Catch my Girl

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Nadine Wilmschen

 

© 2020 Romance Edition Verlagsgesellschaft mbH

8712 Niklasdorf, Austria

 

Covergestaltung: © Nadine Kapp

Titelabbildung: © Summer loveee

Lektorat: Stefanie Landhaus

Korrektorat: Romance Edition

 

ISBN-Taschenbuch: 978-3-903278-37-0

ISBN-EPUB: 978-3-903278-38-7

 

www.romance-edition.com

Für Becka,

weil du immer dann an mich glaubst,

wenn ich es selbst nicht kann.

Prolog

 

Fairborn, Ohio

 

An diesem Abend war das stickige Wohnzimmer der Prestons das Epizentrum aller betrunkenen Teenager im Umkreis von fünfzig Meilen. Manche feierten Abschied. Viele das Ende ihrer Schulzeit. Und andere feierten schlicht sich selbst.

»Hier.« Ohne mich anzusehen, schob mir Kelly einen Pappbecher in die Hand. Ihr Blick glitt immer wieder über die tanzende Menschenmenge vor uns, als würde sie nach jemandem Ausschau halten, während sie ihren schwarzen Tüllrock zurechtzupfte und dabei ein wenig nach rechts und links schwankte.

Misstrauisch betrachtete ich zuerst das Kleidungsstück, das ich niemals für so einen Anlass auswählen würde, dann das Getränk. »Was ist das?«

»Keine Ahnung.« Sie zuckte mit den Schultern und warf dabei ihre braunen Locken nach hinten. »Das haben Mike und Ian in der Küche zusammengemischt.«

Sehr vertrauenserweckend. Das Zeug würde ich garantiert nicht anrühren, und Kelly sollte das auch nicht. Zu gut erinnerte ich mich noch an den Abend vor einigen Monaten, als Ian uns den selbstgebrannten Schnaps seines Großvaters untergejubelt hatte. Jeder, der davon getrunken hatte, hatte sich am nächsten Tag gefühlt, als müsse er sterben. Oder wäre schon gestorben. »Ich hole uns was anderes, okay?«

»Glaubst du, die Jungs wollen uns vergiften?« Sie drehte sich kurz zu mir um, nur um theatralisch mit den Augen zu rollen und eine Hand in die Hüften zu stemmen. »Sei doch nicht immer so eine verdammte Spießerin, Grace.«

Kelly war angetrunken. Jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, um mit ihr darüber zu diskutieren, wie unvorsichtig es war, ausgerechnet von Ian Alkohol anzunehmen. »Gib mir einfach deinen Becher, und ich besorge uns etwas, das unsere Lebern nicht zersetzt. Bitte.«

»Hörst du dann auf, dich wie meine Mom aufzuführen?«

»Vielleicht?«

Seufzend streckte sie mir den Pappbecher entgegen, um im nächsten Augenblick so schnell das Thema zu wechseln, dass ich ihr nicht folgen konnte. »Glaubst du, er ist heute hier?«

»Wer?«

»Wer wohl?« Kopfschüttelnd bedachte sie mich mit einem Blick, der auszudrücken schien, wie dumm meine Frage doch war. »Noah natürlich.«

Beim Klang dieses Namens zuckte ich unweigerlich zusammen, wobei mir die Brille ein Stückchen von der Nase rutschte. Sie mit vollen Händen wieder zu richten, war gar nicht so einfach. »Keine Ahnung. Vermutlich nicht.«

»Hat Ben nichts gesagt?«

»Nein.« Und ich hatte ihn auch nicht nach seinem großen Bruder gefragt. »Warum interessiert dich das überhaupt?«

»Meinst du die Frage ernst?«

»Oh, Kelly.« Würde ich nicht unsere Pappbecher mit der ominösen Flüssigkeit festhalten, hätte ich mein Gesicht seufzend in meinen Händen vergraben. »Nicht ausgerechnet Noah.«

»Was spricht dagegen?« Zum ersten Mal, seit wir vor einer halben Stunde das Haus der Prestons betreten hatten, schenkte sie mir ihre ungeteilte Aufmerksamkeit.

Alles. Es sprach einfach alles, was ich über Noah Preston wusste, dagegen. »Das ist keine gute Idee, Kelly.«

»Glaubst du, ich bin ihm zu jung?« Sie strich sich eine perfekte Locke aus der Stirn und sah mich dabei so erwartungsvoll an, als wäre ich eine Expertin, wenn es um Noah ging. Früher hätte sie damit richtig gelegen. Es hatte eine Zeit gegeben, in der Noah und ich unzertrennlich gewesen waren. Doch seitdem waren Jahre vergangen. Geblieben waren lediglich die Erinnerungen an eine Freundschaft, von der nichts mehr übrig war. Wer Noah Preston war, wusste ich schon lange nicht mehr.

»Du kennst seinen Ruf.« Mein Versuch, Kelly zu überzeugen, brachte mir nur einen skeptischen Blick ein.

»Und?«

»Hier gibt es echt bessere Kandidaten.« Hastig ließ ich meinen Blick einmal durch das Wohnzimmer schweifen. Viele der Jungs waren sturzbetrunken, andere hatten ein Mädchen im Arm. »Da hinten. Sam Harris. Er tanzt sicher gern mit dir.«

»Ist das dein Ernst?«

Zugegeben, Sam Harris, der größte Nerd, den die Fairborn High je hervorgebracht hatte, passte vielleicht nicht unbedingt in Kellys Beuteschema. Doch ich mochte Sam. Er war ein netter Kerl, den ich aus dem Schachclub kannte. »Sag doch einfach mal Hallo. Er würde sich sicher freuen.«

»Weil er zum ersten Mal in seinem Leben von einem Mädchen angesprochen wird?« Kelly schnaubte verächtlich. Manchmal vergaß ich, wie oberflächlich sie sein konnte. »Ich bin nicht auf der Suche nach einer schüchternen Jungfrau, Grace.«

Damit war Sam eindeutig aus dem Rennen. »Vorhin habe ich Carter in der Küche gesehen. Er hat nach dir gefragt.«

»Du meinst den Carter Wells, den Lucy Burks letzte Woche nach drei Jahren abserviert hat, und der hier vermutlich nur jemanden sucht, um sie eifersüchtig zu machen?«

Dieser Punkt ging an Kelly. »Damit will ich dir nur aufzeigen, dass du Optionen hast.« Was auch immer sie noch für diesen Abend plante. Ganz so genau wollte ich das lieber nicht wissen.

»Du meinst, ich habe Optionen, die nicht Noah heißen?«

»Genau.« Endlich hatte sie verstanden.

»Welches Problem hast du mit ihm?«

Ein Problem? Es waren dutzende. Im Laufe der Jahre hatten Noah und ich uns alles an den Kopf geworfen, was man zu jemandem sagen konnte, den man nicht mochte. Manche Dinge waren längst vergessen, andere hatten tiefer getroffen. Doch das würde Kelly nicht interessieren. Dass Noah kein besonders netter Mensch war, spielte für sie vermutlich keine große Rolle. »Willst du dich echt auf jemanden einlassen, der morgen deinen Namen vergessen haben wird?« Fast schon flehend sah ich sie an.

