cover-image-1.png

 

Titel

Hans Lebek

Todesschläger

Golferkrimi

Impressum

Alle Personen und Namen sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig

und nicht beabsichtigt.

 

 

 

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

 

 

© 2005 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 07575/2095-0

info@gmeiner-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten

3. Auflage 2009

 

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von photocase.de

ISBN 978-3-8392-3216-3

 

 

Bibliografische Information

der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese

Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet

über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Prolog

Es war für die dick gekleidete Person erstaunlich leicht gewesen. Ein kurzer, heftiger Stoß und der Skifahrer, der ein wenig tiefer als sie selbst und ganz dicht an der Klamm stand, verlor das Gleichgewicht. Mit den Händen schien er in der Luft verzweifelt nach einem Halt zu suchen. Vergeblich. Wie in Zeitlupe kippte er über die Kante. Sein Schrei wurde durch das Getöse des Wasserfalls verschluckt. Die Skistöcke, die durch Lederschlaufen an den Handgelenken gefesselt waren, schienen einen imaginären Trommelwirbel zu schlagen. Beim ersten Aufprall an einer der zahlreichen, hartkantigen Felsvorsprünge trennten sich die Skier von dem immer tiefer Fallenden. Sich noch mehrfach überschlagend, blieb er schließlich ganz dicht neben dem quirlenden Bachlauf liegen.

Die Person am Rande der Klamm schaute zufrieden durch eine klobige Schneebrille nach unten und wartete noch mehrere Minuten, um zu sehen, ob sich sein Opfer, das mehr als hundert Meter tief gestürzt sein musste, noch bewegen würde. Leicht aufgrunzend, dezent nickend schob sie sich rückwärts vom Abgrund weg. Sie war sich sicher, dass es eine perfekte Arbeit gewesen war. Prüfende Blicke in die Umgebung überzeugten sie, dass sich weit und breit kein Mensch an dieser entlegenen, gefährlichen Stelle aufhielt und sie beobachtete. Noch ein flüchtiger Blick auf den wolkenverhangenen Himmel, und sie wusste, dass es bald wieder zu schneien beginnen würde.

Genüsslich mit der Zunge schnalzend, drehte sie sich um und fuhr talwärts davon, leichte Schneefähnchen hinter sich hochwerfend.

 

 

Jahre später …

 

 


1

 

Wenn Alexander Suller geahnt hätte, was auf ihn zukommt, wäre er nie auf den Plan seines Vaters eingegangen.

So aber stand er mit ihm kurz vor sieben Uhr auf dem Herrenabschlag der zehnten Spielbahn der Golfanlage von Groß Kienitz, seinem Heimatplatz. Die milde Junisonne schickte weiche Strahlen schräg über die leicht geschwungene Landschaft und tauchte diese in ein zartes Grün.

Mit einer gehörigen Portion Frust im Bauch, jagte er seinen Golfball weit hinaus. Danach steckte er seinen Schläger in sein Tragebag, nahm eine kleine Videokamera aus der Tasche und schaltete sie lustlos ein.

»Mach erst einige Probeschwünge, damit du locker wirst und dann nehm ich dich auf«, riet er, in leicht gequältem Tonfall, seinem Vater.

Dieser streifte sich umständlich einen weißen Handschuh über die linke Hand und begann danach wild den Driver hin und her zu schwingen, bevor er sich ebenfalls auf den Abschlag stellte und sorgfältig einen Ball vor sich hinlegte.

Alexander postierte sich hinter ihm, drückte auf den Auslöser der Kamera und nahm den ersten Abschlag, der mit Müh und Not das Fairway erreichte, auf. Achselzuckend schaltete er die Kamera wieder aus, warf sich seine Tragetasche über die Schulter und marschierte in die Richtung zu dem Ball los, den sein Vater soeben geschlagen hatte. Sein eigener Ball lag fast doppelt so weit vorn, mitten auf dem Fairway.

»Hast du alles so aufgezeichnet, wie wir es vorhin abgesprochen haben?«, fragte sein Vater mit kraus gezogener Stirn, hinter ihm herlaufend.

»Jaaa! Habe ich!«, stöhnte Alexander auf.

»Dann weiter«, ordnete sein Vater etwas ungnädig an.

Geduldig nahm er auch die folgenden Schläge seines Vaters auf und spielte nebenbei, völlig unkonzentriert, auch noch seinen eigenen Ball.

Am nächsten Loch, einem 160 Meter langen Par 3, musste er mit ansehen, wie sein Vater mächtig ausholte, den Mund dabei stark verzog, die Zunge etwas herausstehen ließ und mit voller Wucht auf den Ball einschlug, so stark, dass es laut knallte und der Ball wie geprellt nach vorne rechts, flach im tiefen Gras verschwand.

»Scheibenhonig!«, hörte er ihn lautstark fluchen, »den finden wir nie wieder!«

Genüsslich nahm Alexander auch diesen Ausruf auf.

»Dresch’ nicht so drauf, Papa, dann fliegt der Ball kontrollierter«, riet er ihm schmunzelnd, fuhr sich kurz mit seiner schlanken Hand durch die blonden Haare und ließ seine Videokamera weiterlaufen.

Die kleine, weiße Kugel kam beim nächsten Schlag immerhin kurz vor dem Grün zum Liegen. Dieses Loch hätte sein Vater par, also mit drei Schlägen, gespielt, wenn er nicht zuvor einen Ball verschlagen hätte.

Auch am nächsten Abschlag wiederholte sich diese Prozedur. Er schlug gekonnt seinen Ball weit auf das Fairway hinaus und filmte danach den Schlag seines Vaters. Dessen Ball flog dieses Mal zwar gut zweihundert Meter weit, aber nach links gekrümmt wie eine Banane. Alexander vermutete, dass er in ein tiefer liegendes, kaum zu erkennendes Sandhindernis gerollt war. Noch etwas weiter links und der Ball wäre im angrenzenden Wald verschwunden.

»On the beach«, kommentierte er deshalb gequält grinsend diesen mittelmäßigen Schlag seines Vaters und schaltete danach die Kamera wieder aus. Angespannt setzte er sich in Bewegung. Er ahnte was jetzt kommen würde. Zu schlecht waren die Schläge seines Vaters bisher gewesen.

Den Schläger in das Bag pfeffernd, folgte ihm dieser.

Der leichte Morgentau lag hier am Rande des Waldes noch gut sichtbar über dem Gras und den flachen Büschen und erzeugte so den Eindruck einer unberührten Natur. Der hellblaue Himmel stand in dezentem, farblichem Kontrast zu diesem Bild und vollendete es perfekt.

Langsam schlenderte er das Fairway hinunter, mit seinem Vater erneut über das leidige Thema Schule heftig diskutierend. Er wollte die Schule schmeißen, weil er vor kurzem durchs Abitur gerauscht war. Golf interessierte ihn viel mehr und er hatte in diese Sportart wohl in letzter Zeit zu viel investiert.

»Es ist mir ganz und gar nicht egal, dass du die Schule schmeißt«, fuhr ihn sein Vater stocksauer an.

