Antje Bargmann

Ein Jahr im Tessin

Logo

Originalausgabe

©Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2017

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Umschlaggestaltung:

Designbüro Gestaltungssaal

Umschlagmotiv: ©senorcampesino – iStock

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN (E-Book) 978-3-451-81203-3

ISBN (Buch) 978-3-451-06904-8

Inhalt

Mai

Juni

Juli

August

September

Oktober

November

Dezember

Januar

Februar

März

April

Mai

MIT DEN DEUTSCHEN MÄNNERN BIN ICH FERTIG.“

Mir ist ein Kopfhörer herausgerutscht, sodass ich plötzlich höre, was auf dem Vierersitz hinter mir gesprochen wird. „Denen fehlt jeder Sinn für Romantik und Leidenschaft.“ Eine zweite Frauenstimme drückt mit einem zurückhaltenden „Hmm“ ihre Zustimmung aus. Ich stecke meinen Kopfhörer wieder ins Ohr, weil mich das Ehepaar auf den Plätzen gegenüber beobachtet. Dabei stelle ich unauffällig die Musik leise. „Die Sprache der Liebe kann für mich nur noch Französisch oder Italienisch sein. Das ist wie Musik!“ Sie seufzt laut. Wieder kommt ein leises „Hmm“ als Antwort. „Willst du ein Stück Banane? Ist aber etwas matschig!“ „Nein, danke!“ Ich drehe mich unauffällig nach hinten um und schaue über die Sitzlehne. Eine Frau meines Alters im selbstgebatikten Kleid mit rot gefärbten Haaren schält eine überreife Banane. Sie hat ihren Platz in dieselbe Fahrtrichtung wie ich. Ihre Gesprächspartnerin mit asymmetrischer Kurzhaarfrisur sitzt ihr gegenüber. Ich kann sie nicht von vorne sehen, dafür fällt mein Blick auf das Buch in ihrer Hand. Auf dem rosa Einband küssen sich zwei Menschen am Strand. „So einen Italiener an meiner Seite kann ich mir richtig gut vorstellen“, seufzt die Rothaarige weiter. „Wir müssen unbedingt die Augen offenhalten.“ Ihre Freundin nickt. Dann sagt sie leise: „Aber wir sind ja eigentlich im Tessin. Ein Schweizer wäre doch auch nett, oder?“ Die andere kichert so schrill, dass der italienische Geschäftsmann am Laptop auf dem Nachbarsitz erschrocken hochschaut. „Wenn er aus dem Tessin kommt, okay. Das ist ja wie Italien! Oh, sag mal, müssen wir nicht raus? Das ist doch jetzt Bellinzona.“ Ich reiße erschrocken meine Kopfhörer herunter und stopfe sie in meine Tasche. Tatsächlich, der Blick auf die Uhr sagt, dass wir in wenigen Minuten in Bellinzona ankommen werden, als erster Halt auf der Alpensüdseite nach dem Gotthardtunnel. Auch ich muss umsteigen. Ich blicke raus. Von einer Stadt ist dort aber nichts zu sehen. Müssten wir nicht längst durch urbane Siedlungen kurven? Und wo sind die Palmen und Zitronenbäumchen, die mir der Reiseführer für mein neues Domizil am Lago Maggiore verspricht?

Stattdessen Alpenidylle wie im Heimatfilm: putzige Steinhäuschen, Esel, Kühe und Schweine, die glücklich durch einen Wald toben. An der Zugstrecke liegen kleine Dörfchen mit historischen Häuserfassaden, dazwischen alte Villen mit der leicht verwitterten Aufschrift „Albergo“. Eine Bilderbuchszenerie, eingefasst in einen Rahmen aus imposanten Felswänden. Darauf bin ich jedoch nicht eingestellt. Ich erwartete weniger Gebirge, dafür mehr Urbanität und mondäne Italianità. So habe ich meine Koffer gepackt. Und so habe ich es auch blass in Erinnerung. Denn es ist nicht mein erster Besuch am Lago Maggiore. Ich war schon einmal im Tessin, mit fünf Jahren. Lange Zeit habe ich mich danach gefragt, wo dieser karibische Ort mit den in der Sonne wedelnden Palmen, dem glitzernden See und den italienisch sprechenden Menschen bloß war. Denn Italien war es nicht, da war ich mir sicher.

Mehrere große Burgen tauchen nach einer Kurve unvermittelt auf. Der Zug fährt in den Bahnhof ein. Ich greife nach meinem Überseekoffer, der Reisetasche und dem Trekkingrucksack und wuchte alles zur Tür. Auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig steht schon der Regionalzug nach Locarno, die beiden Frauen vom Nachbarsitz springen gerade hinein. An der Endstation werde ich von einer mir unbekannten Person abgeholt. Dann fahren wir mit dem Auto weiter nach Italien. Denn dort will ich hin. Das ist mein erklärtes Sehnsuchtsziel.

