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Nr. 3128

 

Die Sternen-Schem

 

Eine Kastellanin erwacht – die Loge der Gruftwächter ist bedroht

 

Susan Schwartz

 

 

 

Pabel-Moewig Verlag KG, Rastatt

 

Cover

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

Prolog

1. Vergangenheit: Reise zum Mond

2. Gegenwart: Erkundung

3. Die Frau im Mond

4. Gegenwart: Wach!

5. Vergangenheit: Die Gründung der Loge

6. Wir sind ...

7. Was nun?

8. Der Weg zurück

9. Kastellanin: Erinnerung

10. Zum Mond

11. Gatschem

12. Was geschehen war

13. Abschied

Epilog

Report

Leserkontaktseite

Glossar

Impressum

PERRY RHODAN – die Serie

 

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In der Milchstraße schreibt man das Jahr 2071 Neuer Galaktischer Zeitrechnung. Dies entspricht dem 6. Jahrtausend nach Christus, genauer dem Jahr 5658. Über dreitausend Jahre sind vergangen, seit Perry Rhodan seiner Menschheit den Weg zu den Sternen geöffnet hat.

Noch vor Kurzem wirkte es, als würde sich der alte Traum von Partnerschaft und Frieden aller Völker der Milchstraße und der umliegenden Galaxien endlich erfüllen. Die Angehörigen der Sternenvölker stehen gemeinsam für Freiheit und Selbstbestimmtheit ein, man arbeitet intensiv zusammen.

Als die Liga Freier Galaktiker durch drei Deserteure erfährt, dass in der Nachbarschaft der Milchstraße ein sogenannter Chaoporter gestrandet sei, entsendet sie unverzüglich ihr größtes Fernraumschiff, die RAS TSCHUBAI, unter dem Kommando von Perry Rhodan. Denn von FENERIK geht wahrscheinlich eine ungeheure Gefahr für die Galaxis aus.

Während Rhodan in der kleinen Galaxis Cassiopeia auf der Suche nach dem Chaoporter ist, tauchen in der Milchstraße Wesen unterschiedlicher Völker auf. Sie sehen sich selbst als Sachwalter der Superintelligenz ES. Ihre Aufgabe sei es, die Milchstraße gegen eine große Gefahr zu wappnen. Eine weitere Kastellanin erwacht nun: Es ist DIE STERNEN-SCHEM ...

Die Hauptpersonen des Romans

 

 

Gera Vorr – Eine Kastellanin muss aus ihren Fehlern lernen.

Obioma Chimaobim – Der Expeditionsleiter entdeckt etwas Außergewöhnliches.

Perasch Terwaschim – Das Oberhaupt der Gruftwächter sieht das Ende seines Ordens gekommen.

Prolog

 

Der Weckruf holte sie zurück.

Sie schlug die Augen auf.

Ich bin erwacht.

Mit verhaltenem Atem lauschte sie. Keine weiteren Geräusche drangen an ihr Ohr.

Vor ihren Augen, als sie nach oben blickte, lag Dunkelheit, doch am Blickrand, im Augenwinkel, war es heller.

Als sie den Kopf dorthin wandte, sah sie, dass Licht durch einen Ausschnitt hereinfiel.

Dies ist nicht die SKABUKAD.

Aber ihr Raumgefährt hatte sie gerufen, sonst wäre sie nicht erwacht!

Wie war es möglich, dass sie nicht dort war?

»SKA? Kannst du mich hören?« Ihre Stimme war rau und krächzend, es lag keinerlei Kraft darin.

Nur Stille antwortete ihr.

Wo bin ich?

Wie lange hatte sie diesmal geschlafen? Was hatte sich verändert während ihres Schlafs?

Sie versuchte sich zu erinnern, was sie zuletzt getan hatte. Hatte sie ihre Aufgabe erfolgreich erledigt, bevor sie wieder im Schlaf versank? Wie würde es nun um die Galaxis bestellt sein, da ihr Einsatz offenbar erforderlich geworden war?

