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Wir Kinder der 80er

1. Auflage

Originalausgabe

© 2013 Riemann Verlag, München

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Lektorat: Stephanie Ehrenschwendner

Gestaltung von Umschlag: Martina Baldauf, Herzblut02

Innenlayout: Martina Baldauf, Herzblut02

ISBN 978-3-641-10681-2

www.riemann-verlag.de

Inhalt

Wir sind dran! Warum wir Kinder der 80er das Zeug haben, Champions zu sein
Prolog

Stehblues, Schwarzlicht, Trockeneis
Wie man trotz Bandsalat eine astreine Fete feiert

Petting statt Piercing
Wie man miteinander geht und bei Kerzenlicht kuschelt

Von der Clique in die WG und zurück
Wie man eine Kochgruppe gründet und warum wir die Generation WIR sind

Von Müslis und Ökos
Wie man sich ein Bett im Kornfeld macht und eine Rastamütze strickt

Ein bisschen Frieden
Wie man eine Menschenkette formt und was bei einer Demo nicht fehlen darf

Wer wird denn gleich in die Luft gehen?
Wie man ohne Stress die Schule schafft und sich entspannt durchs Leben wurschtelt

Wir können Deutschland
Wie man die Nazivergangenheit verdaut und griechischen Wein genießt

Ich bin dann mal weg
Wie man ein Bahnabteil verbarrikadiert und ohne Navi durch Europa kommt

Heute bleibt die Küche kalt
Wie man mit Dosenravioli groß werden und trotzdem auf den Geschmack kommen kann

Am laufenden Band und Dalli Dalli
Wie man mit drei Fernsehkanälen und mit schwarz-weißen Bildern leben kann

Der subtile Charme der Telefonzelle
Wie man ohne Handy telefoniert und ein Briefkuvert frankiert

Trimm dich fit
Warum wir einen langen Atem haben und wie man per Trimmpfad zum New-York-Marathon kommt

Vanilletee und Räucherstäbchen
Wie man sich von »Reli« abmeldet und trotzdem den Sinn des Lebens findet

Wir und die anderen
Epilog in drei Akten

Zeittafel der prägenden Ereignisse

Dank

Bildnachweis

Wir sind dran!
Warum wir Kinder der 80er das Zeug haben, Champions zu sein

Prolog

Wissen Sie, was eine Schallplatte ist? – Ja? – Gut!

Haben Sie noch welche daheim? – Nein? – Macht nichts!

Aber CDs haben Sie? Oder wenigstens ein paar Musik-Downloads im Rechner? Oder immerhin eine Ahnung, wie man auf Youtube einen Song hören kann? – Bestens.

Dann geht’s jetzt los! Denn bevor Sie lesen, sollen Sie hören: »We are the Champions« von Queen aus dem Album »News of the world«. Sie dürfen gerne auch mitsingen. Wenn Sie dieser Song sofort packt und irgendwo ganz tief im Inneren trifft, dann sind Sie einer oder eine von uns. Egal, wann Sie geboren wurden. Dann gehören Sie zu der Generation, die noch eine Hymne hat. Denn dieser Song bringt in uns eine Saite zum Klingen, die andere Generationen nicht haben. Eine Saite, die im täglichen Leben der »Um-die-Fünfziger« und »Mittvierziger« allerdings eher selten klingt. Denn oft wissen wir gar nicht, dass wir eine Generation sind. Und schon gar nicht, dass wir eine besondere Generation sind: We are the champions!

Womit wir bereits beim Thema wären. Denn darum geht es uns in diesem Buch: uns an uns selbst zu erinnern – an die Champions, die in uns stecken. Die vielleicht noch schlummern, aber doch darauf warten, geweckt zu werden. Und zwar genau jetzt! – Warum? – Weil wir jetzt an der Reihe sind. Weil wir jetzt in den besten Jahren sind, um die fünfzig. Man nennt uns auch »die starken Jahrgänge«, da wir so viele sind. Aber stark sind wir nicht nur deshalb. Stark sind wir vor allem, weil wir etwas zu sagen haben. Deshalb ist es Zeit, uns zu Gehör zu bringen.

Platz da! Wir sind dran!

Klingt selbstbewusst, nicht wahr? Und ziemlich forsch und nach vorne gerichtet. Aber stimmt das auch? We are the champions – dürfen wir das im Ernst für unsere Generation geltend machen? Haben wir es zu Champions – zur Meisterschaft – gebracht? Oder ist das nicht doch eher ein uneingelöstes Versprechen, eine vage Hoffnung, eine pubertäre Fantasie aus unserer Jugend?

Wir glauben: Das ist mehr als eine Fantasie. Das ist mehr als eine Illusion. Das ist ein Auftrag – eine Chance. Wir könnten die Champions sein, wenn wir denn wollten; und wenn man uns ließe. Denn wir sind gut. Und auf jeden Fall besser, als die meisten denken. Vielleicht trauen wir uns nur einfach nicht genug zu: weil uns unsere Lehrer nicht so viel zugetraut haben; weil unsere Eltern mit uns nichts anzufangen wussten; weil die jüngeren »Digital Natives« uns für vorsteinzeitliche IT-Neandertaler halten. Oder einfach nur: weil wir anders sind als andere Generationen.

Und das sind wir ganz sicher. Einfach deshalb, weil wir zu einer bestimmten Zeit geboren wurden und bestimmten Einflüssen unterlagen. Machen wir uns nur klar: Die Welt, in die wir hineinwuchsen, war ganz anders als die Welt von heute. Es war eine langsamere Welt, eine Welt ohne iPhone und Internet. Der Zweite Weltkrieg war noch keine 20 Jahre her, als die Ersten von uns geboren wurden. Unsere Eltern hatten als Kinder den Weltuntergang erlebt – und dann als junge Erwachsene eine neue Welt gebaut. Auch wenn sie es nicht gerne hören: Das ist die Goldene Generation (geboren zwischen 1930 und 1945), die Generation des Wirtschaftswunders. Sie lebten und leben in der Gewissheit, dass alles immer besser werden würde. Fortschritt hieß ihr Credo – und ihre größte Sorge war, dass sie irgendwann noch einmal Hunger und Not leiden müssten. So gingen Angst und Zuversicht eine wunderliche Symbiose in ihnen ein. Der Kalte Krieg ließ sie bibbern, aber sie feierten die Mondlandung von Apollo 11. Bis heute heißen ihre obersten Werte: Sicherheit und materieller Wohlstand.

