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Die Entstehung und Rezeption des DEFA-Spielfilms


Die Entstehung und Rezeption des DEFA-Spielfilms "Der Verlorene Engel"

Unter Berücksichtigung des Gesamtwerkes von Ralf Kirsten
1. Aufl.

von: Ina-Lyn Reif

Fr. 44.99

Verlag: Diplomica
Format: PDF
Veröffentl.: 26.01.2009
ISBN/EAN: 9783836621281
Sprache: deutsch

Dieses eBook enthält ein Wasserzeichen.

Beschreibungen

Ralf Kirsten gehört zu jenen Regisseuren der DDR, die zwar regelmäßig produzierten, aber immer etwas am Rande der Aufmerksamkeit standen. Nahezu 30 Jahre wirkte er innerhalb der DEFA in einem Spannungsfeld von staatlichem Druck und individuellem Anspruch. Angesichts dieser Tatsache stellt es eine Bereicherung der Filmgeschichte dar, den Stellenwert seiner Arbeit innerhalb der Gesamtproduktion der DEFA zu bestimmen.
Die Studie untersucht biografisch-individuelle Anlässe, die mittelbar die Herstellung seiner Filme, insbesondere des Filmes "Der verlorene Enge" beeinflusst haben. Ebenso werden die von ihm produzierten Filme linear, als Bestandteil seiner Filmografie ermittelt und einzelne seiner Filme in Beziehung zu gesellschaftlichen Gegebenheiten und ästhetischen Anschauungen gesetzt.
Am Beispiel der außergewöhnlichen Entstehungs- und Aufführungsgeschichte seines Filmes "Der verlorene Enge" (Produktionszeit 1965/66) wird ein Konflikt Ralf Kirstens deutlich: Einerseits sollte er dem Idealbild - nämlich der von den Kulturpolitikern der DDR erwarteten Widerspiegelung der sozialistischen Realität - entsprechen, andererseits wollte er, in den ihm eigenen stilistischen Ambitionen, die Wirklichkeit darstellen. Bei der Interpretation des Filmes wird die komplexe Problematik des Themas Barlach für den Spielfilm und die damit zusammenhängenden Werte- und Normenbildung in der kulturpolitischen Auseinandersetzung berücksichtigt.
Der Film "Der verlorene Engel" stellt auf Grund seiner stilistischen Einmaligkeit ein besonderes Filmkunstwerk dar. Darüber hinaus hat er einen hohen filmgeschichtlichen Stellenwert, da er sich von der Gruppe verbotener DEFA-Spielfilme der Jahrgänge 1965/66 mit der Darstellung einer historischen Künstlerpersönlichkeit abhebt und als einziger jener Filme dennoch in den sozialistischen Ländern zur Aufführung kam.
Ina-Lyn Reif, Studium der Theaterwissenschaft, Kulturwissenschaft und der Neueren/Neuesten Geschichte, Abschluss 2007 als Magistra Artium an der Humboldt-Universität zu Berlin.
Kapitel 4.1, Kommunikationsabsicht versus Filminterpretation:
In der Stellungnahme der Abteilung Filmproduktion, vertreten durch Dr. Jahrow, vom 29.09.1966 wurde Ralf Kirsten mitgeteilt, dass sein Film „Der verlorene Engel“ von der HV Film staatlich nicht abgenommen wird. Aus der Sicht der HV Film des Ministeriums für Kultur war der Film in seiner Funktionalität für den Rezeptionsprozess zu diesem Zeitpunkt nicht geeignet.
Um die Absicht der Filmmacher mit der Deutung der Rezipienten vergleichen zu können wird auf Dokumente zurückgegriffen, welche einerseits Aufschluss über den selbst formulierten Anspruch der Produktionsgruppe geben, andererseits die Stellungnahme der HV Film des Ministeriums für Kultur darlegen. Die Untersuchung stützt sich auf die von der KAG „Heinrich Greif“ am 18.07.1966 abgegebenen Einschätzung des Filmes und der ablehnenden Stellungnahme der HV Film vom 29.09.1966. In der Einschätzung des Filmes von der KAG und in der Begründung für die Nichtabnahme des Filmes der HV Film werden sehr unterschiedliche Ansichten hinsichtlich der ideologischen Aussage als auch der politischen Wirksamkeit des Filmes vertreten.
Die KAG erklärt, dass in den 36 Bildern des Arbeitsdrehbuches Fragen nach dem geschichtlichen Weg und der Verantwortung der Deutschen in neuer Weise aufgeworfen werden. Sie behaupten, die positive Entscheidung des Künstlers zu seiner gesellschaftlichen Verantwortung werde im Konflikt zwischen Verzweiflung, Selbstaufgabe und Willen zur Selbstbehauptung bearbeitet. Der Film gestalte mit dieser Problematik und diesem Inhalt Fragen von nationaler Bedeutung. Er würde helfen, die Basis der nationalen Tradition vor allem auf dem Gebiet des Filmes zu erweitern. Mit der Zuwendung zur exemplarischen Individualität des Künstlers regte Kirsten einen Versuch zur Erkundung der Dramaturgie des neuen Filmhelden an und zu einer stilistischen Wendung für das antifaschistische Thema.
