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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 

Buch
Sie ist wunderschön, aber auch sehr hart – die erste Zeit mit dem Baby. Die meisten Elternratgeber zeichnen ein rosarotes Bild: glückliche Schwangerschaft, glückliche Geburt, glückliches erstes Jahr. Doch die Wahrheit sieht oft anders aus: kein Schlaf, kein Job, kein Sex, keine sozialen Kontakte, keine gute Figur. Birgit Ehrenberg warnt vor der Verdrängung dieser Probleme und macht Mut, sich mit offenen Augen auf das Abenteuer Mutterschaft einzulassen. Denn wer von vornherein weiß, was ihn erwartet, wird vor Enttäuschung und Verdrängung bewahrt. Die Autorin betont: Die Mutterrolle allein macht nicht glücklich. Menschlich und liebevoll, aber auch schonungslos ehrlich schildert sie von der Schwangerschaft bis zum Kindergartenalter, wo die Fallstricke liegen und wie man sie umgeht. Denn es gibt ein Leben jenseits der Krabbelgruppe.

Autorin
Birgit Ehrenberg, Jahrgang 1962, ist verheiratet, Mutter von zwei Kindern und seit vielen Jahren erfolgreiche Kolumnistin in Sachen Liebe und Partnerschaft. Sie schreibt regelmäßig für verschiedene Zeitungen und Magazine. Ihre Kolumne »Liebe leicht gemacht« erscheint jede Woche in »Frau im Spiegel«.

Widmung
 
 
 
 
 
Für meine Mutter Rosa Ehrenberg, meine Oma Elvira, für meine Kinder Nele und Elias

Vorwort
Kinder machen glücklich!
Ich hatte nie den Wunsch, eine Familie zu gründen. Ich wollte partout keine Kinder und habe schon als junges Mädchen davon geträumt, in Italien zu leben und Bücher zu schreiben. Ich wünschte mir einen freien Blick aufs Meer, in mich hinein und in die Seelen anderer Menschen, unverstellt von Zwängen, wie sie meines Erachtens die Mutterschaft und damit die Rückbesinnung auf eine sehr traditionelle Rolle mit sich bringen würde. Mein Traum: eine Art weiblicher Hemingway an der Adria. Wüst und wild, schöpferisch und zugleich zerstörerisch – in jeder Hinsicht unkonventionell. Eher typisch männlich als typisch weiblich. Dazu passten keine Kinder.
Dieses Bild gefällt mir heute noch, obwohl ich es inzwischen aus der Distanz betrachte, es mir wie ein flüchtiger Schatten aus einem anderen Leben und nicht mehr begehrenswert erscheint. Ich führe nun ein ziemlich bürgerliches Leben. Wüst und wild bin ich nur noch gelegentlich. Unkonventionell und schöpferisch jeden Tag, selbstzerstörerisch nie, weil ich glücklich bin. Ich bin heilfroh, dass ich mit Mitte dreißig plötzlich schwanger wurde und Nele zur Welt brachte. Was für ein Geschenk. Als ich meine Tochter zum ersten Mal ansah, wusste ich, dass ich den größten Fehler meines Lebens gemacht hätte, wenn ich kinderlos geblieben wäre. Dieses winzige, rührende und doch so gewaltig große Leben. Diese Ehrfurcht. Nie war ich der Schöpfung, nie war ich Gott näher, obwohl ich an Gott in meinem schnellen Leben bis dahin kaum einen wirklich ernsthaften Gedanken »verschwendet« hatte.
Ich habe damals gesagt, dass die Geburten meiner Kinder das sein werden, an das ich denke, wenn ich eines Tages sterbe. Wieso ich in diesem wunderbaren Moment an den Tod dachte? Er war bedeutungslos.
Ich weiß, es klingt kitschig-naiv in einer rationalen Welt, die sich alles selbst erklärt, aber heute frage ich mich, wie ein Mensch mit Kindern Atheist sein kann. Oder warum sich immer mehr Frauen und Männer tatsächlich bewusst gegen Kinder entscheiden. Nichts liegt mir ferner als das Feindbild »Kinderlose« an die Wand zu malen. Ich finde es nur schade, sich die fundamentalste Art der Liebe entgehen zu lassen. Liebe, die ohne jede Bedingung ist. Da ich die Liebe zwischen Mann und Frau kenne, so wie die Liebe zu Kindern, kann ich sagen: An die Liebe zu Kindern reicht die Liebe zu einem Mann nicht heran. Das sehen viele Mütter so. Für jemand wie mich, der viel verlangt vom Leben, nichts auslassen möchte, der ausschweifend lebenshungrig ist, sind Kinder genau das Richtige. Diesen Hunger lindern Kinder nicht nur. Sie machen satt, aber nicht träge. Ich wundere mich, welche Energie meine Kinder in mir mobilisiert haben.