Deutschland, drei Wochen vorher. „Ein Hotel? Und dort suchen sie eine Aushilfe?“ „Richtig!“ „Hast du nicht eben noch gesagt, eine Eisdiele?“ – „Ach so, ja, kann auch sein. So genau weiß ich das nicht. Aber ist doch egal. Hauptsache Italien! Da wolltest du doch hin, oder?“ Das stimmt. Also frage ich wieder ins Telefon: „Und was soll ich da machen?“ „Na ja, aushelfen eben. Sie suchen auf jeden Fall jemanden aus Deutschland. Sonst hätten sie ja nicht die Jobanzeige bei uns aufgegeben.“

Hm. Also für mich klingt das schon mal ganz überzeugend. Es geht um „Italien“, ein Land voller Verheißungen, schöner Menschen, großartigem Essen und immer strahlender Sonne, was kann man da falsch machen. Zumal ich, gerade als mich der Anruf meiner Ex-Kommilitonin in meiner Einzimmerwohnung erreicht, in einem Prospekt mit dem Titel „Arbeiten im Ausland“ blättere. Als ich unter der Kategorie „Animateur im Hotel“ den Hinweis entdecke, dass der erste Monat unbezahlt ist, starre ich nachdenklich hinaus in den Regen und auf die gegenüberliegende Häuserfront. Kann mein Plan, nach dem Uniabschluss mit einem Saisonjob im Ausland Geld für Praktika zu verdienen, aufgehen, wenn gar kein Gehalt gezahlt wird? „Wie kommst du eigentlich auf mich?“, will ich noch wissen. „Na ja, ich habe doch hier den Job bei der Arbeitsvermittlung. Da erhielten wir die Anfrage aus Italien. Und mir fiel ein, dass du mal gesagt hast, da würdest du gerne hin.“ „Vielen Dank, ich denke drüber nach und melde mich wieder“, sage ich.

Keine Stunde vergeht, und das Telefon klingelt erneut. Bei einer Verbindung, die rauscht, als käme sie direkt vom Mond, höre ich eine Frauenstimme in den Hörer rufen: „Pronto? Ciao? Bin ich da richtig?“ Vor Überraschung bleibt mir die Stimme weg. „Pronto? Pronto?“ Das Rauschen sticht in mein Ohr, sodass ich den Hörer auf Abstand halten muss. „Hallo, ja, ich höre Sie. Hallo!“, sage ich endlich. „Ciao, ich bin Christa. Aus Cannero Riviera im Piemont. Ich habe gehört, du möchtest bei uns in der Trattoria arbeiten?“ „Ja, also entschieden habe ich das noch nicht. Ich wollte darüber nachdenken.“ „Das wäre toll. Wir brauchen ganz dringend Verstärkung für die Hochsaison. Hast du ein bisschen Gastronomieerfahrung?“ „Zählt da Eisdiele und Mittagsservice im Altersheim dazu?“ „Ja sicher, super. Wir suchen jemanden für sofort. Kannst du?“ Auf gar keinen Fall, denke ich. Ich muss erst meine Wohnung auflösen, meine diversen Hilfsjobs fristgerecht kündigen und eine Abschiedsparty veranstalten. „Unser kleines Lokal liegt direkt am Lago Maggiore, mein Mann ist Italiener und ich bin Deutsche. Wir bezahlen dir einen Sprachkurs.“ „Tja, das klingt ja alles sehr interessant, aber ich muss mir erst einmal überlegen, ob…“ „Vor deinem Personalzimmer stehen Palmen und du kannst jeden Tag im See schwimmen!“ „Gut, ich bin dabei!“ Ich lege auf. Das ist ja ein Ding. Noch am Morgen habe ich meinen Eltern, die mit einem Lehrerkollegenpaar in meiner Stadt die Schulbuchmesse besuchten, erklärt, dass ich noch nicht genau wüsste, was ich jetzt mache. Und nun das. Was wird das für eine Überraschung am Abend geben.

„Nein! Das verbiete ich.“ Mit dieser Reaktion habe ich nicht gerechnet. „Mama, ich bin erwachsen. Du kannst mir doch nichts verbieten.“ „Doch! Wir haben dir dein Studium nicht finanziert, damit du jetzt Kellnerin wirst und in einem dubiosen Lokal in Italien verschwindest. Du willst doch zur Zeitung. Oder zum Fernsehen.“ Ach, plötzlich ist Zeitung okay. Und jetzt auch noch Fernsehen. Es ist immerhin das erste Mal, dass mir bei einer solchen Debatte nicht vorgeschlagen wird, doch noch Lehrerin zu werden. „Ja, aber um einen Job bei einer Zeitung zu bekommen, muss ich noch weitere Praktika machen. Die kann ich nur finanzieren, wenn ich vorher jobbe. Außerdem möchte ich zu einer deutschsprachigen Zeitung im Ausland und dafür muss ich noch meine Sprachkenntnisse verbessern.“

Meine Mutter ist noch nicht fertig: „Es ist viel zu gefährlich, du weißt doch gar nicht, wo du da landest!“ „Ihr kennt den Lago Maggiore doch. Wir haben da Urlaub gemacht.“ „Das war im Tessin, in der Schweiz. Du bist in Italien, das ist etwas ganz anderes!“ Gut, ich gebe auf. Zumindest die Überzeugungsarbeit. Und sage am nächsten Tag im Ristorante Gatto Rosso in Cannero Riviera verbindlich zu.

