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Gianluigi Nuzzi

Habgier im Vatikan

Wie die Jünger des Geldes Papst Franziskus Reformen sabotieren

Aus dem Italienischen von Christine Ammann und Walter Kögler

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Die italienische Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel »Giudizio Universale. La battaglia finale di papa Francesco per salvare la chiesa dal fallimento« bei Chiarelettere, Mailand.

© 2019 by Gianluigi Nuzzi, Published by arrangement with The Italian Literary Agency

Orell Füssli Verlag, www.ofv.ch

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Dadurch begründete Rechte, insbesondere der Übersetzung, des Nachdrucks, des Vortrags, der Entnahme von Abbildungen und Tabellen, der Funksendung, der Mikroverfilmung oder der Vervielfältigung auf andern Wegen und der Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen, bleiben, auch bei nur auszugsweiser Verwertung, vorbehalten. Vervielfältigungen des Werkes oder von Teilen des Werkes sind auch im Einzelfall nur in den Grenzen der gesetzlichen Bestimmungen des Urheberrechtsgesetzes in der jeweils geltenden Fassung zulässig. Sie sind grundsätzlich vergütungspflichtig.

Umschlaggestaltung: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich

ISBN 978-3-280-05735-3
eISBN 978-3-280-09102-9

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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter www.dnb.de abrufbar.

Inhalt

Über dieses Buch

Der unersättliche Parasit

Eine katastrophale Immobilienverwaltung

Brechen wir endlich das Schweigen

Die Insolvenz der Kirche

Ein Geheimtreffen, um dem Abgrund zu entgehen

Nur noch fünf Jahre bis zum Crash

Der parasitäre Machtzirkel

Der Krisenstab in der Zange der Kurie

Der Kampf der Papstgetreuen

Die geheimen Konten des Staatssekretariats

Die Papstkonten sind Staatsgeheimnis

Das IOR ist nicht die einzige undurchsichtige Vatikanbank

Die bislang unveröffentlichte Aussage von Prälat Francesco Salerno

Der 600-Millionen-schwere Kirchenmann

Stiftungen, Konten und Peterspfennig: Die Gruft des Staatssekretariats

Die Gelder für die Armen noch mal halbiert

Anonyme, hinterhältige und undurchsichtige Geschäftemacher

Operation Peterspfennig

Champagner und Schmiergelder für den Berater des Vatikans

Eine peinliche Zusammenarbeit und der Spendeneinbruch

Woher stammen die Spenden?

Kardinal Angelo Becciu: weggelobt

Carlo Maria Viganòs Angriff auf den Papst und heimtückische Angriffe gegen Claudia Ciocca

Der Skandal um die versteckten Konten der vatikanischen Zentralbank APSA

Die mehrstelligen Geheimkonten der hohen Würdenträger

Wie die Güterverwaltung APSA funktioniert

In erster Linie Privatkonten

Die Blackbox der Bank

Millionenschwere Kontenbewegungen

Die Konten, die zur Schule von Emanuela Orlandi führen

Das Netzwerk der Stiftungen ist außer Kontrolle geraten

Kirchen-, Krankenhaus- und Universitätskonten

Verdächtige Kardinalskonten

Behinderung bei der Überprüfung auffälliger Girokonten

Der Teufel im Vatikan

»Im Vatikan habe ich den Teufel gesehen!« Im Reich von Nunzio Scarano

Eine Räuberhöhle

Bei den Immobilien herrscht Chaos: Die italienischen Steuern werden nicht gezahlt

Der Zusammenbruch der heiligen Immobilien

Kardinal Calcagno und der Kauf einer 96-Millionen-Euro-Immobilie

Ein vertrauliches Dokument

Galantino im Treibsand der Zentralbank

Der Abgrund

Kardinal Calcagno bricht das Schweigen

Die letzten Adlaten von Kardinal Rambo und der Cyberwiderstand

Innerhalb von zwei Jahren verdreifacht sich das Defizit

Das Dossier zum Defizit

Die Lage verschlimmert sich

Die Ausbootung des eisernen Vasallen von Papst Franziskus

Der Gegenangriff der Kurie

Im Gespräch mit dem Heiligen Vater

In den Computer des Revisors eingedrungen

In den heiligen Hallen werden Straftaten begangen. Und die Prälaten sägen jeden ab, der dies anprangert

Ein unveröffentlichtes Dokument. Die Verschwörung

»Entweder Sie treten zurück oder wir verhaften Sie«

Die millionenschwere Entschädigung für den verjagten Revisor. Ein Schatz in Schweizer Verließen

Das letzte Opfer: der treu ergebene Dario Edoardo Viganò

Tränen und Läuterung

Die Schlacht beginnt

Der zensierte Brief

Die bisher unbekannten Kurzmitteilungen, die Viganò entlasten

Viganò verteidigt sich im Staatssekretariat

Der letzte Ausbruch in Santa Marta

Unicuique suum, jedem das Seine

Die Sorgen des neuen Chefredakteurs: ein bekennender, schuldiger Priester schreibt in der Zeitung

Die letzte Schatztruhe

Millionen Euro aus dem IOR nach China

Das Geld geht nicht an die Missionare, sondern an die Börse

Der streng geheime Bericht über das IOR

Der unglückselige Immobilienverkauf

Das Geld an Lux Vide und die Operation Momentum

Über 25 Prozent der Konten unrechtmäßig. Die Flucht der Kunden

Das Jüngste Gericht

Der Papst: Schwarzarbeit im Vatikan

Dem Abgrund wieder einen Schritt näher

Die Justiz Gottes und die Justiz des Vatikans

Anhang

Wie sicher sind der Papst im Vatikan und die Gläubigen auf dem Petersplatz?

Die Antwort des Vatikans auf die Euro-Krise

Index / Personenregister

Über dieses Buch

Der unersättliche Parasit

Papst Franziskus könnte mit seinem Pontifikat scheitern, weil die strategischen Angriffe strengkonservativer Katholiken überhandnehmen, es an Priestern mangelt oder die Zahl der Gläubigen zurückgeht. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass er scheitert, weil der katholischen Kirche der finanzielle Ruin jeden Tag ein wenig mehr droht. Die Finanzlücke im Vatikan ist mittlerweile »strukturell«, wie es die Berater des Papstes ausdrücken. Das heißt, das Vermögen, das die Kirche dank der barmherzigen Spenden der Gläubigen über Jahrhunderte anhäufen konnte, wird kontinuierlich, wie von einem gierigen, unersättlichen Parasiten, geschmälert. Und gegen diesen Bazillus gibt es offenbar kein Mittel. Jedenfalls hat er bislang alle Behandlungsversuche mehr oder minder unbeschadet überstanden. Da konnten die Papstgetreuen noch so engagiert versuchen, dem finanziellen Ruin der Ämter und Behörden, die die katholische Kirche von Rom aus verwalten und die theologische Richtung von 1.299.000.000 Gläubigen auf der ganzen Welt vorgeben, Einhalt zu gebieten.

