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Nr. 3130

 

Resident in Bedrängnis

 

Gefährliche Entwicklungen auf der Venus und beim Uranus – Reginald Bull steht am Scheideweg

 

Leo Lukas

 

 

 

Pabel-Moewig Verlag KG, Rastatt

 

Cover

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

Prolog: Der Retter

1. Exquisite Schalungen

2. Die Kinder des Myzels

3. Anflug und Einflug

4. Die Katastrophe

5. Viele Befragungen ...

6. ... und eine folgenträchtige Antwort

7. Bull tritt ab

8. Auf Wiedersehen!

Epilog: Der wandernde, wandelnde Geist

Journal

Leserkontaktseite

Glossar

Impressum

PERRY RHODAN – die Serie

 

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In der Milchstraße schreibt man das Jahr 2071 Neuer Galaktischer Zeitrechnung. Dies entspricht dem 6. Jahrtausend nach Christus, genauer dem Jahr 5658. Über dreitausend Jahre sind vergangen, seit Perry Rhodan seiner Menschheit den Weg zu den Sternen geöffnet hat.

Noch vor kurzem wirkte es, als würde sich der alte Traum von Partnerschaft und Frieden aller Völker der Milchstraße und der umliegenden Galaxien endlich erfüllen. Die Angehörigen der Sternenvölker stehen gemeinsam für Freiheit und Selbstbestimmtheit ein, man arbeitet intensiv zusammen.

Als die Liga Freier Galaktiker durch drei Deserteure erfährt, dass in der Nachbarschaft der Milchstraße ein sogenannter Chaoporter gestrandet sei, entsendet sie unverzüglich ihr größtes Fernraumschiff, die RAS TSCHUBAI, unter dem Kommando von Perry Rhodan, denn von FENERIK geht wahrscheinlich eine ungeheure Gefahr für die Galaxis aus.

Während Rhodan in der kleinen Galaxis Cassiopeia auf der Suche nach dem Chaoporter ist, tauchen in der Milchstraße Wesen unterschiedlicher Völker auf. Sie sehen sich selbst als Sachwalter der Superintelligenz ES. Ihre Aufgabe sei, die Milchstraße gegen eine große Gefahr zu wappnen. Infolge ihrer Aktivitäten gerät der RESIDENT IN BEDRÄNGNIS ...

Die Hauptpersonen des Romans

 

 

Reginald Bull – Der Terranische Resident muss eine schwerwiegende Entscheidung fällen.

Alschoran – Der Anführer der Galaktischen Kastellane will Bull entmachten.

Sichu Dorksteiger – Die Ator erklärt sich bereit, Verantwortung zu übernehmen.

Icho Tolot und Antonu May – Der Haluter und Perry Rhodans Adjutant stoßen in den Tiefen des Dschungelplaneten auf uralte Geheimnisse.

Zsandulf F'shgop – Der Fremdenführer verliert den Überblick.

Piet Qortaverum – Der Stützpunktleiter sieht sich fundamentalen Verwerfungen gegenüber.

Im Zentrum der Kultur der Ersten Menschheit stand die Solidarität. Wegen der unablässigen existenziellen Bedrohung sowohl durch die urzeitliche Tierwelt als auch durch die auf Genexperimente der Takerer zurückgehenden Zyklopen, Zentauren, Argazaten und Pseudo-Neandertaler waren die Frühmenschen gezwungen, möglichst schnell eine leistungsfähige, straff organisierte Gesellschaft aufzubauen.

Viel später erst kam man zur Erkenntnis, dass die lemurische Zivilisation aufgrund ihres Traumas und ihrer Bemühung, eine geschlossene Einheit zu bilden, zu erstarren drohte. So konnte es nicht weitergehen! Langfristig würde Lemur verkümmern – falls die Bevölkerung nicht den Ursprungsplaneten verließ, um Kolonien zu bilden.

Als sich diese Idee durchgesetzt hatte, begann eine rasante Expansion. Die Erste Menschheit besiedelte große Teile der Milchstraße und errichtete 111 Tamanien. Begünstigt wurde die Entwicklung dadurch, dass es damals außer den Lemurern keine vergleichbare galaktische Hochkultur gab; man traf nur auf vereinzelte Ruinen.

