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Gentle Horse Training

 

Gut reiten, richtig ausbilden

 

 

 

 

Thies Böttcher

 

 

 

 

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Haftungsausschluss

Der Autor, der Verlag und alle anderen an diesem Buch direkt oder indirekt beteiligten Personen lehnen für Unfälle oder Schäden jeder Art, die aus den in diesem Buch dargestellten Übungen entstehen können, jegliche Haftung ab.

Achten Sie immer auf die entsprechende Sicherheitsausrüstung für sich selbst: feste Schuhe und Handschuhe bei der Bodenarbeit sowie Reithelm, Reitstiefel/-schuhe, Reithandschuhe und gegebenenfalls eine Sicherheitsweste beim Reiten.

 

 

Impressum

 

Copyright © 2009 by

Gestaltung und Satz der Originalausgabe: Ravenstein + Partner, Verden

Coverfoto: Jochen Becker

Fotos sofern nicht anders angegeben: Jochen Becker

Lektorat: Cora von Hindte

E-Book:

 

Alle Rechte vorbehalten.

Deutsche Nationalbibliothek – CIP-Einheitsaufnahme

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation

in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über abrufbar.

 

Abdruck oder Speicherung in elektronischen Medien nur nach vorheriger schriftlicher Genehmigung durch den Verlag.

 

Printed in Germany

ISBN 978-3-86127-461-2

 

eISBN 978-3-84046-014-2

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Erste Schritte

Erste Schritte

„War das jetzt wieder mein Fehler – oder will das Pferd nicht?“

Wer von uns hat nicht öfter diesen Gedanken, er begleitet uns auf Schritt und Tritt. Er lässt uns entweder sauer auf das Pferd werden oder frustriert zurück, weil wir es doch eigentlich langsam mal können müssten. Und eigentlich war es doch auch richtig…

Aber dürfen wir uns diese Fragen überhaupt stellen – bedeutet das nicht, beim Pferd vorauszusetzen, dass es genau weiß, was es machen soll? Woher soll dieses Wissen kommen? Hat es die genetische Veranlagung, Schenkelhilfen zu kennen und ein fremdes Wesen auf seinem Rücken zu tragen? Diese Überlegungen sind einfach zu absurd, um sie weiter zu vertiefen. Alles, was das Pferd ausführen soll, müssen wir ihm beibringen – nicht die Bewegung an sich, aber diese Bewegung auf Kommando, also auf die Hilfen des Reiters hin, auszuführen. Was ein voll ausgebildetes Pferd betrifft, ist die oben genannte Frage zulässig, aber Hand aufs Herz – wer von uns besitzt ein solches Pferd? Und wer sorgt dafür, dass es auf diesem Stand bleibt?

Ein Grundproblem in allen Sparten der Reiterei ist, dass die wenigsten Pferde voll ausgebildet sind und man dennoch versucht, sie zu reiten, als ob sie es wären. Ob Sie es wollen oder nicht – sobald Ihr Pferd sich nicht im Vollberitt bei einem Profi befindet, sind Sie selbst der Ausbilder Ihres Pferdes. Aus dieser Verantwortung heraus ergibt sich nur eine Frage: Wie kann ich dem Pferd erklären, was ich von ihm möchte? Und die zweite Frage folgt zwangsläufig: Was will ich dem Pferd überhaupt erklären?

Meine Tätigkeit als Kursleiter hatte großen Einfluss auf die Auswahl der in diesem Buch vorgestellten Übungen. Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob man jemanden über Wochen und Monate ständig betreut oder aber auf ei­nem Wochenendkurs auf ganz unterschiedliche Reiter-Pferd-Kombinationen trifft. Techniken, die man für den Unterricht in Kursen verwenden kann, müssen effektiv und leicht von den meisten umzusetzen sein, denn eine weiterführende Betreuung findet, wenn überhaupt, auf weiteren Kursen statt. Insofern ist die Gestaltung des Umfelds interessant, bei dem man das Pferd selbst herausfinden lässt, was es machen soll. Diese Ansprüche treffen meines Erachtens auch auf Lehrbücher zu, denn wie auf einem Kurs weiß ich nicht, wer es lesen wird. Allerdings sehe ich auf einem Seminar die Teilnehmer, ich kann mich auf die Pferde setzen und so besser einschätzen, wo genau die Problematik liegt und dementsprechend das Training darauf einstellen. Vor diesem Hintergrund wird die Reihenfolge der Übungen wichtig. Es geht vom Einfachen zum Schweren, und die Vorübungen sind meistens die Korrektur für die folgenden Übungen.