Alexander winkte unwirsch ab.

»Wozu soll die Penne denn gut sein? Ich kann doch erst einmal eine Pro-Lehre machen und dann richtig dick Kohle verdienen«, versuchte er es noch einmal. Er fühlte sich hundeelend. Er ärgerte sich maßlos, dass er sich von seinem Vater zu solch einer Golfrunde hatte überreden lassen. Aber was hätte er dagegen sagen sollen?

»Das ist doch nichts Halbes und nichts Ganzes!«, argumentierte sein Vater, wild mit einer Hand in der Luft herum fuchtelnd. »Mach erst einmal deinen Abschluss, dann kannst du immer noch Golflehrer werden.«

Diese Argumente kamen ihm so aufgesetzt, so falsch vor.

Inzwischen hatten sie sich dem etwas tiefer liegenden Fairwaybunker, in den der Ball gerollt sein musste, genähert. Es handelte sich um eine gut zwanzig Meter lange und fünf Meter breite, etwas nierenförmige, flache Vertiefung, welche gänzlich mit feinem Sand aufgefüllt war und die Aufgabe hatte, Golfspielern das Leben schwer zu machen. Sie war der extra angelegte Feind des Golfsportlers und rief meistens missbilligende Laute oder ein schadenfrohes, verstecktes Grinsen hervor, je nachdem, wer gerade den Ball darin versenkt hatte.

Er befand sich nur noch wenige Meter vor dem Hindernis, als sein Vater einen erstaunten Laut ausstieß:

»Ähh! Schau mal, Alex, da liegt doch jemand mitten im Bunker.«

In diesem Moment erblickte auch er die liegende Gestalt und blieb ruckartig stehen, um sich gleich wieder in Bewegung zu setzen.

Mit schnellen Schritten überholte er seinen Vater, näherte sich dem Bunker und hatte plötzlich das Gefühl, jemand hätte gegen seine Brust geschlagen. Er glaubte seinen Augen nicht trauen zu dürfen und spürte, wie ihn sein Vater mit der linken Hand zurückhielt, als er im Begriff stand, in das Hindernis zu stürmen.

»Bleib stehen, Alex!«, hörte er die eindringliche Stimme seines Vaters an seinem Ohr. »Siehst du nicht, was da los ist?«

»Nein!«, antwortete er, obwohl er das Gegenteil meinte. »Wieso … Oh! Oh! Doch. Das gibt’s doch gar nicht!«

Schluckend und tief durchatmend blieb er am Rand des Hindernisses stehen und schaute hinein: Ein Mann lag bewegungslos rücklings, ziemlich genau in der Mitte, im Sand. Ohne ein ausgebildeter Arzt sein zu müssen, konnte er erkennen, dass in diesem Menschen kein Leben mehr war, denn präzise über der Nasenwurzel steckte ein Golfschläger tief in der Stirn, der Schaft lag über der Brust und das Griffende auf dem Unterleib. Auf dem hageren, bleichen Gesicht waren mehrere Rinnsale Blut zu erkennen, die Augen starr geöffnet. Am Fußende lag ein weißer Golfball, der den Endpunkt einer gekrümmten Spur markierte.

Obwohl Alexander wusste, dass er über eine Bombenkondition verfügte, hatte er in diesem Moment weiche Beine. Er spürte den Blick seines Vaters auf sich ruhen und hörte, wie von weitem, dessen Worte:

»Lauf zum Clubhaus und warte dort auf die eintreffende Polizei. Ich rufe jetzt sofort mit meinem Handy dort an. Lass die Anlage von der Clubleitung, wenn sie kommt, erst einmal sperren. Ich bleibe hier und warte auf die Polizei. Also los, weg mit dir!«

Mit diesen Worten wurde ihm von seinem Vater die Kamera von der Schulter gezogen und er wurde sachte Richtung Clubhaus geschoben. Willenlos ließ er es mit sich geschehen. Dankbar wandte er sich um und rannte los. Er spürte deutlich die harten Schläge seiner wild hin und her schleudernden Golfausrüstung, welche quer über seinem Rücken hing – und gerade dies ließ ihn innerlich wieder ruhiger werden. Als er noch einmal einen Blick zurück zu seinem Vater warf, sah er, wie dieser kopfschüttelnd ein Handy wegsteckte und mit der Videokamera den Bunker und die Umgebung zu filmen begann. Danach verschwand die zwölfte Bahn hinter den Büschen und seine Nerven begannen sich zu entspannen. Das war eindeutig zu viel für ihn gewesen.

 

Ganz langsam und vorsichtig, eng am linken Rand des zwölften Fairways fahrend, näherte sich ein weißer Ford Kombi. Ein rotierendes Blaulicht war auf dem Fahrzeugdach mittels eines Saugnapfes angebracht. Diesem Wagen folgte ein kleiner Konvoi ähnlicher Fahrzeuge. Mit leicht quietschenden Bremsen hielt der Kombi direkt neben einem leicht gebeugt stehenden Mann, der einige Meter vor dem Sandbunker stand. Mit einem lauten Ächzen stieg Kriminalhauptkommissar Michael Schlosser aus. Seine buschigen, angegrauten Augenbrauen hochziehend, näherte er sich, sein linkes Bein leicht nachziehend, dem Unbekannten. Langsam, jedes Wort betonend, sprach er ihn an, der walrossartige Schnauzbart zitterte dabei etwas:

»Guten Tag. Mein Name ist Schlosser, Kripo Berlin, Hauptkommissar. Haben Sie die Polizei gerufen?«

»Allerdings. Guten Morgen. Mein Name ist Martin Suller. Mein Sohn und ich haben das hier entdeckt«, erhielt er, etwas stoßweise hervorgebracht, als Antwort.

Als bei diesen Worten Suller ein wenig zur Seite trat, bekam er den Blick auf den gesamten Sandbunker frei. Seine Augenbrauen zogen sich noch ein wenig höher in die breite Stirn, als er den Toten erblickte. Neben ihm tauchte in diesem Moment ein ziemlich hagerer, groß gewachsener Mann mit einem hakennasigen, streng wirkenden Gesicht auf, der sich Suller mit einer leicht fisteligen Stimme vorstellte:

»Grüß Gott. Genko Genske mein Name. Kommissar Genske.«

Schlosser trat einen kleinen Schritt zur Seite, damit sein Mitarbeiter, der ihn fast um einen halben Kopf überragte, ebenfalls die Leiche sehen konnte.

»Sakra!«, hörte er ihn aufstöhnen und sah, wie dieser aus seiner braunen, übergroßen Lederjacke, welche er jahrein, jahraus trug und die wie ein Lappen an seinem Körper hing, ein kleines Stullenpaket zog und es auszupacken begann. Er arbeitete schon jahrelang mit Genko zusammen, aber diese Eigenart entlockte ihm immer wieder ein Kopfschütteln. Langsam wandte sich sein Blick erneut dem Toten im Sandbunker zu.

