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Markus Kastenholz, Erik R. Andara

13 Brains of Zombies





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Intro-Impressum

 

 

 

 

 

 

 

 

13

 

BRAINS

 

of

 

ZOMBIES

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vollständige Ausgabe 2020

Copyright © Hammer Boox, Bad Krozingen

Lektorat:

Hammer Boox, Bad Krozingen

Korrektorat: Doris E. M. Bulenda

(Fehler sind völlig beabsichtigt und dürfen ohne Aufpreis

behalten werden)

Titelbild: Azrael ap Cwanderay

Satz und Layout: Hammer Boox

 

Copyright © der einzelnen Beiträge bei den Autoren

 

7 / 20 - 20

 

 

 

 

EINE BITTE:

 

Wie ihr vielleicht wisst, ist HAMMER BOOKS noch ein sehr junger Verlag.

Nicht nur deshalb freuen wir uns alle, wenn ihr uns wissen lasst, was ihr von diesem Roman haltet.

Schreibt eine Rezension, redet darüber,

fragt uns, wenn ihr etwas wissen wollt...

 

 

Vorwort - Ralf Kor

 

 

 

 

Zombies.

Sie sind überall. Im TV, Kino, in Büchern, Comics und Videospielen. Wenn man denkt, es sei alles gesagt, kommt ein neues Produkt über unsere liebsten Untoten um die Ecke gestolpert.

Sie sind einfach nicht totzukriegen. Nun gut, man kann ihnen mit einem gezielten Schuss oder einem Schlag auf den Kopf das Gehirn zerstören, aber das ist nur eine temporäre Lösung, denn die Untoten kommen selten allein. Sie schlurfen, schleichen und zuweilen rennen sie wie besessen dem schnöden Hirn und den Eingeweiden der Lebenden hinterher, als hätten sie nie von den Vorteilen einer veganen oder vegetarischen Lebensweise gehört.

Okay, man muss ihnen zugutehalten, dass sie trieb- und instinktgesteuert durch die Straßen ziehen. Wenn es sie aus Gewohnheit in Shopping Malls treibt, wie kann man ihnen den Fleischkonsum verübeln? Und alte Angewohnheiten lassen sich bekannterweise schwerer abstreifen, als eine verfaulte Nase.

Doch was ist der Grund, dass uns die verwesenden Scheißer so faszinieren?

Vielleicht die Tatsache, dass wir nur einen Biss, einen Virus, einen Kometeneinschlag oder einen blöd vom Militärlaster gefallenen Giftmüllbehälter weit entfernt sind, mal so richtig die Sau rauszulassen. Stichwort: Zombiepandemie.

Bitte die Hand heben, wer den Survivalrucksack gepackt im Schrank stehen hat! Wer sieht sich selbst als Kämpfer auf einem Motorrad, bis an die Zähne bewaffnet, der mit der Gang im Rücken dem Treiben der Untoten und Plünderern Einhalt gebietet?

Da kommt mir glatt ein nettes Spiel auf den Social Media Plattformen in den Sinn: Der Gegenstand links neben dir ist deine Waffe in einer Zombieapokalypse. Fuck, bei mir ist es ein halbleerer Tacker. Und bei dir? Ich kann für dich nur hoffen, dass es eine vollgeladene Pumpgun ist.

Die bittere Wahrheit ist, dass wir in Zeiten einer Pandemie im Bademantel rumrennen, den Tag mit Netflix totschlagen (am liebsten was mit Zombies!), und uns um wertvolle Ressourcen wie Klopapier und Nudeln kloppen. Die größte Angst des Deutschen scheint zu sein, einen schmutzigen Popo zu haben. Was kann denn da noch schiefgehen?

In diesem Punkt liegen die meisten Zombiestreifen richtig: In Krisenzeiten ist sich jeder selbst der Nächste und versucht, die begehrten Gesichtsmasken für ein Vielfaches des Einkaufswertes zu Geld zu machen, in der Hoffnung, dass es am Ende des Tages noch als Zahlungsmittel anerkannt wird. Möglicherweise wäre es klüger gewesen, sich in Klopapierrollen bezahlen zu lassen. Ich warte sehnsüchtig auf die erste Dystopie eines Kollegen mit dem Titel: für eine Handvoll Klopapier.