Sie wusste es nicht. Sie konnte nie die Früchte ihrer Arbeit ernten. Sie begann immer wieder von vorne ... Was war es diesmal? Sie verspürte kein gutes Gefühl. Es war etwas geschehen ... Traumatisches. Ahnungen über Schreckliches wallten in ihr hoch, ohne dass sie sie definieren konnte.

Erschreckende Schlagwörter fauchten wie ein Feuersturm durch ihren Verstand.

Chaos!

Explosion!

Absturz!

Sie schrie auf.

1.

Vergangenheit

Reise zum Mond

 

Obioma Chimaobim spürte die verhaltene Anspannung seines Teams. Niemand sprach, aber das war auch nicht notwendig. Er verbarg seine Aufregung vollständig, schließlich war er der Kommandant der TRABANT, die sich soeben aufmachte, Gatschem zu erreichen, jenen großen, weit entfernten zweiten Mond.

 

*

 

Chimaobim hatte die Rede der Schem-Tasch gut im Ohr, bei der planetenweit und bis in den Orbit übertragenen Abschiedszeremonie, die man am kleinen Raumhafen für sie veranstaltet hatte.

»Das ist seit sehr langer Zeit der erste Schritt, den wir wieder weiter hinaus in den Weltraum wagen. Wir wissen nicht mehr alles über unsere Historie, vieles ist im Verlauf durch Zerstörung und technische Defekte verloren gegangen.«

Die kleine Mannschaft hatte vor Beginn der Rede die Ehren empfangen und drängte sich nun in der Fähre zusammen, die sie zur TRABANT in den Orbit bringen sollte.

»Hoffentlich fängt sie nicht wieder mit den Dämonen der Rache an«, murmelte Chimaobim.

Er war froh, dass sie nicht die ganze Zeit über ausharren mussten, sondern unmittelbar nach der Ehrung aufbrechen durften. Plangemäß fand der Start der Fähre gleichzeitig mit der Rede statt.

Aber die wenige Zeit genügte, um seine Hoffnungen zu zerschlagen.

»Wir blicken auf eine sehr lange Historie zurück. Die wenigen Überlebenden unserer Vorfahren fanden nach dem entsetzlichen Krieg vor vielen Tausenden Jahren im System der roten Sonne Schemku eine neue Heimat. Einst ein großes Raumfahrervolk, das unvorstellbare Entfernungen im Universum zurücklegen konnte, zogen die Verbliebenen nun die Verborgenheit vor, um niemals wieder von den schwarzen Bestien des Todes aufgespürt und endgültig vernichtet zu werden.«

»Komm zum Punkt!«, murrte Chimaobim.

Er mochte diese mythologischen Verbrämungen nicht. Es gab keinerlei Beweise, dass sich dies tatsächlich so zugetragen hatte.

Die Fähre bewegte sich durch die dünner werdenden Atmosphäreschichten auf den Orbit zu. Das war so weit nichts besonders Aufregendes, schließlich fuhren drei kleine, nicht landefähige Raumschiffe mit modernen Triebwerken permanent zwischen dem Planeten und seinem näheren der beiden Monde, und man gelangte mit Fähren zu ihnen.

Angefangen hatte die neue Raumfahrt im Orbit mit der ersten Station, die schließlich zur Raumschiffswerft ausgebaut worden war. Ein Unterfangen, das mehr als eine Generation in Anspruch genommen hatte.