»Das ist aber mysteriös«, begann er laut zu grübeln, »nur eine Fußspur, die hineingeht und sonst nichts. So wie diese Sandfläche geharkt ist, würde ich sagen, dass dort vor kurzem keine weitere Person drinnen war.«

»Wieso das, Chef?«, fragte ihn der Hagere, die Nasenflügel leicht aufblähend, herzhaft in eine Stulle beißend.

»Wenn jemand nachträglich seine Spuren durch Harken beseitigt hätte, müsste man das deutlich sehen, oder wie sehen Sie, als Golfspieler, das, Herr Zuller«, wandte sich Michael Schlosser an den bleichen Golfspieler.

»Suller, Herr Kommissar, Suller!«, knurrte ihn der Gefragte an, »aber Sie haben Recht. Diese Sandfläche, die wir als Bunker bezeichnen, wurde gestern Abend mit einer Maschine geharkt und danach war außer dem Toten niemand mehr drin. Man würde die angefeuchtete Oberfläche beim jetzigen Harken augenblicklich so umgraben, dass die Oberfläche trocken wäre. Ich zeige Ihnen das mal an einer entlegenen Ecke des Bunkers!«

Suller ging ein paar Meter weiter, nahm flink eine der herumliegenden Harken in die Hand, machte zwei Schritte in den Bunker und verließ ihn rückwärts wieder. Gründlich begann er danach die Spuren zu beseitigen. Obwohl der Sand wieder vollständig eben und dem anderen angepasst war, konnte jeder an der unterschiedlichen Färbung des Sandes sehr deutlich erkennen, dass Spuren beseitigt worden waren.

Anerkennend nickte Michael Schlosser dem Mann zu.

Im Hintergrund tauchten weitere Polizeifahrzeuge auf und näherten sich langsam. Die ersten Schaulustigen erschienen nun ebenfalls, wurden aber von den neu angekommenen Polizisten weit vor dem Tatort zurückgehalten. Er registrierte es mit Genugtuung. Schaulustige waren ihm immer ein Gräuel.

Einen prüfenden Blick in das Gesicht Sullers werfend, fragte er:

»Kennen Sie den Toten?«

»Tja Irgendwie kommt er mir bekannt vor …, aber er ist so ja kaum zu erkennen. Wenn das Eisen nicht in seinem Kopf stecken würde, könnte ich vielleicht mehr dazu sagen«, kam etwas stockend, schulterzuckend die Antwort.

Michael Schlosser bemerkte, wie sein Mitarbeiter den Mann entgeistert anschaute und lospolterte:

»Was heißt hier Eisen in seinem Kopf? Der wurde mit einem Golfschläger erschlagen!«

»Äh? … Ach ja!«

Jetzt erst schien Suller die Aufregung des Beamten zu verstehen. »Den Golfschläger, der dort in der Stirn des Toten steckt, bezeichnen wir Golfer als Eisen. Im Gegensatz zu den Hölzern, die inzwischen zwar auch aus Metall sind, aber eine andere Form haben. Verstanden, Herr Kommissar?«

Genkos Mund klappte auf, schloss sich wieder und klappte erneut auf:

»Na ja. Ich muss ja wohl nicht verstanden haben, was bei diesem Rentnersport alles wichtig ist. Fest steht, dass der Schläger die Tatwaffe ist, egal ob er aus Eisen oder aus Holz ist.«

Es tat Schlosser gut, zu sehen, dass nicht nur er nicht ganz verstanden hatte. Er bemerkte, dass inzwischen der Tatort weiträumig mit rot-weißen Bändern abgesperrt worden war und die Spurensicherung sowie ein Fotograf ihre Arbeit begonnen hatten. Immer wieder grüßte er kurz, fast unmerklich, ihm bekannte Polizisten.

Dem Arzt, einem Pathologen der Rechtsmedizin, der als Letztes gekommen war, erteilte er die Erlaubnis, den Toten zu untersuchen. Als er sah, wie der Mediziner vorsichtig das Blatt des Golfschlägers aus der Stirn des Mannes zog und die Blutspuren im Gesicht entfernte, hatte er, wie schon oft zuvor, das Gefühl, dass das ganze Leben nur eine sinnlose, vorübergehende Episode war.

»Wie lange könnte der Mann schon tot sein, Knochensäge?«, fragte er, um schnell wieder von seinen trüben Gedanken loszukommen.

»Mindestens eine Stunde, aber auf keinen Fall länger als zwei Stunden, Hinkebein. Das Blut ist noch nicht ganz trocken gewesen und die Leichenstarre ist noch nicht einmal im Ansatz eingetreten.«

»Kann der Schlag mit dem Golfschläger die Todesursache gewesen sein?«, dröhnte Genkos Stimme an sein Ohr.

»Darauf kannst du einen lassen«, erwiderte der Mediziner, meckernd lachend, »aber ganz genau kann das erst nach der Obduktion gesagt werden. Spätestens morgen Mittag habt ihr das Resultat. Von mir aus könnt Ihr jetzt den Toten durchsuchen und ihn dann abtransportieren lassen, oder hast du noch ’ne Frage, Michael?«

Der Hauptkommissar hatte mehrere, wollte aber keine stellen. Durch sein Gehirn jagten Bilder aus der Vergangenheit und ein tiefer Groll stieg wieder einmal in ihm hoch. Einem Golfschläger hatte er sein zerschmettertes Knie zu verdanken. Seit dieser Zeit konnte er es nicht mehr voll funktionsfähig benutzen und er war sehr wetterfühlig geworden … und hier lag nun ebenfalls ein Opfer eines solchen Sportgerätes. Also schüttelte er nur stumm seinen kräftigen Kopf und wies zwei Beamte brummend an:

»Tragt ihn vorsichtig heraus und zertrampelt mir nicht unnötig irgendwelche Spuren. Legt ihn dorthin!«

Er zeigte mit ausgestrecktem, linkem Arm auf eine Stelle auf dem Fairway, wohin sie den Toten legen sollten, und nickte dem Arzt zum Abschied kurz zu.

Sorgfältig durchsuchten er und Genko die Kleidung des Mordopfers und entdeckten eine Brieftasche, ein Schlüsselbund und einen Fahrzeugschlüssel. Michael Schlosser nahm diese Gegenstände und steckte sie in einen kleinen, durchsichtigen Plastikbeutel. Anschließend nahmen sie die Ausrüstung des Toten, ein graues Tragebag mit nur wenigen Schlägern, die sie im Gras neben dem Bunker gefunden hatten, unter die Lupe. Danach wurde der Tote in einen Zinksarg gelegt und abtransportiert.

Nachdem Michael Schlosser nichts gefunden hatte, was ihn der Aufklärung der Tat näher gebracht hätte, wandte er sich Martin Suller zu, der ein wenig in den Hintergrund getreten war, und fragte ihn:

»Haben Sie inzwischen den Toten erkannt?«

Den Kopf leicht wiegend, antwortete dieser, jedes Wort betonend, seinem Blick ausweichend:

»Äh … Irgendwie ja, aber ich weiß nicht genau in welchem Zusammenhang. Mein Namens- und Personengedächtnis ist leider saumäßig. Trotzdem kenne ich ihn – nur woher?«

»Laut Ausweis heißt er Herrmann Wetzlar. Sagt Ihnen das etwas?«

Stumm schüttelte sein Gegenüber den Kopf und musterte scheinbar gründlichst seine weißen Golfschuhe.

