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Manfred Bomm

Notbremse

Der achte Fall für August Häberle

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Zum Buch

UNTER ZUGZWANG Mord im ICE auf der Bahnlinie Ulm-Stuttgart. An der berühmten Geislinger Steige wird plötzlich die Notbremse gezogen, ein Mann flüchtet aus dem Zug und verschwindet im bewaldeten Steilhang der Schwäbischen Alb. Kommissar August Häberle tappt im Dunkeln: Er weiß weder, wer der Erschossene ist, noch ob der Flüchtende ihn ermordet hat. Sein einziger Anhaltspunkt ist das Notizbuch des Toten. Doch führen die darin enthaltenen Adressen von Ärzten und Apothekern wirklich zum Täter? Dem erfahrenen Ermittler läuft die Zeit davon, denn bereits in der folgenden Nacht findet er eine weitere Leiche – der junge Mann war Kurierfahrer bei einem Ulmer Pharmakonzern. Häberle ist sich ganz sicher: Zwischen den beiden Fällen muss es einen Zusammenhang geben …

Manfred Bomm wohnt am Rande der Schwäbischen Alb. Als Lokaljournalist hat er Freud und Leid der Menschen hautnah erlebt und darüber berichtet. Vieles, was er in seinen Romanen verarbeitet, hat sich so oder in ähnlicher Weise zugetragen. 2004 hat der Autor mit dem Krimischreiben begonnen und die Figur des August Häberle nach einem realen Vorbild bei der Kriminalpolizei Göppingen entworfen. Ursprünglich hatte er – einem Jugendtraum folgend – nur einen einzigen Roman schreiben wollen, doch die steigende Zahl der „Häberle“-Fans spornte ihn zu „weiteren Untaten“ an. Manfred Bomm fühlt sich eng mit Land und Leuten verbunden, liebt die Natur, das Wandern, Reisen und Radeln. Wichtig ist ihm, so gut wie alle beschriebenen Schauplätze selbst aufgesucht zu haben.

 

Bisherige Veröffentlichungen im Gmeiner-Verlag:

Blumenrausch (2019), Nebelbrücke (2018), Traufgänger (2017), Todesstollen (2016), Lauschkommando (2015), Machtkampf (2014), Grauzone (2013), Mundtot (2012), Blutsauger (2011), Kurzschluss (2010), Glasklar (2009), Notbremse (2008), Schattennetz (2007), Beweislast (2007), Schusslinie (2006), Mordloch (2005), Trugschluss (2005), Irrflug (2004), Himmelsfelsen (2004)

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

8. Auflage 2019

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Jens Roth/PIXELIO

Druck: CPI books GmbH, Leck

Printed in Germany

ISBN 978-3-8392-3092-3

Widmung

Gewidmet allen,

die in der Lage sind, die wirklich wichtigen Dinge des

Lebens zu erkennen.

Möge uns alle das Schicksal davor bewahren,

in das Räderwerk von Macht und Gewalt zu geraten.

1

Es war einer dieser trüben Tage, an denen Ulm im dichten Nebel des Donautals lag. Der Münsterturm war kaum zu sehen. Sanfter Nieselregen ließ die Straßen glänzen und die Kleider klamm werden. Obwohl in den Pflanzkübeln der Fußgängerzone die bunte Sommerpracht in herrlichster Blüte stand, schien es November zu sein. Doch die Ulmer nahmen diesen Nebel so gelassen hin, wie es die Londoner mit dem Regen taten. Denn hier an den sanften Südhängen der Schwäbischen Alb kam es oft genug vor, dass die Sonnenwärme vergeblich gegen die Feuchtigkeit ankämpfte, die die Donau mit sich brachte.

An diesem Julivormittag war es besonders schlimm. In den Radionachrichten hatte es geheißen, weite Teile des Landes könnten sich über strahlenden Sonnenschein freuen. Nur südlich der Alb hielten sich hartnäckig vereinzelte Nebelbänke.

Die meisten Menschen, die am Bahnhof auf den 8.51-Uhr-ICE nach Dortmund warteten, waren auf dieses raue Klima nicht eingestellt. Sie suchten unter der Überdachung auf Bahnsteig 1 beim Empfangsgebäude Schutz. Weiter drüben fuhr gerade ein Regionalexpress aus Sigmaringen ein; jener aus Oberstdorf, so war den Ansagen zu entnehmen, hatte zehn Minuten Verspätung.

Der Mann, der vor dem Glaskasten stand und die Reihenfolge der ICE-Waggons studierte, strich sich die Feuchte von der beigen Freizeitjacke. Sein Interesse galt nur vordergründig der skizzierten Darstellung eines Zuges. In Wirklichkeit ließ er seinen Blick unauffällig über die knapp 50 Menschen streichen, die sich weit über den Bahnsteig verteilt hatten. Eigentlich interessierte ihn nur eine einzige Person – dieser äußerst gepflegt erscheinende Mann, Mitte 30, in Nadelstreifenanzug und Sommermantel. Er hatte einen Aktenkoffer mit irgendwelchen bunten Aufklebern in der rechten Hand. Er stand einen Steinwurf entfernt direkt unter der Uhr, deren Sekundenzeiger gerade wieder eine Umrundung beendete. In vier Minuten sollte der ICE einfahren, wenn er denn pünktlich war. Der heimliche Beobachter wusste, dass der andere dann in die erste Klasse steigen würde – wie er selbst auch. Sie hatten sogar dasselbe Abteil gebucht.

Er drehte sich wieder zum Gleis und schlenderte langsam an der durchgezogenen weißen Linie entlang, deren Überschreiten aus Sicherheitsgründen verboten war. Vorbei an einer Gruppe diskutierender Frauen näherte er sich langsam seiner Zielperson. Er kannte diesen Mann jetzt seit über einem Monat: Kai-Uwe Horschak, 37 Jahre alt, verheiratet, zwei Kinder. Seit er ihn observierte, hatte er eine Menge Fakten und Daten über ihn zusammengetragen. Er wusste, welche Schule die beiden Töchter besuchten, wie die Lehrer hießen und dass er nicht selbst zu den Elternabenden ging, sondern die Ehefrau schickte. Horschak joggte frühmorgens und traf sich alle zwei Wochen immer donnerstags mit seinen Freunden in einem Lokal im Ulmer Fischerviertel. Auch die meisten Teilnehmer an dieser gemütlichen Runde hatte er inzwischen identifiziert. Drei Ärzte, ein Finanzmakler und ein Apotheker. Er wusste auch, dass dieser Mann einen weiten Aktionsradius hatte, nämlich den gesamten deutschsprachigen Raum bis hinunter nach Bozen in Südtirol.

Heute würde er nach Mannheim fahren. Doch er selbst hatte nicht vor, die gesamte Strecke mitzureisen. Sein Ticket galt nur bis Stuttgart. Das musste reichen.