Umso größer war daher der Schock, als die Bestien über die Milchstraße herfielen.

(Encyklopedia Terranica)

 

Wir brauchen Freunde. Nicht, um sie zu gebrauchen, sondern um die Gewissheit zu haben, sie brauchen zu dürfen.

(Epikur von Samos, ca. 300 AZ)

 

 

Prolog

Der Retter

 

Soweit er sich zurückerinnern kann, war immer Krieg.

Die Eltern hat er verloren, als er gerade elf Jahre alt war. Nach dem Kupferfest brachen sie mit einem Forschungsschiff auf – und sind nicht mehr zurückgekehrt.

»Es tut mir leid. Die Schwarzen Bestien haben sie erwischt.«

Tante Ta musste Kokuloón und seinem jüngeren Bruder die schreckliche Nachricht überbringen. Sie war es auch, die sich von da an um die beiden kümmerte.

Kokuloón verdankt ihr viel. Dass sie sein Psi-Talent erkannt und gefördert hat. Dass er schon als Jugendlicher Besatzungsmitglied der CASCODO werden durfte.

Aber auch Tante Ta haben ihm die Bestien genommen; zugleich mit zwei guten Kameraden, der Pilotin Henare und dem Bordingenieur Wiesel, der eigentlich Tonnulión hieß.

In gewisser Weise tragen die tonnenschweren, vierarmigen Monster sogar Schuld daran, dass Belnyse, die Liebe seines Lebens, sich von ihm getrennt hat. Das ist lange her, rund 55.000 Jahre.

Kokuloón vermisst sie immer noch.

 

*

 

Obwohl der Krieg sein – wenn man so will: erstes – Leben prägte, verstand Kokuloón sich nie als Soldat.

Zwar kämpfte er Jahrzehnte an vielen Fronten; aber nicht als Waffenträger, weder Angreifer noch Verteidiger, weder offensiv noch defensiv.

Sein mittlerweile fast vollständig ausgestorbenes Volk war mit den Lemurern verwandt, gehörte jedoch keinem der 111 Tamanien an. Daher stellte es diesen auch keine regulären Flottenverbände ab.

Sehr wohl aber unternahmen die Calurier Rettungsmissionen. Zum Beispiel, wenn Flüchtlingskonvois von den Bestien angegriffen worden waren. Nach Beendigung der Kampfhandlungen brachten sie die Überlebenden auf Calurien oder anderen Welten in Sicherheit.

Die CASCODO hatte eine Sonderstellung, weil sie bei diesen Bergungseinsätzen besonders erfolgreich war. Das lag zu einem gewissen Teil an der gut eingespielten Führungsmannschaft.

Vor allem aber lag es an Kokuloóns psionischen Fähigkeiten.

 

*

 

Kokuloón hat, wie alle Calurier, eine Paradrüse. Seine ist allerdings überdurchschnittlich stark ausgeprägt.

Er ist Telepath. Mehr noch: Er kann die Gedanken anderer Intelligenzwesen nicht nur lesen, sondern auch gleichsam instinktiv extrapolieren. Er denkt den gelesenen Gedankengang nahezu zeitverlustfrei weiter, und zwar im Sinne des Belauschten. Dadurch ahnt er mit einiger Sicherheit dessen Handlungen voraus.

Diese Gabe ist ihm selbst nach wie vor alles andere als geheuer. Er hat auch sehr gemischte Erfahrungen damit gemacht.

Die Tatsache, dass Kokuloón die »Konsequenz« der Gedanken mit-espert, heißt nicht, dass er in die Zukunft sehen könnte. Es heißt nicht einmal, dass er mit seiner »Paralektüre« immer recht hat: Eine Person kann sich im letzten Moment umentscheiden, muss dies manchmal sogar tun, wenn plötzlich andere Umstände in Kraft treten.

Seine Fähigkeit der Konsequenztelepathie hat es Kokuloón und seinen Mitstreitern von der CASCODO erleichtert, Raumfahrer aus Schiffswracks zu evakuieren und Überlebende von zerstörten Planeten zu bergen.

