Über das Buch

Ein kleiner Ort im Norden Kanadas, mitten im tiefsten Winter. Der Ex-Polizist Eric Nyland entdeckt ein kleines Mädchen, das allein durch den Schnee läuft. Er nimmt das Kind für die Weihnachtstage bei sich zu Hause auf, obwohl seine Frau Ellie nicht sehr erfreut über den Zuwachs ist. Die Stimmung im Haus ist angespannt und alles andere als weihnachtlich. Ellie hat das Gefühl, dass die Probleme ihrer Familie – und ihre eigenen – ihr über den Kopf wachsen: Dan, der mürrische Teenager, der fünfjährige Sammy, der sich ständig am Rande eines hilflosen Wutanfalls zu bewegen scheint, Opa Walter, der oft nicht mehr genau weiß, wo er ist, und nicht zuletzt Eric – alle brauchen sie. Aber wer fragt, wie es ihr geht? Mit Hannahs Ankunft verändert sich fast unmerklich etwas. Das kleine Mädchen, das ganz allein auf der Welt ist, bringt wieder Wärme und Nähe in die Familie. Doch dann zieht der heftigste Schneesturm seit Menschengedenken auf ...

Über Fran Kimmel

Fran Kimmel ist im kanadischen Calgary geboren und auch dort aufgewachsen. Sie hat bislang mehrere Kurzgeschichten und einen Roman veröffentlicht und lebt heute in Lacombe, Alberta.

Für Jim

TEIL I

Sie kommen alle irgendwoher

Freitag, 20. Dezember

1

Aus der Ferne sah es wie ein kleiner Blutfleck auf einer weißen Decke aus. Ein verwundeter Kojote vielleicht, der im unbarmherzigen Wind die Straße entlangwankte. Eric fuhr weiter, das Auto von Schneegestöber umwirbelt. Er hielt sich an die schwache Fahrspur, die er selbst am Tag zuvor hinterlassen hatte. Als er näher kam, wurde der Fleck zu einem welk wirkenden alten Mann, und mit Bestürzung sah Eric, wie er sich auf seinen wackligen Beinen mit dünnen Armen und vorgebeugtem Rumpf dem Sturm entgegenstemmte. Doch damit nicht genug. Denn jetzt erkannte er in der Gestalt ein kleines Mädchen. Diese Straße ging niemand je zu Fuß, nicht hier draußen, mitten im Nirgendwo. Niemand, vor allem kein Mädchen, und schon gar nicht bei diesem Wetter.

Langsam lenkte er das Auto zum Straßenrand, im Schnee entstanden neue Reifenspuren. Dann fuhr er neben ihr her. Das Mädchen ignorierte ihn und ging weiter. Der rote Schal um ihren Hals bedeckte auch die Ohren, langes Haar fiel in feuchten Strähnen den Rücken hinab. Sie sah aus wie zehn, höchstens zwölf. Ihr Mantel war aus schmuddeligem grauem Filz und zu klein, wie aus einem Altkleiderladen, einer von denen, wo jeder kalte Windstoß in die Lücken zwischen den Knöpfen fuhr. Ihre Jeans waren schmutzig und unten ausgefranst. Sie trug Turnschuhe, keine Stiefel.

Eric öffnete das Beifahrerfenster, die hereinfegende Kälte drang ihm bis auf die Knochen. »Hey«, rief er, damit sie ihn bei dem Sturm hörte.

Sie hielt den Kopf entschlossen gesenkt und ging mühsam kämpfend, mit den Händen in den Manteltaschen weiter. Er stellte das Auto am Straßenrand ab und sprang heraus.

Sie blieb auch nicht stehen, als er sie eingeholt hatte und neben ihr herging. »Ich wohne etwas weiter die Straße runter.« Er schluckte die ihm in den Mund fahrende beißende Kälte hinunter. »Du bist nicht richtig angezogen für dieses Wetter. Es ist eiskalt hier draußen. Ich fahre dich, wohin auch immer du willst.«

Er trat ihr in den Weg, sodass sie stehen bleiben musste. Sie stampfte mit den Turnschuhen auf der Stelle und spähte mit erschöpftem Blick um ihn herum, als gäbe es dort etwas zu sehen und er versperrte ihr die Sicht.

»Ich nehme dich im Auto mit. Wohin, kannst du selbst entscheiden.« Wenn ich doch bloß noch Uniform tragen würde, dachte er einen Augenblick lang. »Hör zu, ich weiß, dass du nicht zu Fremden ins Auto steigen sollst, aber es ist …«

»Sie sind kein Fremder.« Sie klang benommen, krächzend. »Sie wohnen bei mir gegenüber.«

Sie wohnte bei Wilson? Ein anderes Haus gab es an dieser Straße nicht. »Bist du den ganzen Weg zu Fuß gegangen?« Es waren gut fünf Kilometer bis dorthin zurück, wo ihre Häuser sich zu beiden Seiten der Straße gegenüberlagen. Wer war dieses Mädchen?

Ihr lief die Nase. Sie zog ihre bloße Hand aus der Manteltasche und wischte sie kraftlos ab. Du meine Güte. Sie hatte nicht einmal Handschuhe an. Diese Entscheidung konnte er nicht ihr überlassen. Mit ausgestrecktem Arm zeigte er auf sein Auto, dessen Motor noch lief, und trat einen Schritt auf sie zu, sodass sie zurückweichen musste. Schließlich drehte sie sich um und stapfte zum Auto. Mit ihrer bloßen Hand zog sie am vereisten Griff der Hintertür und ließ sich hineinfallen.

Eric eilte mit schnellen Schritten an die Fahrerseite, stieg ein und drehte die Heizung so hoch wie möglich. Es wäre ihm lieber gewesen, wenn sie vorne, näher an der Lüftung gesessen hätte.

Er drehte sich nach ihr um und reichte ihr die Schachtel Taschentücher, die immer unter der Konsole stand. »Ich bin Eric Nyland.«

»Ich weiß«, sagte sie und wischte sich die Nase und die tränenden Augen.

Das musste Nigel Wilson ihr gesagt haben. Was hatte er ihr sonst noch erzählt?

»Wie heißt du?«

»Hannah Finch.«

Eric konnte sich nicht vorstellen, was Wilson mit einem Mädchen namens Finch zu tun hatte. Und auch nicht, was das Mädchen bei dieser bitteren Kälte draußen zu suchen hatte, völlig unpassend angezogen, so als würde sie im September einen Nachmittagsspaziergang machen.

»Okay, Hannah. Wohin also?«

Nach einer furchtbar langen Pause – wohin hatte sie gewollt? – sagte sie: »Ich muss nach Hause. Können Sie mich dahin zurückfahren?«

Irgendetwas stimmte nicht daran, wie sie nach Hause sagte. Ihre Schultern sanken, während sie mit dem Sicherheitsgurt kämpfte. Es sah aus, als könnten ihre Finger jeden Moment zerbrechen, so dünn waren sie.