»Vielleicht ist mir gar nicht wichtig, dass er meinen Namen kennt.« Sie stahl einen der Becher mit der ominösen Flüssigkeit aus meiner Hand und nahm einen tiefen Schluck, bevor sie ihn mir zurückgab. »Aber vielleicht bringe ich ihn ja auch dazu, dass er sich an mich erinnert.« Meine Freundin zwinkerte mir zu, bevor sie von der tanzenden Menschenmenge verschluckt wurde. Sprachlos starrte ich ihr hinterher. Das konnte doch nicht ihr Ernst sein.

Alle Möbel waren aus dem Wohnzimmer der Prestons geräumt worden, sodass genug Platz für eine provisorische Tanzfläche war. Dass Bens Eltern ihm das Haus für diese Nacht überlassen hatten, machte mich immer noch ein wenig sprachlos. Sie waren großartige Menschen und anscheinend auch mit unerschütterlichem Vertrauen in ihren Sohn gesegnet. Vielleicht hatten sie auch erkannt, wie einschneidend und wichtig dieser Abend war. Man machte schließlich nicht jeden Tag seinen Highschool-Abschluss. Wir alle in diesem Haus würden so wie heute nie wieder miteinander feiern. Schon bald würden wir uns zu über das ganze Land verstreuten Colleges aufmachen. Ein wenig wehmütig versuchte ich mir all die Gesichter einzuprägen, von denen ich die meisten vermutlich in absehbarer Zeit nicht wiedersehen würde.

Erst als sich zwei Arme von hinten um meine Taille schlangen, wurde ich aus meinen Gedanken gerissen. »Nicht erschrecken, ich bin es nur.«

Ben.

Er musste sich ein wenig nach vorn beugen, um seinen Kopf auf meine Schulter zu legen. Seine Wange berührte dabei meine, und ich erlaubte mir kurz, die Augen zu schließen, tief einzuatmen und alles um uns herum zu vergessen. In diesem Moment gab es nur Ben, seine Nähe und den brennenden Wunsch in mir, dass diese Nacht alles zwischen uns verändern würde.

»Geht es dir gut?«

Langsam fand ich zurück in die Realität. »Ja, natürlich.«

»Ich dachte, ich muss dich vielleicht vor Kelly retten.« Bens leises Lachen direkt an meinem Ohr ließ meine Knie zuverlässig weich werden. »Ist sie sehr betrunken?«

»Nur ein bisschen.«

Ben zeigte auf die beiden Becher, die ich immer noch in der Hand hielt. »Will ich wissen, was du damit vorhast?«

»Nein, ich glaube nicht.« Er war mir so nah, dass ich diesen Augenblick nicht mit so etwas Banalem wie diesen fürchterlichen Drinks zerstören wollte.

»Okay, dann frage ich auch nicht weiter.« Vielleicht bildete ich es mir in meinem hoffnungslos verliebten Zustand nur ein, aber ich hätte schwören können, dass Ben noch ein wenig näher an mich heranrückte. »Das Kleid ist hübsch.« Dieser simple Satz sorgte dafür, dass mein Puls so laut in meinen Ohren rauschte, dass die Musik in den Hintergrund trat. »Ist es neu?«

Ja, das Kleid ist neu. Ich habe es deinetwegen gekauft. Genauso wie die sündhaften teuren Ohrringe und den Lippenstift, mit dem ich mir zu Hause vor dem Spiegel noch albern vorgekommen bin, weil ich mich fürchterlich verkleidet gefühlt hatte.

Das alles hätte ich sagen wollen. Stattdessen nickte ich nur, unfähig, meine Gedanken zu artikulieren, da Ben mir so nah war.

»Ich bin froh, dass du gekommen bist.« Er hauchte mir einen Kuss auf die Wange. Auch wenn die Berührung seiner Lippen nicht länger als eine Millisekunde dauerte, sorgte sie dafür, dass mir das Herz aus der Brust springen wollte. »Ohne dich hätte der Abend nicht perfekt sein können.«

Da war sie wieder. Meine stetige Begleiterin, die mir immer dann die verrücktesten Dinge in den Kopf setzte, wenn Ben gerade wieder Single war. Hoffnung. Die Hoffnung darauf, dass er in mir eines Tages mehr sehen würde als nur seine beste Freundin. Die Hoffnung, dass er erkannte, wie perfekt wir zueinander passten. Die Hoffnung auf ein Happy End für mich und Ben, auch wenn ich nie den Mut aufgebracht hatte, ihm meine Gefühle zu gestehen.

Unsere kleine Blase platze, als zwei sehr betrunkene Menschen gegen Bens Rücken stolperten. Ein Becher fiel mir aus der Hand, der andere ergoss sich komplett über mein hellblaues Kleid. Der Augenblick war zerstört. Ben drehte sich um und fuhr die beiden unwirsch an, während ich vergeblich versuchte, mein Kleid mit einem Taschentuch zu retten. Der Fleck war größer als meine Handfläche und breitete sich noch mehr aus, je verzweifelter ich mich daran zu schaffen machte. Seufzend ließ ich die Hände sinken. Das ergab so keinen Sinn.

»Sorry.« Ben war wieder an meiner Seite und musterte die Katastrophe, die mal das Kleid gewesen war, das er eben noch hübsch genannt hatte. »Ich habe die beiden nicht kommen sehen.«

»Es ist nur ein Kleid. Halb so schlimm.« Und das war es auch. Es war mir völlig egal. Dass dieser Moment zwischen uns so abrupt geendet hatte, darin lag die wirkliche Tragik. Die trügerische Hoffnung flüsterte mir ins Ohr, dass dieser Abend nicht vorbei war und ich nicht wissen konnte, was er mir noch bringen würde.

»Wenn du das auswaschen willst, kannst du mein Bad oben benutzen.«

»Okay, danke.« Ein letztes Lächeln, bevor ich meinen Blick von ihm losriss und mich durch die Menschenmenge in Richtung der Treppe schob, die ins obere Stockwerk führte. Rechts lag das Schlafzimmer von Bens Eltern, daneben das Zimmer von Noah, der es seit seinem Wechsel an die Ohio State nur sporadisch bewohnte. Bens Zimmer war am Ende des Flurs. Mindestens eine Million Mal war ich bereits hier gewesen, und genauso oft war ich an den Bildern vorbeigelaufen, die Rita Preston liebevoll gerahmt und aufgehängt hatte.

Ich blieb vor einer Bilderserie stehen, die Noah zeigte. Neben ihm, auf jedem einzelnen Foto, ein kleines Mädchen mit einer Zahnspange, wirren blonden Locken und dem glücklichsten Gesichtsausdruck, den man sich nur vorstellen konnte. Es fühlte sich an, als wären diese Fotos in einem anderen Leben entstanden. Diese unerschütterliche Zuneigung war eine Erinnerung, die sich beim Anblick der Bilder an die Oberfläche kämpfen wollte. Jahre waren vergangen, Gefühle waren verletzt und eine Freundschaft zerstört worden ... Dennoch existierte irgendwo tief in mir immer noch das kleine Mädchen, das seinen besten Freund mehr als jeden anderen Menschen auf dieser Welt verehrt hatte. Auch wenn sich Noah vermutlich nicht einmal mehr an die Zeit erinnern konnte, als er mich gemocht hatte.