Ein kluger Kopf hat einmal gesagt, dass jene Frauen keine Mutter werden wollen, die ihr eigenes unglückliches Kind in sich noch nicht überwunden haben. Die selbst nicht erwachsen sind, die bewusst oder unbewusst in ihre Kindheit und deren Traumata verstrickt sind. Gleichgültig, was diese Frauen nach außen hin als Begründung anführen – da ist auf jeden Fall etwas dran. Ich weiß es aus eigener Erfahrung. Ich habe das Kinderkriegen abgelehnt, weil ich meine eigenen kindlichen Sehnsüchte noch nicht gestillt hatte. Kinder sind nicht nur auf emotionaler Ebene das Größte, sie geben einem auch intellektuell eine Chance, sich selbst zu erkennen, sich neu zu erfinden, eine traurige Biographie abzustreifen wie eine alte Haut. In meinem Leben ist durch die Kinder alles besser geworden, doch eben nicht auf traditionelle Weise. Weil ich mich den klassischen Zwängen der Mutterschaft nicht gefügt und mich nicht zurückgezogen habe in den Bereich des Häuslichen, sondern im Gegenteil mit Hilfe meiner Kinder alle persönlichen und beruflichen Pläne verwirklichen konnte. Wer weiß, vielleicht leben wir alle eines Tages doch in Italien und gucken aufs Meer.

Einleitung
Warum Sie dieses Buch dringend brauchen, um das Glück für immer festzuhalten
Dass Sie Kinder möchten, finde ich goldrichtig. Wenn Sie noch zögern, betrachten Sie dieses Buch als Orientierungshilfe. Vielleicht sind Sie bereits Mutter, aber das Glück und die Erfüllung, die Sie ersehnten, sind nicht eingetreten – oder nicht in dem Maße, wie Sie es sich erhofften. Dann sind Sie bei mir auch an der richtigen Adresse. Denn obwohl hier und allerorts und vor allem in den gängigen Ratgebern für werdende und real existierende Mütter von Glück die Rede ist, muss ein ehrlicher Ratgeber versuchen, einen der größten Widersprüche anzugehen, den es im Leben einer Frau gibt: In Kindern liegt tatsächlich eine der vielversprechendsten Verheißungen auf beständiges Glück, ein Zauber, etwas Großartiges, das wir uns alle innigst wünschen – und zugleich drohen viele UnglücksFallen, in die Sie tappen können, wenn Sie ein Kind zur Welt gebracht haben. Dabei denkt man, es könnte einem nie wieder etwas passieren.
Dies ist ein menschliches Paradoxon, wie es das Leben für uns so manches Mal bereithält. Mutter zu sein macht nicht automatisch glücklich. Eine Provokation vielleicht für eine Frau, die jahrelang Entbehrungen auf sich nehmen musste, um schwanger zu werden, die sich in einer Fruchtbarkeitsklinik gequält hat.
Dennoch ist es nicht zynisch von mir, das Mutterglück in Frage zu stellen. Ich kenne Legionen von Frauen, die sich – völlig unberechtigt – für schlechte Mütter halten und darunter leiden. Diese Frauen zermürben sich mit Selbstzweifeln, weil ihre eigene Erwartungshaltung an ihre mütterlichen Fähigkeiten sie kaputtmacht. Mütterliche Selbstlosigkeit, ständige Aufopferung, Geduld und gute Laune lassen sich eben nicht leicht aufrechterhalten, wie es uns die kursierenden Mütterbilder in den Medien suggerieren, es ist eine tägliche Anstrengung, eine Leistung.
