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Nr. 3126

 

Der unsichtbare Dritte

 

Die Kastellane im Solsystem – eine Heldin wider Willen soll sie aufhalten

 

Kai Hirdt

 

 

 

Pabel-Moewig Verlag KG, Rastatt

 

Cover

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

Prolog

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

Epilog

Stellaris 82

Vorwort

»Das Chaos-Artefakt« von Gerhard Huber und Michael Tinnefeld

Leserkontaktseite

Glossar

Impressum

PERRY RHODAN – die Serie

 

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In der Milchstraße schreibt man das Jahr 2071 Neuer Galaktischer Zeitrechnung. Dies entspricht dem 6. Jahrtausend nach Christus, genauer dem Jahr 5658. Über dreitausend Jahre sind vergangen, seit Perry Rhodan seiner Menschheit den Weg zu den Sternen geöffnet hat.

Noch vor Kurzem wirkte es, als würde sich der alte Traum von Partnerschaft und Frieden aller Völker der Milchstraße und der umliegenden Galaxien endlich erfüllen.

Terraner, Arkoniden, Gataser, Haluter, Posbis und all die anderen Sternenvölker stehen gemeinsam für Freiheit und Selbstbestimmtheit ein, womöglich umso stärker, seit ES, die ordnende Superintelligenz dieser kosmischen Region, verschollen ist.

Als die Liga Freier Galaktiker durch drei Deserteure erfährt, dass in der Nachbarschaft der Milchstraße ein sogenannter Chaoporter gestrandet sei, entsendet sie unverzüglich ihr größtes Fernraumschiff, die RAS TSCHUBAI. Denn von FENERIK geht wahrscheinlich eine ungeheure Gefahr für die Galaxis aus.

Während Perry Rhodan in Cassiopeia, einer Andromeda vorgelagerten Kleingalaxis, auf der Suche nach dem Chaoporter ist, tauchen in der Milchstraße Wesen unterschiedlicher Völker auf. Sie verstehen sich selbst als Kastellane und Sachwalter von ES. Ihre Aufgabe sei es, die Milchstraße gegen eine große Gefahr zu wappnen. Zwei sind bereits bekannt, und nun erscheint DER UNSICHTBARE DRITTE ...

Die Hauptpersonen des Romans

 

 

Alschoran – Der Kastellan übernimmt nicht nur sich.

Kokuloón – Der Kastellan begehrt Einlass.

Etter – Die Kastellanin betrachtet alles aus zwei Blickwinkeln.

Reginald Bull – Der Resident wird zum Objekt historischer Begehrlichkeiten.

Madée Azham – Die Historikerin greift zu unlauteren Mitteln.

Nazanin Gebru – Die Leiterin des Kook erwehrt sich nicht nur einmal eines Eindringlings.

Prolog

 

Ein ganz normaler Tag im Kook. So musste man es leider sehen, seit der Irrsinn des Ausnahmezustands Normalität geworden und der TERRANOVA-Schirm um das Solsystem durchgängig geschlossen worden war.

Nazanin Gebru, die Leiterin des Uturan-Kook-Zentrums für Hyperphysikalische Anwendungen auf dem Merkur, hatte eigentlich Freischicht. Sie hatte sich aber gar nicht erst in ihr Quartier begeben, sondern saß in einer Cafeteria in der Nabe des radförmig angelegten Komplexes.

Von dort war es nur ein kurzer Weg zur Hauptzentrale, aus der die 112 LORETTA-Tender koordiniert wurden, welche ihrerseits den undurchdringlichen Schutz des menschlichen Heimatsystems aufrechterhielten. Genauso kurz war die Strecke zu ihrem Büro, in dem sie die immer häufigeren Beschwerden über den dauerhaft geschlossenen Schirm empfing.

Bing machte ihr Komarmband. Tormsen Sedolon, ihr Stellvertreter. Sie nahm das Gespräch an. »Wer diesmal?«, seufzte sie.

»Virmu Qualta. Mal wieder.«

Gebru lächelte, um nicht zu schreien. Qualta war Chefin von Kelmin, einem wichtigen Logistikkonzern, ja. Der Schirm und die gründliche Untersuchung vor jeder Passageerlaubnis behinderten den Warenverkehr, ja. An beidem konnte Gebru genauso wenig ändern wie bei Qualtas letzten drei Beschwerden.