Damit begeben wir uns auf einen spannenden Weg; es geht nicht mehr um Reitweisen, Schuldfragen und ähnliche Dinge. Lernverhalten, Psychologie und Bewegungsabläufe rücken plötzlich in den Mittelpunkt. Lassen Sie uns einfach schauen, wohin der Weg führt.

Ihr Thies Böttcher

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Grundprinzipien

Grundprinzipien

Jeder hat seine eigene Vorstellung vom perfekten Pferd. Die Realität sieht freilich meist anders aus, denn unser Pferd hat keinerlei Vorstellung von unserer Idee. Training beziehungsweise Ausbildung besteht darin, dem Pferd unsere Sicht der Dinge zu vermitteln. Nehmen wir uns fünf Minuten Zeit herauszufinden, wie dieses Bild vom perfekten Pferd aussehen könnte: Zeichnen Sie Ihr Bild. Allerdings sollten wir dabei nach konkreten Dingen suchen. Floskeln wie „Partner“, „gut erzogen“ oder „vertraut dem Menschen“ hören sich schön an, aber wie erreicht man, dass das Pferd dem entspricht?

Mein Bildhintergrund besteht aus drei „Grundfarben“: Bewegung, Distanz und Weichheit. Es sind immer diese Dinge, die Mensch und Pferd Probleme bereiten.

Bewegung

Bewegung

Eines meiner interessantesten Pferde erwartete mich in Gestalt eines neunjährigen Quarterhorse-Wallachs. „Nach der Aufwärmphase geht er nicht mehr vorwärts“, so seine Besitzerin. Ein Treffen war schnell vereinbart, und so erwartete sie mich mit gesatteltem Pferd in der Halle. Der Sattel- und Tierarztcheck hatte bereits stattgefunden, sodass von dieser Seite keine Probleme zu erwarten waren.

In der Aufwärmphase lief Jet, so der Name des Pferdes, eigentlich sehr schön, die Überraschung kam, als ich die Besitzerin bat, die Zügel aufzunehmen und mit leichter Biege­arbeit zu beginnen: Jet bog in die Mitte der Volte ab und stellte sich hin. Es war nicht mehr möglich, dieses Pferd von der Stelle zu bewegen. Ich hatte nicht erwartet, dass „nicht vorwärtsgehen“ wörtlich zu nehmen war. Der Einsatz von Gerte und Sporen führe zum Steigen oder Bocken, klärte mich die Besitzerin auf.

Guten Mutes stieg ich auf und begann mit meiner „Standard-Taktik“ – wenn ein Pferd nicht vorwärts antreten will, dann tritt es eben zur Seite oder nach hinten an. Gerade das seitliche Antreten ist eine sehr effektive Methode, Pferde in Bewegung zu setzen, ohne zu grob werden zu müssen. In diesem Fall versagte sie gänzlich. Es war auch nicht möglich, mit dem Bein die Pferdehüfte zu verschieben, um daraus eine Bewegung zu entwickeln.

Das einzige Zugeständnis des Pferdes war ein Nachgeben im Hals nach links und rechts. Durch schnelles Hin- und Herbewegen des Pferdekopfes kann man Pferde oft aus dem Gleichgewicht und somit in Bewegung bringen – Jet blieb jedoch resistent.

Eine kleine Denkpause war angesagt. Da jedes Lebewesen aus seiner Situation lernt, um sie zu verbessern, musste ein Umfeld geschaffen werden, in dem Bewegung angenehmer ist als Stehen. Mein Weg konnte also nur über die Psyche des Pferdes führen – es musste sich dazu entscheiden, sich zu bewegen. Der Versuch, das Pferd zu zwingen, würde aller Voraussicht nach im Sand enden.

