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GABRIELE ROSSBACH

Den
Wald
atmen

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Wichtiger Hinweis: Die in diesem Buch beschriebenen Methoden sollen ärztlichen Rat und medizinische Behandlung nicht ersetzen. Die in diesem Buch vorgestellten Informationen sind sorgfältig recherchiert und wurden nach bestem Wissen und Gewissen dargestellt. Dennoch übernehmen Autorin und Verlag keinerlei Haftung für Schäden irgendwelcher Art, die direkt oder indirekt aus der Anwendung oder Verwendung der Angaben in diesem Buch entstehen. Sämtliche Informationen in diesem Buch sind für Interessierte zur Weiterbildung gedacht.

1. Auflage 2020
© 2019 Windpferd Verlagsgesellschaft mbH, Aitrang
Alle Rechte vorbehalten
Layout: Marx Grafik & ArtWork
Fotos: Gabriele Rossbach und 123rf

eISBN 978-3-86410-252-3
www.windpferd.de

In Liebe für die Bäume, die ich kenne …

und für alle Bäume des Planeten

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Inhalt

Vorwort

Heimweh

Der Wald – unsere Heimat und unsere Quelle der Heilung

Was sagt die Wissenschaft dazu?

Wald versus Burn-Out

Waldluft – voller heilsamer Essenzen der Bäume

Terpene und ihre Wirkungen

Was ist Waldbaden?

Guter Tiefschlaf durch Waldbaden

Bäume sind kraftvolle Charaktere und liebevolle Wesen

Keltische Mythen zu den Bäumen und das Baumhoroskop

Gehmeditation – Vipassana

Atemmeditation im Wald – durch Pranayama pure Frische atmen

Meditationen für neue Lebensenergie

Meditation im Wald: Lauschen

Meditation im Wald: Kraftquelle Natur

Meditation im Wald: Sich von Bäumen berühren lassen

Meditation im Wald: Seinen Lieblingsbaum finden und sich mit ihm verbinden

Die heilende Kraft der Natur erleben

Wald-Yoga: Sich durch Asanas energetisch mit dem Wald verbinden

Yoga-Atmung

Hatha-Yoga an deinem Lieblingsbaum

Baum-Meditation: Verschmelzen mit dem Lieblingsbaum, sich erden und verwurzeln

Das Herz öffnen – liebevoll eins mit dem Wald werden

Herzatmung

Waldbaden am Bach

Einfach nur DA SEIN

Die tiefe Bauchatmung

Prana atmen am Waldbach

Seelentherapie:
Befreiendes Loslassen am Waldbach

Therapeutische Meditation am Bach: „Tiefes Loslassen“

Fließen lassen und friedlich SEIN

Meditation „Buddha am Fluss“

Audio-Dateien für die Leser zur Entspannung oder Meditation

Über die Autorin

Echte Naturverbundenheit

Nachwort: Haben Bäume Empfindungen?

Vorwort

Wir gehen mit diesem Buch zusammen auf eine schöne und inspirierende Reise ins tiefe Grün der Natur, wir werden Freundschaften mit Bäumen schließen, die heilsame Waldluft auftanken und inneren Frieden in Meditationen mit Bäumen finden. Wer mag, energetisiert sich mit einer wohltuenden Yoga-Asana-Sequenz an seinem Lieblingsplatz.

Bei dieser gemeinsamen Expedition, versehen mit scharfer Beobachtungsgabe und Achtsamkeit, sind wir ein Team, liebe Leserin, lieber Leser, genau wie in einer Hatha-Yoga-Gruppe. Daher wähle ich das Du als Anrede, genauso wie in den herzlich ausgerichteten Yoga-Gruppen.

Du findest hier viele Meditationen, Atemmethoden und Yoga-Asanas und kannst diese sehr einfach auffinden, denn die Praxis ist farblich abgesetzt.

Ich wünsche dir viel Spaß beim Waldbaden, tiefe Regeneration und neue Lebensfreude!

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Heimweh

Kennst du das auch? Irgendwie fehlt etwas. Aber was? Da ist so eine unbestimmte Sehnsucht, so eine Art Appetit.

Vielleicht hole ich mir den dritten Cappuccino. Esse etwas Leckeres. Checke zum zwanzigsten Mal WhatsApp, Instagram, Twitter. Kurz was antworten. Ein Selfie machen. Verschicken. Nachrichten hören. Habe ich Likes bekommen? Den Tag verplanen – wen treffe ich heute?