Dankend verabschiedete sich Michael Schlosser von Martin Suller, gab ihm seine Visitenkarte und bat ihn, gemeinsam mit seinem Sohn am kommenden Vormittag in seinem Büro vorbeizukommen, um alles zu Protokoll zu geben. Dieser nickte nur stumm, nahm seine Ausrüstung und verließ den Tatort Richtung Clubhaus.

Seine Stirn in Falten legend, blickte Michael Schlosser dem hastig Davoneilenden hinterher.

 

Vor dem Clubhaus lief Alexander, blass und Fingernägel kauend, immerzu auf engstem Raum hin und her und hielt nach seinem Vater Ausschau:

»Weiß die Polizei schon, wer der Tote ist, Papa?«, wollte er, kaum dass dieser am Clubhaus eingetroffen war, wissen.

»Ja! Sie haben seinen Ausweis gefunden und wissen nun, dass es sich um Herrmann Wetzlar handelt.«

»Oh Schitt!«, entfuhr es Alexander.

Er wollte in diesem Moment auf keinen Fall mit den Kriminalisten sprechen. Nicht jetzt. Er wollte weg.

»Mir reicht’s für heute! Lass uns lieber nach Hause fahren, Papa.«

Er nahm, ohne eine Antwort abzuwarten, sein Golfgepäck und machte sich auf den Weg zum Auto. Sein Vater würde schon hinterherkommen.

 

Nachdenklich ließ Hauptkommissar Schlosser, auf dem Weg zum Clubhaus, die Bilder der vergangenen Ereignisse vor seinem inneren Auge Revue passieren. Der Tote, ein dunkelhaariger Mann, der laut Ausweis 54 Jahre alt sein musste, einen schlanken Körperbau aufwies und von seinem Gesichtsschnitt als gut aussehend einzustufen war, wurde eindeutig gewaltsam zu Tode gebracht. Trotzdem blieb ihm der Tathergang ein absolutes Rätsel. Hatte jemand dem Mann den Schläger so präzise an den Kopf geworfen, dass er wie ein Wurfbeil stecken blieb? Handelte es sich um einen Selbstmord? Konnte man sich selbst überhaupt derartig kräftig einen Schläger in den eigenen Kopf dreschen? Warum gab es keine fremden Spuren im Sand? Die Fußabdrücke, die in den Bunker hineinführten, gehörten eindeutig zu den Schuhen, die der Tote getragen hatte.

Es war ein mysteriöser Fall.

Durch den Fahrzeugschein, den er bei dem Toten gefunden hatte, konnte schnell der Wagen des Opfers auf dem Parkplatz gefunden werden. Zur Sicherheit hatte er das Fahrzeug zur Kriminaltechnischen Untersuchungsanstalt schaffen lassen. Man konnte ja nie wissen.

Wirklich ein mysteriöser Fall. Um weiterzukommen, würde wohl nur die Ochsentour helfen: Systematisch die Lebensverhältnisse und das Umfeld des Opfers durchleuchten.

Schon als er die Adresse des Toten gelesen hatte, ahnte er, dass es sich hier um einen betuchten Mann handeln musste. Das Gespräch mit dem Manager des Golfclubs, das sie im Clubhaus, an einem Tischchen sitzend, führten, bestätigte dies augenblicklich.

»Herr Wetzlar ist Hauptaktionär und Vorstandssprecher der Wetzlar-Werke. Er hat sich etwas aus der vordersten Reihe des Unternehmens zurückgezogen, wie er mir erzählt hat, und spielt deshalb sehr häufig ganz früh Golf. Er geht dann erst am späten Vormittag ins Büro«, erläuterte ihm der Manager, in einer kaufmännisch geschulten, kundenfreundlichen Art.

»War er ein umgänglicher Mensch?«

»Na ja! Ich weiß nicht. Ich bin mit ihm ganz gut ausgekommen, aber angenehm, na … ich weiß nicht.«

»Was meinen Sie damit?«

»Äh. Ja. Er war erfolgsverwöhnt und gewohnt zu herrschen. Das merkte man ihm irgendwie immerzu an. Also, nicht unbedingt ein sehr umgänglicher Typ, aber auch nicht penetrant unangenehm, wenn Sie verstehen was ich meine, Herr Kommissar.«

»Spielte Wetzlar mit irgendjemand häufiger Golf?«

»Nein! Das kann ich mit Sicherheit sagen: Nein! Es wollte keiner unbedingt mit ihm spielen und in Turnieren waren die meisten ganz froh, wenn sie nicht mit ihm spielen mussten.«

»Ach! … Muss ich das jetzt verstehen?«

»Ich meine damit«, erklärte der Manager, mit seinem Oberkörper leicht vor und zurück schwankend und mit seinem Zeigefinger wiederholt, leise auf die Stuhllehne pochend, »dass Herr Wetzlar einer der Menschen war, der anderen mit seinen Regelauslegungen auf den Keks gehen konnte. Er sah bei anderen ganz schnell irgendwelche Regelverstöße, nur bei sich selbst übersah er sie gerne.«

»Konkret: Er hat beschissen was das Zeug hielt. Kann man das so sagen?« wollte Schlosser grinsend wissen.

Er sah, wie sein Mitarbeiter den breiten Mund zu spitzen begann. Der Manager hörte mit seinem Zeigefinger zu pochen auf und steckte ihn bohrend in sein Ohr, als er leise antwortete:

»Na ja, so könnte man das sagen, aber bitte behalten Sie diese Einschätzung für sich, ja!«

»Sicher doch! Könnte er sich deswegen Feinde im Club gemacht haben?«

»Oh! Sie meinen, ob ihn deswegen einer …«

Mit einer Schlagbewegung mit der rechten Hand quer durch die Luft beendete der Manager seinen Satz. Die Augen weiteten sich. Heftig fuhr er fort:

»… Nie! Nie und nimmer! Viele nehmen zwar das Golfspielen ungeheuer ernst und sind fürchterlich verbissen. So mancher Schläger wird dann schon mal mit voller Wucht wütend in der Gegend herumgeschmissen, aber jemanden deswegen umbringen?? Nein, nie und nimmer!«

Ein kurzer Blick zu Genko zeigte dem Hauptkommissar, dass sein Mitarbeiter die gleichen Gedanken wie er zu haben schien. Tat sich hier ein Motiv auf? Konnte das den Tod des Mannes erklären? Das schien unglaublich simpel zu sein. Kannten sich dieser Suller nebst Sohn und der Tote vielleicht doch besser als sie zugegeben hatten? Waren sie gemeinsam auf der Runde gewesen und einer der beiden hatte vor Wut über sein eigenes, schlechtes Spiel, vielleicht völlig unbeabsichtigt, dem Mann den Schläger an den Kopf geworfen? Was ein Golfschläger alles anrichten konnte, hatte er selbst ja leidvoll genug erfahren müssen.

