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Nr. 3131

 

Die Diebe von Valotio

 

Sie stehlen einen Chaotreiber – die Legenden des Limbuswächters

 

Christian Montillon

 

 

 

Pabel-Moewig Verlag KG, Rastatt

 

Cover

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

Eine erste Legende des Limbuswächters

1. Jung, interessiert und berühmt

2. Bunt, laut und ängstlich

3. Zweifelhaft, offen und multidimensional

4. Heikel, verbogen und parasensibel

5. Weise, mürrisch und bewaffnet

6. Erfolgreich, heikel und gezielt

7. Fremdartig, unentschieden und nass

8. Gelassen, schwerelos und gewarnt

9. Entschlossen, melodiös und zerstörerisch

10. Triumphierend, müde und begeistert

Leserkontaktseite

Glossar

Risszeichnung Gäonautikum PERSEPHONE

Impressum

PERRY RHODAN – die Serie

 

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In der Milchstraße schreibt man das Jahr 2071 Neuer Galaktischer Zeitrechnung. Dies entspricht dem 6. Jahrtausend nach Christus, genauer dem Jahr 5658. Über dreitausend Jahre sind vergangen, seit Perry Rhodan seiner Menschheit den Weg zu den Sternen geöffnet hat.

Noch vor Kurzem wirkte es, als würde sich der alte Traum von Partnerschaft und Frieden aller Völker der Milchstraße und der umliegenden Galaxien endlich erfüllen. Die Angehörigen der Sternenvölker stehen gemeinsam für Freiheit und Selbstbestimmtheit ein, man arbeitet intensiv zusammen.

Als die Liga Freier Galaktiker durch drei Deserteure erfährt, dass in der Nachbarschaft der Milchstraße ein sogenannter Chaoporter gestrandet sei, entsendet sie unverzüglich ihr größtes Fernraumschiff, die RAS TSCHUBAI, unter dem Kommando von Perry Rhodan, denn von FENERIK geht wahrscheinlich eine ungeheure Gefahr für die Galaxis aus.

Rhodan begegnet in der kleinen Galaxis Cassiopeia den unterschiedlichsten Völkern und findet Spuren, die darauf hindeuten, dass dort der Chaoporter havariert ist – weil der Kosmokratenraumer LEUCHTKRAFT ihn gerammt hat. Und jenes Schiff stand unter dem Kommando von niemand anderem als Alaska Saedelaere, von dem allerdings bisher jede Spur fehlt. Dies könnte sich nun ändern durch DIE DIEBE VON VALOTIO ...

Die Hauptpersonen des Romans

 

 

Anzu Gotjian – Die Mutantin hat einen Blick für das Chaos.

Gucky – Der Mausbiber sucht ein neues Raumschiff.

Perry Rhodan – Der Terraner gehört zu den Dieben von Valotio.

Belamassu – Der Wächter der Kluft.

Vetris-Molaud – Dem Tefroder mangelt es nicht an Selbstbewusstsein.

Eine erste Legende des Limbuswächters

 

Belamassu ist der Wächter der Kluft, und wer sie durchqueren will, muss an ihm vorüber. Er ist einer, und er ist eines, und er ist viele. Es gibt eine Menge Geschichten über ihn, diese ist eine davon:

Tsalio Okaniat kommandiert sein Schiff seit 17 Rumpfwechseln. In all der Zeit ist seine Heimatwelt im Chaoporter aus dem inneren Saum nach außen gewandert. FENERIK interessiert sich nicht länger für Okaniat und seine Pakraliden, obwohl sie einst – beim Kasus 405 oder 406, er weiß das nach all den Ewigkeiten nicht mehr so genau – eine entscheidende Rolle spielten.

Und nun?

Sein Schiff treibt ab, haltlos und verloren in den Weiten der Kluft.

Belamassu kommt durch ein geschlossenes Schott an Bord. Wie ihm das gelingt, ist sein Geheimnis.

Tsalio Okaniat stellt sich andere Fragen: Ist es wirklich Belamassu? Er selbst? Er ähnelt einem Pakraliden allzu sehr, doch es heißt, Belamassu könne jede Gestalt annehmen, sei es ein Insekt, ein Stein, ein Fluss oder ein ganzer Wald. Was soll ihn also abhalten, denen zu ähneln, deren Schiff er besucht?

