Hanser E-Book

 

Elke Heidenreich

Bernd Schroeder

 

ALTE LIEBE

 

Carl Hanser Verlag

 

ISBN 978-3-446-24260-9

© 2009/2012 Carl Hanser Verlag München

Satz: Satz für Satz. Barbara Reischmann, Leutkirch

 

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Kreutzfeldt digital, Hamburg

  1   LORE

Das gibt wieder endlose Diskussionen. Und am Ende werden wir doch hinfahren. Aber zuerst muss ich mir die ganze Litanei anhören, immer und immer –

Damit will ich nichts zu tun haben, Das interessiert mich nicht mehr, Natürlich ist sie meine Tochter, aber ihr Privatleben geht mir allmählich am Arsch vorbei, Auf welcher Müllkippe hat sie diesen Kerl nun wieder gefunden …

Ich hör es schon. Ich würde ihm am liebsten sagen: Harry, halt jetzt einfach den Mund, sag jetzt einfach gar nichts, nimm den Brief hin, lass uns zu dieser idiotischen Hochzeit fahren, ja, es ist eine idiotische Hochzeit, ja, du hast recht, aber es ist nun mal unsere Tochter und ich finde es völlig müßig, alles jetzt noch mal von vorn durchzukauen.

Was für ein Theater aber auch mit diesem Kind. Ich ärgere mich über Harrys Kommentare, die ich schon jetzt höre, als hätte er sie bereits losgelassen, ich kenn doch meinen Harry. Aber er hat recht, verdammt noch mal, er hat recht.

Glorias Leben ist eine einzige Katastrophe. Sechsunddreißig Jahre, der dritte Mann, eine entsetzliche Ehe nach der anderen. Und dieser Mann ist auch falsch, ich fühle das. Eine Mutter fühlt so was. Das geht auch schief. Was haben wir bloß falsch gemacht mit diesem Kind. Sie war so ein süßes kleines Mädchen, blonde Locken, diese Sternenaugen, wie schön sie Klavier gespielt hat. Wir haben sie nie zu irgendwas gezwungen. Als sie die Schule abbrechen wollte, haben wir sie gelassen, als sie nach Indien wollte, haben wir sie gelassen, wir haben sie immer gelassen, vielleicht war das falsch. Sie wollte nicht so leben wie wir. Das wollen Kinder ja nie. Aber mein Gott, wie leben wir denn, ist das denn so schlecht? Immerhin hat unsere Ehe alle Stürme überdauert, eine 68er Ehe, das muss man erst mal bringen. Und Gloria – schon der dritte Ehemann. Die vielen überflüssigen Affären gar nicht mitgezählt. Ich weiß nicht, was ich Harry sagen soll. Ich sage erst mal gar nichts. Ich lass ihn den Brief lesen. Da muss er jetzt durch.

Und ich auch.

 

*

 

»Hast du gelesen?«

»Ja, natürlich.«

»Dann sag was.«

»Lore, was soll ich da denn sagen? Du weißt alles, was ich dazu sagen könnte.«

»Sie ist unsere Tochter, Harry.«

»Natürlich ist sie unsere Tochter. Sie bleibt auch immer unsere Tochter. Aber du weißt genau, dass mir ihr desaströses Privatleben allmählich am Arsch vorbeigeht.«

»Ich wusste, dass du das sagen würdest.«

»Warum fragst du dann.«

»Wir fahren also nicht?«

»Du kannst gern fahren, keiner hindert dich. Aber ich habe keine Lust, schon wieder einen dieser Kerle kennenzulernen, die sie auf irgendwelchen Müllkippen findet.«

»Sie ist Mitte dreißig. Vielleicht ist es …«

»Sie ist bald Ende dreißig und es ist dieselbe Scheiße wie immer. Warum muss sie eigentlich jedes Mal heiraten? Wie spießig ist das eigentlich?«

»Wir haben auch geheiratet.«

»Ja. Einmal. Damals. Aus Liebe.«

»Liebe.«

»Ach, jetzt war es nicht mal mehr Liebe?«

»Darüber diskutier ich mit dir nach vierzig Jahren nun wirklich nicht mehr.«

»Wie gesagt, du kannst gerne fahren, ich guck mir diesen Basedow nicht an.«

»Bredow.«

»Bredow, Basedow, Ossi, oder?«

»Kann sein. Ich weiß es nicht, Harry, er hat viel Geld, schreibt sie. Sie wäre endlich – na ja, versorgt.«

