image
image

Für Susanne und Richard, die mich so gerne
mit ihren köstlichen Weinen verwöhnen.
Und für meinen geliebten Thomas, der noch besser ist als Wein.

Besuchen Sie uns im Internet unter

www.langen-mueller-verlag.de

© für die Originalausgabe: 2011 LangenMüller in der
F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München
© für das eBook: 2011 LangenMüller in der
F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten
Schutzumschlag: Wolfgang Heinzel
Motiv: Felix Weinold, Augsburg
Herstellung und Satz: VerlagsService Dr. Helmut Neuberger
& Karl Schaumann GmbH, Heimstetten
eBook-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-7844-8032-9

Inhalt

Realität ist eine Illusion,
die durch den Mangel an Alkohol entsteht.

IMAGE
IMAGE

Der November macht Versager seekrank. Von Sinnkrisen gebeutelt kauern wir Stubenhocker, Grübler, Kaffeejunkies, Nörgler – kurz, Nerds wie ich – in unserer Ecke, starren durch beschlagene Fensterscheiben in das tosende Wetter hinaus und erwarten jeden Augenblick die Klimakatastrophe, den Börsengang der Regierung und die Abschaffung des Wohngeldzuschusses.

Es ist der Monat des absoluten Durchhängers. Ein Kinobesuch kann da Wunder bewirken. Komödien bringen einen auf andere Gedanken, Tragödien auch, behaupte ich. Gerade die. Zwei Stunden mitzufiebern, wenn auf der Leinwand das Schicksal zuschlägt, relativiert die eigene Fallhöhe und entlässt uns in einen blutarmen Alltag ohne Verfolgung, Verrat und Vertreibung.

Ein Kinobesuch hat mein Leben verändert. Aber das wusste ich damals noch nicht, als ich unterwegs in die Spätvorstellung war, um diesem öden Buß- und Bettag noch irgendein Highlight abzutrotzen. Meine Brille war vom Regen beschlagen, ich walzte halb blind durch eine Wand aus Wasser und rempelte mit einem Passanten zusammen, der dem Spritzwasser vorbeizischender Autos ausweichen wollte und mir dabei in die Arme stürzte.

»Können Sie nicht aufpassen!«, schimpfte ich, und dann erkannte ich ihn. »Harald, bist du nicht Harald? Ich muss mir die Brille putzen, warte …!«

Harald zog mich in einen Hauseingang und wischte sich das tropfende Gesicht ab. Er sah abgespannt aus. Massiv gealtert. Waren wir nicht derselbe Jahrgang? Sah ich etwa genauso …? Wir hatten uns seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen. Neun Jahre oder schon zehn, bestimmt. Früher saßen wir uns regelmäßig in der Mensa gegenüber, manchmal trafen wir uns in der einen oder anderen Studentenkneipe, und dann begann irgendwann der Ernst des Lebens und wir verloren uns aus den Augen.

»Komm doch mit in Das Leben der Anderen«, schlug ich vor.

»Da komme ich gerade her«, lachte er mehr sarkastisch als fröhlich und deutete auf ein Bürohaus hinter sich.

»Du kennst den Film also schon?«

»Und ob! Ich erlebe ihn täglich selbst – im Büro. Dort hocke ich zwölf Stunden oder auch länger bei künstlichem Licht vor meinem Mac, lasse Zahlen, Zahlen und noch einmal Zahlen über den Bildschirm purzeln, die ich zu Statistiken, Wertschöpfungsberichten und Gutachten auswerte, um das Leben der Anderen auf die gewinnträchtigste Außenkurve zu manövrieren, um den Anderen einen Logenplatz auf der Sonnenseite des Lebens zu ermöglichen«, sprudelte es aus ihm hervor, als hätte er schon lange nicht mehr von seiner Stimme Gebrauch gemacht. Er atmete hörbar durch und setzte resigniert nach: »Mein eigenes Leben …? Keine Ahnung, wo das geblieben ist. Irgendwo im Business. Vielleicht stolpere ich in dreißig Jahren darüber, falls ich die Rente noch erlebe. Ob ich es dann aber wiedererkenne, mein Leben? Was soll’s. So ist das nun mal.«

Armer Hund. Er mühte sich die Karriereleiter hoch als Analyst in einer bedeutenden Holding, er hatte eben erst das Betriebsgebäude verlassen.

»So spät hörst du auf?«, fragte ich mitfühlend.

»Selten«, sagte er und zuckte die Schultern. »Meistens wird es noch später. Eigentlich lohnt es sich kaum mehr, nach Hause zu gehen. Aber der Briefkasten muss geleert werden.«

»Wie hältst du das aus?«

Wieder zuckte er mit den Schultern. »Verdrängen, glaube ich, sagt man dazu.«

»Und das gelingt dir?«

»Ach weißt du …«, er zögerte kurz, dann huschte ein Lächeln über seine Züge, »ich habe einen gut sortierten Weinkeller. Trinken hilft.«

Trinken hilft. So eindeutig hatte es noch keiner gesagt.

An diesem Abend hätte ich mir den Film sparen können. Ich war nicht bei der Sache. Meine Gedanken hatten sich an dieser knappen Botschaft festgebissen: Trinken hilft. Ich eilte vom Kino nach Hause, in die Küche, zum Weinregal, auf dem zwei angestaubte Flaschen Rödelseer Domina vor sich hin reiften, so als hätten sie auf diesen Moment der Erleuchtung gewartet, der mit einem Schlag all meine medizinischen Vorbehalte zum Thema Trinken entkräftete.

Meine Frau war längst im Bett. Sie musste am nächsten Tag zu einem Vorstellungsgespräch, sie wollte fit sein, um einen guten Eindruck zu erwecken. Offensichtlich hatte sie mich gehört, als ich mit dem Korken kämpfte, und nun spitzte sie verschlafen durch die Küchentür.