Die nächsten Fotos waren jünger und ich darauf einige Jahre älter. Die Zahnspange hatte ich verloren, genauso wie meinen besten Freund Noah. Jetzt war es Ben, der neben mir stand. Wir konnten nicht älter als dreizehn oder vierzehn Jahre sein. Das Haar stand uns zu Berge, unsere Gesichter waren rußverschmiert, dennoch strahlten wir in die Kamera, als wäre es der schönste Tag unseres Lebens. Wir hatten im Garten der Prestons gezeltet und dabei ein so klägliches Lagerfeuer zustande gebracht, dass wir uns beinahe selbst ausgeräuchert hätten. Auf dem nächsten Foto war Snoopy zu sehen, Bens Kater, der vor ein paar Jahren überfahren worden war. Auf die glorreiche Idee, eine Katze ausgerechnet Snoopy zu nennen, waren Ben und ich gemeinsam gekommen. Noch heute zierte eine feine Narbe meinen Unterschenkel an der Stelle, wo Snoopy mich mit seinen Krallen erwischt hatte. So viel Liebe, wie das Tier für Ben übriggehabt hatte, so wenig hatte der Kater mich leiden können.

Es folgten unzählige Fotos der ganzen Familie, ein paar Bilder von Noah und Ben, als sie Babys gewesen waren, und einige schreckliche Zeichnungen aus Kindertagen, die von Noah stammen mussten, der noch nie auch nur einen Funken künstlerischen Talents besessen hatte. Kopfschüttelnd riss ich mich von dem Anblick los. Dies war nicht der richtige Moment, um sentimental zu werden.

Als ich Bens Zimmer fast erreicht hatte, hörte ich, wie sich hinter mir eine Tür öffnete. Ohne mich umzudrehen, wusste ich instinktiv, wer am anderen Ende des Flurs stand. Mein Timing war schon immer miserabel gewesen.

»Hast du dich verlaufen?«

Noah. Charmant wie eh und je.

Tief durchatmen. Mich zu ihm umdrehen. Wie ein zivilisierter Mensch mit ihm sprechen. Die ersten beiden Punkte waren einfach, der dritte fiel mir schwer. »Hallo Noah.« Es waren Monate vergangen, seit ich ihn zum letzten Mal gesehen hatte. Seit er ans College gewechselt war, besuchte er seine Eltern alle paar Wochen, was aber nicht bedeutete, dass ich ihn dann auch zu Gesicht bekam. Uns aus dem Weg zu gehen, hatten wir in den letzten Jahren perfektioniert. Er sah blass aus. Die dunklen Haare standen ihm wirr vom Kopf ab, sein T-Shirt war verknittert und hatte definitiv schon bessere Tage gesehen.

Ich war nicht die Einzige, die ihr Gegenüber eingehend musterte. Noahs Blick glitt von meinen Füßen über mein Kleid, verharrte kurz auf dem großen, roten Fleck, bis er mir direkt in die Augen sah. »Manche Dinge ändern sich anscheinend nie.« Sein Tonfall passte nicht zu seinen Worten. Er klang schrecklich müde, was seiner Stimme fast etwas Sanftes verlieh. Etwas, das mich ganz kurz an den Noah denken ließ, der er mal für mich gewesen war.

»Ich freue mich auch, dich zu sehen.«

Seine Reaktion war ein leises Schnauben. »Belanglose Höflichkeiten. Wie erwachsen von der kleinen Grace.« Noah lehnte mit dem Rücken an seiner Zimmertür, hatte die Arme dabei vor der Brust verschränkt. »Hier oben haben Gäste heute keinen Zutritt.«

Seine Aussage traf mich wie ein Schlag ins Gesicht. Ich war wahrlich kein gewalttätiger Mensch, in diesem Augenblick wäre ich jedoch bereit gewesen, eine Ausnahme zu machen. »Ist das dein verdammter Ernst?« Als Kind hatte ich gefühlt öfter in diesem Haus übernachtet als in dem meines Dads.

Seine Antwort war ein gleichgültiges Schulterzucken. Begleitet wurde es von einem angedeuteten Lächeln, das mich nur noch wütender machte.

Wir hatten uns Monate nicht gesehen, an der unterschwelligen Feindseligkeit schien dieser Umstand jedoch nichts geändert zu haben. Noahs Blick lag ausdrucklos auf mir und verriet nicht die kleinste Gefühlsregung. Wenn er überhaupt noch so etwas wie Gefühle besaß. »Ich gehe jetzt da rein und wasche mein Kleid aus. Was du davon hältst, ist mir herzlich egal.«

»Hast du es für Ben gekauft?« Er stieß sich von der Tür ab und kam langsam ein paar Schritte auf mich zu. »Blau ist nicht deine Farbe.«

Dass ausgerechnet Noah wusste, dass ich in Ben verliebt war, war ein Umstand, auf den ich nicht sonderlich stolz war. Irgendwann hatte er mich aus dem Nichts damit konfrontiert, und ich war so perplex gewesen, dass ich meine unerwiderte Liebe nicht einmal hatte leugnen können.

»Grün steht dir besser.« Er war mir jetzt so nah, dass ich nicht nur in seiner Stimme hören konnte, wie erschöpft er war, ich sah es ihm auch an. Unter seinen Augen lagen tiefe Schatten, fast so, als hätte er tagelang nicht geschlafen. Dennoch hatte Noah nichts von seiner Ausstrahlung verloren. Auch wenn ich ihn nicht mochte, konnte ich nicht leugnen, dass er selbst in diesem Zustand so attraktiv war wie eh und je.

»Bist du unter die Modeexperten gegangen?«

»Nein.« Er schüttelte den Kopf, ohne seinen Blick auch nur eine Sekunde von mir zu lösen. »Ich habe lediglich Augen im Kopf.«

»Was nicht bedeutet, dass du mir deine Gedanken ungefragt mitteilen musst.« Möglichst abschätzig betrachtete ich seine Jogginghose, was ihm jedoch nur ein schiefes Grinsen entlockte.

»Im Gegensatz zu dir bin ich heute nicht hier, um jemanden aufzureißen.«

Das würde ihm zwar auch in einer Jogginghose mit Leichtigkeit gelingen, aber diesen Gedanken behielt ich tunlichst für mich. Sein Ego war groß genug, es musste von mir nicht gefüttert werden. »Ich will definitiv auch niemanden aufreißen

»Oh, entschuldige.« Noah hob abwehrend die Hände. »Für Grace Chaplin muss es direkt die große Liebe sein. Wie konnte ich das nur vergessen?«

»Und das, meine Damen und Herren«, ich drehte mich einmal im Kreis, um das imaginäre Publikum zu begrüßen, »ist Noah Preston, wie wir ihn kennen und lieben. Stets darum bemüht, die ganze Welt wissen zu lassen, dass er ein gefühlskalter Mistkerl ist.« Ich zwang mich zu einem zuckersüßen Lächeln. »Und wie wir alle sehen, gelingt ihm das mit einer beeindruckenden Perfektion.«

Ohne auf Noahs Reaktion zu warten, drehte ich mich um, floh in Bens Zimmer und schlug die Tür so kräftig hinter mir zu, dass ich selbst zusammenzuckte. Er wusste genau, wie er mich zur Weißglut bringen konnte, und ließ keine Gelegenheit aus, genau dies auch zu tun. Diese entzückende Seite seiner Persönlichkeit machte seinen ganzen besonderen Charme aus, auf den ich gern verzichtet hätte.

