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Inhaltsverzeichnis
 
 

DER AUTOR
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Jörg Riehl hat bei Coca-Cola Flaschen sortiert, in Diskotheken gekellnert und sich mit Rasenmähen und Straßenkehren seine Brötchen verdient, bevor er als Journalist u.a. für den Bayerischen Rundfunk und das TV-Magazin GONG zu arbeiten begann. Heute ist er Redakteur beim Anlegermagazin BÖRSE ONLINE. Er lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern Jurek und Smilla in Fürstenfeldbruck bei München. »Bis ans Ende der Welt« ist sein erster Roman für Jugendliche.

1.
Ralf drückte die Klingel, nichts rührte sich.
Vielleicht würde ein Typ öffnen mit aufgepumpten Muskeln oder Brustbehaarung und zu Kristine »Darling, da ist jemand an der Tür!« rufen. Dann wäre der 20000-Kilometer-Trip für die Katz gewesen. Melbourne schien zwar eine großartige Stadt zu sein – nach dem, was er so auf dem Weg vom Flughafen in die City gesehen hatte -, aber Ralf war nicht zum Schaufensterbummeln hier.
Die Adresse auf dem Zettel stimmte:
c/o Schmelzle
10 Argyle Street
Fitzroy 3065
Melbourne, Victoria
 
Kristine hatte den Zettel am Flughafen schnell noch gekritzelt. Eine Woche braucht ein Brief – in der Zeit, fand Ralf, konnte er es auch selbst schaffen.
In der Aufregung hatte er vergessen zu fragen: Wer ist eigentlich »Schmelzle« – Familie, Freundin oder Freund? Nun, es klang nicht nach Latin Lover oder so was, eher nach Familie. Kristine hatte für die Australienreise zwar nicht extra Treue geschworen, aber das war einigermaßen klar. Ralf käme nicht mal auf die Idee, was mit einer anderen anzufangen.
Er nahm den Rucksack ab und drückte noch mal auf die Klingel. Vor dreißig Stunden noch zu Hause im Bett und jetzt: Australien. Ein ganzer Kontinent, voller Berge, Seen und Wasserfälle, mit Wüste, Dschungel und einer Menge Meer drum herum. Wie geschaffen für eine romantische Entdeckungsreise zu zweit, und genau dazu wollte er Kristine entführen.
In dem Viertel nördlich der City gab es wenig Verkehr, keine größeren Gebäude, nicht mal einen Supermarkt. Die Häuser waren alt und aneinander gestückelt, man konnte sich vorstellen, wie immer eins ans andere gebaut worden war, als die Metropole noch ein Städtchen war. Vom Holz der Dachbalken und Balkone blätterte weiße Farbe, aus den Gärten wucherte üppiges Grün, die Straßen hatten Blumenkinderflair.
Niemand öffnete. Vielleicht waren alle ans Meer gefahren oder in den Zoo. Ralf drückte ein letztes Mal die Klingel. Er war so auf die Tür konzentriert, dass er nicht merkte, wie von hinten jemand näher kam und fragte: »Willst du zu mir?«
Das Mädchen war etwa 20, klein, mit kurzen schwarzen Haaren. Die eine Spur zu groß geratene Nase ragte frech aus einem hübschen Gesicht. In der linken Hand hielt sie zwei Tüten Lebensmittel, in der rechten einen Schlüsselbund. Ralf schüttelte Hand samt Schlüssel.
»Hallo, ich bin Ralf – der Freund von Kristine. Und du?«
»Miriam. Freut mich, dich kennen zu lernen.«
Sie nahm den Schlüsselbund kurz in den Mund und sie schüttelten noch mal Hände. Dann sperrte sie auf, winkte Ralf herein und stellte die Tüten in der Küche ab.
»Kristine hat gar nicht erwähnt, dass du kommst.«
»Ja, tut mir Leid, ich wollte sie überraschen.«
»Oh – kein Problem. Das heißt, nicht für mich.« Sie sah ihn irgendwie seltsam an. »Eher für dich: Du kannst gerne ein paar Tage bleiben, aber Kristine ist schon wieder weg.«

2.
Außer einer Kontaktadresse waren für Sydney vier Pflichtstationen aufgelistet: das Aquarium, Harbour Bridge, Opernhaus, Paddington Market. Kristine steckte den Zettel mit Miriams Empfehlungen wieder ein. Sie reichten bis zu The Beach, so hieß eine Diskothek in Cairns, dem Touristenmekka am Barrier Reef. Aber dahin war es noch ein weiter Weg. Jetzt kam sie gerade erst nach Sydney, zwischen den Fassaden der Hochhäuser war immer wieder das Meer zu erkennen. Der Bus würde gleich halten, sie brauchte nur noch einen Briefkasten für ein paar Postkarten, die sie unterwegs geschrieben hatte, dann konnte sie sich nach einer Bleibe umsehen.
Die Karten an Eltern und Freundinnen waren erledigt, nur bei einer kam sie nicht recht vorwärts: der an ihren neuen Freund. »Lieber Ralf«, stand da – und ziemlich viel Leere darunter.
 