»Es ist spät, Schatz. Willst du nicht lieber schlafen?«

»Nein. Ich trink lieber.«

»Einfach so, allein? Was ist denn los?«

»Ich habe Harald getroffen. Weißt schon, der BWL’ler mit der Rechtschreibschwäche, dessen Diplomarbeit ich seinerzeit auf Orthografiefehler durchpflügt habe. Mann, der ist vielleicht alt geworden! Armer Kerl!«

»Warum, was hat er denn?«

»Einen Job. Das hat er.«

»Ja und?«

»Sonst hat er nichts. Keine Zeit, keine Frau, kein Leben jenseits des Büros, nur einen Job und einen Weinkeller.«

»Ach so, er trinkt.«

»Das hilft, behauptet er.«

»Quatsch, das ist doch Selbstbetrug.« Lena ist Sozialpädagogin, Schwerpunkt Resozialisierung von jugendlichen Straftätern. Manchmal hat sie für ein halbes Jahr einen Job, auf Ein-Euro-Basis, versteht sich, denn der Bodensatz der Gesellschaft wirft keinen Gewinn ab. Manchmal arbeitet sie ehrenamtlich in einem Stadtteilprojekt, um etwas Sinnvolles zu tun. Arbeit wäre genug da; wohin sie schaut, blickt sie auf gesellschaftliche Abgründe, die unser Gemeinwohl gefährden. Manchmal bekommen wir uns in die Haare wegen ihrer Ehrenämter.

»Du musst gerade von Selbstbetrug reden«, konterte ich auch diesmal, »du versuchst, die Gesellschaft zu retten, während die Verantwortlichen ihr Geld ins Ausland retten. Indem du hier und dort ein Loch stopfst, hältst du das System der auseinanderklaffenden Schere am Leben. Wenn das nicht Selbstbetrug ist!«

Ich goss auch ihr ein Glas ein. »Na denn mal Prost«, sagte ich, »auf deinen nächsten Ein-Euro-Job.«

Sie hockte sich widerstrebend auf die Stuhlkante und nippte am Wein. Es war nach Mitternacht, aus der Nachbarwohnung dröhnte das Geballer eines Actionfilms zu uns herüber, in der Ferne hallte ein Martinshorn durch die Nacht. Der Wein liebkoste die Zunge, schmeichelte dem Gaumen und schmiegte sich wie ein wärmendes Katzenfell an die Magenwände. »Trinken hilft, gib’s zu.« Ich schwenkte den guten Domina genüsslich im Mund hin und her und lehnte mich mit einem Seufzer des Behagens zurück.

Lena verzog unwirsch das Gesicht. »Du weißt selbst, dass Trinken nur für den Moment hilft, für einen Augenblick des Wohlgefühls. Morgen starrt dir die Welt wieder unverändert ins Gesicht, nur du hast dich dann verändert. Du hast dann Kopfweh. Was soll der Quatsch?«

»Entspannen soll der Quatsch. Aufmuntern soll er uns in unserem labilen Zustand zwischen Resignation und Hoffnung. Wein ist die Sonne des Nordens.«

»Bleib realistisch!«

»Realität, meine Liebe, ist eine Illusion, die durch den Mangel an Alkohol entsteht. Also, zum Wohl!«

Ich stieß mit ihr an, die Gläser klangen, und Lenas Züge wurden weicher.

»Ich weiß nicht …«, wehrte sie sich eher verträumt als entschlossen gegen den Illusionsverlust, »wir sollten doch lieber vernünftig …«

»… vernünftig so weiterwursteln, immer fit, immer bereit für die große Chance, die nie kommt. Wozu? Um gesund zu sterben?«

»Ach sei nicht so … so …«

»Doch, ich bin heute mal unvernünftig. Endlich. Der Mensch hat seit alters her ein Bedürfnis nach Entlastung, denn das Leben ist anstrengend, und der Rausch gibt uns ein Gefühl von Leichtigkeit. Und sei’s nur für einen Augenblick. Unser Lebensgefühl setzt sich aus Augenblicken zusammen, nicht aus erfüllten Fünfjahresplänen. Ein Moment des Glücks bringt uns weiter als ein langer Tag im Dienste der Vernunft.«

Wir waren beide keine geübten Trinker. Schon nach wenigen Schlucken löste der Alkohol meine Zunge, sein Feuer entflammte mich zu einer Suada von Erkenntnissen, die ich über Lena stülpte wie ein Sektenwerber seine Heilsbotschaft. Währenddessen rutschte sie von der Stuhlkante auf das bequeme Küchensofa hinüber und überließ sich, an Polster gekuschelt, der wohligen Wirkung des Weins. Sie nickte versonnen und taute langsam aus der verhärteten Sichtweise ihres vernunftgesteuerten Alltags auf. Es wurde eine bacchantische Nacht. Der Wein hob uns empor zu verwegenen Fantasien, wir fühlten uns stark und beherzt, dem Leben gewachsen, geradezu erleuchtet. Wenn das Nirwana ein Zustand des in sich und in der Welt Geborgenseins ist, dann waren wir dem Nirwana nahe.

Am nächsten Morgen war davon nichts mehr zu spüren. Lena hatte schon recht, so ein Kater ist quälend. Wahrscheinlich verhalte es sich wie mit dem Muskelkater, tröstete ich sie, der suche auch nur den Untrainierten heim. Natürlich bekam Lena den Job nicht. Man sah ihr die durchzechte Nacht an.

»Hör zu«, sagte ich zu ihr, als sie niedergeschlagen von dem Vorstellungsgespräch nach Hause kam, »du brauchst diesen Sklavenjob nicht. Ich habe eine bessere Idee.« Und dann breitete ich meinen Plan vor ihr aus. Ich bin Germanist, arbeite allerdings nicht als Taxifahrer, sondern für verschiedene Institutionen freiberuflich als Schreiber. Treffender gesagt als Schreiberling. Als namenloser Verfasser von Texten, die kein Schwein liest, höchstens während der Kaffeepause überblättert. Jahresberichte, Rundbriefe und Newsletter, im Fachjargon »Graue Literatur« genannt, de facto Altpapier. Das ist so spannend wie die Farbe Grau und reicht gerade zum Überleben. Die Kreativität geht dabei vor die Hunde, ist sogar ein Hindernis. Viel lieber würde ich Romane schreiben, aber das ist brotlos, das kann ich mir nicht leisten.

»Was fällt dir auf, wenn du unser Bücherregal mal genau unter die Lupe nimmst?«, fragte ich Lena und zeigte auf die vielen Regalmeter Literatur, die sich in den Jahren angesammelt hatten. Romane, Reiseführer für Rucksacktouristen, Kochbücher, Ratgeber, Kunstbände, Cartoons, Lexika und manches mehr.

»Hier sollte mal wieder abgestaubt werden, fällt mir auf.«

»Ein andermal. Jetzt geht es um Inhalte. Was fehlt in diesem Sortiment?«

»Na ja, zum Thema Geldanlage oder Immobilienerwerb sehe ich leider nichts. Auch keinen Hotelführer für Ayurvedaresorts oder Safarireservate«, lästerte meine Frau.