»Ich hör wohl nicht richtig. Muss sie versorgt werden? Die hat doch eine Ausbildung!«

»Sie hat drei Ausbildungen, sie hat nichts abgeschlossen, sie hat das Kind, sie hat immer gearbeitet, aber du weißt doch selbst, dass das alles nicht rosig war. Nicht rosig ist. Warum soll nicht mal ein reicher …«

»Besser als dieser Schluffi.«

»Schluffmann. Das ist nun zwanzig Jahre her, Harry, sie war siebzehn, mein Gott.

»Indien. Schluffi-Hochzeit in Indien. Ich sag am besten gar nichts mehr.«

»Ja, dann lass es doch. Ich fahr jedenfalls hin.«

»Wann soll das sein?«

»Im Herbst.«

»In Leipzig?«

»In Leipzig.«

»Ossi. Was macht der Kerl, außer Geld haben?«

»Das schreibt sie nicht.«

»Das schreibt sie nicht. Aha. Da stimmt doch wieder was nicht.«

»Harry, du machst mich wahnsinnig. Setz dich hin. Lass uns vernünftig reden.«

»Ich rede nicht unvernünftig. Nicht dass ich wüsste. Sie schreibt nichts von Laura.«

»Doch, dass Laura sich gut mit Frank versteht.«

»Frank?«

»Bredow.«

»Frank Basedow.«

»Bredow.«

»Herrgottnochmal, ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, was ich tun soll, sie ist meine Tochter, ja. Es ist unser Enkelkind, ja. Aber ich kann das nicht mehr ernst nehmen. Nichts mehr. Verstehst du das nicht?«

»Lore, ob du das nicht verstehst?«

»Ja. Doch.«

»Na also.«

  2   HARRY

Früher, wenn mit Gloria irgendwas war – und irgendwas war ja immer –, fragte Lore meistens, Harry, was haben wir falsch gemacht? Das fragt sie Gott sei Dank nicht mehr.

Wir haben nichts falsch gemacht, Lore. Ich lehne es ab, immer etwas in der Erziehung falsch gemacht zu haben, wenn die erwachsenen Kinder mit dem Leben nicht zurechtkommen. Wir haben Gloria ein intaktes Familienleben geboten. Wir waren immer für sie da und wir haben sie in Ruhe gelassen. Sie hatte alle Freiheiten und alle Möglichkeiten. Ich glaube, eines ihrer Probleme war, dass sie das gar nicht zu schätzen wusste, weil es so selbstverständlich war. Einmal, ich erinnere mich, Gloria war schon fast zwanzig und gerade aus Indien zurück und ziemlich am Ende, da sagte ich, ach, Kind, du hast so schön Klavier gespielt. Es war so schade, dass du das nicht weitergemacht hast. Sie hatte ja Begabung, von wem wissen wir nicht. Sie sang schön, war wirklich musikalisch. Da sagt sie doch tatsächlich: Ihr hättet mich eben zwingen müssen. Na fein! Das hätte ich erleben wollen, wenn wir sie jemals zu irgendetwas gezwungen hätten. Zwingen! Wie denn? Womit denn? Mit Ohrfeigen, Strafen, Verboten? Hätten wir sie zwingen sollen, die Schule fertig zu machen? Hätten wir verhindern sollen, dass sie nach Indien ging mit diesem Schluffi? Hätten wir sie zur Abtreibung zwingen sollen, als sie später dann schwanger war von einem Kerl, der sich schon während ihres ersten Schwangerschaftsmonats abseilte? Nein, das war bei uns nicht drin. Wir waren durch unsere autoritären und kriegsgeschädigten Eltern gewarnt. In diesen Dingen – in vielen anderen nicht – waren Lore und ich uns ziemlich einig. Natürlich war Lore der Tochter immer näher. Vielleicht denkt sie deswegen manchmal darüber nach, was sie falsch gemacht haben könnte, und dann sagt sie wir, wir haben was falsch gemacht.