Der Kontakt-Typ auf der Liste hieß David Limb, Miriam und er waren ein Paar, als er noch in Melbourne lebte. Ganz aus war es wohl noch nicht, die zwei planten einen gemeinsamen Urlaub. Er hatte eine Wohnung im Stadtteil Bondi, nahe am Strand. Ein geradezu geniales Basislager, aber das war nicht der Grund, warum Kristine ihn kennen lernen wollte: Sie war wirklich gespannt darauf, was sich Miriam da geangelt hatte.
In Deutschland waren sie dicke Freundinnen gewesen – bis Miriam diese dumme Geschichte passierte. Da lag die Freundschaft vorübergehend auf Eis, außerdem war die Sache auch einer der Gründe gewesen, warum die Schmelzles letztlich nach Australien auswanderten. In Briefen von Kontinent zu Kontinent hatte sich die Freundschaft in den folgenden Jahren wieder gefestigt.
Als Kristine vor einer Woche in Australien ankam, wurde endlich Wiedersehen gefeiert. Miriam hatte sich verändert – so ein bisschen in Richtung alternativ, mit Holzperlenohrringen und zig Sorten duftender Tees. Mit dem Programm hatte sie sich wirklich Mühe gegeben, zum Beispiel die watschelnden Pinguine auf Philipp Island: Kristine wusste jetzt alles über Nahrungssuche, Paarung, Aufzucht der Jungen und Fressfeinde. Aber auf einer Yacht zum Hochseefischen oder Tauchen zu fahren, wäre auch nicht schlecht gewesen.
Der Bus hielt. Während die Ersten ausstiegen und den Werbern der Backpacker in die Hände fielen, frischte Kristine ihr Deo auf. Dann schlich sie an der Meute vorbei zu den Linienbussen. Der Rundgang durch die City konnte warten.
Sie erwischte gerade noch einen Bus der Linie L82, der »express« nach Bondi fuhr. Zwei- bis dreistöckige Häuserzeilen zogen vorbei, mit Leuchtreklamen von Schnellrestaurants wie »North Indian Food«, »Vegetarian« oder »Lebanese Kebab«. Ab und zu leuchtete das Meer tiefblau zwischen den Fassaden auf.
 
Die Haltestelle auf der Campbell Parade war direkt vor dem Bondi Beach Hotel. Kristine stieg aus und sah sich um. Der Strand war ein paar hundert Meter lang, Volleyballnetze, Surfer, alles sah wunderbar nach Urlaub aus.
Die Roscoe Street führte zu Davids Adresse. Kristine ging an einer Eisdiele, einem Tattoo Studio und einem Restaurant vorbei, bis sie vor einem weiß verputzten Mehrfamilienhaus stand. Ihre Haut war noch blass, bei den starken Sonnencremes Australiens war schnelle Bräune nicht drin. Was soll’s: Über ihr Aussehen hatte sich noch nie jemand beschwert.

3.
Unter der Dusche dachte Ralf nach: Miriam hatte erzählt, dass sie einen Freund – David – in Sydney hatte, und dass Kristine anrufen würde, sobald sie bei ihm angekommen war. Noch war also nichts verloren, alles konnte noch werden: zu zweit die Wüste durchqueren, die Tropen erkunden, das große Riff erforschen.
Beim Rasieren entdeckte Ralf Sonnenbrand auf der Nase. Er hoffte, Miriam würde nichts dagegen haben, wenn er sich einen Tropfen ihrer Gesichtscreme nahm. Als er die Creme ins Regal zurückstellte, fand er eine Menge Kondome, in allen Farben.
Miriam lag auf der Couch, wippte mit den Füßen und telefonierte. Obwohl er zurzeit gegen fremde weibliche Reize immun war, musste Ralf ihre Figur bewundern. Sie legte auf.
»Das war meine Freundin Carol. Ich dachte, wir könnten sie besuchen, aber sie hat keine Zeit. Gehen wir essen?«
Das war eigentlich keine schlechte Idee, nur musste Ralf sparen. Seine Eltern hatten den Flug spendiert und die Bank ein bisschen was vorgestreckt – nicht gerade viel.
»Fisch, chinesisch, vietnamesisch, thai oder italienisch, was du magst.« Miriam setzte sich auf und lächelte. »Ist dir noch schlecht vom Flug?«
»Nein, Hunger hab ich schon.«
»Ich mach mich schnell fertig«, sagte sie, »dann ziehen wir los und ich zeig dir die Gegend.«
Ralf nickte. Essen musste er was.
 