»Wart’s ab! Eines Tages … ganz sicher«, vertröstete ich sie und fuhr fort in meinem Ratespiel: »Eine bedeutende soziologische Gruppe unserer Bevölkerung ist hier nicht berücksichtigt, das muss dir doch auffallen!«

Sie seufzte. »Die Kinder, ich weiß.« Ihre biologische Uhr tickte nach jedem Geburtstag lauter.

»Eine größere Gruppe«, half ich ihr auf die Sprünge. »Quer durch die Schichten und Generationen. Du siehst sie überall, unsere Gesellschaft ist geradezu durchtränkt davon.«

»Doch nicht etwa die Fußballfans?« Sie stöhnte genervt.

»Na gut, ich verrate es dir. Es sind die Trinker.«

»Mann, mir reicht mein Rausch von vergangener Nacht. Erinnere mich nicht daran!«

»Du schwächelst, meine Liebe. Reiß dich zusammen und sieh der Wahrheit ins Auge: Es gibt Millionen von Trinkern, aber es gibt keine Trinkerliteratur. Das ist die Marktlücke. Wir werden sie füllen.«

»Trinkerliteratur?! Auf den Spuren großer Trinker, also Fallada, Hemingway & Co. … meinst du das?« Sie pustete verächtlich. »Wer soll das lesen außer einer Hand voll Literaturwissenschaftler? Die breite Masse trinkt doch lieber selbst.«

»Eben. Eine Reiseführer-Reihe für Selbst-Trinker könnte einschlagen wie ein Blitz. Kuba für Trinker, Das Mostviertel für Trinker, Jakobsweg für Trinker … um nur Beispiele zu nennen.«

»Jakobsweg, Mann! Da wollte ich schon immer mal hin. Lass uns gleich morgen die Rucksäcke packen und den nächsten Zug in die Pyrenäen nehmen …« Die Augen meiner Frau leuchteten auf wie lange nicht mehr.

»Moment!« Ich musste ihr eine Illusion nehmen. »Ich habe nicht vor, die Gebiete zu bereisen, über die ich einen Reiseführer schreiben werde. Das kostet unnötig Zeit und Geld.«

»Aber wir können doch nicht von etwas berichten, was wir nicht kennen«, musste ich mir sagen lassen.

»Natürlich können wir das. Es geht bei dieser Art Reiseliteratur nicht um Inhalte. Es geht darum, Träume zu wecken und Bedürfnisse anzusprechen. Sobald der Kunde das Buch gekauft hat, ist unsere Mission erfüllt.«

»Aber der Kunde erwartet doch Informationen, die ihm helfen, sich auf der Pilgerreise zurechtzufinden«, beharrte sie.

»Kein Problem«, beruhigte ich sie. »Wir werden online nach Bodegas recherchieren, unsere trinkfreudige Zielgruppe auf den ersten Etappen in Spelunken versumpfen lassen, und der Rest der Pilgerreise erledigt sich von selbst. Vergiss nicht: Unsere Klientel sind Trinker. Nach der ersten Flasche Rioja verschwimmen ihnen die Zeilen. Die werden unser Buch nicht wie Erbsenzähler auf exakte Angaben hin überprüfen. Die brauchen bloß einen Aufhänger, um sich beherzt auf den Weg zu machen und unterwegs ohne schlechtes Gewissen ihrem Laster zu frönen. Die brauchen nichts als ein Motiv für diese Reise, und genau das liefern wir ihnen.

Wir holen uns die nötigen Streckeninformationen aus seriösen Reiseführern und aus dem Internet. Diese verbrämen wir mit netten Trinksprüchen auf Spanisch sowie regionalen Weinempfehlungen, unterfüttern die Broschüre noch mit Erste-Hilfe-Tipps für Trinker, Gebeten für Trinker, Zechliedern. Und dann streuen wir ein paar Abbildungen von Ölgemälden mit Saufgelageszenen alter Meister zwischen die Hinweise auf Herbergen mit Minibar. Ein kleiner Exkurs Orientierung im Gelände unter dem Sternenhimmel kann dem sternhagelvollen Pilger ein Gefühl von Sicherheit geben und zeigt, dass der Autor die Nöte von zechfreudigen Nachteulen kennt.«

»Aber das ist gefährlich«, fuhr mir Lena in die Parade. »Die betrunkenen Pilger werden sich das Genick brechen.«

»Quatsch. Es gibt mehr alte Weintrinker als alte Ärzte. Außerdem werden diese Schluckspechte das Buch gar nicht lesen. Es soll der Pilgerreise nur den Ruch von Askese und religiöser Selbstdisziplin nehmen und stattdessen eine Stimmung von entspannter Lebensfreude suggerieren, mehr nicht. Wenn wir uns gemeinsam hinter unsere PCs klemmen, haben wir das Manuskript in zwei Wochen so weit, dass wir es einem Verlag anbieten können.«

»Du bist verrückt«, hauchte meine Frau entgeistert, »das ist zynisch, das kannst du nicht bringen. Damit nimmst du den Menschen die letzten Hemmungen und dem Jakobsweg seine spirituelle Komponente.«

Ich hätte ihr mehr Fantasie zugetraut. Spiritualität und Spirituosen, man erkenne doch bereits am Wortstamm die Verwandtschaft dieser Begriffe, belehrte ich sie und zitierte eine Bibelstelle, der zufolge Noah von der Arche stieg und als Erstes Wein anbaute.

»Seit wann holst du ungläubiger Thomas dir deine Argumente aus der Bibel?«, lästerte sie.

»Die Bibel hat recht«, gab ich zu. »Rausch und Religion ergänzen sich, sie gebären Visionen, ermöglichen Transzendenz. Sie helfen uns armen Einzelkämpfern, uns als Teil des Ganzen zu empfinden. Am Stammtisch und in der Kirche fühlen sich die Leute als Gemeinschaft. Dort erleben sie Kommunion, das stallwarme Wir. Und Jesus hat nicht Wasser in Cola verwandelt, nein, meine Liebe, auch nicht in Espresso. Sondern in Wein hat er es verwandelt, weil er wusste, dass der Rausch die Leute vereint. Da staunst du, was?«

Ich entkorkte eine Flasche Wiesenbronner Wachhügel, denn ich hatte vorgesorgt. Ich prostete Lena zu, und nebenbei kritzelte ich auf die Tageszeitung Gottesdienstgestaltung für Trinker, ein Titel, der mir soeben eingefallen war. Der erste Schluck war reines Labsal. Er entplombte meine Fantasie und öffnete die Schleusen für einen Strom göttlicher Ideen. Ich konnte gar nicht so schnell schreiben, wie mir die Titel für neue Bücher aus dem Hirn drängten:

Trinkerweihnacht: Berauscht durch die Raunächte zwischen Punsch und Feuerzangenbowle …

Extremklettern für Trinker … Vereinsreden für Trinker …

Steuerratgeber für Trinker … Simplify your life: Drink! …

Trinken online … Dänisch für Trinker … Das Thema war uferlos.