Leider gehörte es zu ihrem Job, die gut vernetzten und mächtigen Kunden der TERRANOVA-Schleusen bei Laune zu halten. Sie brauchte Sedolon nicht zu fragen, wie das Gespräch verlaufen war. Qualta sprach mit niemandem außer dem Chef höchstselbst. Und das war leider sie.

»Ich komme.«

Sie griff sich ihren Kaffeebecher, in weiser Voraussicht als dreifache Portion und zum Mitnehmen bestellt, und schlenderte los. Dieser Teil der Anlage stammte noch von den Cairanern; entsprechend hoch waren die Gänge. Für Gebru, mit gut zwei Metern ziemlich groß für eine erdgeborene Terranerin, fühlte sich die Architektur erfreulich luftig an.

Tormsen Sedolon erwartete sie bereits. Ihr algustranischer Stellvertreter reichte ihr gerade bis zum Knie. Er sah müde aus. Jeder im Kook war inzwischen müde, aber zum Glück ließen zumindest die Positroniken in ihrer Leistung nicht nach, sodass die Fehlerquote beherrschbar blieb.

Gebru nickte ihm freundlich zu, setzte sich, dann beendete sie die Warteschleife.

»Vorstand Qualta«, begrüßte sie ihre Gesprächspartnerin freundlich. »Ich fürchte, die bei unserem letzten Gespräch geforderte Priorität für Schiffe deines ...«

»Wir haben wegen deiner Unfähigkeit beinahe einen Frachter verloren!«

Gebrus Kopf ruckte hoch. Sie sah zu Sedolon, der genauso perplex dreinschaute wie sie selbst. »Was ist passiert?«

»Die Schleuse wurde gleichzeitig auf beiden Seiten geöffnet und von beiden Seiten beflogen. Mein Pilot konnte das Schiff nur mit einer Nottransition retten!«

Gebru versuchte, sich ihre Überraschung nicht anmerken zu lassen. Sie zweifelte nicht, dass Qualta die Wahrheit sagte. Aber für ein solches Desaster mussten wirklich eine ganze Reihe Dinge schieflaufen, und jedes davon hätte üblicherweise Alarm ausgelöst. Was war geschehen?

»Ich prüfe das und werde Vorkehrungen treffen, damit sich ein solcher Vorgang nicht wiederholt. Gab es Verletzte oder Schäden?«

»Nein, aber ...«

»Gut, das ist eine wunderbare Nachricht. Ich veranlasse selbstverständlich eine Erstattung der Nutzungsgebühr ...« Sie zögerte, dann rang sie sich durch. »... und außerdem werden Kelmin-Schiffe in den nächsten drei Tagen priorisiert und kostenlos passieren, als Kompensation. Ist das akzeptabel?«

Qualta wirkte ein wenig besänftigt. Das hatte Gebru sich teuer erkauft. Mit ihrem Zugeständnis verzichtete sie auf eine Summe, mit der sich ein LORETTA-Tender eine Woche lang betreiben ließ.

Trotzdem konnte die Kelmin-Chefin sich eine weitere Spitze nicht verkneifen. »Unter deinem Vorgänger gab es solche Probleme nicht.«

Gebru ließ den Köder vorbeitreiben. »Während der Amtszeit meines Vorgängers wurde auch keine wochenlange Abriegelung verordnet.«

»Warum?«, fragte Qualta auf einmal scharf. »Was soll diese Sperre? Will nicht irgendjemand endlich mal die Wahrheit sagen, warum das Solsystem abgeschottet wurde?«

»Ich weiß nicht mehr als du.« Das war eine Lüge, aber nichts hätte Gebru gleichgültiger sein können. Sie durfte nicht reden, also redete sie nicht. »Reine Vorsicht wegen einer nicht näher benannten Krisensituation außerhalb des Systems. Ich würde mich jetzt gerne wieder darum kümmern, einen möglichst ungehinderten Warenverkehr zu ermöglichen. Sind deine Fragen beantwortet?«

Grummelnd beendete Qualta die Verbindung.