»Bist du sicher?«, fragte er. »Denn ich kann dich auch in die Stadt fahren. Oder zu einem Freund.«

Sie schüttelte den Kopf. »Ich habe Mandy bei ihm gelassen.«

»Mandy?«

»Meine Katze.«

»Ich habe noch nie eine Katze gehabt«, begann er zu erzählen, als er das Auto wendete. Er hatte in seinen zwanzig Jahren bei der Polizei jede Menge Ausreißer gesehen. Wäre er diesem Mädchen hier im Einkaufszentrum begegnet, hätte er sie für eine von denen gehalten, die sonntags zur Kirche gingen, ihre Hausaufgaben machten und auf ihre Mutter hörten.

Er redete weiter, um ihr die Befangenheit zu nehmen. »In unserer Familie gab’s immer Hunde, bis heute. Jetzt ist es Thorn. Er gehört meinem Vater, ein großer dicker Labrador, na ja, eigentlich ein Mischling. Kackt überall hin im Haus. Aber dafür kann er wohl nichts, er ist schon sehr alt und weiß nicht mehr, was er tut. Wenn er mal bellt, fällt er gleich um. Irgendwie traurig. Wuff, wuff, und schon liegt er.«

Sie rutschte ein bisschen auf der Rückbank herum. »Ich habe ihn schon mal gesehen. Er läuft manchmal die Straße entlang.«

Warum hatte er sie dann noch nie gesehen? Er war vor fast einem Jahr mit seiner Familie hierher zurückgekehrt. »Einmal hat Thorn einen ganzen Sack voll Hundefutter verschlungen. Einen von diesen riesigen Zehn-Kilo-Säcken, die man bei Costco kaufen kann. Den hat der dumme Hund beim Herumschnüffeln im Schuppen gefunden. Irgendwie ist es ihm gelungen, ihn umzukippen, und dann hat er an einem Zipfel ein so großes Loch hineingebissen, dass er den ganzen Kopf reinstecken konnte, und alles aufgefressen. Danach kam er völlig bedröppelt aus dem Schuppen gewatschelt, sein Bauch war so aufgebläht, dass er auf dem Boden schleifte. Drei ganze Tage hat es gedauert, bis er alles verdaut hatte. Und es hat so gestunken, dass er auf der Veranda schlafen musste.«

Sie erreichten die Talsenke, jetzt musste er den Blick auf die Straße richten und ihn dort lassen. In den warmen Monaten – in allen beiden – schaute man hier auf senfgelbe Rapsfelder, mit vereinzelten Farmen in der Ferne. Heute sah Eric nichts anderes als Schneegestöber rund um sich herum.

»Hauskatzen sollen ja ziemlich klug sein«, sagte er.

Hannah saß völlig reglos da, die Hände über einem Knopf ihres verschlissenen Mantels gefaltet.

»Die können sich beherrschen. Wenn man ihnen den Futternapf füllt, knabbern sie mal hier ein bisschen und mal dort, den ganzen Tag lang, ganz elegant. Aber ein schwarzer Labrador? Denkste. Stellt man dem seinen Napf hin, hat er nichts anderes im Sinn, als jeden einzelnen Happen ratzfatz zu verputzen. Manchmal vergisst er sogar zu kauen, so eilig hat er es, und dann würgt er alles wieder raus.«

Er drehte die Lüftung auf und hob die Stimme, um das Rauschen zu übertönen. »Erzähl mir von Mandy«, sagte er und schob die wichtigen Fragen auf, bis er ihren Blick auffangen würde.

»Sie frisst elegant.«

»Hab ich mir gedacht«, sagte er. »Hast du sie schon lange?«

»Seit mir die Mandeln rausgenommen wurden. Mom hat mich aus dem Krankenhaus abgeholt und dann gesagt, ich soll mal auf mein Bett schauen. Mandy lag in einem Schuhkarton, und nur ihre rosa Nase hat aus dem Handtuch rausgeguckt. Sie hat gewimmert, aber als ich sie in den Arm genommen habe, hat sie aufgehört.«

»Wie alt warst du, als dir die Mandeln rausgenommen wurden?«

Ihre glänzenden Augen sahen ihn im Rückspiegel direkt an. »Fünf. Jetzt bin ich elf. Fast zwölf.«

Sie lehnte sich in ihren Sicherheitsgurt und setzte sich aufrechter hin. Das Auto kam nur kriechend voran, es war noch ein weiter Weg.

»Wo wolltest du denn eigentlich hin, Hannah?« Sie war diesen ganzen Weg zu Fuß gegangen, ohne umzudrehen. »Deine Mom macht sich bestimmt schon Sorgen, glaubst du nicht?«

Sie sah in den Rückspiegel und fing seinen Blick auf. »Meine Mom ist tot.« Ein leichtes Schaudern durchfuhr sie.

»Das tut mir leid, Hannah. Das muss schwierig sein.«

Sie zuckte mit den Schultern.

»Dann ist Nigel Wilson also dein Dad?« Oder Stiefvater, wie auch immer.

»Nein. Er war mit meiner Mom zusammen, deshalb bin ich jetzt bei ihm.«

»Ich bin mit Nigel zur Schule gegangen.«

»Ich weiß.«

»Du glaubst doch nicht, dass er Mandy wehtut, oder?«, fragte er nun direkter.

Sie sah auf ihre Hände, die in ihrem Schoß lagen.

»Denn das ist verboten, weißt du, richtig vom Gesetz verboten. Man darf einer Katze nicht wehtun. Und einem Kind auch nicht.« Nigel Wilson war ein jämmerliches Exemplar der Gattung Mensch. »Wenn irgend so etwas bei dir zu Hause vorkommt, dann können wir dafür sorgen, dass es aufhört. Ich meine, die Polizei kann dafür sorgen, dass es aufhört. Aber du musst es ihnen erzählen, damit sie helfen können.«

Das Mädchen sagte nichts mehr. Sie hielt den Kopf gesenkt und schwieg, während sie im Schneckentempo die leere Straße entlangkrochen.

»Fast geschafft.« Eric blickte in den Rückspiegel. Ihre Wangen hatten die gräuliche Farbe von Pilzen, die schon zu lange lagen. »Alles okay da hinten?«

Sie nickte, auch wenn dem eindeutig nicht so war. Sie schien etwas schwerer zu atmen. Er setzte aus reiner Gewohnheit den Blinker, obwohl in der kargen Einöde niemand zu sehen war.

Langsam bog er ein letztes Mal ab. Die zwei verwitterten Briefkästen, einer davon Wilsons, lugten – obwohl weit oben an den Pfosten angebracht – kaum noch aus dem tiefen Schnee heraus, neben dem Schild »Sackgasse«. Die Straße wirkte wie ein viel zu schmaler, viel zu dunkler Tunnel. Zu beiden Seiten ragten drohend riesige Espen auf, deren überfrorene Äste von der Schneelast so tief herabhingen, dass sie fast über das Autodach strichen. Am Straßenrand türmte sich der alte Schnee mannshoch aufgehäuft.