Miriam führte ihn durch die Straßen und Geschäfte von Fitzroy. Pubs, die gleichzeitig Restaurant und Café waren, ein Musikladen, in dem gebatikte T-Shirts verkauft wurden, eine Bäckerei, in der es »German Vollkornbrot« gab, ein esoterischer Buchladen. Zum Essen suchte sie Mario’s aus.
»Muss man unterstützen«, sagte sie, damit keine Bank daraus wird. Ich brauch hier keine Yuppies, die mit BMWs die Straßen zuparken.«
»Das ist also eine gute Tat?«, fragte Ralf, während er sich Spagetti hineinstopfte.
»Sozusagen. Willst du den Rest Salat?«
Ralf nickte. Sie hatte hübsche Holzkugelohrringe, die hin und her hüpften, als sie den Salat rüberschob.
»Sag mal, Ralf, was bist du eigentlich für ein Sternzeichen?«
Ralf hatte Karottenscheibchen und eine Reihe Grünes aufgespießt und mit einem Radieschen fixiert. Bevor er die Ladung von nahezu Schaschlikgröße in den Mund schob, sagte er: »Ich glaub nicht an so was.«
An so’n Quatsch, wäre ihm beinahe rausgerutscht. Ihr Blick sagte: Das war nicht die richtige Antwort.
»Ich meine, vielleicht ist da schon was dran, ich dachte nur … wozu willst du das wissen?«
»Nur so, interessiert mich eben. Also – Wassermann?«
Was sollte er da antworten? Waage galt als armselig: temperament-, saft- und kraftlos, einfach langweilig. Die Eigenschaften der übrigen Sternzeichen kannte Ralf zwar nicht genau, aber besser als Waage waren sie allemal.
»Stier.«
»Gut. In welchem Jahr bist du geboren?«
»1985. Warum?«
»Für das chinesische Tierkreiszeichen. Wenn man beide mischt, verbessert sich die Ergebnisgenauigkeit.«
»Hm, ich weiß nicht, bist du sicher?«
»Sicher nicht, aber wär doch logisch.« Sie begann, ihre Papierserviette zu knödeln. »Wenn du nicht an Horoskope glaubst, woran dann?«
»An Schicksal, Vorherbestimmung.«
Über Schicksal hatte Ralf in den letzten Tagen viel nachdenken müssen. Die Welt verhielt sich nach Naturgesetzen, das war klar, also wurde auch der Mensch von chemischen Prozessen im Körper gesteuert: Er dachte, handelte und fühlte gesetzmäßig, eine Art Maschine, wenn auch sehr kompliziert. Genetisches Erbe und Lebensumstände ergaben für jeden ein einzigartiges Schicksal, das streng nach diesen Gesetzmäßigkeiten ablief. Die Menschen hatten zwar einen eigenen Willen, nur war der eben ein Produkt der Physik und eingezwängt in die millionenfachen Willenskräfte der Umwelt, die sich natürlich auch nach der Physik richten mussten. Das so genannte Schicksal ließ sich nicht genau voraussagen, aber wenn man die Signale in sich selbst und die Zeichen der Umwelt richtig zu deuten verstand, wusste man, in welche Richtung das Leben lief. In seinem Fall Süd-Ost, Australien. Nur: Das war schwer zu erklären.
Aus der Serviette war eine kleine weiße Kugel geworden. Miriam zuckte mit den Schultern. »Vorherbestimmung hast du auch in der Astrologie: Die Geburt bestimmt über deine Wesensmerkmale, die Konstellation der Sterne über das, was dir im Leben zustößt – das ist Bestimmung.«
Schön, da hatte sie Recht. Nur dürften sich die Sterne wohl kaum so stark für die Menschen interessieren wie andersrum. Und wenn die Bestimmung unabsichtlich läuft, also niemand dahinter steckt und mit guten oder dunklen Absichten die Fäden zieht, dann bedeutet ganz einfach eine bestimmte Planetenkonstellation Glück und eine andere Pech, wie eine chemische Reaktion. Oder wie tief fliegende Schwalben ein Gewitter ankündigen. Bei dieser Astrosache gewittert es aber nur über den Schwalben, die an einem bestimmten Tag geschlüpft sind. Woher weiß das Wetter, wer wann geboren wurde, und wie gelingt es ihm, dass es nur auf bestimmte Leute regnet? Das war naturwissenschaftlich nicht gerade logisch.
Miriam kicherte. »Was du für ein Gesicht machst! Soll ich’s zurücknehmen? Astrologie ist für Doofe, Glaube an Schicksal für Gescheite – gut?«
Für Ralf kam das ziemlich genau hin, aber er behielt es besser für sich. Stattdessen sagte er: »Ein bisschen merkwürdig ist es schon, dass ausgerechnet der Geburtstag über dein Leben bestimmen soll. Warum nicht der Tag der Zeugung?«
»Wer kennt denn schon sein genaues Datum?« Sie seufzte. »Außerdem sind Horoskope ja nicht streng wissenschaftlich.«
»Warum glaubst du dann dran?«
»Du kannst fragen. Warum glaubst du an Schicksal?«
»Na ja – alle Menschen sind einmalig. Jeder hat ein persönliches Schicksal und wieso sollte sich das in irgendwelche zwölf Kategorien einordnen lassen? Außerdem, was unser Leben beeinflusst, ist bestimmt nicht tausende Lichtjahre entfernt, sondern hier um uns rum.«
»Klingt gut, nur wie finde ich das?«
»In Zeichen. Man muss danach suchen.«
Ralf stopfte sich das letzte Salatblatt in den Mund. Dass er Kristine kennen gelernt hatte, war zum Beispiel ein Zeichen. Dass sie sich in Melbourne verpasst hatten, bedeutete vermutlich auch was.
»Der leere Teller ist ein Zeichen für vollen Bauch?« Sie schnippste die Papierkugel nach ihm.
Hahaha. Es blieb dabei: Schicksal war einleuchtend, Astrologie Hokuspokus.
Ein Mädchen mit halblangen, rot gefärbten Zotteln und einem Ring durch die linke Augenbraue setzte sich zu ihnen an den Tisch, sagte »Hi« und fing an, etwas mit Miriam zu besprechen. Miriam unterbrach nur einmal kurz, um Ralf – »from Germany« – und Liz – »eine Freundin« – vorzustellen, dann quasselten sie eine Ewigkeit. Ralf kam sich ein bisschen dämlich vor, denn er verstand so gut wie nichts. Als sie aufstand, sah Liz ihn an, fragte Miriam was über einen »cutie«, worauf die rot wurde und den Kopf schüttelte.
Liz sagte »not yet«, beide kicherten. Was hatte das zu bedeuten? Ralf nahm sich vor, Kristine zu fragen, was ein »cutie« ist. Er vermisste sie. Hätte sie bloß ihr Handy mitgenommen.