Und doch ist es das alles nicht wirklich, was diesen subtilen Hunger stillen kann. Hunger? Worauf bloß …?

Je mehr wir in den Tiefen des World Wide Web und der Social Media versinken, je mehr Reizüberflutung und Stress unseren Alltag füllen, desto mehr entsteht paradoxerweise dieses diffuse Gefühl von Leere, wie eine Art Heimweh. Kaum bewusst. Irgendein Mangel rumort in uns, nichts macht dauerhaft so richtig satt. Sehnsucht ist spürbar. Heimweh? Aber wonach?

Was wir alle zunehmend intuitiv erahnen, ist Heimweh nach unserem Ursprung, nach der Verbindung mit unserer wahren Heimat, der Natur. Für manche wird dieses Heimweh immer wieder spürbar als Fernweh. Fernweh zum Meer zum Beispiel. Denn das Meer lockt uns, weil es unser allerursprünglichstes Zuhause darstellt. Aus dem Meer ist alles Leben hervorgegangen.

Manche von uns fühlen wiederum eher die Sehnsucht nach den Bergen und wandern in luftige Höhen, hoch über die Baumgrenze hinaus, um der Stille und dem Frieden des Himmels nahe zu sein. Auch das ist unsere Heimat, das Luftelement, unsere wichtigste Nahrungsquelle. Schließlich können wir wochenlang ohne feste Nahrung überleben und tagelang ohne Flüssigkeit. Aber ohne Luft? Nur wenige Minuten. Auf den Berggipfeln sind wir eins mit der Klarheit und puren Frische der Luft, eins mit dem Himmel.

Doch die direkteste Heimat des Menschen, unser Zuhause, ist eigentlich der Wald.

Das Grün der Natur hat uns Menschen mit Leben und Nahrung versorgt. Gerade in Europa ist der Wald unser unmittelbarstes Zuhause, denn dieser Kontinent war seit Jahrmillionen mit Wald bedeckt. Wälder und Bäume haben uns seit Urzeiten Schutz geboten, Nahrung und Wärme durch brennende Holzfeuer geliefert. Saftiges Grün, würzige Waldluft, Sauerstoff und Frische – das alles bietet uns der Wald. Wald kann noch viel mehr für uns sein: Heimat und Heilung für die naturentfremdete, reizüberflutete Seele.

Tausendmal bin ich früher im Wald unterwegs gewesen, ging dort spazieren, joggte, plauderte mit anderen oder achtete auf den Hund. Doch ich war in meinen Gedanken, in meiner Welt, in meiner Blase. Tatsächlich war ich damals kein einziges Mal wirklich im Wald. Natürlich hat so ein Waldspaziergang gutgetan, aber ich hätte genauso auch durch eine hübsche Kulisse mit Sauerstoffzufuhr laufen können.

Der echte Kontakt mit dem Wald ist etwas anderes. Im Wald mit Körper und Seele zu „baden“ verschmelzt uns mit der Naturkraft und stillt unsere Sehnsucht, den subtilen Hunger und unser Heimweh. Das geschieht auf eine ungeahnt schöne und vertraute Weise. Die innige Verbindung mit der Natur heilt, schenkt uns Kraft, Frische und Gesundheit.

Dieses Buch ist eine Einladung an dich zu einer heilsamen, meditativen Beziehung, und wenn du magst, zu einer echten und wechselseitigen Liebesbeziehung. Denn wenn wir still sind, uns sensibilisieren und einfühlsam werden, tut sich eine neue Welt für uns auf. Lass uns gemeinsam in die Atmosphäre des Waldes eintauchen und mit unserem ganzen Wesen darin baden. Knüpfen wir Beziehungen zu Bäumen und schenken wir dem Wald etwas zurück für seine Wohltaten. Verbinden wir uns genussvoll und bewusst mit unserer uralten Heimat, das tut uns so gut!

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Der Wald – unsere Heimat und unsere Quelle der Heilung

Mit den Waldmeditationen, dem Wald-Yoga und dem Wald-Pranayama verbinden wir all diese heilsamen körperlichen Wirkungen mit dem psychischen Wohlbefinden und gehen noch einen Schritt weiter. Auch hier sind uns die Japaner um eine Nasenlänge voraus. An den Universitäten dort gibt es den Zweig der Umweltwissenschaften, dort wird Shinrin-Yoku, das Waldbaden, weiterentwickelt zum Shinrin-Ryohou, der Waldtherapie. Über die körperliche Gesundheit hinausgehend wird auch die Seele therapiert.

