cover

 

 

 

 

 

Vorwort

Seit über 25 Jahren stehe ich im Dienst einer evangelischen Kirche. Eines ihrer grössten Privilegien stellt für mich zugleich auch eine ihrer grössten Schwächen dar: die persönliche Freiheit. Sie hat, auf die Kirche bezogen, ihre Wurzeln im »allgemeinen Priestertum aller Gläubigen«, das seit den Zeiten der Reformation für evangelische Christen als selbstbewusstes Postulat besagt, dass in den evangelischen Kirchen zwar in erster Linie Pfarrerinnen und Pfarrer Dienst tun, aber jeder getaufte Christ ohne einen weiteren Mittler Zugang zu Gott hat. Wer die Bibel liest und sich mit ihr auseinandersetzt, ist in Glaubensfragen genauso urteilsfähig wie ein offizieller Repräsentant der Kirche.

Was vor genau 500 Jahren als Befreiung von kirchlicher Hierarchie und Glaubenszwängen gefeiert wurde, droht heute jedoch in einem wichtigen Punkt in Vergessenheit zu geraten. In Erinnerung geblieben ist bei vielen nämlich lediglich der ausgeprägte Anspruch, selbstbestimmt urteilen zu können und niemandem Rechenschaft schuldig zu sein. Aber leider vergessen viele, dass dem Recht auf individuell verantworteten Glauben auch eine stillschweigende Selbstverpflichtung zugeordnet ist: die persönliche Auseinandersetzung mit dem Glauben und das, was man glaubt, auch zu leben.

Diese Auseinandersetzung ist anspruchsvoll, und sie lohnt sich. Selbst wenn die biblischen Überlieferungen vielfach quer zu unserem modernen, naturwissenschaftlich geprägten Weltbild stehen, sind in ihnen Glaubenswahrheiten überliefert, die eine besondere Würde und Beziehungsfähigkeit und dazu eine besondere Verantwortung des Einzelnen gegenüber seinen Mitmenschen und seinem Lebensraum festhalten. Der christliche Glaube und die Kirchen, in denen dieser Glaube sichtbar Gestalt annimmt, leisten einen grossen Beitrag dazu, dass in unserer Gesellschaft Freiheit nicht als persönliches Recht, sondern als Auftrag verstanden wird.

Doch viele trauen der reformierten und auch anderen Kirchen nichts mehr zu. Innerlich verzagt, versuchen Kirchenleitungen durch verzweifelten Struktur-Aktionismus neue gesellschaftliche Relevanz zu erreichen. Ich glaube aber, wir brauchen statt neuer Formen und Strukturen einfach mehr Herz und Verstand und Gottvertrauen. Es ist richtig, dass nach den jüngsten Bevölkerungsstatistiken der Einfluss der Kirchen zurückgeht. Aber ist ihr Einfluss tatsächlich abhängig von der Anzahl ihrer Mitglieder?

Werden wir überhaupt noch als sinnvolle und hilfreiche Institution wahrgenommen, wenn statt einer frohen Botschaft vornehmlich zu hören ist, dass die Kirchen um ihre Existenz bangen, weil sie kleiner, ärmer und schwächer werden?

Die Kirche ist nicht dadurch entstanden und gewachsen, dass sie sich kleingemacht hat. Im Gegenteil. Das Christentum ist eine der wenigen Religionen, die gezielt durch Missionare ausgebreitet wurde. Damit haben wir schon lange aufgehört. Aus leidenschaftlichen Anfängen wurden Volkskirchen, die angesichts ihrer Mitgliederzahlen kaum noch diesen Namen verdienen. Wir sind satt geworden. Und unsere Mitglieder vergessen ihre Wurzeln. Wenn die Kirchen heute Schlagzeilen machen, dann durch die Missbrauchsdiskussionen in der katholischen Kirche oder die Klagen gegen das Glockengeläut bei den Reformierten. Aber wir haben mehr zu sagen und zu bieten, mehr als nur die weinerlichen Diskussionen, die um die Verwaltung des Niedergangs kreisen. Wir brauchen einen erneuten Fokus auf die Kraft des persönlichen Glaubens und der eigenen Glaubensgemeinschaft.

Wir dürfen ruhig zuversichtlicher auftreten. Wir sind gut. Wir tun gut. Wir helfen, dass es gut wird. Und das ist möglich, so paradox das klingt, weil wir uns trauen zu zweifeln. Der Zweifel verhindert, dass wir stehenbleiben und selbstgefällig werden. Der Glaube bewirkt, dass immer irgendjemand in der Gemeinschaft gerade die Kraft, die Vision und den Mut hat, andere weiterzutragen, denen die Puste ausgeht. Das grosse Potenzial der Kirche liegt in der Gemeinschaft. Zum einen lernen und üben wir darin, einander zu ertragen. Zum anderen hoffen wir, dass die Freiheit, die jeder Einzelne für sich beansprucht, ihr Mass in dem einfachen Dreiklang findet, in dem Gott, der Nächste und man selbst den Ton angeben (Mt 22,36–38).

Meine Aufgabe als Pfarrerin besteht seit Jahren darin, Menschen in ihrem Glauben und in ihren Zweifeln zu begleiten, zu hinterfragen, zu stützen oder zu provozieren. Eine wunderbare und zugleich fordernde Aufgabe in einer Kirche, die dort besonders stark ist, wo im persönlichen Glauben der Vernunft und dem Zweifeln Raum gelassen wird.

In diesem Buch will ich in fünf Kapiteln erzählen, was mir an dieser Kirche wichtig ist. Zu Beginn lade ich dazu ein, sich der Kirche anzunähern, so wie ich es einst tat, als ich mein Studium ergriff. Dann wird es darum gehen, in ihr anzukommen und grundsätzliche Weichenstellungen wahrzunehmen. Die Art, wie wir diese Kirche gestalten, ist vielfältig, ebenso wie das, was es dabei auszuhalten gilt. Im letzten Kapitel will ich beschreiben, wie ich selbst gerne mit dieser Kirche weitergehen möchte.

Dazu erzähle ich in diesem Buch heitere, tiefsinnige, traurige und nachdenkenswerte Geschichten aus meiner alltäglichen Arbeit in Form einer ganz normalen Arbeitswoche. Die Anordnung ist fiktiv, die Geschichten sind wahr, zum Schutz der darin vorkommenden Personen jedoch teils verfremdet.

I. Annäherung     MONTAG

Image - img_03000001.png