»Also Sylvia, ich muss schon sagen …« Die Stimme des Mannes klang energisch und war dazu angetan, jeglichen Widerspruch im Keime zu ersticken. Sylvia Ringeltaube hatte sich an diesen Ton gewöhnt. Seit sie sich duzten, ihr Chef und sie, war das Verhältnis zwischen ihnen ohnehin nicht mehr förmlich. Viel zu viel war inzwischen geschehen. Insgeheim wünschte sie sich, sie würden sich wieder siezen. Doch abgesehen davon, dass es albern gewesen wäre, hätten sie sich vermutlich auch nicht mehr an diese Anrede gewöhnen können. Sie wandte sich gelassen und mit gespielter Gleichgültigkeit von ihrem Bildschirm ab und machte mit dem Bürostuhl eine halbe Drehung.

»Wie oft soll ich dir eigentlich noch sagen, dass mir die Art, wie du die Briefe gestaltest, nicht mehr gefällt«, fuhr der Mittfünfziger leicht irritiert, aber gereizt fort. Er war kein Mann der lauten Töne, doch dafür wählte er die Worte so pointiert, dass sie in Verbindung mit seiner geschliffenen Rhetorik ihre Wirkung nie verfehlten. Sylvia, Ende 20 und eigentlich ziemlich selbstbewusst, genoss seit einigen Wochen das Gefühl der Überlegenheit.

»Entschuldige«, lächelte sie geradezu provozierend. »Aber es ist doch …«

»Quatsch doch nicht schon wieder rum«, unterbrach sie der Mann, der die Enttäuschung bis heute nicht überwunden hatte. »Wenn du Computer nicht beherrschst, dann lass es dir verdammt noch mal von einem Lehrmädchen zeigen.« Noch vor drei Monaten hätte er so nicht mit ihr gesprochen. Doch von Tag zu Tag, so schien es ihr, verlor er seine Beherrschung immer mehr. Und je stärker sie sich gab, desto zorniger konnte er werden. Sie sah ihn provokant an. Er versuchte, ihren Blicken standzuhalten, und verzog das Gesicht zu einem mitleidigen Lächeln. »Jedes Lehrmädchen«, presste er hervor, »jedes Lehrmädchen beherrscht die Kiste besser als du.« Während er sich wieder abwandte, um in seiner lichtdurchfluteten Chefresidenz zu verschwinden, fügte er noch betont sachlich hinzu. »Aber wahrscheinlich bist du für derlei Tätigkeiten schon zu alt.« Dann fiel die Tür ins Schloss.

Sylvia Ringeltaube blieb noch für einen Moment sitzen und starrte die schallisolierte Tür an. Idiot, dachte sie. Du Dreckskerl, du verdammtes Schwein. Weil ich nicht mehr dein Lustobjekt sein will, benimmst du dich wie ein niveauloser Depp. Sollte er sie doch erniedrigen und mobben. Inzwischen war sie täglich aufs Neue gespannt, welche Gemeinheiten ihm wieder einfielen. Sie verfolgte mit Interesse seine cholerischen Anfälle. Wahrscheinlich, so mutmaßte sie, hatte er daheim nichts zu sagen. Ein Pantoffelheld, der sich nur im Geschäft im Schutze seiner beruflichen Autorität austoben konnte. Wie konnte ein Mensch nur so mit seinen Mitarbeitern umspringen? War das die neue Realität in diesem Land? Heuern und feuern, wie sie es einmal als Zitat von einem Gewerkschaftsfunktionär gelesen hatte. Mittlerweile hatte sie damit begonnen, seine Äußerungen zu notieren. Immer häufiger aber keimte der Wunsch auf, ihm das Telefon an den Schädel zu werfen. Oder besser: aufzustehen, ihm eine Ohrfeige zu verpassen und ins Gesicht zu schreien, welch widerlicher Typ er doch sei. Einer, der über Leichen ging. Einer, der mit den übelsten Tricks die Konkurrenz ausspielte. Der nicht vor Bestechung und Korruption zurückschreckte. Der vermutlich längst vor Gericht stehen würde, hätte er nicht phänomenale Kontakte zu den Funktionären der regierenden Partei im Lande. Aber selbst wenn man ihn jemals vor den Kadi zerren würde, konnte er sich sicher sein, mit Samthandschuhen angefasst zu werden. Beispiele dafür gab es ja genügend: Peter Hartz, der einstige VW-Personalvorstand, oder Josef Ackermann, Chef der Deutschen Bank. Beide hatten sie mit dem Gericht einen sogenannten Deal gemacht, wie er durchaus erlaubt war, um den Juristen monate- oder jahrelange Beweisaufnahmen zu ersparen. Einem schnellen Geständnis folgte ein schneller Prozess. Der eine kam mit Bewährung und einer Geldbuße davon, der andere durfte sich über die Einstellung seines Verfahrens freuen. Was sie an Bußgeldern bezahlen mussten, konnten sie gewiss ihrer Portokasse entnehmen. Peanuts eben. Sylvia verspürte unbändigen Zorn und eine grenzenlose Wut in sich, wenn sie an solche Vorgänge dachte. Das Maß war voll. Während sie sich wieder ihrem Computer zuwandte, fiel ihr langes blondes Haar über die Rückenlehne des blauen Schreibtischstuhls. Dieser Schweinehund würde sie schon noch kennenlernen. Jeder wusste, wer Konstantin Rieder war: ein angeblich erfolgreicher Manager, der den Small Talk beherrschte wie kein anderer, der sich auf Partys und Empfängen als großer Charmeur aufspielte. Sie hatte es selbst erlebt, ein halbes Jahr lang. Doch dieser Rieder hatte zwei Gesichter. Wie blöd musste sie gewesen sein, auf ihn hereinzufallen. Ihm hörig zu sein. Mit Geld hatte er sie gelockt, mit Versprechungen. Aber in Wirklichkeit war sie nur ein Abenteuer. Seine Selbstbestätigung. Nie im Leben hätte er sich von seiner Frau getrennt. Niemals einen Skandal riskiert – oder gar das gut situierte familiäre Umfeld.

Seit Sylvia dies erkannt hatte, war ihr klar, dass sie nicht länger Chefsekretärin sein konnte. In Situationen wie der jetzigen verspürte sie eine innere Genugtuung, dass die Suche nach einer neuen Stelle erfolgreich gewesen war. Allerdings nicht so, wie sie es sich vorgestellt hatte. Aber dafür nicht minder angenehm. Seit ihr eine neue Perspektive geboten war, wog sie sich in Sicherheit. Und dieser Kerl, der sich als der große Zampano aufspielte, würde jämmerlich büßen. Ja, es würde für ihn eines nicht allzu fernen Tages ein böses Erwachen geben. Und dafür war bereits alles bestens eingefädelt. Sylvia holte tief Luft, grinste in sich hinein und nahm sich vor, ihren Chef von Tag zu Tag mehr zu verunsichern. Ihre Position war stark. Unheimlich stark.