Aber schauen wir der Wahrheit ins Gesicht, eine Zombieapokalypse sollte besser eine Fantasie bleiben, und davon haben die folgenden Autoren dieses ersten Bandes von 13 Brains of Zombies mehr als ausreichend. Aus gegebenem Anlass wird Markus den Schreibern ihre Tantiemen in Klopapier auszahlen, sodass sie für die Zukunft gewappnet sind.

Lehn‘ dich zurück, klammer‘ dich am Tacker, dem Stift oder was du sonst zu deiner Linken als Waffe liegen hast, fest und tauche in die Welt der Untoten ab.

Viel Spaß!

 

Ralf Kor,

 – im nicht von Zombies belagerten – Münster, 05.07.2020

 

 

 

Der untote Inhalt

 

 

DER UNTOTE INHALT:

 

Nici Hope - Hunger

 

Mario Steinmetz – Headphones

 

Lothar Nietsch – Deathpoint

 

Alexander Grun - (De-)Generation-Z: Erlösung

 

Marcel Hill – Pamela

 

Markus Kastenholz – Zombie-Night

 

Azrael ap Cwanderay – Schrödingers Zombie

 

Torsten Scheib – Bester Freund

 

Doris E. M. Bulenda – Erwachen im Wald

 

Jean Rises – The Splattering

 

Alida Gersonde – Alex

 

Fabienna Seven – Kein Schwanz ist so hart wie das Leben

 

Erik R. Andara - Was Freundschaft am Ende bedeutet

 

Hunger - Nici Hope

 

 

Ich wache auf und habe noch die Stiefel und die Bluse von letzter Nacht an. Shit! Das war wohl ein Gläschen zu viel. Kein Plan, wie ich nach Hause gekommen bin.

Ein Blick in den Spiegel. Hässliche Schmierbahnen aus Lippenstift und Mascara zieren mein Gesicht. Hübsch! Ich rolle mit den Augen.

Erstmal eine Kopfschmerztablette und dann aus dieser Bluse raus.

Was zum Teufel …? Auf meiner Schulter prangt ein Biss. Man sieht deutlich die Abdrücke der Zähne.

Ich wühle in meinen vagen Erinnerungen von letzter Nacht. Dieser Kerl. Die Rückbank in einem Auto. Beschlagene Scheiben. Verdammt!

Ich muss meinen BH verloren haben, denn unter dem Blusenstoff ist nur meine nackte Haut. Frech strecken sich meine Nippel dem Spiegelbild entgegen. Frech, verkrustet und … blau?

Noch einmal wandert mein Blick auf die Bissspuren an der Schulter, dann zurück zu meiner rechten Brust. Tatsächlich. Ein Kreis aus Zahnabdrücken, getrocknetem Blut und der Schatten eines blauen Fleckes rahmen meine Brustwarze ein. Der Typ hat mich gebissen. Zweimal. Und nicht gerade zaghaft.

Wirre Bilder von Haut, Druck und Feuchtigkeit ringen mit dem dumpfen Klopfen der Schmerzen in meinem Schädel. Aber nichts Klares, nichts Greifbares. Scheiß Filmriss! Ich hätte gerne gewusst, ob es schrecklich oder eine richtig heiße Nummer war.

 

 

Mein Magen grummelt und fordert Nahrung. Also schleppe ich mich zum Kühlschrank. Alles da, was mein vegetarisches Herz sonst so begehrt, aber irgendwie habe ich keine Lust auf Obst, Gemüse oder pflanzlichen Aufstrich. Ich habe Hunger auf etwas ganz Bestimmtes, etwas, das ich nicht so ganz definieren kann. Mein Magen rumpelt und poltert. Mir ist regelrecht schlecht vor Hunger.

Du musst einkaufen gehen, denke ich noch und schlüpfe schon wie ferngesteuert in meinen Parka.

 

 

Ich schleppe mich die Hauptstraße runter Richtung Supermarkt und rieche plötzlich etwas, das mir das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt. Ganz von allein steigen meine Füße die drei Stufen hinauf zur Tür des lokalen Metzgers.