Belamassus vier Arme leuchten dunkelrot. Das Licht quillt aus allen Poren, und wo es zu Boden rieselt, versickert es nur langsam. Es ist zäh und widerspenstig und voller Autorität. Und es riecht klebrig.

»Du bist willkommen, Wächter«, sagt Tsalio Okaniat.

»Bin ich das?«, will der Besucher wissen. Eine unschuldige und doch lauernde Frage.

In den Worten schwingt etwas mit, das Okaniats zweiten Magen in eine irreguläre Starre schickt. »Wir sind abgetrieben«, stellt er das Offensichtliche fest.

»Deswegen bin ich hier«, entgegnet Belamassu ebenso offensichtlich.

»Bitte, lass uns gewähren. Mein Schiff passiert diesen Weg seit Jahrtausenden.«

»Was geht mich deine Zeitrechnung an?« Mehr Licht rinnt aus der gesamten Gestalt, aus den Augen stürzen Wasserfälle. »Ich will nur eines wissen: Seid ihr würdig?«

»Ich bin es«, antwortet Okaniat ohne das geringste Zögern. »Und meine Mannschaft dient mir. Bin ich würdig, ist sie es ebenfalls.«

»Also kommt es nur auf dich an.«

»Nur auf mich«, bestätigt der Kommandant.

»Und darauf, ob du mit deiner Einschätzung lügst.«

»Ja.« Tsalio Okaniat wünscht sich, seine Worte wären furchtlos, doch seinem Leib entströmt nur schale Düsternis. Und was am schlimmsten ist – er stinkt. Jeder kann seine Unsicherheit riechen. Seine Angst.

»Also werde ich nur dich prüfen«, sagt Belamassu.

»Wie?«

»Hat man dir nie gesagt, wie ich in FENERIKS Auftrag Schiffe überprüfe?«

»Nie.« Und er kennt niemanden, der es weiß. Wer es erlebt hat, spricht nicht darüber. Oder kann es nicht, weil er die Prüfung nicht bestanden hat.

Belamassus Licht pulsiert. »Also sage ich es dir auch nicht.«

»Aber ...«

»Oh du kleines Wesen, schwach und sterblich«, sagt der Wächter. Er wächst, und aus seinen leuchtenden Fußstapfen formen sich weitere Gestalten, ihm gleich. »Du musst vieles lernen. Lasse ich zu, dass du die Kluft passierst? Ich weiß es noch nicht. Ich bin gespannt, was meine Prüfung ergeben wird.«

An dieser Stelle endet diese Legende.

Von Tsalio Okaniat hat man nie wieder gehört.

1.

Jung, interessiert und berühmt

 

Anzu Gotjian fielen vor allem die blonden Locken auf. Das Gesicht darunter war zierlich, fast mädchenhaft. Vielleicht färbte sie sich deshalb die Haare, um mehr aufzufallen.

»Ich bin Kommandantin Kamuna Midra«, sagte die Fremde, die sie aus dem Holo anschaute. »Im Namen des tefrodischen Reiches in Valotio heiße ich euch im Kerrevasystem willkommen.«

»Danke«, sagte Perry Rhodan mit jovialer Betonung.

Anzu fragte sich, ob es ihm genauso ging wie ihr – fand er diese Tefroderin auch schrecklich unsympathisch?

Es mochte unfair sein, nach wenigen Sekunden ein Urteil zu fällen, aber erstens hatte der Tonfall der Kommandantin ungefähr Folgendes ausgedrückt: Ich bin unendlich genervt, dass ich mich um die Neuankömmlinge kümmern muss, doch man hat es mir befohlen, also gebe ich mich mit euch ab. Und zweitens hatte Anzu nie von sich behauptet, perfekt zu sein, und konnte sich deshalb ein unfaires Urteil leisten.