2

Der aus zwei gekoppelten Zügen bestehende ICE fuhr pünktlich ein und der Waggon Nummer 37 mit der ersten Klasse war der allerletzte. Er kam, wie geplant, vor ihm zum Stehen. Kai-Uwe Horschak, dessen heller Sommermantel nicht zugeknöpft war und im Wind flatterte, strebte der offenen Wagentür zu, während ihm sein Beschatter mit Abstand folgte. Wenig später saßen sie beide im einzigen Vierpersonenabteil, das es gab. Die beiden anderen wiesen jeweils sechs Plätze auf. Horschak hatte den Fensterplatz in Fahrtrichtung rechts eingenommen und sich auf seinem Ticket noch mal vergewissert, dass dies korrekt war. Seinen Aktenkoffer legte er auf den freien Platz neben sich. Der Verfolger hatte sich mit einem knappen »Hallo« ihm gegenüber gesetzt und vergrub die Hände in der Freizeitjacke, während er interessiert zum Bahnsteig hinausblickte. Er bemerkte jedoch die Verunsicherung seines Gegenübers. Vielleicht hatte der Kerl Lunte gerochen? Immerhin waren sie sich vor zwei Wochen schon einmal auf ähnliche Weise nahegekommen. Aber das spielte jetzt auch gar keine Rolle mehr. Denn die Zeit war reif, das Versteckspiel aufzugeben. Und nichts eignete sich dafür besser als eine unverfängliche Fahrt mit der Eisenbahn. In so einem Abteil der ersten Klasse konnte man ungestört reden und davon ausgehen, dass es niemandem gelungen war, ausgerechnet hier eine Wanze zu platzieren. Außerdem, das hatte er schließlich selbst eingefädelt, war sichergestellt, dass bis Stuttgart kein weiterer Passagier dazukommen konnte. Und falls doch noch jemand fragen sollte, ob die reservierten Plätze frei seien, würde er das verneinen und auf Geschäftsfreunde verweisen, die sich gerade im Bordbistro befänden.

Er spürte die unangenehmen Blicke Horschaks. Doch er zwang sich, nicht zu ihm hinüberzusehen und stattdessen seine ganze Konzentration auf den leeren Bahnsteig zu richten. Als ob ihn der andere nichts anginge. Erst wenn der Zug Ulm verließ, würde er ihn ansprechen. Aber trotz dieser selbst auferlegten Disziplin schweiften seine Augen immer wieder zu dem Mann hinüber. Horschak deutete ein Lächeln an. Ein überhebliches Lächeln, wie der Verfolger es einschätzte. Überheblich und beinahe mitleidig.

Über den Bahnsteiglautsprecher wurde die Abfahrt des Intercityexpresszuges nach Dortmund angekündigt. Sekunden später setzte sich der Zug sanft in Bewegung. Er glitt über die Weichen und Kreuzungen des Bahnhofsbereichs, nahm rasch an Fahrt auf und gewann an dem aufsteigenden Hang sogleich an Höhe. Häuser und Fabrikanlagen, denen der dichte Nebel weiche Konturen bescherte, tauchten aus dem undurchdringlichen Weiß auf und waren kurz darauf wieder verschwunden. Auf seinem Weg Richtung Stuttgart musste der ICE die Schwäbische Alb überwinden, die hier zwischen Ulm und Geislingen gerade mal 30 Kilometer breit war. Als diese Bahnstrecke vor rund 160 Jahren gebaut wurde, galt sie als grandiose bautechnische Leistung. Auch wenn es heute großspurig klingen mochte, war es doch die erste Gebirgsüberquerung einer Eisenbahn überhaupt. Aber der Fortschritt von damals wurde bald von neuen Technologien eingeholt. Längst war den Bahnmanagern die Alb-Überquerung mit ihren Steilstrecken und den engen Kurvenradien ein Dorn im Auge. Denn die topografischen Gegebenheiten machten es notwendig, dass der ICE bis auf 70 km/h abgebremst werden musste – ein aus heutiger Sicht unerträglicher Zeitverlust. Schließlich dachten die Bahnchefs nicht mehr in regionalen Dimensionen, sondern global. Von einer wichtigen Magistrale war die Rede, die Paris mit Budapest verbinden sollte. Und da war kein Platz mehr für Langsamfahrstrecken oder den lokalen Forderungen nach möglichst vielen Haltepunkten. Hartmut Mehdorn, oberster Eisenbahner dieser Republik, hatte schon vor Jahren dargelegt, dass die Zeiten der beschaulichen Schwäbischen Eisenbahn vorbei waren: Ein Zug könne schließlich nicht an jeder Milchkanne halten, hatte er sogar im Hinblick auf Mannheim gesagt. Das war im Übrigen noch vornehm ausgedrückt. Im Schwäbischen pflegte man zu sagen: »Nicht an jeder Miste.« Schon jetzt hielt der ICE auf den 90 Kilometern zwischen Ulm und Stuttgart kein einziges Mal.

Die planmäßige Ankunft des ICE 612 nach Dortmund war in Stuttgart 9.47 Uhr.

Dem Mann im Freizeitjackett blieben jetzt exakt 56 Minuten. So lange brauchte der ICE bis Stuttgart.

Tobias Lambert, jung-dynamischer Geschäftsführer des Ulmer Pharmaunternehmens ›Aspromedic‹, lächelte in sich hinein. Er lehnte sich auf seinem schwarzen Ledersessel zurück und öffnete das gepolsterte Kuvert, das ihm seine Sekretärin auf den Schreibtisch gelegt hatte. Kein Absender, wie immer. Aber mit dem Hinweis persönlich auf dem Adressenfeld. Wie vereinbart. Sie korrespondierten weder per Telefon noch per E-Mail. Sie durften keine Spuren hinterlassen.

Lambert hatte mit dem Absender dieses Kuverts nach menschlichem Ermessen alle erdenklichen Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Auch das Honorar wurde bar übergeben. Ohne Quittung. Der junge Manager hatte es innerhalb kürzester Zeit geschafft, ›Aspromedic‹ aus der Krise zu führen – und dies trotz der jahrelangen wirtschaftlichen Rezession. Dafür wurde das Unternehmen regelmäßig auch von überregionalen Medien positiv und beispielhaft hervorgehoben. Tobias Lambert, Mitte 30, hatte zwar von der Materie, die es zu verkaufen galt, wenig Ahnung, doch dafür war er ein brillanter Betriebswirtschaftler, der sein Studium an der Hochschule Nürtingen-Geislingen mit Bravour bestanden hatte. Für ihn zählten einzig und allein Fakten und Zahlen. Zwar hatte man ihnen während des Studiums zu verstehen gegeben, dass der Mensch nicht nur als Unkostenfaktor in die Kalkulation einfließen dürfe. Doch im Zeitalter knallharten Wettbewerbs, wenn in Südosteuropa die Arbeiter ausgebeutet wurden, war kein Platz »für soziales Gesülze«, wie Lambert es in den wöchentlichen Konferenzen mit seinen leitenden Angestellten auszudrücken pflegte. Er war angetreten, den Umsatz zu verdoppeln, was sich vertragsgemäß auch in seinem eigenen Portemonnaie deutlich auswirken würde. Bald würde er seine Villa im Tessin besitzen. Er war jedenfalls wild entschlossen, alles aus dem Weg zu räumen, was ihn an seinen Zielen hindern würde. Ein Geschäftsführer musste Stratege sein, musste wie ein Feldherr vergangener Zeiten unbeirrt vorgehen und, wenn es notwendig war, den einen oder anderen Bauern opfern – als sei alles nur ein gigantisches Schachspiel. Oder ein Monopolyspiel mit dem einzigen Ziel, sich in der sündhaft teuren Parkallee ein Hotel bauen zu können.