Mutterglück in Deutschland fällt einem nicht in den Schoß. Deshalb gibt es diesen riesigen Markt an Ratgeberliteratur, der den Müttern auf die Sprünge helfen soll. Das Kinder-Thema hat auch das Fernsehen längst erobert: Baby-Alarm, Schnuller-Alarm, alle in heller Aufregung. Anfang der Sechziger kam eine junge Mutter noch mit dem Klassiker »Dr. Spocks Säuglings- und Kinderpflege« aus – zwei schmale Taschenbücher. Inhalt: Füttern, Baden, Wickeln, Fiebermessen. Heute dagegen wirft der Internet-Händler Amazon. de allein beim Stichwort »Geburt« 1840 Buchtitel aus.
Ein Thema kommt immer zu kurz: Während uns unsere Kinder einerseits so glücklich machen wie sonst nichts auf der Welt, während wir sie verteidigen würden wie eine Löwin ihre Jungen, so rufen sie in uns andererseits von Zeit zu Zeit eine solche Wut, eine solche Frustration wach, dass wir uns schwer tun, diese Aggressionen wirklich als unsere eigenen zu akzeptieren. Wir sind mit den Nerven am Ende, weil uns die Kleinen wochenlang nicht schlafen lassen, weil wir es ihnen nie recht machen können, weil sie unseren Lieblingspulli zerschneiden, die frisch gestrichene Wand mit Filzstift beschmieren. Es gibt viele Gründe.
»Die Überlastung vieler Mütter ist ein Problem, das in der Öffentlichkeit und in der Ausbildung von Ärzten und Psychologen viel zu kurz kommt«, kritisiert Sabine Suhrholt, Vorsitzende des Vereins »Schatten und Licht«, einer bundesweiten Selbsthilfeorganisation von Frauen, die nach der Geburt an anhaltenden Depressionen litten. Die Erwartungshaltung von Umwelt und Familie sei eine der Ursachen für diese Erkrankung.
Mutterglück ist ein stehender und viel zitierter Begriff – Mutterunglück dagegen als alltägliches »normales« Phänomen gibt es anscheinend nicht. Ich will hier keinen Freibrief ausstellen für bösartige, gleichgültige oder egoistische Mütter, sondern die angeschlagenen Nerven der normalen Durchschnittsmutter beruhigen und aufbauen. Ich möchte Perspektiven zeigen, allerdings jenseits eines konservativen Verständnisses von Mutterschaft. Ich möchte all jenen Frauen Trost zusprechen, die ihre Kinder manchmal zum Niederknien finden – und manchmal zum Kotzen. Ich möchte Mütter befreien von der kritiklosen Unterwerfung unter eine Ideologie der guten Mutterschaft – zugunsten einer glücklichen Mutterschaft.
Jawohl. Diese Tabuisierung mütterlicher Unglücksgefühle ist wirklich seltsam. Es geht doch um Liebe, um Liebesglück – und das hat immer einen Preis, ein Gegenteil: Liebeskummer. Je größer die Liebe, desto größer kann der Kummer sein. Kein Mensch kann wahre Liebe fühlen, der nicht einmal wenigstens den Verlust von Liebe empfunden hat, und sei es auch nur für kurze Zeit. Wenn eine Mutter jammern darf, dann weil es den Kindern schlecht geht. Ihre Mutterrolle hat sie in keinem Augenblick ihres mütterlichen Daseins in Frage zu stellen.
Denn: Eine unglückliche Mutter, die ihr Los nicht per se als sinnstiftend erfährt, der das nicht reicht, ist eine schlechte Mutter – das ist das Bild, das die Gesellschaft vorgibt. Eine »Rabenmutter«. Ein Ausdruck, der nur in Deutschland existiert, was schon darauf schließen lässt, dass es in Deutschland ein Mutterkonzept der besonderen Art gibt. In Frankreich dagegen ist die »mère poule«, die Gluckenmutter, verdächtig. Die Frau, die sich auf ihre Kinder fixiert, die ihren Beruf aufgibt.
Wenn die Mutter-Kind-Beziehung an sich wirklich durchgehend eine traumhafte ist, wie es einem immer ins Bewusstsein gehämmert wird, dann muss das Gefühl der Aggression etwas »Unnatürliches« sein, ein Verrat – dieser Gedanke beschleicht die zornige Mutter, sie fühlt sich schuldig, schweigt darüber, quält sich mit der Frage: Wie werde ich endlich auch eine gute Mutter?