Gebru nahm einen großen Schluck von ihrem nur noch lauwarmen Kaffee. Sie sah zu Sedolon hinunter. »Was war das für ein Unfall in der Schleuse? Wieso weiß ich nichts davon?«

»Keine Ahnung.« Er ließ einige Datenreihen in einem Holo tanzen. »Ich mache mich auf die Suche.«

Gebru dachte derweil nach. »Lass auf jeden Fall die Sensordaten der letzten Stunde sichern. Wenn sie in der Schleuse transitiert sind, sind dabei sicher ein paar interessante Effekte aufgetreten. Vielleicht bringt uns das ganze Desaster sogar ein paar neue Erkenntnisse.«

Sie war einmal Wissenschaftlerin gewesen. Genau genommen hatte man ihr die Leitung des Kook angeboten, weil niemand die Funktionsweise des Schirms und die von den Cairanern hinterlassenen Modifikationen besser verstand als sie. Es war ihr als große Chance erschienen, ihre Forschung voranzutreiben. Niemand hatte sie gewarnt, dass ihr dafür überhaupt keine Zeit bleiben würde.

»Hier ist etwas. Qualta sagt die Wahrheit. Die Meldung steht in unserem Störfallsammelsystem, aber jemand hat die automatische Weiterleitung der Information verhindert.«

Gebru zog den Kopf ein und verharrte. »Ein Saboteur?«, wiederholte sie. Und das im Zentrum der Systemverteidigung? Das wäre eine Katastrophe!

»Wenn, ist es kein sehr geschickter«, sagte Sedolon nachdenklich. »Sonst hätte ich länger gebraucht. Außerdem spricht sich so ein Vorfall doch herum. Wir müssen nur in den Dienstplan schauen, wer für diese Schleuse gerade verantwortlich war.«

Das war schnell erledigt. Normalerweise wurden die LORETTA-Tender von einer Positronik überwacht, und zwei Terraner behielten die einlaufenden Daten als zusätzliche Sicherheitsschranke im Auge. Nun, während der Alarmlage, hatten sieben Überwacher Dienst, wovon jeder sechzehn Tender im Auge behielt.

Auch das war immer noch ein überschaubarer Verdächtigenkreis. In kürzester Zeit hatten sie einen Namen: Meridim Kiamalaiu. Ein neuer Mitarbeiter, erst seit neun Tagen im Kook. Vorher hatte Kiamalaiu auf einem Tender gearbeitet. Man hatte ihn auf den Merkur geholt, weil durch den Rund-um-die-Uhr-Dienst der letzten Wochen das Personal aufgestockt werden musste.

Sedolon pfiff durch die Zähne. »Hossa. In den paar Tagen, in denen er hier ist, verantwortet er drei Beinahekatastrophen, die nur dank unserer Positroniken nicht eintraten. Lauter Anfängerfehler. Kein Wunder, dass er das vertuschen wollte.«

»Aber zumindest auf den Tendern arbeiten keine Idioten«, stellte Gebru fest. »Da stimmt doch etwas nicht. Wo ist er gerade?«

»Immer noch im Dienst.« Sedolon holte die Zentrale ins Holo und stellte die Übertragung so ein, dass er und Gebru ihrem Verdächtigen über die Schulter sehen konnten. Er blätterte holografische Darstellungen durch. »Was schaut er sich da an?«, fragte Sedolon. »Das hat nichts mit seinem Job zu tun.«

»Unsere Tagesbefehle von der Erde, und die Tagesberichte in die Gegenrichtung«, erkannte Gebru. »Das ist geheimes Material! Wie kommt er da ran?«

»Und wieso ist er so dreist und dumm, das quasi öffentlich durchzuschnüffeln?«, sprang Sedolon zur nächsten Frage. »So was macht kein Agent!«

»Ich verständige den Sicherheitsdienst«, sagte Gebru.

»Nein!« Sedolon patschte sich mit der Hand vor die Stirn. Wie zuvor Gebru seufzte er schwer. »Ich glaube, ich weiß, was los ist. Bap-badam-badamm ...«

Er sang leise, während seine Finger durch die Holos flogen. »Gesichtserkennung negativ, aber das können kosmetische Modifikationen sein ... Aber lassen wir doch mal sein Stimmmuster mit allgemein verfügbaren Datenbanken abgleichen ...«

Nach drei Sekunden präsentierte er grinsend einen Treffer.