Lambert kannte den Geschäftsführer der Konkurrenz nur zu gut. Er selbst hatte bei Rieders ›Donau Pharma AG‹ während seines Studiums ein dreimonatiges Praktikum absolviert und den »Alten«, wie man dort zu sagen pflegte, als üblen Choleriker kennengelernt, der seine Belegschaft einzuschüchtern vermochte. Lambert hatte jedoch auch gelernt, dass mit autoritärem Auftreten und einem Schuss Arroganz jeglichen Widersprüchen sofort Einhalt geboten werden konnte. Das half auch, eigene Unsicherheit und fehlende Fachkompetenz zu überspielen.

Er drückte einen Knopf am Telefon und beugte sich vor. »Ich will die nächsten zwei Stunden nicht gestört werden«, betonte er und wandte sich wieder dem braunen DIN-A5-Kuvert zu, das mit Klebeband umwickelt war. Er schnitt es mit einer Schere auf und zog eine dünne CD-Hülle heraus, der er sogleich die silberne Scheibe entnahm. Wahrscheinlich, so dachte er in diesem Moment, würde man auf ihr nicht mal einen Fingerabdruck finden. Der Absender war schließlich ein Profi und mit allen Wassern gewaschen. Lambert legte die Scheibe in seinen Rechner ein. Sekunden später wurde auf dem Flachbildschirm das entsprechende Laufwerk angezeigt. Mit einem Mausklick öffnete Lambert die Datei und stellte zufrieden fest, dass ein langer Text dargestellt wurde. Auch hier kein Absender und nichts, was auf den Verfasser hindeuten konnte. Dieser hatte aber, wie vereinbart, wieder ausführlich Protokoll geführt und die neuesten Erkenntnisse geschildert. Lambert las den Bericht langsam, manche Sätze auch zweimal. Er war zufrieden damit. Alles lief offenbar genau nach Plan. Er fühlte sich bereits als Sieger. Sorgfältig entnahm er die CD und legte sie in die Plastikhülle zurück. Dann erhob er sich und ging zum Regalschrank hinüber. Dort schob er ein Schiebetürchen nach links, worauf ein in die Wand gemauerter Tresor zum Vorschein kam. Mit geübten Handgriffen stellte er an zwei Rädchen die entsprechenden Zahlenkombinationen ein, sodass sich die dicke Stahlklappe öffnen ließ. Diesen Tresor, der für Aktenordner viel zu klein war, nutzte er nur für streng geheime Dokumente. Inzwischen aber beinhaltete dieser auch schon sechs CDs. Sie durften jedoch niemals in die falschen Hände geraten. Niemals.

3

Die gleichmäßige Fahrt des ICE 612 wurde abrupt unterbrochen. Es gab einen kräftigen Ruck. Einige Personen, die gerade auf den Gängen unterwegs waren, suchten verzweifelt einen festen Halt, klammerten sich an Kopfstützen, stießen unsanft gegen die Schulter eines sitzenden Passagiers oder hielten sich gegenseitig fest. Gespräche verstummten. Der ICE hatte scharf abgebremst, das beruhigende Rauschen von Fahrtwind und Rädern war urplötzlich in ein bedrohliches Dröhnen übergegangen, wie es entsteht, wenn gewaltige Kräfte auf Metall einwirken.

Die meisten Fahrgäste versuchten, mit einem Blick aus den Fenstern die Ursache für das Bremsmanöver zu ergründen. Doch obwohl sie das Ulmer Nebelmeer schon weit hinter sich gelassen hatten und hier die Sonne schien, war aus ihrer Perspektive nicht zu erkennen, was geschehen war. Nur jene Passagiere, die in Fahrtrichtung links saßen und ihren Kopf dicht an die Scheibe pressten, konnten sehen, dass der schneeweiße ICE gerade eine Linkskurve beschrieb. Der Zug war bereits in die Gefällstrecke der Geislinger Steige eingefahren. Links fiel das Gelände steil ab und ließ erahnen, dass hier einst ein künstlicher Damm aufgeschüttet worden war. An ihm schlängelte sich schätzungsweise 25 Meter tiefer eine viel befahrene Straße entlang. Und noch weiter unten, in der engen Talsohle, ragten die Gebäude einer modernen Mühle aus der bewaldeten Umgebung heraus. Daneben stach ein Lagerplatz für mannshohe Kabeltrommeln ins Auge.

Noch immer wirkten die enormen Bremskräfte. Der Zug hatte jedoch bereits deutlich an Tempo verloren. Während die Passagiere in Fahrtrichtung rechts nur senkrechte Stützmauern vorbeihuschen sahen und lediglich ahnen konnten, dass sie sich im alpinen Gelände befanden, schauderte es den Fahrgästen auf der anderen Seite bei dem Gedanken, der Zug könnte hier oben aus den Schienen springen.

Das ganze Bremsmanöver hatte nur wenige Sekunden gedauert. Und doch hatten die aufgeschreckten Passagiere den Eindruck, es nehme kein Ende.

Dann jedoch kam der ICE zum Stehen. Das Dröhnen verstummte, eine seltsame Stille machte sich breit. Kaum jemand sagte etwas.

Links fiel der Blick auf den bewaldeten Abhang, rechts hingegen hatten die hohen Stützmauern auf die Länge zweier Waggons einem kleinen Plateau Platz gemacht, auf dem ein bemooster Springbrunnen eine dünne Fontäne in die Höhe schießen ließ. Die Passagiere, die von ihrem Platz aus diese beschauliche Anlage sehen konnten, rätselten, ob der unerwartete Stopp bewusst an dieser Stelle erfolgt war. Den Brunnen umgab eine mit Efeu bewachsene Mauer, in deren Mitte eine vermutlich bronzene Büste an eine wichtige Persönlichkeit zu erinnern schien. Normalerweise fiel dieses kleine Denkmal den Reisenden der heutigen Zeit nicht auf. Denn obwohl die Züge auf der Steilstrecke nur 70 km/h schnell sein durften, zog es innerhalb von Sekunden am Fenster vorbei. Außerdem war es oftmals in einem erbärmlichen Zustand und stark überwuchert, weil sich die Bahn so gut wie nicht mehr um derlei Denkmale kümmerte.