4.
Kristine war dreimal zu Davids Apartment gelaufen – er war nie zu Hause. In der Zwischenzeit hatte sie am Strand Volleyball gespielt, mit international besetzten Teams: Auf dem Feld standen drei Jungs aus Italien, Helge aus Wiesbaden und eine Neuseeländerin. Die Italiener wollten unbedingt in einer Mannschaft spielen. Sie sprangen akrobatisch im Sand herum, begleiteten ihre Schläge mit wilden Flüchen und donnerten die Aufschläge weit ins Aus, sodass jedes Mal jemand zum Wasser laufen musste, um den Ball zu holen.
Der Deutsche war schlimmer. Ständig erklärte er Pam, der Neuseeländerin, was sie falsch gemacht hatte und wie sie stattdessen hätte spielen sollen, obwohl er es nicht halb so gut konnte.
Nach dem Baden seilte sich Kristine ab zum Bondi Hotel, einem alten Gebäude aus rotem Stein, direkt an der Campbell Parade. Keine dreißig Meter vom Strand entfernt, mit Kneipe im Erdgeschoss und einer Eisdiele mit Terrasse, von der laute Musik drang. Im Inneren erspähte sie Billardtische. Es waren noch Zimmer frei, sogar mit Meerblick. Mit Aussicht auf den Ozean aufzuwachen, wäre nicht schlecht. Sparen konnte sie morgen mit einer Übernachtung bei David.
Kristines Zimmer lag im zweiten Stock. Der Einrichtung sah man an, dass sie schon älter war, aber alles machte einen sauberen Eindruck. Sie inspizierte das Bad, nahm eine Dusche und brachte sich in Form: etwas Haargel, ein dünner Strich Kajal. Ihrer Bräune hatte der Nachmittag am Strand gut getan. Nachdem sie sich in die Jeans gezwängt hatte, warf sie einen abschließenden Blick in den Badezimmerspiegel: perfekt. Wie Ralf gerade gelernt hatte, bestellen Einheimische in Melbourne Victoria Bitter. Nach dem dritten VB wurde glasklar, warum er Kristine verpasst hatte: Die Liebe war wie ein Film, Irrungen und Wirrungen mussten mit dabei sein. Titel wäre wahrscheinlich: »Das Schicksal von Ralf, dem tapferen Weltreisenden in Sachen Liebe«, oder so ähnlich. Der Drehbuchautor hatte ein paar Schwierigkeiten eingebaut, aber die würde der Hauptdarsteller hoffentlich meistern, und das Happyend war absehbar.
Daran gab es auch Zweifel. Zu Hause hatte Ralf wann immer möglich das Telefon bewacht – nichts, auch keine Nachricht auf dem Anrufbeantworter. Wahrscheinlich hatte sie geschrieben. Gut, in ein paar Tagen würde er Kristine sowieso wiedersehen. Ralf stellte sich ihre Überraschung vor.
»He, hörst du mir überhaupt zu?«, fragte Miriam.
»Hm? Klar, natürlich. Liz hat dir erzählt, dass Carol einen neuen Freund hat.«
»Genau. Liz weiß aber nicht, wer es ist – Carol macht ein großes Geheimnis daraus.«
»Warum?«
»Das weiß Liz auch nicht. Vielleicht hat Carol Angst, dass er gleich wieder Schluss macht. Sie muss ziemlich verschossen in ihn sein, sagt Liz.«
»Und dir hat Carol nichts erzählt?«
»Eben nicht! Obwohl sie meine beste Freundin ist. Und wer wusste es zuerst? Liz! Mit dieser Kuh spreche ich kein Wort mehr.«
»Mit Liz?«
»Nein, mit Carol, Dummie.« Sie lächelte.
»Dummie« war ganz schön unverschämt. Aber so, wie sie es gesagt hatte, mochte er es fast: Leute, die sie nicht mag, würde sie nicht Dummie nennen.
Als ob sie ahnte, was ihm durch den Kopf ging, fragte sie: »Wie nennen dich eigentlich deine Freunde, Ralf?«
»Na, Ralf. Früher haben sie Ralfi gesagt.«
»Ralfi!« Sie kicherte. »Wann früher?«
»Bis vor ein paar Jahren«, log er. Die meisten hatten ihn noch letztes Jahr so genannt, einige taten es heute noch. Auch seiner Mutter war »Ralfi« nicht abzugewöhnen.
»Also, Ralfi«, sagte Miriam und grinste, »wo willst du heute noch hin?«
 