Das geschieht, wenn wir uns bewusst und in Ruhe mit unseren Wurzeln verbinden, mit unserer ursprünglichen Herkunft. Meditativ erfahren wir eine bewusste und schöne Verbundenheit mit jeder Pflanze, mit dem duftenden Waldboden, mit jedem Kraut, jedem Baum des Waldes; mit dem klaren Bach, den Vögeln, den Eichhörnchen und mit der Erde, die uns trägt. Wenn wir still und meditativ im Wald sind, erkennen wir uns als Teil der Natur wieder, was uns tiefen inneren Frieden und Zufriedenheit schenkt. Es ist wie eine Heimkehr an den Ort, nach dem wir schon lange unbewusstes Heimweh hatten.

Dabei gehen wir natürlich nicht in einer Konsumhaltung in den Wald, nur um davon zu profitieren und den Wald für uns zu benutzen.

Wir Menschen plündern die Ressourcen der Erde schon genug. Echtes Waldbaden und Wald-Yoga basieren jedoch auf einer Beziehung, die wechselseitig ist. Der Wald kann uns guttun, aber auch wir können dem Wald guttun. In einer echten und liebevollen Beziehung mit dem Wald und den Bäumen finden wir wahre Geborgenheit und schenken auch der Natur, wenn wir mit Achtung und Bewunderung unterwegs sind, etwas zurück für die heilsamen Wirkungen. Dann ist es wie ein freudiges Nachhausekommen in die Natur, die uns liebevoll empfängt.

Wir vermögen in stillem und verbundenem Sein im Wald unser innerstes Wesen, unser wahres Selbst wieder zu erkennen. Das ist unser magisches Erbe und die Bäume können unsere Weggefährten und sogar unsere Führer dahin sein.

Anfangs fällt es uns vielleicht gar nicht so leicht, die innere Ruhe und Stille zu finden, um uns der Verbundenheit wieder bewusst zu werden und das Eingebettetsein in die Kreisläufe des Lebens zu spüren.

Aber auch wenn wir uns manchmal als getrennt von der Welt empfinden, so sind wir das tatsächlich niemals, in keiner Sekunde unseres Daseins. Unsere Verbindung mit allem Lebendigen auf der Erde ist unauflösbar, wir Menschen gehören genauso zur Welt wie ein Baum, ein See, ein Berg, ein Wolf, ein Reh oder eine Wolke, die über hohe Berggipfel dahinsegelt. Unsere Augen sind die Antwort auf das Sonnenlicht und unser Atem ist die Antwort auf den Himmel. Der Puls des Herzens belebt uns alle und die Natur mit ihren Wäldern, Bergen, dem Meer, den Seen und Flüssen, den weiten Wiesen ist unser ursprünglicher Lebensraum, der uns nährt.

Bis auf die letzten 150 Jahre unserer Menschheitsgeschichte haben wir in direktem Kontakt mit der Natur gelebt. Ursprünglich sammelten wir Pflanzennahrung, nutzten Pflanzen zur Heilung, wir folgten den Tierherden, um zu jagen und Fleisch zu essen und uns in wärmende Felle zu hüllen. Wir fällten Bäumen, bauten daraus Hütten und wärmten uns an den Feuern. Kälte, Wärme und Wind beeinflussten unsere Verhaltensweisen. Sonne, Erde und Regen ließen uns säen und ernten. Die regelmäßigen Rhythmen der Jahreszeiten bestimmten seit jeher unsere Ernte und Nahrung.

Alles Leben zirkuliert in großen Zyklen, so wie es immer sein wird, solange es Leben gibt.

Wenn wir dieses großartige Biotop Erde verändern und in diese ausgewogenen Rhythmen und Zyklen eingreifen, sind wir nach kurzer Zeit selbst von den Folgen betroffen. Ohne Bienen, ohne Insekten, ohne Vögel gibt es schließlich weder für den Menschen noch für die Tiere genug Nahrung mehr. Dann bleibt noch das Meer als Nahrungsquelle, doch Überfischung oder zu viele Schadstoffe im Meerwasser sabotieren dann auch diese Nahrungsmöglichkeit. Vom Menschen gemachter Klimawandel ist ein weiteres Stichwort, das uns ständig in den Ohren klingt.