Sie konnte aber nicht verhindern, dass das in den schwer angeschlagenen calurischen Kugelraumer ENATA entsandte Rettungsteam mit Wiesel, Henare und Tante Ta einer Bombenfalle der Bestien zum Opfer fiel.

Er war außer sich vor Trauer.

 

*

 

Nicht nur in Not geratene Lemurer oder Calurier hat Kokuloón gerettet. Einmal hat er auch einem verletzten Feind beigestanden.

Es handelte sich um einen Dolan, ein hundert Meter durchmessendes, lebendes Kampfschiff, eine furchtbare Tötungsmaschine. Kokuloón brachte das handlungsunfähige Retortenwesen, statt es befehlsgemäß zu töten, in die Nähe einer Sonne, wo es sich regenerieren konnte.

Bis heute weiß er nicht, ob diese Handlung – die streng genommen einen Verrat an seinem Volk darstellte – sein Schicksal radikal veränderte. Ob sie der Hauptgrund dafür war, dass er von einer höheren Entität rekrutiert wurde, die sich unter anderem Wanderer nannte.

Kokuloón ist sich nicht völlig sicher, aber er glaubt, schon davor mental das unendlich weise und volle, Welten und ganze Galaxien umfangende, über alles Dasein amüsierte Lachen des Wanderers vernommen zu haben.

Jedenfalls hat er die Berufung akzeptiert. Seit dem Initiationsbegebnis arbeitet er mit dem charismatischen Asen Alschoran zusammen, mit dem stets gewinnenden Kolgonen Amamu Empu, mit der technisch so versierten Baint, auch mit der doppelköpfigen, widerborstigen Ioniv-Vinoi Etter.

Kokuloón ist ein Galaktischer Kastellan. Er steht im Dienst der Superintelligenz ES. Er und die sechs anderen »Siebenschläfer« haben einen Auftrag angenommen, der sich über Jahrzehntausende erstreckt.

Sie werden ihre Aufgabe erfüllen, koste es, was es wolle. Wer ihnen Hindernisse in den Weg legt, muss die Konsequenzen tragen und sehen, wo er bleibt.

1.

Exquisite Schalungen

11. Juli 2071 NGZ

 

Hilke Pars ekelte sich.

Nicht vor dem Gemetzel, das auf dem Tisch stattfand. Sondern vor den Leuten ringsum, die es veranstalteten oder sich daran delektierten.

Die von Hilkes Ex-Mann Zsandulf F'shgop geführte Reisegruppe machte an diesem Tag Station in Venus City. Wobei sich der Begriff »Tag« rein auf die Galaktische Standard-Zeitrechnung bezog. Tatsächlich belief sich die Eigenrotation der Venus auf 240 Stunden, also das Zehnfache Terras.

Zehn Standardtage! So lange wollte Hilke sich grade mal insgesamt auf dem zweitinnersten Planeten des Solsystems aufhalten ...

Was Zsandulf an der Venus so toll fand, konnte Hilke Pars umso weniger nachvollziehen, je mehr sie davon zu sehen bekam. Gewiss, die gewaltigen Marshall-Fälle, die ihre Wassermassen tosend und brausend fast 4800 Meter tief ins Tal stürzten, boten ein beeindruckendes Naturschauspiel. Und die sieben Kilometer durchmessende ehemalige Arkonidenfestung im 13.256 Meter hohen Mount Aphrodite konnte sich locker mit den meisten anderen Kulturdenkmälern der Milchstraße messen.

Es gab noch einige weitere Sehenswürdigkeiten dieser Kategorie. Etwa die immer noch »schlafende«, auf Neusiedler wartende Stadt Plonkforth, deren Etagen und Simse in die bis zu elf Kilometer hohen Berghänge gefräst und zu »schwebenden Vierteln« ausgebaut worden waren. Sie erinnerten an kühn platzierte, durch filigrane Brückenkonstruktionen miteinander verbundene Schwalbennester.

Aber der Rest!

Die überwiegende Landfläche der Venus bestand aus Urwäldern voller mörderisch aggressiver Flora und Fauna. Meist war es diesig und schwül, wenn nicht sogar bis zu 65 Grad heiß. Durch die permanent geschlossene Wolkendecke drang bloß düsteres Dämmerlicht.