Darum geht es schon, bevor die Frau überhaupt schwanger ist. Früher hieß es vorsichtig: »Ich bin guter Hoffnung«. Heute ist man schon Mutter und stürzt sich auf diese Rolle, bevor eine Befruchtung stattgefunden hat. Der mütterliche Stress beginnt schon lange vor der Schwangerschaft! Mit dem prophylaktischen Verzicht auf legale Drogen, der Einnahme von Folsäure-Kapseln und der umfassenden seelischen Vorbereitung auf das Event Schwangerschaft.
Überall wird verklärt vermittelt, wie Sie die Schwangerschaft, die Geburt und den Alltag als Mutter zu erleben haben. Wie perfekt alles laufen muss. Wie es bei anderen Frauen perfekt läuft. Wer einen »Fehler« macht, gerät ins Zwielicht. Dafür sorgen leider allein schon die anderen Schwangeren und Mütter, die sich wie Hyänen auf einen werfen. Die Debatten um richtig oder falsch nehmen den Charakter von Glaubenskriegen an. Hast du gesehen, die ist schwanger und hat geraucht! Hast du gesehen, die hat an ihrem Geburtstag am Sekt genippt! Alkohol in der Schwangerschaft! Und morgens trinkt sie Kaffee. Unverantwortlich. Sie wünscht sich einen Kaiserschnitt, will nicht natürlich entbinden – wie feige. Sie will nicht lange stillen – unverzeihlich! Sie stillt und versucht zugleich, das Kind an die Flasche zu gewöhnen – Saugverwirrung! Sie gibt ihr Kind nach acht Wochen in die Krippe, obwohl sie noch nicht einmal arbeiten muss. Der Mann verdient genug. Wie egoistisch – ein emotionales Monster. Noch nicht einmal Speck darf eine neue Mutter mit gutem Gewissen auf den Hüften haben, seit Heidi Klum zeigte, dass sechs Tage nach der Geburt die Figur wieder tadellos sein kann, eine Frau muss sich nur ein wenig zusammenreißen.
Die Toleranzgrenze, was eine Schwangere, was eine Mutter zu tun und zu lassen hat, geht gegen null. Alles ist vorgegeben und insofern auch ablesbar an Indizien. Wie es drinnen aussieht, interessiert keinen. Deutsche Mutterliebe ist unerträglich demonstrativ. Die Inszenierung von Mutterliebe kann man herrlich beobachten, wenn elterliches Engagement bei einem Fest für Kinder gefragt ist – im Kindergarten, in der Schule, beim Geburtstag. Da wird gekocht und gebacken, aufgetischt ohne Ende, es werden turmhohe Torten serviert. Und die Kinder greifen nach den Gummibärchen, sie interessieren sich für diese Art von »Beweisen« mütterlicher Perfektion nicht. Mit einem untrüglichen Gespür für Authentizität erkennen sie, dass es bei dieser Art von Show nur um eine einzige Person geht: die Mutter. Um ihre Geltungssucht.
Von dieser Art von repressivem Engagement sollten Sie sich nie unter Druck setzen lassen. So wie die arme Heldin aus dem Roman »Working Mum« von Allison Pearson es leider mit sich geschehen lässt. Eine Top-Managerin mit zwei Kindern, eine herzensgute und kluge Frau, die bei Bedarf fertige Muffins kauft und diese so manipuliert, dass sie wie selbstgemacht aussehen. Um der Häme der anderen Mütter zu entgehen, die selbstverständlich vor jedem Anlass tagelang in der Küche stehen. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Mütter – und auch Väter – sollten sich dafür interessieren, was ihre Kinder essen, sich mit Freude in der Schule engagieren – in einem Rahmen, der den Kindern Genüge tut, nicht der Eitelkeit schmeichelt. Wer hat das nötig?
Nur bei einem Thema scheiden sich die mütterlichen Geister nicht, will man den traditionellen Ratgebern Glauben schenken. Welche Mutter geht wieder arbeiten? Welche bleibt zu Hause? Verdächtigerweise hat man als Mutter hier die freie Wahl. Ausnahmsweise kann man nichts falsch machen. Es gibt zwei gleichwertige Wege.