Manche von uns sind ihren Eltern treu geblieben: Sie haben den Fortschrittsglauben genauso wie die Verlustängste, die Fixierung aufs Materielle genauso wie den Hunger nach Sicherheit übernommen. Aber viele ticken inzwischen anders, haben Aufbrüche gewagt und das Risiko gesucht. Sie leben nun gerade nicht mit dem Gefühl, dass alles immer besser wird, sondern glauben, es gehe kontinuierlich bergab. Sie fürchten, dass die ökologische und finanzielle Katastrophe unausweichlich ist, wir aber in einer künftigen postmateriellen Welt gut leben und alt werden können. Es ist zwar schade, denken sie, vielleicht aber auch gar nicht so schlimm, dass die fetten Jahre längst vorbei sind. Was das angeht, sind wir zu spät gekommen. Von wegen »Gnade der späten Geburt«.

Das Gefühl des Zu-spät-gekommen-Seins haben wir auch im Blick auf die Generation vor uns: die Generation unserer Lehrer. Sie lässt sich gut durch eine Zahl beschreiben. 1968. Das ist ihr magisches Datum. Sie selbst hatten vom Krieg nichts mitbekommen, aber ihre Eltern hatten sich als Nazis schuldig gemacht. Die Väter, die den Krieg überlebt hatten, schwiegen sich genauso aus wie die Mütter, die als Trümmerfrauen in die Geschichte eingehen sollten. Eltern und Kinder standen sich fremd gegenüber. Die neue Generation wurde rebellisch. Es ist die Generation 1968 (geboren zwischen 1945 und 1960). Sie erntete die Früchte des Wirtschaftswunders und veränderte das gesellschaftliche Klima in Deutschland mit Verve: »Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment.«

So etwas sagten sie damals, inzwischen aber gehören sie selbst zum Establishment. Ach was, sie sind das Establishment. Sie beherrschen den öffentlichen Raum. Sie haben die Parlamente ebenso im Griff wie die Chefredaktionen der meinungsbildenden Medien. Die politische und die mediale Macht liegen in ihren Händen. Für uns ist davon nicht viel übrig geblieben. Wieder sind wir zu spät gekommen. Als wir in die Schule kamen, war die Revolution gelaufen und die große Party vorbei. Und als wir von der Schule abgingen, waren alle guten Jobs vergeben. Wieder hatten wir das Gefühl, dass es bergab ging – dass wir irgendwie zur falschen Zeit lebten.

Und so ging es weiter. Als wir hätten Karriere machen können, geschah das vollkommen Unerwartete: Die Mauer fiel – und plötzlich drängelten sich noch mehr von uns Babyboomern auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Unter Karrieregesichtspunkten war die Wiedervereinigung für uns nicht so der Bringer. Die Welt, für die wir ausgebildet waren und in der wir uns langsam einzurichten begannen – diese Welt war von heute auf morgen verschwunden. So jedenfalls stellt sich die Geschichte aus der Perspektive der Wessis dar – ein Begriff, den es in unserer Jugend noch nicht gab.

Die Wiedervereinigung war der eine gravierende Schnitt, der andere war die technologische Revolution. Wir hatten in der Schule noch mit Matrizen gearbeitet und auf Schreibmaschinen getippt. Nach uns wuchs eine Generation heran, denen Tipp-Ex und Tonbandkassetten wie archäologische Fundstücke einer untergegangenen Welt erschienen. Nun kamen jene Digital Natives (geboren zwischen 1975 und 1990), die Eingeborenen des digitalen Zeitalters: Menschen, die bereits mit Computern aufwuchsen und sich deshalb nie die Finger an den ausgelaugten Farbbändern einer Schreibmaschine schmutzig gemacht haben. Sie sind wenige, denn der pharmazeutisch-technische Fortschritt hat sie zu Pillengeknickten gemacht. Dafür exekutierten die älter gewordenen 68er-Lehrer an ihnen umso hemmungsloser ihre pädagogischen Menschenversuche. Heute sind sie oft bindungslos als Freelancer unterwegs – oder angepasst und brav, zu ihren Eltern in strenger Opposition (so viel haben sie dann doch von ihnen übernommen). So richtig erwachsen werden sie nicht – und im Job sind sie die Ersten, die ausbrennen. Richtig belastbar scheinen sie nicht zu sein. Dafür kann man jede Menge Spaß mit ihnen haben.

Und dann wären da noch die ganz Jungen, die Generation Praktikum, von misanthropen Berufszynikern auch »Generation doof« genannt (geboren zwischen 1990 und 2005). Sie sind mit der virtuellen Welt aufgewachsen und wissen besser als wir, wie man Computerprogramme schreibt, iPhones bedient oder auf Facebook chattet. Da können wir nicht mithalten. Viele von ihnen haben ADHS, aber ansonsten scheinen sie ganz nett zu werden. Kein Wunder, denn sie sind ja unsere Kinder …

So sieht es aus – vor und nach uns. Wir sind die Generation dazwischen. Diejenigen, die das Wirtschaftswunder und die große 68er-Sause verpasst haben. Und zugleich sind wir »die letzten Mohikaner der analogen Ära« (Badische Zeitung), der vordigitalen Welt: die Letzten, die noch vor der wohl größten und tiefgreifendsten technologischen Revolution seit der Erfindung des Buchdrucks groß geworden sind. Das ist unser Schicksal. Und zugleich unser Schatz. Vor allem ist es unsere Aufgabe: all das Gute von einst zu bewahren und dabei doch mit der Zeit zu gehen. Wenn wir sie erfüllen, dann können wir in unseren Alten-WGs zu Recht jeden Abend vor dem Einschlafen singen: »We are the champions«. Freddie Mercury sei Dank.

Aber davon sind wir im Augenblick noch ein gutes Stück entfernt. Von der Alten-WG genauso wie vom Championsein. Irgendwas scheint uns zu bremsen. Irgendwie sind wir nicht so richtig bei uns angekommen. Vielleicht, weil wir nicht genau wissen, wer wir eigentlich sind – und worin unsere ganz speziellen Qualitäten und Kompetenzen liegen. Deshalb fragen wir in diesem Buch: Wer sind wir? Und wenn ja, wie viele?