Nun also Frank Bredow, gerade mal zehn Jahre jünger als ich, der Mann, den wir nicht kennengelernt haben, von dem bisher nie die Rede war, den sie vor einem halben Jahr wohl selbst noch gar nicht kannte. Frank Bredow, Leipzig, Heirat im September, Einladung zu großer Hochzeit. Kann man das ernst nehmen? Da heiratet die zum dritten Mal und macht ein solches Brimborium! Also ich weiß nicht – und ich will nicht.

Frank Bredow. Ich habe über den Mann gegoogelt. Maximilian Bredow, der Vater, Inhaber der Firma Bredow-Bau-Hamburg (BBH), Immobilien, Baufirmen, zwölfhundert Angestellte. Sohn Frank Bredow, Juniorchef und Leiter der Filiale der BBH in Leipzig, vierhundert Angestellte. Also kein Ossi, liebe Lore. Leipzig, dachte ich mir, Leipzig, da ist doch der Kollege Polenz aus dem Bauamt nach der Wende hingegangen. Ich also den Polenz angerufen. Interessante Informationen! Die Bredows haben nach der Wende eine große Gründerzeitvilla mit sehr viel Grund und Boden zurückbekommen. Frank Bredow hat das Anwesen übernommen, restauriert und zugleich eine Filiale der väterlichen Firma aufgezogen. Er ist sozusagen von Beruf Erbe, sagt Polenz. Reiche Leute, naturgemäß im Osten nicht beliebt. Frank Bredow, so Polenz, ist ein arroganter, unangenehmer Kerl. Großkotz, kriegt aber jetzt was auf den Deckel. Er hat ungenehmigt einen Tennisplatz mit Kunstrasen vor seine Villa gebaut, mitten in ein Wohngebiet. Das hat die Stadt untersagt. Jetzt prozessiert er mit den Behörden herum, was natürlich die Chancen, mit der Stadt Immobiliengeschäfte zu machen, nicht gerade begünstigt. Jedenfalls, sagt Polenz, er wird sich den Tennisplatz abschminken müssen.

Und dann hat er gefragt, warum mich der Mann interessiert. Er wird mein Schwiegersohn, hab ich gesagt, und ich hab gemerkt, wie fassungslos der Polenz war. Jetzt wollte er einiges zurücknehmen, klar, aber ich hab gesagt, ist schon gut, Polenz, ich kenn den Kerl nicht und ich glaube auch, dass ich ihn nicht mag. Übrigens, sagte Polenz am Ende noch, seine Firma heißt Kaiserreich, nach der Mutter, einer geborenen Kaiser.

Kaiserreich. Das muss einem einfallen.

Wann, wie und ob überhaupt ich das Lore erzähle, weiß ich noch nicht. Vielleicht ist es gut, wenn sie unvoreingenommen zu dieser Hochzeit fährt. Ich werde mich drücken – vielleicht krank werden, wer weiß.

 

*

 

»Ist sie denn eigentlich glücklich, Lore, hört man mal dazu was oder ist das egal?«

»Ich glaube, unsere Tochter ist zum ersten Mal im Leben richtig glücklich.«

»Das wär ja mal schön. Und woher willst du das wissen?«

»Sie sagt es.«

»Hat sie das nicht jedes Mal gesagt, wenn sie einen neuen Kerl hatte?«

»Hat sie nicht.«

»Doch.«

»Sei doch nicht so stur. Lass doch mal den Gedanken zu, dass Gloria älter und vernünftiger geworden ist. Sie macht am Telefon einen sehr ausgeglichenen Eindruck. Das war nicht immer so.«

»Wahrlich.«

»Das war niedlich: Ich hab sie gefragt, ob sie nicht Schwierigkeiten damit hätte, nun plötzlich so einen wohlhabenden Mann zu haben. Mama, hat sie gesagt, Frank ist nicht wohlhabend, er ist reich, steinreich, aber ich habe überhaupt kein Problem damit.«

»Woher hat der denn die Kohle? Geerbt?«

»Das auch. Der Vater macht irgendwas mit Immobilien in Hamburg. Frank ist der einzige Sohn und hat eine Dependance der Firma in Leipzig, wo sie eine Riesenvilla haben.«