»Der Weltraum ist ein gefährlicher Ort, tödlich kalt, lebensfeindlich. Und als wäre dies nicht genug, lauern dort auch Dämonen und Lebensvernichter. Deswegen ist es wichtig, dass wir Bastionen in unserem System errichten.«

»Pah!«, machte Chimaobim. »Wen will man damit beruhigen? Wir haben keine Waffen, die gegen einen Feind bestehen könnten, der Hunderte oder Tausende Lichtjahre in wenigen Stunden zurücklegen kann. Der unseren aufs System beschränkten Funkverkehr von Weitem abhören kann und weiß, ob es sich lohnt, hierher zu kommen. Der uns durchleuchtet, als wären wir aus klarem Glas. Und selbst wenn die Geschichte mit den schwarzen Dämonen stimmt, so haben wir nichts mehr mit den Urahnen gemein.«

Die anderen schwiegen, wie bisher. Sie waren ein eingespieltes Team, jeder kannte den anderen sehr genau, und alle wussten, wie gerne der Kommandant Monologe hielt. Und er sprach schließlich nur aus, was alle dachten.

Die TRABANT kam in Sicht und lenkte die Aufmerksamkeit auf das glänzend polierte, trapezförmige kleine Raumschiff, das im Gegensatz zu den anderen drei Gefährten noch ganz ohne blinde Flecken, Dellen, Risse, Abschürfungen und Reparaturnähte war. Die neueste technische Errungenschaft und das Modernste, was man nur aufbieten konnte. Die Expedition nach Gatschem, 2,6 Millionen Kilometer entfernt, sollte ihre Jungfernfahrt darstellen.

Es hatte lange gedauert, bis die Genehmigung dafür erteilt worden war. Zaschem war 400.000 Kilometer entfernt, das genügte ja wohl als Reisestrecke, war man in Regierungskreisen der Ansicht. Dort hatte man eine kleine Station errichtet, und es gab wissenschaftliche Untersuchungen und Abbau mineral- und erzhaltigen Gesteins in bescheidenem Rahmen.

Doch einige Erfinder und Forscher, auch Höherrangige in der Raumfahrtbehörde, träumten von mehr. Beispielsweise, eines Tages die übrigen fünf Planeten des Systems zu besuchen und vielleicht sogar zu besiedeln. Zumindest einer eignete sich dafür und erforderte nur geringe Anpassungen. Auf dem einen oder anderen Planeten könnten Habitate errichtet werden, die komfortabler waren als die Station auf Zaschem.

Chimaobim und sein Team waren sich sehr bewusst, wie viel von ihrem erfolgreichen Einsatz abhing. Sie durften sich keine Fehler erlauben, sonst würde möglicherweise sogar das gesamte Raumfahrtprogramm als zu kostspielig und zu gefährlich eingestellt.

Und das war ein schrecklicher Gedanke. Jeder im Team verstand sich als Raumfahrer; das war nicht nur Arbeit, sondern auch das Leben. Obwohl sie noch nicht einmal Gatschem erreicht hatten, träumten sie bereits von Ausflügen zu den anderen Planeten, von Erkundungen und der spannenden Frage, ob dort höher entwickeltes Leben außer Bakterien existierte. Es sprach alles dafür, aber die ausgeschickten Sonden hatten bisher keine sonderlich ergiebigen Daten geliefert.

Den Raumfahrern war klar: Ein Flug zu den Nachbarplaneten würde nicht so schnell möglich sein. Per Gesetz war nur ein gewisser Stand der Technik erlaubt, um zu verhindern, dass jemand außerhalb des Systems auf sie aufmerksam wurde.

»Wer laut ist, wird gehört«, lautete ein uraltes Sprichwort.

Als Beispiel, und so lernten es die Kinder, wurde dabei stets der Kleine Pfeiferling genannt, ein niedlich aussehendes Felltier mit großen Löffelohren, das sich mit den Artgenossen akustisch verständigte – und dabei häufig Beute des Stinkenden Springkatzers wurde.

Chimaobim hatte den Glauben an solchen Unsinn längst abgelegt, aber die Mehrheit der Erwachsenen hielt daran fest. Genau so, wie es die Regierung und der Weisenrat wollten.