Im krassen Gegensatz zur tristen tropischen Umgebung war das Stadtinnere von Venus City hell erleuchtet und angenehm klimatisiert. Die nach Port Venus zweitgrößte Metropole des Planeten lag auf dem Äquatorialkontinent Merima, im riesigen Mündungsdelta des Tausend-Bogen-Flusses.

Durch Röhren verbundene, bis zu 600 Meter hohe Kuppeln aus transparentem Panzertroplon prägten die künstlich aufgeschüttete, rund 70 Kilometer durchmessende Insel. Entlang der Peripherie gruppierten sich Pfahlbauten und schwimmende Wohnkomplexe zwischen Jachthafenmolen.

Am Ostrand schwang sich ein imposanter Arkonstahlbogen in den dunstigen Himmel, 1500 Meter hoch und am Boden 2000 Meter breit. Daran dockten wie Trauben ovale, flugfähige Einzelbehausungen an.

Insgesamt umfasste die Anlage 15.000 Wohneinheiten. Nicht einmal ein Zehntel davon war bezogen, hatte Zsandulf erklärt.

Überhaupt hatten sich bislang lediglich ein paar Küstenviertel wieder belebt. Vor der Evakuierung wegen des Clausums war die Stadt auf eine Einwohnerzahl von zirka zehn Millionen ausgelegt gewesen. Aktuell stand sie bei knapp 800.000.

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Illustration: Swen Papenbrock

Die planetare Regierung versuchte, aus der Not eine Tugend zu machen. Seit etwa einem Jahrzehnt bemühte man sich, Venus City als exklusive Adresse zu vermarkten.

Ansatzweise schien dies zu gelingen. Terra lag quasi um die Ecke, sogar in Transmitterreichweite, und günstige Immobilien gab es zuhauf. Geködert durch zusätzliche großzügige Förderungen, hatten sich einige Luxushotelketten angesiedelt und Spitzengastronomie mitgebracht.

Dazu gehörte auch das Restaurant, in dem die Touristenschar mit Hilke, Zsandulf und ihrer gemeinsamen, 14-jährigen Tochter Jolka eingekehrt war. Es nannte sich Oshun, nach der Liebesgöttin der altterranischen Yoruba-Religion. Die ihr zugeordnete Farbe, ein leuchtendes Goldgelb, dominierte die Tischtücher, Stuhlbezüge und retrobarocken Verzierungen an den Wänden.

Aus dem Panoramafenster des Speisesaals blickte man auf die gischtenden Wellen des Nordmeers. Manche türmten sich Dutzende Meter hoch auf. Die starken Temperaturunterschiede zwischen der Tag- und der Nachseite des Planeten, wusste Hilke Pars, konnten zu Stürmen mit Windgeschwindigkeiten bis zu 500 Kilometern pro Stunde führen.

An den zahlreichen, auf winzigen Tellern servierten Vorspeisen gab es tatsächlich nichts auszusetzen. Die begleitenden Weine stammten von Rieden an den Uferhängen des Tausend-Bogen-Flusses. Auch sie wurden von den Gästen lobend kommentiert. Orlin Rönrat, der Plophoser, der sich als Fachmann für sowieso alles und also auch als Gourmet und Önologe gerierte, verstieg sich sogar zum Ausruf, er habe »selten derart vollmundige Tröpfchen verkostet«.

Dann jedoch kam die Spezialität des Hauses an die Reihe.

Methuselach-Krebse aus den Sümpfen des Deltas galten als einzigartige Delikatesse, je älter, umso begehrter. Falls der Küchenchef des Oshun nicht schamlos übertrieb, waren manche der unterarmlangen, in einem Kupferkessel auf dampfendem Trockeneis liegenden Tiere 600 bis 700 Jahre alt.

»Ihr gereifter Geschmack übertrifft jenen terranischer Hummer oder Langusten bei Weitem«, schwärmte der Koch, ein beinahe kugelförmiger Barniter, dessen Haut ähnlich grün getönt war wie die Zsandulfs, Hilkes und Jolkas. »Vorsichtig gegart, entwickelt das zarte Fleisch ein köstliches, ausgeprägtes Krustentieraroma mit markanter, ein wenig spitzer Süße und einer unerreichten Komplexität im Abgang.«

Die uralten Krebse, erläuterte er, hatten allerdings wie viele Crustaceen eine für Feinschmecker unangenehme Eigenschaft: Einmal tot, begannen sie sogleich, sich quasi selbst zu verdauen und wurden matschig.