»Malco Preft«, las Gebru entsetzt vor. »Schande. Hier hat sich ein Reporter eingeschlichen?«

»Ein Klatschreporter von Plato«, präzisierte Sedolon. »Übelste Sorte. Will wohl rausfinden, warum das System dicht ist, und eine große Story daraus machen.«

»Ich lass ihn rauswerfen.«

Sedolon lächelte fein. »Darf ich eine Alternative vorschlagen?«

 

*

 

Der Abend des 19. Juni war angebrochen. Gebru hatte den Schichtplan geändert, sodass Sedolon und sie gleichzeitig frei hatten. Sie saßen in ihrem Quartier und sahen die Trivid-Übertragung von Plato-TV – einer parasitären, nachrichtensenderähnlichen Lügenverbreitungsmaschinerie, die es mit ihren größtenteils erlogenen, reißerischen Geschichten geschafft hatte, dem ebenfalls nicht zimperlichen Sender Augenklar seine Zuschauer abzunehmen und das ehemalige Vorbild an den Rand der Insolvenz zu bringen. Für diesen Abend hatte Plato eine spektakuläre Enthüllungs-Livesendung angekündigt, moderiert von ihrem ausgezeichneten investigativen Starjournalisten Malco Preft.

Sedolon versuchte, es sich irgendwie auf Gebrus Sofa bequem zu machen. »Warum hast du keine Möbel für normal gewachsene Leute?«

Gebru selbst lehnte entspannt in den Kissen und hatte die Füße auf den weit entfernten Couchtisch gelegt. Plato zeigte Bilder des TERRANOVA-Schirms, spekulierte in verschwörerischem Tonfall über die Abschottung des Systems und versprach jetzt! endlich! die Wahrheit! über die geheimnisvollen Machenschaften derer da oben.

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Illustration: Dirk Schulz

Schnell richtete sich der Fokus der Sendung auf Merkur und das Kook. Preft, nun ohne Maske und gut erkennbar, stand in einem Gang, nur wenige Meter von Gebrus Quartier entfernt. Angriffslustig kündigte er an, seine Entdeckungen zu enthüllen und die Leitung der Steuerstation damit zu konfrontieren.

»Das wären dann wohl wir.«

Sedolons Worte waren gerade verklungen, da läutete Gebrus Türsignal Sturm. Sie stand auf und öffnete.

Wenig überraschend stand Preft davor, umschwirrt von Kamera- und Mikrofonsonden. »Vor mir steht Nazanin Gebru, die Leiterin des Kook – der zentralen Steuerung des TERRANOVA-Schirms. Sie ist die Frau, die eure Antworten hat. Ob sie sie verrät, steht auf einem anderen Blatt.«

Preft zögerte einen Moment, als er die eigene Stimme, minimal verzögert, aus den Akustikfeldern der Trivid-Übertragung hörte. Wahrscheinlich ging ihm auf, dass die Überrumpelung gar nicht so einfach war, wie er sich das vorgestellt hatte.

»Guten Abend.« Gebru sah zu ihm hinab. Sie war mehr als zwei Köpfe größer als der Reporter. »Ich helfe, wo ich kann. Welche Antworten wollen deine Zuschauer denn?«

»Warum ist der Schirm geschlossen?«

»Das Solsystem ist in erhöhter Alarmbereitschaft.«

»Ja, aber warum?«

Gebru zitierte die offizielle Regierungssprachregelung: »Es handelt sich um eine reine Vorsichtsmaßnahme aufgrund von Vorfällen außerhalb des Solsystems, deren Implikationen zurzeit noch von Experten analysiert und bewertet werden.«

»Also droht keine direkte Gefahr für die Erde.«

»Nicht, dass ich wüsste.«

»Aha!«, sagte Preft selbstgefällig. »Dann stimmt es nicht, dass die Mantakka sich außerhalb des Schirms sammeln und einen Angriff vorbereiten?«

»Wer?«

»Die Mantakka«, Preft sprach nun direkt in die Kamera, »sind eine hochberüchtigte und brandgefährliche Spezies. Gewaltige Lebewesen aus dem Weltraum, größer als die größten irdischen Schlachtschiffe, und mit einer natürlichen Fähigkeit zur überlichtschnellen Reise. Sie fressen Planeten, sie löschen Sonnen, und sie wollen die Erde vernichten! Und diese Gefahr wollt ihr der Erdbevölkerung verschweigen?«

Gebru lüftete eine Braue. »Ich bezweifle, dass es solche Wesen gibt.«

»Sie leugnet!«, rief Preft in einer Mischung aus gespielter Empörung und echtem Triumphgeheul. »Dabei weiß sie es genau! Alle Informationen über die Bedrohung liegen in den Datenspeichern des Kook – und ich habe sie geborgen!«

Gebru sah über ihre Schulter. Das Trivid in ihrem Rücken zeigte eine computergenerierte Skizze von mehreren Mantakka, die sich auf die Erde stürzten. Es sah furchterregend aus. Am Bildrand lief langsam ein Datenstream durchs Bild, in dem die Ausdrücke Mantakka, höchste Gefahr und keine bekannte Verteidigung hervorgehoben waren. Eine digitale Kennung wies sie als Originale aus dem Zentralsystem des Kook aus, selbstverständlich mit der höchsten Geheimhaltungsstufe gesiegelt.