Die Folgen der Epidemie sind verheerend und offenbaren sich immer deutlicher. Wenn es dem Vatikan an finanziellen Mitteln fehlt, kann der Papst den Armen, den Geflüchteten, den Bedürftigen nicht so helfen, wie er will. Doch ohne konkrete, überzeugende Taten kann Gottes Wort innerhalb und außerhalb von Rom leicht verblassen. Leere Kassen schwächen die weltweite Mission der Kirche und gefährden letzten Endes das Überleben des Kirchenstaats.

Je mehr sich die Zukunft verdunkelt, desto häufiger muss sich der Papst mit Ausnahmesituationen und den schlechtesten vatikanischen Finanzzahlen aller Zeiten auseinandersetzen und angesichts wirtschaftlicher Zwänge Entscheidungen treffen, die mit der katholischen Lehre, einer sozialen Kirche oder einem ethischen Finanzgebaren nur noch bedingt vereinbar sind. Ende März 2019 hatte der Papst den Jahresabschluss der vatikanischen Güterverwaltung (APSA – Amministrazione del Patrimonio della Sede Apostolica) auf dem Tisch, das Gesundheitszeugnis des wichtigsten Dikasteriums. Diese Behörde ist die finanzielle Lunge des Kirchenstaats, sozusagen seine Zentralbank. Wie der Papst in dem knappen Papier lesen konnte, hat die Güterverwaltung 2018 »erstmals in der Geschichte« mit Verlusten abgeschlossen. Das hatte es noch nie gegeben: minus 27 Prozent beim Betriebsergebnis, minus 67 Prozent beim Finanzergebnis und minus 56 Prozent bei der Immobilienverwaltung, wobei sich der Absturz letzterer, eigentlich hätte er 115 Prozent betragen, nur durch massive Eingriffe hatte auffangen lassen.

Eine katastrophale Immobilienverwaltung

Die Gründe dafür liegen für jeden, der es wissen will, auf der Hand. Man muss sich nur anschauen, wie das Immobilienvermögen der APSA verwaltet wird: Noch immer stehen gut 800 Objekte leer, bringen also gar nichts ein. Weitere 3200 Objekte werden mietfrei überlassen, die Miete beträgt also sage und schreibe 0 Euro, und mindestens die Hälfte aller Mieter zahlt nur eine ermäßigte Miete. Man wirft zu Lasten des Staates mit Mietnachlässen nur so um sich, obwohl die Objekte häufig von großzügigen, überzeugten Gläubigen geschenkt oder vererbt wurden. Und dabei hatte man, wie in den Medien nach Erscheinen meines Buchs Alles muss ans Licht1 2015 zu lesen war, allgemein versichert, nun sei mit den Privilegien aber Schluss und die Immobilienverwaltung werde endlich normalisiert. Doch die Situation hat sich nicht nur nicht verbessert, sondern im Gegenteil noch verschlechtert: Die Kardinäle wohnen alle in 400- oder 500-Quadratmeter-Wohnungen, während die Papstwohnung leer steht, weil Papst Franziskus sich in das Gästehaus Santa Marta zurückgezogen hat und seine Mahlzeiten lieber dort im Speisesaal einnimmt, wo er sein Menü bis zuletzt geheim halten kann. Denn auch die Sicherheitsfrage stellt ein erhebliches Problem dar. Man lese nur das vertrauliche Papier zu den entsprechenden Maßnahmen für die beiden Päpste und den Vatikanstaat, das im Anhang angeführt ist.

Doch zurück zur Güterverwaltung, denn die »Zentralbank« ist nicht nur wegen ihrer katastrophalen Immobilienverwaltung in Schwierigkeiten, sondern auch wegen freizügig gewährter Großkredite und Investmentanlagen. Letztere sind zwar 2018 um 100 Millionen gesunken, aber die Kreditvergabe lässt nichts Gutes ahnen. So erhielt etwa die Kongregation der Söhne der Unbefleckten Empfängnis 2014 für die finanzielle Sanierung ihres römischen Krankenhauses Idi einen ASPA-Kredit über 50 Millionen Euro. Das Geld wird die Zentralbank nie mehr wiedersehen. Und was ist mit den beträchtlichen Anteilen am Pharmariesen Roche: Die APSA hat die Anteile zwar abgestoßen, doch haben sich die 2016 und 2017 dafür erhaltenen 22,5 beziehungsweise 15,9 Millionen kaum positiv bemerkbar gemacht. Während sich auf der einen Seite die Spendenkassen des Vatikans immer weiter leeren, werden auf der anderen die Ausgaben und Kosten des schwerfälligen Staatsapparats immer weiter aufgebläht.

Der Heilige Stuhl erwägt auf der verzweifelten Suche nach Geldquellen sogar erstmals, sein Tafelsilber zu verkaufen, sich also von Immobilienvermögen zu trennen: Zur Diskussion stehen 424 Hektar auf dem Gemeindegebiet Santa Maria di Galeria, nordöstlich von Rom, ein riesiges Gelände, fast zehnmal so groß wie der Kirchenstaat. Papst Franziskus steht an einem Scheideweg: Soll er das Gelände verkaufen und die Verluste des Vatikans damit abfedern oder soll er es behalten und sich Bauspekulationen entgegenstellen, die so gar nicht der kirchlichen Lehre entsprechen? Bei einem Treffen mit einigen Kardinälen am 12. Februar 2018 bleibt der Papst standhaft: »Ich bin gegen Spekulationsgeschäfte, die auf reine Profitmaximierung zielen.« Daraufhin ließen ihm nahestehende Kardinäle Alternativen erarbeiten, von einer Fotovoltaikanlage bis zu einer Einrichtung für Bedürftige. Bislang wurde allerdings noch nichts davon umgesetzt.

Der gute Ruf hat für Papst Franziskus einen hohen Stellenwert. Mehr noch als bei früheren Päpste ist das mögliche Medienecho einer Entscheidung für ihn von höchster Bedeutung. Das zeigt nicht nur die Einrichtung einer Kommission, die jede einzelne Initiative bezüglich ihrer möglichen Öffentlichkeitswirkung, also vor allem die möglichen Folgen für den Ruf der Kirche, bewerten soll, sondern auch die Verschärfung der Strafen für die Preisgabe vertraulicher Informationen aus dem Vatikan.