Andererseits: Warum darüber streiten? Sie lebten schließlich gut und brauchten ganz bestimmt keinen Kontakt zu interplanetaren Völkern. Darin stimmte Chimaobim der Regierung zu: Das brachte nur Ärger mit sich, und die Leidtragenden würden zweifelsohne die technisch unterlegenen und friedlich gesinnten Schemramen sein.

Aber wenigstens innerhalb des Systems könnten sie doch unterwegs sein? Diesen Traum würde er niemals aufgeben.

 

*

 

Wann die Rede endete, bemerkte Chimaobim gar nicht mehr, er war viel zu beschäftigt damit, die TRABANT in Schwung zu bringen. Er war zugleich der Hauptpilot und ließ es sich natürlich nicht nehmen, das brandneue Raumschiff zu starten und aus dem Dock zu leiten.

Die Zentrale war nur wenig größer als der Innenraum der Fähre, die Sessel waren dicht zusammengerückt, jeweils drei Raumfahrer in zwei Reihen. Sie waren so zurückgekippt, dass die Raumfahrer halb darin lagen und ihre Konsolen zu sich herzogen. Flache Schirme konnten hochgefahren und in die gewünschte Position gebracht werden.

Der Blick nach allen Seiten war frei, die Kanzel war mit einer Kuppel aus Glasmetall versehen, die einen einzigartigen Blick in die Unwirtlichkeit des Alls gestattete.

Chimaobim gehörte nicht zu den Leuten, die es kaum fertigbrachten, den nächtlichen Sternenhimmel zu beobachten. Am liebsten hätten diese es wahrscheinlich, wenn die Welt komplett überdacht wäre, als Schutz vor fremden Blicken. Eine kindliche Einstellung, über die der Kommandant schon lange aufgehört hatte zu diskutieren.

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Illustration: Swen Papenbrock

Immerhin war nach oben zum Kuppeldach genug Platz, um den Gurt lösen und sanft nach oben schweben zu können, um dann an den Haltestangen entlang die Zentrale zu verlassen.

Mit dieser Fortbewegungsart hatte das erfahrene Team keinerlei Probleme; auf keinem der Schiffe gab es künstliche Schwerkraft. Sobald der Kurs angelegt und der Autopilot eingeschaltet war, konnten sie ihre Sitze verlassen, die Raumanzüge ablegen und sich auf die Ankunft vorbereiten – das würde ein paar Tage dauern.

Die übrigen Bereiche wurden durch schmale, ringförmige Tunnel erreicht – die Messe, zugleich Gemeinschaftsraum, der Schlafraum mit Hängevorrichtungen, der Sanitärbereich. Außerdem noch zwei Depots mit Reserveanzügen und Ersatzteilen sowie Werkzeug. Nah den Schleusenausgängen lagen die Schotten zu den in Ausbuchtungen untergebrachten Fähren zu beiden Seiten. Danach schloss sich die Antriebs- und Maschinensektion an sowie direkt nach der Schleuse ein kleiner Frachtraum für Gesteinsproben, die eingesammelt werden sollten.

Die Fähren dienten bei größeren Ausflügen mit riesigen Radpaaren zugleich als Bodenfahrzeuge. Für die erste Erkundung sollte jedoch ein kettenbetriebener Kriecher mit entsprechender Ausrüstung eingesetzt werden.

»Es wird nicht anders sein als auf Zaschem«, bemerkte Chimaobim leichthin, während er die Halteklammern per Eingabe auf seinem Handterminal löste.

Die Ausschleusung wurde automatisch vorgenommen, der Schiffscomputer war mit dem Werftcomputer verbunden. Aber den Befehl zum Start gab der Kommandant allein und bestimmte die Geschwindigkeit.

Zum ersten Mal sagte Nawami Tatintopen etwas, der Stellvertretende Kommandant und Zweite Pilot. »Es wird größer sein. Den Sternen näher. Und wir haben nicht die geringste Ahnung, was uns erwartet. Klar, ein eiskalter trockener, atmosphäreloser Klumpen im All. Aber dennoch anders.«

»Natürlich, Großer. Ich wollte euch nur ein wenig die Anspannung nehmen.«

Die anderen lachten höflich.