»Und da wohnen sie?«

»Ja, Frank, Gloria und Laura. Und Personal.«

»Personal? Wie kommt unser einstiges Freakmädchen mit Personal zurecht?«

»Sie wird ja auch älter, Harry. Die Villa muss riesig sein, renoviert, denkmalgeschützt, großes Grundstück, Stallungen für Pferde, ein Park und ein Pförtnerhaus. Und stell dir vor, vor dem Haus haben sie einen eigenen Tennisplatz.«

»Vor der denkmalgeschützten Villa mitten im Wohngebiet?«

»Ja. Warum nicht?«

»Würde mich wundern, wenn das in Leipzig erlaubt wäre, privater Tennisplatz mitten in einem Wohngebiet.«

»Ich glaub, es hat ein bisschen Ärger gegeben, aber jetzt existiert der Tennisplatz. Frank hat wohl Beziehungen, er hat es irgendwie als ›Wiese mit Streifen‹ deklariert. Komisch, oder? Wiese mit Streifen. Zur Hochzeit wird er eingeweiht. Und Gloria schenkt Frank zur Hochzeit so einen Hochsitz.«

»Einen Hochsitz? Geht der etwa zur Jagd?«

»Nein, so einen Schiedsrichterstuhl für den Tennisplatz, wo er oben draufsitzen kann, wenn sie mit anderen Tennis spielt und er den Schiedsrichter macht – oder Punktrichter oder wie das heißt.«

»Wie ein Kaiser auf dem Thron, der über sein Kaiserreich blickt und Punkte vergibt.«

»Harry, ich verstehe deine Ironie nicht.«

»Das kam mir gerade so als Bild. Ist er groß oder klein?«

»Normal, wie ein Tennisplatz eben, denke ich.«

»Nein, der Schwiegersohn.«

»Eher klein und untersetzt.«

»Sagt Gloria das?«

»Nein. Ich weiß jetzt nicht, wie ich dir das sagen soll, Harry, ich bin doch auch verunsichert durch diesen plötzlichen Wandel im Leben unserer Tochter. Man macht sich doch auch Sorgen.«

»Warum? Nun ist sie doch versorgt.«

»Genau das ist es doch, was mich verunsichert hat.«

»Dachtest du, aha, jetzt reißt sie sich einen Reichen unter den Nagel, egal, was es für eine Type ist.«

»Ich wollte einfach wissen, was für ein Mensch er ist und ob ich Glorias Euphorie trauen kann.«

»Und weißt du es jetzt?«

»Na ja. Ich habe eine Kollegin aus der Leipziger Stadtbibliothek angerufen – die hab ich mal auf einem Lehrgang kennengelernt. Die hab ich ausgefragt.«

»Detektivin Lore, besorgte Mutter. Und was sagt die?«

»Sie sagt, dass die Bredows in Leipzig praktisch jeder kennt. Alteingesessene Familie, vor dem Krieg gehörten sie zu den Stadthonoratioren. Dann sind sie geflohen und jetzt zurückgekommen. Sie kennt Frank persönlich. Er sei sehr großzügig, habe zum Beispiel für den Ausbau der Bibliothek gespendet, tue viel für die Stadt und sei ein umgänglicher Mensch und sehr beliebt.«

»Und klein und untersetzt.«

»Das auch.«

»Also vermutlich kleiner als Gloria.«

»Vermutlich.«

»Lore, wie fändest du es, wenn unser Nachbar drüben die große Wiese vor seinem Haus zum Tennisplatz umbauen würde?«

»Was soll das denn jetzt, das ist doch ganz was anderes.«

»Und wir würden hier sitzen und es flögen uns die Tennisbälle um die Ohren. Und auf einem Schiedsrichterstuhl säße der Nachbar und würde rufen: fünfzehn, dreißig, Matchball, Ausgleich! Würde dir das gefallen?«

»Natürlich nicht.«

»Vielleicht gefällt das ein paar Leuten in Leipzig auch nicht.«

  3   LORE

Ich bin so deprimiert. Ich sollte mich doch freuen, eigentlich. Mein einziges Kind heiratet einen reichen Mann und ist endlich versorgt, mein Sorgenkind. Versorgt. Furchtbarer Gedanke. Man muss doch selbständig sein. Gloria war nie selbständig. Sie hat tausend Sachen angefangen, nichts fertig gemacht, und seit sie das Kind hat, waren es sowieso alles nur mickrige Jobs. So gesehen – jetzt muss sie sich nicht mehr abrackern. Sie wird auch älter. Wenn es nur diesmal hält, aber … Ach was. Nein, so will ich nicht denken. Das ist ja jämmerlich, dass ausgerechnet ich so denke. Trotzdem. Wenn sie diesmal geschieden wird, der kann wenigstens was zahlen.