Obwohl die tiefgreifende finanzielle Krise, die eine Insolvenz als durchaus möglich erscheinen lässt, die Kirche also beunruhigt, werden die eigentlich erforderlichen radikalen Sofortmaßnahmen aus Angst vor Imageschäden oder möglichen Konflikten mit den Grundsätzen einer sozialen Kirche verwässert oder verschoben.

Ein vielsagendes Beispiel: Die Zahl der Vatikanbeschäftigten ist unverhältnismäßig hoch, und, wie es im Bericht des Wirtschaftsrats vom Februar 2018 heißt, arbeitet »die Vermögensverwaltung nicht wegen Korruption, sondern wegen Inkompetenz schlecht«. Die Zahl der Überstunden ist schwindelerregend hoch (2016 waren es allein im Governatorat 500.413), doch niemand würde auch nur erwägen, einen unfähigen Beschäftigten zu entlassen oder jemanden, der sich bereichert, vor die Tür zu setzen. Andererseits hat man kein Problem, sich von Leuten zu trennen, die dem Papst beim Aufräumen helfen, wie Generalrevisor Libero Milone, oder von einem engen päpstlichen Mitarbeiter wie Prälat Dario Viganò, dem man das Vertrauen aufgrund von Anschuldigungen entzog, die dank dieses Buches wohl in einem neuen Licht betrachtet werden müssen.

Im Übrigen ist es wohl zu einfach, die Schuld nur bei den Beschäftigten des Kirchenstaats zu suchen. Denn hinter den Mauern des Vatikans fehlt es seit jeher an einer vernünftigen Personalpolitik, was zur Folge hat, dass qualifizierte Beschäftigte Mangelware sind und es für die wenigen, die da sind, keine adäquate Ausstattung und zu wenig Fortbildungen gibt. Wie die mit Wirtschaftsfragen befassten papstnahen Kardinäle am 4. Juli 2017 in den Jahresabschlussunterlagen 2016 lesen konnten: »Der Anteil der manuell durchgeführten Vorgänge ist noch immer hoch, und das bedeutet bei mangelhaften Kontrollen ein erhöhtes Fehlerrisiko.«

Brechen wir endlich das Schweigen

In diesem Buch schildere ich, wie Papst Franziskus darum kämpft, dem gefährlichen Finanzkurs des Vatikans Einhalt zu gebieten und den drohenden Bankrott der Kirche abzuwenden. Schon Papst Benedikt XVI. hatte die finanzielle Entwicklung der Kirche große Sorge bereitet, und er wusste, dass sich der Zusammenbruch nur durch eine Kehrtwende verhindern lassen würde. Doch unter ihm konnte der Wandel noch nicht umgesetzt werden oder zumindest nicht so schnell wie erhofft.

Wenn ich auf den folgenden Seiten über die dramatischen Ereignisse berichte, beziehe ich mich stets auf über 3000 geheime, bislang unveröffentlichte Dokumente, die ich seit 2013 zusammensammeln konnte. Sie enthalten die ganze Wahrheit: über die unterschlagenen Gelder, das Missmanagement, die gierigen Kardinäle und andere hohe Würdenträger, die alles andere als christliche Machtkämpfe ausfechten, und über die drei nebulösen Banken mit rätselhafter Buchhaltung. Auch über diese Dinge muss berichtet werden, wie ich meine, und zwar aus demselben aufklärerischen Geist heraus, wie dies bei meinen vorigen Büchern geschah: zuerst in Vatikan AG (2009), dann veröffentlichte ich in Ihre Heiligkeit (2012) die Schreibtischunterlagen von Benedikt XVI., schilderte in Alles muss ans Licht (2015) die katastrophalen Verhältnisse, die Papst Franziskus im Vatikan antraf, und ging in meinem letzten Buch Erbsünde (2018) schließlich den schlimmsten Geschichten im Vatikan auf den Grund, die zeigen, dass für manche im Kirchenstaat Geld wichtiger ist als die Seele.

Auch wenn die Päpste schon seit dem vorigen Jahrhundert voll guter Absichten sind, ist eine echte Reform der römischen Kurie bislang ausgeblieben, weil jeder kleinste Ansatz dazu im Keim erstickt, abgeblockt und sabotiert wird. Auf den folgenden Seiten können Sie sich ein plastisches Bild davon machen, wie groß das Geflecht aus Eigeninteressen, Geld und Macht ist, in das manche Kardinäle und Würdenträger verstrickt sind. Das festgeknüpfte Netz aus Konten, Finanzgeschäften und Spekulationen, das den Vatikan fest im Griff hat, wird hier erstmals wirklich offengelegt.

Der Vatikan wird von einer Unterwelt beherrscht, die vollkommen unbekümmert persönliche Machtkämpfe entfacht und befeuert und sich nicht nur gegenüber dem sich am Horizont abzeichnenden Finanzcrash vollkommen gleichgültig zeigt, sondern auch gegenüber allen Mahnungen des Papstes, der ihr religiöser Führer und eigentlich absoluter Monarch des Kirchenstaats ist. Mit diesem Buch wird der Mantel des Schweigens, der den drohenden Bankrott des Vatikans bislang umgab, endlich gelüftet. Das dürfte nicht nur unter Katholiken für Unruhe sorgen. Doch in diesem Buch findet sich nichts als die Wahrheit, und ihr kann man sich nur stellen, wenn man sie nicht verschweigt, sondern öffentlich macht.

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1Gianluigi Nuzzi, Alles muss ans Licht, Wals bei Salzburg 2015

Die Insolvenz der Kirche

Ein Geheimtreffen, um dem Abgrund zu entgehen

Frühjahr 2018, über den Petersplatz weht ein leichtes Lüftchen. Es ist noch früh. Die ersten Gläubigen strömen gerade auf den Platz, so gesittet wie immer. Staunend betrachten sie die überwältigende Schönheit um sie herum. Die Wirksamkeit der Sicherheitsmaßnahmen wegen möglicher islamistisch motivierter Attentate kümmern sie kaum. Ein heikles Thema, in der Kurie ist man besorgt, aber darüber redet man nicht. Gerade haben einige Kardinäle die Porta Sant’Anna hinter sich gelassen und bahnen sich ihren Weg durch die Pilger. Es ist Dienstag, der 15. Mai, kurz nach halb neun, sie müssen zu einer geheimen Sitzung des Wirtschaftsrats, ein eingeschworener, kleiner Kreis, der den Papst in Finanzfragen unterstützt.