Mein Versuch, den Fleck in meinem Kleid auszuwaschen, erwies sich als hoffnungslos. Nachdem ich Seife benutzt hatte, war er zwar ein wenig verblasst, aber immer noch gut sichtbar, und nun war der Stoff auch noch ganz durchnässt. Daran konnte ich nichts ändern, aber ich konnte versuchen, den zerzausten Zustand meines Haars ein wenig zu verbessern. Mit den Fingern fuhr ich mir durch meine Locken, die mir Kelly mühevoll in meine normalerweise glatten Strähnen gezaubert hatte. Sie hatte ganze Arbeit geleistet. Selbst meine Augen sahen durch den Lidschatten, den sie mir aufgetragen hatte, blauer aus, als sie es eigentlich waren.

Ein paar Minuten später verließ ich Bens Zimmer. Von Noah war zu meiner Erleichterung keine Spur mehr zu sehen.

Aus dem Wohnzimmer dröhnte mir Lose Yourself von Eminem entgegen. Ich hätte wetten können, dass Ben dafür verantwortlich war. Bis vor einigen Jahren war sein Zimmer mit Eminem-Postern tapeziert gewesen. Suchend sah ich mich nach ihm um. Erfolglos. Nachdem ich ihn im Wohnzimmer nicht fand, versuchte ich mein Glück in der Küche. Zwei Jungs aus dem Baseballteam der Schule tranken unter lauten Anfeuerungsrufen ihrer Freunde Bier um die Wette. Aus der Küche führte eine Tür in den weitläufigen Garten der Prestons. Ohne von den grölenden Jungs bemerkt zu werden, schlüpfte ich an ihnen vorbei in die Nachtluft. Es war kalt, aber nach der stickigen Wärme im Haus nicht unangenehm. Ich holte tief Luft ... und erstarrte. Auf den Stufen der Holzterrasse, keine fünf Meter von mir entfernt, saß Ben. Er hatte mir den Rücken zugewandt, aber ich würde ihn immer und überall erkennen. Der Grund, weshalb mich der Anblick vergessen ließ, wie man atmete, war jedoch ein anderer. Auf Bens Schoß saß ein Mädchen. Es hatte die Arme um seinen Nacken geschlungen und presste sich an ihn, als würde es in ihn hineinkriechen wollen. Megan Connors, die mit Ben und mir heute ihren Highschool-Abschluss gemacht hatte, war so sehr darin vertieft, Ben zu küssen, dass sie nicht bemerkte, wie ich nach hinten stolperte und dabei unsanft gegen das Geländer der Terrasse stieß. »Shit.«

Dieses eine Wort genügte, damit sich Ben zu mir umdrehte und mich anstarrte, als hätte er mich noch nie zuvor gesehen. »Grace.«

»Hi. Ähm ...« Hoffentlich reichten meine spärlichen schauspielerischen Künste aus, um ihm etwas vorzumachen. Aber wenn Ben erkannte, dass etwas mit mir nicht stimmte, ließ er es sich nicht anmerken. Er hielt Megan weiterhin fest in seinen Armen und war wie immer völlig ahnungslos, wenn es um meine Gefühle für ihn ging. »Ich wusste nicht, dass ihr hier seid ... und ich wollte nicht stören.«

»Das tust du nicht.« Megan lächelte Ben bei ihren Worten so verliebt an, dass es mir fast den Magen umdrehte. »Wir wollten sowieso reingehen.« Sie kletterte von Bens Schoß, griff nach seiner Hand und zog ihn hinter sich her in Richtung der Terrassentür. »Bis später, Grace.«

»Willst du nicht mitkommen?« Ben. Der stets um mein Wohl besorgte Ben, der nicht wusste, dass er mir mit jedem weiteren Wort das Herz ein wenig mehr brach. »Es ist ganz schön kalt hier draußen.«

»Später.« Zwei Silben. Mehr brachte ich nicht heraus.

»Okay, wie du willst.« Ein letztes Lächeln, bevor er mit Megan im Haus verschwand.

Wie lange ich den beiden regungslos hinterher starrte, wusste ich nicht. Erst als zwei betrunkene Jungs sich gegenseitig stützend auf die Terrasse stolperten, setzte ich mich in Bewegung. Im Laufe der Jahre hatte ich so viel Zeit im Garten der Prestons verbracht, dass ich mein Ziel selbst mit verbundenen Augen gefunden hätte. Die alte Hollywoodschaukel im hinteren Teil des Grundstücks quietschte leise, als ich mich wenig elegant auf sie fallen ließ.

Wie dumm war es doch von mir gewesen, daran zu glauben, dass diese Nacht etwas zwischen Ben und mir verändern würde. Es war nicht das erste Mal, dass ich irgendwelche Zeichen von Ben falsch deutete. Immer wieder waren es Kleinigkeiten, die mich hoffen ließen, auch wenn ich rational wusste, dass es nicht viel Hoffnung gab. Als er vor einigen Wochen neben mir auf der Couch eingeschlafen war, hatte mein von romantischen Komödien vernebeltes Gehirn nur darauf gewartet, dass er die Augen aufschlug, mich ansah und plötzlich aus dem Nichts die Erkenntnis haben würde, dass ich die Eine für ihn war. Natürlich hatte sich mein blödes Herz zusammengereimt, dass er ab diesem Moment nie mehr ohne mich würde einschlafen wollen. Nichts dergleichen war passiert. Ben hatte sich nach einer Stunde aufgerappelt und war ins Bad verschwunden – natürlich ohne mir seine Liebe zu gestehen.

»Habe ich mir doch gedacht, dass ich dich hier finde.« Zum zweiten Mal an diesem Abend tauchte Noah wie aus dem Nichts auf. Er umrundete mit langen Schritten die Hollywoodschaukel und setzte sich neben mich. Die Sitzfläche war klein, und wir keine Kinder mehr. Sein warmes Bein drückte gegen meins, und ich versuchte so weit von ihm wegzurücken, wie es der begrenzte Platz erlaubte. Auch wenn ich mit meinen knapp ein Meter siebzig nicht klein war – neben Noah wirkte ich selbst im Sitzen wie ein Zwerg. Er überragte mich mindestens um zwanzig Zentimeter.

»Lass mich einfach in Ruhe.« Noah und seine Feindseligkeit waren das Letzte, was ich gerade gebrauchen konnte.

»Du bist in meinem Garten.« Aus dem Augenwinkel sah ich, wie er mit den Schultern zuckte.

»Im Garten deiner Eltern.« Wie so oft widersprach ich ihm einfach nur, um ihm nicht recht geben zu müssen.

Zu meiner Verwunderung folgte keine blöde Bemerkung. Stattdessen stieß sich Noah mit dem Fuß ab, bis sich die Schaukel gleichmäßig knarzend vor und zurück bewegte. Einige Minuten saßen wir schweigend nebeneinander, während aus dem Haus dumpf Marilyn Manson herüberdröhnte, der von einer vergifteten Liebe sang. Wie überaus passend.