Oberflächlich ist die Sache klar: Wir sind die Generation derer, die zwischen 1960 und 1974 geboren wurden. Und wir sind viele! (Stichwort: Babyboomer). Wir stehen in der Mitte der Gesellschaft – und wir stehen in der Mitte unseres Lebens. Und doch sind wir bislang noch nicht so recht zur Geltung gekommen. Wir sind eine Generation im Standby-Modus, die sich bisher noch nicht wirklich eingeschaltet hat. Aber warum? Was bremst uns? Und was schlummert in uns? Um diese Fragen geht es in diesem Buch: um eine Art Psychogramm unserer Generation.

Dafür blicken wir zurück in die Jahre, die uns prägten. Wir erinnern uns an die späten 70er und an die 80er, um dort die Signaturen zu finden, die unser Lebensgefühl bis heute bestimmen. Und wir bringen uns die Qualitäten zu Bewusstsein, deren Keime damals in unsere Seelen gepflanzt wurden: durch unsere Eltern und Lehrer, durch den Zeitgeist, durch die Musik, die wir hörten, durch die politischen Zeitläufte, durch die historischen Ereignisse, durch die Medien …

Sie werden sehen, dass dabei eine ganze Menge zusammenkommt. Um diese Qualitäten aufzustöbern, haben wir in unseren privaten Erinnerungen (und Fotoalben) gesucht: wie wir groß geworden sind, was bei uns »hängen geblieben« ist aus den Tagen unserer Jugend. Zugegeben, es waren keine besonders außergewöhnlichen Jugendjahre. Wir hatten keine Jetset- oder Künstler-Eltern, wohnten an unspektakulären Orten. Unsere Kindheit und Jugend verliefen ziemlich »normal«. Wir hatten Eltern und Freunde. Schule und Hobbys. Machten kleine Urlaube und keine großen Sprünge. Aber war das nicht bei den meisten so? Mag dieses normale Großwerden manchmal auch fast peinlich sein, wenn man irgendwo mit einem spannenden Lebenslauf glänzen will, für dieses Buch ist es ein Vorteil: Denn so dürften sich viele in ähnlichen Erinnerungen und Erlebnissen wiederfinden.

Zumindest glauben wir das. Und nur deshalb haben wir die Chuzpe, bei dem, was wir zu erzählen haben, einfach mal so zu tun, als wäre es repräsentativ für eine ganze Generation – völlig ungedeckt durch statistische Erhebungen, soziologische Studien oder empirische Daten. Sie dürfen hier also kein wissenschaftlich fundiertes Buch erwarten – eher eine Geschichtensammlung, die Sie dazu einladen will, ein bisschen in der eigenen Vergangenheit zu stöbern. Etwas von dem Staub der Jahrzehnte wegzuwischen und Ihre gut gerahmten und hinter Glas versiegelten Träume, Fantasien und Visionen auszukramen. Vielleicht lösen unsere Geschichten ein Echo in Ihnen aus. Egal, was das für Assoziationen sind: Vielleicht erleben Sie eine gewisse Resonanz mit unseren Geschichten. Umso besser! Vielleicht denken Sie aber auch: Was geht mich der Scheiß von denen an? Auch gut – zumindest dann, wenn es Sie dazu veranlasst, sich mal wieder mit Ihrem eigenen Sch… zu befassen.

Will sagen: Wir wissen, dass wir mit diesem Buch nicht allen gerecht werden können. Wir wissen, dass es komplett einseitig ist: die Sicht einer Frau, die in Oberschwaben auf dem Land aufwuchs, die Sicht eines Mannes, der im Rheinland in der Stadt aufwuchs. Wir sind beide Wessis und haben nicht die leiseste Ahnung davon, wie es um 1980 herum auf der anderen Seite der Mauer aussah. Darum bitten wir unsere Leser aus dem deutschen Osten von vornherein um Nachsicht. Sollten Sie doch das Gefühl haben, dazuzugehören – umso besser. Auch was alle die angeht, die womöglich damals bei uns um die Ecke groß geworden sind oder die Grundschulbank mit uns drückten, sind wir uns darüber im Klaren, dass sich nicht alle mit unserer Sicht werden identifizieren können. Die Lebenswege laufen unterschiedlich, und nicht alle haben die Erfahrungen gemacht, von denen wir hier erzählen. Nehmt uns das nicht krumm, liebe Leute. Aber wischt es auch nicht einfach vom Tisch. Denn es könnte ja sein, dass wir mit unseren Geschichten eine Saite in euch anschlagen, die längst darauf gewartet hat, in der Melodie eures Lebens mitzuschwingen.

Na ja, und alle die, die ohnehin nicht zu unserer Generation gehören und das »We are the champions«-Feeling nicht kennen – Sie alle sind eingeladen, dieses Buch als eine Art ethnologische Feldstudie zu studieren. Machen Sie sich den Spaß, einige Einsichten in das Leben jener mysteriösen Wesen zu gewinnen, die Sie bislang nur als Ihre Kinder, Schüler, Onkel, Tanten oder Eltern kannten.

Als wir nach einem Titel für dieses Buch suchten, dachten wir erst, wir könnten unsere Generation auf einen neuen Namen taufen. So wie damals Florian Illies mit seiner »Generation Golf« oder andere schlaue Leute, die für die 20-, 30-Jährigen den Begriff »Generation Praktikum« prägten. Für uns haben wir keinen solchen Begriff gefunden. Am ehesten noch wären wir gewillt, uns als »Standby-Generation« zu deklarieren. Weil wir eben noch nicht festgelegt sind. Weil bei uns noch alles möglich ist. Weil in uns noch so manches Potenzial unerkannt schlummert.

Wie dem auch sei. Es kann uns passieren, dass wir zur verschlafenen Generation werden, die nie mehr aus dem Standby-Modus rausgekommen ist. Es könnte sein, dass wir kollektiv das traurige Los von Prinz Charles erleiden und der Strom der Geschichte über uns hinweggehen und die Verantwortung im Lande von den 68ern gleich auf die »Digital Natives« übergehen wird. Dann würden wir vermutlich als fette, aber belanglose Generation in die Annalen eingehen; als eine Generation, die nie in die Verantwortung gekommen ist. Und das wäre schade.

Es kann aber auch ganz anders kommen. Wenn wir uns darauf besinnen, wer wir sind und was wir können, dann – ja dann – können wir Kinder der 80er als die Generation in die Geschichtsbücher eingehen, die den großen Wandel eingeleitet hat: die große gesellschaftliche Transformation, nach der sich heute so viele Menschen sehnen. Es liegt nur an uns. Und zwar jetzt.