In einem Café, dessen Plastik-und-Schaumstoff-Einrichtung Ralf an alte Folgen von Raumschiff Enterprise erinnerte, nahm er ein weiteres VB.
Miriam erklärte, was das Schild »Fully licensed« zu bedeuten hat: »In Australien wird Alkoholisches nur mit spezieller Lizenz verkauft. In Restaurants ohne Lizenz steht oft »Bring your own« geschrieben, dann kannst du Bier oder Wein mitbringen.«
»Ich geh ins Restaurant und bring mein eigenes Bier mit?«
»Sogar im Sixpack.«
»Und wo krieg ich’s her?«
»Na, von hier zum Beispiel. Wir können eine Flasche Wein auf die Rechnung setzen lassen.«
Ralf fand das eine gute Idee und bestand darauf, zu bezahlen.
»Zum Wein fehlt noch ein Pandankuchen.«
»Ein was?«
»Das ist ein grüner Rührkuchen. Die Farbe kommt von Pandanblättern, was Asiatisches, frag nicht, was. Schmeckt klasse, vor allem mit Rotwein.«
003
Der Abend verlief ziemlich lahm, und Kristine wollte schon zurück auf ihr Zimmer, als ein Mann sie ansprach. Er hieß Paul, war Mitte dreißig und trug einen Schnauzer. Er und sein Freund, sagte er, hätten den Eindruck, dass sie sich langweile. Ob sie nicht Lust habe, zu ihnen an die Bar rüberzukommen?
Am Tresen wartete Robert, ein bisschen jünger als Paul, dunkle Haare, hellblaue Augen, sportliche Figur. Er redete weder so laut noch so viel wie sein Freund, sagte dafür häufig etwas mit einem Blick oder einem Lächeln, was ihn Kristine sympathisch machte. Dazwischen bestellte er immer wieder »noch einen« von etwas Durchsichtigem auf Eis.
Kristines Englisch wurde gelobt, die beiden sparten nicht mit Komplimenten: Eine so schöne junge Frau wie sie, die weite Reise allein, sei das nicht ein bisschen gefährlich? Ob es zu zweit nicht besser wäre?
»Nein.« Das wäre ja doch wieder auf eins hinausgelaufen: Beziehungskiste. Pärchenurlaub hatte sie mal mit einem früheren Freund gehabt, es war ein ständiges Absprechen und Rücksichtnehmen: Willst du da- oder dorthin, bleiben oder weiterfahren, Camping oder Pension, tanzen oder wandern? Kaum Freiräume, andauernd Kompromisse.
Robert lachte. Er warf ihr spöttische Blicke zu, während Paul irgendeine blöde Geschichte über europäische Touristinnen erzählte. Offenbar glaubten die beiden nicht an ihr Nein, aber zumindest Paul konnte sich jegliche Mühe sparen. Den nächsten Blick von Robert dagegen fing sie auf, sie war ja kein Rührmichnichtan. Ein Flirt war schon okay, und wenn sich dabei herausstellen sollte, dass man sich sympathisch ist, dann war im Urlaub eine kurze Affäre zumindest nicht unmöglich: keine Besitzansprüche, keine Eifersucht, niemand verletzt. Sie lächelte Robert an – auch wenn sie nicht verstand, was er gesagt hatte – und ignorierte seinen Freund so gut es ging. Paul brauchte eine Weile, bis er merkte, dass ihm keiner zuhörte, und sich verabschiedete.
Nachdem sie sich fast eine Stunde über nichts unterhalten hatten, zahlte Robert Kristines Cocktail und eine lange Liste Schweralkoholisches und sagte, er gehe jetzt schlafen, weil er morgen früh rausmüsse.
Kristine sah auf die Uhr. »Mein Gott, schon eins.«
Er bot an, sie zur Zimmertür zu begleiten. Im Lift fragte sich Kristine gerade, was dort wohl passieren würde, als etwas Seltsames geschah: Beim Aussteigen rammte die Holztür des Fahrstuhls Roberts Ferse – und er schien es überhaupt nicht zu bemerken …
»Kann ich noch mit reinkommen?«, fragte er.
Eigentlich hatte sie vorgehabt, ihm einen Kuss auf die Wange zu geben und Gute Nacht zu sagen. Aber jetzt wäre ihr das vorgekommen, wie vor dem Ende aus dem Kino zu gehen.
»Okay, fünf Minuten.«
Sie sperrte auf, er lächelte, und mit einem Mal wurde ihr klar, dass sie einen Fehler gemacht hatte.
004
Die Farbe des Kuchens erinnerte Ralf an Pfefferminz. Sie hatten ihn auf dem Rückweg gekauft, mit einer Flasche Cabernet Sauvignon. Jetzt saßen sie im Wohnzimmer, Miriam entkorkte die Flasche, schenkte ein und tauchte den Pfefferminzkuchen tief ins Glas, worauf er seine Farbe in ein fremdartig braunfleckiges Violett änderte. Sie zog das Stück wieder heraus und biss davon ab, ohne dass ein Tropfen auf dem Tisch landete. Ralf schüttelte es.
Sie grinste. »Das Wundermittel gegen einen Jetlag. Probier mal.«
Überraschenderweise schmeckte der Kuchen kein bisschen nach Pfefferminz, sondern pappsüß, was für Mädchen. Um nicht unhöflich zu sein, aß er sein Stück auf, und dann noch eins, und schließlich ein letztes, weil aller guten Dinge drei sind.
Auf dem Heimweg hatte Miriam begonnen, von ihrer ältesten Freundin in Australien zu erzählen. Carol war auf der Uni ihre Tutorin: groß, schüchtern und, was ihr nicht bewusst zu sein schien, sehr schön. Beinahe sofort waren sie Freundinnen geworden, trotz des Altersunterschieds, und sie hatten sich bis vor zwei Wochen immer alles erzählt, einfach alles.
»Ich hätte es ja wissen müssen: Carol ist Fisch.«
»Äh – und?«
»Ralfi – Fische sind glubschäugig, phlegmatisch und nicht zu dauerhaften Bindungen fähig. Sie schwimmen zickzack, auch bei ihren Freundschaften.«
Schon wieder Astroanalyse. Weil die arme Carol einmal was nicht gleich erzählt hatte, wurde sie jetzt ein Leben lang unter »hoffnungslose Sternzeichen« abgelegt. Ralf nahm sich vor, vorsichtig zu sein.
»Kannst du dir das vorstellen: Als ich mit David zusammen war...«
»David?«
»Der jetzt in Sydney wohnt, mit dem ich in den Urlaub fahre.«
»Du bist nicht mehr mit ihm zusammen, willst aber mit ihm in den Urlaub fahren?«
»Warum nicht? So verlieren wir uns nicht total aus den Augen. Wir schreiben uns noch und telefonieren ab und zu. Allerdings...«, sie runzelte die Stirn, »...in letzter Zeit nicht mehr häufig. Aber er hat mir unseren Urlaub fest versprochen.«
Ralf zuckte mit den Schultern.
»Also: Als ich mit ihm zusammen war, hab ich Carol immer alles erzählt. Und sie hat mir Ratschläge gegeben. Eigentlich fand sie ihn zu alt für mich.«
»Wie alt ist er denn?«
»Er ist dieses Jahr vierzig geworden.«
»Vierzig?«
»Mein Gott, er sieht jünger aus. Also: Carol hat gesagt: ›Mädel, der will dich ausnutzen.‹«
Carol schien Ralf recht vernünftig zu sein. Vierzig war uralt.
»Schau nicht so. David hat weder Rheumadecken noch trinkt er aus Schnabeltassen.«
Ralf war nicht überzeugt. »Und – hat er dich ausgenutzt?«
Miriam sah ihn an, als ob sie sich verhört hätte, dann brach sie in Gelächter aus. »Wenn du damit meinst, ob wir in den drei Monaten nicht nur Händchen gehalten haben – ja. Ich wollte es, Dummie.«
»Würdest du es im Urlaub wieder wollen?«
Sie kicherte. »Ich glaube schon.«
»Ist eure Beziehung jetzt beendet oder nicht?«
»Na ja, es ist zwar offiziell Schluss, aber nicht endgültig.« Sie betrachtete ihn und fragte: »Sag mal, bist du katholisch erzogen oder so was?«
 
Bevor er sich auf das Sofa schlafen legte, zog Ralf aus dem Rucksack, eingebettet zwischen Jeans und Handtuch, fünf Kilo Stahl und Glas hervor, die beim Gepäckdurchleuchten vor dem Abflug für Ärger gesorgt hatten. Lang und breit musste er erklären, was das war und warum er es mitgenommen hatte: keine Rohrbombe, ein Teleskop – Kristines Mini-Sternwarte. Schwer und empfindlich, nicht ideal für eine Reise um die halbe Welt. Sie hatte es zu Hause gelassen, wie das Handy. Romantisch, wie Kristine war, hatte sie den Blick auf die Sterne sicher schon vermisst.
Er strich über die kühle, glatte Oberfläche und fühlte das reibungslos drehende Objektiv. Katholisch erzogen! Miriam und ihre Larifari-Beziehungen. Kristine war anders. Sie liebte den Sternenhimmel und – hatte selbst was von einem Stern.
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Roberts Blick ging über Kristine hinweg. Er schien etwas sagen zu wollen, konnte aber nicht. Ihr war sofort klar, was passieren würde, und in dem Augenblick geschah es auch: Er drehte sich weg und würgte, bis bunter Mageninhalt – Meeresfrüchte waren zu erkennen – an den Türstock klatschte und hinunter auf den Boden fiel. Er sank in die Knie und übergab sich noch mal, diesmal auf den Fußabstreifer. Dann sagte er kläglich: »Sorry.«
Mechanisch holte Kristine ein Handtuch aus dem Bad, hielt es ihm ins Gesicht und presste seine rechte Hand dagegen. Dann packte sie ihn und stellte ihn auf die Füße. Er zitterte, hielt sich aber auf den Beinen.
»Weißt du, wo dein Zimmer ist?«
Er nickte schwach. Kristine war nicht sicher, ob er es wirklich wusste – egal. Sie schob ihn Richtung Lift und schloss die Tür.
Ihr Zimmer war durchdrungen vom Geruch des Erbrochenen, es war einfach eklig. Sie wusch sich die Hände und öffnete das Fenster.
Nach ein paar Minuten sah sie draußen nach. Robert war weg, das Handtuch fand sie vor dem Lift. Gut – damit ließ sich der Türstock abwischen. Den Fußabstreifer wusch sie in der Dusche, bevor sie ihn zum Trocknen wieder vor die Tür legte.