Der ICE stand noch keine fünf Sekunden, als im Blickfeld einiger Reisender eine Person auftauchte – ein Mann, der offenbar auf das Schotterbett gesprungen war und nun seitlich des Denkmals hastig im dichten Bewuchs im Hang verschwinden wollte. Er hatte jedoch Mühe, sich mit seinen Halbschuhen einen festen Halt zu verschaffen. Sein heller Sommermantel, den er offen trug, flatterte hinter ihm und blieb mehrfach an dem Gestrüpp hängen. Ohne sich umzudrehen, zerrte der Mann panikartig an dem Stoff, um sich wieder zu befreien. Die Dornen verhakten sich und hinterließen herausgerissene Fäden.

Inzwischen waren mehrere Passagiere auf ihn aufmerksam geworden. »Da haut einer ab«, schrie jemand, während sich nun in zwei Waggons die Fahrgäste hinter den Fenstern der rechten Seite drängten. Doch Augenblicke später hatte es der Mann geschafft und war im Hangwald verschwunden.

Der Zugführer war über seine modernen Instrumente sofort im Bilde: In Wagen 37, ganz hinten, war die Notbremse gezogen und die Notentriegelung der Tür in Fahrtrichtung rechts geöffnet worden. Er brauchte sich nicht zu orientieren, denn er wusste zu jedem Zeitpunkt, wo er sich innerhalb seines Zugteils befand. Über Bordtelefon verständigte er sich mit dem Lokführer. »Ich schau nach«, sagte er mit bayrischem Dialekt. Dann spurtete er los, was bei den Passagieren zu noch mehr Verwirrung führte.

»Es wird doch kein Anschlag sein?«, rief ihm eine ältere Dame nach. Doch da war er schon durch die nächste pneumatisch öffnende Schiebetür verschwunden.

Wagen 37 war die erste Klasse. Er eilte an den Sitzreihen vorbei, gelangte zu den wenigen separaten Abteilen und erreichte schließlich den hinteren Einstiegsbereich, wo in Fahrtrichtung rechts die Tür entriegelt war. Warme Waldluft schlug ihm entgegen. Die Wasserfontäne des Denkmals, die in ein seichtes Becken zurückfiel, plätscherte friedlich vor sich hin. Vögel zwitscherten.

Der Zugchef, der außer Atem geraten war, blieb an der offenen Tür stehen und versuchte, die Umgebung in sich aufzunehmen. Dann stieg er auf das Schotterbett hinab und entfernte sich ein paar Meter von dem Zug, um diesen überblicken zu können. Doch da war nichts, was ihm verdächtig erschien. Er hatte sich gerade entschieden, wieder einzusteigen, um über Bordtelefon dem Lokführer die Anweisung zum Weiterfahren zu geben, als an der Tür ein rundlicher Mann auftauchte und zu ihm herausrief: »Da ist eener weg.«

Drei weitere Personen tauchten im Einstiegsbereich auf.

»Er ist den Wald rauf«, ergänzte eine junge Frau mit schulterlangen schwarzen Haaren.

Der Zugchef stapfte auf dem geschotterten Untergrund zu der Wagentür.

»Sie haben ihn gesehen?«, fragte er interessiert einen etwa 40-Jährigen, der einen deutlichen Berliner Akzent hatte.

»Ja. Der ist da an der Mauer von diesem Denkmal in den Wald rein«, antwortete dieser. »Er hat’s ziemlich eilig jehabt.« Die anderen hinter ihm bekräftigten dies.

»Hab’n S’ ihn erkannt?«, wollte der Zugchef wissen und gab sich betont gelassen.

»Ich hab ihn nur von hinten jesehn. Aber er hat einen weiten Mantel getragen, einen hellen Sommermantel.«

Der Zugchef hatte inzwischen wieder den Einstieg erreicht und kletterte in den Waggon zurück.

»Aber persönlich kennt ihn niemand?«, vergewisserte er sich noch mal und sah in die Gesichter der Fahrgäste, die zum Einstiegsbereich geeilt waren, um an dem aufregenden Geschehen teilzuhaben. Niemand konnte konkrete Angaben machen. Auch die Frau mit den pechschwarzen Haaren nicht, die den kleinen Berliner um eine halbe Kopfgröße überragte.

»Okay, dann fahr m’r wieder«, gab sich der Zugführer entschlossen und verriegelte die Tür. »Allerdings sollten mir einige von Ihnen noch ’n paar Angaben machen – als Zeug’n, wenn S’ verstehn, was ich mein.« Kaum hatte er dies gesagt, machten sich die meisten wieder davon. Zurück blieben nur der nahezu kahlköpfige Berliner, der sich als Erster bemerkbar gemacht hatte, und die schwarzhaarige Frau, deren Alter der Zugchef auf Mitte 30 schätzte. Er deutete den beiden mit einer Geste an, im Einstiegsbereich zu bleiben. Dann setzte er sich über Bordtelefon mit dem Lokführer in Verbindung: »Wir können weiterfahren«, sagte er und fügte hinzu: »Ich geb der Transportleitung Bescheid.« Augenblicke später hatte er die Verantwortlichen in Karlsruhe erreicht und meldete knapp: »ZF« – womit er Zugführer meinte – »ICE 612, Huber. Bei uns hat einer die Notbremse zog’n. Auf der Geislinger Steige. Etwa Kilometer 64, beim Knoll-Denkmal.« Er wartete ein paar Sekunden, bis der Angerufene die Daten notiert hatte. »Ja, Knoll-Denkmal«, wiederholte er dann, während der Zug inzwischen wieder Fahrt aufnahm. »Ich geh mal davon aus, dass der Passagier, der die Notbremse zog’n hot, hier aus dem Zug geflüchtet ist«, bemühte er sich, hochdeutsch zu reden. Sein Gesprächspartner stellte wieder eine Frage, worauf er den Hörer vom Ohr nahm und sich den beiden Zeugen zuwandte: »Sie ham ihn beide also g’sehn? Wie hat er denn ausg’schaut?«

Der Rundliche zuckte mit den Schultern. »Ick hab ihn nur von hinten jesehn«, erklärte er mit Berliner Akzent. »Wat mir auffiel, war seen Mantel, so ein heller Mantel. Er trug ihn offen und ist im Gestrüpp hängen jeblieben.«

»Ja, das stimmt.«

»Und wo genau isser hin?«, hakte der Zugchef nach.

»Den Berg rauf«, erklärte die Frau eifrig und deutete in Richtung des nun langsam vorbeiziehenden Hangs.

Der Zugchef nahm wieder den Hörer ans Ohr und wiederholte diese Angaben. »Ich nehm an, Sie kennen das Gelände hier«, fügte er hinzu. »An der Geislinger Steige hat’s zünftige Steilhänge.« Sein Gesprächspartner ging auf diese Bemerkung nicht ein, sondern versprach, sofort die Bundespolizei zu verständigen.

Der Zugchef beendete das Telefonat und brachte einen Notizblock zum Vorschein. »Darf ich Sie um Ihre Personalien bitten – als Zeugen?«

»Wat heißt hier Zeuge? Ick hab nur eenen wegrennen sehn. Mehr nicht«, stellte der Mann klar, der einen Kopf kleiner war als der Zugchef und einen Aktenkoffer bei sich trug.

Die Frau blieb gelassen.