Denn die Zeit schreitet voran. In naher Zukunft wird vieles anders werden, ob wir wollen oder nicht: Wir werden in den nächsten Jahren zur Erbengeneration. Dann wird ein großer Teil der Privatvermögen in unsere Hände übergehen. Wenn wir verantwortlich damit umgehen, können wir auf eine bislang nicht gekannte Weise gestalterisch auf unsere Gesellschaft Einfluss nehmen. Aber das ist noch nicht alles: Demnächst werden die 68er in Rente gehen (auch wenn sie das nicht wahrhaben wollen). Dann werden wir Politik machen und zeigen müssen, ob wir Verantwortung übernehmen können.

Wir glauben: Yes, we can! Oder mit Bob, dem Bauermeister (in Sachen Optimismus ein Zwillingsbruder von Barack Obama): Ja, wir schaffen das! Und wir gehen sogar noch einen Schritt weiter und behaupten: Wir sind bestens darauf vorbereitet. Gerade weil wir bislang noch nicht zum Zug gekommen sind. Gerade weil wir bislang auf Standby standen. Wir sind im Stillen gereift. Wir haben einen gewissen Erfahrungsschatz zusammengetragen. Wir verfügen über Kulturtechniken, die den späteren Generationen abhandengekommen sind. Und wir haben einen Traum. Auch wenn wir das vielleicht gar nicht wissen. Wir haben ein Lebensgefühl, das von geteilten Sehnsüchten geprägt ist: der Sehnsucht nach einem naturnäheren Leben, einem weniger komplexen Leben, einem gemeinschaftlichen Leben. Wir haben die Sehnsucht nach Verbundenheit, weil wir der Überindividualisierung der letzten Dekaden überdrüssig sind. Gleichzeitig wollen wir unsere persönlichen Freiheiten nicht drangeben. Wir wollen die Quadratur des Kreises. Wir wollen ökologisch und nachhaltig leben und zugleich nicht auf die Segnungen der Technik verzichten. Wenn wir unsere Generation doch auf eine Formel bringen wollen, dann würden wir sagen: Wir sind pragmatische Romantiker und romantische Pragmatiker.

Nun ist es an der Zeit, unsere Träume zu verwirklichen. Noch bleibt uns dafür genug Zeit, doch sollten wir besser heute als morgen damit anfangen. Denn unser Traum ist gut – er passt zu den Erfordernissen unserer Zeit. Er ist eine Antwort auf die Krisen der Gegenwart. Ja, unser Lebensgefühl wartet nur darauf, die Gesellschaft zu transformieren. Dafür ist es höchste Zeit. Wer, wenn nicht wir? Wann, wenn nicht jetzt? Wir sind um die Fünfzig. Die besten Jahre. Jetzt müssen wir aus den Puschen kommen und die Welt nach unserem Bilde formen. Worauf warten wir noch?

Wir sind dran.

Die Standby-Generation schaltet sich ein.

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Bild 1

STEHBLUES, SCHWARZLICHT, TROCKENEIS

Wie man trotz Bandsalat eine astreine Fete feiert

Ob New Wave oder Supertramp – die Musik unserer Jugend war romantisch. Das liegt nicht nur daran, dass das Kratzen unserer LPs an knisterndes Lagerfeuer erinnerte. Die Songs sprachen von Liebe und einer besseren Welt. Sie trafen uns mitten ins Herz. Das hat uns geformt.

Status Quo. Dieses Wort beendete meine Kindheit. Es klang exotisch und geheimnisvoll. Und ich hatte keine Ahnung, was es bedeutet. Das tat weh. Denn ich war offenbar der Einzige, der noch nie etwas von Status Quo gehört hatte. Die anderen Jungs wussten Bescheid. Und die Mädchen auch. Nur ich nicht. Shit! Zumal es keinen gab, den ich fragen konnte. Ich hätte mich bis auf die Knochen blamiert. Also gab es nur eins: so tun als ob. »Klar kenne ich Status Quo.« – »Die neue LP, astrein, ja, toll.« (Es musste etwas mit Musik zu tun haben …) Und zu den Mädchen: »Musst du unbedingt mal hören.« Puh, was habe ich mich unwohl gefühlt, damals, beim Treffen meiner ehemaligen Grundschulklasse in Düsseldorf-Benrath, im Herbst 1977, vermute ich.

Am Abend fragte ich meinen großen Bruder. Der war Lateinschüler. »Status Quo? – Klar: Zustand, genauer: augenblicklicher Zustand.« Hm, damit war ich kaum weiter. Die Erlösung kam erst ein paar Tage später, und zwar aus dem Radio, WDR 2: »Rockin’ all over the world«, die neue Single von Status Quo. Da dämmerte es mir: Ja, es ging um Musik, Rockmusik, laute Musik, Hippiemusik – die Musik, von der meine Eltern gar nicht begeistert waren. Aber die man kennen musste, ach was: die man gut finden musste, wenn man dazugehören wollte. Und das wollte ich. Unbedingt. Also wünschte ich mir zu Weihnachten eine Musikkassette: »Rockin’ all over the World« von Status Quo. LP ging nicht, denn ich hatte noch keinen Plattenspieler. Ich war 13. Die Kindheit war vorbei.

Die Lektion, die ich damals lernte, war prägend: Wenn du zu den Großen gehören willst, musst du deren Musik hören. Das war die Eintrittskarte zur Welt der Pubertierenden. Das war der Schlüssel, der die geheime Tür aufschloss, die zu den Mädchen führte. Das war das Vehikel, das mich aus der kleinen Welt meines Kinderzimmers hinausführen sollte in ein aufregendes und geheimnisvolles Universum, dessen Weite ich überhaupt noch nicht ahnte.