Das kann ja noch richtig heiter werden, dachte der Kommandant.

2.

Gegenwart

Erkundung

 

Die Muskeln gehorchten schon nach kurzer Zeit den Gedankenbefehlen, Körper und Geist waren perfekt miteinander verbunden, wie nach einem kurzen, erholsamen Schlaf.

Sie spürte eine kurze Spannung der Haut an ihrer linken Taille. Sie schob das Hemd hoch, ihre Finger tasteten über die Narbe einer länger verheilten Wunde. Warum war die Narbe noch da – und wodurch war die Wunde verursacht worden? Die Vermutung lag nahe, dass die Verletzung schwerwiegend gewesen war.

Wenn sie sich nur erinnern könnte, was geschehen war! Möglicherweise hatte die Verwundung ein Trauma hervorgerufen. Sie würde in dem Fall die Erinnerungen an die letzten Ereignisse zurückerhalten, sie waren ihr nicht für immer genommen worden – aber das konnte dauern.

Langsam erhob sie sich und sah sich um. Viel war in dem Halbdunkel nicht zu erkennen, denn der Raum wurde lediglich schemenhaft durch das hereinfallende Licht erhellt.

Aber was sollte auch erhellt werden? Es gab nichts darin außer dem Singular-Physiotron, ihrer Liegestatt. Die Wände bestanden aus mattgrauem Metall. Vier Schritte zur einen Seite, drei Schritte zur anderen. Wenn sie den Arm nach oben ausstreckte, berührte die Spitze des längsten Fingers die Decke.

Ich bin eingesperrt. Eine Gefangene? Aber warum wurde ich nie geweckt? Das ergibt keinen Sinn.

Nach weiteren vergeblichen Versuchen, die SKABUKAD zu erreichen, bewegte sie sich vorsichtig auf das Licht zu – eine Glastür.

Von innen waren keine Riegel oder Öffnungsmechanismen zu sehen. Also doch gefangen?

Sie stellte sich an die Seite und lugte vorsichtig durch das Glas. Der Raum dahinter schien verlassen zu sein, aber noch nicht lange. Sie erkannte einen Tisch mit Essensresten auf Tellern, eine Schale Früchte, benutzte Gläser. Dazu einige bequeme Sessel und an einer Wand einen großen flachen ... Bildschirm?

Weitere Erinnerungsfetzen schossen durch ihren Verstand, sie versuchte die Zeit zuzuordnen. Sie verfügte über bedeutend höher entwickelte Technik, aber zuletzt, da ... war sie Wesen begegnet, die ... Bildschirme hatten. Monitoren, Handkonsolen ...

Dann war nicht viel Zeit vergangen? War ihr Schlaf nur kurz gewesen? Aber warum war sie von ihrem Raumfahrzeug getrennt und hier eingesperrt? Hatte man sie überwältigt und außer Gefecht gesetzt?

Das ergibt immer noch keinen Sinn.

Warum sollte man das tun? Sie mitsamt ihrem Lager an diesen Ort transportieren und sie einsperren?

Nur keine Ungeduld.

Sie würde die Antworten erhalten, sobald ihre Bewacher zurückkehrten. Anscheinend hatten sie gerade alle gleichzeitig Pause, weil niemand zurückgeblieben war. Ungewöhnlich. Der Sinn einer Wache bestand doch gerade darin ...

Deine Gedanken zerfasern. Konzentrier dich!

Wichtig war festzustellen: Man wollte sie lebend, nicht tot sehen. Das war eine gute Voraussetzung für einen konstruktiven Austausch.

Ihren Anzug trug sie nicht mehr, aber vielleicht wurde er aufbewahrt. Man hatte ihr eine schlichte weiße Kombination gegeben, Hemd mit langen Ärmeln, Hose, Halbschuhe. Der Stoff war weich und passte sich den Körperkonturen an.