Dieser Geruch! Himmlisch metallisch, würzig und lecker. Die Leute stehen in drei Schlangen vor der großen, duftenden Fleischtheke und ich reihe mich ein. Ist es samstags immer so voll? Ich war noch nie hier, denn normalerweise ekelt mich all das Fleisch … aber heute … Heute ist es anders.

 

 

Gierig schiele ich auf die Auslage, verlagere mein Gewicht von einem Bein auf das andere, recke den Hals. Meine linke Hand streicht über meinen grummelnden Bauch, mit der rechten spiele ich nervös am Reißverschluss des Parkas. Dann geht eine Tür hinter der Theke auf und eine Fleischereifachverkäuferin trägt ein Tablett mit neuer Ware hinaus, um die Theke zu bestücken. Hinter ihr sehe ich Schweinehälften von der Decke hängen, weiße Kacheln und … OMG! Dieser Geruch. Das! Das will ich!

Schweiß bildet sich auf meiner Oberlippe. Mein Unterleib krampft sich gierig zusammen. Ich blicke hinunter auf meine Hände und sehe, wie sie zittern. Verdammt! Was ist denn los mit mir?

Dann passiert alles rasend schnell. Ich trete aus der Schlange, stürme dreist hinter die Theke, stoße eine Verkäuferin um, drücke die Tür auf und stehe in der Schlachtküche.

Ich öffne den Mund, benetze meine Lippen, sauge die metallische Luft durch meine Nase. Dumpf klingen Rufe an mein Ohr, aber ich habe nur Augen für die Schweinehälfte vor mir. Etwas zieht an meinem Arm, aber ich lasse mich nicht bremsen. Wie bei einer Schlange schießt meine Zunge hervor, trifft auf Schweinehaut, leckt darüber. Ja! Das will ich!

Wieder eine Stimme, ein Zerren an meinem Arm. Ich begreife, dass ich jetzt nicht genießen kann. Ich muss zubeißen! Meine Zähne rammen sich in die Haut, in das Fleisch. Leichter Widerstand, dann spritzt etwas Saftiges in meinen Mund. Blut tränkt meine Lippen, Fleischsaft umhüllt meine Zunge und im letzten Moment schaffe ich es, ein Stück Schweinefleisch herauszureißen. Ich werde zu einer Hintertür gezerrt, höre Worte wie: Verrückt, pervers, unmöglich, Hausverbot!

Dann ein Stoß, ich lande auf einem Hof und hinter mir knallt eine Tür. Auf allen Vieren kniee ich auf dem Asphalt. Mund und Kinn verschmiert, Sabber und Blut tropfen von meinen Lippen, während ich schmatzend kaue und schließlich schlucke. Wieder krampft sich mein Unterleib zusammen. Fleischeslust, denke ich und fange an zu kichern. Einfach so. Fast hysterisch bricht es aus mir heraus. Dann eine Stimme hinter mir.

»Hey, hier … das könnte was für dich sein. Und jetzt mach, dass du von hier wegkommst. Leb‘ deinen Fetisch da aus, wo es angebracht ist!«

Ein weißer Kittel und schwarze Handschuhe ziehen mich auf die Beine, drücken mir ein Stück Papier in die Hand, dann knallt die Tür erneut hinter mir zu, und mein Kichern erstickt. Ich schaue auf die Einladung in meiner Hand. Rotes Blatt mit brauner Schrift.

 

ROH und SAFTIG – Society

Nächste Gourmet Party:

Dienstag, alte Fabrik, Dieselstraße, 20 Uhr

Um Abendkleidung wird gebeten!

 

Ich wische mir mit dem Ärmel des Parkas das Blut von den Lippen und drehe mich zur Hintertür der Metzgerei. FUCK! Was ist hier gerade passiert?

 

***

 

Die letzten drei Tage habe ich mich von rohem Fleisch ernährt. Zuerst habe ich es mit Obst und Gemüse probiert, wirklich … aber dann alles wieder ausgekotzt. Gebratenes Fleisch geht auch nicht. Es schmeckt dann irgendwie tot und verdorben.