Ich glaube, ich bin nicht der Einzige, der diese Lektion bekam. Ob nun Status Quo, Deep Purple, Pink Floyd, Supertramp oder Genesis – irgendwie sind wir alle damals durch Rock und Pop initiiert worden. Die Bands, deren Namen noch heute ein Lächeln auf die Lippen der Um-die-Fünfziger zaubern, wenn ihre Songs im Radio laufen, schrieben die Begleitmusik zu unserem Weg ins Erwachsenenalter. Freunden, die beim Radio arbeiten, zufolge ist »Stairway to heaven« noch heute der von deutschen Rundfunkhörern am häufigsten gewünschte Musiktitel überhaupt. Kein Wunder, denn die Songs der 70er und 80er sind tief in unsere Seelen eingesickert. Viel tiefer als es die Popmusik von heute tut. Denn damals gab es kaum Konkurrenz. Das Internet war noch nicht erfunden, YouTube in ferner Zukunft, Facebook unvorstellbar. Unsere Identität und unser Lebensgefühl formten sich durch Vinylscheiben und Chromdioxidbänder. Unsere Menschwerdung geschah durch Musik. Und die Musik war gut. Status Quo – unfassbar …

WIE GING DAS NOCH: WIR ENTWIRREN EINEN BANDSALAT

Bandsalat war der Horror. Besonders auf Feten: Plötzlich geht die Mucke aus. Du machst den Rekorder auf und ziehst mit der Kassette fünf Meter schmales Band raus. Natürlich genau das Stück mit deinem Lieblingssong. Oft auch im Knitter-Falten-Look. Da half nur eins: ein Bleistift – am besten einer mit Ecken und Kanten, denn der greift prima in die kleinen Zahnräder der Kassette. Und dann muss man halt sein Ding drehen.

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Bild 2

Expertenhearing bei der BASF: Wie war das mit den Musikkassetten?

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Bild 3

Der wichtigste Ausstattungsgegenstand eines Teenagerzimmers der frühen 80er war die Hi-Fi-Anlage im Allgemeinen und das Kassettendeck im Besonderen. Denn mit den kompakten Tonbändern konnte man seine Lieblingssongs aus dem Radio aufnehmen oder von den Schallplatten der Kumpels überspielen. Die gebräuchlichsten Musikkassetten kamen von der BASF. C 60, C 90, Chromdioxid Super II. Wer erinnert sich nicht daran! Aber was genau hatte es damit auf sich? Wir haben in Ludwigshafen nachgefragt – und Sina Westphal vom Unternehmensarchiv der BASF hat freundlich geantwortet.

Von wann bis wann hat BASF Kassetten produziert?

Die BASF hat von 1966 bis 1996 Kassetten produziert. Zwischen 1971 und 1976 war das Unternehmen auch als Musikproduzent mit bespielten Tonträgern am Markt.

Welche Kassettentypen gab es?

Das Portfolio der BASF umfasste ganz verschiedene Typen. Die LH-Kassetten waren auf allen Kassettengeräten einsetzbar und für normale Ansprüche ausgelegt. Die Ferro Super LH-Kassetten genügten höheren Ansprüchen: Durch ein feineres Eisenoxid wurde eine höhere Lautstärke und eine verbesserte Klangreinheit erreicht. Darüber hinaus gab es die Chromdioxid-Kassetten, die schon zur Hi-Fi-Klasse zählten. Sie zeichneten sich durch einen erweiterten Tonbereich und eine kristallklare Höhenwiedergabe aus. Noch einen Tick besser waren die Ferro-Chrom-Kassetten mit einem Mehrschichtband, das die Vorteile von Eisenoxid und Chromdioxid auf einem Band vereinte. Das Highend-Produkt jener Zeit war schließlich die Chromdioxid Super-Kassette, mit der man noch einmal einen erheblichen Dynamikgewinn im Bereich der hohen und höchsten Töne erreichte. Dieser Typ gehörte damals zur Spitze der Technik.

Warum konnte ein Chemiekonzern wie BASF Kassetten herstellen?

Die BASF gehörte zu den Pionieren im Bereich der Magnetband-Produktion. Schon in den frühen 1930er Jahren hatte die damalige I.G. Farben gemeinsam mit der AEG das Magnetband entwickelt, wie wir es heute kennen. Dazu war Know-how aus der Chemie nötig: Seit 1924 wurde in Ludwigshafen Carbonyleisenpulver für Fernsprechleitungen hergestellt. Aus der Farbenproduktion stammte die Erfahrung zur Herstellung feiner Dispersionen. Und im neuen Kunststoffbereich bot sich die Entwicklung von Folien als Träger an. 1934 wurden die ersten 50 000 Meter Band ausgeliefert. Ein Jahr später stellte man die ersten Abspielgeräte auf der Funkausstellung in Berlin der Öffentlichkeit vor. Mit den Compact-Kassetten hat die BASF also an alte Erfolge angeknüpft.

Weshalb hat sich BASF von dem Geschäft getrennt?

Mitte der 1960er Jahre galten Musikkassetten als Wachstumsmarkt. Neben der Schallplatte wurde der Siegeszug der Kassette prophezeit. In den 1970er Jahren gab es dann jedoch einen großen Preisdruck. BASF setzte daher darauf, sich mit Innovationen im Qualitätssektor zu profilieren und die Kosten durch eine stärkere Rationalisierung der Produktion zu senken. Allerdings blieben die Ergebnisse hinter den Erwartungen zurück, und mit dem Erscheinen der CD geriet die Kassette weiter ins Hintertreffen. 1996 entschied sich die BASF daher zum Ausstieg.

Ehrlich gesagt fand ich Status Quo gar nicht so toll. Und meine erste Musikkassette war Schrott; entweder sie oder mein Uralt-Mono-Kassettenrekorder. Ich hatte dauernd Bandsalat, den ich mühsam mit einem Bleistift entwirren musste. Es machte keinen Spaß. Außerdem waren Musikkassetten uncool. Das sagte man damals zwar noch nicht, aber so fühlte man. Mit Kassetten konntest du dich nirgends blicken lassen. Es sei denn, du hattest einen Super-Stereo-Radiorekorder – damals das höchste der Gefühle – mit möglichst großen Boxen. Hatte ich aber nicht. Ich hatte einen elenden Mono-Player von Hitachi. Dabei hatte ich mir zur Konfirmation so ein dickes Stereoteil mit vielen blinkenden Lämpchen und tanzenden Nadeln gewünscht – aber nicht bekommen. Große Enttäuschung. Wieder nichts, was bei den Mädchen Eindruck machen könnte.

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Bild 4: Devotionalien der Jugend. Die Single-Kollektion des Autors.