5.
Am Morgen, auf dem Weg ins Bad, fand Ralf Miriam in der Küche, sie begrüßte ihn mit: »Na, gut geschlafen?«
»Oh ja. Dein Jetlag-Gegenmittel hat Wunder gewirkt.«
»Sag ich doch. Magst du Tee?«
Als er sich nach der Dusche zu ihr in die Küche setzte und Karamelltee schlürfte, fragte Miriam: »Willst du heute nach St. Kilda, an den Strand?«
»Ich weiß nicht – meinst du, Kristine ruft inzwischen an?«
»Vielleicht heute Abend.«
Ralf nickte. »Na gut – warum nicht?«
»Nimm eine Mütze mit, wegen der Sonne.«
»Ich hab keine Mütze.«
Mit Mütze sah er aus wie sechzehn.
»Du kannst eine von mir haben. Oder dir eine kaufen.«
»Zeig mal deine...« Der Wein hatte ein tiefes Loch in seine Kasse gerissen.
Miriam kramte in ihrem Schlafzimmer und kam mit einer Baseball-Mütze an, auf die ein Schnabeltier mit Patschpfötchen und treuherzigem Blick gedruckt war. Oh Mann – nur gut, dass ihn in Melbourne niemand kannte.
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Kristine klingelte minutenlang, immer und immer wieder, kein David machte auf. Nur ein Fenster öffnete sich und der Kopf einer Frau erschien. Sie sagte, Dr. Limb sei nicht zu Hause, zwecklos, es so oft zu probieren. Wahrscheinlich sei er bei seiner Freundin in Melbourne. Kristine bedankte sich höflich, hätte aber am liebsten geflucht. In Melbourne, bei Miriam? Großartig! Sie ging zurück zur Strandpromenade und sah sich nach einem Telefon um.
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Sie fuhren mit der Straßenbahn – wieder zwei Dollar futsch – nach St. Kilda, wo Ralf sofort zum Meer wollte. Er hatte eine Badehose mitgenommen, Miriam nicht.
»Zum Schwimmen ist es zu kalt, wir haben erst Frühling.«
»Zu kalt? So heiß, wie es hier die ganze Zeit ist?«
Tatsächlich war am Strand kaum jemand zu sehen, und niemand ging schwimmen, wie Miriam gesagt hatte. Das Leben spielte sich auf der Promenade ab und auf der Straße dahinter. Sie war voller Geschäfte, teils in alten viktorianischen Prachtbauten, teils in daneben gestellten Holzbuden. Zuckerbäckereien, Feinkostläden, Cafés, Läden für alternativen Schmuck, für Lederwaren, Kleidung und dänische Eiscreme. In den Seitenstraßen waren Nachtclubs und eine Diskothek versteckt.
In der Aclandstreet drang unwiderstehlicher Duft in Ralfs Nase: Fish and Chips. In einem Laden mit hellblauen Kacheln und glitschig glotzendem Fisch auf Eis suchte er sich ein beinahe meterlanges Exemplar aus. Die dickliche, rotgesichtige Frau nahm ein Messer – fast ein Schwert – und hatte den Riesenfisch in Sekunden filetiert, paniert und eine Hälfte in die Friteuse gesteckt. Der überdimensionalen Packung gab sie reichlich Pommes frites bei und wollte für das ganze Paket nur fünf Dollar. Stolz auf das gute Geschäft, verließ Ralf den Laden, das Fresspaket fest in den Händen.
Am Strand setzten sie sich auf eine Bank und beobachteten Fußgänger auf der Promenade, die laufend von Skatern, Joggern und Fahrradfahrern überholt wurden.
Als Ralf den Fisch auspackte, schüttelte Miriam den Kopf. »Wie willst du diese Riesenportion essen? Das schaffen wir nicht mal zu zweit.«
Miriam hatte ja keine Ahnung – Ralf legte los, jaulte nur ein paar Mal auf, als er den heißen Fisch zu lange in der Hand hielt, um dann sofort wieder zuzugreifen.
Miriam lachte. »Du isst, als ob es ein Zeitlimit gäbe.«
Ralf machte Pause und hielt ihr die Tüte hin.
Miriam nahm ein Eckchen Fisch und zwei Pommes. »Sag mal, warum wirst du eigentlich nicht dick? Ich muss vor jedem Stück Kuchen mein Gewissen befragen und du stopfst alles in dich rein wie Wäsche in die Waschmaschine.«
 