Die Lebensmodelle werden brav in zwei Kapiteln abgehandelt, gleich lang, gleich ausführlich. Eines ermuntert die Frauen, die nicht arbeiten möchten, dazu zu stehen, sich trotzdem Zeit für sich selbst zu gönnen – auch mal sieben gerade sein zu lassen in Küche und Keller. Ein anderes Kapitel berät die Mütter, die arbeiten wollen oder müssen, wie sie Beruf und Kinder am besten verbinden. Sonst darf man als Mutter wirklich nicht aus der Reihe tanzen, aber in der Gestaltung des Lebens nach der »Babypause« ist jede ihr eigener Herr, soll und darf nach ihrer Fasson glücklich werden. Und damit niemand auf die verwegene Idee kommt, das historisch gesehen längst disqualifizierte und ad acta gelegte Hausfrauentum doch als die schlechtere der Möglichkeiten zu begreifen, fehlt es nicht an Beistand für die Hausfrau. Die Botschaft: Lass dir von niemandem einreden, man würde verdummen oder versauern, wenn man den Beruf »nicht aktiv« ausübt. Hausfrau sein – das ist ein Beruf, er kann neben jeder noch so anspruchsvollen Berufstätigkeit bestehen. Das steht in einem so genannten »ehrlichen Buch vom Kinderkriegen«, das sonst ganz aufgeklärt daherkommt! Ich weiß nicht, was sich die Autorinnen dabei gedacht haben. Wahrscheinlich haben sie es gut gemeint. Solche Rückendeckung finden Sie bei mir nicht. Und ich meine es richtig gut mit Ihnen.
Während ich in allen Bereichen für einen offenen und individuellen Umgang mit Schwangerschaft und Mutterrolle plädiere und jeder Frau für ihren persönlichen Weg den Rücken stärke, werden Sie mich, wenn es um die Berufstätigkeit der Mutter geht, erstaunlich rigide erleben. Wir sind hier noch nicht so weit – aber ich kann schon so viel sagen: Mein leidenschaftliches Plädoyer für die unbedingte Rückkehr in den Job, hat nichts damit zu tun, dass ich Ihnen den Spaß am Leben mit Ihren Kindern verderben möchte. Im Gegenteil. Ich will Ihnen das Leben nicht schwerer machen, sondern leichter. Sie werden sehen.
Meine Botschaft: Selbstverständlich »versauert« man zu Hause. Was denn sonst? Ob Mann oder Frau – jeder Mensch versauert dabei. Es ist nur ein längerer Prozess, das merkt man nicht gleich. Am Anfang fühlt es sich vielleicht sogar angenehm an, das Verbleiben im Haus. Man kommt auch nicht groß zum Nachdenken, hat viel um die Ohren, wirbelt täglich Staub auf, kann sich am Abend sagen, was alles geschafft worden ist. Das häusliche Leben – vor allem mit Kleinkindern – ist anstrengend. Das ist am Anfang ein 24-Stunden-Job.
Doch warum will man Frauen wieder weismachen – im Jahr 2006 -, dass das Hausfrauentum als dauerhafte Lebensform eine ernsthafte Stütze für das weibliche Selbstwertgefühl sei? Dass es gar so etwas wie »hausfrauliches Glück« geben kann? Wer hat diesen alten Knochen wieder ausgegraben und wirft ihn den Frauen zum Fressen vor? Das ist gemein, mütterfeindlich, menschenfeindlich. Es ist eine Täuschung.
Das deutsche Mutterbild ist ein anachronistisches, das in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts schon dem Untergang geweiht war und jetzt eine unglaubliche Renaissance erlebt. Eines, das Mütter einem Druck aussetzt, dem kaum eine genügen kann – der sie früher oder später in die Falle, ins Unglück, laufen lässt. Nicht, weil an ihr etwas falsch ist, sondern, weil der Verhaltenskodex, dem sie genügen soll, unmenschlich ist. Dabei geht es ausschließlich um all die primär »weiblichen« Tugenden der Selbstaufopferung und des häuslichen Kleinkrams. Eine repräsentative GEWIS-Umfrage im Auftrag von tv Hören und Sehen ergab, dass 81 Prozent aller Deutschen eine Mutter ideal finden, die gut kochen kann und »den Haushalt im Griff hat«. Nur drei Prozent fanden es wichtig, dass sie auch erfolgreich im Beruf ist.