 

Nachdenklich fragte er nach: »Ist Ihnen vielleicht bekannt, ob der Tote heute Morgen mit irgendjemanden gemeinsam für eine Golfrunde eingebucht war?«

»Die ›Early-Bird-Spieler‹ buchen leider nie ein. Wenn wir morgens kommen, erfahren wir immer erst durch unsere Marshalls, wer sich so alles auf dem Platz herumtreibt. Nicht gerade selten sind es Gäste, die glauben, so um das Greenfee herumzukommen.«

Michael Schlosser registrierte den irritierten Blick seines Mitarbeiters und konnte sich ein feines Lächeln nicht verkneifen. Der Manager schien diesen Blick ebenfalls bemerkt zu haben und erklärte beflissen:

»Ein Marshall ist eine Art Platzwart und das Greenfee ist das Entgelt für eine Golfrunde.«

»Verstehe«, nickte Michael Schlosser. »Dann wäre es also möglich, dass die beiden Sullers mit Wetzlar gemeinsam auf der Runde waren?«

»Möglich schon, aber nicht sehr wahrscheinlich«, kam es prompt zurück.

»Warum denn nicht?«, hakte er augenblicklich nach.

»Weil Alexander Suller in einer anderen Spielklasse spielt und normalerweise nur in Turnieren auf Spieler mit einem bedeutend schlechterem Handicap trifft, wenn überhaupt.«

»Aber ausgeschlossen ist es nicht, oder?«

»Nein, aber wie gesagt, nicht sehr wahrscheinlich.«

Nach einigen weiteren belanglosen Fragen verabschiedete er sich vom Manager und befragte noch einige Angestellte und anwesende Golfspieler, ohne jedoch noch irgendetwas Interessantes in Erfahrung zu bringen.

Alexander Suller stand an diesem Nachmittag am Türpfosten der modernen Küche seines Elternhauses und kaute an seinen Fingernägeln. Sein Vater saß an einem kleinen Tisch in der Küche und erzählte seiner Mutter die Geschichte vom Vormittag.

»Was wolltet ihr eigentlich so früh auf dem Golfplatz?« fragte seine Mutter, mit ihrer hohen, spitzen Stimme, von der er wusste, dass sie immer dann so markant wurde, wenn sie sich aufregte.

Da Alexander ihren festen Blick auf sich gerichtet sah, fühlte er sich genötigt, zu antworten:

»Ich sollte Papas Schwünge während einer Golfrunde aufzeichnen, um seine Fehler mit ihm gemeinsam später analysieren zu können.«

»Was? Und dazu steht ihr so früh auf? Seid ihr bekloppt?«

»Na schau, Schatz«, fiel sein Vater ein, »ich wollte doch nicht, dass das jeder im Club mitbekommt.«

»Eitel und bescheuert!« Sie schüttelte den Kopf, zuckte mit den Schultern und hantierte weiter an einer alten Gründerzeitlampe herum, die sie am Vormittag günstig ersteigert hatte. »Und was habt ihr für Schwächen entdeckt?«

»Wir haben sie noch gar nicht ausgewertet, und ich weiß nicht, ob ich den Film wirklich sehen will. Mir ist irgendwie die Lust daran vergangen. Außerdem …«

Als sein Vater nicht weitersprach, hakte sie hartnäckig nach:

»Was außerdem …?«

»Ist der Tote auf dem Band zu sehen. Ich weiß nicht, ob ich die Bilder noch einmal sehen möchte. Es ist doch ein Unterschied, ob man im Fernsehen oder im Film Tote siehst, die man letztendlich nicht kennt, oder ob man eine Leiche sieht, die körperlich vor einem gelegen hat … und die man kennt.«

»Dann überlass den Film doch der Kripo, vielleicht hilft es dort ein wenig bei der Aufklärung dieser Gräueltat.«

Mutters Worte hatten in Alexanders Ohren so abschließend geklungen, dass sie ihm deutlich machten, dass sie über diesen Fall nichts mehr hören wollte.

»Das hatten wir ohnehin vor, Schatz«, hörte Alexander seinen Vater wie aus der Ferne sagen.

»Ich kann ja mal schnell eine Kopie machen und die übergeben wir dann morgen Kommissar Schlosser, Papa«, pflichtete er schnell bei und wollte schon seinen Platz am Türstock verlassen, als ihn sein Vater noch bat:

»Mach das, Alex, aber lass bitte die ersten zwei Löcher weg. Ich möchte nicht, dass jemand über meinen verballerten Abschlag an der Elf ablacht!«

»Eitel und bescheuert«, hörte er noch im Weggehen Mutter diese Bitte kommentieren und konnte sich ein innerliches Grinsen nicht verkneifen, obwohl er sich immer noch sauelend fühlte.

»Lösch ich, Papa«, rief er kurz zurück und verschwand im Kellerabgang. »Oder auch nicht«, nuschelte er leise hinterher.

 

 


2

Michael Schlosser saß bereits in seinem Dienstwagen, als Genko, eine dünne Akte unter dem Arm, holpernd angestürmt kam, sich hinter das Lenkrad warf und sofort loslegte:

»Himmelsackelzementhalleluhia, Chef! Das Datenmaterial aus unserem Zentralcomputer gibt nicht sehr viel her, was den Wetzlar angeht!«

Der Hauptkommissar konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Er fragte sich immer wieder, woher sein Mitarbeiter diese bayerisch klingenden Ausdrücke kannte. Genko war ein gebürtiger Preuße, von dem er wusste, dass dieser noch nie in Bayern war.

Und schon hörte er ihn, schnell wie ein Maschinengewehr, weiter vortragen:

»Der Mann war seit drei Jahren verheiratet. Das dritte Mal übrigens. Er hat mit dieser Frau, Leona mit Namen, keine Kinder. Wohnsitz Dahlem. Keine Vorstrafen. Aus erster Ehe hat er ein Kind, einen Sohn. Er war der Vorstandsvorsitzende der Wetzlar-Werke, ein Unternehmen, welches elektronische Bauteile für die Elektroindustrie herstellt. Er hat einen Bruder, Norbert, der fast zehn Jahre jünger und am selben Wohnsitz gemeldet ist. Auch dieser ist nicht vorbestraft, hatte aber schon etliche Male mit Finanzbehörden zu tun, wobei es nie zu einer Anklage kam. Clevere Anwälte und Steuerberater haben ihn ein ums andere Mal herausgehauen. Und das war’s dann auch schon.«

Ganz außer Atem nach einer derart langen Rede, hielt sein Mitarbeiter, dessen Adamsapfel wie ein wild gewordenes Jo-Jo auf und ab hüpfte, inne und warf ihm eine dünne Akte zu.

Gierig öffnete er die Akte und begann darin zu blättern.