Die Sitzungsteilnehmer kommen aus allen Ecken der Welt: Juan Luis Cipriani Thorne aus Peru, Daniel DiNardo ist der Vorsitzende der US-Bischofskonferenz, Wilfrid Fox Napier kommt aus Südafrika, Norberto Rivera Carrera aus Mexiko. Mit dem Apostolischen Administrator der Diözese Hongkong, John Tong Hon, ist sogar das kommunistische China vertreten. Und aus Europa sind natürlich viele da: vom Italiener Agostino Vallini bis zum Franzosen Jean-Pierre Ricard und dem deutschen Reinhard Marx, der wie ehemals Ratzinger der Diözese München vorsteht und Koordinator des Wirtschaftsrats ist.

Abgesehen vom altgedienten Kurienmitglied Vallini, noch von Benedikt XVI. zum Kardinal erhoben und Protegé von Ex-Staatssekretär Tarcisio Bertone, sind alle Papst Franziskus treu ergeben. Jeder einzelne wurde speziell dafür ausgewählt, den Papst bei der finanziellen Neuordnung des Vatikans zu unterstützen und diese dann vor allem gegen jeden Widerstand aus der Kurie, gegen jeden Versuch, mehr Transparenz zu verhindern, durchzusetzen. Eine Aufgabe, die unmöglich scheint.

Die Kardinäle betreten die Sala Bologna, in der Mitte ein großer hufeisenförmiger Tisch in Massivholz, drumherum über zwanzig Intarsienstühle mit bequemer Samtpolsterung für die wichtigen Sitzungen. Weil ich über aktuelle Unterlagen zur wirtschaftlichen Situation des Vatikans verfüge und meine Quellen bei dieser und anderen vertraulichen Sitzungen anwesend waren, kann ich die Spannungen und Auseinandersetzungen zwischen den Schlüsselpersonen der vatikanischen Finanzen so realgetreu nachzeichnen.

Die Kardinäle gehen über das knarrende, im Schachbrettmuster verlegte Parkett und nehmen Platz. Wir befinden uns im pulsierenden Herz des Heiligen Stuhls, im dritten Stock des Papstpalastes, dem vornehmsten Vatikangebäude mit über tausend Zimmern, zu denen nur höchste Würdenträger Zugang haben. Die Sala Bologna liegt symbolträchtig genau in der Mitte des Gangs, zwischen der nun leerstehenden Papstwohnung und den Büros des Staatssekretariats.

Die Begrüßungen ziehen sich hin, zwischen Umarmungen und Händeschütteln unterhält man sich kurz tête-à-tête. Derweil werden die Sitzungsunterlagen verteilt, und schon beim ersten Durchblättern wird deutlich, dass diese Sitzung anders sein wird als sonst.

Dann verstummen plötzlich alle und blicken zur Tür. Ein neuer Gast betritt den Raum, Kardinalsstaatssekretär Pietro Parolin. Papst Franziskus’ engster Mitarbeiter hat seine Wohnung im ersten Stock verlassen, um mit seinen Brüdern an der Sitzung teilzunehmen. Seine angespannten Gesichtszüge verraten mehr denn je, wie heikel die Lage ist, wie schwerwiegend die ausgeteilte Dokumentation und vor allem, wie bedeutsam die heutige Sitzung ist.

Um Punkt neun Uhr bittet Kardinal Marx mit kurzem Kopfnicken um Ruhe, man versammelt sich für das traditionelle Gebet, das an diesem Tag vielleicht notwendiger ist denn je. Die bevorstehende Aufgabe wird nicht einfach sein und erfordert große innere Ruhe. Der Koordinator weiß das nur zu gut. Er ist der neue Stern am Himmel der vatikanischen Wirtschaft, nachdem der Australier George Pell gestürzt ist. Pell war 2014, als Symbol des Wandels, zum Präfekten des Wirtschaftssekretariats ernannt, dann aber des Kindesmissbrauchs beschuldigt und im Februar 2019 verhaftet worden.

Um den Tisch reihen sich siebzehn Personen, die meisten Männer. Frauen scheinen, wie sonst auch bei Treffen auf höchster Ebene, quasi ausgeschlossen. Von seltenen Ausnahmen abgesehen. Neben neun geistlichen Würdenträgern sitzen in der Sala Bologna diesmal acht Laienvertreter, darunter drei Frauen. Auch sie haben Zugang zu den geheimen Sitzungen über die undurchsichtige vatikanische Finanzwelt, die die Spenden der knapp 1.300.000.000 Gläubigen aus aller Welt verwaltet. Doch natürlich sind sie auch hier nicht unbedingt mit den allerhöchsten Aufgaben betraut. Die stille Elisa Fantini und die zurückhaltende Paola Monaco haben am Sekretariatstisch zu tun, der direkt neben dem Platz des Papstes steht.

Etwas eingehender sollten wir uns dagegen mit der dritten Frau beschäftigen, die scheinbar etwas abseits, beinah im Halbschatten sitzt. Obwohl zierlich, wirkt sie sehr bestimmt. Sie heißt Claudia Ciocca und leitet die Aufsichts- und Kontrollabteilung des Wirtschaftssekretariats. Der breiten Öffentlichkeit ist sie eher unbekannt, obwohl sie in nur wenigen Jahren in den Kreis der einflussreichsten Laienvertreter im Vatikan aufgestiegen ist. Helle Augen, ein schmales, klares Gesicht, eingerahmt von einem kastanienbraunen Kurzhaarschnitt. Beiläufig, beinah unsichtbar bewegt sie sich zwischen den Großen der katholischen Kirche. Claudia Ciocca bringt nicht nur solide Finanzerfahrungen mit, sondern verkörpert auch perfekt die heutige Vorstellung von kirchlicher Macht, insbesondere die von Papst Franziskus: Sie besitzt eine natürliche Begabung zum aufmerksamen Zuhören, zur sorgfältigen Wahl der genau passenden Worte und den richtigen Sinn für Barmherzigkeit und Nachsicht, um die Ziele des Papstes ohne Nachsicht umzusetzen.

Auf dem Tisch liegen streng geheime Unterlagen über den wahren Gesundheitszustand der Kirche, besser gesagt ihres Nervenzentrums, des Vatikans. Die Zahlen waren noch nie entmutigender, die Aussichten noch nie katastrophaler: stark eingebrochene Einnahmen, kaum mehr bezifferbare Abgründe bei Pensionsfonds und Krankenkasse, unkontrollierbar aufgeblähte Personalkosten und ein kaum noch bewertbares Vermögen. So werden die riesigen Immobilienbestände nach wie vor von Klientelansprüchen in Geiselhaft genommen, und bei den Wertpapier- und Aktienanlagen entstehen immer wieder Millionenverluste, weil die Strategie und Diversifizierung fehlen.

