der Augenblick, an dem wir nicht mehr wissen, wie viele Stunden bereits vorüber sind, und nicht, wie viele es noch dauern wird, bis wir am Ziel sind. Auf den Schultern spüren wir das Gewicht des Allernötigsten und sagen, dass es genug ist – falls in unserem Leben sonst tatsächlich mehr gebraucht wird -, und wir fühlen, dass wir noch Tage so weitermachen könnten, Jahrhunderte. Wir wissen kaum noch, wohin wir gehen und warum, das zählt genauso wenig wie die Vergangenheit oder die Frage, wie spät es ist. Und wir fühlen uns frei, denn sobald wir uns an die alten Zeichen unserer Zeit in der Hölle erinnern sollen – Name, Alter, Beruf, Karriere -, erscheint alles, wirklich alles, lächerlich, unwichtig, unwirklich.

Warum ich so gut zu Fuß bin
(NIETZSCHE)
004
Man solle so wenig als möglich sitzen, keinem Gedanken Glauben schenken, der nicht im Freien und bei freier Bewegung geboren sei. Alle Vorurteile kämen aus den Eingeweiden. Das Sitzfleisch sei die eigentliche Sünde wider den Heiligen Geist.
Brüche, schrieb Nietzsche, seien schwierig, weil es schmerzlich sei, wenn das Band sich löse. Aber anstelle des Bands haben wir bald einen Flügel. Nietzsches Leben bestand aus Ablösungen, Brüchen, Trennungen: von der Welt, von der Gesellschaft, von Weggefährten und Kollegen, von Frauen, Freunden, Eltern. Aber je tiefer seine Einsamkeit wurde, desto größer wurde seine Freiheit: niemandem Rechenschaft ablegen, keine Kompromisse schließen müssen, ein klarer, freier Blick.
Nietzsche war ein bemerkenswerter Wanderer, sehr ausdauernd. Er spricht oft davon. Gehen in frischer Luft war wie das Element seines Werks, die unverzichtbare Begleitung seines Schreibens.
Sein Leben besteht aus vier großen Akten.
Zuerst die Lehrjahre: von seiner Geburt (1844) bis zur Berufung an die Universität Basel als Professor für klassische Philologie. Nietzsches Vater war Pfarrer, ein aufrechter, gutmütiger Mann, der früh starb. Nietzsche stellt sich gern vor, er wäre der letzte Abkömmling eines polnischen Adelsgeschlechts (der Nietzskis). Nach dem Tod des Vaters (er selbst ist vier Jahre alt) wird er zum Lebensmittelpunkt für seine Mutter, seine Großmutter und seine Schwester, zu ihrem Augapfel. Er ist sehr intelligent und besucht nach der Knabenschule das renommierte, strenge Internat Schulpforta, wo er Unterricht in den klassisch-humanistischen Fächern erhält. Dort ist er einer eisernen Disziplin unterworfen, deren Wert er später anerkennt getreu dem griechischen Motto: Man muss gehorchen können, um befehlen zu können. Nietzsches Mutter glaubt fest an ihn und überschüttet ihn mit ihrer Bewunderung; sie hofft, er werde seine funkelnde Intelligenz in den Dienst Gottes stellen, und träumt davon, dass er Theologe wird. Als junger Mann strotzt Nietzsche vor Gesundheit – bis auf eine starke Kurzsichtigkeit, die damals sicher nur sehr schlecht korrigiert wurde. Er studiert Philologie in Bonn und Leipzig und tut sich mit brillanten Leistungen hervor. Im ungewöhnlich frühen Alter von vierundzwanzig Jahren wird er auf Empfehlung des Gelehrten Friedrich Ritschl Professor in Basel. Damit beginnt der zweite Akt in seinem Leben.