Allerdings wird der positive Held in der Figur des Barlach` für die HV Film nicht deutlich. Für sie sollte die Figur Vorbild für den Zuschauer sein, jemand, der all das vereint, was für einen sozialistischen Menschen erstrebenswert ist. Filmkünstler hatten nach Auffassung der kulturpolitisch Verantwortlichen die Aufgabe, am Helden „das Objektive, das Allgemeingültige, das Typische“ herauszuarbeiten und mussten in der Lage sein „das Subjektive abzuschütteln“. Das Hauptmerkmal des positiven Helden ist dadurch gekennzeichnet, dass sein Handeln mit den objektiven geschichtlichen Notwendigkeiten und Erfordernissen übereinstimmt und von hohen subjektiven moralischen bzw. politischen Beweggründen getragen wird.
Die HV Film stellte als Begründung zur Nichtabnahme des Filmes fest, dass: „Bezüge Barlachs zu seiner natürlichen und sozialen Umwelt ausschließlich auf die innere Problemstellung Barlachs selbst bezogen werden. Hierin reflektieren sich Züge einer philosophischen Deutung im Sinne des Existenzialismus.“ Dies werde noch „betont durch die Vereinzelung der Person Barlachs.“ Zwischen ihm und seiner Umwelt gebe es keine andere als eine individualistisch-geistige Kommunikation, wurde kritisiert. Selbst dort, wo sich die Umwelt Barlach unmittelbar und prägend aufdrängt, zum Beispiel in der Hochzeitsszene, bei dem Geländespiel der Hitlerjungen und anderen Szenen. Es wurde bemängelt, mit dieser Sicht würde der Film nicht einmal der gesellschaftlichen Position gerecht, die Barlach selbst eingenommen hat, sondern blieb hinter ihr zurück.
Die für den Film von Kirsten entwickelte intermediale Technik erweckte bei der HV Film den Eindruck einer gewissen Mystik. Dieser Aspekt lag in der Entwicklung des Filmstoffs begründet. Kirsten konnte in Franz Fühmann einen Gegenwartsautor für sein neues Projekt entdecken. Allerdings waren die Sprachbilder der Epik Fühmanns, insbesondere die Stilistik der Metaphern in schriftsprachlichen Sätzen nicht einfach übertragbar in die visuelle Sprache des Films. Aus diesem Widerspruch entwickelte Kirsten für den Film eine intermediale Technik.
Mit dem inneren Monolog zum Beispiel wurde ein narratives Verfahren eingesetzt, um die Gedanken und Gefühle der Figur Barlach, die den lnnenraum des Bewusstseins nicht verlassen, unvermittelt zu präsentieren. Somit wird auf eine konventionelle syntaktische Abfolge verzichtet, um die individuellen Assoziationsketten der Figur Barlach darzustellen. Allerdings ist dadurch die Möglichkeit einer objektiven Wirklichkeitserkenntnis, wie sie die HV-Film wünschte bzw. erwartete, in Frage gestellt und macht daher ihre Kritik nachvollziehbar. Lange Passagen des Films zeigen stumme Spaziergänge Barlachs, ohne dass sich daraus Handlungsabläufe ergeben und eine dramatische Spannung erzeugt wird. Das für die HV Film wesentliche Kriterium, der handelnden Person fehlt ebenso wie das Prinzip der Volkstümlichkeit. Der gewünschten Publikumswirksamkeit wurde nicht entsprochen und der Film ohne Rücksicht darauf konzipiert und gedreht. Sie konstatierten, der Film habe mit sozialistisch-realistischem Kunstschaffen nichts gemein. Die Aufführung des Filmes würde nach Ansicht der HV Film bei der Bevölkerung auf Befremden stoßen. In der Stellungnahme wird eingeräumt, dass der Film geeignet wäre, „elitäre Gedanken bei einem kleinen ‚auserwählten’ und ‚kunstverständigen’ Publikum zu schaffen.“ Mit der Feststellung gesteht die HV dem Film erstaunlicherweise ein positives künstlerisches Wirkungspotential zu. Was aber nicht im Sinne des kulturpolitischen Auftrages war. Dieses, schon damals erkannte Potential, erklärt unter anderem die späte Besinnung auf den Film im Jahr 1970. Für die Herstellungszeit wird in der Stellungnahme jedoch gleich im Anschluss an dieses Zugeständnis erklärt, dass „die erzieherische Wirkung negativ und zutiefst unsozialistisch“ wäre.

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