Die Lösung lag darin, das Stehen für das Pferd unbequem zu machen, ohne dabei grob zu werden und es zu Verteidigungsmaßnahmen zu zwingen. Ich nahm den rechten Zügel so an, dass der Pferdekopf etwa im rechten Winkel abgestellt war, und wartete. Durch die Biegung im Hals ist es dem Pferd nicht mehr möglich, ausbalanciert zu stehen, und die Halsmuskulatur ermüdet ebenfalls.

Nach etwa fünf Minuten wurde es Jet langsam unbequem, wobei er schon vorher versucht hatte, seinen Kopf freizubekommen. Ein „halber Schlag“ ums Horn des Sattels sorgte jedoch dafür, dass er mir nicht den Zügel aus der Hand reißen konnte. Dieser halbe Schlag lässt sich jedoch mit einer Bewegung lösen, sodass man in Situationen, die zu eskalieren drohen, den Zügel sofort nachgeben kann. Das hat zur Sicherheit von Pferd und Mensch oberste Priorität.

Aus dem leichten Zappeln heraus begann Jet das rechte Bein hochzunehmen, um sich auszubalancieren.

Ich löste den Zügel und lobte ihn. In den nächsten Minuten begriff er, dass ihn die Bewegung aus der unangenehmen Situation befreite. Nach weiteren fünf Minuten, die er durch die Gegend humpelte – das Annehmen des Zügels brachte ihn kurzfristig in Bewegung –, konnte man erkennen, dass er anfing, sich kons­tant vorwärtszubewegen. Das eigentliche Training konnte beginnen.

Glauben Sie mir, es gibt kaum ein komischeres Bild als ein Reiter auf einem Pferd, das sich nicht bewegt – wenn man als Zuschauer am Rand steht.

 

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Das Training muss immer die Natur des Pferdes berücksichtigen. Bewegung ist dabei ein grundlegendes Element. (Foto: Böttcher)

 

Es ist eine simple Rechnung: 600 Kilogramm auf vier Beinen. Wollen wir irgendetwas mit auch nur einem (!) Bein machen, sind wir körper­lich nicht in der Lage, diese 150 Kilogramm zu bewegen. Das Pferd muss sich demnach bewegen, dieses Bein anheben – erst dann können wir Einfluss auf die Bewegung nehmen und das Bein lenken. Egal was wir vorhaben, vorher muss das Pferd losgehen.

Ist das selbstverständlich? Sicher – aber wie viele Pferde kennen Sie, die sich vor dem Hänger einfach hinstellen? Oder unser liebes Pony frisst genüsslich am Wegesrand, und wir kommen nicht einen Meter von der Stelle?

Viele Probleme basieren auf dieser Abwesenheit von Bewegung beziehungsweise darauf, dass Menschen aus einem Bedürfnis nach Kontrolle heraus versuchen, Bewegung zu verhindern. Ein Pferd soll gezwungen werden, unter dem Reiter stillzustehen – es steigt. Ein weiteres wird einfach angebunden und reißt sich los. Dem nächsten Vierbeiner wird eine Kandare ins Maul geschnallt, um den Vorwärtsdrang zu bremsen. Ein stehendes Pferd stellt vielleicht keine Gefahr dar, es lässt sich aber nicht trainieren. Niemand muss Angst auf einem stehenden Pferd haben, aber im Notfall wird es sich bewegen. Haben Mensch und Pferd nicht gelernt, in der Bewegung miteinander zurechtzukommen, wird die Situation immer wieder gefährlich werden.

Viele Reiter-Pferd-Beziehungen sind genau durch diesen Umstand geprägt. Wir versuchen das auszuschalten, was wir eigentlich benötigen: die Bewegung des Pferdes. Haben wir das endlich geschafft, kommen Gerten und Sporen zum Einsatz, um das Pferd wieder zu veranlassen, vorwärtszugehen.

Takt und Losgelassenheit, die ersten Phasen in der Ausbildungsskala, sind nur zu erreichen, wenn wir die Bewegung des Pferdes erhalten und in geregelte Bahnen lenken.