Ich weiß nicht, wie oft ich zittrig vor der Kloschüssel gesessen habe. Bei jedem Würgen krampft der ganze Körper, die Säure brennt in der Speiseröhre und der Prozess wringt mich aus, macht mich fertig. Rohes Fleisch ist das einzige, was ich drin behalte.

Normalerweise müsste mich das anwidern, aber ich finde es auf eine gruselige Art und Weise geil.

Sobald ich Fleisch esse, spüre ich Kraft. Sie durchströmt meinen ganzen Körper, ja, sogar mein Wesen. Es fühlt sich gut und richtig an. Während meine Zähne rohes Fleisch zermahlen, reagiert noch eine ganz andere Körperstelle.

Fleisch zwischen meinen Lippen, und der Beckenboden zuckt.

Der Widerstand der Fleischfasern beim ersten Bissen, und es beginnt zwischen meinen Beinen zu pulsieren. Blut und Fleischsaft umspielen meine Zunge, und mein Schritt trieft vor Feuchte.

Rohes Fleisch scheint ein starkes Aphrodisiakum zu sein.

 

 

Jetzt stehe ich vor dem Spiegel in meinem Schlafzimmer und trage mein schwarzes, langes Abendkleid. Durch die unfreiwillige Diät ist mein Bauch flach, meine Haut blass, aber rein. Die Bissspuren an Schulter und Brustwarze nur noch ein fahler Schimmer.

Der sehr hohe Schlitz lässt mein rechtes Bein aufblitzen, der Ausschnitt lässt tief blicken und durch die Neckholderträger sind Schultern sowie oberer Rücken komplett frei. Ich habe mir lange künstliche Wimpern angeklebt, dunkelroten Lippenstift aufgelegt und schwarz-glitzernde Smokey-Eyes geschminkt.

Roh und saftig also! Eine Gourmet Party!

Ich fasse es selbst nicht, aber ich will dorthin. Diese Sache nimmt mich völlig ein und bestimmt jetzt mein Leben. Moral und Ethik habe ich irgendwo in diesem Prozess aus Kotzen und Fressen verloren. Ich gebe mich der Lust, dem Appetit und diesem neuen Ich hin. Was soll ich sonst tun? Vegetarier bin ich wohl nicht mehr. Eher ein Fleischfresser der schlimmsten Sorte.

Rohes Fleisch! Ich muss auf diese Party. Dort muss es noch mehr Leute geben, die diesen, wie der Metzger es nannte, »Fetisch« haben!

Ein letzter Blick in den Spiegel. Scheiße. Ich sehe richtig gut aus.

 

 

Nachdem ich mit hallenden Schritten durch das leere Industriegebiet gestöckelt bin, stehe ich vor einem alten Fabrikgebäude. Es wirkt leer und verlassen. Aber ich rieche, dass etwas Köstliches in der Luft liegt. Ich rieche Haut, Fleisch und Blut.

Also gehe ich entschlossen auf die große Eingangstür zu. Als ich mich bis auf drei Meter genähert habe, schwingt die Tür auf und ein Mann im Smoking tritt mir entgegen.

»Einladung?«

Ich reiche sie ihm, und er tritt mit einem Lächeln zur Seite.

»Guten Appetit, die Dame!«

 

 

Vor mir öffnet sich ein riesiger Raum. Die Wände sind mit rotem Samt ausgekleidet, Kronleuchter glitzern unter der hohen Decke und überall brennen Kerzen. Klassische Musik erfüllt den Raum, und es wimmelt nur so von Menschen in edlen Abendroben. Kurz habe ich Sorge, nicht genug Geld eingesteckt zu haben, aber eine Kellnerin begrüßt mich und hält mir ein Tablett voller Champagner-Gläser hin. Ich nehme eins und mache meine ersten Schritte in den Raum.