»Waldinger. Lara Waldinger. Ich kann Ihnen gern meine Karte geben.«

Der ICE schien wieder seine 70 km/h erreicht zu haben. Während er eine scharfe Rechtskurve beschrieb, entdeckten die links sitzenden Passagiere in der Talaue eine rundum eingewachsene Wasserfläche, in der sich der blaue Morgenhimmel spiegelte. Noch lag die Landschaft dort unten in den langen Schatten der Hänge.

Auch der Berliner war inzwischen bereit, seinen Namen notieren zu lassen:

»Clemens Probost. Clemens mit ›C‹ und Probost mit ›b‹ in der Mitte.«

Noch während der Zugchef schrieb, tauchte aus dem Gang entgegen der Fahrtrichtung ein atemloser Mann auf, dessen aschfahle Gesichtsfarbe höchste Anspannung verriet. »Kommen Sie«, unterbrach er den Zugchef bei seiner Amtshandlung. »Kommen Sie.« Schon verschwand er wieder in dem schmalen Gang, der hier links an drei separaten Abteilen vorbeiführte.

Der Zugchef und die beiden Zeugen sahen sich fragend an. Dann steckte der Bahnbedienstete seinen Notizblock in die Außentasche seines blauen Jacketts und folgte dem Mann, der gleich an der ersten Abteiltür stehen geblieben war. »Hier«, sagte er mit zitternder Stimme. »Hier.« Er deutete mit dem Zeigefinger auf die Glasscheibe der zugezogenen Tür. Der Zugchef warf einen flüchtigen Blick in das Abteil. Da saß ein Mann, vermutlich schlafend, jedenfalls zusammengesunken. Der kleine Berliner riskierte einen Blick an der Schulter des Bahnbediensteten vorbei, während die Schwarzhaarige zwei Schritte zurückblieb. Für einen Moment standen sie ratlos und irritiert nebeneinander. Hinter ihren Köpfen schob sich ein schroffer Albfelsen von der gegenüberliegenden Hangseite ins Blickfeld der Fensterscheibe.

Der bleiche Fahrgast, der apathisch in das Abteil deutete und zu keinem zusammenhängenden Satz in der Lage war, sah die beiden Männer fassungslos an.

»Der … der ist tot«, sagte er nach ein paar Sekunden. »Sehen Sie nicht das Blut?«

Der ICE hatte gerade hoch über dem Stadtrand den Geislinger Talkessel erreicht, als sich der Zugchef erneut beim Lokführer meldete.

»Mir hab’n vermutlich a Leich an Bord«, stellte er sachlich fest und ordnete an: »Deshalb außerplanmäßiger Halt in Geislingen. Ich geb dem Fahrdienst Bescheid und lass die örtliche Polizei und den Notarzt ruf’n.« Der Lokführer bestätigte ebenso kühl, während er links vorn den Turm der Stadtkirche näher kommen sah. Außerplanmäßiger Halt wegen einer Leiche. Das würde einen längeren Aufenthalt bedeuten, dachte er und bereitete sich auf das sanfte Abbremsen vor. Vielleicht konnten sie den Zug auf ein geeignetes Gleis lenken, damit der übrige Verkehr nicht beeinträchtigt wurde.

Der schneeweiße ICE schlängelte sich gerade an der Altstadt entlang, als der Zugchef erneut die Transportleitung in Karlsruhe anrief.

»Mir ham an Erschossnen an Bord«, erklärte er knapp und wiederholte die Meldung, weil sie der Gesprächspartner offenbar nicht glauben wollte. »Ja, erschossen.« Und er musste noch einmal bekräftigen: »Einen Mann, der erschossen wurde. Wir halten in Geislingen.« Er beendete das Gespräch.

Die beiden Männer und die Frau standen noch immer vor der zugezogenen Abteiltür und starrten auf das Blut, das aus der weißen Freizeitjacke des toten Passagiers gesickert war. Vermutlich Herzschuss, dachte der Zugchef. Die Augen des Toten waren weit geöffnet und fixierten einen Punkt auf der gegenüberliegenden Seite, als habe er noch bis vor wenigen Minuten jemandem ins Gesicht gesehen. Seinem Mörder, durchzuckte es den Zugchef. »Nichts anfassen«, befahl er und wandte sich an den noch immer bleichen Mann, dem der Tote aufgefallen war: »Wie san S’ denn auf ihn aufmerksam g’word’n?«

»Im Vorbeigehen«, sagte der Angesprochene. »Ich wollt’ zu Ihnen nach hinten, weil ich den Mann, der ausgestiegen ist, auch hab wegspringen sehn. Einige Leute da vorn haben gesagt, dass Sie Zeugen suchen.«

»Können Sie’n beschreiben?«

»Sportlich, würd’ ich sagen«, erklärte der Zeuge und sah Hilfe suchend zu dem Berliner. »So, wie der den Hang raufgerannt ist, muss der mächtig Kondition haben.«

»Dat meen ick ooch«, bekräftigte Clemens Probost und konnte seinen Blick nicht von dem Toten abwenden.

»Und wie hat er ausg’schaut?«, wollte der Zugchef wissen.

Der bleiche Zeuge zuckte mit den Schultern. »Ich hab ihn nur von hinten gesehen. Aber sein Mantel, der müsste ziemlich zerrissen sein – bei dem vielen Gestrüpp.«

»Sein Alter?« Der Zugchef ließ nicht locker. Sie rollten jetzt auf den Bahnhofsbereich zu. Das Tempo des ICE verlangsamte sich.

»Dem Wegrennen nach nicht alt. 30 vielleicht, oder knapp 40, schätz ich. Aber das kommt auf die Kondition an.«

Der Berliner schaltete sich wieder ein: »Der war schnell auf und davon.«

»Haarfarbe oder sonstige Besonderheiten?«

Wieder zuckte der Zeuge mit den Schultern. »Das ging alles sehr schnell. Hätt’ ich gewusst, dass der ein Mörder ist, hätt’ ich natürlich genauer hingeschaut.«

Jetzt schaltete sich die Frau ein und sah auffordernd zu dem Berliner: »Aber Sie, Sie hätten ihn doch besser sehen müssen.«

Der Zugführer stutzte. »Wieso denn er?«

Die Angesprochene zögerte. »Der Herr und ich sind uns gerade im Gang begegnet, als der Zug scharf abgebremst hat – ja, und nachdem es uns nach vorn geschleudert hat und wir uns gegenseitig festhielten, sind wir zur nächsten Tür gegangen, um zu sehen, was geschehen war.«

Der Berliner nickte. »Da ham wir ihn dann davonrennen sehen.«

»Okay«, sagte der Zugführer, als der Zug auf Gleis 3 einfuhr, während auf Gleis 1, direkt vor dem Bahnhofsgebäude, ein Regionalzug stand. Dass hier ein ICE hielt, sorgte für gewisses Aufsehen. »Bleib’n S’ bitte hier, bis d’Polizei kommt«, entschied er und sah den beiden Männern und der Frau nacheinander in die Augen. Dann eilte er durch den Waggon, um von einer Sprechstelle aus die Passagiere zu informieren. »Werte Fahrgäste. Aufgrund einer technischen Störung hat unser ICE in Geislingen an der Steige einen außerplanmäßigen Halt. Über Ihre weiteren Anschlussverbindungen ab Stuttgart werde ich Sie rechtzeitig informieren«, bemühte er sich hochdeutsch zu sprechen, wobei sein bayrischer Akzent trotzdem unüberhörbar war. Der Zugchef hörte, wie im Waggon nebenan die Gespräche lauter wurden. Er vermied es deshalb, sich unter die Passagiere zu mischen, sondern verließ den Zug, nachdem die Türen kurz freigegeben worden waren, um auf dem Bahnsteig zum Erste-Klasse-Waggon zu gehen und dort wieder einzusteigen. Der Berliner und die beiden anderen Zeugen standen noch immer vor dem geschlossenen Abteil und versuchten, andere Passagiere davon abzuhalten, einen Blick ins Innere zu werfen.