Am Bahnhof Locarno, Schweiz. „Ich stehe im Halteverbot, glaube ich“, sagt die dunkelgelockte Frau, die mich an der Endstation des Zuges gut gelaunt begrüßt. „Ich sollte lieber schnell wieder zum Auto zurück.“ Christa nimmt mir eine Tasche ab und läuft los. Mein Hals ist wie zugeschnürt. An Christa liegt es nicht. Sie hat sehr fröhlich gewunken, als ich ausstieg. Offenbar war es ein Leichtes für sie gewesen, mich unter den ganzen Schülern, Senioren und übrigen Mitfahrern heraus zu erkennen. Keiner blickte so misstrauisch aus dem Waggon heraus wie ich. Die letzten zehn Minuten ging die Fahrt tatsächlich an einer mit Palmen gesäumten Seepromenade entlang. Mit Abendsonne. Doch vor Aufregung konnte ich die Aussicht nicht genießen.

Ich laufe mit Christa zum Auto. Das steht nicht nur im Halteverbot, sondern leicht schief auf einem gelb gekennzeichneten Stellplatz mit der Aufschrift „Polizia“. „So, jetzt geht’s hoffentlich schnell mit der Rückfahrt. Ich muss noch den Babysitter abfangen.“

Eine halbe Stunde später schleppe ich mein Gepäck eine steile Gartentreppe nach oben. Christas Auto steht unterhalb vom Haus direkt an der Uferstraße, die wir in unendlichen Kurven, immer am See entlang, über die Landesgrenze bis nach Cannero Riviera gefahren sind. Als ich aussteige, rauscht gerade ein Bus vorbei, der beinah die Fahrzeugtür mitnimmt. Mein Zimmer liegt im ersten Stock. Quietschend öffnet Christa dort die abgeblätterten Fensterläden – und ich blicke über Palmen, den See und auf das mir zu Füßen liegende Dorf. Filmkulisse, kommt mir in den Sinn. Als ob Walt Disney ein typisches italienisches Dörfchen entworfen hätte. Kleine, ineinander verschachtelte Häuschen liegen vor mir auf einer kleinen Halbinsel, die in den See hinausragt. Das Zentrum bildet der Turm einer Kirche, deren Glocken genau in dem Moment zu schlagen beginnen. Die untergehende Sonne strahlt die gegenüberliegenden Berge an.

Es rumst und kracht auf dem Flur. Erschrocken drehe ich mich zur Tür. „Oh, Domenico geht weg“, sagt Christa. „Wahrscheinlich hat er ein Date“, ergänzt sie und kichert. Ich gucke sie verwundert an. „Warte ab!“ Ich schaue erneut zum Zimmereingang. Ein Schlurfen ist zu vernehmen, das vor meiner Zimmertür abrupt endet. Für einen Moment passiert nichts. „Ciao Mino“, ruft Christa dann. Ein Kopf schiebt sich in das Zimmer. Zwei Augen hinter dicken Brillengläsern scannen erst mich, dann mein Gepäck, dann wieder mich. „Eh, ciao“, grüßt Domenico. Und sagt etwas zu mir, das ich nicht verstehe. Inzwischen steht er mitten im Raum und lächelt schief, eine unvollständige Zahnreihe blitzt mir aus einem schlecht rasierten Gesicht entgegen. Ich gucke fragend Christa an. „Mino ist unser Lavapiatti, der Tellerwäscher“, erklärt sie. „Heute ist sein freier Tag.“ Und an ihn gewandt: „Fai un giro?“ „Eh, si!“ „Bene!“ Dann deutet sie auf mich: „È la nostra nuova cameriera!“ Das habe ich verstanden: Christa stellt mich als neue Kellnerin vor. Ich nicke und gebe mir Mühe, dabei ein fröhlich motiviertes Gesicht zu machen. Mino sagt wieder etwas, was ich nicht verstehe. Schließlich löst er sich, wenn auch sichtlich widerwillig, von der Szenerie und schlurft langsam aus dem Zimmer. Ich höre ihn die Treppe hinunterstampfen. „Verstanden habe ich irgendwie kaum etwas“, sage ich zu Christa. „Er hat mich wohl begrüßt, oder?“ „Er hat gesagt, dass im linken Küchenschrank seine Sachen drin stehen und du da nicht ran gehen sollst.“