Aus dem Nichts taucht eine zweite Kellnerin auf und bietet mir strahlend einen Appetizer an. Auf ihrem Tablet sind Fleischstücke wie Käsepieker angeordnet, darunter glänzen kleine Lachen aus Blut und Fleischsaft. Sofort reagiert mein Körper: Speichelproduktion, Kinnlade klappt auf, gieriges Zittern, anschwellende Schamlippen. Verlegen und um Contenance bemüht, nehme ich einen Pieker, lächle und schiebe mir das Stück Fleisch direkt in den Mund. Als ich merke, dass ich schmatze und grunze, halte ich mir erschrocken die Hand vor.

Oh, Gott! Ist das gut! Es schmeckt anders als das Fleisch, das ich bisher hatte. Es schmeckt besser. Ich schlucke, als ich merke, dass mir mein eigener Saft an der Oberschenkelinnenseite hinunterrinnt. Was passiert nur mit mir?

Eine Frau in einem grün schillernden Paillettenkleid geht an mir vorbei und nickt mir anerkennend, vielleicht auch wissend, zu. Ich lächle schüchtern, bin schockiert und erregt zugleich.

 

 

Langsam schlendere ich tiefer in den Raum, beobachte gut gekleidete Menschen, nippe an meinem Champagner und stelle fest, dass die prickelnde Flüssigkeit am Gaumen perfekt mit dem Geschmack des Fleisches harmoniert. Hier und da dringen Gesprächsfetzten an mein Ohr.

»Fleisch ist eben nicht Fleisch!«

»Blut ist die beste Soße.«

»Ich würde es gerne im Alltag ausleben.«

»Lass uns ins Separee gehen.«

 

 

Plötzlich legt sich eine Hand auf meine Schulter, und ich drehe mich erschrocken um.

»Du bist also gekommen. Sehr schön. Seit wann bist du infiziert?«

Der Typ hat breite Schultern, ein noch breiteres Lächeln, Dreitagebart und dunkel glänzende Augen.

Mehr als ein Stammeln kriege ich nicht raus.

»Ehm, ich … kennen wir uns?«

»Ah, entschuldige, das hast du im Fleischrausch nicht mitbekommen. Ich habe dir die Einladung gegeben. Erinnerst du dich? Im Hof? Beim Metzger?«

»Ah, ja. Ehm, danke. Ich wollte keinen Ärger machen. Es ist nur … in letzter Zeit …«

»Du hast Lust auf Fleisch, gerätst in Raserei, wenn du hungrig bist und verträgst ausschließlich rohes Fleisch … richtig?«

»Ja. Richtig. Ich … also … hier scheint das irgendwie normal zu sein …«

»Du wurdest infiziert und bist jetzt eine von uns. Normalerweise muss sich dein Schöpfer um dich kümmern und in die Gesellschaft einführen. Bist du ihm weggelaufen?«

»Was?«

»Oh, verstehe … du bist illegal infiziert worden. Na, da hast du aber Glück, dass sich unsere Wege gekreuzt haben. Ich kann dir helfen.«

»Infiziert? Bin ich krank?«

»Du bist ein Zombie, Schätzchen!«

»Bitte?«

»Okay, dann mal von vorne. Hattest du in den letzten Tagen Bisswunden am Körper?«

»Ja, hatte ich tatsächlich. An der Schulter und der Brust.«

Ich deute auf die blassen, kaum noch sichtbaren Spuren auf meiner Schulter.

Er tritt vor und streicht mit seinem Daumen über meine Haut, fährt die Kontur des Abdrucks nach. Mein ganzer Körper kribbelt durch seine Berührung. In meinem Kopf tauchen Bilder auf. Malmende Zähne, blutverschmierte nackte Körper, Hände, Küsse, Fleisch, reißende Haut.

»Wie stark ist deine Lust?«

»Bitte? Was?«

»Oh. So stark also.« Er lacht und spricht dann weiter. »Durch die Infektion wirst du wieder zum Tier, zu dem, was du wirklich bist. Deine stärksten Ur-Instinkte regieren nun wieder dein Wesen. Das ist ein wunderschönes Geschenk! Du bist wunderschön!«

Ich weiß nicht, wo ich hingucken soll, bin verängstigt, neugierig und geil. Seine tiefe Stimme und diese Worte umhüllen mich. Und ohne es wirklich zu verstehen, weiß ich, dass er recht hat.