Schon heulten näher kommende Martinshörner. »Die werden nix mehr zu retten hab’n«, meinte der Zugchef. »Aber sicher ist sicher.« Die drei anderen nickten zustimmend. Augenblicke später fuhr der Rot-Kreuz-Rettungswagen seitlich des Bahnhofs bis zur Fußgängerunterführung vor. Der Zugchef sprang aus dem Waggon und gab zwei Rettungssanitätern per Handzeichen zu verstehen, wo sie gebraucht wurden. Sie unterquerten die Gleisanlage, rannten am Zug entlang nach hinten und waren in wenigen Sekunden bei dem leblosen Mann im Abteil. Doch es reichten wenige Handgriffe, um zu erkennen, dass jegliche Hilfe zu spät kam. Unterdessen näherten sich weitere Sirenen und ein Mann in weißer Kleidung und mit Metallkoffer spurtete nun ebenfalls zum hintersten Erste-Klasse-Waggon. Es war der Notarzt, der sofort bestätigte, was die Sanitäter befürchtet hatten. »Das war ein Schuss«, stellte er fest und deutete auf das Blut, das aus dem Jackett des Toten gesickert war. Auf dem Gang entlang der separaten Abteile drängten sich jetzt immer mehr Schaulustige. Der Notarzt drehte sich zum Zugchef, während draußen die Sirenen weiterer Einsatzfahrzeuge lauter wurden: »Der, der das getan hat, muss im Zug gewesen sein.«

Der rundliche Berliner, der einen kleinen Aktenkoffer mit bunten Aufklebern bei sich trug, schluckte. Lara Waldinger und der andere Mann sahen sich irritiert an und beobachteten, wie die Schaulustigen mühsam auf Distanz gehalten wurden. Zugchef Huber pflichtete dem Notarzt bei: »Da ham’s recht.«

4

9.28 Uhr. Die zahlreichen Einsatzfahrzeuge, die mit zuckenden Blaulichtern auf dem Bahnhofsvorplatz standen, hatten inzwischen großes Aufsehen verursacht. Streifenbeamte sperrten die Unterführung zum Bahnsteig 2 mit rot-weißen Plastikbändern ab. Der auf Gleis 1 stehende Regionalzug diente in gewisser Weise als Sichtschutz. Auch der nahe Fußgängersteg, der über die Gleisanlage führte und der für Schaulustige ein günstiger Aussichtspunkt gewesen wäre, durfte jetzt nicht mehr betreten werden.

Die Passagiere des ICE wurden über Megafon gebeten, auf ihren Plätzen zu bleiben. Aussteigen konnten sie ohnehin nicht, weil die Türen geschlossen blieben. Reisende, die auf der linken Seite saßen, beugten sich dicht an die Scheiben, um auf diese Weise zu erspähen, was sich draußen auf dem Bahnsteig tat. Die Gespräche drehten sich mittlerweile nur noch um den Vorfall, von dem kaum mehr als Gerüchte bekannt waren. Einige Fahrgäste machten ihrem Ärger über die Bahn Luft, die nichts als Verspätungen produziere. Andere kritisierten lautstark den Zugbegleiter, der bislang keine Auskunft darüber gegeben hatte, wie die verpassten Anschlüsse in Stuttgart oder Mannheim ausgeglichen werden konnten. Per Handy wurden Termine verschoben oder abgesagt.

Auf dem Bahnsteig trafen drei Männer der örtlichen Kriminalpolizei ein. Es waren Dienststellenleiter Rudolf Schmittke, sein junger Kollege Mike Linkohr und Herbert Fludium – das übliche Team, das tagsüber für unvorhergesehene Einsätze zur Verfügung stand. Sie wurden von einem uniformierten Oberkommissar in Empfang genommen und zum Zugende geleitet. Dort ließen sie sich von Zugchef Alois Huber die Situation schildern und die drei Zeugen vorstellen. Schmittke, ein kühler Blonder, der gelernt hatte, im Dienst keine Emotionen zu zeigen, folgte dem Zugführer zu der Sprechstelle, von der aus die Durchsagen für den gesamten Zug erfolgten.

»Meine Damen und Herren«, begrüßte er sachlich, »hier spricht die Kriminalpolizei Geislingen an der Steige. Wir möchten Sie bitten, im Zug zu bleiben. Es besteht keinerlei Grund zur Beunruhigung.« Er überlegte für einen Moment und sah aus dem Fenster, wo sein Blick auf eine triste Betonstützmauer fiel. »Wir benötigen Ihre Hilfe«, fuhr er dann fort. »Denn im Erste-Klasse-Abteil des zweiten Zugteils hat es ein Tötungsdelikt gegeben, weshalb wir dringend Zeugen suchen. Möglicherweise besteht ein Zusammenhang mit der vorausgegangenen Notbremsung. Falls Sie bereits zuvor im Zug oder während dieser Notbremsung verdächtige Wahrnehmungen gemacht oder eine verdächtige Person gesehen haben, sollten Sie sich dringend mit uns in Verbindung setzen. Wie gesagt, dies bezieht sich nur auf den zweiten, also den hinteren Zugteil. Wir lassen jetzt die Türen öffnen. Bitte steigen Sie nur aus, wenn Sie als Zeuge in Betracht kommen. Ich wiederhole: Nur aussteigen, wenn Sie als Zeuge in Betracht kommen. Sie erreichen uns in der Mitte der gekoppelten Züge.«

Schmittke stieg aus dem klimatisierten Waggon und spürte, wie ihm die vormittägliche Wärme eines sonnigen Julitages entgegenschlug. Während der Kriminalist zur beschriebenen Zugmitte ging, holten ihn bereits mehrere Personen ein, die ihm zu verstehen gaben, dass sie bei der Notbremsung einen Mann hätten wegrennen sehen. Schmittke drehte sich um und sah in die Gesichter von fünf Männern und drei Frauen.

»Danke für diesen Hinweis«, entgegnete er ihnen. »Wir müssen Ihre Angaben zu Protokoll nehmen und brauchen Ihre Personalien.« Er deutete auf Fludium, der die acht Personen ein paar Schritte vom Zug wegführte, um ihnen die notwendigen Formalitäten zu erläutern.