Aber eines – eines ging doch. Mit einer Sache konnte man beim anderen Geschlecht punkten: mit selbst zusammengestellten Spezial-Mix-Kassetten. Ich sehe mich noch Nachmittage lang vor dem Radio rumlungern, immer mit dem einen Finger auf der REC-Taste und dem anderen auf der PLAY-Taste. Nur um den einen Titel zu erwischen, über dessen Intro dann, echt saublöd, der Radiomoderator quatschte. Unfassbar, wie viel Zeit wir damals hatten! Aber was nahm man nicht alles in Kauf, um ein Lächeln der Angebeteten zu erhaschen …

Später durfte ich dann Platten kaufen. Und Platten waren wichtig. Mit denen konnte man bei einer Fete auftauchen. DJs gab es ja auch noch keine. Und selbst wenn, hätten wir sie nicht bezahlen können. Ergo mussten wir zu den Feten unsere eigenen Platten mitbringen. Und das war super – das war die Chance: Mit den richtigen Platten in der Tasche konntest du bei den Mädchen Türen öffnen. Also brauchte ich diese Scheiben. Mein erstes selbst gekauftes Album war »Even in the quietest moments« von Supertramp – für Feten völlig ungeeignet, aber ich liebte Supertramp. Zum Tanzen dann eher Boston. Boston kam gut: »More than a feeling«. Oder Toto: »Hold the line«. Von mir aus auch »YMCA« von den Village People. Und natürlich Deep Purple mit »Smoke on the water«. Was für ein Song … Das war meine zweite LP. Und Nummer drei war »Hotel California« von den Eagles – unsterblich. Die musste man haben. Für den Stehblues. Ich komme darauf zurück.

WIE GING DAS NOCH: STEHBLUES TANZEN

Beim Stehblues (auch Engtanz oder Schieber) legt der männliche Tänzer seine Hände auf den Rücken (in Ausnahmefällen auch auf das Gesäß seiner Partnerin), während die Tänzerin die Arme um Nacken und Schultern des Tänzers schlingt. Die Schrittfolge ist ein einfacher, dem Takt des Liedes folgender Wechsel von links und rechts (siehe Abbildung). Wikipedia bemerkt: »Der Stehblues ist quasi als Fortsetzung der Tanzaufforderung eine sozial akzeptierte Form, jemanden zu körperlicher Nähe oder Intimität aufzufordern.«- Jaaaaaa! Das isses! Und so schön formuliert: so poetisch und romantisch. Aber haben wir das mit der Schrittfolge schon kapiert? Hier noch mal für Anfänger (ab Jahrgang 2000).

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Bild 5

Doch gab es ein Problem: Wie macht man überhaupt eine Party? Und wo? Zuhause? – Unmöglich. Im Jugendheim der Kirchengemeinde? – Um Himmels willen. In der Schule? – So gut wie unmöglich. Aber eben nur »so gut wie«. Also: Wer wagt, gewinnt. Oder verliert. Was wahrscheinlich war. Denn erstens war ich auf einer Jungenschule, städtisches Schlossgymnasium für Jungen. Und zweitens hatten wir einen Direx vom alten Schlag. Der hatte die unangenehme Eigenschaft, sein Schlüsselbund mit voller Wucht auf das Pult zu knallen, wenn er schlechter Laune war. Also immer. Und vor diesem Schlüsselbund zitterten Alex und ich, als wir an seine Bürotür klopften, um unseren Antrag auf ein Klassenfest zu erläutern, zu dem wir die 8c aus dem benachbarten Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasium einladen wollten … der ehemaligen Mädchenschule, auf der es zwar inzwischen ein paar Jungen gab, aber eben nur ein paar!

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Bild 6: »Dance away the heartache.« Der Autor auf seiner Geburtstagsparty.

Unvergesslich. Der Direx wollte von uns ein Programm sehen. Ein Programm! Verdammt, was für ein Programm? Das Programm hieß: Fenster abdichten, bunte Scheinwerfer, am besten eine Lichtorgel, dann Musik aufdrehen, erst die fetzigen Sachen, später die soften und idealerweise am Ende des Tages ein Mädchen zum Abschied flüchtig auf die Lippen küssen.

Das wäre ein Programm gewesen. Aber das war nicht, was der Direx darunter verstand. Für ihn war klar: Begrüßungsrede durch den Klassensprecher. Links die Mädchen, rechts die Jungs. Tanzschulen-Szenario. Entsprechende Musik. Stilgerechte Aufforderung zum Tanz etc. Alex und ich wurden blass und blasser. Aber wir haben gekämpft. Ja, wir haben für uns und unsere ganze Generation gekämpft. Wir gingen ein paar Kompromisse ein (keine Verdunklung, Mädchen links, Jungen rechts …), aber das war okay, denn wir durften die Mädchen einladen. Und die Mädchen kamen. Und gingen wieder. Ungeküsst. Es war zu hell. Die Fete war ein Flop. Aber wenigstens war ein Anfang gemacht.

LEXIKON FÜR NACHGEBORENE: SCHWARZLICHT

Schwarzlicht kam aus violett leuchtenden Röhren (die heutige Kids vermutlich mit Laserschwertern verwechseln würden) und betonte in Discos die weiblichen Konturen auf magische Weise. Bei Jungs brachte es für einen Augenblick selbst die fiesesten Aknespuren zum Verschwinden. Dafür wurden die armen Schweine mit Haarschuppen gnadenlos geoutet ...

Im nächsten Jahr lief es besser. Immerhin waren wir in der Neunten – und überhaupt, die Zeiten änderten sich. Der alte Direx war im Ruhestand, die 8c (mittlerweile 9c) sprach eine Gegeneinladung aus, wir kamen uns näher. Und fühlten uns immer erwachsener. Gleichzeitig wurden die Rituale verfeinert und die Partykeller der Eltern erobert. Die waren zwar allesamt muffig, staubig und geschmacklos eingerichtet. Dafür musste man aber nicht mühsam die Fenster verdunkeln. Wir hätten sowieso in den finstersten Kellerlöchern gefeiert, wenn sie uns nur den sorgenden Blicken der Eltern entzogen. Außerdem konnte man da die Lichtorgel und die bunten Glühbirnen voll zum Einsatz bringen. Metzgersohn Dirk brachte manchmal sogar Trockeneis aus dem Kühlhaus mit. Dann fehlte nur noch eines – das ultimative Tool für die entscheidende Phase jeder Fete: Schwarzlichtröhren. Ihr violettes Licht hüllte alles in eine magische Aura. Dazu Nebelschwaden vom Trockeneis und die richtigen Songs. Mein Spezialgebiet. Jetzt schlug die Stunde von »Hotel California«. Scheibe auf den Teller, Nadel drauf, Herz gefasst und auf zu Corinna: »Wollen wir?« – »Ja.« Und los ging’s, eng umschlungen drehte ich mich mit ihr, langsam wie ein Derwisch, immer auf der Stelle, den Duft von Mädchenschweiß und schlichtem Parfüm in der Nase: für einen 14-Jährigen verführerischer als der gesamte Orient. »On a dark desert highway, cool wind in my hair …« – Meine Güte, war das aufregend.