»Wieso bist du allein hier draußen, Grace?«

Um mich vor der kalten Nachtluft, aber noch viel mehr vor Noah und dem unweigerlich folgenden Spott zu schützen, zog ich die Knie an meinen Körper und schlang die Arme fest darum. »Du weißt, dass ich nicht mit dir darüber reden will.«

»Und du weißt, dass mich das noch nie abgehalten hat.« Er stupste mich mit dem Ellenbogen an, als wäre das hier eine freundschaftliche Unterhaltung. »Sei nicht so eine Spielverderberin.«

»Ist es das für dich? Ein Spiel?«

Noah legte den Kopf schief und musterte mich, als hätte er mich noch nie zuvor gesehen. »Wenn das hier ein Spiel wäre, müsste dann nicht wenigstens einer von uns beiden Spaß an der ganzen Sache haben?«

»Es hindert dich niemand daran, ins Haus zu gehen.« Kurz erlaubte ich mir, an Kelly zu denken und an das, was sie gesagt hatte. »Du findest sicher irgendein angetrunkenes Groupie, das dir die Nacht versüßt.« Schon zu unseren Highschool-Zeiten war Noah als Star des Footballteams bei Mädchen aller Altersklassen beliebt gewesen. Seit er ans College gewechselt war und für die Ohio State spielte, hatte sich seine Popularität noch weiter vergrößert. Bei unzähligen Gelegenheiten war ich Zeuge gewesen, wenn Menschen – meist weibliche – Ben nach seinem Bruder gefragt hatten.

»Betrunkene Groupies?« Ohne Noah anzusehen, wusste ich, dass er bei seinen Worten grinste. »Du scheinst genau zu wissen, auf welche Frauen ich stehe.«

»Wer würde sich schon nüchtern auf dich einlassen?« Diese spitze Bemerkung war gemein und auch nicht wahr, aber wenn ich Noah auf diese Weise vertreiben konnte, war mir jedes Mittel recht. Er sollte mich einfach in Ruhe lassen, damit ich mich pathetisch in meinem Elend suhlen konnte.

»Ein sensiblerer Typ als ich wäre jetzt wohl verletzt.« Seine Stimme war ruhig und distanziert. Nichts erinnerte mehr an den kleinen, freundlichen Jungen mit den riesigen grünen Augen, den ich vor vielen Jahren kennengelernt hatte und der sofort zu meinem besten Freund geworden war.

»Wie gut, dass du nicht sensibel bist.«

Er schnaubte leise, bevor er sich erneut mit dem Fuß abstieß und die Schaukel dazu brachte, unter knarrenden Geräuschen ein wenig schneller zu schwingen.

»Du solltest mit ihm darüber reden, Grace.«

»Er ist mit Megan verschwunden.« Mein dummes Herz krampfte sich bei der Erinnerung an die Szene auf der Terrasse zusammen. »Außerdem bist du weiß Gott der letzte Mensch, mit dem ich diese Unterhaltung führen will.« Mit seinen üblichen blöden Sprüchen konnte ich umgehen, mit dieser plötzlichen Freundlichkeit jedoch nicht. Welchen Plan Noah auch immer damit verfolgte, ich wollte kein Teil davon sein.

»Ich weiß, ich habe die beiden gesehen.« Meinen zweiten Satz ignorierte er. Natürlich. »Wie viele Megans gab es in den letzten Jahren? Zehn? Zwanzig? Hundert?«

»Wir wissen beide, dass es keine hundert waren.« Ben hatte im Laufe der Jahre ab und an Freundinnen gehabt. Natürlich. Selten auch ein Mädchen für eine Nacht, doch am Ende war es jedes Mal nichts Ernstes gewesen. »Nett von dir, dass du mich daran erinnerst.« Es war Zeit, nach Hause zu flüchten. Der Abend war beschissen genug gewesen, ich musste mir nicht noch von Noah vorhalten lassen, wie oft mir Ben ein anderes Mädchen vorgezogen hatte. Langsam rappelte ich mich auf. »War mir wie immer eine Freude, aber ich werde jetzt gehen.«

Kaum hatte ich den Satz zu Ende gesprochen, spürte ich Noahs Hand auf meinem Unterarm. »Bleib. Bitte.«

Ungläubig drehte ich mich zu ihm um und sah ihm vermutlich zum ersten Mal seit fünf Jahren direkt in die Augen. »Warum sollte ich das tun?«

Ein aufrichtiges Lächeln schlich sich auf seine Gesichtszüge. Ich mochte Noahs Lächeln. Es erinnerte mich an Bens. »Weil die Alternativen scheiße sind?«

Nicht einmal unter Folter hätte ich es zugegeben, aber Noah hatte recht. Ich konnte mir ansehen, wie Megan an Ben hing, oder nach Hause gehen und wie so oft Tränen vergießen, weil er mich nicht wollte. Kraftlos ließ ich mich zurück auf die Schaukel sinken, die unter meinem Gewicht wenig vertrauenerweckende Geräusche von sich gab. »Besteht die Chance, dass du mich allein lässt?«

»Nope.«

»Das habe ich mir gedacht.« Müde und frustriert seufzte ich leise. »Warum bist du so?«

»So?« Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Noah die rechte Augenbraue nach oben zog.

»Ich will dich nicht schockieren, aber man könnte fast glauben, du wärst nett.« Und genau das war er auch gewesen, seit er sich neben mich auf die Schaukel gesetzt hatte.

»Nett.« Aus Noahs Mund klang das Wort, als hätte er es noch nie zuvor gehört. »Gewöhn dich besser nicht dran.«

»Keine Angst, das hatte ich nicht vor.« Auch wenn ich mir den Abend anders vorgestellt hatte, war ich fast froh, mit meinen Gedanken nicht allein zu sein. Solange Noah mich mit seiner unnachahmlichen Art aufregte, hatte ich keine Zeit, darüber nachzudenken, dass ich die Chance verpasst hatte, Ben für mich zu gewinnen.

Wieder einmal ...

 

1. Kapitel

Love is many things.

None of them logical.

William Goldman, The Princess Bride

 

2 Jahre später ...

 

Teilnahmslos betrachtete ich die kreischenden, jubelnden, beinahe schon ekstatischen Menschen um uns herum. Viele trugen Trikots unseres Teams. Das ganze Stadion schien ausschließlich aus der Farbe Rot zu bestehen. In diesem roten Meer aus tobender Glückseligkeit bildete mein blauer Hoodie einen seltsamen Kontrast.

»Hast du das gesehen, Grace?« Ben stupste mich so enthusiastisch mit dem Ellenbogen an, dass mir beinahe mein Pappbecher aus der Hand gefallen wäre. »Home Run.«

Auch nach zwei Jahren, in denen ich fast jede Woche mit Ben im Stadion gesessen hatte, konnte ich dieser Sportart einfach nicht viel abgewinnen. Was ein Home Run war, wusste ich. Auch ein paar der grundlegenden Regeln hatte ich mittlerweile drauf, nur um vor Ben nicht wie eine Idiotin dazustehen. »Das ist toll.« Mein Versuch, möglichst begeistert zu klingen, war von wenig Erfolg gekrönt.

»Du hast nicht hingesehen, oder?«

»Doch, natürlich.« Mein Protest wurde von Bens linker Hand erstickt, die sich auf meine Augen legte und mir die Sicht versperrte.

»Okay, dann kannst du mir ja sicher den Spielstand nennen.« Das Grinsen in seiner Stimme war hörbar.