Anzu stand in Rhodans Nähe, aber außerhalb des Erfassungsbereiches des Kommunikationsholos. Sie hielten sich in einem Besprechungsraum neben der Zentrale der RAS TSCHUBAI auf. Das Schiff hatte vor wenigen Minuten den Rand des Kerrevasystems erreicht. In diesem Sonnensystem lag Avol, die Hauptwelt des kleinen, nur acht Systeme umfassenden tefrodischen Reiches in der Kleingalaxis Cassiopeia, die die Tefroder als Valotio bezeichneten.

»Nur für mich ...«, sagte Kamuna Midra langsam. »Könnt ihr eure Geschichte noch einmal wiederholen? Aber vielleicht ... hmm ...« Sie legte die Stirn unter den blonden Locken in Falten. »... wäre es angebracht, dass einer der Tefroder an Bord mir Bericht erstattet? Ich hörte, dass der Tamaron der Milchstraße an Bord wäre?«

»Ich halte es für gut denkbar, dass Vetris-Molaud deinem Wunsch entsprechen wird«, sagte Rhodan mit einem leichten Lächeln. »Bitte, warte kurz.« Mit einer Handbewegung befahl er ANANSI, die Holoverbindung zu unterbrechen.

Das dreidimensionale Abbild Kamuna Midras erlosch. Trotzdem kam es Anzu noch immer so vor, als würde die Kommandantin mit sezierendem Blick den Raum mustern. Etwas war dran an dieser Frau; sie hatte eine nahezu erdrückende Präsenz.

»So, sie will also mit dir sprechen.« Rhodan drehte sich um und sah Vetris-Molaud an.

Der Tefroder saß, perfekt gerade aufgerichtet und die Arme vor sich abgelegt, am gegenüberliegenden Ende des Konferenztisches. Über seinem Kopf hing ein Bild, das eine Aufnahme des Solsystems zeigte – alles andere als maßstabsgerecht, aber mit wunderschön herausgearbeiteten Planeten. Anzu hatte bereits überlegt, ANANSI um eine Kopie für ihr Quartier zu bitten.

»Wenn ihr mich fragt«, sagte Vetris und ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass er weiterreden würde, ob man ihn nun fragte oder nicht, »hat sie eine minderwertige Show abgeliefert. Es geht ihr darum, mit mir zu sprechen, sonst nichts.«

An Selbstbewusstsein mangelt es ihm nicht, dachte Anzu. Vetris-Molaud war der Herrscher der Tefroder in der Milchstraße, er hatte diesen Posten aus eigener Anstrengung errungen, und er sah – Ehre, wem Ehre gebührt – verdammt gut aus. Nicht dass Anzu etwas an derlei markant-männlicher Äußerlichkeit lag. Vetris war nicht ihr Typ.

»Wir lassen sie auflaufen«, schlug Lousha Hatmoon vor, die vierte und letzte Person im Raum. Klang sie tatsächlich eifersüchtig?

Grund genug gab es – dass Kommandantin Midra um ein Gespräch mit Vetris statt mit ihr bat, sprach in der Tat Bände. Als Stellvertretende Leiterin des tefrodischen Geheimdienstes in Cassiopeia wäre eigentlich sie die logische Wahl gewesen.

Aber eben nur eigentlich.

Bei dem Gedanken wurde Anzu erneut bewusst, in welcher Gesellschaft sie sich befand: Perry Rhodan, der legendäre unsterbliche Terraner. Vetris-Molaud, der Herrscher der Milchstraßen-Tefroder. Lousha Hatmoon, hochrangige Geheimdienstmitarbeiterin und mutmaßliche unsterbliche Meisterin der Insel. Und sie ... Anzu Gotjian, Transmitterspezialistin und außerdem Spezialistin dafür, in kosmisch bedeutsame Ereignisse verwickelt zu werden, ohne das eigentlich zu wollen.

Da war es schon wieder, das Eigentlich.

Anzu hatte den beiden Tefrodern auf deren Bitte hin gerade einige Fragen zu ihrer Entführung in den Chaoporter und die anschließende Flucht beantwortet, als die RAS TSCHUBAI die Grenzen des Kerrevasystems erreicht und sich Kamuna Midra gemeldet hatte. Bouner Haad, der ebenso wie Anzu die unfreiwillige Expedition in FENERIKS Randbereiche hatte mitmachen müssen, hatte ihnen bereits zuvor separat Rede und Antwort gestanden.