Papst Franziskus hat zwar von Anfang an die Konten des Heiligen Stuhls in Angriff genommen, aber obwohl das eine unvergleichliche Schockwelle auslöste, blieb die erhoffte Wirkung aus. Dank bis dahin unveröffentlichter vertraulicher Finanzdokumente aus dem Vatikan habe ich diese Anfänge in meinem Buch Alles muss ans Licht (2015) bis in den Winter 2013/2014 nachgezeichnet. Damals gab es allerdings noch Handlungsspielraum. Wie die jetzigen Dokumente auf beunruhigende Weise offenbahren, ist Papst Franziskus mit seinem Vorhaben gescheitert. Die Unterlagen sprechen eine deutliche Sprache: Der Papst wurde Opfer eines systematischen Boykotts.

Die Seilschaften im Vatikan haben sich jeder Veränderung widersetzt und ihre Privilegien, ihre missbräuchlichen und sonstigen undurchsichtigen Interessen erfolgreich verteidigt. Die Richtung, die der Jesuit vom anderen Ende der Welt vorgab, wurde im Vatikan sabotiert, man warf seinen Getreuen Knüppel zwischen die Beine, sie wurden Opfer von taktischen Schachzügen und Intrigen. Am Ende blieb jede Maßnahme wirkungslos. Die Revolution ist im Sande verlaufen. Und was am schlimmsten ist: Der eigentliche Verlierer ist nicht der Papst oder sein Pontifikat, sondern, viel wesentlicher und grundsätzlicher, die katholische Kirche, die kirchliche Organisation, das pulsierende Herz in Rom, das die katholische Welt belebt und koordiniert. Die Kirche selbst ist in Gefahr. Die Zeit drängt, der Untergang ist nah.

Nur noch fünf Jahre bis zum Crash

Die Laienvertreter in der Sala Bologna sind zutiefst angespannt. Sie warten so reglos, als hielten sie die Luft an. Einzig die Augen der alten Kardinäle bewegen sich, während sie die vertraulichen Unterlagen lesen, und ihre runzeligen Hände, mit denen sie bedächtig umblättern. Dort steht die ganze Wahrheit, und alle Berichte kommen zu demselben Schluss, prägnant zusammengefasst in einer angehefteten Anmerkung:

Der Wirtschaftsrat möchte seiner Besorgnis hinsichtlich des Defizits des Heiligen Stuhls erneut Ausdruck verleihen und erachtet es darum für notwendig, dem Heiligen Vater folgendes mitzuteilen: Es besteht ein anhaltendes, strukturelles Defizit von besorgniserregender Höhe, das, sofern keine Eilmaßnahmen ergriffen werden, zur Insolvenz führen kann.

Es droht die Insolvenz der katholischen Kirche. Da steht es: Insolvenz. Die Kardinäle nehmen die Brille ab, blättern in den Papieren, malen sich vielleicht aus, wie man sich doch noch vor dem drohenden Finanz-Tsunami retten könnte. Die apokalyptische Szenerie ist aus zwei Gründen besonders erschreckend. Erster Grund, katastrophal genug: Eine Insolvenz würde den gesamten Vatikan strukturell bedrohen, weil er dann über keine Finanzmittel mehr verfügen würde. Die katholische Kirche würde dies weltweit auf unvorhersehbare Weise durch einen Dominoeffekt zu spüren bekommen. Wenn der Vatikan insolvent ist, stehen keine Gelder mehr für die notwendigen Ausgaben zur Verfügung, nicht einmal mehr für die Gehälter der Beschäftigten in den Dikasterien und Kongregationen. Die kirchliche Maschinerie käme unweigerlich zum Erliegen, und wenn die Zentralregierung der Theokratie fehlt, stände die Zukunft jeder Diözesen, jedes katholischen Ordens und jeder einzelnen Pfarrei auf dem Spiel.

Der Wirtschaftsrat möchte seiner Besorgnis hinsichtlich des Defizits des Heiligen Stuhls erneut Ausdruck verleihen und erachtet es darum für notwendig, dem Heiligen Vater Folgendes mitzuteilen:

Es besteht ein anhaltendes, strukturelles Defizit von besorgniserregender Höhe, das, sofern keine Eilmaßnahmen ergriffen werden, zur Insolvenz führen kann.

a.Personal: Hier sind eine Überprüfung der Abläufe, neue Personalverteilungsschlüssel und eine Überprüfung der Kompetenzen erforderlich.

b.Maßnahmenplanung: Die Verteilung der Ressourcen auf die jeweiligen Initiativen muss nach Prioritäten erfolgen, die von der obersten Behörde vorab festgelegt werden.

c.Verwaltung der weltlichen Güter: Hier sind langfristige Initiativen zu identifizieren, die die Rentabilität der Initiativen bezüglich aller verfügbaren Güter möglichst erhöhen können.

Mit diesem Dokument warnt der Wirtschaftsrat vor der drohenden Insolvenz des Vatikans.

In der Sala Bologna drängt sich eine Frage auf, die direkt zum zweiten Grund der Besorgnis führt. Es ist eine sehr leise Frage: »Wer sagt es dem Papst?« Dabei geht es nicht nur um den formellen Aspekt, sondern auch um die Verantwortung. Wer nimmt die Bürde auf sich, ihn über das Geschehen zu informieren? Eine schwere Bürde, denn alle erinnern sich noch zu gut an die dramatischen Ereignisse vor ein paar Jahren. Genauer gesagt, vor sieben Jahren, als das Pontifikat von Benedikt XVI. bereits daniederlag und man dem Papst die Wirtschaftszahlen vorlegte. Schon damals herrschte unter den internationalen Wirtschaftsprüfern der Präfektur für wirtschaftliche Angelegenheiten des Heiligen Stuhls, einer Art Rechnungshof, großer Pessimismus. Eine Sitzung jagte die nächste, jede bewertete die Zukunft des Vatikans noch pessimistischer und mahnte noch eindringlicher zur Eile. Am 19. Dezember 2012 nahmen die Rechnungsprüfer der Präfektur schließlich allen Mut zusammen – dass sich Laienvertreter mahnend an den Papst wendeten, war damals noch undenkbar – und bezifferten die drohenden Schwierigkeiten schwarz auf weiß.1 Nur wenige Monate später dankte Joseph Ratzinger ab.