Zwei Atemzüge lang erlaubte ich mir, Bens Finger auf meiner Haut zu spüren. Kurz so zu tun, als würden wir uns nicht unter zehntausend Menschen im Football-Stadion der Ohio State befinden. Zwei Atemzüge, in denen ich ignorierte, dass seine neue Freundin rechts neben ihm saß. Zwei Atemzüge, die so flüchtig waren, als hätte es sie nie gegeben. Kopfschüttelnd drehte ich mich nach links, worauf Ben seine Hand wieder sinken ließ. »Du hast gewonnen, ich habe keine Ahnung, wie es steht.« Und es war mir auch völlig egal. Der einzige Grund, weshalb ich mir jede Woche diese langweiligen Spiele ansah, war Ben. Ben und die Zeit, die wir gemeinsam verbrachten.

»Wir führen.« Rebecca hatte sich nach vorn gebeugt und lächelte mich über Ben hinweg freundlich an. Hätte ich gewusst, dass sie uns heute begleiten würde, wäre ich niemals mitgekommen. Seine letzte Freundin hatte zu meiner großen Erleichterung immer abgelehnt, wenn er sie mit ins Stadion hatte schleppen wollen. »Sechs Punkte Vorsprung auf Alabama und noch drei Minuten zu spielen.« Sie war so hübsch, nett, immer fröhlich und genau das Mädchen, das man dem besten Freund wünschen sollte – wenn man nicht selbst seit Jahren unglücklich in ihn verliebt war.

Ben schlang den Arm um ihre Schultern, und Rebecca kuschelte sich enger an ihn. Die beiden wirkten so eklig glücklich, wie es nur frisch verliebte Paare tun konnten. Seit er sie vor vier Wochen in einer seiner Vorlesungen kennengelernt hatte, waren sie unzertrennlich.

»Du brauchst auch ein Trikot, Grace.« Ben nickte von seinem roten Shirt zu Rebeccas, bevor sein Blick wieder meinen fand. Beide trugen die Nummer zweiundachtzig. Noahs Nummer. Natürlich.

Ben war unglaublich stolz auf seinen Bruder, der mittlerweile erster Runningback der Bucks war. Er wurde nicht müde zu betonen, wie gut Noah war und dass er es sicher im nächsten Frühjahr in die NFL schaffen würde.

»Ich glaube nicht, dass er sonderlich begeistert wäre, wenn ich mit seiner Rückennummer durch die Gegend laufe.« Obwohl ich diesen Satz vor mich hinmurmelte, hatte Ben ihn dennoch verstanden.

»Es wäre vielleicht eine gute Gelegenheit für einen neuen Anfang. Das Kriegsbeil zu begraben und so ...« Seine Augen strahlten so sehr, dass ich wegsehen musste. Zu groß war die Versuchung, mich in seinem Blick zu verlieren und Rebecca einfach zu vergessen.

»Dafür dürfte es zu spät sein.« Sieben verdammte Jahre zu spät. Wenn ich mir nicht mit seinem Bruder seine Spiele ansah, begegnete ich Noah kaum. Lediglich an Bens Geburtstagen oder wenn wir uns durch Zufall auf dem Campus über den Weg liefen. Mittlerweile waren wir immerhin so erwachsen, dass wir uns nicht mehr bei jeder Gelegenheit angifteten. Meistens ignorierten wir uns einfach.

»Ihr seid einfach beide viel zu stur.« Ben strich sich kopfschüttelnd eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Als ihr noch befreundet wart, hat das unser Leben wesentlich einfacher gemacht.«

Es hat dein Leben einfacher gemacht. Ein Gedanke, der mir durch den Kopf schoss, den ich aber nicht laut aussprach. Es war für Ben nicht leicht, dass sich sein Bruder und seine beste Freundin nicht mochten. Im Laufe der Jahre hatte er immer wieder sehr erfolglos versucht, Noah und mich dazu zu bringen, wie zivilisierte Menschen miteinander zu sprechen. Gescheitert waren diese Versuche alle. »Sag das ihm, nicht mir.«

»Ja, genau.« Bens Antwort folgte ein ungläubiges Schnauben. »Als ob das was ändern würde. Ihr wisst ja nicht mal mehr, wie der ganze Stress überhaupt angefangen hat.«

Nein, das wusste ich tatsächlich nicht, aber mittlerweile spielte es auch keine Rolle mehr. Noah hatte von einem Tag auf den anderen beschlossen, dass ich nicht mehr wert war, mit ihm befreundet zu sein. Meine anfängliche Trauer hatte sich im Laufe der Zeit über Fassungslosigkeit in Wut gewandelt. Bis ich mir schließlich eingeredet hatte, dass es mir gleichgültig war. Meistens war mir das sogar gelungen.

»Du warst mit Noah befreundet?« Rebecca hatte unserer Unterhaltung aufmerksam gelauscht. »Wann war das?«

»Damals waren wir Kinder. Das ist so lange her, ich kann mich nicht einmal mehr genau daran erinnern.« Mit einer wegwerfenden Handbewegung versuchte ich zu unterstreichen, wie unwichtig diese Vergangenheit mit Noah war.

»Das glaubst du doch selbst nicht.« Bens Worte waren so leise, dass nur ich sie verstand. So leise, dass ich einfach so tun konnte, als hätte ich sie nicht gehört.

 

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Ohio State 42, Alabama 35

 

Die Bucks hatten Alabama vernichtend geschlagen, wie Ben nicht müde wurde, immer wieder zu betonen, während wir uns mit zigtausend Menschen aus dem Stadion drängten. Wohin ich meinen Blick auch wandern ließ, sah ich in glücklich lachende Gesichter. Mir selbst war eher zum Heulen zumute. Ben und Rebecca liefen Hand in Hand nebeneinander und lächelten sich dabei immer wieder verliebt an. Der Abend schien ihr Spaß gemacht zu haben. Vermutlich würde sie ab sofort jedes Mal mit zu den Spielen kommen wollen. Was bedeuten würde, dass ich mein wöchentliches Ritual mit Ben aufgeben musste. Noch einmal würde ich den beiden nicht stundenlang dabei zusehen, wie sie aneinanderklebten.

Zum vermutlich hunderttausendsten Mal schimpfte ich mich einen Feigling. Warum hatte ich nur nie den Mut aufbringen können, Ben meine Gefühle zu gestehen? Es war in der Theorie so einfach. Ben mochte mich. Vielleicht nicht so sehr wie ich ihn, aber wir waren Freunde, und vielleicht würde er mich in einem anderen Licht sehen, wenn er wüsste, was ich für ihn empfand. Das war die Theorie. Die Realität sah leider anders aus. Natürlich mochte mich Ben. Er war mein Freund. Mein völlig platonischer Freund, der in mir noch nie ein Mädchen gesehen hatte, in das man sich verlieben konnte. Wir waren Kumpel. Die besten. Für ihn genug, für mich schon lange nicht mehr. Die sehr realistische Chance, dass sich alles zwischen uns ändern würde, wenn er von meinen Gefühlen erfuhr, die er nicht erwiderte, hielt mich davon ab. Was wir hatten, wollte ich auf gar keinen Fall zerstören.

»Kommst du noch mit?« Ben hatte sich zu mir umgedreht, strahlte mich an und sah dabei genauso ekelhaft glücklich aus wie all die anderen um uns herum. Sein blondes Haar fiel ihm in leichten Wellen in die Stirn, und ich ertappte mich dabei, wie ich die Finger ausstrecken und ihm die wirren Strähnen zurückstreichen wollte. Nur einmal. Nur ein einziges Mal.