Nach einer kurzen Hausbesichtigung verabschiedet sich Christa mit den Worten: „Ich muss den Babysitter ablösen. Der kann nur bis 18 Uhr bleiben.“ Ich blicke auf die Uhr, es ist 19.05 Uhr. Von der Gartentreppe ruft sie mir noch zu. „Du, um 20 Uhr gehen wir etwas essen unten am See. Komm doch mit. Der Koch ist auch dabei, dann lernst du ihn gleich kennen.“

Gegen Mitternacht falle ich todmüde in mein schon etwas durchgelegenes Bett. Einmal stehe ich noch auf und überprüfe die Türverriegelung in Form eines Gehstocks unter der Türklinke, dann lasse ich kurz den Abend Revue passieren. Drei Stunden lang habe ich mit Christa, ihrem Mann Marco, zwei gelangweilten Schulkindern, einem quengeligen Baby, diversen Freunden der Familie, dem Koch und dem Barkeeper am Tisch im Lokal gesessen und versucht, im Stimmengewirr Wortfetzen zu verstehen. Als musikalische Untermalung lief erst ein ganzes Album von Eros Ramazotti, von dem ich dachte, dass ihn in Italien keiner hört. Anschließend wurde eine Art Folklore-Pop im regionalen Dialekt aufgelegt, bei dem alle mitsangen. Die Anwesenden haben mich eigentlich ganz freundlich aufgenommen, soweit sie mich überhaupt beachteten. Der ebenfalls neu angestellte Barista, Barkeeper, aus Spanien, knuffte mir zur Begrüßung in die Seite, der Koch lächelte mich während des Essens milde an. Zu Christa gewandt, meine Sprachbarriere höflich berücksichtigend, fragte er dann: „Wie lange bleibt denn deine Freundin aus Deutschland zu Besuch? „Ma no, è la nuova cameriera!“ Stille am Tisch. Alle Köpfe drehten sich zu mir um. Koch und Barkeeper warfen sich einen kurzen Blick zu. Das milde Lächeln aus dem Gesicht des Kochs verschwand und seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Was immer das zu bedeuten hat. Ich muss jetzt erst einmal schlafen.

„Määärtsche?“, klingt es scharf durch das heruntergelassene Autofenster. Ein Augenpaar blickt uns misstrauisch an. „Hä?“ Ich schaue auf Piedro, in der Hoffnung, dass der damit etwas anzufangen weiß. „Merce?“ antwortet dieser dem Zollbeamten. „No, nulla da dichiarare.“ Ach so, es geht darum, ob wir Ware zu verzollen haben. Logisch. Der Schweizer Uniformierte scheint aber nicht zufrieden zu sein. „Passaporti, per favore!“ Wir reichen ihm unsere Pässe. „Arbeiten Sie in der Schweiz?“, hakt der Zöllner auf Italienisch weiter nach. Wieder der misstrauische Blick. „No, no“, schüttelt Piedro den Kopf. Er reißt mir die abgegriffenen Bücher aus der Hand, die mir Christa gestern nach dem Essen noch in die Hand gedrückt hat. Mit Grammatica. Italiano I vor dem Fenster herumfuchtelnd erklärt er: „Wir fahren zur Sprachschule nach Locarno. Sie lernt Deutsch und ich Italienisch.“ Der Zollbeamte schaut uns prüfend an und deutet dann auf mich. „Sie stammt aus Deutschland und kann gar kein Deutsch? Was spricht sie dann?“„Ach, nee, anders herum“, sagt Piedro. „Sie macht einen Italienischkurs. Ich brauche Deutsch für meinen Job als Barista im Restaurant … also in Italien“, ergänzt er hastig.“ Der Zollbeamte durchbohrt uns immer noch mit seinem Blick. Doch er gibt uns die Pässe zurück. „Zum Deutschlernen ist Locarno der falsche Ort“, schiebt er hinterher. Piedro nickt dem Mann zu und gibt Gas. Der in die Jahre gekommene Fiat 500 des Restaurants setzt sich lärmend und mit Rauchwolke in Bewegung. Im Gefolge zahlreicher anderer italienischer Fahrzeuge, die offenbar auch alle ins Tessin wollen, kurven wir Locarno entgegen. Der Lago Maggiore glitzert in der Sonne.

Der Italienischkurs war Christas Idee. Das ist offenbar üblich bei auswärtigem Personal. Der Deal: Sie bezahlt den Kurs, gibt mir das Geld dafür aber erst am Ende der Saison. Damit soll offenbar verhindert werden, dass ich nach dem Italienischkurs in einer Nacht- und Nebelaktion wieder aus dem Land verschwinde. Jetzt muss ich zwar noch eine Finanzquelle ausfindig machen, um die happige Kursgebühr in Schweizer Franken vorzustrecken. Doch nach meinen ersten zwölf Stunden am Lago Maggiore halte ich einen „Auffrischungskurs“ Italienisch für durchaus sinnvoll.