 
Zehn Jahre lehrt Nietzsche griechische Philologie, zehn schwierige Jahre voller Misserfolge. Die Arbeitsbelastung ist enorm: Neben den Kollegien an der Universität hat er auch am städtischen Gymnasium zu unterrichten (dem Pädagogium). Aber will er nur Philologe sein? Lange Zeit hat er sich zur Musik hingezogen gefühlt und dann zur Philosophie. Die philologische Wissenschaft streckt die Arme nach ihm aus, und er ergreift sie, ein wenig beklommen, denn es ist nicht seine wirkliche Berufung. Zumindest kann er so die griechischen Autoren lesen: die tragischen (Aischylos, Sophokles), die Dichter (Homer, Hesiod), die Gelehrten (Heraklit, Anaximander) und die Historiker (für Diogenes Laertios begeistert er sich besonders, weil, wie er sagt, man bei ihm Menschen findet und nicht nur Systeme). Das erste Jahr in Basel verläuft wunderbar: Er arbeitet mit Feuereifer an seinen Vorlesungen, kommt bei den Studenten gut an, lernt neue Kollegen kennen, und einer wird sogar ein geschätzter, treuer Freund: der Theologieprofessor Franz Overbeck. Er ist der Freund für alle Fälle, der, den man zu Hilfe ruft, er holt Nietzsche in Turin ab, nach der Katastrophe. 1869 unternimmt Nietzsche noch eine Reise nach Luzern und von dort weiter nach Tribschen, wo er sehr bewegt den »Meister« (Wagner) in seinem weitläufigen, gewaltigen Domizil aufsucht. Dort lässt er sich von Cosima betören; später, schon umnachtet, nennt er sie in seinen Briefen »Prinzessin Ariadne, meine Geliebte. Es ist ein Vorurteil, dass ich ein Mensch bin. Aber ich habe schon oft unter den Menschen gelebt« (Januar 1889).
Die Begeisterung, der Eifer bei der akademischen Arbeit und die robuste Gesundheit sind jedoch nur von kurzer Dauer. Anfälle und Krisen häufen sich. Der Körper rächt sich für eine Reihe schwerer Missverständnisse.
Ein berufliches Missverständnis: Es wird virulent mit der Veröffentlichung von Die Geburt der Tragödie 1871. Die Philologenkollegen sind entweder sprachlos oder wütend. Wie kann man auf die Idee kommen, ein solches Buch zu schreiben? Ein Buch, das nicht ernsthafte Forschungen darlegt, sondern vage, metaphysische Intuitionen ausbreitet: der ewige Konflikt zwischen Chaos und Form. Dazu Missverständnisse in Freundschaften: Nietzsche reist regelmäßig nach Bayreuth zur jährlichen Weihefeier für den Meister, kehrt nach Tribschen zurück, begleitet Wagner auf Reisen in Europa, aber er erkennt immer deutlicher, dass Wagner mit seinem dogmatischen Fanatismus und seiner Arroganz genau das verkörpert, was er verabscheut, und dass vor allem Wagners Musik seinem Magen nicht bekommt: Sie macht ihn krank. In Wagners Musik, schreibt Nietzsche, geht man unter, sie ist ein Sumpf, man muss ununterbrochen »schwimmen«, sie zieht einen hinunter wie eine bedrohliche, chaotische Welle. Man verliert den Boden unter den Füßen beim Zuhören. Rossini hingegen macht Lust, zu tanzen, ganz zu schweigen von Bizets »Carmen«. Ein romantisches Missverständnis: Seine Heiratsanträge, die er ganz plötzlich vorbringt, werden abgelehnt. Und schließlich ein gesellschaftliches Missverständnis: Er schafft es nicht, im mondänen Gewirr von Bayreuth einen Platz zu finden, ebenso wenig in den Kreisen der Professoren und Gelehrten.
All das ist schwer zu ertragen. Mit jedem Semester wird es härter, unmöglicher. Immer öfter quälen ihn entsetzliche Kopfschmerzen und zwingen ihn, im Bett zu bleiben, im abgedunkelten Zimmer, laut stöhnend vor Schmerzen. Die Augen tun ihm weh, er kann kaum lesen, kaum schreiben. Für eine Viertelstunde lesen oder schreiben muss er mit stundenlanger Migräne bitter büßen. Er bittet, dass man ihm vorliest, denn die Zeilen verschwimmen ihm vor den Augen.
Nietzsche versucht es mit einem Kompromiss. Er ersucht, von seinen Verpflichtungen an der Universität entbunden zu werden, bald auch von der Lehre an der Schule, und bekommt ein Jahr Urlaub zum Durchatmen, zur Erholung, Regeneration seiner Kräfte.
Doch es nutzt nichts.
Zugleich trägt die Kur, die er sich verordnet, das Zeichen seines künftigen Schicksals: lange Märsche und tiefe Einsamkeit. Diese beiden Heilmittel setzt er gegen die immer drohenden schrecklichen Schmerzen. Sich vor den Aufregungen, Zumutungen, Anforderungen der Welt schützen, denn stets muss er mit stundenlangem Leiden dafür bezahlen. Und spazieren, lange Wanderungen unternehmen, um die Messerstiche in den Schläfen zu übertönen, zu zerstreuen, zu vergessen.