Sedolon räusperte sich, rutschte vom Sofa und schlenderte zu Gebru und Preft. »Hallöchen.«

»Das ist Tormsen Sedolon, Stellvertreter und Komplize von Gebru«, erklärte der Reporter seinen Zuschauern. »Ob er die Wahrheit preisgeben wird?«

»Ja«, sagte Sedolon. »Wird er. Ich halte die Mantakka-Bedrohung für deutlich überschätzt.«

»Aha!« Preft triumphierte. »Aber du leugnest nicht, davon zu wissen!«

»Natürlich nicht.« Sedolon sah pikiert drein. »Ich stamme von Algustra, wie du dir bestimmt schon gedacht hast. Jeder Algustraner weiß von den Mantakka. Schon die kleinsten Kinder fürchten sie.«

»Aber die Menschheit auf der Erde soll im Dunkeln gelassen werden?«

»Keineswegs.« Gebru nahm den Faden wieder auf. »Tatsächlich würde ich mich freuen, wenn ihre Geschichte etwas bekannter würde. Auch wenn sie wohl nicht wirklich existieren. Aber für den Fall, dass es sie doch gibt, ist der kleine Mumpf bereits verständigt. Bis er eintrifft, hält der TERRANOVA-Schirm.«

»Der was?«, fragte Preft irritiert.

»Der TERRANOVA-Schirm.«

»Nein, das andere. Der kleine ...«

»Mumpf«, erläuterte Sedolon. »So eine Art Hund in einer fliegenden Roboterrüstung. Mit ihr kann er durchs All fliegen und die Mantakka so lange in den Hintern beißen, bis sie ihren teuflischen Plan zur Vernichtung der Erde aufgeben.«

»Was redest du?« Preft hatte jede Kontrolle über das Gespräch verloren.

Sedolon nestelte am Verschluss einer Tasche, die er hinter sich hergezogen hatte. Schließlich hatte er sie geöffnet und zog ein altmodisches, auf Glanzfolie gedrucktes Kinderbuch hervor. Auf dem Einband prangten die Worte Der kleine Mumpf und in kleinerer Schrift darunter und die Mantakka.

»Ist mir völlig unklar, warum dieses Meisterwerk algustranischer Literatur auf Terra völlig unbekannt ist. Aber vielleicht ändert sich das ja dank dieser großartigen Sendung auf dem bislang völlig unterschätzten Literatur- und Kulturkanal Plato.«

»Ihr habt gewusst, dass ich hinter euch her bin!«

Gebru nickte und zuckte mit den Schultern. Für einen investigativen Journalisten hatte Preft ziemlich lang gebraucht, um das abgekartete Spiel zu durchschauen.

»Ihr habt mir diese Informationen untergeschoben!«

»Und du hast dich mit einem gefälschten Lebenslauf ins Kook gemogelt«, stellte Gebru nüchtern fest. »Auf die wichtige und anspruchsvolle Position eines Schleusenoperators. Die Fehler, die du auf dem Posten begangen hast, haben heute beinah mehrere Hundert Menschen das Leben gekostet. Bist du wirklich derjenige, der uns Vorwürfe machen sollte? Und weiß dein Sender, dass du unschuldige Leben für deine Story riskierst?«

»Ups.« Sedolon ließ das Buch sinken und deutete hinter sich in den Raum. »Anscheinend hat jemand die Sendung unterbrochen.« Tatsächlich zeigte der Projektor statt der Liveübertragung nur noch ein Störungssignal. »Ich glaube, du kannst die Kameras abschalten. Wir zeichnen selbst auf, wie der Sicherheitsdienst dich abführt.«

Und so geschah es.

»Für einen so kleinen Mann steckt ganz schön viel Bosheit in dir«, lobte Gebru ihren Stellvertreter.

»Ich bin nur ein großer Fan und überzeugter Botschafter des kleinen Mumpf«, gab Sedolon selbstgefällig zurück. »Aber Prefts Frage ist tatsächlich spannend. Warum ist das System seit Wochen dicht? Dieser Vorfall bei Umbriel neulich kann doch nicht der einzige Grund sein, oder?«

»Stimmt«, sagte Gebru.