»Bitte«, sagte sie. »Halten Sie hier an.«

Eric drehte sich um, die Panik in ihrer Stimme war ihm nicht entgangen. Sie hatte bereits ihren Sicherheitsgurt gelöst und mit den Fingern den Türgriff umklammert. Ihre Häuser waren noch nicht einmal zu sehen, nur der im Wind wirbelnde Schnee, der um die Autofenster fegte.

»Halt. Jetzt mal langsam, Hannah.« Sie hatte doch wohl nicht vor, da wieder hinauszugehen. Nicht, solange er hier keinen Meter entfernt von ihr saß, nicht bei diesem Wind, der heulend durch die winzigen Fensterritzen fuhr.

»Bitte.« Sie zerrte an dem Türgriff. »Schnell. Ich muss aussteigen.«

»Schon gut, Hannah. Warte einen Moment, dann wird die Straße etwas breiter, und ich kann an den Straßenrand fahren.«

»Mir ist schlecht. Sonst muss ich mich gleich in Ihrem Auto übergeben.«

Erbrochenes auf der Rückbank war nichts Neues für ihn, das war in seinem früheren Beruf regelmäßig vorgekommen. Eric trat stärker als beabsichtigt auf die Bremse, und alle vier Räder blockierten. Das Auto rutschte im tiefen, nassen Schnee weg und kam schließlich quer auf der Straße zum Stehen.

»Moment, Moment. Ich mach deine Tür auf.« Ein eiskalter Windstoß erwischte Eric, als er ausstieg. Er kämpfte sich um das Auto herum und wollte ihr an den Straßenrand helfen, aber sie war schon draußen und fiel vornüber in den Schnee, der ihr bis zu den Knien reichte.

Eric trat hinter sie.

Er hielt sie an ihrem Mantel fest, während sie sich immer stärker krümmte und so laut und heftig würgte, dass er fürchtete, sie könnte sich eine Rippe brechen. »So ist es gut.« Er konnte nichts weiter tun, als dazustehen und das Mädchen am Mantel festzuhalten.

Es hörte gar nicht mehr auf. Ein Teil des aus ihr herausströmenden Zeugs lief die weiße Schneeverwehung hinunter, auf ihre darin versunkenen Waden zu. Nigel Wilson musste sie unbedingt von einem Arzt untersuchen lassen.

»Und, besser?« Er griff mit der anderen Hand nach ihrer Schulter und versuchte, sie ruhig zu halten. Der Wind fuhr ihm in den Mantelkragen, in die Ärmel. Sie hob einen Arm und wischte sich das Gesicht damit ab. Ihr Atem ging keuchend und stoßweise, fast so wie der Wind.

»Komm, Hannah.«

Sie hatte so stark zu zittern begonnen, dass sie fast umkippte. Als sie den Kopf wandte und ihn ansah, hatten sich Schneeflocken an ihren Lippen und Wimpern verfangen. Sie sah aus wie ein vom Winter überraschter und zu Eis erstarrter Sperling.

Eric hätte sie am liebsten um die Taille gefasst und aus dem Schnee herausgehoben, aber nicht einmal ein Ex-Polizist durfte Kinder auf diese Weise berühren, und ein Mädchen schon gar nicht. Also streckte er ihr stattdessen seine Arme entgegen. Sich daran festhaltend, gelang es ihr, sich aus dem Schnee herauszuwinden, und als er einen Schritt zurücktrat, fiel sie ihm in die Arme.

Er zog sie in den schmutzigeren, festgetreteneren Schnee der Straße, wo sie schwach mit den Füßen stampfte, einer nach dem andern, und dann brachte er sie zum Auto und half ihr, sich auf dem Beifahrersitz, näher an der Heizung, anzuschnallen. Sie bedankte sich, als er die Tür zumachte. Seine Ohren brannten vor Kälte, und sein rechter Daumen, seit seinen Football-Tagen im Gelenk arthritisch entzündet, pochte, als er durch den Schnee zur Fahrerseite des Autos stapfte.

Während er sich anschnallte, strich Hannah mit den Händen über ihre Oberschenkel. Sie vermied es, ihn anzusehen. Es ist ihr wahrscheinlich peinlich, dachte er, und so drehte er an der Heizung herum und ließ den Motor ein paarmal laut aufheulen. Wenn jetzt ein Pick-up auftauchte, käme der nie und nimmer an seinem Auto vorbei, denn das stand immer noch quer auf der Straße. Aber es tauchte kein anderer Wagen auf. Diese Straße war ein einsamer, abgeschiedener Ort im Winter.

Sie konnten sich nicht ewig hier aufhalten. Das Mädchen war traumatisiert und roch nach Erbrochenem. Sie brauchte ein heißes Bad und ein Bett. Er manövrierte das Auto im Schnee hin und her, die Reifen fanden Halt, und schließlich waren sie wieder in der Fahrspur der Straße, in Richtung von Hannahs Zuhause.

»Hannah, ist alles in Ordnung? Halt deine Hände dicht an die Heizung.«

Sie hielt ihre Finger weit gespreizt vor die Lüftung, lehnte den Kopf an und schloss die Augen. Eric betrachtete ihr fleckiges, wieder auftauendes Gesicht. Die Haut um ihre geschlossenen Augen wurde so rot, dass es aussah, als hätte sie Ohrfeigen bekommen.

»Fühlst du dich schon besser?«

»Ja. Danke.« Sie hielt die Augen geschlossen.

»Ich hasse es, wenn ich mich übergeben muss«, sagte er und steuerte das Auto in gleichmäßigem Schneckentempo voran.

»Ich auch.« Ihre Nase fing wieder an zu laufen, doch sie zog sie hoch.

»Ich versuche alles, um es zu vermeiden.«

»Ich auch.«

Inzwischen hatten sie die Bäume hinter sich gelassen und waren wieder in offenem Gelände. Eric sah Rauch aus Wilsons Schornstein aufsteigen. Sein eigenes Haus auf der anderen Seite der Straße konnte er nicht sehen, denn es lag ganz am anderen Ende der geräumten Auffahrt.

Hannahs Haustür war nur einen Steinwurf von der Straße entfernt. Eric hatte sich immer gefragt, warum die Wilsons sich damals gerade dort niedergelassen hatten. Warum hatten sie sich mitten im Nirgendwo ein Grundstück gesucht und dann so dicht an der Straße gebaut, dass sie den Vorbeikommenden aus dem Küchenfenster heraus Limonade anbieten konnten? Es stand nichts weiter dort als das kleine zweistöckige Haus und ein halb eingeschneiter Ford-Kombi. Keine Garage, keine Scheune, kein Wohnmobil oder Boot. Nicht einmal ein Baum oder ein Zaun. Nichts, das erkennen ließ, wo Wilsons Grundstück endete und das nächste begann. Nur sich türmende Schneeverwehungen, um die herum der Wind ein wildes Gestöber anzettelte.