Der Vormittag in Locarno vergeht schnell. In der Pause laufe ich mit mehreren Sprachschülern zur Piazza Grande in der Ortsmitte, um Cappuccino zu trinken und ein Brioche zu essen. Der große Platz mit der Altstadtfassade und den Arkaden gefällt mir spontan sehr gut. Die Sonne brennt für Mai überraschend stark auf die zahlreichen Cafés und Restaurants herunter, sodass wir einen Tisch unter einem Sonnenschirm auswählen. Entspannt lehne ich mich in dem Plastikstuhl des Cafés zurück. Mit meinem milchgeschäumten Kaffee fühle ich mich schon richtig wie eine Italienerin. Nur schade, keine Sahne drauf, wie bei meinem Lieblingsitaliener in Deutschland. „Heute Abend ist also dein erster Arbeitseinsatz im Restaurant?“, holt mich Urs, ein Schweizer aus Bern, in die Realität zurück. Ich seufze. „Ja, nachher geht’s los. Aber es wird ein sanfter Einstieg. Meine Chefin meint, wir müssen noch auf meine Arbeitsgenehmigung warten und ich soll daher nur zum Eingewöhnen ein, zwei Stunden im Service mithelfen.“ „Gut. Wenn du nach der Schule mal Zeit hast, kann ich dir die Altstadt von Locarno zeigen“, meint Urs weiter. „Und du solltest dir unbedingt das Valle Verzasca und das Valle Maggia anschauen. Die Flüsse und ihre Täler sind für mich das Schönste im Tessin.“ Er dreht sich zu seinem Tischnachbarn: „Oder was meinst du, Daniel?“ Daniel, der den Parallelkurs besucht und ein Freund von Urs zu sein scheint, dreht sich gerade eine Zigarette. „Diese Täler sind so überlaufen, finde ich. Ich fahre lieber ins obere Muggiotal.“ „Wo ist das denn?“ „Bei Chiasso.“ Urs wendet sich wieder an mich. „Wenn du einfach nur mal die Aussicht über den Lago Maggiore genießen willst, dann solltest du auf Cardada über Locarno fahren. Im Winter gibt es dort sogar Skipisten.“ „Echt, hier kann man Skifahren?“ frage ich beeindruckt. „Das habe ich noch nie gemacht. Als Kind war das immer mein Traum.“ „Das kann man auch als Erwachsener noch lernen“, sagt Urs. „Ich habe schon als Skilehrer gearbeitet! Wenn du willst, machen wir mal eine Lektion.“ Ich lache. „Das Angebot klingt verlockend. Danke. Aber im Winter bin ich nicht mehr hier!“

Als ich nach dem Unterricht vor die Schule trete, steht dort schon Piedro mit dem roten Kleinwagen. Keine Chance mehr, in Locarno noch Zeit zu schinden. Der Spanier tritt hochmotiviert aufs Pedal: „So und jetzt machen wir mal ordentlich Tempo. Wir puschen das Adrenalin für heute Abend!“ Der Fiat heizt die Kurven zurück in Richtung Italien, so langsam ist mir der Weg vertraut. An der Grenze steht wieder unser uniformierter Freund von heute Morgen. Er blickt noch einmal streng herüber, wendet seine Aufmerksamkeit aber dann den Autos der Gegenrichtung zu. Anders die italienischen Zöllner drei Meter weiter. „Merda, was ist da denn los?“, murmelt mein Kollege. Er trommelt angestrengt auf dem Lenkrad herum. Ein Auto wird gerade an der Straßenseite von den Zollbeamten komplett auseinandergelegt. Hunde durchschnüffeln den Innenraum, der Kofferraum wird mit Taschenlampen ausgeleuchtet. „Tja“, sage ich. „Wenn die gedacht haben, Drogen mit rüber zu nehmen, dann haben sie jetzt ein Problem.“ Der vorher noch so aufgekratzte Piedro sagt nichts. Langsam fahren wir am Zollhäuschen vorbei. Einer der italienischen Zollbeamten winkt uns durch. Er ist wie seine Kollegen viel zu sehr mit dem anderen Fahrzeug beschäftigt. Piedro winkt zurück. „Ein Glück“, sagt er dann, während er die Umdrehungszahlen des Motors hochjagt. „Ich dachte schon, sie schauen in den Kofferraum. Mit den ganzen Benzinkanistern hätten wir jetzt sicher Ärger bekommen. „Welche Benzinkanister?“, frage ich irritiert. „Die ich unserem Chef Marco für seine Boote mitbringen soll. Habe ich vorhin alle in der Pause abgefüllt. Benzin ist in der Schweiz doch viel billiger.“

18 Uhr. Weiße Bluse, schwarze Hose und schwarze Schürze: Ich habe meinen ersten Auftritt in der Küche vom Gatto Rosso. Mir gegenüber auf der anderen Seite vom Edelstahl-Küchentresen steht mit verschränkten Armen Chefkoch Fabio und blickt mich durchdringend an. Um ihn herum hat sich neugierig seine Crew geschart. Ich erkenne Mino, den Tellerwäscher. Er grinst wieder so verschlagen wie bei unserer ersten Begegnung im Personalhaus. Hilfesuchend schaue ich mich nach Christa um. Sie wollte mich dem Küchenteam vorstellen und für den Anfang bei der Verständigung helfen. Weit und breit ist jedoch nichts von meiner Chefin zu sehen.