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Bild 7: »Teenage Dreams« – wie man sich in den 80ern halt in Schale schmiss.

Und es gab so viele geeignete Songs: »Sailing« von Rod Stewart, »Lucky Man« von Emerson, Lake & Palmer, »Jealous Guy« in der Version von Roxy Music. Manche waren sogar lang genug, um sich entscheidend näherzukommen (»Shine on you crazy diamond«, Pink Floyd, 13:38 Minuten!); lang genug, um die Hand in bislang unerforschte Gebiete zu schieben. Ich glaube, ich hab’s noch nie jemandem gebeichtet, aber das konnte so weit gehen, dass es mir beim Stehblues mit … (bleibt mein Geheimnis) tatsächlich einmal gekommen ist. Einfach so, nur durch Körperkontakt. Irrsinnig peinlich, aber irgendwie auch irrsinnig schön. So was ging damals noch – ohne Pornos, ohne literarische Kenntnis der Feuchtgebiete, ohne aufgebrezelte Mädels in kurzen Röcken und High Heels; Mädchen wie Jungs bevorzugten damals Adidas-Turnschuhe und Latzhosen. Gewisse ungewollte körperliche Reaktionen konnten durch Letztere immerhin verheimlicht werden … Hatte alles was für sich, dachte ich, bis meine Co-Autorin Evelin mich darüber aufklärte, dass das Gegenteil der Fall war und jede einigermaßen mit der männlichen Anatomie vertraute Tanzpartnerin bestens Bescheid wusste, was bei einem gerade abging. Da habe sich den Mädels nur noch die eine Frage gestellt: die peinliche Berührung vemeiden oder gleich richtig ranrücken?

Der Song, der bei jener denkwürdigen Szene mit … (bleibt mein Geheimnis) lief, kam übrigens von Barclay James Harvest: »Poor man’s moody Blues« (6:55 Minuten). Noch bekannt? »Cause I nee-eed you, yes I wa-ant you, yes I lo-o-ove you, lo-ove you!« Große Kunst. Und es passte so gut. Da konnte einem ja nur … Egal, das Großartige, was ich damals natürlich überhaupt noch nicht kapierte, war: Wir hatten eine Musik um und in uns, die zu jeder Lebenssituation passte. Beim Stehblues, wenn bei Schwarzlicht und Trockeneisnebel das Herz windelweich war, da passten »Nights in white satin«, »If you leave me now«, später dann »Careless whisper« oder – wenn’s ganz dick kam – »Mandy« von Barry Manilow …

Wenn die Angebetete sich aber mit einem anderen auf der Stelle drehte, war es gut, Nazareth im Köcher zu haben: »Love hurts« oder Kansas mit »Dust in the wind«. Wusste man gar nicht mehr, wo einem Kopf und Herz standen, konnte man sich mit 10cc und »I’m not in love« ausleben (diese wunderbare Ballade, bei der ein offenbar schizophrener Typ seiner Angebeteten ständig ins Ohr haucht, er sei nun aber ganz sicher gar nicht verliebt …). Und wenn man auch mit dieser Phase schon durch war, bot sich als unverbindliche Interessenbekundung nichts besser an als »Can anybodyyy find me-e-e-e somebody to-o … love«, geschmettert vom unsterblichen Freddie Mercury. (Seufz! Gott hab ihn selig.)

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Bild 8: »Who wants to live forever …« Trotzdem ein Jammer, dass Freddie Mercury (1946–1991) so früh gestorben ist.

Expertenhearing bei Frank Laufenberg: Wie prägt man den Musikgeschmack einer Generation?

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Für alle, die im Süden und Westen der alten BRD lebten, war der Popshop auf SWF3 eine Institution. Diese Radiosendung prägte den Musikgeschmack einer Generation. Der Mann am Mikrofon hieß Frank Laufenberg. Von ihm wollen wir wissen, wie man das eigentlich macht: das Lebensgefühl einer Generation zu prägen. Seine Antwort hat uns überrascht.

»Bei mir geht das so: Ich höre ein Musikstück, und es stellt sich ein Wohlgefühl ein. In der Magengegend, in den Beinen, im Kopf oder sonst wo. Ich wurde immer wieder gefragt, welches Musikinstrument ich spiele – Plattenspieler, habe ich gesagt, und so ist es. Wenn ich also früher in meinen Sendungen bestimmte Interpreten oder Platten besonders gelobt habe, dann nicht, weil ich damit auf Trends setzen oder selbst welche setzen wollte, sondern weil mir die Platte gefiel. Das war alles. Ich habe mich auch nie von Musikzeitschriften oder Journalistenkollegen beeinflussen lassen. In vielen Fällen werkeln da verhinderte Musiker, die sich an erfolgreichen Kollegen rächen wollen. Wer für sich herausgefunden hat, welche Musik einem gefällt, muss das niemandem gegenüber verteidigen. Wie bei so vielen Dingen im Leben gilt: Wenn ich mich immer nur nach dem Geschmack der anderen richte, habe ich irgendwann keinen eigenen mehr. Im Lied »Wellenreiter« zeichnet BAP das Bild vom Typen, der jedem Trend wie ein Komparse hinterherläuft. So lange, bis ›von dir selbst kaum etwas übrigbleibt‹. Von vielen ehemaligen SWF3-Hörern werde ich angesprochen mit den Worten: ›Du hast meinen Musikgeschmack geprägt.‹ Das tut mir leid, das habe ich nicht gewollt. Ich habe doch immer nur meine Wohlfühlmusik gespielt (mit Ausnahme der Hitparaden, die ich auch moderierte).«

Fragen an Stefanie Tücking

Wenn wir Ende der 80er über »Formel Eins« sprachen, dachte dabei keiner an Schumi oder Vettel. Nein, »Formel Eins« war Musik – unsere Musik im Fernsehen, vorgestellt von Peter Illmann, Ingolf Lück, Kai Böcking und Stefanie Tücking. Stefanie (Jahrgang 1962) war eine von uns, und wir fanden es toll, dass sie 1987 für ihre Moderation die Goldene Kamera bekam. Wir haben sie gefragt, ob sie uns ein bisschen mehr von sich verraten möchte – und sie hat es getan.