»Wohin?« Normalerweise gingen wir nach den Spielen nach Hause. Ben in sein Wohnheim, ich in meins.

»Wir wollen den Sieg noch ein wenig feiern.« Während er mit mir sprach, schlang Rebecca ihre Arme um seine Taille, woraufhin ich mich zwang, Ben ins Gesicht zu sehen und alles andere zu ignorieren. »Da ist eine neue Sportsbar, die wir uns ansehen wollten. Was sagst du?«

Seufzend schüttelte ich den Kopf. »Nicht heute.« Und bestimmt auch an keinem anderen Tag, wenn deine Freundin dabei ist.

»Sicher?« Sein Welpenblick verfehlte seine Wirkung nicht. Er nutzte ihn immer, wenn er etwas von mir wollte. Das dumpfe Gefühl in meinem Magen wurde stärker. »Komm schon, Grace. Sei nicht so.«

»Ich habe einen Test am Montag.« Einen Test, den ich mir soeben ausgedacht habe. Ohne ihm in die Augen zu sehen, schüttelte ich den Kopf. »Ich muss lernen.«

»Heute noch?« Rebecca stupste mich an, als wären wir alte Freundinnen, die wir definitiv nicht waren und nie werden würden. »Es ist doch Freitag.«

»Ja, heute noch.« Ich wandte mich wieder Ben zu und versuchte mich an einem gequälten Lächeln. »Sorry. Wir sehen uns morgen?«

»Ach, darüber wollte ich noch mit dir sprechen.« Er fuhr sich mit der Hand durch das Haar. Ich kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er nervös war. »Rebecca und ich fahren morgen nach Fairborn.«

Das letzte bisschen Luft verabschiedete sich aus meinen Lungen, als ich meinen besten Freund perplex anstarrte. »Ihr fahrt morgen nach Hause? Zusammen?« Der klägliche Versuch, mein Entsetzen zu verbergen, ging gründlich schief. Ben würde Rebecca seinen Eltern vorstellen. Und zu allem Überfluss bedeutete dies, dass er dafür unseren gemeinsamen Abend im Pub absagen musste. Keine seiner Freundinnen hatte er jemals offiziell seinen Eltern vorgestellt. Wenn er Rebecca nach so kurzer Zeit in das kleine Städtchen Fairborn schleppte, in dem wir aufgewachsen waren, musste es ihm ernst mit ihr sein. Unter größter Anstrengung zwang ich mich zu einem möglichst neutralen Gesichtsausdruck.

»Ich mache es wieder gut, okay?« Er sah ein wenig zerknirscht aus, als sein Blick von Rebecca zu mir wanderte. »Nächste Woche können wir ja zu dritt in den Pub gehen.«

Welch großartige Idee. Das würde niemals passieren, solange ich noch bei Verstand war. Es war eine Sache zu wissen, dass Ben eine Freundin hatte. Und eine andere, mir die beiden gemeinsam anzutun. Er hatte mir das Herz schon so oft gebrochen. Wenn es so weiterging, wäre ich bald nicht mehr in der Lage, es immer wieder notdürftig zusammenzuflicken. Vielleicht war es an der Zeit, erwachsen zu werden und der Wahrheit ins Auge zu sehen. Mir musste nur noch einfallen, wie ich das dem verräterischen Organ, das in meiner Brust schlug, weismachen sollte.

»Vielleicht kannst du Emily fragen, ob sie mitkommen möchte«, schlug Ben vor.

»Wer ist Emily?«, wollte Rebecca wissen.

»Meine Mitbewohnerin.« Ich presste die Lippen aufeinander, um nicht vor ihnen in Tränen auszubrechen. Geweint hatte ich um Ben oft. Jedoch nie in seiner Gegenwart. Doch dass er Rebecca tatsächlich mit nach Hause nehmen würde, hob die ganze Sache auf eine völlig neue Stufe. Es wirkte so offiziell – als wäre es ihm schrecklich ernst mit ihr.

»Und du willst wirklich nicht noch mitkommen?« Ben startete einen letzten Versuch, mich zu einem Besuch dieser neuen Bar zu überreden.

»Nein, wirklich nicht. Ich bin auch echt müde. Viel Spaß euch beiden.« Ohne auf eine Antwort zu warten, drehte ich mich um und drückte mich unhöflich an den Menschen vorbei, die zum Ausgang liefen. Ich musste hier weg. Weg von Ben. Weg von Rebecca. Und weg von dem Gedanken, dass Ben Preston seine neue Freundin nach lächerlichen vier Wochen seinen Eltern vorstellen würde.

Mein Plan, mich bei Emily auszuheulen, scheiterte, als ich die Tür aufschloss und unser Mini-Appartement verwaist vorfand. Ich ließ meine Tasche im Flur auf den Boden fallen und schaltete seufzend die Stehlampe in der Ecke des Wohnzimmers ein. Wir hatten separate Schlafzimmer, die aber so klein waren, dass wir uns meistens hier aufhielten.

Seit zwei Jahren wohnten wir bereits zusammen, und in dieser Zeit war Emily zu meiner ersten Anlaufstelle geworden, wenn es darum ging, jemandem mein Leid wegen Ben zu klagen. Sie hörte sich, ohne mit der Wimper zu zucken, immer wieder die gleichen Geschichten an, fütterte mich mit Eiscreme und sah sich auch noch zum hundertsten Mal Vom Winde verweht mit mir an.

Wenn Emily nicht greifbar war, musste ich zu Plan B übergehen: backen!

 

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Zwei Stunden später betrachtete ich ein wenig stolz mein Werk: Brownies, Muffins und Pancakes stapelten sich in der klitzekleinen Küche, als würde ich damit eine ganze Armee verpflegen wollen. Wenn sich die Welt zu schnell drehte, war Zucker das Einzige, was mich auf dem Boden hielt. Emily und ich konnten das unmöglich alles essen. Morgen würde ich die Brownies hier im Wohnheim verteilen, die Pancakes frühstücken, und für die Muffins würde sich auch noch irgendeine Verwendung finden.

Die Uhr über der Mikrowelle zeigte an, dass es bereits nach Mitternacht war, als mich ein Klopfen an der Tür aufschreckte. Das konnte nur bedeuten, dass Emily ihren Schlüssel vergessen hatte. Mit einem Handtuch über der Schulter, an dem ich notdürftig meine mit Schokolade verschmierten Finger abzuwischen versuchte, riss ich die Wohnungstür auf und erstarrte.

»Was willst du denn hier?«

»Freut mich auch, dich zu sehen.« Noah rollte mit den Augen, ehe er mich zur Seite schob und in unser kleines Wohnzimmer trat. Er füllte mit seiner Präsenz den kompletten Raum aus. Aber so war es schon immer gewesen. Wo Noah Preston auftauchte, stand er im Mittelpunkt. Mein Wohnzimmer bildete da keine Ausnahme. Er wohnte am anderen Ende des Campus und war noch nie in meinem Appartement gewesen. Dass er ausgerechnet bei mir reinschneite, als wäre es die normalste Sache der Welt, ließ mich ihn stumm anstarren.

