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Thomas West

Mörderische Umklammerung

Kriminalroman





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Mörderische Umklammerung

Krimi von Thomas West

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 116 Taschenbuchseiten.

 

Verdeckter Einsatz für das FBI an allen Fronten. Dem Belucci-Clan soll endgültig das Handwerk gelegt werden. Als ein Undercover-Agent in seinem Auftrag eine Frau töten soll, eskaliert hier die Lage. Außerdem stellt sich die Frage, wer die bisher gut arbeitenden Belucci-Leute gleich reihenweise umbringt. Gleichzeitig macht ein Gerücht die Runde: Bronco Belucci will in einen ganz neuen Geschäftszweig einsteigen. Das FBI versucht, die Bande endlich hochzunehmen, doch der gerissene Gangster hat weit in die Zukunft geplant.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

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© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

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1

Rotorenlärm hämmerte über die Dächer des Gefängniskomplexes. Schneeflocken tanzten im Wind. Rikers Island unter einem weißen Schleier – fast idyllisch kam George Forster der verdammte Knast in diesem Augenblick vor; und der East River sah von hier oben aus wie ein riesiges Taufkleid, das sich von allen Seiten an die Insel schmiegte. Von der Skyline Manhattans erkannte man so gut wie nichts.

Jemand stellte Georges Tasche in den Passagierraum der Bell 430. Einer der FBI-Männer drückte ihm die Hand.

„Glückwunsch, Forster.“ Ja, das sagte er: „Glückwunsch, Forster.“ Und während George sich diesen Satz im Ohr zergehen ließ, erschien ihm das Rotorengehämmer wie Glockenklang, der sein neues Leben einläutete. Ein nagelneues Leben für George Forster, Himmel noch mal!

Er hatte ja keine Ahnung! Sechs, sieben Minuten noch, und der Tod würde seine Klauen nach ihm ausstrecken! Sechs, sieben Minuten noch, und George würde sich nach seiner Zelle zurücksehnen …

„Danke“, murmelte er und brachte sogar ein Lächeln zustande. „Ist es also tatsächlich soweit.“ Der blonde FBI-Agent – er hieß Clive Caravaggio – neigte den Kopf und runzelte die Stirn. George begriff, dass der große Blonde ihn wegen des Rotorenlärms nicht verstehen konnte. „Danke!“, schrie er, und der FBI-Mann setzte eine wohlwollende Miene auf, wie während all der stundenlangen Verhöre nicht.

Die anderen sagten nichts. Die Cops, die ihn hier hochgebracht hatten, hielten ihre Mützen fest, und die FBI-Agentin bohrte die Hände in ihr schwarzes Edeljackett, um es am Flattern zu hindern. Dafür spielte der Wind mit ihrem Blondhaar. Hübsche Frauen arbeiten bei den Feds, dachte George. Ihr Name fiel ihm wieder ein: Jennifer Johnson. Sie war bei einigen der Vernehmungen dabei gewesen.

Und dann war da noch ein dritter FBI-Agent: Silberhaarig wie er selbst, in seinem Alter auch – also in den Fünfzigern – aber deutlich hagerer als George. Er trug exakt die gleiche Kleidung wie George: Einen dunkelblauen Lodenmantel, darunter einen grauen Anzug von schlichter Eleganz und eine dunkelblaue Krawatte.

George musterte ihn ungläubig, und es dauerte ein paar Atemzüge, bis er begriff – ein Double.

„Ist das wirklich nötig?!“, schrie er gegen den Rotorenlärm an.

Der Silberhaarige nickte. „Verlassen Sie sich drauf!“ Er drückte George die Hand. „Und jetzt steigen Sie ein! Der Richter und der Staatsanwalt warten!“

George drehte sich um. Flankiert von den Cops bückte er sich unter die Rotoren und lief zum offenen Passagierschott. Ein Arm streckte sich ihm entgegen: Schwarze Lederhandschuhe, schwarzer Kampfjackenärmel. George ließ sich an Bord der Bell 430 ziehen.

„Schnallen Sie sich an, Mr. Forster!“, rief eine raue Männerstimme.

Zwischen zwei Schwarzgekleideten sank George auf die Sitzbank. Von rechts wurde ihm der Gurt in die Hand gedrückt, er steckte den Haken ins Schloss. Der Mann links von ihm zog das Schott zu, der Hubschrauber hob ab, die Gestalten der Männer auf dem Dach verschwammen hinter dem Schneeschleier.

„Scheißwetter!“, fluchte der Pilot. „Scheißwetter!“, bestätigte der Copilot.

George nickte flüchtig nach rechts und links. Die Männer an seiner Seite reagierten kaum. FBI-Spezialisten, nahm er an, vielleicht Scharfschützen, oder so. Ausdruckslose, glattrasierte Gesichter unter Helmen und mit Mikrophonen ihrer Headsets vor den Lippen.

Blutjunge Burschen waren das, die ihn auf dem Flug zum Bundesgericht bewachten. Sie spähten aus den Seitenfenstern auf den East River hinunter. Dort konnte man die Konturen einiger Schiffe unter dem Schneeschleier erkennen.

Georges Blick fiel auf ihre Waffen. Er kannte die geläufigsten Pistolen und Revolver vom Sehen und zwei oder drei aus eigener Erfahrung. Ein Gewehr hatte er nie in der Hand gehabt. Dass es sich bei den Waffen seiner Begleiter um automatische Gewehre handelte, erkannte er dennoch.