»Was meinst du mit auflaufen lassen?«, fragte Vetris-Molaud.

Lousha Hatmoon saß neben ihm, und als sie nun aufstand, verdeckte sie einen Teil des Bildes an der Wand. Terra verschwand, und der Mars ebenso. »Sie weiß, dass ich an Bord bin, und natürlich hast du recht – es geht ihr darum, dich kennenzulernen. Dein Ruf eilt dir voraus, Tamaron.«

Vetris lächelte, und er strahlte zwei Dinge aus: unerschütterliche Ruhe und ein Gefühl kühler Überlegenheit. »Also willst du ihr antworten, Lousha. Um ihr zu demonstrieren, wer die Verantwortung trägt.«

»Warten wir ab, wie sie reagiert.«

»Wir dürfen nicht vergessen«, warf Perry Rhodan ein, »dass wir als Bittsteller kommen. Wir sind die Gäste, und wir sollten freundlich sein, solange es uns nicht wehtut.«

»Ihr seid in der Tat Gäste«, sagte Lousha Hatmoon. »Ich hingegen gehöre hierher, ihr durftet überhaupt erst dank meiner Fürsprache anreisen. Ich habe das Treffen mit dem Virth arrangiert. Also erledige ich das diplomatische Vorgeplänkel. Oder die Machtspielchen, wenn euch dieser Begriff besser gefällt.«

Tatsächlich, dachte Anzu. Sie ist eifersüchtig. Weil ihre Kompetenz beschnitten wird und ...

Ja, und was? Anzu war unsicher, wie sie es bewerten sollte. Weil Hatmoon Vetris für sich beanspruchte? Vielleicht musste sie derlei Verhaltensinterpretationen den Kosmopsychologen überlassen.

Es gab ohnehin Wichtigeres zu tun. Zum Beispiel, zu verschwinden, weil sie all das gar nichts anging.

Aber ehe Anzu aufstehen konnte, stellte sich Lousha Hatmoon neben den Terraner. »Lässt du mich reden, Perry Rhodan?«

Er nickte. »ANANSI, bitte bau die Verbindung wieder auf!«

Das Holo blieb etwa eine Minute leer, bis von der Seite her Kommandantin Midra hineintrat. »Lousha Hatmoon«, sagte sie, und sie klang nicht sonderlich begeistert.

»Du kennst mich. Gut. Du kannst die Dinge mit mir klären. Dass unsere Gäste einfliegen, kommt auf mein Anraten zustande.«

»Und ich muss meine Aufgabe als Kommandantin der Wachflotte ernst nehmen. Ich bestehe darauf, persönlich mit Perry Rhodan und Vetris-Molaud zu sprechen, ehe ich einem Team der RAS TSCHUBAI gestatte, auf Avol zu landen.«

»Ich habe die Anreise mit dem Virth geklärt. Er ...«

»Er hat mir die Verantwortung übertragen«, unterbrach Kamuna Midra. »Und ich mag jung aussehen ...« Sie deutete auf ihr Gesicht. »... aber davon solltest du dich nicht täuschen lassen. Eine Laune der Natur. Glaub mir, ich habe genug Erfahrung.«

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Illustration: Swen Papenbrock

»Du brauchst damit nicht zu kokettieren. Ich weiß, wie alt du bist, ich kenne deine Position und deine Fähigkeiten.«

»Dann weißt du, dass ich in der Lage bin, die RAS TSCHUBAI tagelang festzuhalten. Wir sollten uns das ersparen. Es wäre für alle Seiten ermüdend. Und es bleibt keine Zeit zu verschenken. Darum gibt es zwei Möglichkeiten. Ich komme an Bord eures Schiffes ... oder die Sache wird lange dauern.«

»Es ist nicht mein Schiff«, stellte Lousha Hatmoon klar. »Das müssen andere entscheiden.«

»In diesem Fall, Kommandantin«, sagte Rhodan, »werde ich dir einen Leitstrahl in einen Hangar und eine Schwebeplattform dorthin schicken. Wir erwarten dich.«

»Ein vernünftiger Entschluss«, urteilte Kamuna Midra. »Ich kann natürlich nicht allein anreisen.«

»Mein Schiff ist dein Schiff«, sagte Rhodan gönnerhaft. »Zumindest in gewissen Grenzen.«

 

*

 

Sie warteten auf die Ankunft der Kommandantin. Anzu wollte sich zurückziehen, doch Rhodan bat sie zu bleiben. »Deine Paragabe reagiert auf Dinge, die mit dem Chaoporter in Zusammenhang stehen«, sagte er zur Begründung.