Und jetzt ist die Finanzlage noch schwieriger, vielleicht sogar irreparabel. Der Papst muss über eine drohende Insolvenz informiert werden. Wie wird er reagieren, wenn er erfährt, dass man die Blutung nicht mehr stoppen kann? Dass die Verwaltung noch genauso schlecht arbeitet wie früher? Wofür wird er sich entscheiden, wenn er begreift, dass alles, was er bisher in die Wege geleitet hat, umsonst war? Schon nach drei Monaten im Amt, am 27. Juni 2013, hatten die Wirtschaftsprüfer den Heiligen Vater mit einem deutlichen Schreiben über die Bilanzlöcher und vor allem die ausufernden Kosten informiert. Doch trotz aller Bemühungen scheint keine Kehrtwende eingetreten zu sein. Unter den Würdenträgern geht schon wieder ein Wort um, mit neun Buchstaben, fast ein Tabu, das man am liebsten gar nicht aussprechen will: »Rücktritt«. Allein die Vorstellung, der Papst könne abtreten, lässt die Anwesenden zusammenfahren, als kehre ein vergangen geglaubtes böses Gespenst zurück. Der Alptraum ist noch zu frisch.

Claudia Ciocca bemerkt die allgemeine Anspannung, senkt den Blick und flüchtet sich in die vertraute Welt der Zahlen. Aber nur kurz. Die Führungskraft des Wirtschaftssekretariats schüttelt ihr Zaudern schnell ab und wendet sich mutig an den Koordinator. Ihre Stimme klingt nicht fordernd, eher niedergeschlagen. Fast flehend: »Sie sollten das machen, Eminenz.« Doch Reinhard Marx schweigt. Der deutsche Kardinal weiß nur zu gut, wie sehr Papst Franziskus die Finanzfragen quälen. Nach jeder Sitzung bittet ihn der Papst, ihn im Gästehaus Santa Marta aufzusuchen und ihm detailliert Bericht zu erstatten. Aber das hier ist etwas anderes. Vielleicht denkt Marx auch an die immer angespannteren vertraulichen Sitzungen vom letzten Monat und an das Treffen mit dem Papst vom Vortag. Er und sein getreuer Sekretär, der Engländer Brian Ferme, waren am 14. Mai zu einer Audienz beim Papst.

Der Papst hatte ihn gebeten, ihn bezüglich der heiklen Fragen auf den neuesten Stand zu bringen: über die aufgeblähten Personalkosten oder die schwarzen Löchern im Pensionsfonds. »Welche konkreten Gefahren gibt es da?«, hatte der Papst gefragt. »Im Grunde können wir die Pensionen unserer Beschäftigten nicht mehr gewährleisten«, hatte er geantwortet. Schweigen. Der Versorgungsfonds war erodiert. »Dass wir allen Beschäftigten sichere Pensionen zahlen, ist und bleibt von größter Wichtigkeit«, sagte der Papst sehr entschieden. »Aber was ist mit den Konten, dem Defizit?«, wollte er wissen. »Wir werden uns mit verschiedenen Vorschlägen beschäftigen […]« Wieder Schweigen. Vielleicht hätte der deutsche Kardinal am liebsten gesagt: »Aber ob die Zeit dafür noch reicht?« Denn wie viel Zeit würde der Vatikan wohl brauchen, um effektive Maßnahmen zu ergreifen, damit die strukturellen Widerstände überwunden und der drohende Zusammenbruch doch noch abgewendet werden kann? Der Papst hatte sich schließlich bereit erklärt, sich mit den Kardinälen persönlich zu treffen, um sie in diesem schwierigen Moment zu unterstützen. Marx und Ferme hatten sich bedankt und verabschiedet. Und jetzt sollte er wieder mit dem Papst sprechen.

Marx beobachtet jeden der Kardinäle genau. Sein Blick begegnet dem von Parolin, einem cleveren Geistlichen diplomatischer Schule. Einen Augenblick lang mustern sich beide, dann erteilt Marx, als müsse er sich nun leider um anderes kümmern, seinem Vize das Wort, dem Malteser Joseph Zahra, seit 2013 Teil des päpstlichen Wirtschaftsteams. Zahra solle die Situation bitte detailliert und ohne Schönfärberei erläutern. Wenn jemand trotz der ausgeteilten Unterlagen noch irgendwelche Hoffnungen gehegt haben sollte, sie werden durch Zahras Worte augenblicklich im Keim erstickt.

Zahra ist durch und durch Fachmann, seine knappe Sprache kennt keine Adjektive. Die Lage verschlechtere sich mit jedem Tag mehr: »Die Nachhaltigkeit der Finanzen des Heiligen Stuhls kann immer weniger gewährleistet werden, vor allem angesichts des beträchtlichen Defizits in der konsolidierten Bilanz, das man im Zusammenhang mit einem Einnahmenrückgang betrachten muss.«

Es gebe drei ungelöste Problembereiche: »Für das Defizit verantwortlich sind in erster Linie Human Resources, der Pensionsfonds und der Gesundheitsfonds FAS (Fondo Assistenza Sanitaria).«2 Es bestehe dringender Handlungsbedarf. Doch zunächst müsse man die richtigen Leute mit den notwendigen Kompetenzen finden, um zu bestimmen, welche drastischen Maßnahmen als Erstes umgehend eingeleitet werden sollen. In diesem Punkt dürfe man sich keine Fehler erlauben. Wie viel Zeit bleibt also noch? Zahra nennt zum ersten Mal eine konkrete Frist, ein Datum: »Wir brauchen einen Wirtschaftsplan für die nächsten fünf bis sieben Jahre.« Die Finanzen der Kirche sind also nur noch bis 2023 sicher. Danach gibt es kein Zurück mehr: Es könnte zur ersten Insolvenz in der neueren Geschichte der katholischen Kirche kommen.

Einige Kardinäle lächeln. Manche vertrauen auf den Heiligen Geist, andere glauben in verblendetem Optimismus, es sei bis zu diesem fernen Datum noch reichlich Zeit. Aber für die Sanierung von Staatsfinanzen sind fünf Jahre ein Wimpernschlag. Auch weil es ihnen an Wirtschafts- und Finanzkompetenz mangelt, begreifen die wenigsten der anwesenden Würdenträger, dass das Jahr 2023 angesichts der strukturell schwierigen Situation und der vorherzusehenden Probleme bei der Reformumsetzung keineswegs in weiter Ferne, sondern gleich um die Ecke liegt. Noch dazu ist der genannte Zeitrahmen relativ und dürfte sich noch verkürzen: »Hinzu kommt eine Vorbereitungszeit von mindestens 18 Monaten«, so Zahra, »und außerdem muss der Papst zuerst noch zustimmen.« Man muss also eine Gruppe von klugen, kompetenten Köpfen zusammenstellen, um die drohende Insolvenz noch abzuwenden. Da die katholische Kirche ihre finanziell dramatische Lage bislang erfolgreich geheimgehalten hat, erfährt die Öffentlichkeit erst jetzt von dieser Gruppe.