Lena starrte mich nur an, während ich sie mit meinen Einfällen zutextete. »Ich muss anfangen, ich darf keine Zeit verlieren«, stöhnte ich und fuhr den Computer hoch. »Bist du dabei?«

Sie schüttelte nur den Kopf. Kommentarlos. Schade. Zu zweit hätten wir in den folgenden Jahren das doppelte Pensum geschafft. Aber nun. Man kann Pferde zur Tränke führen, aber man kann sie nicht zum Trinken zwingen, also zog ich es alleine durch. Manchmal – zwischen zwei Büchern – legte ich mich für zwanzig Stunden ins Bett und schlief den Erschöpfungsschlaf eines Marathonläufers. Manchmal, wenn es gerade wieder Sommer war, setzte ich mich auf einen Prosecco zu Lena auf den Balkon und fragte, ob sie schon eine Stelle habe. Manchmal, während der Drucker ein neues Manuskript ausspuckte, gönnte ich mir den Rest aus ihrer Chiantiflasche und spürte, dass ich noch lebte. Dann bedauerte ich, aus Zeitmangel nicht öfter solchem Genuss zu frönen, und verstieg mich zu dem aufrichtigen Vorsatz, ihr zumindest einmal pro Tag beim Trinken Gesellschaft zu leisten.

Sei’s drum, man weiß es ja: Der Weg in die Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert. Kaum hatte ich ein Manuskript an den Verlag gesendet, gaffte mir die leere Maske vom Bildschirm entgegen und schrie nach dem nächsten Titel: Der Trinker und sein erstes Kind … Trinkfasten: Die Baikaldiät … Wenn der Partner nicht trinkt … Ich brauchte nur auf Amazon zu stöbern, um zu erkennen, welche Bücher noch in die Trinkerversion umgeschrieben werden wollten. Eine Lebensaufgabe. Kaum hatte ich einen Titel abgehakt, stürzte eine Flut neuer Buchideen auf mich ein. Ich hatte nicht nur eine Marktlücke entdeckt, schlimmer, ich war ein Sklave des Marktes geworden, des Buchmarktes, wo die Verleger nach meinem Blut dürsteten, das ich ihnen in Megabytes konserviert zweiwöchentlich lieferte.

In Trinken am Arbeitsplatz verriet ich dem durstigen Leser die bewährtesten Tricks, um Hochprozentiges unauffällig in die Kaffeetasse zu schmuggeln, während neben mir nur die Espressomaschine auf Hochtouren dampfte. In Berufswahl für Trinker bot ich dem Ratsuchenden eine breite Palette von Möglichkeiten, bei denen sich das Trinken nicht nur bestens einbauen lässt (zum Beispiel alle Berufe mit Mundschutz, also Chirurgen, Zahnärzte, Laboranten, Lebensmittelchemiker usw.), sondern auch solche Berufe, die ohne Alkohol nicht zu bewältigen sind: Politiker, Fernfahrer, Altenpfleger, Pastoren, Hauptschullehrer und viele mehr. Den Schriftsteller vergaß ich, der fällt wohl eher unter die Kann-Bestimmung. Kann trinken, muss aber nicht. Das sah ich ja bei mir selbst. Hehre Vorsätze, aber keine Disziplin.

Und Lena? Ich glaube, Trinken half ihr wirklich. Eine Zeit lang. Bis sie diesen Typen kennenlernte, der mit ihr abends ganz schlicht ins Bett stieg, anstatt – wie ich – das Kamasutra für Trinker in die Tastatur zu hämmern. Was soll ich sagen? Eines Tages war sie weg. Mir fiel es erst auf, als ihre Zimmerpflanzen vertrockneten. Pflanzenpflege für Trinker war mein erster Impuls beim Anblick der verwelkten Blätter, so tief war ich bereits gesunken. Ich hatte das Leben um mich herum und mein eigenes ausgeblendet, ich war zu einem Zehnfingersystem unter dem Diktat einer linken Gehirnhälfte geschrumpft. Plötzlich entdeckte ich überall in der Wohnung Zeichen von Lenas Abgang: Im Badezimmer fehlte ihre Zahnbürste, ihr Kleiderschrank war leer, und auf ihrem Nachtkästchen lag aufgeschlagen mein Ratgeber Nummer 23: Gelöst zum Orgasmus. Frauen kommen mit Prosecco. Ihre Bücher im Regal hatte sie dagelassen. Und einen Zettel neben meinem letzten Ausdruck Obst für Trinker: Keltern, Mosten, Brennen – ein Leitfaden für den Gartenbesitzer, worauf gekritzelt stand:

Lieber Paul,

Trinken hilft, Du hast recht. Bei den Anonymen Alkoholikern habe ich Simon kennengelernt, einen Gärtner. Mit ihm bin ich nicht allein. Da Du ein Meister der Zitate bist, kennst Du sicher auch dieses: Willst du drei Stunden glücklich sein, trink dir einen Rausch an. Willst du drei Tage lang glücklich sein, heirate. Willst du ein Leben lang glücklich sein, werde Gärtner. Leb wohl!

An diesem Punkt hätte ich aufhören sollen. Aber ich hörte nicht auf. Ich hatte Erfolg, ich war süchtig danach. Arbeiten ist eine legitime Sucht, man wird dafür bewundert oder zumindest belohnt, also fühlt man sich im grünen Bereich, auf der Seite der Gewinner und macht weiter. Manchmal bis zum letzten Atemzug. Wenn materieller Erfolg unser Tun sanktioniert, sehen wir keinen Grund, unser Leben zu ändern. Auch ich brauste weiter auf dieser Einbahnstraße bis zu dem Tag, als ich erkannte, dass ich in einer Sackgasse steckte. Es war an einem Mittwochabend im März, 20 Uhr 40 Ortszeit.