Es ist höchste Zeit, das Bild der allseits glücklichen und patenten Hausfrauen-Mutti wieder in die Mottenkiste zu verbannen. Die Frauenbewegung hat es mit gutem Grund bekämpft. Frauen sind in solch einem Leben verkümmert.
Plötzlich ist das antiquierte Lebensmodell wieder da. Ich bin nicht die Erste, die sich über die Renaissance dieses fragwürdigen Mutterbildes wundert und ärgert. Es wird in den Medien mehr und mehr zum Thema. »Wollt ihr die totale Mutter?«, hieß es schon 2001 in der ZEIT.
Haben Sie sich überlegt, ob Sie die totale Mutter sein wollen? Oder sind? Und ob es Sie wirklich und für alle Zeiten glücklich macht, »nur« Mutter zu sein? Lord Richard Layard, der Direktor des berühmten »Center of Economic Performance«, stellt in seinem Buch »Die glückliche Gesellschaft« fest, dass die Geburt eines Kindes den Glückspegel rapide nach oben treibt. Für zwei Jahre. Dann braucht der Mensch, die Frau, wieder einen neuen Anreiz. Der Vater hat ihn ja meist ohnehin – das Leben draußen, der Erfolg im Job.
Ich weiß nicht, ob deutsche Mütter solche Publikationen registrieren und reflektieren. Wenn ich Frauen auf diese Rück-Entwicklung anspreche, tun die meisten so, als hätten sie davon nichts gehört. Jede kennt natürlich eine Frau, die arbeitet und hält diese als Beispiel bereit, dass dies zumindest möglich ist in unserer Gesellschaft. Unter den Tisch fällt dabei das Verhalten der Mehrheit der Frauen, die nach der Geburt ihrer Kinder ihr komplettes Leben umkrempeln. Diese Entwicklung war dem Magazin Focus sogar eine Titelgeschichte wert: »Die Muttierung«.
Solche Artikel beschreiben nüchtern die Wirklichkeit, machen sich lustig über die brave deutsche Mutter. Sie sind journalistisch notwendig als Bestandsaufnahme, doch sie verändern nichts. Sie machen die Frauen eher bockig.
Wichtig im Leben ist doch das Glück, die persönliche Erfüllung. Vielleicht manchmal sogar wichtiger als für Männer. Eine Frau, eine Mutter, sollte sich fragen: Bin ich glücklich? Was macht mich wirklich glücklich? Was muss ich tun, damit es mir auch in zehn Jahren gut geht? Die Kinder werden heute wieder als Lebensaufgabe begriffen. Vermeintlich erfüllen sie die Frauen. Irgendwann kommt aber der Tag, an dem sie merken: Die Kinder haben meine Zeit ausgefüllt, aber nicht mich. Etwas Entscheidendes fehlt. Dann ist es für einen Kurswechsel allerdings zu spät.
Ich möchte mit meinem Buch dazu beitragen, das Bewusstsein zu schärfen für diese eine ganz große Falle – und für die vielen anderen kleinen, in die Sie tappen können.
Ich verstehe dieses Buch als freundschaftlich-kritischen Diskurs und Ratgeber – von Mutter zu Mutter, von Frau zu Frau. Ich möchte das derzeit herrschende deutsche Mutterbild vom historischen Ballast befreien, der auch Ihnen auf der Seele liegen wird – früher oder später. Wenn Sie in diesem Augenblick im Krankenhaus liegen, Ihr Baby im Arm und überglücklich, kommen Ihnen diese Zeilen sicher nicht gelegen, und ich erscheine Ihnen wie eine Mutter von einem anderen Stern mit meinen Kassandra-Rufen. Lesen Sie weiter, geben Sie mir die Chance zu zeigen, wie Sie dieses momentane Glück festhalten können. Das heißt: Wie Sie es einbinden können in Ihr ganzes Leben! Wenn Sie es richtig machen, sind Kinder ein wahres Füllhorn.