„Da ist Salat“, blafft Fabio plötzlich. Hochkonzentriert versuche ich seinem Italienisch zu folgen. „Nimm dir einen Teller. Ich lege dir ein Schnitzel drauf. Für das Personal ist dort im Nebenraum der Tisch gedeckt.“ „Äh, sono vegetariana, ich bin Vegetarierin …“ Fabio erstarrt. Ich sehe, wie die gesamte Küchencrew die Luft anhält und ihren Chef beobachtet. Der stützt sich auf seinen glänzenden Stahltresen und lehnt sich zu mir vor. „Du bist … was?“ „Ähem, vegetariana. Ich esse kein Fleisch.“ Fabio schaut mich sprachlos an. Er sieht aus, als ob er nur mühsam seine Beherrschung im Griff hätte. „Ich … ich kann Salat essen“, beeile ich mich zu erklären. „Mit Brot!“ Gerade sehe ich, wie eine der Küchenhilfen im Hintergrund Brotstangen aus dem Ofen holt. Fabio schüttelt genervt den Kopf und dreht sich dann seinem brodelnden Topf auf dem Herd zu. „Vegetarisch“, höre ich ihn leise schimpfen. „Was ist das denn für ein Quatsch?“ Ich greife angespannt zum Salatbesteck. Ein junger Mann, der zuvor neben Fabio stand und ebenfalls einen Kochkittel trägt, kommt näher. „Vuoi pasta pomodoro?“ Pasta mit Tomatensoße? Ja, gerne. Drei Minuten später habe ich einen Teller mit dampfenden Nudeln vor mir stehen. Fabio wirft einen vernichtenden Blick drauf, während er sich selbst an den Tisch hockt. Dann verliert er das Interesse an mir, wendet sich den übrigen Mitarbeitern zu und setzt zu einem längeren Monolog an, dem alle unwidersprochen folgen. Inhaltlich komme ich nicht mit. Ein junger Mann, der als Küchenhilfe arbeitet, lächelt mir freundlich zu. „Mi chiamo Igor“, sagt er leise, ohne Fabio in seinem Redefluss zu stören. „Aus Mazedonien. Ich wohne auch oben im Haus.“ Er macht einen sympathischen Eindruck. Ich bin froh, dass ich meine Unterkunft nicht nur mit Mino teile.

„Via“, tönt es wenig später aus der Küche. Giulia, eine junge Italienerin, die mit mir im Service arbeitet, stupst mich im Vorbeirennen an. „Fabio ruft!“, sagt sie. „Bei ‚Via‘ steht warmes Essen auf der Anrichte.“ Ich laufe hinter Giulia in die Küche. Der Koch wartet schon: „Allora: Zweimal Spaghetti frutti mare an Tisch F2. Achtung, Teller sind heiß.“ Ich greife die beiden Portionen. Zwei krebsartige Meerestiere, die oben auf dem Berg von Muscheln und Nudeln hocken, halten mir ihre Scheren entgegen und blicken mich traurig an. Das soll jemand essen? Ich steuere mit den Tellern in den Saal zurück. Moment, was war jetzt F2? Cortile 2? Nein. Terrasse 2? Auch nicht. Ach ja, Finestra 2, ein Tisch auf der Fensterseite im großen Saal. Zwei Touristen blicken mich interessiert an, als ich die beiden Teller vor ihnen absetze. „Sind Sie neu? Wir haben Sie noch nie gesehen, kommen aber jedes Jahr her.“ „Ja, ich habe heute meinen ersten Tag und …“ „VIIIAAAAA“, kommt es verzweifelt aus der Küche. Ich lächle verlegen und rase wieder los. Mit rotem Gesicht steht Fabio hinter einer Ansammlung von großen Tellern voller exotischer Gerichte. „Branzino e Costolette d’agnello, Cortile 4. Un fritto misto di lago, F 9.“ Mit zwei Tellern renne ich wieder los, zu Fenstertisch 9. Dort sitzt eine mitteleuropäisch aussehende Familie mit zwei kleinen Kindern, die mit Edding-Stiften gelangweilt in Pixiebüchern herumschmieren. „Ähm, Fisch und Fleisch?“ Kopfschütteln. Ich höre, wie die Kinder anfangen zu jammern. Ach nee, Cortile 4. Zwei Italiener blicken mich dort erwartungsvoll an. Ich versuche mich an Fabios Bezeichnungen der Gerichte zu erinnern. Nichts. Die beiden gucken sich verwundert an. Ich halte ihnen beide Teller zur Ansicht unter die Nase und bleibe stumm. Etwas irritiert nimmt sich die Frau dann den Teller mit dem Fisch, der Mann verweist auf das Lammkotelett. Ich stürme wieder in Richtung Küche. Ein Schweißfilm bildet sich auf meiner Stirn. Ein Blick auf die Uhr sagt mir, es ist halb acht. Am Tresen bei Barkeeper Piedro steht eine Traube von Menschen und wartet auf freie Tische.