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Bild 12: Der Retropapst. Hugh Grant als 80er-Jahre-Expopstar Alex Fletcher in »Mitten ins Herz – Ein Song für dich«.

Lange Rede, kurzer Sinn. Die Popmusik der späten 70er und frühen 80er bot ein unglaubliches Repertoire an Ausdrucksmöglichkeiten. Mit Text und Musik deckte sie das Spektrum dessen ab, was ein junges Herz damals bewegte und berührte. Wir konnten uns in diesen Songs spiegeln, und aus ihnen blickten uns lebenshungrige, leidenschaftlich fühlende Teenager an, die von der großen Liebe träumten, unter der Schule litten (»The Wall« von Pink Floyd, »School« von Supertramp, »I don’t like mondays« von den Boomtown Rats), die gegen Unrecht aufbegehrten und von einer machtvollen, aber unbestimmten Sehnsucht bewegt wurden. Für jede Lebenslage gab es den passenden Song. So wurde ein kollektives Lebensgefühl geformt. Ja, es scheint heute so, als sei damals eine ganze Generation – vor den Radios, Kassettenrekordern und Plattenspielern – auf einen eigentümlichen Grundakkord gestimmt worden: einen Grundakkord, der bis heute nicht aufgehört hat, in unseren Seelen zu schwingen. Und der jederzeit, überall neu in Resonanz vibriert, wo die Musik unserer Jugend gespielt wird: im Radio, auf irgendwelchen Revivalkonzerten (neulich bei Supertramp, unfassbar gut! Barclay James Harvest in Fulda dagegen war grottig …), von irgendwelchen Coverbands oder bei den Ü-40-, bald Ü-50-Partys. Diese Mucke funktioniert so gut wie immer. Und sie fühlt sich immer noch gut an.

Wie sehr wir tatsächlich von der Musik unserer Jugend geprägt worden sind, zeigt der Umstand, dass es inzwischen flächendeckend in Deutschland Radiostationen gibt, die rund um die Uhr »Oldies« spielen (Grmpf, »Oldies« haben unsere Eltern gehört, aber doch nicht wir!) – also im heutigen Sprachgebrauch die Songs der 70er und 80er. Und ganz im Ernst: Immer wieder ertappen wir uns dabei, beim Autofahren von den Popwellen wie HR 3 oder SWR 3 (oder was man als »Normalo« sonst so hört) auf eine »Oldiewelle« zu wechseln, weil da die alte Mucke läuft. Eben noch nervt irgendein seriell verfertigtes Pop-Girlie mit dummem Zeug, nur ein Klick und eine Station weiter: »Twenty-four years just waiting for a chance …« Richtig: Smokie und »Living next door to Alice«. Da geht ein Lächeln über die Lippen. Da drehst du das Ding auf. Da singst du mit. Oder?

Großartige Einsichten darüber, wie mächtig der Einfluss der Popmusik auf unsere Generation ist, offenbart eine wunderbare amerikanische Kinokomödie mit Hugh Grant in der Hauptrolle. Der Film heißt im Original »Music and Lyrics«, wobei der deutsche Titel eigentlich besser passt: »Mitten ins Herz – Ein Song für dich«. Man ahnt, worum es geht. Die Story dreht sich um Alex Fletcher, einen gealterten 80er-Jahre-Expopstar (englisch: »Has-Been«), der seinerzeit mit der Band »PoP«, einer Art Wham-Verschnitt, große Erfolge feierte. Inzwischen ist seine Zeit vorbei, sein Showpartner Colin hat sich von ihm getrennt und macht große Solokarriere (by the way: Wie hieß doch gleich der Typ neben George Michael?). Alex dagegen tingelt von einem mediokren Auftritt zum andern, wo ihn zwar Heerscharen liebestoller Damen in den Wechseljahren enthusiastisch feiern, ansonsten aber der große Erfolg ausbleibt. Bis er überraschenderweise von Cora Corman, dem »Megastar des Universums«, einer Mischung aus Britney Spears, Shakira und Madonna, den Auftrag erhält, einen Song für sie zu schreiben. Gesetzter Titel: »Way back into love«. Warum gerade Alex? Weil Klein-Cora einst vor dem Radio flennte, als PoP’s großer Hit »Dance with me tonight« den Soundtrack zur Trennung ihrer Eltern lieferte und Alex’ samtige Stimme das Mädchenherz streichelte.

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Bild 13: Der Retortenstar. Haley Bennett als Cora Corman, der Megastar der 2000er, in »Mitten ins Herz – Ein Song für dich«.

Warum ich das erzähle? Weil sich hinter dieser Story eine für unser Thema wichtige Einsicht verbirgt: Einen Song zum Thema »Way back into love« kann – auch in der 2000ern – nur ein 80er-Jahre-Has-Been schreiben. Weil es die 80er-Jahre-Has-Beens sind, deren Songs geradewegs ins Herz gingen und die Leute dabei unterstützten, in die Liebe zu fallen. Was die Songs von heute in der Regel nicht mehr tun. Coras Musik ist cool, rhythmisch, »feucht und glitschig« (Originalzitat) – garniert mit Spiritsoße (ein Song heißt »Buddha’s Delight«), bauchfrei und im knappen Röckchen. Sie ist sexy, aber sie trifft nicht ins Herz. Die Popmusik von heute ist auf eine andere Frequenz gestimmt als die Popmusik unserer Jugend. Sie vermittelt ein anderes Lebensgefühl – eines, wonach sich nicht nur Cora sehnt, sondern offenbar ganze Heerscharen von Nach-uns-Geborenen, die ebenfalls auf dem Weg zur Arbeit auf eine dieser »Oldie-Wellen« umschalten, weil die Musik, die dort gespielt wird, etwas in ihnen nährt, was der Zeitgeist sonst nicht berührt: das Herz. Mitten dahinein ging die Musik unserer Jugend. Sie traf die Herzfrequenz. Und wir behaupten: Deshalb sind wir alle romantisch gestimmt. Ob es uns nun passt oder nicht. Wir sind eine Generation von Romantiker(inne)n.