Das Idealbild der guten Mutter ist nicht nur verfehlt, es setzt sich auch großzügig über die mütterlichen Bedürfnisse und Grenzen hinweg. Auch über Ihre Grenzen und Bedürfnisse. Wenn etwas schief läuft, trägt immer die Mutter die Schuld. Das hat zu einer Verunsicherung und Selbstbeobachtung geführt, wie sie selbst die Frauen aus vorfeministischen Zeiten nicht gekannt haben. Wird zum Beispiel eine Frau nach der Geburt des Kindes depressiv oder erlebt sie die Mutterschaft als unbefriedigend, so wird das von den Psychologen als Zeichen einer Fehlentwicklung gesehen, die Ursachen werden in den frühkindlichen Erfahrungen der Mutter gesucht. Und nicht in den mit der Mutterwerdung verbundenen hohen Anforderungen. Die Persönlichkeit der Mutter, ihr Verständnis von Mutterschaft, ihre Wahrnehmungen, Gefühle, Ängste, Identitätskonflikte werden ausgeklammert.
Die Mutter hat es bitter nötig, wieder wahrgenommen zu werden, und zwar nicht nur als Bezugsperson für das Kind, sondern als ein eigenständiges Individuum.
Ich kenne so viele unglückliche und frustrierte Mütter, privat und beruflich, durch meine Arbeit als Partnerschaftsexpertin für Zeitungen und Zeitschriften. Es scheint sogar mehr unglückliche Mütter zu geben als Singles. Die Singles hoffen alle noch auf Mr. Right, auf Nestbau und häusliche Harmonie. Wer Träume hat, hat eine Zukunft. Die verheirateten Frauen mit Kindern haben das Träumen oft aufgegeben, bringen das, wonach sie sich vielleicht lange sehnten, einfach nur noch hinter sich – Ehe, Familie, Haushalt. Listen abhaken. Meistens wissen diese Frauen nicht, was ihnen wirklich fehlt. Weil sie das Wichtigste schon haben! Und nicht darauf kommen, dass es ihr spezifisch deutscher Umgang mit diesem Geschenk »Kinder« ist, der sie in diverse Unglücksfallen tappen lässt. Deutsche Mütter wissen nicht, dass es an jeder Ecke Mami-Fallen gibt, dass sie höllisch aufpassen müssen, vor allem auf sich selbst.
Moderne deutsche Mütter sind allein wie nie zuvor mit all ihren normalen Zweifeln und Ängsten. Die Ratgeber oder das Fernsehen erzeugen nur Druck, machen noch einsamer. Nicht allein sein – das ist aber für das Mutterglück die halbe Miete. Früher haben Schwangere und frisch gebackene Mütter nicht aus Büchern gelernt, sondern von ihren eigenen Müttern, von den Nachbarinnen, von Freundinnen. Und sie konnten dabei auch all ihre Unsicherheiten loswerden, Geborgenheit erfahren – sich bestätigen lassen.
Mütter sollen und wollen vor allem viel Liebe geben. Das ist ihre »Bestimmung«, ihre Verantwortung. Um diese Mammutaufgabe zu bewältigen, brauchen sie selbst sehr viel Liebe und Verständnis. Sonst drehen sie durch.
Die Idee zu diesem Buch ist mir gekommen, als ich die amerikanische Erfolgsserie »Desperate Housewives« sah. Falls Sie die Sendung nicht kennen: Es geht um Hausfrauen, es geht um eine Clique von Frauen in einem Vorort, bis auf eine Ausnahme alle Mütter – unglückliche, wie Sie sich denken können. Immer am Rande des Nervenzusammenbruchs. Folgende Szene war für mich das Schlüsselerlebnis für dieses Buch: Lynette, in ihrem »alten« Leben Karrierefrau, jetzt Mutter von vier Kindern und Ehefrau von einem Kerl, der zwar freundlich und bemüht ist, aber nie da. Und wenn er da ist, möchte er gern ein fünftes Kind machen. Lynette ist in jeder Hinsicht mit ihren kaum zu domestizierenden Jungs, dem Haushalt und dem liebeshungrigen Mann physisch und psychisch überfordert. Von den anderen Müttern durch Übermütterlichkeit und Perfektion in tiefe Komplexe und in die Schlaflosigkeit getrieben, fängt sie an, Pillen zu schlucken. Sie schluckt die Dinger wie Bonbons, bis sie irgendwann zusammenbricht und auspackt. Da fangen ihre Freundinnen an zu erzählen, mit welchen Nöten sie zu kämpfen hatten, vor allem als die Kinder klein waren. Am Ende weint Lynette, schluchzt vor Erleichterung. Sie ist keine schlechte Mutter, einfach nur kaputt, müde und unglücklich. Plötzlich hat sie den Kopf wieder frei, das Herz voller Liebe für ihre Kinder.