Er legt die Hand unter mein Kinn, hebt es leicht an, pierct mich mit diesem Blick.

»Sag es! Was willst du? Was treibt dich an?«

Ohne es zu wollen, drücke ich mich an seinen Körper. Seine Lippen sind nur Millimeter von meinen entfernt. Er riecht nach Eisen und Sex! Sex, Fleisch, Blut! Mein Körper fängt an zu beben.

»Sag es, Schätzchen … sprich es aus! Zwei Dinge, die zusammengehören, zwei Dinge, die du mehr als alles andere willst!«

Mir knicken fast die Beine weg, als ich es erkenne. Zwei Dinge treiben mich an. Ganz klar!

»Schätzchen, du bist eine von uns. Sag es! Nimm es an!«

Und dann dringen die erstickten Worte über meine Lippen:

»FRESSEN und FICKEN!«

Und seine Lippen stoßen ein lüsternes JA aus.

Wir küssen uns, hungrig. Er beißt in meine Unterlippe. Fest. Ich erwarte, gleich mein eigenes Blut zu schmecken, aber dann lässt er von mir ab.

»Lass mich dein Mentor sein und dir zeigen, wie moderne Zombies leben. Lass mich dich hier in die RAW Society einführen.«

Ich starre ihn fassungslos an, weiß nicht, ob ich mich in diesen Mann verlieben oder ihn fürchten soll. Eine Kellnerin kommt wieder vorbei, und er greift ein Stück Fleisch, führt es an meine Lippen, die ich sofort öffne. Aber er will mich nicht füttern. Er spielt mit mir, malt mit dem Fleischstückchen über meine Lippen, als ob es ein Lippenstift wäre. Ich stöhne, versuche mit der Zunge das Stück Fleisch zu berühren, aber er zieht es zurück. Blitzschnell ist seine Hand am Schlitz meines Kleides, unter dem Kleid, auf der Schenkelinnenseite und dann … Oh FUCK!

Er presst das Fleisch in meinen Schritt, fährt damit spielerisch zwischen den Lippen vor und zurück. Und ich erstarre. Nicht wegen seiner Dreistigkeit, nicht wegen dem, was er tut, sondern weil es mich anmacht, und Verlangen sowie Gier in mir explodieren.

Wissend zieht er die Hand zurück und lässt das Stück Fleisch in seinem Mund verschwinden. Kauend scannt er meinen Körper. Etwas an der Art, wie sich sein Kiefer bewegt, macht mich nervös. Dann schluckt er das Fleisch, ich sehe seinen Adamsapfel kurz hüpfen.

»Mädchen, du musst beide Instinkte befriedigen, oder du krepierst! Komm!«

Er greift meine Hand, zieht mich hinter sich her und ich folge ihm. Verwirrt, ängstlich, aber hungrig.

Er dreht sich nochmal zu mir um.

»Wie heißt du, Kleines?«

»Lena.«

»Willkommen in deinem neuen Leben, Lena. Ich bin Jarrett.«

In einem durch Vorhänge abgeteilten Separee sitzen Männer und Frauen im Kreis auf dem Boden. Als wir eintreten, machen sie Platz, damit wir uns dazu gesellen können. In der Mitte des Kreises liegt eine leere Schampusflasche.

»Flaschendrehen?« Ich schaue Jarrett ungläubig an.

Er nickt.

Ein Mann im grauen Anzug greift zuerst zur Flasche und dreht sie. Es ist unheimlich still, während wir alle wie gebannt die Rotation beobachten. Das Glas der Flasche glitzert im Kerzenlicht und hypnotisiert mich fast. Dann wird die Rotation langsamer, und schließlich zeigt der Flaschenhals auf die Frau direkt neben mir. Sie trägt ein hellblaues Korsagenkleid.