Da haben ihn noch nicht die harten Formationen des Hochgebirges ergriffen oder die dufterfüllte Trockenheit der steinigen Pfade im Süden. Er wandert hauptsächlich an Seeufern entlang (mit Gersdorff zusammen am Genfer See, sechs Stunden täglich) und taucht in dunkle Wälder ein (Steinabad im Südschwarzwald: »Ich bin viel unterwegs in den Wäldern und unterhalte mich dabei ausgezeichnet«, Juli 1875).
Im August 1877 ist er in Rosenlauibad in der Schweiz und lebt wie ein Eremit: »Hätte ich doch irgendwo ein Häuschen; da ginge ich wie hier täglich 6-8 Stunden spazieren und dächte mir dabei aus, was ich nachher im Fluge und vollkommener Sicherheit aufs Papier hinwerfe.«
Aber nichts gelingt ihm. Die Schmerzen sind zu schlimm. Die Migräne zwingt ihn oft tagelang ins Bett, ganze Nächte lang muss er sich unter Schmerzen erbrechen. Die Augen quälen ihn weiter, er kann immer schlechter sehen. 1879 reicht er bei der Universität sein Rücktrittsgesuch ein.
 
Und damit bricht die dritte große Epoche in seinem Leben an. Sie dauert zehn Jahre, vom Sommer 1879 bis Anfang 1889. Er lebt von drei kleinen Pensionen, die ihm erlauben, eine bescheidene Existenz zu führen, sich in kleinen Herbergen einzuquartieren, die Billets für die Zugfahrten zu bezahlen, die ihn von den Bergen ans Meer bringen und vom Meer in die Berge und manchmal nach Venedig zu Peter Gast. In der Zeit wird er zu dem einzigartigen, legendären Wanderer. Nietzsche wandert, wie andere arbeiten. Er arbeitet beim Wandern.
Gleich im ersten Sommer entdeckt er sein Gebirge, das Oberengadin, und im Jahr darauf findet er sein Dorf, Sils-Maria. Dort ist die Luft durchscheinend klar, der Wind lebhaft, das Licht intensiv. Weil er drückende Hitze verabscheut, verbringt er bis zu seinem Zusammenbruch jeden Sommer dort (nur ausgenommen das Jahr mit Lou). An seine Freunde (Overbeck, Köselitz) schreibt er, er habe seine Natur entdeckt, sein Element, und an die Mutter, dort finde er »die besten Spazierwege, wie sie für mich Fast-Blinden hergerichtet sein müssen, und die erquicklichste Luft« (Juli 1879). Es ist seine Landschaft, er fühlt sich blutsverwandt, »ja noch mehr«.
Vom ersten Sommer an wandert er, allein, bis zu acht Stunden am Tag, und schreibt Der Wanderer und sein Schatten.
Alles ist, wenige Zeilen ausgenommen, unterwegs erdacht und in 6 kleine Hefte mit Bleistift skizziert worden.
Die Winter verbringt er in südlichen Städten, vor allem Genua, in der Bucht von Rapallo, später in Nizza (»Ich gehe vormittags eine Stunde, nachmittags drei Stunden durchschnittlich spazieren, in scharfem Schritte – Tag für Tag den gleichen Weg: er ist schön genug dazu«, März 1888), ein einziges Mal in Menton (»Schon habe ich 8 Spaziergänge entdeckt«, November 1884). Die Berge sind sein Schreibpult, und das Meer umschließt ihn (»Meerluft und viel reiner Himmel – das sehe ich nun ein, ist mir unentbehrlich!«, Januar 1881).
Beim Gehen lässt er die Welt und die Menschen hinter sich, dichtet unter freiem Himmel, fantasiert er, entdeckt, begeistert und erschreckt er sich über das, was er findet, bewegt und ergriffen von dem, was ihn bei seinen Wanderungen zufällt.
Die Intensitäten meines Gefühls machen mich schaudern und lachen – schon ein paar Mal konnte ich das Zimmer nicht verlassen, aus dem lächerlichen Grunde, dass meine Augen entzündet waren – wodurch? Ich hatte jedes Mal den Tag vorher auf meinen Wanderungen zuviel geweint, und zwar nicht sentimentale Tränen, sondern Tränen des Jauchzens; wobei ich sang und Unsinn redete, erfüllt von einem neuen Blick, den ich vor allen Menschen voraus habe.