Der parasitäre Machtzirkel

Zahra denkt an einen Krisenstab aus »Vertretern der wichtigsten Finanzbehörden des Heiligen Stuhls und des Vatikans«. Also an Experten aus den sechs wichtigsten Behörden: dem Staatssekretariat, Wirtschaftssekretariat, der päpstlichen Güterverwaltung APSA (beziehungsweise der vatikanischen Zentralbank, zuständig für Immobilienverwaltung, Buchhaltung der meisten Ämter sowie Investmentanlagen), dem Governatorat (zuständig für Ausschreibungen, Beschaffung sowie Einnahmen aus vatikanischen Museen und kirchlichen Läden), der Kongregation für die Evangelisierung der Völker (zuständig für die Koordinierung der Missionstätigkeit) und der internen Vatikanbank IOR. Zahra wünscht sich eine autonome Taskforce, die in der Lage ist, umgehend den richtigen Weg einzuschlagen.

Als Zahra geendet hat, blicken alle betreten zur Seite. Man wartet ab, was die höchste Autorität im Saal, Staatssekretär Parolin, dazu sagen wird. Daran wird man ablesen können, ob Zahras Forderung zu gewagt ist oder nicht. Parolin ist knapp und deutlich. Beinah tonlos sagt er: »Ein wachsendes Defizit wird uns in Schwierigkeiten bringen.« Man müsse also sofort Gegenmaßnahmen ergreifen. Doch nicht alle Kardinäle sind seiner Meinung: Manche sehen in der neuen Arbeitsgruppe lediglich eine Zweitausgabe des Wirtschaftsrats, andere wundern sich über die angedachten Gruppenmitglieder, die mit der tatsächlichen Lage des Heiligen Stuhls ja sehr vertraut sein müssten. Marx und Zahra nicken verständnisvoll. Und versuchen, kritische Stimmen zu besänftigen.

Weil Marx ahnte, dass es Widerstand geben würde, hat er zu der Sitzung mehrere hohe Kurienmitglieder eingeladen, die der Runde den wahren Gesundheitszustand der Konten vor Augen führen sollen. Erstes Problem: der Pensionsfonds. In der Sala Bologna erscheinen Nino Savelli und Stefano di Pinto, Präsident beziehungsweise Direktor des Versorgungswerks, und erläutern ausführlich, welche Reformen sie zur Abwendung der drohenden Insolvenz in Angriff nehmen wollen. Eine wahre Rosskur, die man allerdings schon 2013 angekündigt hatte, als das Defizit noch bei 700 Millionen Euro lag.3 Aus dem Sitzungsprotokoll: »In Anbetracht fehlender Ressourcen und der allgemein hohen Lebenserwartung sollten die Beschäftigten auf die Möglichkeit einer freiwilligen Zusatzrentenversicherung hingewiesen werden.« Unter anderem, da »nach den Prinzipien der sozialen Gerechtigkeit insbesondere die Pensionen der unteren Gehaltsklassen sichergestellt werden müssen.«

Vor dem Saal wartet schon René Brülhart, Schweizer, Jahrgang 1972 und AIF-Präsident (Autorità di informazione finanziaria – Geldwäschebekämpfungsbehörde des Heiligen Stuhls).4 Ihn hat Marx mit der Erläuterung eines besonders heiklen Themas betraut: dem Risikomanagement des Kirchenstaats. Wie kann sich der Kirchenstaat vor den größten Risiken schützen? Als Brülhart schließlich den Saal betritt, nimmt er kein Blatt vor den Mund: »Viele Risikokategorien lassen sich einfach auf einen einzigen Risikotyp zurückführen: den Imageschaden für den Heiligen Stuhl.« Das größte Risiko für die Kirche sei, so Brülhart, ein Glaubwürdigkeitsverlust durch zu viele Wirtschafts- und Finanzskandale. Und er macht aus seiner Enttäuschung keinen Hehl: »Auch fünf Jahre nach Beginn der Reformanstrengungen fehlen noch immer zuverlässige Maßnahmen und Richtlinien für das Risikomanagement.« Dann erläutert er, wie der künftige Weg aussehen müsse: Identifizierung der relevanten Risiken und dann Entwicklung entsprechender Vorbeugungsmaßnahmen wie Ad-hoc-Standards, beispielsweise Ausschreibungsrichtlinien. Dem unverbindlichen Geplauder müssten endlich konkrete Taten folgen: »Es wurde lange genug diskutiert, jetzt müssen die konkreten praktischen Abläufe festgelegt werden. Wir brauchen ein einheitliches Vorgehen bei Beschaffungen und Verträgen, das für alle Behörden gilt, vom Heiligen Stuhl bis zum Governatorat.«

Murren von Seiten der Kardinäle. Eine alte Weisheit im Vatikan lautet: »Treibe einen Kardinal nie zur Eile.« Doch die Zeit drängt. Schließlich erhält Claudia Ciocca den Auftrag, in zwei Monaten einen konkreten Vorschlag vorzulegen. Der nächste Sitzungstermin wird für Juli anberaumt. Doch angesichts der vorgetragenen Erläuterungen und der vertraulichen Unterlagen muss eigentlich jedem im Raum klar sein, dass sich die drohende Insolvenz nur abwenden lässt, wenn die Bilanzen wieder positiv sind und die Verwaltungen endlich transparent. Und zwar sofort.

Bitterkeit macht sich breit. Schon damals, als Papst Franziskus mit der Prüfung der Konten begonnen hatte, hatte man über dieselben Probleme und dringenden Maßnahmen geredet. All die Jahre waren nutzlos verstrichen. Noch immer verliert sich die Kirche in allgemeinen Aufforderungen zur »Verbesserung der Einnahmesituation durch Kultur- und Tourismus-Initiativen«. Dabei kennt man den Königsweg zum Abbau des Defizits längst: Einschnitte bei den Personalkosten und Schluss mit der Verschwendung. »Es ist ein verbindlicher Prozentsatz festzulegen, um den die Personalkosten jährlich sinken müssen. Die eingesparten Mittel könnten dann dem Pensionsfonds zugutekommen«, heißt es im Sitzungsprotokoll. Daraus spricht die Erkenntnis, dass nicht alle Beschäftigten unabdingbar sind und der ineffiziente Arbeitsstil zunehmend die Bilanzen belastet.