Eric parkte sein Auto neben Wilsons Ford. Er ließ den Motor laufen und richtete den warmen Luftstrom auf die Windschutzscheibe. Er konnte Hannah nicht näher ans Haus bringen. Der Weg, den Wilson frei geschaufelt hatte, war nicht breiter als ein Wildpfad. Das Haus war alt, vor 1940 gebaut. Eins der wenigen originalen Kriegshäuser, wie die Einheimischen sie nannten, mit Holzläden vor den Fenstern im Obergeschoss und einer verglasten Veranda, die im Winter als Eisschrank und im Sommer als Sauna dienen konnte.

»Wir sind da, Hannah. Geht’s?«

Sie drehte den Kopf herum und sah ihn mit großen Augen an, so als wäre sie erstaunt darüber, dass er es mit ihr bis hierher geschafft hatte.

»Ich habe etwas für dich.« Wenn ich ihr doch bloß noch meine RCMP-Karte der Mounties geben könnte, dachte er, mit dem Polizisten in scharlachroter Jacke zu Pferde, aber diese Tage lagen hinter ihm. Er griff in die Innentasche seines Mantels, holte eine seiner windigen Security-Guard-Karten und einen Stift heraus, schrieb seine Handynummer darauf und reichte sie ihr.

»Ich möchte, dass du mich anrufst, wenn du irgendetwas brauchst. Egal wann. Oder komm bei uns vorbei. Bei uns ist immer jemand zu Hause. Wir sind deine Nachbarn. Und das meine ich auch so.« Das tat er wirklich. Er fragte sich, ob Wilson etwas zum Essen im Kühlschrank hatte und der Ford überhaupt funktionierte.

Sie saßen schweigend nebeneinander. Eric fand es seltsam, dass Wilson nicht an die Tür kam. Er musste Erics Auto doch hören, der Motor machte auch im Leerlauf einen Höllenlärm.

»Ich muss jetzt gehen«, sagte sie.

»Okay«, sagte Eric.

»Okay«, wiederholte sie und trat in den beißenden Wind. Eric stapfte auf dem schmalen Pfad hinter ihr her.

Sie traten in die leere Veranda, in dem nutzlosen Raum war es immer noch so kalt, dass Eric die Atemwölkchen um Hannahs trockene violettblaue Lippen sehen konnte. Sie drückte die Klingel neben der Tür in dem schräg geschliffenen Rahmen zweimal mit dem Zeigefinger, bevor sie hineinging. Warum muss sie bei sich zu Hause klingeln?, fragte sich Eric. Warum ist dies ein Haus, in das man nicht einfach so hineingehen kann, ohne sich vorher anzukündigen?

Nigel Wilson kam die Treppe herunter und blieb, die Arme vor der Brust verschränkt, vor ihnen stehen. Es war Jahrzehnte her, seit sie zuletzt miteinander gesprochen hatten, seit Eric in diesem Haus gewesen war. In dem kleinen Wohnzimmer standen immer noch die Möbel ihrer Kindheit: die veloursbezogenen Sessel, das Polstersofa, die Stehlampe mit dem quastengeschmückten Lampenschirm. Als kleiner Junge war Eric oft in diesem Zimmer gewesen, hier hatten Nigel und er Star-Wars-Figuren und Schnupfenbazillen getauscht. Wenn dann die Schule wieder losgegangen war und Eric Alternativen hatte, sah er sich nach anderen Freunden um. Dann spielte er lieber mit den lärmenden Kindern als mit dem mürrischen Jungen von der anderen Seite der Straße. Jetzt stand Wilson einfach nur da. Eine Pose, die Eric ärgerte. Wilson hätte in Sorge sein müssen um Hannah oder zumindest erstaunt darüber, dass sie in Erics Begleitung auftauchte. Nigel war ein großer Mann, größer, als Eric ihn in Erinnerung hatte, und seine trüben Augen standen immer noch zu eng beieinander. Er trug ein weißes gebügeltes Hemd, das er in eine schwarze gebügelte Hose gesteckt hatte, und sein Haar war ordentlich hinter seine übergroßen Ohren zurückgekämmt. Das ärgerte Eric ebenfalls. Er hätte weniger Aufwand auf seine Kleidung verwenden sollen, fand er, und mehr darauf, seine Auffahrt frei zu schaufeln und auf dieses Mädchen aufzupassen.

»Eric«, sagte Wilson, trat einen Schritt auf ihn zu und schüttelte ihm mit festem Griff die Hand. »Ist lange her. Hätte gedacht, dass wir uns schon früher mal über den Weg laufen.«

Eric hatte ein paarmal gewinkt, als ihre Wagen auf der Straße aneinander vorbeifuhren, aber Wilson hatte nicht auf ihn reagiert.

Sie standen sich gegenüber. Wilson roch leicht nach einem billigen Aftershave, etwas wie Franzbranntwein. Weihnachten hatte dieses Zimmer noch nicht erreicht: keine sorgfältig aufgehängten Strümpfe am Kamin, kein Baum voller Schmuck, den Hannah über die Jahre in der Schule gebastelt hatte. Ein fauliger Geruch drang von der Küche am anderen Ende des Hauses heran. Er könnte mal den Müll rausbringen, dachte Eric, gleich noch ein weiterer Vorwurf gegen ihn.

»Ich sehe, du hast Hannah mitgenommen. Einfach ins Auto eines Fremden einzusteigen – nicht die beste Entscheidung, Hannah.«

Hannah hatte sich vornübergebeugt, gleich neben der Fußmatte, und zerrte an ihren Turnschuhen herum, von denen der eine nicht mal einen Schnürsenkel hatte. Wilson hatte das Mädchen noch nicht ein Mal angesehen.

»Ich bin kein Fremder«, sagte Eric und spürte, wie der Ärger ihm heiß die Kehle hinaufstieg. »Ich wohne auf der anderen Straßenseite.« Warum fragte Nigel nicht, was sie überhaupt dort draußen gemacht hatte?

»Wer hätte gedacht, dass wir beide wieder hier enden würden«, sagte Wilson.

Eric warf einen Blick auf Hannah, die keinen Mucks von sich gab. »Hannah geht’s nicht so gut. Sie muss sofort ins warme Bett.«

»Ja, hm, klar.«

»Und das Familien- und Jugendamt wird vorbeischauen.«

»Ach?« Wilson hob die Augenbrauen und verschränkte wieder die Arme vor der Brust. »Weil sie einen Spaziergang gemacht hat? Ist das nicht etwas übertrieben?«

»Das machen wir nun mal so«, log Eric.

»Wir? Was genau hat das mit dir zu tun?«

Wilson hatte recht. Eric sollte seine Nase besser nicht in die Angelegenheiten der Polizei stecken. Aber er wollte, dass seine Freundin Betty Holt dieses Mädchen aufsuchte, sich mit ihr hinsetzte, vielleicht oben in Hannahs Zimmer, nebeneinander auf ihrem Bett.

»Wo ist Mandy?«, fragte Eric. »Ich würde sie gern kennenlernen.«

Hannah sah auf, ihre Blicke trafen sich, und sie lächelte fast. Dann richtete sie sich auf, langsam wie in Zeitlupe, und purpurrote Flecken breiteten sich auf ihren Wangen und ihrem Hals aus. Ohne Mantel sah sie noch dünner aus.