Die Gegenwart zweier Schwerbewaffneter verstärkte noch die Beklemmung, die sich in seinen Gedärmen breit machte, seit er seinem Double gegenüber gestanden hatte. Stand es tatsächlich so schlimm um ihn, dass sie ihn mit schwerbewaffneten Scharfschützen vor den Bundesrichter bringen mussten? Himmel! Und warum arbeiteten die Feds mit einem Double? War das nicht der FBI-Chef von New York City gewesen? Na klar!

Von wegen bewachen – die sollen mich beschützen …

George Forster war alles andere als ein abgebrühter Krimineller. Und die sieben Monate im Knast hatten seinem Nervenkostüm den Rest gegeben. Er beugte sich vor und blickte nach links aus dem Bordfenster. Irgendwo dort unten fuhr jetzt eine Polizeieskorte durch Queens und chauffierte einen Mann nach Manhattan, den man durchaus mit ihm verwechseln konnte; jedenfalls auf einige Entfernung.

Belucci hat es auf mich abgesehen …

Die Einsicht schmerzte, aber kein Weg führte an ihr vorbei.

Der Indio will mich aus der Welt schaffen …

Er sah nach rechts: Ein paar Lichter, ein paar dunkle Umrisse, sonst war nichts zu sehen vom Hochhausgebirge Manhattans. Der Copilot drehte sich nach ihm um. Georges verstörte Miene fiel ihm auf. Er hielt sie für ein Ausdruck der Sorge, die ihn selbst plagte.

„Keine Panik, Mr. Forster! Bei diesem Wetter fliegen wir nicht nach Manhattan hinein! Wir bleiben über dem Fluss und landen auf Pier sechs! Ab Downtown Manhattan Heliport übernimmt ein Wagen des FBI Ihren Transport!“

Wegen des Rotorenlärms verstand George nur die Hälfte. Aber genug, um sich noch unwohler in seiner Haut zu fühlen. An den Hafen von Lower Manhattan ging es also, und von dort per Auto zum United States Courthouse. Der Weg in sein neues Leben schien ihm auf einmal weiter, als der Landweg nach Alaska zu sein.

Als suchte er ein Zeichen der Ermutigung oder zumindest des Trostes in ihren Gesichtern, sah er seine bewaffneten und behelmten Begleiter an. Doch die nahmen ihn kaum wahr.

George rieb die Handflächen gegeneinander. Sie waren plötzlich feucht, und seine Stirn war feucht, und sein Atem ging schneller. Er blickte auf die Uhr: 9.13 Uhr. Für 10 Uhr war das Treffen mit dem Chefankläger und dem Haftrichter des Bundesgerichts angesagt. Irgendwelche hohen Tiere aus dem FBI-Hauptquartier in Washington und der Mann, der ihn jetzt gerade doubelte, sollten mit von der Partie sein.

Man würde ihm seine Aussagen vorlegen – ein mehr als hundertseitiges Protokoll – er würde Seite für Seite noch einmal überfliegen und danach unterschreiben. Und dann die Voraussetzungen für sein neues Leben entgegennehmen: Eine neue Versicherungskarte mit neuem Namen, Führerschein mit neuem Namen, Arbeitgeberzeugnisse mit neuem Namen, und so weiter, und so weiter.

George lehnte sich zurück und seufzte so laut, dass einer der Bewaffneten ihn mit hochgezogenen Brauen musterte. „Nervös?“ George winkte ab.

Selbstverständlich war er nervös. Seine Aussage, zusammen mit dem schriftlichen Nachlass eines ermordeten Drogenhändlers – George hatte Maxwell Snyder persönlich gekannt –, würden Bronco Belucci und seinen Zweitgeborenen Roman Belucci für zehn Leben hinter Gitter bringen. Wahrscheinlich sogar in den Todestrakt.

Natürlich würde der verdammte Indio alles versuchen, um ihn zu erledigen. Ein für allemal zu erledigen, bevor er seine Unterschrift unter seine Aussage gesetzt hatte. Was denn sonst?

George wischte sich den Schweiß ab. Die ganze Zeit während der Zusammenarbeit mit den Feds hatte er die bittere Wahrheit einigermaßen erfolgreich verdrängt. Jetzt zerrte sie plötzlich an seinen Nerven; jetzt, so kurz vor dem Ziel.

Lass alles gut gehen, lieber Gott, betete er im Stillen. Beschütze mich vor dem Indio, ich will auch ganz neu anfangen …

Der Helikopter sank dem Fluss entgegen. Endlich konnte man die Skyline Lower Manhattans erkennen. Und die Silhouette einer Fähre auf dem East River.

nie mehr werde ich mich mit Verbrechern einlassen, nicht mal in Spielsalons werde ich je wieder arbeiten, aber bitte, bitte beschütze mich …

Undeutlich hinter dem Schneeschleier, vielleicht zweihundert, oder dreihundert Meter entfernt, ein blinkender Lichtschein: Das Positionslicht des Downtown Manhattan Heliports. Einer seiner staatlichen Bodyguards stützte den Gewehrkolben aufs Knie und langte nach dem Lukengriff. Der Copilot schrie etwas, das George nicht verstand.

Der Helm des Piloten pendelte ein paar Mal hin und her, auf und ab. Der Copilot schrie und deutete nach rechts, also zu Küste Manhattans. Die Männer rechts und links von ihm packten ihre Waffen mit beiden Händen und schienen fast gleichzeitig zu Stein zu erstarren. Plötzlich kippte die Maschine nach links und sackte nach unten weg. Georges Magen rutschte ihm bis in den Hals hinauf.

Grundgütiger Himmel! Warum hört der Copilot nicht auf zu schreien?!

Ein Lichtblitz blendete George, Kunststoff splitterte, die Bell vibrierte, als würde die Faust eines Riesen nach ihr greifen und sie durchschütteln.