Sie legte die Hand an das Glas. Es fühlte sich kühl an, kühler als die ebenfalls nicht gerade üppig warme Umgebungstemperatur des Raums, die sie allmählich zum Frösteln brachte. Das Glas war dick genug, um nicht so leicht durchbrochen zu werden. Eine Waffe hatte sie keine, aber die brauchte sie auch nicht.

Sie hob die Hand und streckte den sehr beweglichen, überlangen Finger, während sie die anderen nach unten krümmte. Die Fingerspitze endete in einem langen, schwarzen, spitzen Nagel – wie eine Kralle, extrem hart.

Die Kralle tippte klickend gegen das Glas, kratzte leicht.

Sehr gut. Keine verborgene Technik, einfach nur dickes Glas. Nun bohrte sie die Kralle tiefer hinein und zog eine tiefe Rille nach unten, dann nach links, nach oben und zurück. Groß genug, um nach dem Durchbruch hindurchzupassen. Immer wieder sicherte sie hinaus, doch niemand kam. Hatten sie nicht mal Überwachungskameras? Das war fast schon rührend.

Noch einmal setzte sie den schwarzen Nagel an und vertiefte die Rillen. Als Nächstes zog sie, ähnlich einem Radnetz, Querlinien.

Sie arbeitete schnell und geschickt, es vergingen nur wenige Minuten. Weiterhin blieb es still und verlassen, und sie konnte ungestört weitermachen. Je mehr Linien sie zog, desto mehr knisterte das Glas. Um den Vorgang zu beschleunigen, hauchte sie auf tiefere Löcher, von denen mehrere Linien ausgingen, und klopfte immer wieder mit dem Nagel dagegen, drückte mit der anderen Hand.

Schließlich verselbstständigten sich die Muster, bildeten immer neue Linien, vibrierten. Tiefe Risse entstanden.

Nichts widersteht der schwarzen Kralle. Sie lächelte, nahm Schwung und trat mit voller Kraft gegen das Glas. Mit Stiefeln wäre es besser gewesen, aber es sollte auch so genügen. Sie benötigte höchstens mehr Tritte.

Zuerst geschah nichts, dann folgte ein Ping.

Eilig sprang sie zurück und zur Seite. In dem Moment zersprang das Glas, größere Splitter verstreuten sich wie kleine Wurfgeschosse, der Rest regnete nieder. Nur ein kümmerlicher Rest der ursprünglichen Glastür blieb erhalten.

Sie stieg durch die Lücke, mit einem großen Schritt über die Scherben hinweg in den Wachraum.

In diesem Moment fuhr die Tür leise surrend zur Seite.

 

*

 

Jemand kam herein, die Arme voll beladen mit Tellern und Gläsern, im Mund eine Teigscheibe. Vollauf beschäftigt mit dem Balanceakt, blickte der Mann, der seiner Gefangenen von der Gestalt her überraschend ähnlich sah, nur flüchtig auf.

Und erstarrte. Die Teigscheibe fiel ihm aus dem aufklappenden Mund.

Sie spürte, wie ihre Gesichtshaut Wellen schlug. Vorsichtig lächelte sie; es spannte etwas, aber nur kurz. Sie nahm eine friedliche Haltung ein, die Arme leicht erhoben, die leeren Handflächen nach oben.

Der Mann glotzte sie aus weit aufgerissenen, dunkelbraunen Augen an. Eine Sekunde, vielleicht zwei. Dann ließ er alles fallen und rannte hinaus.

In das klirrende Getöse und Geschepper von zerbrechenden Gläsern und Tellern erklangen seine aufgeregten Rufe, die abrupt von der zufahrenden Tür abgeschnitten wurden.

3.