Ich hab mein Leben lang gearbeitet. Ich wüsste gar nicht, wie ich ohne meine Arbeit über die Runden kommen sollte. Ich brauche die Bibliothek, und die da brauchen mich. Jetzt die Lesung, keiner hat das mit der Organisation so im Griff wie ich. Die sind alle zu jung, zu unmotiviert, oder dick und dumm und faul wie Christa. Christa sitzt immer nur und frisst. Mich wollen sie pensionieren, weil ich das Alter hätte – Christa ist zwölf Jahre jünger, aber die tut nichts, nichts. Die sollten sie rausschmeißen, nicht mich.

Rausschmeißen lass ich mich sowieso nicht. Ich geh weiter hin, die brauchen mich doch. Soll Christa den Martin begrüßen? Ich mein, ich seh es schon. Mit Streuselkuchen in der Hand, kauend. Die hat doch nicht mal ein Buch von ihm gelesen, die kennt ihn nur aus dem Computer.

Früher war es viel schöner, als es noch Karteikarten gab. Ich hab das so geliebt, für jedes Buch ein Kärtchen, und hinten konnte man sehen, wie oft es ausgeliehen worden ist. Heute hockt man vor diesem Computer. Und wenn jetzt noch das E-Book kommt – du lieber Himmel! Jaja. Die neue Zeit. Ich scheiß doch auf die neue Zeit. Wieso ist neu immer automatisch gut?

Ach, ich hab einfach schlechte Laune. Das Wetter. Das Alter. Alles. Ich fühl mich müde und angestrengt, aber das darf ich keinem sagen, Lore ist doch immer so stark, Lore schafft doch immer alles, und Harry muss ich das auch vorspielen, sonst lässt der sich noch mehr hängen. Harry ist so mürrisch geworden. So muffig, so gegen alles. Manchmal hab ich so eine Wut auf ihn. Jetzt wieder, wegen der Hochzeit. Was für ein Theater, was für zermürbende Diskussionen und wozu das alles? Am Ende fährt er ja doch mit. Mir graut vor dieser Hochzeit. Mir doch auch. Aber das ist auch so was, was ich nicht sagen darf. Schon gar nicht zu Harry.

 

*

 

»Harry, ich freu mich richtig auf die Hochzeit, weißt du.«

»Du hast sie ja nicht alle. Was freut dich denn da?«

»Ach, vielleicht wird es ein schönes Fest. Vielleicht ist ja alles wunderbar.«

»Man kann sich alles schönreden.«

»Aber du fährst mit, oder? Du lässt mich da doch nicht allein?«

»Ich weiß es nicht, Lore. Ich will morgen mal mit Gloria telefonieren, mal die Stimmung testen.«

»Mach’ s doch heute.«

»Heute kann ich nicht.«

»Wieso kannst du heute nicht?«

»Ich spiele heute Golf mit Ede, und da will ich mir die Laune nicht verderben lassen.«

»Ach, du weißt also schon von vornherein, dass dir ein Telefongespräch mit unserer Tochter die Laune verdirbt, ja?«

»Bitte, Lore.«

»Ist doch wahr. Du machst einem alles kaputt, weißt du das?«

»Was mach ich denn jetzt kaputt?«

»Alles. Meine Laune.«

»Du hast schon den ganzen Morgen schlechte Laune. Ich geh aber gleich, dann kannst du in Ruhe brummeln.«

»Ich hab keine schlechte Laune. Ich ärger mich.«

»Wieso, worüber? Ich schon wieder?«

»Ich ärger mich, weil ich dir extra gesagt habe, dass heute die Lesung ist. Du könntest ruhig mal mitkommen. Aber nein, Golf spielen. Golf! Wenn uns das damals jemand gesagt hätte. Golf. Harry spielt Golf.«