In zehn Jahren schreibt er seine größten Bücher, von Morgenröte bis zur Genealogie der Moral, von der Fröhlichen Wissenschaft bis Jenseits von Gut und Böse, nicht zu vergessen Zarathustra. Er wird zum Eremiten (»… jetzt wieder Eremit zu sein und zehn Stunden des Tages als solcher spazieren zu gehen«, Juli 1880), zum Einzelgänger, zum Wanderer.
 
Gehen ist hier nicht wie bei Kant etwas, was von der Arbeit ablenkt, eine Minimalhygiene, die es dem Körper erlaubt, danach wieder zu sitzen, gebeugt, zusammengefaltet auszuharren. Für Nietzsche ist Gehen die Bedingung für die Entstehung des Werks. Gehen ist nicht Entspannung oder Begleitung, sondern vielmehr sein Element.
Wir gehören nicht zu denen, die erst zwischen Büchern, auf den Anstoß von Büchern zu Gedanken kommen – unsre Gewohnheit ist, im Freien zu denken, gehend, springend, steigend, tanzend, am liebsten auf einsamen Bergen oder dicht am Meere, da wo selbst die Wege nachdenklich werden.
So viele andere haben ihre Bücher geschrieben einfach anhand der Lektüre anderer Bücher, so viele Bücher verströmen den muffigen Geruch der Bibliotheken. Wonach beurteilt man ein Buch? Nach seinem Geruch (und mehr noch, wie wir sehen werden, nach seinem Rhythmus). Nach seinem Geruch: Viel zu viele Bücher riechen nach der dicken Luft in Lesesälen und Büros, lichtlosen und schlecht belüfteten Räumen. Die Luft zirkuliert nicht gut zwischen den Regalen und nimmt den Schimmel auf, die langsame Zersetzung des Papiers, die chemische Veränderung der Tinte. In solchen Räumen ist die Luft von üblen Ausdünstungen erfüllt.
Aus anderen Büchern strömt uns frische Luft entgegen: die frische Luft der Welt draußen, der Wind von hohen Bergen, womöglich der eisige Hauch der Gipfel, der den Körper trifft, oder die morgendliche Brise kühler Luft auf südlichen Wegen zwischen Pinien, durchzogen von vielfältigen Düften. Solche Bücher atmen. Sie sind nicht überladen, nicht gesättigt von toter, nichtiger Bildung.
… oh wie rasch erraten wir’s, wie einer auf seine Gedanken gekommen ist, ob sitzend, vor dem Tintenfass, mit zusammengedrücktem Bauche, den Kopf über das Papier gebeugt: oh wie rasch sind wir auch mit seinem Buche fertig! Das geklemmte Eingeweide verrät sich, darauf darf man wetten, ebenso wie sich Stubenluft, Stubendecke, Stubenenge verrät.
Aber es gibt auch die Suche nach einem anderen Licht. Bibliotheken sind immer viel zu düster. Die Bände, die sich unendlich stapeln, türmen, aneinanderreihen, die hohen Regale – alles hindert die Helligkeit, hereinzudringen.
Und wieder andere Bücher spiegeln das klare Licht des Gebirges oder das Glitzern des Meeres im Sonnenschein. Und vor allem: die Farben. Bibliotheken sind grau, und grau sind auch die Bücher, die dort geschrieben werden: überladen mit Zitaten, mit Verweisen, mit Fußnoten, mit umständlichen Erklärungen und langatmigen Widerlegungen.
Schließlich müssen wir noch über den Schreiber sprechen: über seine Hände, seine Füße, seine Schultern und seine Beine. Das Buch als Ausdruck der Anatomie. In zu vielen Büchern spüren wir den sitzenden, gebeugten, gekrümmten, in sich zusammengesunkenen Körper. Der gehende Körper ist aufgerichtet und wie ein Bogen gespannt: offen für weite Räume, wie eine Blume sich zur Sonne öffnet. Der Brustkorb ist weit, die Beine federn, die Arme schwingen.