»Und du weißt etwas.«

»Stimmt.«

»Aber du darfst nicht darüber sprechen.«

»Stimmt auch.«

Sedolon stemmte die Hände in die Hüften und sah missbilligend zu ihr hoch. »Dir leihe ich noch mal ein Mumpf-Buch.«

Sie seufzte. »Die Regierung der Liga hat einen ungebetenen Gast. Und bis sie weiß, was sie mit ihm machen soll, geht sie auf Nummer sicher.«

1.

 

Zwei Seelen wohnten in Madée Azhams Brust und lieferten sich oft und gerne heftige Gefechte. Zum einen war sie Wissenschaftlerin durch und durch. Als Historikerin ging sie von kausalen Zusammenhängen aus. Nichts passierte je aus heiterem Himmel oder aus einer wie auch immer gearteten Fügung heraus. Jedes Ereignis hatte einen Grund, wenn nicht sogar eine ganze Menge davon.

Diese Weltsicht hatte sie sich jedoch erst als Erwachsene angeeignet. Ihre ferronische Mutter hingegen war fest überzeugt gewesen, dass eine Art allgegenwärtiger Macht jede Ungerechtigkeit im Universum notierte und früher oder später ausglich. Sie mahnte ihre Tochter stets und ständig, freundlich gegen alle Lebewesen zu bleiben und sich über Rückschläge zu freuen, da diese nur bedeuteten, dass ihr später etwas umso Besseres geschehen würde.

Ihr terranischer Vater hatte dazu bestimmt seine Meinung gehabt, aber Azham hatte sie nie erfahren. Wenn sie ihn dazu befragte, lenkte er ab, meistens mit einem Eisbecher. Für die kleine Madée war das ein fairer Preis dafür gewesen, nicht in die tiefsten Geheimnisse des Universums eingeweiht zu werden.

Als Erwachsene wusste Azham um die Kausalität der Ereignisse, aber im Innern hoffte sie, dass ihre Mutter trotzdem recht behielt. Und seit einigen Wochen sah es tatsächlich so aus. Sie hatte lange fleißig, gütig und ehrlich auf ihr Karmakonto eingezahlt. Nun schenkte das Leben ihr endlich ein Lächeln dafür.

Eigentlich waren es sogar zwei Lächeln, womit das Gedankenbild allerdings etwas verstörend wurde. Nach langen und entbehrungsreichen Dienstjahren am Stellarhistorischen Institut der Universität Terrania hatte sie endlich die Chance, ihr eigenes Forschungsprojekt zu leiten. Und zwar nicht irgendeines: Falls die Kommission sich für ihr Konzept entschied, würde sie nach Ferrol reisen, die Heimatwelt ihrer Mutter. Zum ersten Mal würde sie längere Zeit dort verbringen. Sie würde die ferronische Kultur leben können, statt als Tourist nur kurz den Zeh in den halb vertrauten, halb fremden Ozean zu tauchen.

Das zweite Lächeln war Jacina Duil. Vor drei Wochen hatte Azham die Journalistin in einer Bar kennengelernt. Seitdem hörten die Schmetterlinge in ihrem Bauch gar nicht mehr auf zu flattern. An diesem Abend würden sie zum vierten Mal miteinander ausgehen – und vielleicht war dies die Nacht, in der endlich mehr passieren würde.

Madée befühlte die Jackentasche mit Schmuck und Make-up. Noch zehn Minuten Quellenstudium, dann war es Zeit, dem Schreibtisch Lebewohl zu sagen und Kriegsbemalung aufzulegen.

Bis dahin konnte Azham sich noch mit Hingabe ihrer Lieblingslektüre widmen: dreieinhalbtausend Jahre alten Stadtplänen von Thorta, Ferrols Hauptstadt, und Zollerklärungen und Frachtlisten aus den Frühtagen des terranisch-ferronischen Handelspakts. Im Jahr 1975 alter Zeitrechnung hatte Perry Rhodan höchstselbst den ersten militärischen und den ersten Handelsstützpunkt der Menschheit außerhalb des Solsystems gegründet. Die militärische Basis war bereits vor langer Zeit zerstört worden, und der Standort der Handelsniederlassung in Vergessenheit geraten.