»Nicht jedes Mal«, schränkte Anzu ein.

»Und ob ich die Kommandantin mag oder nicht«, ergänzte Lousha Hatmoon, »spielt keine Rolle. Sie steht wohl kaum mit FENERIK in Verbindung, sodass ...« Sie brach mitten im Satz ab. »Ich bin selbst nicht überzeugt von dem, was ich eben sagen wollte. Natürlich könnte Midra ersetzt worden sein. Wie jeder andere auch. Wenn Anzu in der Lage ist, das wahrzunehmen, sollten wir diese Möglichkeit keinesfalls verschenken.«

Anzu fühlte die Last einer gewaltigen Verantwortung auf ihren Schultern. »Ich bin keine ...« Sie suchte das richtige Wort. »... Chaoporterspürerin.«

»Das erwartet auch niemand von dir«, versicherte Rhodan. »Aber deine Anwesenheit kann nicht schaden.«

Doch, dachte Anzu. Mir schon. Wenn mir das Ganze endgültig über den Kopf wächst. Andererseits hatte sie jedem anderem im Raum etwas voraus: Sie hatte sich bereits im Chaoporter aufgehalten und war von dort wieder entkommen. Also würde sie dieses Treffen mit Leichtigkeit meistern.

»Stimmt«, sagte sie deshalb.

»Ich werde dich als meine persönliche Assistentin vorstellen«, sagte Rhodan.

Anzu grinste. »Welche Ehre. Ist der Job gut bezahlt?«

»Was schwebt dir vor?«

Frieden, dachte sie. »Vielleicht mein eigener kleiner Mond, wenn wir wieder zu Hause sind?«

»Du bist ganz schön anspruchsvoll.«

»Dir ist klar, dass ich einen Witz gerissen habe?«

Rhodan sah sie lange an, dann nickte er mit hochgezogenen Augenbrauen.

»Ich meine nur, weil du ja nicht gerade für deinen Humor bekannt bist, Perry.« Sie stockte. »Also ... ich ...« Ach verflixt! »War nicht bös gemeint. Ist mir einfach so rausgerutscht.«

»Meinen Humor erkennt eben nicht jeder«, sagte Rhodan mit staubtrockener Stimme.

Was Anzu irgendwie amüsant fand.

»Haben wir nichts Besseres zu tun, als zu überlegen, wer von uns der Witzigste ist?«, fragte Lousha Hatmoon.

Du schon mal nicht, dachte Anzu.

»Doch«, sagte Vetris. »Wir können auch schweigen.«

Dazu blieb allerdings kaum Zeit, denn Kamuna Midra traf ein.

Der Eindruck, den Anzu via Holo von ihr gewonnen hatte, bestätigte sich. Bei dieser persönlichen Begegnung sah sie jünger, schmaler, unscheinbarer aus – aber von ihrem Blick fühlte sich Anzu bis auf den Grund ihrer Seele gemustert.

Ein bulliger Tefroder begleitete sie und blieb bei der Tür stehen – geradezu das Klischee eines Leibwächters. Ihn umschwirrten drei Flugroboter, kaum größer als eine Menschenfaust, doch zweifellos überaus wehrhaft.

Midra begrüßte jeden einzeln und bedachte dabei Vetris-Molaud mit derselben kühlen Höflichkeit wie alle anderen.

»Du hast darum gebeten, dass ich unsere Geschichte erzähle«, sagte Vetris. »Hier die Kurzfassung. Wir sind wegen des havarierten Chaoporters aus der Milchstraße gekommen, haben eine Agentin des hiesigen tefrodischen Geheimdienstes getroffen, Lyu-Lemolat, diese ist gestorben, wir haben sie zu Lousha Hatmoon gebracht, und diese wiederum hat uns den Weg zu einem Treffen mit dem Virth geebnet.«

Die Kommandantin zeigte ein kaum merkliches Lächeln. »Mein Beileid zum Tod deiner Gefährtin, Lousha.«

»Danke«, erwiderte diese. Wahrscheinlich glaubte sie, es hörte sich gelassener an, als es tatsächlich der Fall war. Die verstorbene Agentin Lyu-Lemolat war Hatmoons Lebenspartnerin gewesen.