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Die richtige Distanz ist eines der Schlüsselelemente in der Pferdeausbildung.

 

Distanz

Distanz

10 Grad Celsius kaltes Wasser tut gut – vor allem, wenn man seine geschwollenen, blauen Zehen darin abkühlen kann. Aber irgendwie hatte ich mir meinen Sommerurlaub auf Gran Canaria doch anders vorgestellt: schön am Pool liegen, ein kühles Getränk in der Hand …

Vier Tage vorher: Auf dem Weg zum Unterricht fiel mir nach fünf Minuten ein, dass ich meine Reitstiefel mit Stahlkappe vergessen hatte – egal. Ich war zu faul zum Umdrehen, und das Pferd war bereits einige Zeit im Training, wo also war das Problem? In Gedanken war ich schon am Packen.

Der Unterricht verlief normal, ich stand bei der Reitschülerin, und wir plauderten noch etwas über meinen Urlaub. Aus irgendeinem Grund machte der Friese, stolze 725 Kilogramm schwer, einen Schritt vorwärts, „rein zufällig“ auf meinen rechten Fuß. Nun gut, ich schob das Pferd wieder herunter, es war nichts weiter passiert und der Fuß weder blau noch schmerzempfindlich, also vergaß ich die Geschichte. Dieses leichte Puckern kam erst im Flugzeug auf …

Drei Dinge lernte ich in diesem Urlaub, an den ich gar nicht gerne zurückdenke:

Sei nicht faul, dreh um, wenn du wichtiges Equipment vergessen hast.

Sei aufmerksam, egal was los ist.

Sorge für Distanz, deine Zehen danken es dir.

 

Doch Distanz ist weit mehr als ein Sicherheitsaspekt im Umgang mit Pferden. Sehr viele Probleme und Widersetzlichkeiten entstehen dadurch, dass man dem Pferd nicht genügend Raum lässt. So löst man eventuell den Fluchtinstinkt aus, weil Sicherungsverhalten für das Pferd so nicht mehr möglich ist und es sich zu „Gegenmaßnahmen“ herausgefordert fühlt. Bei einer zu großen Distanz hingegen verliert man schnell die Kontrolle. Wir alle kennen Pferde, die an der Longe plötzlich umdrehen und somit die Kontrolle übernehmen. Das Wissen um die richtige Distanz kann daher das gesamte Training und den Umgang mit Pferden erheblich erleichtern.

Weichheit

Weichheit

Falls Ihnen schon einmal ein Pferd den Strick durch die Hände gezogen hat, wissen Sie genau, dass Weichheit oder Nachgiebigkeit etwas sehr Schönes ist. Ein gut nachgebendes Pferd ist ein Genuss, es lässt sich gut führen und longieren, anbinden und beim Reiten gut stellen und biegen. Für mich ist dies nicht ein Ausbildungsziel in weiter Ferne, sondern Grundlage für das Training. Diese Weichheit sollte möglichst schnell entwickelt und erhalten werden. Dabei ist Weichheit keine Frage der Gymnastizierung, sondern zumeist eine mentale beziehungsweise emotionale Eigenschaft. Dies sehen wir deutlich daran, dass sich jedes Pferd enorm biegen kann, wenn es nur will, zum Beispiel wenn es an der Seite einen Juckreiz spürt und sich mit dem Maul dort „kratzt“.

Diese drei Grundlagen – Bewegung, Distanz und Weichheit – sind für mich die wichtigsten Prinzipien überhaupt. Es gibt kaum Probleme, die nicht im Zusammenhang mit diesen Dingen stehen.

 

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Besonders im Halt und Schritt erkennt man die Bereitschaft zur Nachgiebigkeit.

 

Falls Sie diese Prinzipien für einfach halten – Sie haben recht, sie sind einfach. Sie müssen lediglich durchgehend aufmerksam beachtet und konsequent durchgeführt werden. Wie alle Dinge: Wenn Sie zum Beispiel abnehmen wollen, werden Sie wahrscheinlich auch konsequent jeden Morgen laufen gehen und gesünder essen. Eigentlich ganz einfach.

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