Das ist genau die Ansprache, die Mütter brauchen. Und die leider die wenigsten Frauen bekommen. Ohne erhobenen Zeigefinger (»Die soll gefälligst dankbar sein für ihre Kinder«). Gott sei Dank habe ich meine Freundin Steffi, die mein Händchen hält, wenn ich erschöpft bin vom Muttersein. Die mir ein kräftigendes Süppchen kocht und eine Flasche Sekt aufmacht. »Auf die derzeit erschwerten Lebensbedingungen« ist unser heiteres Prost-Motto. Sie ist so verständnisvoll, weil sie eben auch schon weinend vor meiner Tür stand, nachdem sie tagelang nicht schlafen konnte. Steffi ist immer für mich da, obwohl sie 30 Stunden in der Woche arbeitet und Zwillinge hat. Es sind merkwürdigerweise meistens die berufstätigen Frauen, die Zeit für Trost und Hilfe haben. Oder jene, die die menschliche Größe haben, selbst ihre »kleinen« schäbigen Gefühle zuzugeben: Du hast fast den Lieblingsteddy deiner Tochter aus dem Fenster geworfen, weil sie dich auf 180 gebracht hat? Schlechtes Gewissen? Kenne ich. War ich auch schon kurz davor, habe den Teddy dann doch gerettet.
Das sind Mütter aus Fleisch und Blut. Solche Mütter haben viel zu geben, sich selbst, ihren Kindern und der Welt! Solche Mütter haben Nerven, manchmal gute, manchmal schlechte. Auf jeden Fall: Seele.
Meine eigene Mutter hatte eine. Sie hatte oft ganz schlechte Nerven, denn sie war eine unglückliche Frau, mit großen Gefühlen und großen Ideen in einer kleinen Welt – so traurig und so allein gelassen, dass sie nicht in der Lage war, so mütterlich zu sein, wie sie es liebend gern gewesen wäre und auch gekonnt hätte, wenn die Bedingungen gestimmt hätten. Darunter hat sie ihr Leben lang gelitten, hat sich geschämt, hat sich selbst Buße auferlegt. Ich habe ihr lange Jahre schwere Vorwürfe gemacht, aus der Perspektive des vermeintlich ungeliebten Kindes. Heute, wo ich selbst Mutter bin, weiß ich, was sie durchgemacht hat. Für meine Mutter habe ich dieses Buch geschrieben. Als Wiedergutmachung für jeden schlechten Gedanken, den ich je über sie hatte. Und natürlich, damit bei Ihnen alles besser läuft. Viel besser.
Rundum glücklich sollen Sie sein mit Ihren Kindern, wie ich, mit Hilfe meines etwas anderen Handbuchs für glückliche Mütter. Das sind jene, die den Mut haben, die ausgetretenen Wege mit all den Mami-Fallen zu verlassen.

Schwangerschaft und Geburt

Kinder kommen, wann Sie wollen
Die Babypause als Chance, die Job-Karten neu zu mischen
Wussten Sie, dass heute, im Zeitalter der Pille, nur etwa ein Drittel aller Schwangerschaften geplant ist? Das hat mich bei der Recherche für dieses Buch doch sehr erstaunt. Ich kann nachvollziehen, dass Teenager ungewollt schwanger werden. Aber auch in langjährigen Partnerschaften sind gestandene und aufgeklärte Frauen urplötzlich schwanger, obwohl sie zu dem Zeitpunkt der Zeugung ganz andere Dinge vorhatten. Es gibt ein großes – meist freudiges – Hallo, es beginnt ein heiteres Rätselraten, wie und wann das wohl »passiert« sein könne. Als sei die Jungfrau zum Kinde gekommen. Manchmal gibt es auch bittere Tränen, Entscheidungsschwierigkeiten. Soll ich das Kind kriegen?
Nun sagt ein, von diesen »Jungfrauen« viel zitiertes Sprichwort: Kinder kommen, wann sie wollen. Und damit spricht es die Frauen frei von jeder Absicht, sei sie noch so unbewusst. Das ist mir entschieden zu spirituell, denn eine Frau hatte es nie mehr in der Hand, nicht schwanger zu werden, als heute.