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Michael Ende

Die Legende vom Wegweiser

Erzählung

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Vorzeiten lebte in der Stadt Augsburg ein reicher Handelsmann namens Nikolaus Hornleiper. Er war schon hoch in den Fünfzigern, als ihm sein angetrautes Weib an einer Seuche dahinstarb, die das ganze Land heimgesucht hatte.

Die Verbindung war kinderlos geblieben, und Hornleiper bedachte, dass er sein Geschäft, seine Besitztümer und sein großes Vermögen nicht ohne Erben lassen wollte. Darum heiratete er schon bald nach Ablauf der gebotenen Trauerfrist ein zweites Mal, und zwar eine Jungfrau von kaum achtzehn Jahren, Tochter einer angesehenen Kaufmannsfamilie aus der nämlichen Stadt.

Anna Katharina – so war der Name des Mädchens – konnte jedoch den viel älteren Mann nicht lieb haben, obgleich sie sich redliche Mühe gab, seinem und der Eltern Willen getreulich zu gehorchen. Je mehr sie sich aber anstrengte, desto mehr wuchs heimlich in ihrem Herzen die Abneigung gegen ihren Gemahl, denn dieser war zwar ein ehrlicher, aber grobianischer und poltriger Mann, der zum Jähzorn neigte und sogar mit Schlägen rasch bei der Hand war. Sie dagegen war von empfindsamer, schwärmerischer Seelenart und allem Schönen und Feinen, vor allem der Lautenmusik zugetan, bei der Nikolaus gewöhnlich einschlief und unbekümmert schnarchte.

Nach und nach verlor Anna Katharina alle Freude am Leben, wurde schweigsam und verlernte ganz das Lächeln. Auch ihre Stimme, mit der sie hübsch zu singen verstanden hatte, zerbrach und klang spröde wie die eines alten Weibes. Ihr Leib magerte ab und begann hinzuschwinden. Der Einzige, der den wahren Grund für all das kannte, war ihr Beichtvater, der aber wusste auch nichts Besseres, als sie hart auszuschelten und ihr mit höllischen Strafen wegen ihrer angeblichen Hoffart zu drohen, was das arme Kind freilich nicht munterer machte.

Dann geschah es, dass sie schwanger wurde. In den folgenden Monaten schwoll ihr Leib immer mehr an, während ihre übrige Gestalt zusehends hinwelkte. Als dann endlich ihre schwere Stunde kam, die zugleich ihre letzte sein sollte, ereignete sich etwas höchst Seltenes: Ein Wintergewitter ging über der Stadt Augsburg nieder, es schneite, blitzte und donnerte. Und eben in dem Augenblick, da ein mächtiger Wetterstrahl die Linde vor dem Hause spaltete, trat ihr erstes und einziges Kind, ein Söhnlein, ins Leben, während sie selbst über die Schwelle des Todes aus dieser Welt hinausging, gewissermaßen durch ein und dieselbe Pforte. Und wer, außer Gott, kann wissen, ob die zwei Seelen sich bei dieser Begegnung anblickten und was dieser Blick für beide bedeutete. So jedenfalls vollzog sich die Geburt jenes Knaben, aus dem später jener ruhelos umgetriebene Abenteurer und weltbekannte Scharlatan Conte Athanasio d’Arcana wurde und der zuletzt unter dem Namen Indicavia, der Wegweiser, ein rätselhaftes Ende fand. Seine Geschichte soll hier, so gut es unser dem Zeitlichen unterworfenes Wissen erlaubt, berichtet werden.

Nikolaus Hornleiper trauerte nicht allzu sehr um sein zweites Weib, das ihm fremd geblieben war, aber er erfüllte doch alle Riten, die ein ehrbarer Christenmensch in solchem Falle zu beachten hat. Auch war er’s im Grunde zufrieden, dass er nun seine Absicht erreicht und einen Stammhalter und Erben gezeugt hatte, was ja der eigentliche Zweck dieser Ehe gewesen war. Das Söhnlein ließ er auf den Namen Hieronimus taufen und bestellte eine Amme, die das Kind pflegen und aufziehen sollte. Danach kümmerte er sich fürs Erste kaum noch um den Säugling. Seine Geschäfte nahmen ihn zu sehr in Anspruch. Zu einer dritten Ehe mochte er sich übrigens fortan nicht mehr entschließen.

Die Amme, Theres mit Namen, war eine stämmige, treuherzige Person vom Lande, deren mütterliche Wärme für zehn und mehr Kinder gereicht hätte. Sie aber schenkte sie ganz allein dem kleinen Hieronimus und ersäufte ihn fast darin. Sie schleppte ihn überall mit sich herum und ließ ihn nicht eine Minute des Tages oder der Nacht allein. Sie nährte ihn an ihren mächtigen Brüsten, wann immer er danach begehrte, auch als er schon längst über das Säuglingsalter hinaus war. Aber an Hieronimus glitt all diese Zuwendung auf eine ihr unbegreifliche Art ab. Er war anders als alle anderen Kinder, die sie je gekannt hatte. Dieser Knabe war von Anfang an ein Fremdling auf Erden, er war unerreichbar für sie und ihre animalische Zuneigung, nicht weil er sie zurückwies, sondern weil er wie durch einen sternenweiten Raum von ihr getrennt war. Und je heftiger sie sich bemühte, diesen leeren Raum zu durchdringen, desto unermesslicher wurde er. Dieses Kind war für sie sehr schwer zu lieben, und Theres empfand bisweilen auf ihre dumpfe Art so etwas wie heilige Scheu vor dem Kleinen.

Tatsächlich war Hieronimus von einer nahezu engelhaften Zartheit und Empfindlichkeit, und das nicht nur körperlich – mehr als einmal schien er in den ersten Lebensjahren nahe daran, seiner Mutter in die himmlischen Gefilde nachzufolgen, ohne dass die herbeigerufenen Ärzte irgendeine Krankheit konstatieren konnten, so als weigere sich das Kind ganz einfach, seine irdische Existenz anzunehmen – sondern mehr noch, was die Beschaffenheit seiner Seele betraf.

Er schrie und weinte fast nie, wie andere Kinder das tun. Von Anfang an umgab ihn gleichsam eine Aura von Melancholie, aus seinen dunklen Augen sprach eine Art untröstlicher Trauer, die Theres nicht begreifen konnte und die sie manchmal zur Verzweiflung trieb. Dann schüttelte sie ihn, um ihn gleich darauf zu umarmen.