»Oh«, sagte Wilson. »Die Katze.«

Dann drehte Wilson sich zu Hannah um, mit lächelndem Mund, aber seine Augen waren kalt und hart. Sie erwiderte seinen Blick ebenso stählern. Sehr gut, dachte Eric.

»Wahrscheinlich unter dem Bett«, sagte Wilson. »Oder im Wandschrank. Oder, Hannah? Ich bezweifle, dass sie sich blicken lässt.«

»Dann beim nächsten Mal vielleicht«, sagte Eric.

Wilsons Augen flackerten, doch er ließ nicht erkennen, ob er Erics Warnung verstanden hatte.

Als Sergeant Nyland sie mit ihm allein gelassen hatte, stand Nigel im Wohnzimmer und starrte sie böse an.

»Was glaubst du eigentlich, wo du hingehen kannst?«, fragte er. Und als sie ihm nicht antwortete, fügte er verächtlich schnaubend hinzu: »Vielleicht kannst du dir beim nächsten Mal ja etwas mehr Mühe geben.«

Dann ging er in die Küche und ließ sie zitternd im Flur stehen. Sie hatte die eisige Welt mit sich ins Haus gebracht, die Kälte brannte auf ihrer Haut, und Flammen leckten an ihren Fingern und Zehen. Sie zuckte zusammen, als sie Nigel den Küchenschrank zuschlagen hörte, und noch einmal, als seine Flasche auf den Tisch knallte.

Hannah rannte in ihr Zimmer hinauf. Mandy war in ihrem üblichen Versteck, ein Häuflein langen schwarzen Fells, eingezwängt hinter den leeren Schachteln im Wandschrank in Hannahs Zimmer. Außer den Schachteln und ein paar leeren Bügeln an einer verrosteten Stange war nichts in dem Schrank. Die meisten ihrer Sachen hatte sie nicht mitnehmen dürfen, als Nigel sie von Bear Creek hierherholte.

Sie zog sich Jeans und Pullover aus, beides starr vor Kälte, und legte sie ordentlich gefaltet auf den Stuhl neben ihrem Bett. Dann zog sie ihren dünnen Schlafanzug an, wickelte sich in ihre Decke und legte sich auf den Boden vor dem Wandschrank. Sie flüsterte Mandys Namen und ahmte ihren Lieblingsvogel nach – tschiep tschiep tschiep –, doch Mandy rührte sich nicht. So als ob sie wüsste, dass Hannah vorgehabt hatte, nie wieder zurückzukommen.

Es wäre leicht gewesen, die Schachteln beiseitezuschieben und die Katze zu finden. Eine leere Schachtel wog weniger als Schnee. Aber Hannah wollte, dass Mandy zu ihr kam. Und so lag sie bäuchlings auf verschränkten Armen da, bis diese auf dem kalten Boden bläulich anliefen, und erzählte ihrer Katze alles, was passiert war. Zu Anfang sprach Hannah stockend und kaum lauter als ein Flüstern. Aber schon bald sprudelten die Wörter nur so aus ihr heraus, eins nach dem andern, bis sie zwischendurch kaum noch Luft bekam. »Der Sergeant«, so hatte Nigel ihn genannt und ihr dann erzählt, dass er bei der Polizei rausgeflogen und mit eingezogenem Schwanz zurück ins Haus seiner Mommy gekrochen war. Und er hatte gesagt, dass der Sergeant ein mieser, durchgeknallter Mistkerl war, der sich für Gott hielt. Aber das glaubte Hannah nicht. Nigel log andauernd. Als sie im Auto ihres Nachbarn gesessen hatte, war der Sergeant freundlich gewesen und hatte sie nicht mit Fragen gelöchert oder sie für dumm erklärt, weil sie bei Sturm die Straße entlanglief und sich im Schnee übergeben musste. Sie hatte ihm erzählen wollen, dass in diesem Haus hier schlimme Dinge geschahen, doch da waren ihr Nigels Worte aus dem Magen hochgestiegen. Man würde sie in ein Waisenhaus voller Rotzgören stecken oder in ein Heim für schwer erziehbare Mädchen, wo die Türen von außen zugeschlossen und die Fenster vergittert waren. Sie erzählte Mandy nicht von ihren anderen Versuchen, hier wegzukommen, denn daran wollte sie nicht denken.

Sie erzählte Mandy alles, was sie über Nigel wusste. Wie er mal im Garten stand und in den dunkler werdenden Himmel hinaufschaute, in einen Himmel, der voller Wolken war, wie eine Schürze voll aufgenähter Blumen. Das war in ihrem ersten Haus gewesen, als sie anfingen, zu dritt zu wohnen, und Hannah noch nicht begriffen hatte, dass sie nicht dazugehörte. Als Nigel auf die dunkle Veranda kam, drehte sich Hannah zu ihm um und sagte: »Es wird wohl bald Regen geben«, so wie sie es die Erwachsenen um sich herum immer sagen hörte. Da huschte ein Ausdruck der Verachtung über sein Gesicht, schnell wie ein Sturm und kaum wahrnehmbar, noch bevor er ihn hinter einem Lächeln verbergen konnte und zu ihr sagte, dass sie besser mit hineingehen solle.

Und sie erzählte Mandy, wie viel Platz dieser Ausdruck in seinem Gesicht im Laufe der Zeit in ihrem Kopf eingenommen hatte. Ihre Kehle war wie ein ausgetrockneter Bach, ihre Worte klangen krächzend durch die Stille. Sie wollte Mandy auch sagen, wie leid ihr alles tat, aber Entschuldigungen bedeuteten einer Katze nichts.

Als Mandy sich herumrollte und mit ihren Pfoten an der Längsseite der Schachtel entlangstrich, kniete Hannah sich hin, erst dann stand sie auf. Ihre Beine schmerzten von dem langen Gang durch den Schnee. Mit nackten Füßen schlich sie auf Zehenspitzen zu ihrer Kommode und holte ihre Medaille vom Rechtschreibwettbewerb mit dem roten Band heraus. Dann ging sie zum Wandschrank zurück, ließ die Medaille baumeln und zog so an dem roten Band, dass sie auf und ab hüpfte. Mandy lugte um die Schachtel herum, und als Hannah weiter ins Zimmer hineinging, folgte sie ihr. Nachdem sie beide eine Weile mit der Medaille gespielt hatten, setzte Hannah sich im Schneidersitz aufs Bett, und Mandy sprang ebenfalls darauf und knetete ein Stückchen Decke, das sie zwischen die Pfoten genommen hatte.