Erst wenn der Mensch seine Verwurzelung mit all den lebensspendenden Quellen der Erde wieder spürt, wenn er bewusst in die Welt seiner Herkunft eintaucht, vermag er der Schönheit und Heiligkeit des Lebens wieder Respekt zu schenken. Erinnern wir uns daran, wie unsere Vorfahren, die alten Naturvölker und weise Indianerstämme der Natur und den Zyklen des Werdens und Vergehens Rituale der Dankbarkeit und der Achtung widmeten.

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Was sagt die Wissenschaft dazu?

Machen wir zuerst einen kleinen Exkurs in die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse dazu. Seit kurzem wissen wir, dass die Bäume sich nachweislich miteinander austauschen – und sogar mit uns kommunizieren!

Während die Bäume untereinander vor allem über Stoffe, die im Boden von Pilzen weitergeleitet werden, im Austausch sind, was wir uns ähnlich wie bei einem Internetsystem vorstellen können, interagieren sie zusätzlich miteinander und auch mit uns durch Duftstoffe, die sie aussenden: die Terpene. Davon gibt es mehrere tausend unterschiedliche, vor allem in Nadelwäldern. Die Dosis ist dabei so fein, dass wir sie kaum bewusst riechen können, doch die Mediziner haben nachgewiesen, dass diese Duftstoffe der Bäume unser Immunsystem und die Neurotransmitter im menschlichen Körper stimulieren.

Über die Botenstoffe im Boden und auch über die Terpene in der Luft teilen die Bäume einander ihre Erfahrungen mit und warnen beispielsweise vor Gefahren, vor Angreifern oder Schädlingen. Daraufhin fahren die Bäume und Pflanzen bei Bedrohungen ihr Immunsystem hoch, um sich zu schützen. Inzwischen sind schon rund 40.000 dieser „Pflanzenvokabeln“ dechiffriert worden. Auch wir Menschen empfangen diese Signale unbewusst, wenn wir durch den Wald gehen, und unser Immunsystem reagiert darauf, indem es aktiv wird. Das haben Forscher der Nippon Medical School in Tokio herausgefunden. Aus Japan stammen überhaupt seit den frühen 1980er-Jahren die ersten Erkenntnisse zum „Waldbaden“, typischerweise aus dem Land des Zen. Dort heißt das Waldbaden Shinrin-Yoku.

Die heilsame Wirkung des Waldbadens ist in Japan inzwischen wissenschaftlich gründlich erforscht, seit 2012 existiert dort ein universitärer Forschungszweig namens Forest Medicine – „Waldmedizin“. Dabei handelt es sich um Studien und Dokumentationen zur realen Heilkraft des Waldes. Mediziner haben herausgefunden, dass vor allem typische Zivilisationskrankheiten wie hoher Blutdruck, Diabetes und Stresssymptome wie Nervosität, Reizbarkeit oder Schlafstörungen durch ausgiebiges Waldbaden gelindert und sogar geheilt werden können. Der Biometeorologe Professor Kamiyama hatte sogar bereits 1980 als einer der ersten die gesundheitlichen Wirkungen des Waldbadens untersucht und dokumentiert. Dabei fiel den Forschern zunächst auf, dass die Herzfrequenz und die Blutdruckwerte nach kurzer Zeit im Wald deutlich nachweisbar absinken. Auch wird Cholesterin verstärkt abgebaut.

Neugierig überprüften weitere Forscher die Wirkung der Terpene. Bekanntlich gelangen Terpene vor allem über die Lunge in unser Blutkreislaufsystem und erreichen darüber unsere Zellen und Organe. Also ließen sie die Hälfte ihrer Versuchsgruppe einfach in einem Zimmer schlafen, dessen Luft mit einem versteckten Duftzerstäuber versehen war. Dieser reicherte die Atemluft über Nacht mit Terpenen an. Die andere Hälfte der Probanden schlief mit gewöhnlicher Luft. Die anschließend erfolgten Bluttests zeigten ein verblüffendes Ergebnis: Terpene haben eine faszinierende Auswirkung auf unser Immunsystem! Die Teilnehmer, die nachts Terpene einatmeten, hatten eine deutliche Steigerung in der Aktivität und Anzahl der natürlichen Killerzellen. Ebenfalls erhöht war der Gehalt bestimmter Proteine, die Killerzellen benötigen, um potenzielle Tumorzellen unschädlich zu machen.