„Weißt du, warum die Kinder an F 9 noch nichts zu essen haben?“, fragt mich Giulia plötzlich von der Seite? „Keine Ahnung, denen habe ich mal Tomatensalat gebracht. Und Buntstifte.“ „Hast du denn bei Fabio den zweiten Gang frei gegeben? Mit Häkchen?“ „Bestimmt … Aber nur mal so hypothetisch für den Fall, dass ich das nicht getan habe. Was passiert dann?“ Giulia zieht kurz Luft durch ihre Zähne. „Ui, okay, ich gehe zu Fabio und übernehme das. Sag du ihm nichts.“ Ich höre lautes Fluchen aus der Küche, kurz darauf läuft Giulia mit zwei halben Portionen Spaghetti Bolognese an mir vorbei. Ich schaue wieder auf die Uhr: Viertel vor acht. Müsste es nicht schon viel später sein?

Auf einmal steht eine frisch frisierte, gut aufgelegte Christa neben mir: „Hallo, hast du dich schon eingelebt? Scheint doch super zu klappen, oder? Ich musste vorhin noch auf den Babysitter warten.“ Sie greift gerade nach dem großen Buch mit den Tischreservierungen, da fällt ihr noch was ein. „Du, gute Nachrichten. Deine Arbeitsgenehmigung ist da. Ich habe vorhin noch bei der Questura nachgefragt. Morgen können wir den Schein abholen. Du kannst also heute schon ganz normal bis zum Schluss arbeiten!“

Der nächste Tag begrüßt mich mit heftigem Muskelkater in Fingern und Beinen. Dass die Sonne den kleinen Ort unter meinem Balkon schon früh postkartenreif in warmes Licht taucht, musikalisch begleitet vom aufgeregten Zwitschern der Schwalben, kann ich nur im Vorbeilaufen wahrnehmen. Fast verpasse ich meine Fahrgemeinschaft in die Schweiz mit meinem Kollegen vom Barservice. Der ist schon wieder in Höchstform und lässt zur Begrüßung den Motor des alten Fiats zweimal aufheulen. Seine geröteten Augen, die mit kleinen Pupillen aus schattig-dunklen Höhlen hervorblinzeln, deuten auf einen ausgiebig genossenen Feierabend hin.

Piedro setzt mich nach dem Unterricht wieder vor dem Personalhaus ab. Ich überlege kurz, ob ich mir etwas zu Essen kochen soll, entscheide mich aber spontan um, als ich Mino in der Küche antreffe. Er wirft mir einen genervten Blick zu, während er sich einen Löffel mit Joghurt in den Mund schiebt. Ich verlasse schnell die Küche und das Haus und beschließe, mir irgendwo im Ort eine Pizza oder ein Panino zu holen.

Mein Weg führt mich als Erstes zur großen Kirche und einer kuriosen Grotte, in der der Altar unter freiem Himmel steht. Dann laufe ich hinunter an den See und stelle fest, dass es tatsächlich einen richtigen Badestrand aus Sand und Kies gibt. Ein Holzfloß auf dem in der Sonne glitzernden Wasser lädt zum Schwimmen ein. Ich halte meine Hand in den eiskalten See und beschließe, mit dem Baden noch ein paar Wochen zu warten. Nach einem Spaziergang entlang der Promenade lande ich in den kleinen Gassen des Ortskerns – und stehe unvermittelt vor unserem Lokal. Vor der Holztafel mit dem Tagesangebot treffe ich auf einen jungen Mann mit langen Haaren und Federschmuck. Er grinst, als er mich sieht. Saß der nicht gestern Abend noch an der Theke im Gatto? Neben einem Typen mit verfilzten Rastazöpfen und einem älteren Herrn in Begleitung eines riesigen Hundes mit blau lackierten Krallen ist er kaum aufgefallen. „Pesce melba“, liest er laut das Menü vor. „Ist das der Nachtisch?“ „Si!“, antworte ich ohne anzuhalten. Natürlich. Denn Pfirsich mit Sahnehäubchen, wie es von mir wohlklingend ins Deutsche übersetzt wurde, wäre als Hauptgericht wohl eher ungeeignet. Anders als das „Saltimbocca“ gefolgt auf „Spaghetti aglio olio peperoncino“, was mir Fabio als Menüabfolge auf einem kleinen Notizzettel in der Küche hinterließ. Das Schreiben des Tagesangebots in zwei Sprachen auf der Holztafel vor dem Lokal ist von nun an meine Aufgabe und wurde mir von Christa gestern feierlich übertragen. Schließlich hätte ich studiert, wie sie mir erklärte.