Fast erleichtert atme ich aus, nur um dann geschockt wieder die Luft anzuhalten. Der Mann im grauen Anzug krabbelt langsam auf die Frau zu. Sie kniet lächelnd neben mir und legt die Hände unschuldig in den Schoß, wie ein Kind, das eine Lektion erwartet. Ihre Brüste quatschen sich bei jedem Atemzug gegen die eng geschnürte Korsage und quellen wie kleine Fleischhügel hervor. Der Mann kniet ihr jetzt gegenüber und deutet eine leichte Verneigung an, was sie mit einem Nicken erwidert. Dann schnellt er vor und vergräbt sein Gesicht brutal in ihrem Dekolleté. Ein kurzer Schrei dringt aus ihrer Kehle, verebbt dann aber in einem Stöhnen. Lustvoll greift der Mann die Schnüre der Korsage, öffnet sie ein Stück und taucht mit der Zunge zwischen die Brüste, wo sich ein kleiner See aus Blut angestaut hat. Dann richtet er sich auf. Wieder eine leichte Verneigung und er kriecht zurück auf seinen Platz im Kreis.

Sonderbar erregt betrachte ich die Frau neben mir. Der hellblaue Stoff saugt sich mit Blut voll, färbt sich rot, und auf der linken Wölbung des Dekolletés fehlt ein mundgroßes Stück Haut.

Jarrett drückt meine Hand und ich fahre herum, schaue ihn an. Seine Augen leuchten und er leckt sich die Lippen. Automatisch, unbewusst tue ich es ihm gleich. Dann greift Mrs. Hellblau nach der Flasche und wir alle starren wieder in die Kreismitte.

Nach ein paar gebannten Sekunden stoppt der Flaschenhals erneut und zeigt auf … MICH! Zitternd drehe ich mich nach rechts. Die hungrigen Augen der Frau treffen auf meine. Sie lächelt, verneigt sich und gibt mir einen geflüsterten Befehl.

»Streck die Beine aus!«

Ich kann mich nicht bewegen, bin fassungslos. Was passiert hier?

Dann legt sich Jarretts Arm um meine Taille. Er zieht mich an sich. So, dass ich zwischen seinen Beinen sitze, den Rücken an seine Brust gelehnt.

»Es wird dir gefallen.« Er haucht die Worte in meinen Nacken, und eine Gänsehaut überzieht meinen Körper. Während er mich hält, krabbelt Mrs. Hellblau zwischen meine Beine, greift mein rechtes Bein und stellt es auf. Das geschlitzte Kleid bietet so viel Raum, dass sie mein aufgestelltes Knie etwas zur Seite drücken kann, um dann ihren Kopf zu senken und über meine Oberschenkelinnenseite zu lecken. Feucht. Heiß. Sofort wünsche ich mir ihre Zunge ganz woanders. Jarretts heißer Atem in meinem Nacken macht es nicht besser. Dieser Moment ist verstörend erregend. Ich spüre die Blicke der anderen Teilnehmer im Kreis, spüre, wie die Atmosphäre sich auflädt und kocht, wie meine eigene Lust immer lauter brüllt. Hunger. Unbändiger Hunger.

Und dann beißt die Frau zu, zernagt die empfindliche Haut meiner Schenkel. Sie saugt, beißt und schlürft. Jarrett schiebt seine Hand flach auf meinen Mund. Mit seinem Mittelfinger zwischen meinen Lippen keuche ich vor Schmerz und Lust. Mir ist schwindelig, als Mrs. Hellblau sich kauend zurückzieht. Sie kaut MEIN Fleisch, kostet mich.

Jarrett flüstert leise und langsam, als ob er Sorge hätte, dass ich es sonst nicht verstehe. »Lena, du bist jetzt dran!«

Mrs. Hellblau deutet auf die Schampusflasche und zwinkert mir zu.

Einen kleinen Moment brauche ich, um wieder klarzukommen, aber dann greife ich tatsächlich zu der Flasche und ernte aufmunterndes Nicken aller Anwesenden der Runde.

Rotation, Glitzern, das Geräusch des drehenden Glases auf dem Boden, dann zeigt die Flasche auf einen Mann schräg gegenüber.

Unsicher bewege ich mich auf ihn zu und höre noch Jarretts Hinweis. »Jedes Stück Haut ist erlaubt, nur das Gesicht nicht.«

Mein Blick flackert, als ich vor dem Mann kniee. Er scheint meine Unsicherheit zu spüren und führt meine Hände an die Knopfleiste seines Hemdes. Langsam, zitternd knöpfe ich es auf.