Hannah konzentrierte sich auf eine Stelle an der Wand und wartete, bis ihre Augen etwas anderes sahen. Das hatte sie in letzter Zeit oft getan. Jetzt war sie an dem See. Sieben Jahre alt. Sie war mit ihrer Mutter dort am Strand, nur sie beide, und die Wellen waren so laut, dass sie ganz laut reden mussten, um sich zu verstehen. Der Ausflug war ihre Belohnung dafür, dass sie das Schwimmabzeichen bestanden hatte. Es war ein heißer, windiger Tag, und ihre breitkrempigen Sonnenhüte klappten an der Stirn immer wieder hoch, und sie klappten sie mit sandigen Händen immer wieder herunter. Sie gruben tiefe Löcher mit ihren Plastikschaufeln und füllten ihre Eimer mit feuchtem, schwerem Sand, mit dem sie hohe Burgwände aufschütteten. Sie bauten Burggräben und Tunnel und Brücken mit Pfeilern, die von Seetang umwickelt und voller Marienkäfer waren. Und aus weißen Federn machten sie Flaggen mit Rändern so scharf wie Disteln.

Aber die eigentliche Belohnung war der Wal gewesen. Für dieses Geschenk hatte ihre Mutter wochenlang sparen müssen. Nachdem sie ihre Käse-Gurken-Sandwiches aufgegessen hatten, forderte ihre Mutter Hannah auf, ganz tief in ihre große geflochtene Tasche zu greifen. Als sie das Plastikpäckchen mit dem Bild eines Mädchens auf dem Rücken eines schwarz-weißen Wals herauszog, sprang Hannah auf und ab und rannte immer im Kreis um die Burg herum. Sie würde auf einem Wal reiten können, genau wie Pai in dem Film. Sie würde auf den Rücken des Wals klettern, ihn aufs offene Meer zurücklotsen und schneller als alle Walreiter vor ihr sein.

Es dauerte ziemlich lange, bis ihre Mutter so viel Luft in den Wal gepustet hatte, dass seine Flossen fest waren. Als er schließlich ausgewachsen war, zog Hannah ihren Wal am Schwanz durch die schäumende Ufergischt in das flache, kabbelige Wasser und schwang ein Bein über seinen breiten Rücken. Sie passte genau darauf und konnte mit den Händen mühelos die zwei kleinen Griffe oberhalb der Flossen erreichen. Sie blieb dicht am Ufer, so wie man ihr gesagt hatte, und ihre Mutter stand am Strand und klatschte und johlte wie die Leute in Pais Dorf. Ihre Mutter hatte Angst davor, ins Wasser zu gehen. Aber dafür liebte Hannah sie. Dafür, dass sie mit ihr bis an den Rand dessen ging, was sie am meisten fürchtete.

Hannah lehnte sich vor und umfasste den Wal, damit sie nicht in die Wellen hineinfiel. Es war, als wäre sie im Wasser geboren worden, als könnte sie auf ihrem Wal durch alle Meere der schönen weiten Welt pflügen.

Da erfasste eine heftige Windböe Hannahs Sonnenhut, hob ihn erst hoch in die Luft und trug ihn dann wie ein Blatt über das Wasser. Hannah wusste nicht, wie sie den Wal zu ihrem Sonnenhut manövrieren sollte, und so hüpfte sie von seinem Rücken und watete durch das knietiefe Wasser, um ihn einzufangen. Ihr Sonnenhut war vom Wind schon ein gutes Stück weit am Ufer entlanggeweht worden, und als sie ihn schließlich eingeholt hatte, schnappte sie ihn sich und wrang ihn aus, und dann winkte sie ihrer Mutter. Aber ihre Mutter schaute auf den Wal. Auf Hannahs kostbaren Wal, der ohne sie auf den Wellen dahinritt und weiter und immer weiter wegschwamm.

Hannah stieß einen Schrei aus und wollte ihm schon hinterherrennen, doch es war ihre Mutter, die sich da mit einem Mal einen Weg durch die Wellen bahnte, zuerst im flachen Wasser, dann immer weiter vom Ufer entfernt und tiefer eintauchend, mit den Armen rudernd. Dann wie ein Puppenkopf, der dahindümpelte, nichts weiter mehr als ein winziger Fleck.

Komm zurück, komm zurück, schrie Hannah in den Wind hinein. Warum war sie so dumm gewesen? Sie hatte ihren Wal wegen dieses blöden Sonnenhuts, der ihr nichts bedeutete, im Stich gelassen. Jetzt wollte sie nur noch ihre Mutter wiederhaben.

Es dauerte sehr, sehr lange, aber schließlich kam sie wankend aus dem Wasser und ließ sich in den Sand fallen. Hannah schlang die Arme um ihre marmorkalte Haut und sagte: Es tut mir leid, es tut mir leid, immer und immer wieder, während ihre Mutter keuchend dalag. Zu guter Letzt stand sie wieder auf eigenen Beinen, etwas unsicher noch, und strich sich den Sand vom Badeanzug. Sie beugte sich zu Hannah hinunter, setzte ihr einen Kuss auf die Stirn und flüsterte ihr ins Ohr: »Ich hätte es besser wissen müssen. Es ist viel zu windig heute für Sonnenhüte.« Und dann hob sie die Arme, streckte sich lang aus und fing an zu lachen. So würde Hannah sie immer in Erinnerung behalten, wie ihre schöne Mutter dort stand und in den Himmel hineinlachte.

Eric fuhr zu schnell in seiner Eile, von Wilsons Haus wegzukommen. Als er sich der Stelle näherte, wo Hannahs Erbrochenes den weißen Straßenrand verunstaltete, trat er so stark aufs Gaspedal, dass er in dem feuchten Schnee ins Schlingern geriet. Als er wieder auf die Hauptstraße abbog, hatte der Schneepflug die andere Straßenseite inzwischen geräumt, seine Fahrbahn jedoch war auch jetzt noch voller vereister Furchen und Schneeverwehungen. Ellie würde die Krise kriegen, wenn sie bei diesem Wetter hier draußen wäre. Sie suchte sich ihre Routen immer schon im Voraus heraus, nahm nur die ruhigsten Straßen, vermied es, links abzubiegen, und hatte doch ständig Angst davor, einen Fehler zu machen. Er versuchte, seine Frau zu ermutigen, und sagte ihr, dass sie eine gute Autofahrerin sei, auch wenn er das nicht wirklich glaubte. Er hatte sie über die Jahre hinweg aus so vielen Schneeverwehungen herausziehen müssen, dass es eigentlich nur eine Erklärung dafür gab: Sie fuhr absichtlich hinein.

Vor seinem Umweg über Wilsons Haus war Eric auf dem Weg zu Gerry gewesen, um Ellies Fichte zu holen, denn er hatte versprochen, sich um den Weihnachtsbaum zu kümmern. Ellie war enttäuscht gewesen, als er am letzten Samstag nicht wie geplant zu Gerry gefahren war, und noch mehr, als auch der Sonntag kam und vorüberging und sie immer noch ohne Baum waren. Heute Morgen war er mit einem einzigen Vorhaben aufgewacht, und zwar dem, das heute endlich für sie zu erledigen. Er würde seine letzte halbe Arbeitsschicht vor Weihnachten machen, den Baum für Ellie besorgen und die Dinge zwischen ihnen wieder zurechtrücken. Aber der Morgen hatte eine schale Note bekommen, noch ehe er überhaupt aus dem Haus war. Und dann konnte er wieder einmal seine Schlüssel nicht finden, was die ungute Stimmung nur verstärkte. Er suchte mit Ellie an den üblichen Stellen – oberste Kommodenschublade, neben dem Telefon, Jackentaschen. Ellie fand sie schließlich im Wandschrank unten, hinter Walters Schneestiefel. »Du bist wirklich wie ein kleines Kind, Eric«, hatte sie gesagt, ihm den Schlüsselbund quer durch den Flur zugeworfen und ihn an der Brust getroffen.