Man brachte die Methuselachs deshalb lebend zum Tisch. »Sie wurden etwa eine Stunde lang tiefgekühlt. Das lässt sie in eine Art Winterschlaf fallen, wodurch sie von der Schlachtung nichts mitbekommen.«

Der Barniter schüttelte sich indigniert. »Krustentiere einfach, wie früher üblich, bei lebendigem Leib ins kochende Wasser zu werfen, finde ich sowohl ethisch als auch kulinarisch bedenklich. Zumal es den Geschmack auslaugt und empfindlich beeinträchtigt!«

Unter seiner Anleitung zerteilten die um den Tisch versammelten Lokalbesucher nun die Krebse. Wegen der Härte der dicken Panzer gestaltete sich dies trotz Vibratormessern und Monofilament-Beilen als knifflig.

Hinzu kam, dass die Tiere, wiewohl betäubt, nicht völlig stillhielten. Muskelkontraktionen ließen sie plötzlich davonschnellen oder katapultartig die Schwänze aufstellen wie Skorpione. Das hatte zur Folge, dass man leicht danebenhieb.

Ohne die zuvor verteilten Spezialhandschuhe und -schürzen hätten sich viele Restaurantgäste wohl selbst mehr verstümmelt als die bedauernswerten Geschöpfe, auf die sie so enthusiastisch einhackten ...

 

*

 

Hilke machte nicht mit. Auch ihre Tochter war auf Distanz zu dem widerwärtigen Schauspiel gegangen, ebenso wie T'yrütitym.

Die Jülziish war überzeugte Veganerin. Selten ließ sie eine Gelegenheit verstreichen, darauf hinzuweisen.

Neben ihr am Torbogen zur Lobby stand das zuletzt, nämlich erst am Vortag hinzugestoßene Mitglied der Reisegruppe: ein Mann undefinierbaren Alters, offensichtlich ein Umweltangepasster, nur eineinhalb Meter groß, aber ebenso breit und sehr massiv gebaut.

Seine Bewegungen wirkten stets verhalten. Er setzte die Säulenbeine so vorsichtig auf, als fürchtete er, ansonsten etwas zu zerstören oder ein Erdbeben auszulösen.

Die tief liegenden Augen schimmerten in hellem Grün. Dichte, kunstvoll geflochtene Bartzöpfe erinnerten an jene von Mehandor-Patriarchen. Sie waren aber nicht rot, sondern pechschwarz, ebenso wie die weit über die Schultern hinab wuchernde, lockige Haarpracht.

Der Mann hatte sich als Augustus Ponggrazz vorgestellt. Hilke Pars glaubte allerdings Grund zur Annahme zu haben, dass das nicht sein richtiger Name war.

»Hast du ebenfalls keine Lust«, fragte sie ihn, »dich an der Massakrierung der Methuselach-Krebse zu beteiligen?«

»Ach, ich will mich bloß nicht vordrängen«, sagte er mit angenehm tiefer Stimme. »Sonst bliebe für die anderen nicht viel übrig, fürchte ich.«

T'yrütitym rückte ein Stück von ihm ab. »Ich finde das grässlich«, sagte sie schrill. »Nicht nur, weil ich grundsätzlich keine tierischen Produkte zu mir nehme – ich bin nämlich Veganerin, müsst ihr wissen –, sondern auch, weil ich ein furchtbar schlechtes Gewissen bekäme, wenn meinetwegen ein derart langes Leben gewaltsam beendet würde.«

»Respekt vor der Natur schadet nie«, pflichtete der Vierschrötige bei. »Obwohl ich dem Alter keine allzu große Bedeutung beimessen würde. Viele Leute finden es weniger schlimm, eine alte Milchkuh zu essen als ein halbjähriges Lämmchen.«

Die Jülziish verdrehte das vordere Augenpaar auf dem rostroten Tellerkopf. »Warum muss es denn überhaupt partout Fleisch sein?«, rief sie und fuchtelte theatralisch mit den Armen.