Unsre ersten Wertfragen, in Bezug auf Buch, Mensch und Musik, lauten: »kann er gehen?«
Die Bücher der Autoren, die als Gefangene in ihren vier Wänden sitzen, an ihre Stühle gefesselt, sind kaum verdaulich. Sie entstehen dadurch, dass andere Bücher auf dem Tisch aufgestapelt werden. Es sind Bücher wie Mastgänse: gestopft mit Zitaten, gefüllt mit Verweisen, beschwert mit Anmerkungen. Sie sind schwer, übergewichtig, und man liest sie nur langsam, mühsam und gelangweilt. Diese Autoren machen Bücher aus Büchern, indem sie Zeilen vergleichen und wiederholen, was andere darüber gesagt haben, was wieder andere vielleicht erzählt haben könnten. Man überprüft, man präzisiert, man korrigiert, aus einem Satz wird ein Absatz oder ein Kapitel. Ein Buch ist der Kommentar aus hundert Büchern zu einem Satz aus einem anderen Buch.
Hingegen ist der Autor, der im Gehen schreibt, frei von Fesseln, sein Denken ist nicht Sklave anderer Bücher, nicht beschwert durch Verifikationen, nicht belastet von den Gedanken anderer. Er muss nicht Rechenschaft ablegen, niemandem, nur denken, urteilen, entscheiden. Sein Denken entsteht aus der Bewegung, aus Schwung. Man spürt darin die Spannkraft des Körpers, eine tänzerische Beweglichkeit. Sie ist voller Energie, drückt die Energie aus, die federnde Kraft. Die Sache denken, ohne die Verwirrung, den Nebel, die Sperre, die Schranke von Kultur und Tradition. Es sind keine langwierigen Darlegungen, sondern leichte und zugleich tiefe Gedanken. Die Gleichung lautet: Je leichter ein Gedanke, desto weiter reicht er, desto tiefer dringt er ein, durchdringt die dicken Schichten der Überzeugungen, der festgefassten Meinungen, des etablierten Wissens. Hingegen sind die Bücher, die in Bibliotheken ersonnen werden, oberflächlich und schwer und käuen nur Bekanntes wieder.
Beim Gehen denken, beim Denken gehen, und das Schreiben soll nur eine kurze Unterbrechung sein, wie der Körper sich bei der Wanderung erholt, wenn wir eine weite Landschaft betrachten.
Bei Nietzsche wird daraus schließlich ein Lob des Fußes. Man schreibt nicht nur mit der Hand, man schreibt »mit dem Fuße«. Der Fuß ist ein exzellenter Zeuge, vielleicht der beste überhaupt. Man muss darauf achten, ob beim Lesen der Fuß »hinhört« (denn bei Nietzsche hört der Fuß, wie wir im zweiten »Tanzlied« von Zarathustra erfahren: »Meine Zehen horchten, dich zu verstehen: trägt doch der Tänzer sein Ohr – in seinen Zehen!«), wenn er bei der Lektüre vor Lust erzittert, weil sie ihn zum Tanzen, zum Aufbruch, nach draußen zieht. Um die Qualität einer Musik zu beurteilen, muss man auf die Füße achten. Wenn beim Zuhören der Fuß den Takt mitklopfen, wenn er sich vom Boden abstoßen und springen möchte, dann ist das ein gutes Zeichen. Musik ist immer eine Einladung zur Leichtigkeit. Wagners Musik indes deprimiert den Fuß: Sie macht ihm Angst, er weiß nicht, wie er sich verhalten soll. Schlimmer noch, er erschlafft, ermattet, weiß nicht, wohin, und wird ärgerlich.
Wenn wir Wagner hören, schreibt Nietzsche in seinen letzten Texten, regt sich nicht das Bedürfnis, zu tanzen, denn wir gehen in den Strudeln der Musik unter, die tosen und toben und sich aufbäumen.
Meine »Tatsache« … ist, dass ich nicht mehr leicht atme, wenn diese Musik erst auf mich wirkt; dass alsbald mein Fuß gegen sie böse wird und revoltiert; er hat das Bedürfnis nach Takt, Tanz, Marsch … er verlangt von der Musik vorerst die Entzückungen, welche in gutem Gehen, Schreiben, Tanzen liegen.«
Nietzsche, wir haben es gesehen, war den ganzen Tag unterwegs, notierte rasch, was der Körper in Bewegung, in der Auseinandersetzung mit dem Himmel, dem Meer, den Gletschern, aus dieser Auseinandersetzung seinen Gedanken eingab. Auffallend ist bei seinen Wanderungen immer die aufstrebende Bewegung. »Ich bin«, sagt Zarathustra, »ein Wanderer und ein Bergsteiger … ich liebe die Ebenen nicht und es scheint, ich kann nicht lange still sitzen. Und was mir nun auch noch als Schicksal und Erlebnis komme – ein Wandern wird darin sein und ein Bergsteigen: man erlebt endlich nur noch sich selber.« Gehen bedeutet bei Nietzsche vor allem sich erheben, hinaufsteigen, klettern.