»Was für eine Lesung?«

»Na, in der Bibliothek. Heute liest Martin.«

»Was für ein Martin?«

»Mein Gott, was für ein Martin, was für ein Martin. Walser.«

»Walser? Was liest der?«

»Sein neues Buch. Du kennst ja nicht mal die alten. Du liest ja gar nicht mehr. Golf!«

»Ein flüchtiges Pferd hab ich neulich …«

»Fliehendes.«

»Ein fliehendes Pferd. Kenn ich, hab ich neulich gelesen.«

»Das ist Jahrzehnte her.«

»Na und, seit wann spielt es eine Rolle, wie alt ein Buch ist?«

»Du liest nicht, du interessierst dich nicht, du verblödest.«

»Ach, ich verblöde. Na dann. Wenn du nur gescheit bist und immer alles weißt.«

»Du liest nicht. Das stimmt nun mal.«

»Ich lese jeden Tag die Zeitung.«

»Ja, den Sport – das ist kein Lesen.«

»Doch. Außerdem lese ich nicht nur den Sport, sondern auch die Politik. Und ich treibe Sport.«

»Golf.«

»Kannst du vielleicht mal damit aufhören, dich auf dieses dämliche Golf einzuschießen?«

»Jetzt sagst du selbst, dass es dämlich ist.«

»Ich bin mit Ede an der frischen Luft, das willst du doch immer. Wir gehen stundenlang über schöne Wiesen und hauen kleine Bällchen durch die Gegend, friedlicher geht’s nicht. Was hast du dagegen?«

»Du meckerst ja sogar gegen den Tennisplatz vor Glorias Villa.«

»Das ist ja wohl was anderes.«

»Ist es nicht.«

»Lore, komm, lass sein, das hat keinen Sinn heute. Ich geh dann jetzt mal.«

»Bei mir kann es spät werden.«

»Bei mir auch.«

  4   HARRY

Martin! Ob der auch Golf spielt? Dazu hat der wahrscheinlich keine Zeit, weil er im Land herumreisen muss, um in muffigen Bibliotheken vorzulesen. Ich hasse diese Lesungen, und ich drücke mich davor, wo es nur geht. Dieses Publikum! Deutschlehrer und Handarbeitslehrerinnen und eben solche wie Lore, die sich so gerne Kulturschaffende nennen. Ich finde es immer peinlich, wenn Lore am Tag einer solchen Lesung schon morgens aufgeregt ist. Angeblich muss sie sich um alles kümmern – wo der Autor schläft, was er isst, ob er Vegetarier ist, lieber Bier als Wein trinkt, lieber Tee als Kaffee und so fort. Und dann geht sie ins Hotel und legt eine Sechziger-Glühbirne aufs Zimmer für die Leselampe mit einem Willkommensgruß.

Am Abend steht sie rausgeputzt da, hat hektische Flecken im Gesicht und liest von einem Zettel vor, was sie sich aus Wikipedia abgeschrieben hat. Dann sitzt sie in der ersten Reihe, wo mich eh keiner hinkriegt, und hängt an den Lippen des Vorlesenden, als würde der ihr gerade das große Heil verkünden.

Einmal hat sie sich in einen verliebt – das ist jetzt sicher um die fünfzehn Jahre her. Sie war fast fünfzig, er Ende zwanzig und Lyriker. Ich hab den Namen vergessen. Da war sie ganz neben sich, es kamen Briefe, mit denen sie sofort in ihrem Zimmer verschwand, Anrufe, die sie erröten ließen, es häuften sich Besuche von sogenannten Fortbildungsseminaren, die man vorher stets als unnötig angesehen hatte, und es lagen schmale Bändchen mit wirren Gedichten und vorsichtigen Widmungen herum. Und eines Tages war es dann wohl vorbei. Keine Briefe, keine Telefonate, keine Fortbildung mehr. Lore weiß gar nicht, wie sehr ich das damals mitbekommen habe. Wir haben nie darüber geredet. In der Zeit danach ging es uns sehr gut. Unsere Sexualität bekam einen positiven Schub – für einige Zeit.