»Mein Name ist Sebastian.« spricht seinen Namen englisch aus. Sebästschen! Und aus unerfindlichen Gründen finde ich das heiß. Das Hemd gleitet auf und entblößt seine Brust- und Bauchmuskeln. Ich betrachte ihn, aber er scheint das falsch zu verstehen, legt sich auf den Rücken und knöpft seine Hose auf. »Möchtest du Fleisch von weiter unten? Bitte, bedien' dich!«

Ich greife nach seiner Hand, halte ihn und fixiere meinen Blick auf die weiche, blasse Hautstelle über dem Rand der Hose. Mein Herz pumpt schneller. Ich weiß plötzlich ganz genau, was ich will, was ich tun muss. Mit einer Hand greife ich in den Hosenbund und ziehe ihn etwas tiefer. Dann streifen meine Lippen über seinen linken Beckenknochen, wandern bebend ein Stück höher. Genau hier. Jetzt. Hunger! Lust!

Ich ramme meine Zähne in seine Haut. Es schmeckt salzig, und ich erschrecke über den Widerstand der Haut. Ich beiße fester zu, noch fester, fester, fester … Dann endlich schmecke ich sein Blut, heiß strömt es in meine Kehle. Ich will dieses Fleisch!

Immer aggressiver und verzweifelter graben sich meine Zähne in Sebastian. Er zittert, stöhnt, windet sich leicht. Bilder von Raubkatzen tauchen vor meinem inneren Auge auf. Wie sie ihre Beute reißen, wie sie den Kopf schütteln, um Fleisch herauszuzerren. Und genau das tue ich dann. Ich reiße meinen Kopf zur Seite, zerre, dehne seine Haut, mahle weiter mit den Zähnen, und endlich löst sich der Fleischklumpen. Das Blut rinnt mein Kinn herab, ich kaue, schmecke, atme schwer und viel zu schnell. An meiner Hand, die immer noch in Sebastians Hosenbund steckt, spüre ich seinen Schwanz wachsen und pulsieren. Ich hebe den Blick, schaue Sebastian in die Augen, erkenne, dass ihn der gleiche Hunger plagt wie mich. FLEISCH, FRESSEN, FICKEN.

All diese F-Wörter dröhnen, hallen, tanzen in meinem Kopf. So einen Rausch habe ich noch nie gefühlt. Ich brauche mehr.

Entfernt sagt Jarrett etwas von Einführung, Erst-Rausch und Begrüßung. Dann zieht sich der Kreis der Teilnehmer enger, anstatt der Schampusflasche bin ich der neue Mittelpunkt. Ich höre den Stoff meines Kleides reißen, spüre Hände, Zungen, Münder. Endlich schiebt sich ein Schwanz zwischen meine Beine. Oh Gott, genau das brauche ich jetzt! Und dann kommen die Bisse. Überall nagen sich Zähne in mein Fleisch. Ich sehe Haut, Blut, erregte Gesichter. Als sich der Orgasmus ankündigt, ramme ich meine Zähne in das nächstbeste Stück Haut, das ich erreichen kann. Ja! Mehr!

Jarretts Stimme erhebt sich über all das Schnaufen, Schmatzen und Stöhnen. »Lena? Ist es nicht genau das, was du immer gesucht hast? Ist es nicht eine wahrgewordene Fantasie?«

Sofort habe ich dieses Billy-Idol-Lied im Kopf. Flesh! Flesh for fantasy! Ich beiße erneut zu, lecke mir das Blut von den Lippen und lasse mich mit geschlossenen Augen fallen … in die Lust, in den Schmerz, in den Genuss, in die gierigen Hände und Arme um mich herum.

Flesh, Fantasy, Fressen, Ficken! Mir fällt ein, dass ich Jarrett noch antworten wollte, als er wieder spricht. Ganz nah an meinem Ohr.

»Der Zombievirus ist ein Segen! Fühl es, Lena. Lass es raus!«