Fertig. Mein hundertstes Buch. Wie üblich mit dem Schlussakkord: Na denn mal Prost! Etwas abgedroschen, dessen war ich mir bewusst, aber so ein Allgemeinplatz vermittelt dem Leser ein gutes Gefühl, entlässt ihn in die Freiheit, das zu tun, wonach ihn am meisten gelüstet. Zu trinken. Und darauf legte ich Wert bei meinen Ratgebern. Schließlich schrieb ich keine moralischen Essays, sondern Motivationsliteratur für den durstigen Endverbraucher. Der Computer übermittelte die Datei gerade an den Verlag, ich räkelte mich auf meinem Drehstuhl und überlegte ernsthaft, sofort mit dem nächsten Buch zu beginnen. Doch dann erinnerten mich meine müden Augen daran, dass ich die letzten drei Nächte durchgeklotzt hatte, und ich fuhr den PC herunter.

Mein Verlag hatte mir heute eine Weinlieferung zukommen lassen, das Paket stand noch ungeöffnet in der Diele. Eine kleine Aufmerksamkeit nicht ohne Hintergedanken. Durch die Blume oder vielmehr durch die Traube wollte man mich ermuntern: Bleib am Ball, mach weiter so, und wenn du Stärkung brauchst, hier hast du sie. Casteller Bausch, nicht übel, die Verlagsleute kannten meinen Geschmack. Der erste Schluck war immer eine Offenbarung. Genießerisch schwenkte ich ihn im Mund, ganz verliebt in das Bouquet. Der Wein schmeckte nach Sommer, nach Erde, nach wilder Natur – Elemente, die ich selbst seit über fünf Jahren nicht mehr erlebt, wohl aber mit der Begeisterung eines Connaisseurs in meinen Büchern wortreich beschrieben hatte. Die Seiten wollten ja irgendwie gefüllt werden.150 Seiten durfte der Kunde für den Gegenwert von zwei Flaschen Zweigelt erwarten, auch wenn er vom Genuss der Getränke benebelt bereits über den ersten Seiten hängen blieb. Trinkerliteratur regt ja weniger zum Lesen als zum Trinken an.

Dieses hundertste Buch mit dem Titel Raststätten für die T-Klasse: Trinker on the road, würde es sich ebenso gut verkaufen wie die 99 Vorgängertitel? Ich hoffte es, denn die namenlose Schar der motorisierten Trinker lechzt nach Bestärkung. Auch ich lechzte nach Bestärkung, nach einem entspannten Gefühl der Zufriedenheit. Ich durfte doch stolz sein, oder? Aber irgendetwas trieb mich um. Die magische Zahl Hundert hatte etwas Hypnotisierendes. Die Nullen tauchten vor mir auf als einsame Punkte auf einer unendlichen Geraden, die sich im Nebel der Zeit verlor. Worüber habe ich eigentlich die ganzen Jahre geschrieben? Wo ist meine Botschaft? Was für eine Spur hinterlasse ich beim Leser außer dem lästigen Leergut, das in den Altglascontainer entsorgt werden will? Wo bleibe ich in diesem flüchtigen Destillat, wo mein Genius nach der Bewältigung des Entsorgungsproblems? Bin ich etwa einer dieser nichtssagenden Punkte, eine dieser Nullen …?

Solche Fragen drängten in mir hoch und zwangen mich, über mein Leben nachzudenken. Was für ein Leben? Ich schreibe, genügt das nicht? Auch das Titelwort Raststätten löste eine Unruhe in mir aus, ein diffuses Missbehagen. Rasten, ein Unwort für mich, den Rastlosen, vom Arbeitsteufel Besessenen, der mich seit Jahren durch den Kalender peitschte und meinem Alltag Struktur verlieh. Der Wein, mein täglich Brot auf dem Papier, aber nicht im eigenen Glas, weil ich zum Schreiben einen nüchternen Kopf brauche, der Wein löste einen Riegel hinter meiner Stirn, machte meine Firewall durchlässig für den Ansturm von Stimmen, die mir hämisch zuraunten: Und nun, du Zombie, du Wurm mit deinen Büchern, die kein Mensch zu Ende liest, was passiert jetzt? Das nächste Buch, klar, was sonst? Nummer 101, der Titel wartet schon auf dich, einer von unzähligen noch ungeschriebenen Ratgebern von der Sorte Iran für Trinker: Nicht ohne meine Flasche … oder Wenn Trinker trauern: Tröstliche Tropfen für jeden Tag … Willst du ewig so weitermachen? Dein Leben als Sklave deiner Marktnische vergeuden, den Kalender im Nacken, der Nachfrage immer um einen Schritt voraus? Schön für deinen Steuerberater. Dein pralles Konto und dein Whiskeyführer ermöglichen ihm ein Leben als Bonvivant, während du selbst dich nächtelang mit Espresso wach hältst. Macht dich das glücklich? Bringt es dich zum Lachen?

Es waren hässliche Stimmen. Sie geiferten, sie verfolgten mich bis in den Schlaf und ließen mich nicht zur Ruhe kommen. Himmel noch mal, fluchte ich am Morgen, ich habe Grund zum Lachen. Hier, meine Trinkerwitze, meine Nummer 48, ist das nichts? Genervt zog ich das Belegexemplar aus dem Regal, schlug es irgendwo auf und las:

An der Hotelrezeption klingelt das Telefon. Bitte, wann macht die Bar auf?, lallt eine Stimme. – Aber mein Herr, es ist zehn Uhr morgens, sagt der Empfangschef und legt kopfschüttelnd auf. Kurz darauf klingelt es erneut, es ist derselbe Anrufer. Wann macht die Bar auf? – In fünf Stunden, vertröstet ihn der Mann an der Rezeption, aber an Ihrer Stelle würde ich da nicht hineingehen. – Was heißt hinein?, kommt es lallend zurück. Ich will hier endlich raus.

Mein Gott, was für ein Blödsinn! Es entlockte mir nicht einmal ein Schmunzeln. Gut, ich hatte mir die Witze nicht selbst ausgedacht, aber gesammelt hatte ich sie und veröffentlicht. Das war nicht zum Lachen, zum Kotzen war das. Wann habe ich wirklich zum letzten Mal gelacht? Das muss gewesen sein … damals … Mann, wann war das noch mal … auf jeden Fall, bevor Lena ausgezogen ist. Vielleicht muss ich einfach unter Leute? Ein paar Kumpels wären kein Nachteil, dachte ich, aber ich hatte keine Kumpels mehr. Ich hatte keine Freizeit, keine Erlebnisse, keine Familie, nicht einmal Sex, nichts. Nur Kohle. Wozu? Vor dem Fenster wirbelten Schneeflocken durch den farblosen Wintertag, mein Leben war farblos geworden. Ich erinnerte mich an frühere Winter, an meine Studentenzeit, an Hüttenabende im verschneiten Gebirge zusammen mit Freunden – was hatten wir gelacht! Unfassbar. Damals besaßen wir zwar nicht mal die Wurst unter der Pelle, aber Spaß hatten wir ohne Ende. Und nun?