»Muss es ja nicht. Rational betrachtet, kann sich halt niemand ganz und gar aus der Nahrungskette ausklinken. Es sei denn, er vergräbt sich einsiedlerisch in einem Habitat, wo sämtliche Nährstoffe synthetisch hergestellt werden. Kann man machen; reizt mich aber, ehrlich gesagt, nicht sehr.«

»Ich hätte dich für einfühlsamer gehalten. Jetzt bin ich enttäuscht.«

»Sag mal, bezeichnet T'yrütitym nicht eigentlich ein traditionelles gatasisches Käseomelett mit rohen Muurt-Würmern?«, fragte Hilke. Sie erinnerte sich an eine Vorlesung, über die sie im Rahmen ihres Studiums eine Prüfung abgelegt hatte.

»Na und? Wie schon unsere Dichterfürstin Himüüt'y Dihdyrü schrieb: ›Wir bekommen den Namen übergestülpt wie einen Eimer, und lebenslänglich tropft der Inhalt auf uns herab‹. – Muss mir deswegen weniger vor diesem Spektakel grausen?«

»Keineswegs. Ich wollte bloß ...«

»Bitte entschuldigt, dass ich das interessante Gespräch beenden muss. Meine vegane Diät befördert den Stoffwechsel, und mich ruft die Lindgrüne Kreatur der Erleichterung. Gehabt euch wohl!« Die Jülziish watschelte krummbeinig davon.

»Darf ich auch dich etwas fragen?«, wandte Hilke sich an den Umweltangepassten. »Auf die Gefahr hin, dass du ebenfalls beleidigt das Weite suchst?«

»Nur zu, du machst mich neugierig!«

Hilke senkte die Stimme, obwohl sich niemand sonst in der Nähe befand. »Kann es sein, dass du mich an jemanden erinnerst, der von der Hochschwerkraftwelt Goppner stammt?«

»Gut möglich. Das ist schließlich meine Heimat.«

»Jemand, der ähnliche Bartzöpfe hat, wenngleich flammendrot? Und einen kahlen Schädel, den er gerne mit einer reich bestickten Haube aus durchsichtigem künstlichem Rubin bedeckt?«

»Warum nicht? Derlei ist bei mir zu Hause seit geraumer Zeit in Mode.«

»Jemand, der zwar nicht Augustus heißt«, fuhr Hilke unverdrossen fort, »aber ebenfalls einen Monat im Namen trägt ... Und der eine recht hohe Position in der Führung der Liga bekleidet?«

»Okay, ertappt.« Schmunzelnd hob er die Hand und hielt den Zeigefinger vor die Lippen.

»Keine Sorge«, sagte Hilke. »Mein Ex und die anderen sind viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als dass sie dich genauer unter die Lupe nehmen und erkennen würden. Und ich verrate dich nicht.«

»Danke«, sagte Antonu May.

»Falls du mir im Gegenzug verrätst, was dich zu uns führt.«

»Na schön. Gehen wir ein paar Schritte?«

 

*

 

Er hatte, klärte Perry Rhodans Adjutant sie auf, sich der Expedition angeschlossen, weil er seinen Aufenthalt im Merima-Delta geheim halten wollte.

»Vor allem die sogenannten Galaktischen Kastellane sollen das nicht spitzkriegen. Deshalb das Inkognito und die oberflächliche Verkleidung.«

»Daher weht also der Wind! Wir verdanken also dir die Sondergenehmigung zum Betreten des Pallandfelder Sperrgebiets?«

May bejahte. »Du bist darüber im Bilde, was dort von besonderem Interesse für Alschoran und die anderen Kastellane sein könnte?«

»Nicht nur für sie. Auch ich habe mich nur breitschlagen lassen, an dieser Rundreise teilzunehmen, weil ich hoffte, einen Blick auf die ganjasischen Artefakte erhaschen zu können.«

»Ich dachte, ihr wolltet Jolkas Vater einen Besuch abstatten?«

»Na ja, damit lag Zsandulf mir schon jahrelang in den Ohren. Aber ich war, unter uns, nicht extra neugierig auf ihn. Zu viel während unserer Ehe zerschlagenes Porzellan, du verstehst. Als jedoch Gerüchte aufkamen, die bislang abgeriegelte Fundstätte könnte bald für einen erweiterten Wissenschaftlerkreis zugänglich werden ...«