Schon 1876 in Sorrent wählte er für seine täglichen Spaziergänge Bergwege über der Stadt. In Nizza nahm er besonders gern den Pfad, der steil nach oben zu dem Dörfchen Eze führt, wo man sich wie auf einem Gipfel über dem Meer fühlen konnte. Von Sils-Maria aus wanderte er weit hinauf in hochgelegene Täler. In Rapallo erklomm er den Monte Allegro (»den höchsten Gipfel der Gegend«).
Bei Nerval laden Waldwege – ebene Labyrinthe – und sanfte Weiten den Körper zur Entspannung, zum Sinnen ein. Und dann steigen Erinnerungen auf wie Dunst. Bei Nietzsche ist die Luft bewegter und vor allem trockener, transparent. Das Denken ist schneidend klar, der Körper wach, gespannt. Da steigen natürlich nicht Erinnerungen auf, sondern Urteile fallen: Diagnosen, Erkenntnisse, Einschnitte, Verdikte.
Der Körper in der Aufwärtsbewegung strengt sich an, ist in Anspannung. Er hilft dem Denken beim Blick nach innen: noch ein bisschen weiter, noch ein bisschen höher. Nur nicht nachlassen, alle Energie mobilisieren, um vorwärtszukommen, fest den Fuß aufsetzen, langsam den Körper aufrichten und wieder ins Gleichgewicht kommen. Genauso mit dem Denken: Eine Idee führt zum noch Undenkbaren, Unerhörten, ganz Neuen.
Und dann noch: Die Höhe ist wichtig. Manche Gedanken stellen sich nur sechstausend Fuß über der Ebene und trübseligen Ufern ein.
»6000 Fuß jenseits von Mensch und Zeit.« Ich ging an jenem Tage am See von Silvaplana durch die Wälder; bei einem mächtigen pyramidal aufgetürmten Block unweit Surlei machte ich Halt. Da kam mir dieser Gedanke.
Wissen, dass in der Welt zu Füßen buntes Treiben herrscht. Suave turba magna … Ist es angenehm, von der Klarheit der Gletscher herabzublicken auf die Masse, die tief unten unbeweglich verharrt, verfault? Nein, bis zu so arroganter Verachtung geht Nietzsches aristokratisches Bewusstsein denn doch nicht.
Vielmehr braucht man zum Denken freie Sicht, Überblick, klare Luft. Man muss sich frei fühlen, um weit hinausdenken zu können. Und was zählen dann die Einzelheiten, die Präzisierungen, die Genauigkeiten? Die großen Linien des menschlichen Schicksals gilt es nachzuvollziehen. Von ganz oben sieht man die Bewegung der Landschaft, das Auf und Ab der Hügel. So ist es auch mit der Geschichte: Antike, Christentum, moderne Zeit. Was für Typen, Personen, Wesenheiten bringt das hervor? Wenn wir mit dem Blick an Daten und Fakten kleben, registrieren wir nur verzerrte Details. Darum müssen wir Fiktionen ersinnen, Mythen, allgemeine Schicksale.
Wir müssen noch ein gutes Stück Weg hinaufsteigen, langsam, immer höher, damit wir einen freien Blick auf unsere alte Zivilisation haben.
Etwas Klares wie der Verlauf des Weges vor uns. Nicht die dumme Verachtung der Sitzenden, eher das Mitgefühl, von dem Nietzsche weiß, dass es schon immer sein Problem war (»von meiner Kindheit an hat sich der Satz ›im Mitleiden liegen meine größten Gefahren‹ immer wieder bestätigt«, September 1884), das Mitgefühl, wenn er sieht, wie die Menschen sich mühen, in die Messe oder zum Spiel gehen, die Anerkennung anderer suchen, sich in düstere Bilder verstricken: Armselig sind sie. Während man von da oben erkennt, was den Menschen krank macht, das Gift der sesshaften Lebensweise.
Und dann erreicht man immer bei langen Wanderungen die Gipfel, von wo aus sich eine ganz andere Landschaft darbietet. Erst die Anstrengung, der Aufstieg, dann dreht sich der Körper, und zu Füßen erstreckt sich die unendliche Weite, oder an einer Biegung des Wegs sieht auf einmal alles ganz anders aus: eine Bergkette, Schönheit, die gewartet hat.