Nachdem sie von der Bank an den Strand umgezogen waren, wollte Ralf wissen, warum es keine Wellenreiter gebe. Miriam sah ihn an und grinste.
»Siehst du hier irgendwo Wellen, Dummie?«
Wenn er genau hinsah, gab es tatsächlich keine Wellen. Gemächlich umspülte das Wasser den Strand, allenfalls Barbiepuppen hätten darauf surfen können.
»Wo sind die Wellen?«
»Die Port Phillip Bucht hat eine sehr schmale Passage zum Ozean. Wellen gibt’s nur bei Sturm.«
Schön, aber jetzt wollte Ralf ins Wasser, denn kalt sah das beim besten Willen nicht aus und hier schien sowieso pausenlos die Sonne. Er zog die Badehose an und ging ein paar Meter rein. Hm, es war doch recht frisch. Aber umkehren war nicht drin. Ralf ging weiter, die Barbiewellen erreichten seine Oberschenkel, es war saukalt. Während er ausharrte und versuchte, sich langsam an die Temperatur zu gewöhnen, hörte er von hinten ein Plätschern.
Miriam schwamm an ihm vorbei und fragte: »Was ist jetzt? Komm schon.«
War sie nackt? Ralf hatte es nicht genau erkannt, aber viel hatte sie nicht an. Er gab sich einen Ruck, schwamm hinterher und fragte sich, was Kristine wohl dazu sagen würde.
Nach ein paar Metern kam Miriam mit merkwürdigem Gesicht angeschwommen. Sie streckte den Arm nach ihm aus, lächelte irgendwie komisch und legte ihre Hand auf seine Schulter. Was war denn jetzt – würde sie ihn umarmen und küssen?
Sie umarmte ihn nicht, sondern stützte sich auf und – he – drückte ihn unter Wasser. Das Letzte, was Ralf sah, bevor er unterging, waren ein Paar bildschöne Brüste – nur zehn, fünfzehn Zentimeter entfernt. Er hatte gerade noch nach Luft geschnappt.
Das Meer rauschte und brodelte – oder war das in seinem Kopf? Ralf fühlte sich mega-dämlich: Er hatte sich von dieser Schlange tauchen lassen. Nie war einem Mädchen im Freibad das gelungen, nie, und nur wenigen Jungs. Wieder an der Oberfläche, sah er sich um: Miriam schwamm kichernd fünf Meter weiter draußen.
Als Ralf die Verfolgung aufnahm, warnte sie: »Bleib lieber weg. Ich muss mal.«
Wirklich? Oder war das ein Trick?
Sie hörte auf zu kichern und verscheuchte ihn mit einer Handbewegung. »Schwimm schon mal zurück. Ich komme gleich.«
Grimmig machte er sich auf den Weg, aber sein Ärger legte sich schnell. Wenn sie rauskam, würde er zumindest sehen, ob sie ganz nackt war – obenrum war ohnehin schon klar.
Ein Blick auf Miriams Sachen sagte ihm, dass sie tatsächlich nackt sein musste, denn da lag ihre Unterwäsche. In dem Moment kam sie aus dem Wasser. Ralf hatte sich vorgenommen, cool vorbeizusehen. Aber ihr Busen wippte, als sie mit schnellen Schritten angelaufen kam, und weiter unten irritierte ihn ein schmaler Strich schwarzes Haar. Wegschauen war ziemlich schwierig.
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Kristines Versuch, sich bei Miriam zu beschweren, war am Anrufbeantworter gescheitert. Um das Beachvolleyballnetz machte sie diesmal einen Bogen und nahm den Bus in die City: Harbour Bridge, Oper und diesen Markt wollte sie noch sehen, aber dann war es Zeit, sich zu verabschieden von der Stadt der schwachen Volleyballspieler, der ewig abwesenden Kontaktpersonen und der kotzenden Hotelgäste.
Nach einmal Paddington Market rauf und runter stand fest: mehr als die paar Buden und fahrenden Händler gab es hier nicht. Miriams Zettel empfahl »Klamotten kaufen«, aber Kristine hatte nur alternativen Kram entdeckt wie eine mit Patchwork bestickte Latzhose, die Flicken im Höhlenmalerei-Look der Aborigenes. Immerhin stand am Ende der Gasse ein Anhänger, dessen Ware nach Kleidung aussah.
Kristine hatte gerade ein paar Blusen angesehen, als sie hinter sich eine Stimme hörte: »Hast du das auberginefarbene Kleid gesehen, Kristine?«
Es war Helge, dieser Volleyballtyp vom Bondi Beach. Sie hatte zwar keine Lust, sich Modetipps geben zu lassen, aber er hatte Recht: Das Kleid sah verdammt gut aus.
»Probier’s doch mal an.«
Kristine bedankte sich und verschwand mit dem knappen Traum-in-Aubergine in der Umkleide, deren Flügeltür man als Sichtschutz vergessen konnte, ebenso gut hätte sie sich vor der Tür ausziehen können. Helge beobachtete sie aus den Augenwinkeln. Nun, sie dachte nicht daran, sich besonders zu verrenken – wenn er unbedingt was sehen wollte, bitte sehr.
Das Kleid passte, als ob es der Designer auf die Haut gemalt hätte. Als Kristine mit Schwung die Flügeltür aufstieß, sah Helge sie an wie bei einem Heiratsantrag.
»Darf ich’s dir schenken?«
009
Am Ende des Piers konnte man Boote mieten oder mit der Fähre nach Williamstown fahren.
»Da gibt es Pinguine«, erklärte Miriam.
Ralf brachte diese Tiergattung eher mit Eisschollen als mit Sandstränden in Verbindung. So wie ihre Augen leuchteten, mochte Miriam Pinguine.
»Pinguine sind meine Lieblingstiere«, erklärte sie auch gleich, »nach Platypussen.«
»Platypusse?«
»Auf Deutsch heißen sie Schnabeltiere. Der Schnabel ist ein bisschen nach oben gebogen, es sieht so aus, als ob sie dich angrinsen. Sie waren Maskottchen bei den Olympischen Spielen.«
Ja, richtig, auch auf der Kappe, die Ralf trug, war so ein Vieh.
»Und beim Tauchen paddeln sie mit den Pfoten. Supersüß.«
Supersüß. Ralf sagte nichts.
»Wir können aber auch zurückfahren«, schlug sie vor. »Wenn wir gleich eine Straßenbahn erwischen, gelten unsere Karten noch.«
 