Er sah Ellie vor sich: wie sie zu Hause in der Küche am Spülbecken stand, Kartoffeln schälend oder Hühnerbrüsten die Haut abziehend, wie sie den Kopf zu ihm drehte, und noch ehe sie sich bemühen konnte, den Gesichtsausdruck zu verändern, er wieder die Leblosigkeit in ihren Augen sah. Er konnte sich nicht erinnern, wann das angefangen hatte bei ihr, dieser leere Blick. Seit Sammy sich von ihnen nicht mehr in den Arm nehmen ließ? Seit Daniel wegen jeder Kleinigkeit mit den Türen knallte? Seit sein Vater sich nicht einmal mehr vornahm, die Toilettenschüssel zu treffen? Ellie war mit den Nerven am Ende, weil sie immer alles perfekt haben wollte, und Weihnachten machte das nur noch schlimmer.

Er hielt am Straßenrand an, als er sich der Abzweigung zu Gerrys Haus näherte, und begann, Bettys Nummer zu wählen. Er würde ihr erzählen, was er heute gesehen hatte, und ihr erst mal versichern, dass er natürlich wusste, wie miserabel das Timing war, von wegen Freitag und so, und Weihnachten stand ja auch vor der Tür. Aber diese Hannah Finch war die Straße entlanggelaufen, bei einem eisigen Wind von minus sechsundzwanzig Grad, Herrgott noch mal, die Mutter tot und sie ganz allein bei Nigel Wilson. Ob Betty da wohl gleich mal hinfahren und sich mit dem Mädchen unterhalten könnte?

Aber während er sich seine Worte zurechtlegte, schienen darin eine ungute Vergangenheit und unbeglichene Rechnungen mitzuschwingen. Er steckte das Telefon wieder ein. Er würde zum Familien- und Jugendamt in Neesley fahren und die Sache mit Betty persönlich besprechen.

2

Als Eric an diesem Morgen aus dem Haus war, stand Ellie in ihrem Baumwollnachthemd neben dem Wäschehaufen. Sie hatte ihre Hausschuhe vergessen, und ihre nackten Zehen krümmten sich auf dem kalten Betonboden. Die alte Waschmaschine und der alte Trockner standen ganz am anderen Ende des großen düsteren Untergeschosses, zwischen dem Gefrierschrank auf der einen und dem Heizofen auf der anderen Seite. Sie hatte zwei Wäschekörbe gebraucht, einunddreißig Schritte pro Weg, um Sammys mit Zahnpasta beschmierte Handtücher, Walters schmutzige Bettlaken, Erics Arbeitshemden und ihre Slips und BHs, alle gleichermaßen formlos und ausgeblichen, hier herunterzuschaffen. Dannys Jeans und T-Shirts lagen noch dort, wo er sie im Lauf der Woche hingeworfen hatte, denn so wie einzeln versprengte Socken fanden auch sie einfach nicht den Weg zur anderen Schmutzwäsche.

Eine Zeit lang hatte sie davon geträumt, Waschmaschine und Trockner im Erdgeschoss zu haben, vielleicht in einer Abseite hinter weiß angestrichenen Lamellentüren oder in der Ecke eines kleinen Haushaltsraums. Ein Fenster mit gelben Vorhängen, eine Lampe mit Chromhalterung statt einer nackten Glühbirne an einer abgewetzten Schnur, eingebaute Regale, ein glänzendes Emaillebecken mit Federbrause am Wasserhahn.

Jetzt versuchte sie nur noch, jeden Tag zu überstehen, ohne dass ihr etwas Dummes passierte, ohne die Treppe hinunterzufallen oder etwas zu zerschmeißen.

Ellie füllte Waschpulver in den Plastikmessbecher, schüttete es in die Waschmaschine und drückte den Knopf »Vollwaschgang«. Sie konnte den stählernen Blick von Erics toter Mutter über der Schulter spüren. Dies war Myrtles ureigene Domäne gewesen, ihr Reich auf immerdar. An genau dieser Stelle hier hatte Myrtle in ihren soliden Schuhen gestanden und die unzähligen Flecken und Makel, die in ihrer Familie zusammengekommen waren, fein säuberlich herausgeschrubbt.

Walters Bettlaken stanken nach Urin und dem Altmännergeruch, den er im Badezimmer hinterließ. Ellie starrte die Flecken an. Sie sollte erst einmal das Gröbste entfernen, doch stattdessen legte sie die Hände an die Schläfen. In der Broschüre stand, dass man mit den drei mittleren Fingern jeder Hand fest drücken sollte, und zwar mit derselben Kraft, mit der man mit den Fingern auf dem Tisch trommeln würde. Tap tap tap tap tap tap. Aber auch nicht zu fest – wehtun sollte es nicht. Und sie sollte sich keine Sorgen machen, ob sie die Akupressurpunkte auch genau traf, sondern ihre Gedanken einfach auf ihr Problem lenken und dabei eine machbare Aussage formulieren. Die Aussage musste spezifisch und fokussiert sein, laut Paragraf drei. Nicht so wie einer dieser düsteren Gedanken, die unbemerkt an die Oberfläche drifteten. Ich treibe in einer schwarzen Lagune der Verzweiflung funktionierte nicht. Die Aussage musste pointierter, direkter sein. So was wie: Auch wenn Walter seinen Schließmuskel nicht mehr unter Kontrolle hat, liebe und achte ich mich. Ellie hatte schon unzählige Anfangssätze ausprobiert – auch wenn Sammy immer nur die Wörter anderer wiederholt, auch wenn Danny sich mit dem Pick-up seines Grandpas fast umgebracht hat, auch wenn Eric sich schon seit Monaten ausklinkt – und sie immer mit Halbsätzen wie akzeptiere ich mich trotzdem beendet, weil es so in der Broschüre stand. Nicht weil es stimmte.

Sie konnte sich nicht gut genug konzentrieren, ihr würde nichts Peppiges einfallen, schon gar nicht bei dem Gedanken daran, dass Myrtle direkt hinter ihr stand, überlebensgroß: Reiß dich zusammen, Mädchen, es ist Weihnachten. Oh, Herrgott noch mal, nun mach schon.