Sie ließ den Satz unvollendet, da May wissend nickte. »Du wolltest unter den Ersten sein.«

»Wenigstens die erste Xeno-Soziologin, ja.«

Das ebenfalls im Mündungsdelta des Tausend-Bogen-Flusses liegende Pallandfelder Schwankland war ein 36.000 Quadratkilometer umfassendes Naturschutzgebiet. Wegen der endemischen, selbst für venusische Verhältnisse höchst eigentümlichen Pflanzen- und Tierwelt erfreute es sich bei beamteten wie privaten Naturforschern großer Beliebtheit.

Unter dem Morast, der von seltsamen Lebensformen nur so wimmelte, hatten terranische Wissenschaftler vor fünf Jahren zufällig ein Höhlensystem entdeckt. Offenbar war es seit sehr, sehr langer Zeit konserviert. Ein wasserundurchlässiges, mit einer dünnen Metallbedampfung verstärktes Gewölbe separierte es von der feuchten Umgebung.

Die dazu verwendete Legierung war höchst ungewöhnlich. Sie bestand aus dem korrosionsbeständigen Schwermetall Zirkonium, aus Chrom, Nickel sowie geringen Beimengungen von Ynkelonium. Außerdem enthielt sie Quintronen, was auf eine weit fortgeschrittene Technologie hinwies.

Untersuchungen hatten ergeben, dass die Bedampfung rund 202.000 Jahre alt war. Dies galt auch für die erwähnten Artefakte im domartig erweiterten Kreuzungspunkt des grob Y-förmigen Höhlensystems: zwei große Wandteppiche, über deren ganjasischen Ursprung keine Zweifel bestanden.

»Alschoran, der Anführer der Kastellane, gehört laut eigener Aussage einem Zweigvolk der Ganjasen an«, sagte Hilke Pars, während sie durch den hydroponischen Obstgarten des Restaurants schlenderten. »Bist du vor Ort, weil du damit rechnest, dass er im Delta aktiv werden könnte?«

»Moment mal«, korrigierte sie sich selbst, ehe Rhodans Adjutant antworten konnte. »Es wurde doch verlautbart, dass Alschoran sich heute im Rahmen eines Live-Interviews an die Bevölkerung der Liga wendet. Er hat angekündigt, die Beweg- und Hintergründe der Siebenschläfer darzulegen. In ...«, sie sah auf das Armbandchronometer, »... knapp zwei Stunden. Beides zugleich geht ja wohl kaum.«

May blieb stehen und sah sie prüfend an. »Ich gestehe, mich über die Teilnehmer der Reisegruppe erkundigt zu haben. Von dir weiß ich, dass du eine hoch angesehene Wissenschaftlerin bist, eine Koryphäe deines Fachs. Ich würde dich gerne als Verbündete gewinnen. Aber bleibst du loyal zur Liga-Führung, auch wenn sich dir direkte Einblicke in die Psychologie der Kastellane eröffnen würden?«

»Falls ich in unmittelbaren Kontakt mit einem oder einer von ihnen käme, meinst du?« Hilke überlegte; kurz. »Ja«, sagte sie dann. »Oder umgekehrt: Nein, ich neige nicht dazu, mich von Personen, die ich beforsche, vereinnahmen zu lassen. Reicht dir das?«

»Allemal. Danke. – Es handelt sich ja auch nicht um einen Konflikt, bei dem es Spitz auf Knopf stünde. Wir stufen die Kastellane aktuell nicht als Feinde ein, obwohl sie sich einige Verstöße geleistet haben. Sie behaupten, sie und wir hätten ein gemeinsames Interesse: die Milchstraße vor einem Zugriff der Chaosmächte zu beschützen. Bislang spricht nichts dagegen.«

»Trotzdem traut ihr ihnen nicht völlig über den Weg.«

»Nach all den bitteren Erfahrungen, die wir Terraner mit vermeintlichen Freunden gemacht haben, liegt eine gewisse Vorsicht wohl auf der Hand, oder etwa nicht?«

»Konkret bedeutet das was genau?«