Die Frau im Mond

 

Seit drei Stunden rumpelten sie mit dem kleinen Kriecher über die unwirtliche Ebene Gatschems. Mehrmals hatten sie herausgesprungene Ketten wieder richten müssen, doch das tat der guten Laune keinen Abbruch. Zwei Teammitglieder waren an Bord der TRABANT geblieben, zwei in der Fähre, die verbliebenen zwei waren auf Erkundung unterwegs, sammelten Gesteinsproben und ließen sich ordentlich durchschütteln.

Chimaobim, der selbstverständlich den Kriecher steuerte, empfand während seiner Mission das All als wirklich viel näher. Schemramir war ein grünlicher Lichtpunkt auf der von Schemku angestrahlten Seite, in der Nähe von ihr hing Zaschem wie eine verlorene Steinkugel, die jemand im Übermut zu weit hinausgeschleudert hatte, im leeren Raum.

Der Himmel über ihm war so schwarz, dass es ein eigenes Wort dafür hätte geben müssen. Ohne die leicht verzerrende Glaskuppel des Raumschiffs, ohne Filter, abgesehen von dem schützenden Raumhelm, breitete sich eine endlose Tiefe rings um ihn aus. Lichter stanzten Löcher in dieses finstere Nichts, manche rötlich, andere wie von Nebel umgeben.

Es war so schön, dass ihm beinahe die Tränen kamen. Chimaobim wusste, dass er außer mit seinen Teamgefährten mit niemandem darüber sprechen konnte, nicht einmal mit seiner Frau. Sie hatte seine Begeisterung für die Raumfahrt nie teilen können, hatte ihn aber immer unterstützt. Bei der Schilderung des schönen Alls hätte sie allerdings Schluss gemacht – das war eine Grenze, die sie nicht überschreiten konnte und wollte. So etwas Lebensfeindliches schön zu nennen, ging ihr zu weit.

Gatschem war hässlicher als angenommen. Voller Schründe und Krater und scharfkantiger Felsen, es gab kaum eine ordentliche, glatt gefegte Ebene. Als hätte sich alles gegen ihn verschworen, jeder Komet, jeder verirrte Asteroid schien es darauf abgesehen zu haben, ihn mit Gestein zu bewerfen und der schutzlosen, geschundenen Oberfläche weitere Narben zuzufügen.

Angesichts dieser Unwirtlichkeit und der beständigen Gefahr, für immer zu stranden, unterhielt sich das sonst eher schweigsame Team lebhaft und lachte viel über die neuen Witze, die angesichts der Widrigkeiten geschaffen wurden.

»Hört mal zu«, meldete sich plötzlich im ernsten Tonfall die TRABANT. »Ich empfange hier ein Signal.«

Schlagartig war nur noch ein sanftes Rauschen im Funkäther zu vernehmen.

 

*

 

»Was redest du da?«, sagte Chimaobim schließlich. »Von wo soll hier ein Funksignal kommen? Von der Bodenstation? Aus dem Orbit? Zaschem?«

»Du weißt längst, Kommandant, dass es von keinem der genannten Orte kommt und dass es ein unbekanntes Signal aus unbekannter Quelle ist, wenn ich so darauf hinweise.«

»Ja«, brummte er. »Aber den Schock muss ich erst verarbeiten.«

Er sah das fassungslose Gesicht seines Begleiters durch die Sichtscheibe des Helms.

»Bist du sicher?«, kam es aus der Fähre, unterbrochen von Tatintopen, der ebenfalls dort geblieben war: »Verdammt, er hat recht. Ich empfange es auch. Es kommt eindeutig von Gatschem – nicht weit von der Fähre entfernt!«

»Könnt ...« Der Kommandant musste sich räuspern, als er das Quietschen in seiner Stimme vernahm. »Könnt ihr die Art des Signals definieren?«

»Es ist kein Anklopfen für einen Funkruf«, antwortete Tatintopen. »Es ist kein Signal, wie wir es verwenden, aber es hat einen bestimmten Rhythmus.«

»Ein Notsignal?«, vermutete Chimaobim.