»Ach ja! Norbert Wetzlar, der Playboy und Frauenheld«, nickte er und schnalzte leise mit der Zunge. »Von dem habe ich schon einiges gelesen – und das war nicht gerade das Vorteilhafteste. Die Ehefrau sagt mir nichts. Ich glaube, wir sollten sie zuerst aufsuchen und ihr die traurige Nachricht überbringen.«

»Und ihr gleich mal auf den Zahn fühlen«, ergänzte der Hagere breit grinsend und fuhr, hart anfahrend, los.

Michael Schlosser war froh, dass sein Partner während der Fahrt schwieg. So konnte er selbst in Ruhe nachdenken. Nach einer Weile hielt der Wagen vor einem großen, mit einem hohen Metallzaun umfriedeten Grundstück in Dahlem an. Im Hintergrund war ein herrschaftliches Gebäude, eingerahmt von uralten Laubbäumen, zu erkennen. Immer, wenn er vor einem derartigen, großen und schlossähnlichen Anwesen stand, beschlich ihn ein beklemmendes Gefühl. Nicht dass er Minderwertigkeitskomplexe gehabt hätte, aber die Art und Weise, wie sich die Bewohner solcher Objekte häufig verhielten, strotzte meist von einer Sicherheit und Überheblichkeit, dass er sich zusammennehmen musste, um nicht unüberlegt voreingenommen zu sein und aggressiv zu reagieren.

»Hier residierte also unser Opfer«, bemerkte sein Assistent überflüssigerweise und im Tonfall völlig respektlos, den Wagen gleichzeitig einparkend. »Beste Berliner Wohnlage und dann auch noch so bombastisch. Der muss steinreich gewesen sein.«

Das sah er anders. Er stieg stöhnend aus und antwortete, leicht den Kopf wiegend:

»Na, da würde ich vorsichtig sein. Sein und Schein – das ist meist zweierlei.«

Ohne eine Antwort abzuwarten ging er zum Außentor, drückte auf einen Klingelknopf und starrte in das erkennbare Auge einer kleinen Kamera. Nach geraumer Zeit war es endlich so weit:

»Wer sind Sie und was wollen Sie?«, kam knarrend eine dunkle Männerstimme aus einem kleinen Lautsprecher.

»Hauptkommissar Schlosser, Kripo Berlin. Wir wollen mit Frau Wetzlar sprechen.«

»Kommen Sie herein«, forderte die Stimme auf und ein Schnarren ließ die Tür aufspringen. Zügig trat er hindurch und hielt sie Genko, der schnell folgte, auf.

Als sie den Weg zu dem Haus gingen, sah er einen roten BMW Z 3 neben der Haustür stehen. Sie hatten den Eingang noch nicht einmal erreicht, als ein höchstens dreißigjähriger, sportlich wirkender, aber schlecht rasierter Mann die Tür öffnete und hastig zu dem Sportwagen eilte, schnell einstieg und mit aufröhrendem Motor und leicht durchdrehenden Reifen das Anwesen verließ.

Er schaute dem Wagen kritisch nach und notierte sich im Gedächtnis das Kennzeichen, als eine raue Männerstimme ihn und seinen Begleiter aufforderte, in das Haus zu treten. Er ging auf den bullig gebauten, dezent uniformierten Mann zu, hielt ihm seinen Dienstausweis unter die Nase und verlangte, Frau Leona Wetzlar zu sprechen. Mit einer mürrischen Bewegung bat der Mann ihn und seinen Begleiter in die stilvolle, große Empfangshalle. Im Hintergrund verlief eine ausladende Freitreppe, an den Wänden befanden sich uralte Gemälde irgendwelcher Personen. Der Mann ließ sie dort stehen und begann durch das Haustelefon leise mit jemandem zu sprechen.

»Ich darf Sie zu Frau Wetzlar bringen. Bitte folgen Sie mir.«

Mit diesen auffordernden, bewusst nasal gesprochenen Worten öffnete der Mann eine große, verzierte Tür und ließ die Beamten eintreten. Ein leiser Ausruf rutschte seinem Mitarbeiter heraus, als sie den Raum betreten hatten und vor der Hausherrin standen. Auch er war dicht daran gewesen, ein ähnliches Geräusch von sich zu geben, so überrascht war er:

Der Raum hätte sich wegen seiner Ausstattung und Pracht ohne weiteres in einem Schloss des siebzehnten Jahrhunderts befinden können. Das Sonnenlicht, welches durch große Fensterscheiben den Raum durchflutete, brachte die antike Einrichtung noch zusätzlich zur Geltung.

Umso deutlicher war der Gegensatz, den Leona Wetzlar darstellte. Sie war höchstens fünfundzwanzig Jahre alt und mit einem Hosenanzug in den knalligsten Farbtönen bekleidet, was auf ein sündhaft teures Designermodell schließen ließ. Das dunkelrote Haar entsprach der auffälligen Kreation modernster Couture. Die Lippen waren passend dunkelrot geschminkt. Sogar die Augenlider waren im gleichen Farbton gehalten. An den Händen waren mehrere schwere Ringe zu sehen und im Ausschnitt prangte eine lange Holzperlenkette. Wäre sie nicht so aufgetakelt und seiner Meinung nach scheußlich gekleidet, wäre sie eine bildhübsche junge Frau, dachte er in diesem Moment und war wieder einmal verwundert, wie sich Menschen bewusst derart hässlich machen konnten und sich dabei auch noch ganz besonders schick und cool vorkamen.

»Sie sollen Polizeibeamte sein«, schleuderte die Frau ihm herrisch entgegen. »Was wollen Sie von mir. Beeilen Sie sich, ich hab’s eilig!«

Nettes Früchtchen dachte er erbost, blieb aber trotzdem ruhig und sprach sie betont freundlich an:

»Sind Sie Frau Leona Wetzlar?«

»Ja, Mann! Also, was wollen Sie«, schnaubte sie, die Nasenflügel bebten.

»Wir haben leider eine schlechte Nachricht. Wollen Sie sich nicht lieber setzen?«

Jetzt hatte er den Eindruck, dass sie doch ein wenig verunsichert war. Ihr Blick irrte mehrmals zwischen ihm und Genko hin und her.

»Nein, ich kann Ihre Nachricht auch im Stehen hören. Außerdem … wie schon gesagt, hab’ ich’s eilig.«

»Wie Sie wollen«, murmelte er und fuhr lauter sprechend fort: »Ihr Mann wurde heute Morgen auf dem Golfplatz gefunden. Er ist tot.«

Schlagartig zog sie die Augenbrauen hoch und öffnete den Mund zu einem lang gezogenen, gehauchten »Ohhh.«

Ein Gefühl sagte ihm, dass sie nur bedingt wirklich betroffen war und es schien, als hätte sie die Worte noch gar nicht richtig verstanden.

»Ach ja! Er war wieder mal Golf spielen!«, stellte sie nur trivial fest.