Hinter den verschlossenen Sitzungstüren reagieren die papstnahen Kardinäle allergisch auf die im Vatikan weit verbreitete Unsitte der Klientelpolitik. Mitarbeiter werden häufig eingestellt, weil man sie kennt, und nicht wegen ihrer Kompetenz. Arbeitsabläufe verzögern sich nicht nur aufgrund der mangelnden Qualifikation der Beschäftigten, sondern auch aufgrund ihres ineffizienten Arbeitsstils. Hier könnte ein Vorschlag Abhilfe schaffen, der jedoch stark umstritten ist: Mit einfachen Arbeitszeugnissen könnte man erfahren, wer fleißig ist und wer nicht. »Um das Leistungsniveau jedes einzelnen Beschäftigten festzuhalten und seinen tatsächlichen Beitrag bewerten zu können«, heißt es im Protokoll, »sind in den Dikasterien interne Bewertungsinstrumente einzuführen.« Doch wie würden die Beschäftigten darauf reagieren? Was soll aus der sozialen Kirche mit ihrem Verständnis für die Schwierigkeiten eines jeden Einzelnen werden? Hier zeigt sich, dass die schwere Finanzkrise sogar die soziale Ausrichtung des Pontifikats bedroht.

Papst Franziskus bewegt sich wie in einem teuflischen Spiegelkabinett, als er in seinen ersten fünf Amtsjahren mühsam versucht, die verborgenen Sümpfe der kirchlichen Buchhaltung trockenzulegen. Einerseits gibt es nichtssagende Jahresabschlüsse und andererseits merkwürdige vor ihm geheim gehaltene Geldquellen und Finanzmittel, die oft genug dem kirchlichen Auftrag vorenthalten werden. Da ist auf der einen Seite die für 2023 drohende Insolvenz, und da sind auf der anderen Seite millionenschwere Privatkonten von Kardinälen und Privilegien für das Establishment. Doch jetzt ist die Stunde der Wahrheit gekommen: Die Spenden der Gläubigen wurden von einem parasitären Machtzirkel aufgebraucht, der das Vertrauen der katholischen Welt in den Vatikan so verspielt. Wie wir noch sehen werden, sind für all das die Vatikanbank IOR und zwei andere im Allgemeinen eher unbekannte Vatikanbanken verantwortlich. Alle drei agieren im Dunkeln und haben, mit einem Netzwerk aus Konten, Unterkonten, weltweiten Forderungen und Verbindlichkeiten, vor allem das Geld – das Teufelswerk – und erst dann das Evangelium im Blick. Jetzt hat der Papst, der die Verhältnisse endlich ins rechte Lot bringen will, die Trockenlegung der Sümpfe angeordnet. Doch die Zeit arbeitet gegen ihn.

Der Krisenstab in der Zange der Kurie

Nach der Sitzung hört man es überall im Vatikan munkeln: »Die Gruppe«, wie der Krisenstab genannt wird, bestehe aus schlauen Köpfen, die die Kirche vor dem Absturz retten sollen. Aber vor allem fragt man sich, welche konkreten Maßnahmen wohl folgen werden und, noch wichtiger, welche Konflikte. Denn bislang war noch jeder Anlauf von Papst Franziskus, die verkrusteten Strukturen der Vergangenheit niederzureißen, auf Widerstand gestoßen.

Unter diesem Papst spielt man ziemlich oft dasselbe Spiel: die Mannschaft der papstnahen Kardinäle und Würdenträger, die den Krisenstab will, trifft auf den feindlich gesinnten Flügel, der die Projekte mit raffinierten Manövern vereitelt oder zumindest verzögert. Obwohl der Wirtschaftsrat den Krisenstab längst genehmigt hat, existiert er monatelang nur auf dem Papier, seine Umsetzung steht lange in den Sternen.

Um die Dinge zu beschleunigen, bezieht man schließlich den Papst persönlich mit ein. Die Koordinatoren werden vom Papst empfangen und erläutern noch einmal grob die Lage. Der Krisenstab ist auch für den Papst der einzig gangbare Weg. Nun bestimmt er, mit welchen Kompetenzen die Gruppe im Einzelnen ausgestattet wird: Sie besitzt zwar keine Entscheidungsbefugnis, aber Richtlinienkompetenz, das heißt, sie kann sehr präzise »Empfehlungen« aussprechen, die von den Behörden und Dikasterien akzeptiert und angemessen ausgeführt werden müssen. Somit liegt die konkrete Umsetzung in den Händen der vatikanischen Bürokraten. Doch nach der Mai-Sitzung in der Sala Bologna dauert es noch volle vier Monate, bis die Gruppe überhaupt zusammentritt. Selbst im Herbst werden noch keine Maßnahmen beschlossen, weil sich die Gruppe jetzt erst bildet.

Derweil landen auf den Schreibtischen von Reinhard Marx und Claudia Ciocca erste Berichte mit positiven Signalen. Vergleicht man etwa das geplante Budget mit den im Jahresabschluss 2017 genannten tatsächlichen Ausgaben, stellt man fest, dass gut 50 Millionen Euro an überflüssigen oder verschwenderischen Ausgaben eingespart werden konnten. Ein unglaublicher Betrag, der implizit verrät – soweit das noch nötig ist –, wie lax man vorher mit den Geldern umgegangen ist. Zweifellos also ermutigende Signale, die all jenen Recht geben, die auf dem vom Papst eingeschlagenen Weg der Transparenz beharren. Doch das Gesamtbild gerät eher düster.

So vertieft sich Claudia Ciocca in der Aufsichts- und Kontrollabteilung des Wirtschaftssekretariats auch in den Vergleich des Jahresabschlusses von 2017 mit dem Vorjahresabschluss von 2016. Auch wenn der Negativtrend (30 Millionen Euro) an sich wenig aussagekräftig ist, gibt es doch daneben noch viele andere besorgniserregende Zahlen: Nicht nur die Überweisungsbeträge aus den Diözesen an den Heiligen Stuhl (die sogenannte Abgabe 1271) und die Einnahmen aus den Geschäftsaktivitäten sind gesunken, sondern auch die Peterspfennig-Spenden für die guten Werke des Heiligen Vaters. Wie wir noch sehen werden, bereitet vor allem das Papst Franziskus große Sorgen.

Ciocca und Vizekoordinator Zahra sowie weitere Laienvertreter im Wirtschaftsrat – Professor Francesco Vermiglio, der deutsche Finanzexperte Jochen Messemer und der ehemalige Minister aus Singapur, George Yeo5 – kommen offensichtlich zur Überzeugung, dass der Vatikan auch fünf Jahre nach Beginn des neuen Pontifikats noch auf schwankendem Boden steht: Hinter einer löchrigen, unzuverlässigen Buchhaltung verbergen sich Schattenwirtschaft und Vorteilsnahme.

Am 17. Juli kommen die Kardinäle des Wirtschaftsrats schließlich erneut zusammen. Und ausgerechnet Zahra, bereits Chef in spe