Ich laufe die Gasse weiter bergab in Richtung Seepromenade. Da höre ich den Typen hinter mir herrufen: „Interessante Variante, euer Dessert. Handelt es sich um einen pesce aus dem See oder aus dem Meer?“ Ich bleibe abrupt stehen. O Mist, kommt es mir in den Sinn. Pesce ist Fisch, pesca ist Pfirsich. Wenn Fabio das sieht, bekommt er seinen nächsten Tobsuchtsanfall. Selbstbeherrschung und Diplomatie scheinen ja nicht so seine Stärken zu sein. Ich drehe mich um und betrete die Pizzeria. Drinnen räumt während des Mittagsdienstes gerade Marco, der Lokalchef, die Theke auf und guckt mich kurz überrascht an. „Hab meine Jacke gestern irgendwo vergessen“, nuschle ich und greife unauffällig nach der Kreide im Regal mit den Cola-Gläsern. Als ich wieder rausgehen will, hebt Marco noch einmal den Kopf und fragt etwas zerstreut: „Sag mal, du hast nicht zufällig die Edding-Stifte von Fabio gesehen? Die sind verschwunden, und er weiß nicht, womit er das Wochenangebot fürs Menü schreiben soll.“ Mir fallen die hungrigen Kinder vom Vortag wieder ein, denen ich ein Mäppchen mit Schreibutensilien zum Malen gebracht habe. Das waren dann wohl doch keine Buntstifte. Das würde erklären, warum die Spuren der Kunstwerke immer noch von weitem auf dem Restauranttisch zu sehen sind. „Keine Ahnung“, antworte ich schnell. „Vielleicht hat Mino die gebraucht.“

Juni

SAGEN SIE MAL, können Sie uns nicht für heute Abend diesen hübschen Tisch direkt vor dem Brunnen reservieren?“ „Wie bitte?“ Ich lege das Shampoo zurück ins Regal und schaue hoch. Ein Mann und eine Frau lächeln mich freundlich an. „Der Platz in dem kleinen Innenhof. Ist der noch frei?“ Warten Sie, denke ich mir im Stillen. Ich schaue nur mal schnell im großen Buch der Tischreservierungen nach. Das habe ich ja zum Einkaufen immer dabei, vor allem, wenn ich nach Locarno fahre. „So ab halb acht wäre gut, oder Irmi?“ Der Mann schaut seine Frau an. Die nickt. „Okay“, sage ich. „Sehr nett. Bis nachher!“ Beide winken zum Abschied. Um noch weiter nach einem Duschshampoo zu suchen, das über das überschaubare Sortiment des kleinen Minimarkts in Cannero hinausgeht, ist es nun zu spät. Ich bin mit Urs verabredet, der mir heute, am letzten Tag unseres Italienischkurses, Locarno zeigen will. Unter den Arkaden der Piazza Grande, wo ich bis eben die Geschäfte angeschaut und vorher eine Pizza gegessen habe, laufe ich zur Hauptpost, dem Treffpunkt.

„Urs kommt nicht“, sagt plötzlich jemand neben mir. Ich schaue mich verdutzt um. Daniel aus dem Parallelsprachkurs und Freund von Urs steht dort. Er war fast immer beim Kaffeetrinken mit dabei. Direkt gesprochen habe ich mit ihm aber noch nie. Daniel ist schön. Fast etwas zu schön mit seinen in die Stirn wehenden blonden Haaren, der schwarzen Lederjacke und der Designerjeans. Und vor allem ist er cool. So cool, dass er, während er mit mir spricht, mich nicht anschaut, sondern auf sein Handy starrt. „Wieso?“, frage ich. „Was ist mit ihm?“ „Er sitzt schon im Zug nach Hause. Er rief mich eben an und meinte, es sei niemand am Treffpunkt gewesen. Um fünf vor zwei sei er dann gegangen.“ „Ach so?“, erwidere ich überrascht. „Aber ich war erst um 14 Uhr hier mit ihm verabredet.“ „Ja, ja, ich weiß, ich auch. Aber Urs ist der Überzeugung, dass jeder mindestens fünf Minuten vor der verabredeten Zeit auftaucht – und ansonsten gar nicht kommt.“ „Ist aber schon etwas eigen, oder?“, frage ich. „Ist das irgendwie typisch Schweizer Pünktlichkeit?“ Daniel schaut mich zum ersten Mal direkt an, kurz und ausdruckslos. „Nein“, sagt er. „Solche Pauschalisierungen kann man nicht machen.“ „Okay, nein, ich wollte auch nicht …“ „Urs ist halt ein richtiger Berner Sturkopf !“, seufzt er dann. „Ich zeige dir jetzt die Altstadt, damit du nicht vergeblich gewartet hast.“