Madée Azham war wild entschlossen, das zu ändern. Wenn es das Gebäude noch gab ... Den ersten Stützpunkt der Menschheit unter fremder Sonne wiederzufinden! Was wäre das für eine Entdeckung!

»Hrrmh.«

Sie zuckte zusammen, als Professor Teliad sich hinter ihr räusperte. Vor Schreck hätte sie beinahe das Magazin mit antiken Mikrofilmspulen vom Tisch gefegt, dem bevorzugten Langzeit-Speichermedium des Jahres 1975.

Sie sprang auf. Professor Sherringford Teliad lehrte nicht nur Geschichte. In vielerlei Hinsicht war er selbst ein Relikt. Insbesondere bezüglich der unterwürfigen Umgangsformen, die er von seinen Mitarbeitern erwartete.

»Professor!«, rief sie. »Verzeih, ich habe dich nicht kommen hören. Ich bin gerade ...«

»... fleißig wie immer«, sagte Teliad in zerstreutem Ton. »Entschuldige, ich wollte mich nicht anschleichen. Was machst du gerade?«

»Vorbereitung für die Expedition«, antwortete sie. »Ich habe schon acht Mitglieder der Stützpunkt-Erstbesatzung anhand ihrer Unterschriften identifizieren können. Von sechs dieser acht konnte ich Wohnadressen auftreiben und zumindest grob zuordnen, wo sie sich befunden haben müssen.« Sie deutete auf den alten Plan mit den farbigen Kreisen, die sie darauf eingezeichnet hatte. »Fünf wohnten nah beieinander, vermutlich in der Nähe ihres Arbeitsortes. Mit dieser Information kann ich bei einer Untersuchung vor Ort ...«

»Vor den Erfolg haben die Götter die Forschungsmittelbewilligungskommission gesetzt«, mahnte Professor Teliad. Er strich sich das weiße Haar etwas höher, das in einer langen Welle über seine Stirn reichte und ihm stets die Sicht zu nehmen drohte.

Azham erschrak heftig. »Steht das infrage? Ich dachte, die Kommission wäre wohlgesinnt!«

»Ist sie, ist sie, natürlich«, murmelte Teliad. »Die Entscheidung ist bloß noch nicht gefallen. Aber du hast ein gutes Konzept eingereicht. Und ich habe meine Empfehlung abgegeben. Der Rest liegt nicht in unserer Hand.«

Sie atmete auf. Sie war so nahe dran. Es wäre eine Katastrophe, sollte die Institutsleitung sich auf den letzten Metern für ein anderes Projekt entscheiden.

»Weshalb ich hier bin ...« Teliad ließ den Satz in der Luft hängen.

Azham riss sich zusammen. »Ja, natürlich. Ich höre.«

»Ich habe leider über meiner Arbeit die Zeit vergessen«, klagte ihr Vorgesetzter. »Und nun habe ich einen wichtigen Termin. Hättest du womöglich die Gelegenheit, die Dokumente aus meinem Büro ins Archiv zurückzubringen?«

Azhams Lächeln verkrampfte, während ihr Hirn sich überschlug. Teliads Bitte, seinen Mist wegzuräumen, war nichts Neues. Das hatte sie schon fünfmal getan während der vergangenen Monate, und sie empfand es als Unverschämtheit – manchmal behandelte er sie immer noch wie die Aushilfe, als die sie vor mehr als zehn Jahren bei ihm angefangen hatte. Normalerweise half sie klaglos, denn sie benötigte seine Fürsprache bei der Kommission.

Aber ausgerechnet an diesem Tag ... Vor ihrer Verabredung mit Jacina ... Und er hatte gesagt, er hätte seine Empfehlung bereits abgegeben. Also war es im Grunde egal ...

Misstrauen trat in Teliads Gesicht. »Wenn es ungelegen kommt, kann ich natürlich auch Hanser fragen ...«

»Nein!«, rief Azham reflexmäßig. »Ich mache es! Ich muss lediglich einen Termin verschieben!«

Volkar Hanser war ihr steter Konkurrent um die Gunst des Professors und die Mittel des Instituts, und auch er hatte ein Forschungskonzept eingereicht. Azham wusste, dass ihres besser war, dafür musste sie Hansers Unterlagen überhaupt nicht kennen. Aber Entscheidungen am Institut hatten nicht immer etwas mit Qualifikation zu tun, und solange sie keinen offiziellen Zuschlag hatte, durfte sie niemanden verärgern.