Sie hatten Glück: Der Schaffner der Linie 8 ließ die Karten gelten.
Während sich der Waggon in Bewegung setzte, wollte Ralf wissen: »Erzähl mal, was dich nach Australien verschlagen hat.«
»Meine Eltern. Mein Vater hat lange versucht, es vor mir geheim zu halten, aber er ist vor dem Finanzamt geflohen.«
»Geflohen?«
»Ja. Er hatte eine halbe Million Steuerschulden. Da hat er in Deutschland alles verkauft, meine Mutter und mich ins Flugzeug gesetzt und wir haben in Melbourne neu angefangen.«
»Und was war mit dir? Der Schule und deinen Freunden?«
»Ich bin nicht gefragt worden. Meine Eltern haben mich hier auf eine gute Schule geschickt und alles bezahlt.«
»Ich dachte, sie hätten Schulden?«
»Ha! Meine Eltern stinken vor Geld. Mein Vater zahlt nur nicht gern Steuern.«
»Und warum ausgerechnet Australien? Waren deine Eltern mal da?«
»Nein, nie. Sie haben nur eine Fernsehsendung zu den Olympischen Spielen gesehen, die hat ihnen gefallen. Und dann gab es da noch einen Grund, glaube ich, der hatte mit mir zu tun.«
Miriam runzelte die Stirn. Ein Schatten schien auf ihr Gesicht zu fallen.
»Welchen anderen Grund?«
Sie zögerte.
»Vielleicht sind sie nach Australien ausgewandert, weil es so ziemlich der am weitesten von Deutschland entfernte Fleck auf Erden ist.«
»Und was hat das mit dir zu tun?«
Sie sah ihn an. »Eigentlich nichts.«
Ralf wusste, da war noch was, sie schien aber nicht darüber reden zu wollen.
»Was war mit deinen Freunden in Deutschland?«
»Kristine ist die Einzige, mit der ich noch Kontakt habe. Anfangs hatte ich hier Schwierigkeiten, neue Freunde zu finden. Bis ich Carol kennen gelernt habe – da hatte ich bald wieder einen größeren Freundeskreis.«
»Und David?«
»David war mein Dozent. Carol hat gesagt, ich soll ja nichts mit ihm anfangen, er würde sich andauernd an Studentinnen ranmachen und so weiter. Hat er aber nicht, glaub ich zumindest.«
»Woran ist eure Beziehung dann gescheitert?«
»An einem besseren Stellenangebot aus Sydney. Wir haben darüber gesprochen, und ich hab gesagt, nimm es an.«
»Vermisst du ihn?«
»Ja, ein bisschen.«
»Warum habt ihr dann Schluss gemacht? Liebe hängt doch nicht von Entfernung ab.«
»Ach, weißt du – eine gewisse Rolle spielt es schon, wenn dein Freund tausend Kilometer weit weg wohnt. Und er ist nicht die Liebe meines Lebens oder so.«
Ralf nickte, war aber nicht überzeugt. Wahre Liebe überwand jede Distanz, war ja logisch, sonst säße er nicht in einer australischen Straßenbahn.
 
Zu Hause hörte Miriam den Anrufbeantworter ab, es war nur eine Nachricht darauf. Als er die Stimme hörte, ließ Ralf beinahe sein Glas Orangensaft fallen.
»Hallo Miriam, ich bin’s. Hör mal, von diesem David ist nie was zu sehen, er ist doch nicht etwa bei dir? Eine Nachbarin hat so was vermutet. Na, egal, ich fahre jetzt weiter. Habt mal einen schönen Urlaub, in fünf Wochen bin ich wieder in Melbourne, dann sehen wir uns vielleicht noch mal. Ich ruf vorher an und sag dir genau, wann ich wieder da bin. Mach’s gut.«
Aus.
Sie war weg, verschwunden ins Irgendwo eines ganzen Kontinents. Suchen war sinnlos, sie wusste nicht einmal, dass er hier war. Ralf hatte Australien bis jetzt als Herausforderung an das Schicksal betrachtet – seiner Bestimmung folgen oder so. Da hatte er die Antwort. Dreißig Sekunden auf einem Anrufbeantworter hatten aus seinem Leben eine Müllkippe gemacht.
»Ich hätte gleich nach Sydney fahren müssen.«
»Das hätte keinen Sinn gehabt. Tut mir Leid, mir ist absolut schleierhaft, warum David weder zu Hause ist noch zurückruft, wenn man auf den Anrufbeantworter spricht.«
»Jetzt ist alles schlimmer. Wir hätten nicht zum Baden fahren dürfen.«
»Willst du tagelang das Telefon bewachen? Das ist doch Quatsch. Niemand hat Schuld, da ist eben was schief gelaufen bei David, so was passiert. Sieh es einfach als Pech!«
»Und was soll ich jetzt machen?«
»Schau dir Australien an, genieß deinen Urlaub, denk nicht an sie, in fünf Wochen seht ihr euch wieder.«
Urlaub genießen – leicht gesagt. Weil er ihnen die Ohren voll geheult hatte vom Schicksal des frisch verliebt Getrennten, hatten seine Eltern den Flug bezahlt. Schulden musste er sowieso machen und ohnehin hätte er zu Hause einiges zu erledigen gehabt. Er konnte jetzt nicht so einfach Urlaub machen. Er war nur wegen der Idee um die halbe Welt geflogen, mit Kristine etwas zu erleben, mit ihr, nicht allein.
»Sie scheint es ja auch ein paar Wochen ohne dich auszuhalten – also mach das Beste draus.«
»Was soll denn das heißen?«
»Nichts.«
»Wie nichts?«
Miriam sah aus dem Fenster. »Ich weiß nicht, vielleicht irre ich mich auch.«
»Mit was denn? Jetzt sag schon.«
»Na ja, um die Wahrheit zu sagen, was sie so von dir erzählt hat, das... das klang nicht unbedingt nach Heiraten, okay?«
»Muss man ja nicht. Aber sie liebt mich.«
»Und wieso fliegt sie dann ohne dich nach Australien?«
»Den Flug hatte sie gebucht, bevor wir uns kennen gelernt haben.«
»Na gut, musst du wissen.«
»Kristine ist – ich kann’s gar nicht beschreiben -, für mich ist sie ein Wunder, keine Frau kommt da nur annähernd hin. Ohne sie hat sich der Zweck der Reise erübrigt.«
»Jetzt komm mal wieder runter. Sie bringt es doch auch fertig, sich ohne dich zu amüsieren.«
»Du meinst: nicht allein?«
»Na ja, immerhin bist du verdammt weit weg. Glaubt sie zumindest.«
»Nein, kannst du vergessen, so was gibt’s bei uns nicht.«
»Nicht mal in Gedanken?«
»Nicht mal in Gedanken.«