Ich griff nach der Tageszeitung, meiner Verbindung zur Außenwelt. Manchmal brachte sie mich auf eine trendgemäße Idee für meine Ratgeber. Gedankenverloren blätterte ich durch die Seiten. Es ging auf Ostern zu, wie ich der Reisebeilage entnahm. Die Skigebiete warben mit Firnpisten und Après-Ski-Bars, die Schiffsagenturen mit Kreuzfahrten in den mediterranen Frühling. Reisen, Sonne, Ferne – die Vorstellung weckte in mir eine Sehnsucht nach Veränderung und Lebendigsein. Himmel, ich hatte eine Latte von Reiseführern geschrieben über Gegenden, die ich nur aus zweiter Hand kannte. Ich hatte mich von meinem Schreibtisch seit über fünf Jahren nur erhoben, um mir einen Espresso aufzubrühen oder eine Pizza in die Mikrowelle zu schieben. Es wurde Zeit, mal wieder unter Menschen zu sein. Ein Tapetenwechsel war nötig, keine Frage.

Nur wohin? Skifahren – soll Spaß machen, klar. Wenn man trainiert ist. Meine Finger waren trainiert, vom Tippen. Den Rest meines Körpers konnte ich vergessen. Ich versuchte einen Klimmzug am Türrahmen – Fehlanzeige. Ein nasses Handtuch ist elastischer. Skifahren kam nicht infrage, war auch früher nicht mein Ding gewesen. Mehr das Après-Ski, da kommt man sich näher. Aber gut, auf Kreuzfahrtschiffen auch. Langsam erwärmte ich mich für den Gedanken. Auf so einem Dampfer bewegt man sich über den Globus, ohne einen Muskel zu rühren. Entspannt liegt man auf einer Liege an Deck, einen Drink in der Hand und eine hübsche Brünette neben sich, während am Horizont unbekannte Küsten an einem vorbeiziehen. Emsige Stewards sorgen rund um die Uhr für das körperliche Wohl und die flirtende Reisebekanntschaft für das seelische.

Ob ich dabei seekrank würde, konnte ich nicht voraussagen. Eine Bootsfahrt über den Königssee als Zwölftklässler war meine einzige Erfahrung auf schwankendem Boden, und damals war ich frisch verliebt in Tina und hatte permanent Schmetterlinge im Bauch. Aber egal, trinken hilft bei Seereisen, jedenfalls habe ich das selbst geschrieben und noch kein Verfahren angehängt bekommen. Wird schon stimmen. Wo steckte er bloß, dieser Ratgeber? Ich durchsuchte das Bücherregal mit meinen Belegexemplaren. Da war sie, die Nummer 41 in meiner Trinkerreihe: Trinken für Kreuzfahrer: Niemals trocken auf hoher See. Ich hatte einen bewährten Reiseführer für das westliche Mittelmeer und die Inseln des ewigen Frühlings in die Trinkerversion umgeschrieben, der Verlag war sehr angetan von den Verkaufszahlen. Wäre es nicht nett, einmal selbst zu überprüfen, ob das, was ich mir täglich aus dem Hirn quetschte, der Wirklichkeit entsprach?

Der Gedanke an dieses Experiment gefiel mir. Ich vertiefte mich noch einmal in die Anzeigen der Reisebeilage, diesmal bereits zielorientiert. Da war sie, meine Reise. Neun Tage westliches Mittelmeer, Lissabon, Teneriffa auf der MS Fortuna, einem italienischen Vergnügungsdampfer der neuen Generation, knapp 3000 Passagiere und halb so viel Mann Besatzung, Bordsprachen Englisch, Deutsch und Italienisch. Jedenfalls genügend Gesellschaft, um der Einsamkeit zu entkommen. Von den Passagieren würde die Hälfte weiblich sein und davon ein Drittel Singlefrauen, mindestens, denn die Verheirateten trifft man am Bodensee oder in der Fränkischen Schweiz, mitsamt ihren Gören, also stünden mir in etwa 500 Bräute zur Verfügung. Und wenn die sich wirklich alle verweigern sollten, könnte ich immer noch unter den Filipinas der Crew fündig werden, von denen es heißt, sie seien willig und dankbar. Gab es irgendein Problem? Ich sah keines und buchte.

Als ich das Anmeldeformular abgesendet hatte, wurde ich vom Reisefieber gepackt. Ein längst verkrustetes Gefühl, das mich an Lena erinnerte. Schwamm drüber, Lena war Vergangenheit. Lena häufelte wahrscheinlich gerade neben ihrem stocknüchternen Ökofreak in Birkenstocksandalen Gartenerde um frisch gesetzte Küchenkräuter und spürte ihrem Eisprung nach. Nein, Lena war verloren. Ich musste sie vergessen und den Blick auf neue Ufer lenken.

Ein Blick in den Spiegel und schon sank meine Stimmung in den Keller. Ich war ergraut. Wann war das geschehen? Ich hatte seit Jahren nicht mehr bewusst in den Spiegel geschaut. Die Friseuse aus dem dritten Stock schnitt mir einmal pro Monat die Haare, hier an meinem Arbeitsplatz, wo ich gleichzeitig mein Manuskript auf eine Sicherheits-CD brannte, um ihr zu signalisieren, dass ich beschäftigt und meine Zeit kostbar war. Einmal hat sie den beherzten Versuch unternommen, mich zu einer Haartönung zu überreden, aber ich habe sofort panisch abgelehnt. Um ehrlich zu sein, diese Viertelstunde Smalltalk jeden Monat, in den sie mich verwickelte, während sie an mir herumschnipselte, war das Äußerste, was ich zu ertragen in der Lage war. Ich glaube, sie nahm mich nicht ganz für voll. Wahrscheinlich hielt sie mich für einen abgeranzten Sonderling, der seine geheimen Triebe im Schattenreich der Internetpornografie auslebte. Ich gab ihr immer ein stattliches Trinkgeld, um sie bei der Stange zu halten. Gut möglich, dass sie es als Schweigegeld betrachtete. Egal, was sie von mir hielt.