»Ja, er war Golf spielen und wurde tot in einem Sandhindernis aufgefunden.«

Langsam trat sie rückwärts zu einem der schweren Sessel und setzte sich auf die breite Armlehne. Die Hand plötzlich vor den Mund schlagend, stieß sie mit hoher Stimme hervor:

»Ach du meine Güte! Er ist gestorben! Auf dem Golfplatz! Das ist ja schrecklich! Mein lieber Schatz! Mein Männi!«

Er bemerkte den kurzen Blick, den ihm Genko zuwarf. Zu allem Überfluss begann die Frau nun auch noch zu schniefen.

»Woran ist er denn gestorben, Herr Kommissar?«

»Er wurde ermordet, Frau Wetzlar!«

Er ließ diese Worte erst einmal wirken und hatte jetzt zum ersten Mal den Eindruck, dass sie doch ein wenig überrascht und betroffen war. Oder war es nun ein etwas besser gespieltes Theater?

Mit großen, inzwischen leicht verschmierten Augen sah sie den Sprecher an und schwieg.

»Wo waren Sie heute Morgen zwischen sechs und acht Uhr?«

Ihr Blick flog wieder zwischen den beiden Männern hin und her, um zuletzt auf dem Sofa zur Ruhe zu kommen. Stotternd, ziemlich leise antwortete sie:

»Äh … Also i…ich w…war den ganzen Morgen hier.«

»Kann das jemand bezeugen?«

Noch leiser, undeutlicher sprechend:

»Nein, wie denn? Ich hab’ doch geschlafen.«

»Sie waren also heute den ganzen Tag zu Hause?«

»Ja. Ja richtig«, antwortete sie, nun wieder mit festerer Stimme.

Der Hauptkommissar wartete, ob sie ihrerseits etwas fragen wollte. Als jedoch nichts von ihr kam, bat er sie, ihnen das Arbeitszimmer des Toten zu zeigen.

»Wozu denn das?«, brauste sie bei diesem Ansinnen auf.

»Schauns, gnä’ Frau, wir müssen uns einen genauen Eindruck von Ihrem Mann und seinem Umfeld machen, damit wir Hinweise auf den Täter und das mögliche Tatmotiv erhalten«, erklärte der Hagere geduldig und fuhr sich mit der Hand durch seine lichten Haare.

Ohne noch ein Wort zu verlieren, stürmte sie, vorbei an den beiden Männern, zur Tür und lief die Treppe hoch in die erste Etage. Schwungvoll öffnete sie eine Tür und trat in einen, mit altem Eichenholz getäfelten, Raum. Zwei Wände dieses Zimmers waren mit raumhohen Bücherregalen versehen. Direkt vor dem Fenster stand ein wuchtiger, mit reichlichen Schnitzereien verzierter Schreibtisch. Mehrere antike Stühle luden Besucher zum Platznehmen ein.

»Das ist das Arbeitszimmer meines Mannes. Daneben liegt sein Wohnzimmer und daneben sein Schlafzimmer und Bad«, erklärte Leona Wetzlar ungefähr so, als würde sie einem Hotelgast die Fürstensuite zeigen.

»Haben Sie getrennte Schlafzimmer, gnädige Frau?«, wollte Genko wissen, seine Augen wurden groß.

»Ja, haben wir. Er schnarchte immer. Brauchen Sie mich noch?«

»Nein, danke, Frau Wetzlar. Wir schauen uns hier etwas um und melden uns bei Ihnen, wenn wir fertig sind. Vielen Dank für ihre Hilfe.«

Sie nickte noch kurz, verließ dann flink den Raum, ohne die Tür zu schließen, und tippelte hastig die Treppe hinab. Michael Schlosser machte seinem Mitarbeiter ein Zeichen, leise zu sein, trat schnell durch die Tür und schaute der Frau nach. Dabei achtete er darauf, dass sie ihn nicht sehen konnte. Er erfasste noch, wie sie wieder in dem barocken Raum verschwand. So leise wie möglich humpelte er die große Freitreppe hinunter und näherte sich der schweren Tür. Vorsichtig legte er sein Ohr an die Tür und hörte noch undeutlich, wie Leona mit jemanden sprach. Da keine Antwort zu hören war, folgerte er, dass sie telefonierte.

»Was machen Sie da«, knurrte ihn unerwartet von hinten eine dunkle Stimme an, »wollen Sie Ärger haben, oder was?«

Seinen Schreck verbergend, drehte sich Michael Schlosser um und schaute dem bulligen Mann, der sie ins Haus gebeten hatte, gelassen in die Augen.

»Wir haben von Frau Wetzlar die Erlaubnis, uns hier im Haus umzusehen. Wir ermitteln in einem Mordfall!«, zischte er ihn an und fuhr selbstsicher fort: »Weil Sie gerade hier sind: Wo waren Sie heute Morgen zwischen sechs und acht Uhr.«

Erst einmal den Kopf ruckartig nach vorne streckend, dann aber ihn wieder zurückziehend, antwortete der Mann nun beflissen und keine Spur nasal:

»Ich habe seit sechs Uhr hier Dienst geschoben und war durchgehend hier. Wieso?«

»Die Fragen stelle ich hier. Was ist Ihre Aufgabe hier im Haus?«

»Ich habe Gäste zu empfangen, das Haus zu bewachen und für die Sicherheit der Bewohner zu sorgen.«

»Aha, ein Security-Mann also? Sind Sie der Einzige?«

»Insgesamt sind wir vier Sicherheitsmitarbeiter. Aber heute Vormittag habe nur ich allein Dienst. Er endet übrigens in einer Stunde.«

»Seit wann haben Sie Dienst?«

»Das sagte ich schon mal: Seit sechs. Aber ich war schon eine halbe Stunde früher anwesend.«

»Wer hat heute Morgen zwischen sechs und acht Uhr alles das Haus verlassen?«

»Nur Herr Herrmann Wetzlar. Es war wenige Minuten nach sechs Uhr.«

»Sonst niemand?«

»Nein.«

»Kam es öfter vor, dass er um diese Zeit das Haus verließ?«

»Ja, fast jeden zweiten Tag und manchmal sogar jeden Tag.«

»Kann man das Haus verlassen, ohne von Ihnen bemerkt zu werden?«

»Nein, das kann ich mir nicht vorstellen.«

»Um wen handelte es sich bei dem Mann in dem roten Sportwagen, der vorhin so flott davongebraust ist?«

»Diese Frage müssen Sie Frau Wetzlar stellen. Er war ihr Gast.«

Ein breites Lächeln des Security-Mannes folgte diesen Worten.

»Der Bruder von Herrn Wetzlar lebt ebenfalls hier?«

»Ja.«

»Hat er heute schon das Haus verlassen?«

»Nein, denn er ist schon seit zwei Tagen nicht mehr anwesend.«

»Wie viele Bedienstete, außer Ihnen und Ihren drei Kollegen, halten sich hier im Haus auf?«

»Insgesamt vier. Ein Gärtner, zwei Hausangestellte und eine Köchin.«

»Sind die allesamt hier?«

»Ja, sie wohnen im Nebenhaus.«

»Gut, vielen Dank. Halten Sie sich bitte zur Verfügung. Wir nehmen später noch Ihre Personalien auf.«

Nach diesen Worten ließ er den bulligen Mann stehen und begab sich zu seinem Mitarbeiter nach oben. Dieser hatte bereits mit der Durchsuchung des Raumes begonnen und musterte nun intensiv eines der Bücherregale.