Ellie wusste genau, wie ihre Schwiegermutter sich Weihnachten vorstellte. Ehe ihre Familie im letzten Winter hierher umzog, war Ellie jedes Jahr über die Feiertage an diesen Ort geflüchtet, auch wenn sie das besser nicht getan hätte, wie sie jetzt im Nachhinein dachte. Eric arbeitete an Weihnachten – jedes verdammte Jahr, schien es –, und so suchte Ellie Busrouten nach Neesley heraus von dort, wo sie gerade stationiert waren. Sie machte die Jungs reisefertig, packte Berge von Windeln und Feuchttüchern ein, dazu Hosen fürs Töpfchentraining und Spielzeugautos, und stopfte all das, was ihr sonst noch einfiel, in nicht zusammenpassende Koffer. Sie ertrug Sammys Tränen, die entsetzten Blicke der Fremden bei seinen Wutanfällen, ramponierte Bussitze und schreckliche Schneestürme – alles, was nötig war, um Myrtles Haustür zu erreichen.

Myrtle holte sie stets vor dem Café der Esso-Tankstelle an der Hauptstraße ab, die als Bushaltestelle fungierte. Sie quetschte sie alle auf die vordere Sitzbank des großen Pick-ups und fuhr sie über die schrecklichen winterlichen Straßen nach Hause, ohne sich auch nur über das Glatteis zu beschweren. Und wenn sie dann, benommen und schmutzig von der Reise, die Vorderveranda erreicht hatten, atmete Ellie tief durch, während Myrtle mit kräftigen Farmerarmen die Jungs hochhob, aus Schneeanzügen und Handschuhen schälte und die Koffer in die Schlafzimmer trug.

Es hatte Ellie gefallen, wie Myrtle den Kaminsims mit Girlanden schmückte und die winzigen Spielzeugsoldaten und gehäkelten Schneeflocken an den Zweigen des Weihnachtsbaums verteilte. Wie Myrtle das Kommando in der Küche übernahm, mit rosigen Wangen energisch im alten Kupfertopf Kartoffeln stampfte, Bottiche voll perfekter, klumpenfreier Soße anrührte, den Garpunkt von Karotten und Rosenkohl und den Bräunungsgrad von Auflaufkrusten überprüfte. Sie konnte mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der sie Innereien aus einem Truthahn zog, Servietten zu zierlichen Blumen falten. Es war unglaublich.

Jedes Jahr wieder bot Ellie ihre Hilfe an. Und jedes Mal wieder lehnte ihre Schwiegermutter ab. Sie sagte Dinge wie: »Du musst dich erholen, Liebes« oder »Warum gehst du dich nicht ein wenig hinlegen«, und so zog sich Ellie zurück und versuchte, kein Gefühl der Unwürdigkeit aufkommen zu lassen und stattdessen dankbar für die Großzügigkeit dieser Frau zu sein.

Diese Weihnachtsfeste hatten sie gerettet oder aber waren ihr Ruin gewesen – da war sie sich nicht mehr so sicher. Sie wusste nur, dass sie sich nach diesem Ort gesehnt hatte und jedes Jahr immer noch früher dorthin wollte, so als wäre er ihre Droge und sie eine Abhängige. Jetzt konnte sie die feinen Risse in ihrem Märchen natürlich erkennen. Zu jener Zeit hatte sie, wenn er in seinem Sessel saß, Walters Verdrossenheit kaum wahrgenommen oder Myrtles versteckte mitleidige Blicke und ihr zweifelndes Ts-ts-ts über Sammys zunehmende Anzahl an Zwängen – während Eric nirgends zu sehen war.

Nach Myrtles Tod hatte Walter ein paar Monate allein in diesem Haus gewohnt, mit ständig wechselnden Betreuerinnen der häuslichen Altenpflege, weil keine es ihm recht machen konnte. Es war Ellies Idee gewesen, nicht Erics, in das Haus zurückzukehren, in dem er aufgewachsen war. Die kanadische Polizei hatte ihn schon zu lange seiner Familie entzogen, an zu vielen Weihnachtsfesten, an zu vielen Wochenenden, in zu vielen Nächten. Er könnte bei den Mounties doch kündigen, sich einen weniger stressigen Job suchen und noch einmal neu anfangen. Sie könnten alle noch einmal neu anfangen. Neesley mit all den schönen Erinnerungen war doch genau der Ort, an dem zu wohnen sich lohnen würde. Und hier würden sie sich auch um Walter kümmern können. Waren Familien nicht genau dafür da?

Jetzt bedauerte sie es, natürlich. Myrtle erschien ihr nach ihrem Tod längst nicht mehr so tolerant. Ellie konnte fast ihren heißen Atem im Nacken spüren. Du solltest dich anziehen. Die Betten machen. Den Jungs Porridge kochen. Was hatte sie all die Tage gemacht? Wo war der Weihnachtspudding? Warum lagen keine immergrünen Zweige auf dem Kaminsims? Warum hingen keine Papierschneeflocken in den Fenstern?

Sie wartete darauf, dass die Waschmaschine Wasser zog, und trommelte mit den Fingern, während sie irgendwelchen Unsinn über Selbstakzeptanz herunterleierte. Irgendwas stimmte nicht mit dem Wasserdruck, das heiße Wasser tröpfelte in die Waschtrommel wie ein versiegender Urinstrahl. Eric hatte sich die Rohre angesehen, war dann aber per Telefon in die Fabrik gerufen worden, weil dort eine übermäßig hitzige Gewerkschaftsversammlung stattfand, und hatte sich nicht mehr darum gekümmert. Außerhalb ihrer vier Wände war Eric für jede Krisensituation zu haben und übernahm gern Verantwortung. Er wurde in letzter Zeit so oft aus dem Haus gerufen, dass Ellie sich schon fragte, ob er Miseren erfand, nur um von hier wegzukommen.

Ellie hörte oben den Hund bellen und versuchte, es zu ignorieren. Sie versicherte sich, dass ihre Gedanken ihrem Ehemann verborgen blieben, dass nichts von dem, was in ihrem Kopf vor sich ging, sich zwischen sie gestellt hatte. Aber sie wusste, dass das nicht stimmte. Jedes Wort, das sie an diesem Morgen zu Eric gesagt hatte, war falsch gewesen. Als sie in die Küche kam, aß er gerade die Reste seines Toasts, und die Lokalnachrichten des Neesley Advance lagen aufgeschlagen vor ihm.

»Wie hast du geschlafen?«, fragte sie und ging um ihn herum, als er die Hand nach ihr ausstreckte.

»Walter hatte eine unruhige Nacht«, sagte er.

Das hieß, dass auch Eric eine unruhige Nacht gehabt hatte.

Ellie sah an Eric vorbei zu Sammy, ihrem Fünfjährigen, der immer noch seinen Superman-Schlafanzug trug und in einer Ecke des Wohnzimmers auf dem Boden saß und seine Legos sortierte.

Eric wartete, bis Ellie ihn wieder ansah. Dann rief er über die Schulter, ohne sich nach seinem Sohn umzusehen: »Hey, Rabauke. Komm und iss ein paar Frühstücksflocken.« Als Sammy nicht antwortete, pfiff Eric und hob seine Stimme: »Hey, Kumpel. Komm schon.«

Sammy sortierte weiter.

»Er ist doch kein Hund«, sagte Ellie und griff nach der Kaffeekanne.

»Er ist doch kein Hund«, wiederholte Sammy in seiner Ecke.