Aber nun würde ich ihren Verschönerungsvorschlag wohl oder übel ernst nehmen müssen, um meinen Marktwert auf der Kreuzfahrt zu sichern. Marktwert – wie alt war ich eigentlich? Ich rechnete nach. Mein Gott, schon in den Vierzigern, ein fremdes Territorium für mich. Irgendwann in den Dreißigern hatte mich der Schreibtisch geschluckt. Arbeitskoma. Den Alterssprung musste ich erst einmal verkraften. Mehr noch. Es würde Jahre dauern, bis ich so alt wäre, wie ich aussah. Das Gesicht, das mir aus dem Spiegel bestürzt entgegenstarrte, war das Gesicht meines Vaters, als er in Rente ging. So gesehen würde eine Haartönung wohl kaum reichen, um mich für die Mädels meiner Generation aufzupeppen. Ich spürte die Midlife-Crisis mit Wucht heranbranden und erinnerte mich an meinen Ratgeber Nummer 82, Altern ohne Angst: Trinken statt Therapie.

59 Prozent der Deutschen über vierzig trinken täglich Alkohol, las ich nach, bevorzugt Wein und Bier. Bier beruhigt die Nerven, Rotwein stärkt die Adern. Auch ein Obstler nach einer fetten Mahlzeit wirkt Wunder, wenn man keine Zeit für Verdauungsspaziergänge hat. 59 Prozent trinken, das ist die absolute Mehrheit. Kann die sich irren? Nein. Nur der Nüchterne ist allein mit seiner Angst vor dem Alter. Nichts wappnet ihn gegen die Erkenntnis des erbarmungslosen Verfalls, gegen die Panik angesichts von Falten, Haarausfall und Prostatabeschwerden. Wer Sorgen hat, hat auch Likör, hieß es in dem besagten Ratgeber. Keine Frage, wozu mich dieses Zitat vom guten alten Wilhelm Busch ermunterte. Nicht zum Weiterlesen, zum Trinken natürlich.

Zwei Tage lang trank ich mir mit dem Casteller Bausch Mut an, dann war ich so weit, die notwendigen Schritte zu unternehmen, um mein Äußeres aufzupolieren. Botox war nicht nötig, denn der Wein hatte mein Gesicht leicht aufquellen lassen und, wie mir schien, die tiefsten Furchen sanft ausgebügelt. Trinken hilft also wirklich, wer sagt’s denn? Was nottat, waren eine kosmetische Korrektur der fahlen, pigmentgefleckten Epidermis, ein Volumen vortäuschendes Haarstyling und eine Imageberatung in einer Herrenboutique, denn die Klamotten, die in meinem Schrank hingen, hatte alle noch Lena ausgesucht. Ich sah mich gezwungen zu einer Runderneuerung und vereinbarte einen Termin im angesagtesten Herren-Beautysalon der Stadt.

Bereits an der Schwelle dieses Etablissements empfing mich eine neue Welt. Eine chrom- und glasfunkelnde Bühne, deren Hightech-Gerätschaften an einen Luxus-OP erinnerten und dem Kunden, der am Eingang seine lädierte Identität abgab, den Eindruck vermittelten, er befinde sich in der Obhut von Notärzten, die alles Menschenmögliche unternehmen würden, um den Patienten vor dem Kollaps seines Selbstbewusstseins zu retten. Ein sonnengebräuntes Double von George Clooney in weißer Honanseide bettete mich auf eine Designerliege. Dann servierte mir eine mandeläugige Hostess einen frisch gepressten Mango-Cocktail. Der Klimaanlage entströmten die narkotisierenden Aromen von Sandelholz und Neroli, New-Wave-Klänge aus dem Backstage suggerierten mir ein langsames Hinübergleiten in kosmische Sphären.

Solchermaßen eingehüllt in dieses quasi uterine Ambiente fühlte ich mich bald so entspannt, dass ich mich widerstandslos dem Erste-Hilfe-Team anvertraute, das meine verlorene Jugend reanimierte. Mit geschlossenen Augen träumte ich von bevorstehenden Urlaubsflirts, während behutsame Hände meinen Kopf mit tausenderlei Zaubertricks behandelten. Ich spürte heißen Dampf, warme Öle und frostige Packungen auf meiner Haut, blubbernde Pasten, sprudelndes Wasser und prickelnde Gels. Wie aus weiter Ferne vernahm ich das Schnippeln von Scheren, das Rauschen von Düsen. Ich ahnte das gewaltlose Wirken von Peelings und den beherzten Einsatz von flüssigem Wachs, es wurde gezupft, geschliffen, massiert und balsamiert, es hätte endlos so weitergehen können. Aber ach! Plötzlich weckte mich die Stimme des Maestros, meines Wiedergeburtshelfers aus diesem embryonalen Zustand, und sagte: »Fertig. Sie dürfen die Augen wieder öffnen.«

Die Mandeläugige reichte mir einen Cappuccino, und damit war klar: Das irdische Leben hatte mich wieder. Von allen Seiten wurden mir Spiegel entgegengehalten, das Team stand feierlich um mich herum wie nach der Jugendweihe. Nicht, dass mir der Typ im Spiegel bekannt vorgekommen wäre. Ein smarter Mittdreißiger mit windzerzausten, kastanienbraunen Haaren und dem Teint eines Menschen, der sein Segelboot einmal pro Woche flottmacht. Genau die richtige Mischung zwischen sportiv und gepflegt. Um ehrlich zu sein, ich war mehr als überrascht. Ich war überwältigt von meinem eigenen Anblick. Beim Bezahlen an der Rezeption ließ ich mir gleich noch zwei Termine bis zu meiner Abfahrt reservieren, um das Niveau zu halten.

Einziger Unsicherheitsfaktor: Was gibt man diesen Maestros der Verwandlungskunst an Trinkgeld? Zehn Euro wie meiner geschwätzigen Friseuse wären eine Beleidigung. Solche Koryphäen wie dieser George Clooney sind es wahrscheinlich gewohnt, dass man ihnen dezent eine Einladung für einen Ostertörn auf der hauseigenen Jacht zuschiebt, mit dem Hinweis, dass für Begleitung in Form von angeheuerten Models gesorgt sei. Ich besaß keine Jacht und auch nicht die Courage, mich auf Models einzulassen. Zu verwöhnt. Ich könnte dem guten Mann höchstens anbieten, mich auf meiner Kreuzfahrt auf der MS Fortuna zu begleiten, als Visagist oder Leibstylist oder wie nennt man das? Aber so ein Angebot wäre geschmacklos. Eine solche Nullachtfünfzehn-Kreuzfahrt kann sich dieser Beauty-Guru aus der Portokasse leisten, ohne einen wie mich als Gönner ertragen zu müssen. Nein, es half nichts, ich konnte meinen Dank nur mit einem exorbitanten Trinkgeld ausdrücken. Verlegen schob ich einen zusätzlichen Schein über die Theke, murmelte »für das Team« und hastete aus dem Salon, als wäre ich bei einem Griff in die Kasse ertappt worden.