»Nichts von Interesse, Chef. Der Mann war sehr ordentlich. Ich habe einige Bilder von ihm, seiner Frau und seinem Bruder eingesteckt. Einen Tresor oder ein Geheimfach konnte ich noch nicht finden. Die Unterlagen betreffen nur Privatkram. Was hältst du von der Ehefrau, Chef?«

Schlosser zog die Augenbrauen hoch:

»Wir reden besser später darüber. Es muss aber einen Tresor oder Ähnliches geben. An seinem Schlüsselbund befand sich ein entsprechender Schlüssel.«

»Na, dann heißt es eben weitersuchen«, grinste Genko.

Nach einer guten Stunde hatten sie alles Wesentliche gesichtet und konnten sich nun einen guten Eindruck von der Lebensweise des Mannes machen: Er war überaus ordentlich und korrekt gewesen. Es schien nichts Unerledigtes zu geben. Alles hatte seinen Platz. Alles zeugte von sauber gearbeiteter und durchweg bester Qualität. Aber es gab auch keinen Anhaltspunkt, warum er umgebracht worden sein könnte. Den Tresor hatten sie nicht gefunden, aber sie wollten auch noch nicht danach fragen.

Bevor sie das Haus verließen, nahm Genko noch die Personalien des Security-Mannes auf: Es handelte sich um einen Marco Blumenhagen, fünfunddreißig Jahre alt, wohnhaft in Kreuzberg.

Als sie sich von Frau Wetzlar verabschieden wollten, wurde ihnen mitgeteilt, dass sie unpässlich und daher nicht mehr zu sprechen sei.

 


3

 

Unterwegs zum Kommissariat schnalzte Michael Schlosser plötzlich mit den Fingern und wandte sich an seinen Mitarbeiter:

»Wir werden einen kurzen Abstecher zu den Wetzlar-Werken machen. Es könnte ganz gut sein, dass wir dort einige interessante Informationen erhalten, bevor es publik wird, dass der Firmenchef ermordet worden ist. Also Richtungswechsel!«

»Mach’ ich Chef«, nickte Genko und machte mitten auf der ruhigen Straße mit seinem Fahrzeug eine so ruckartige Kehrtwendung, dass sein Vorgesetzter gegen die Tür geschleudert wurde.

»Schuldigung, Chef«, nuschelte der Hagere grinsend.

Obwohl Michael Schlosser derartige Manöver seines Mitarbeiters ausgesprochen ätzend fand, ließ er sie stets wortlos durchgehen. Er wusste, dass sie diesem immer wieder Spaß machten.

Wenig später fuhren sie auf das Werksgelände der Wetzlar-Electronics AG am Teltowkanal und hielten bei einem alten, weißhaarigen Pförtner an.

»Zu wem wolln se, mene Hearrn«, wurden sie höflich von dem Berliner Original gefragt.

»Zur Geschäftsleitung!«, antwortete der Hauptkommissar, nicht weniger freundlich.

»Sind se anjemeldet, mene Hearrn?«

»Aber nein, das ist auch nicht notwendig«, grinste ihn Genko an und hielt ihm seinen Dienstausweis unter die Nase.

»Oh! Dort am Hauptjebäude parkn und denn in de siebte Etage mit’m Fahrstuhl. Dort ist det Vorzimma der Jeschäftsleitung.«

»Besten Dank«, antwortete der Hagere und fuhr zu dem zugewiesenen Parkplatz.

 

»Wir würden gerne mit irgendjemanden von der Geschäftsleitung sprechen«, wandte sich Michael Schlosser, charmant lächelnd, an die grau gekleidete, streng frisierte Sekretärin, die hinter einem aufgeräumtem Schreibtisch saß, und wies seinen Dienstausweis vor.

Verwundert begutachtete die junge Frau den Ausweis:

»Ich weiß allerdings nicht, ob Herr Walden für Sie zu sprechen sein wird, Herr Kommissar. Kann ich Ihnen vielleicht weiterhelfen?«

»Das glaube ich zwar nicht, aber wie viele Chefs oder besser gesagt Vorstände gibt es im Unternehmen?«, ging er trotzdem auf das Angebot der Sekretärin ein.

»Wir haben drei Vorstände. Der Vorsitzende ist Herr Herrmann Wetzlar selbst. Vorstand Finanzen ist Herr Georg Walden und Vorstand Produktion und Organisation ist Herr Thomas Miller.«

»Und wer von den Herren Vorständen ist jetzt noch im Haus?«

»Nur Herr Walden. Herr Miller befindet sich seit drei Tagen in Seoul und kommt erst morgen wieder.«

Aufmerksam beobachtete er die Sprecherin. Das leise Schurren mit den Füßen und das Spielen mit einer Büroklammer entgingen ihm nicht.

»Und wo befindet sich Herr Wetzlar?«, wollte sein Mitarbeiter, wie unbeabsichtigt, wissen.

»Der ist heute noch nicht erschienen. Ich verstehe das auch nicht. Ich habe ihn schon wiederholt auf seinem Handy zu erreichen versucht, aber er nimmt nicht ab«, blubberte sie los und schaute den schlaksigen Beamten mit wachen Augen an.

»Ach – kommt so etwas öfters vor, dass er unerwartet nicht erscheint?«

»Nein, eigentlich nie. Er arbeitet seit einigen Jahren zwar nicht mehr so viel wie früher, aber er ist immer die Pünktlichkeit in Person. Was heute los ist, weiß ich wirklich nicht.«

»Aber Herr Walden ist hier?«, resümierte der Hauptkommissar, ihr zunickend. Sie schien wirklich nicht zu wissen, was ihrem obersten Chef zugestoßen war. »Können wir jetzt bitte mit ihm sprechen?«

»Ich weiß nicht, ob er Zeit für Sie hat, meine Herren«, hielt sie dagegen und warf die Büroklammer mit einem geübten Schwung auf einen Magnettopf, an dem diese nach kurzem Zittern hängen blieb.

Michael Schlosser schaute sie scharf an. Schnell wählte sie unter diesem Blick die interne Rufnummer des Vorstandsmitglieds.

»Hier sind zwei Herren von der Polizei, Herr Walden«, hauchte sie in den Hörer, »Die wollen unbedingt und sofort mit einer Person vom Vorstand sprechen und Herr Wetzlar ist ja immer noch nicht gekommen. Wollen Sie die Herren empfangen?«

Die beiden Beamtem sahen nur das mehrmalige Nicken des Kopfes und dann legte die Sekretärin den Hörer wieder auf.

»Bitte folgen Sie mir, meine Herren. Herr Walden erwartet Sie. Was darf ich Ihnen zu trinken anbieten?«