»Willst du die Tür nicht zumachen?« Er nickte in Richtung der Wohnungstür, die ich immer noch mit einer Hand offenhielt.

»Was willst du hier?« Ich wollte nicht zickiger als nötig klingen, hatte aber auch keine Lust, mich mit Noah und seiner unterschwelligen Feindseligkeit auseinanderzusetzen. Nicht heute. Und sicherlich auch nicht zu dieser Uhrzeit.

Er ließ sich unbeirrt von meiner Frage auf unsere dunkelblaue Couch fallen, die wir vor einigen Monaten in einem Secondhandladen erstanden hatten. Eigentlich war das Möbelstück viel zu groß für das Zimmer, aber in Noahs Gegenwart erschien es plötzlich fast klein. Seine muskulöse Footballer-Statur war nicht gemacht für das Sofa von Normalsterblichen.

Ergeben schob ich mir die Brille mit einem Finger nach oben und schloss die Tür.

»Feierst du nicht euren Sieg?« Wieso war er nicht bei seinen Teamkameraden? Oder bei Ben und Rebecca, die sicherlich noch in einer der Sportbars in der Innenstadt saßen?

Als Antwort bekam ich lediglich eine wegwerfende Handbewegung. »Hast du ...« Er suchte nach Worten, was ungewöhnlich für ihn war.

»Habe ich was?« Ich hatte keine Lust auf seine Spielchen und auch keine Zeit. Da waren Muffins, die noch verziert werden wollten.

Noah zögerte. »Ein Schmerzmittel?«

»Wie bitte?« Irritiert sah ich ihn an. »Bist du verletzt?«

»Nicht wirklich.« Er schüttelte den Kopf. »Ich habe bei dem Spiel einen unangenehmen Treffer abgekriegt und gerade festgestellt, dass ich keine Tabletten mehr habe und ...«

»Da war dein erster Gedanke, ausgerechnet mich zu fragen?« Hatte er keine Freunde? Außerdem war ich mir ziemlich sicher, dass die Mannschaftsärzte ihre Spieler auch mit Medikamenten versorgten. Und ich war mir ebenfalls sicher, dass er nicht einfach irgendwas schlucken konnte, ohne mit genau diesen Ärzten zu sprechen. Darüber diskutieren wollte ich allerdings auch nicht. Ich wollte ihn einfach nur wieder loswerden. »Ich sehe nach. Moment.«

Als ich nach wenigen Augenblicken aus dem Bad zurückkam, hatte Noah seine Jacke und Schuhe ausgezogen und saß im Schneidersitz auf meiner Couch, als wäre er hier zuhause.

»Ibuprofen. Was anderes habe ich nicht gefunden.« Ich warf ihm die Dose mit den Tabletten zu, die er mühelos mit einer Hand fing.

»Perfekt. Danke.« In aller Seelenruhe las er die Aufschrift.

»Kann ich sonst noch etwas für dich tun?« Ich wollte zurück zu meinen Muffins und mich weiter in meinem Elend suhlen, Rebecca dabei verfluchen und dann bei Vom Winde verweht auf der Couch einschlafen. Auf der Couch, die nun von Noah Preston belagert wurde.

»Ein Glas Wasser?« Er wedelte mit den Tabletten. Ich wollte ihn darauf hinweisen, dass es in seiner eigenen Küche sicherlich auch Wasser gab, aber wenn ich eins über Noah wusste, dann war es, dass man nicht mit ihm diskutieren sollte. Am Ende zog man immer den Kürzeren. Auch wenn ich ihn nicht mehr besonders mochte, musste ich ihm zugestehen, dass er klug war. Sein stechender Sarkasmus, mit dem er mich so oft bedacht hatte, war ein deutliches Zeichen dafür. Zudem war er keiner von denen, die ihre guten Noten nur ihrem Status als sportliche Hoffnungsträger der Uni zu verdanken hatten, wie Ben mir ständig erzählte – ob ich es hören wollte oder nicht.

Ben. Beim Gedanken daran, was er wohl gerade mit Rebecca tat, meldete sich das dumpfe Gefühl in meinem Magen zurück.

Ich hatte das Glas in der Küche kaum gefüllt und hoffte, Noah endlich damit loszuwerden, als er hinter mir im Türrahmen auftauchte. Wortlos nahm er mir das Wasser ab und spülte drei Tabletten mit einem großen Schluck runter.

»Was zur Hölle?« Fassungslos starrte ich auf die Stelle über seinem Hosenbund, wo sein Shirt durch das Heben seines Arms hochgerutscht war. »Was ist das?«
Eine Fläche, die mindestens doppelt so groß wie meine Faust sein musste, war dunkelblau verfärbt. Drumherum war die Haut gerötet, und auch einige Kratzer waren zu erkennen.

»Das ist nichts.« Noah zog den Bund seines Shirts wieder nach unten.

»Nichts?« Ich blinzelte ungläubig. »Das sieht aus, als hätte dich ein Zug überfahren.«

»Deswegen auch die Schmerztabletten.« Er stellte die Dose auf dem Küchentresen ab. »Danke.«

Ich war zwar kein Arzt, aber ziemlich sicher, dass in diesem Fall ein paar lausige Ibuprofen nicht helfen würden. Also öffnete ich den Gefrierschrank und hatte in Windeseile gefunden, wonach ich gesucht hatte. »Hier.« Ich hielt Noah meine Beute hin, der mich nur ansah, als wäre ich verrückt geworden.

»Erbsen?«

»Tiefkühlerbsen, um genau zu sein.«

»Und was soll ich damit?«

Augenrollend nahm ich ihm die Packung wieder ab und deutete auf sein Shirt. »Hoch damit!«

»Wenn du willst, dass ich mich ausziehe, hättest du nur etwas sagen müssen.« Seine Lippen umspielte dieses Lächeln, das ich in all den Jahren, die wir uns kannten, so unendlich oft gesehen hatte. Es war sein Charming-Lächeln, wie Ben und ich es nannten. Noah wusste, dass er gut aussah, was eine lächerliche Untertreibung war. Er setzte dieses Lächeln ein, um zu bekommen, was er wollte. Oder, wie in meinem Fall, um zu versuchen, Menschen einzuschüchtern. Viel zu oft hatte er Erfolg damit, aber ich fiel nicht mehr darauf rein.

Ohne darauf zu warten, dass er das Shirt anhob, schritt ich zur Tat. Für seinen Bullshit war es zu spät in der Nacht. Ich war müde und wollte ins Bett. Dank der Erbsen waren meine Finger eiskalt, und ich konnte ein zufriedenes Grinsen nicht unterdrücken, als er zusammenzuckte, kaum dass ich die Haut an seinem Bauch berührte.

»Vorsicht, das könnte etwas kalt werden.«

»Scheiße, Grace!« Er machte einen Satz zurück, als ich die Erbsen auf seinen monströsen blauen Fleck drückte. »Wenn du mich schockfrosten willst, solltest du mich vorwarnen.«

»Stell dich nicht an wie ein Baby.« Ich zog die Erbsen zurück und hielt sie dann wieder gegen seine Haut. Dieses Mal vorsichtiger. Auch wenn wir uns nicht mochten, wollte ich ihm nicht wehtun. »Das hilft gegen die Schmerzen. Die Schwellung im Gewebe geht zurück und ...«