»Mir kommt ein geflügeltes Wort in den Sinn«, sagte Kamuna Midra. »Dinge ungebührlich lange zu verschweigen, ist wie Eiter im Gewebe. Es stammt von Keran, wenn es euch beliebt. Und wenn nicht, dann trotzdem.«

Nicht dass Anzu je von Keran gehört hätte. Oder von irgendeinem anderen tefrodischen Dichter aus Cassiopeia. Wenn sie alle solche Texte schrieben, legte sie darauf allerdings auch keinen Wert.

»Also komme ich zum Punkt«, fuhr die Kommandantin fort. »Ich konnte mir die Chance nicht entgehen lassen, den berühmten Vetris-Molaud zu treffen. Deine Karriere in der Milchstraße ist hochinteressant.«

»Und?« Vetris erhob sich, kam einen Schritt näher. »Enttäuscht?«

»Mit ziemlicher Sicherheit war bisher nie jemand enttäuscht, der dich getroffen hat.«

»Da irrst du dich.«

»Ich hörte von den mechanischen Krebsen, die dir als spezielle Leibwächter dienen.«

»Skorpione«, verbesserte Vetris. »Aber ich führe sie nicht ständig mit mir. Schon gar nicht ...« Er breitete die Arme aus. »... unter Freunden.«

»Du siehst diese Terraner also als Freunde an?«

»Ich habe mich ihrem Schiff anvertraut.«

»Und würdest du sie einfliegen lassen, wenn das Kerrevasystem unter deinem Befehl stehen würde?«

Vetris dachte nach. »Die RAS TSCHUBAI als solche ist ein unberechenbarer Machtfaktor. Einflug bis in die Grenzbereiche des Systems, wo sie überwacht wird. Landung auf Avol nur für eine kleine Delegation. Der natürlich die wichtigsten Leute angehören.«

»Ihr vier?«, fragte Kamuna Midra.

»Wir alle sind auf unsere Weise unentbehrlich.«

Aha, dachte Anzu.

»Ich weiß vieles über dich«, stellte die Kommandantin klar, »und über Rhodan, natürlich über Lousha Hatmoon, die über jeden Verdacht erhaben ist. Aber diese Frau«, ihr Finger deutete auf Anzu, »ist eine Unbekannte in der Gleichung.«

»Das Unbekannte verleiht dem Leben Würze«, hörte Anzu sich selbst sagen.

»So sei es«, urteilte Kamuna Midra. »Ihr dürft in einem Beiboot auf Avol landen. Einem kleinen Beiboot.«

»Ich bin sicher, wir finden das Richtige«, sagte Rhodan.

2.

Bunt, laut und ängstlich

 

Er mochte es nicht, von dieser Kommandantin namens Kamuna Midra seziert zu werden. Aber das war eben der Lauf der Dinge: Personen, die über ein wenig Macht verfügten, interessierten sich für solche, die mehr Macht besaßen.

Dass seine Machtbefugnis in Valotio nicht zum Tragen kam, ignorierte Vetris-Molaud großzügig. Falls es darauf ankam, davon war er überzeugt, konnte er in dieser kleinen Galaxis einiges bewegen. Mehr als Kamuna Midra.

Sie hatte verlangt, die vier Personen des Außenteams zum Hangar der RAS TSCHUBAI zu begleiten und mit ihnen gemeinsam zu landen. Rhodan hatte mit Engelsgeduld zugestimmt. Manchmal verstand Vetris ihn nicht, aber wie die Geschichte zeigte – und er kannte Rhodans Historie sehr gut – gab der Erfolg diesem Terraner meistens recht. Vetris war sich nicht zu schade, etwas zu lernen, wenn es etwas zu lernen gab.

»Du hast uns ein kleineswirklich