Schmittke und der junge engagierte Linkohr, der insgeheim hoffte, wieder bei einem kniffligen Fall mitarbeiten zu dürfen, wandten sich an den Berliner Clemens Probost sowie an Lara Waldinger und den anderen Mann, der seinen Namen mit Jochen Lemke angab und sich als 35-jährigen Computerexperten aus Castrop-Rauxel vorstellte.

Noch während sich die Kriminalisten die Beobachtungen schildern ließen, trafen die Kollegen der Spurensicherung ein, die sich zunächst ihre weißen Schutzmäntel überstreiften. Schmittke erläuterte kurz und knapp, worum es ging: »Gleich im ersten Abteil – rechts.«

Linkohr wandte sich auf Bitten Schmittkes von den drei Zeugen ab, um per Handy die Chefin der Kriminalpolizei in der Kreisstadt Göppingen zu verständigen. Manuela Maller war jedoch bereits vom Polizeiführer vom Dienst informiert worden und hatte angesichts der vielen Personen, die es aus dem ICE möglicherweise zu vernehmen galt, sofort Verstärkung losgeschickt – und zwar unter der Leitung von Kriminalhauptkommissar August Häberle. Der galt als erfahrenster Ermittler weit und breit, hatte jahrelang beim Landeskriminalamt in Stuttgart die kompliziertesten Fälle bearbeitet und war schließlich wieder freiwillig in die schwäbische Provinz zurückgekehrt.

Noch immer hatten alle das Heulen von Martinshörnern im Ohr. Jetzt traf die Bundespolizei aus Ulm ein, deren Beamte sich ebenfalls ein Bild von der Situation verschaffen wollten. Während sich auf dem Bahnhofsvorplatz immer mehr Neugierige versammelten, nahm auch die Zahl der Einsatzkräfte auf dem Bahnsteig zu. Streifenbeamte hatten alle Hände voll zu tun, die Passagiere, die keine Zeugenaussage machen konnten, aber trotzdem ausgestiegen waren, in den Zug zurückzuverweisen.

Linkohr, der inzwischen wieder bei Fludium und den drei wichtigsten Zeugen stand, notierte deren Personalien und machte sich kurze Notizen von den Aussagen. Unterdessen erschien einer der mit weißen Overalls bekleideten Kollegen der Spurensicherung an der Waggontür und erläuterte:

»Es war ein Schuss. Direkt in die Brust.« Für einen kurzen Moment sahen sie sich schweigend an. Schmittke ergriff als Erster wieder das Wort: »Hat er Papiere bei sich? Oder Gepäck? Weiß man, wer er ist?«

Der Spurensicherer schüttelte den Kopf.

»Wer er ist, wissen wir nicht. Hat keine Dokumente dabei, nur seine Fahrkarte, ausgestellt von Ulm nach Mannheim, ein Rückfahrticket. Außerdem gibt’s ein abgeschaltetes Handy, einen alten Geldbeutel mit knapp 200 Euro, einen Schlüsselbund mit VW-Autoschlüssel und Hausschlüssel und ein Notizbuch mit unzähligen Telefonnummern.«

»Ist doch immerhin etwas«, stellte Schmittke mit gewisser Erleichterung fest. »Und das Projektil?«, hakte er sofort sachlich nach.

»Steckt im Leder vom Sitz. Aber eine Hülse haben wir bis jetzt nicht gefunden.« Hinter ihm tauchte sein ebenfalls weiß gekleideter Kollege auf. »Noch etwas«, sagte dieser und hielt einen kleinen Schein zwischen den behandschuhten Fingern:

»Eine Parkkarte vom Parkhaus ›Deutschhaus‹ in Ulm. Eingefahren um 8.32 Uhr heut früh.«

5

Häberle hatte sich die Situation schildern lassen und danach mit sonorer und beruhigender Stimme die Fahrgäste über die bordeigene Lautsprecheranlage informiert. Er bat um Verständnis für den Aufenthalt und erklärte, was im Erste-Klasse-Waggon am Ende des Zuges geschehen war. Anschließend forderte auch er alle Fahrgäste auf, sich als Zeugen zu melden, falls sie Verdächtiges beobachtet hatten oder möglicherweise den getöteten Mann kannten. Unterdessen ließ Schmittke prüfen, ob der Tatortwaggon abgekoppelt werden konnte. Er vermutete, dass dies innerhalb des Geislinger Bahnhofbereichs, in dem es noch Überholgleise gab, möglich sein musste. Häberle hatte dies vorgeschlagen, um den Wagen nach allen Regeln der Kriminalkunst, vor allem aber der Technik, untersuchen lassen zu können. Wer jedoch die Entscheidung zum Entkuppeln des Zuges treffen durfte, vor allem aber, was dann mit den Passagieren dieses Waggons geschehen sollte, vermochte der Chefermittler nicht zu sagen. Dies würde ohnehin den Bahnverantwortlichen obliegen. Inzwischen war die Schar der Neugierigen, die sich auf dem Vorplatz außerhalb der polizeilichen Absperrung drängten, auf annähernd 100 Personen angewachsen. Darunter erspähte der Kriminalist den örtlichen Polizeireporter Georg Sander, dem das Spektakel natürlich nicht entgangen war und der dem Ermittler über die Gleise hinweg zuwinkte. Er blieb jedoch hinter dem rot-weißen Plastikband und wartete geduldig, bis Häberle einen Uniformierten anwies, ihn zu holen.

Sander und der Chefermittler kannten sich seit Jahrzehnten. Sie schüttelten sich freundschaftlich die Hände. »Wieder ein Fall in der Provinz«, stellte der Journalist fest und konnte eine gewisse Begeisterung für ein schlagzeilenträchtiges Ereignis nicht unterdrücken.

»Man könnte meinen, hier tobt so langsam das Verbrechen«, entgegnete der Kriminalist, um dann aber gleich abzuwehren: »Ich geh mal von einem überörtlichen Fall aus. Wir sind wohl eher zufällig zum Tatort geworden.«

Sander, der ebenso wie Häberle mit Land und Leuten bestens vertraut war, die Mentalität der Menschen kannte und vor allem eine profunde Ortskenntnis besaß, hatte lediglich erfahren, dass am Bahnhof ein ICE stand und ein Großaufgebot an Einsatzfahrzeugen ausgerückt sei. »Worum geht’s denn?«, fragte er deshalb.

»Wir haben eine Leiche im Zug«, erwiderte Häberle leise und wohl wissend, dass für Presseauskünfte eigentlich der Pressesprecher der Polizeidirektion im fernen Göppingen zuständig war. »Erschossen. Mehr wissen wir momentan nicht.«

Sander, ein Mittfünfziger, der seinen Job lange genug machte, um zu wissen, dass er in den ersten Stunden nach einem Verbrechen noch keine Details erwarten konnte, hakte vorsichtig nach: »Wann können wir telefonieren?«