Bevor ich zum nächsten Schritt überging, nämlich mich bei Bogner neu einkleiden zu lassen, genehmigte ich mir erst einmal einen Wodka in der Bar vis-à-vis und sann über die Gepflogenheiten nach, denen man sich als potenter Kunde in den Tempeln der Reichen zu unterwerfen hat. Geld ist ein schnödes Zahlungsmittel, ein Zahlungsmittel für die Massen – aber dort, wo es im Überfluss vorhanden ist, gilt es als Tabubruch, über Geld zu sprechen oder es gar zu verschenken. Dort bedient man sich anderer Werte, um sich zu revanchieren. Man verschenkt Luxus. Etwa eine Eintrittskarte für Bayreuth oder Wimbledon. Beide sind mir aus meinen Trinkerführern bekannt, meine eigenen Füße haben diese heiligen Stätten noch nie betreten. Vielleicht sollte ich wirklich eine Jacht erwerben für dergleichen Zwecke, mit Liegeplatz auf Sardinien? Das gilt als exklusiv. Leisten konnte ich mir solchen Schnickschnack, mein Steuerberater hatte mich oft genug darauf hingewiesen, größere Anschaffungen zu tätigen, um Werbekosten absetzen zu können.

»Noch einen Wodka?«, fragte von jenseits der Theke der Barkeeper. Ich nickte. Ich war mit meinen Überlegungen noch zu keinem Ergebnis gekommen. Trinken hilft in Entscheidungskrisen. Woher ich das wusste? Aus meinem Ratgeber für Unentschlossene. Ein Klarer schafft Klarheit: Trink! Übrigens einer meiner Renner, seitdem der Verlag mit einer oberbayerischen Schnapsbrennerei einen Merchandising-Vertrag ausgehandelt hat, der das Büchlein als Draufgabe beim Kauf eines dreiteiligen Geschenksortiments (Enzian, Hauswurz und Kirschgeist) anbietet. Bei meinem dritten Wodka verwarf ich den Gedanken an eine Jacht auf Sardinien. Zu aufwendig. Selbst wenn es finanziell opportun wäre, ich müsste mich um die Auswahl einer Crew kümmern, müsste Gehaltskonten verwalten, mit Hafenmeistern korrespondieren und, und, und. Ein Rattenschwanz von Entscheidungen käme auf mich zu. Eigentum verpflichtet. Wenn mich der Klare eines lehrte, dann war es diese Erkenntnis. Nein, nicht einmal ein Katamaran auf dem Chiemsee käme infrage, beschloss ich beim vierten Wodka, und nach dem fünften ließ ich mir ein Taxi rufen und war froh, kein eigenes Auto zu besitzen, dessen Zündschloss ich jetzt verfehlen würde. Den Herrenausstatter verschob ich auf den nächsten Tag, Shopping ist was für Verzweifelte, und ich war mitnichten verzweifelt. Ich war high, ich war durchleuchtet von Klarheit, ich brannte vor Kreativität.

Während der Taxifahrt, die ich gelassen wie ein Souverän genießen konnte, indes der Fahrer sich genervt durch den Berufsverkehr schob, konzipierte ich meinen nächsten Ratgeber. Anlagen für Trinker: Verflüssigen Sie Ihr Geld in Hochprozentiges! Von wegen Immobilien! Die bringen einem nur Ärger. Wenn die Leute keine Arbeit mehr haben, versaufen sie ihre Sozialhilfe lieber, als Miete zu zahlen. Am Schluss trösten sich alle mit der Flasche, die Habenichtse ebenso wie die Wohlhabenden. Also Finger weg von Häusern, Jachten und den ganzen Statussymbolen, die gepflegt werden wollen.

Das Einzige, was Freude macht, ist ein gut sortierter Weinkeller. Der ist nicht nur wertstabil, der ist sogar wertprogressiv. Gerade in Zeiten niedergehender Wirtschaft hat sich ein guter Tropfen quer durch alle Schichten bewährt. Der Arme schlürft seinen Fusel, der Reiche verschanzt sich in seinem Keller und kann sich ausrechnen, wie lange der Stoff reicht. Wenn er weitsichtig vorausgeplant hat, wird er jede Krise überleben. Und zwar mit Genuss. Ein ordentlicher Rausch nach jeder Flasche gewährt ihm einen sorgenfreien Schlaf, und nach zwölf Stunden kann das Ritual von Neuem beginnen. Wem eine nackte Kellerwand beim Trinken zu trist erscheint, der mag als zusätzliche Geldanlage einen Blauen Reiter erwerben, ein Stillleben mit Trauben oder einen Picasso aus der Blauen Periode – auch Kunst kann glücklich machen, wenn sie die richtige Tönung zeigt und nicht trocken genossen werden muss. Die Adressen der Auktionshäuser werde ich noch eruieren müssen …

In meinem Kopf war das Buch fast druckreif, als ich den Taxifahrer bezahlte. Fettes Trinkgeld und dann nichts wie hoch in die Wohnung, um die überbordenden Ideen zu Papier zu bringen! Die Getränke-Anlage konnte ich wirklich jedem Vermögenden guten Gewissens empfehlen. Auch wer Gesellschaft braucht, weil er es mit sich allein nicht aushält, wird mit einem Weinkeller gut bedient sein. Getränke über zehn Prozent garantieren in Zeiten der Rezession die Anhänglichkeit von Freunden, die einen bei boomender Wirtschaft nicht einmal grüßen würden. Und Frauen! Jede Menge. Die Schönsten unter ihnen werden sich selbst einem Greis noch auf den Schoß setzen, sofern er sich flüssig zeigt. Sie wollen nicht vertrocknen, sie wollen sich gelöst fühlen mit einem Sektchen am Morgen, hübschen bunten Cocktails über den Tag verteilt als Stimmungsaufhellern, einem samtigen Barolo als Schlummertrunk, ja, gerade Frauen suchen zunehmend Erlösung durch Flüssiges.