Und so wichtig sich Lore bei den Lesungen macht, so aufgeregt und übertrieben spielt sie auch ihre Rolle in der Bibliothek. Angeblich geht ohne sie gar nichts, haben alle anderen keine Ahnung oder sind dumm und faul. Sie sagt, sie sei unentbehrlich. Wenn sie gehe, worauf sie seit ein paar Monaten Anspruch hat, breche alles zusammen, was sie der Bibliothek, den Büchern, ihren Autoren und den Lesern nicht antun dürfe. So war sie immer, und ich bin mir sicher, dass die Kollegen diese quirlige Allesbesserwisserin lieber heute als morgen im Ruhestand sähen.

Wir hatten das ja eigentlich auch so geplant. Ein Jahr nach mir sollte sie auch zu arbeiten aufhören. Wir hatten Pläne geschmiedet. Wollten reisen, mal für längere Zeit in den Süden gehen, nach Amerika, all das tun, was wir uns über die Jahre immer gewünscht, aber verkniffen haben. Nun bin ich seit zwei Jahren pensioniert und sitze hier den ganzen Tag alleine. Okay, ich langweile mich nicht. Ich genieße dieses Leben. Ich hab meinen Garten.

Zuletzt bin ich sowieso nicht mehr gern ins Bauamt gegangen. Ich bin mit den forschen jungen Kollegen und mit den überspannten Architekten nicht mehr zurechtgekommen. Ich mache den Garten, liebe meine Stauden, bastle am Haus herum, damit wird man ja nie fertig, habe ein paar Hobbys, treffe mich mit Freunden – mit Ede zum Beispiel –, neuerdings auch zum Golf.

Und wenn ich es mir genau überlege, dann weiß ich gar nicht, ob ich mir wünschen soll, dass Lore zu arbeiten aufhört. Ich fürchte, dann werde ich nicht mehr beim Frühstück in Ruhe die Zeitung von vorne bis hinten lesen können, was in der Regel bis elf dauert. Es könnte sein, dass es hier dann etwas ungemütlich wird. Will ich das?

Das mit dem Golf, das war diese Wette mit Ede. Er hat sie verloren und muss mir zehn Golfstunden bezahlen. Sechs Stunden haben wir hinter uns – aber ich glaube, mein Ding ist das nicht. Nicht wegen des Altherren-Image. Ich finde es einfach etwas albern – ich finde die Leute dort albern.

 

*

 

»Weißt du, Lore, ich finde das absurd, wenn du daraus jetzt eine ideologische Nummer machst. Wer SPD oder Grün wählt, darf nicht Golf spielen.«

»Du hast doch immer große Reden gegen Golfspieler und Mercedesfahrer geschwungen. Und jetzt spielst du Golf und fährst mit dem Mercedes hin.«

»Beides ist kein Verrat an meinen politischen Idealen.«

»Ich kenne jedenfalls keinen Menschen von Kultur, der Golf spielt.«

»Du lieber Himmel!«

»Keinen.«

»Bist du sicher, dass Martin nicht –«

»Walser? Niemals!«

»Ede sagt, am Bodensee gibt es schöne Golfplätze.«

»Ede!«

»Was hast du gegen ihn?«

»Er ist ein Simpel.«

»Das ist er nicht.«

»Er ist kulturlos und –«

»Mein Gott, er ist Zahnarzt – was verlangst du.«

»Hat er schon mal ein Buch gelesen?«

»Ja, zwei. Eins über Implantate und eins über Golf.«

»Na immerhin.«

»Ede hat sich in den letzten Jahren ganz schön entwickelt.«

»Davon hab ich nichts gemerkt.«

»Vom FDP-Wähler zum Grünen – ist das nichts?«

»Ja, gut, Respekt, aber –«

»Du ja auch nicht.«

»Warum das denn plötzlich?«

»Bitte Harry, tu mir das nicht an.«

RCDSDKPKonkretDDR

»Das steht in der Zeitung – nicht in seinen Büchern.«

»Dein Martin mag ein guter Autor sein – politisch ist er eine Katastrophe.«

»Seltsame Ansicht. Übrigens: morgen nehme ich die letzte Golfstunde, und danach ist mit dem Quatsch finito.«