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DER HERAUSGEBER
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© privat
Reiner Engelmann wurde 1952 in Völkenroth im Hunsrück geboren. Nach dem Studium der Sozialpädagogik ist er seit 1977 im Schuldienst und in der Lehrerfortbildung tätig. Seine Schwerpunkte sind Leseförderung, Gewalt, Menschenrechte. Er ist Autor und Herausgeber zahlreicher Anthologien zu gesellschaftlichen Brennpunktthemen und seit 1969 aktiv bei amnesty international.
 
Weitere lieferbare Titel von Reiner Engelmann:
 
omnibus:
Klassenzimmergeschichten (21543) Vom Zauber der Buchstaben. Schulgeschichten aus aller Welt (21717)

Kevin
Cornelia Franz
»Memo, Mütze ab! … Alina, Kaugummi raus! Wie oft soll ich das noch sagen? … Kevin! Schlafen kannst du zu Hause. Nimm den Kopf vom Tisch … Himmel noch mal, jetzt packt eure Handys weg. Und setzt euch richtig hin! Mir platzt gleich der Kragen!«
Jeden Morgen das Gleiche. Die Stunde ist schon halb rum, ehe es ruhig in der Klasse ist. Montags dauert es besonders lange. Frau Kessler schaut in die Runde. Kaum einer sieht zu ihr nach vorne. Nur mühsam gelingt es ihr, die Aufmerksamkeit der 8b zu bekommen. Es sind fast immer dieselben, die mitmachen. Der Rest hüllt sich in Schweigen.
Kevin liegt immer noch mit dem Kopf auf den verschränkten Armen über dem Tisch. Das Gerede um ihn herum dringt nicht zu ihm durch. Es lullt ihn ein wie Musik. Da lässt Frau Kessler das Lineal direkt neben ihm auf die Tischplatte knallen.
»Aufwachen, Kevin! Hast du überhaupt mitgekriegt, worüber wir reden?«
Kevin hebt den Kopf und sieht Frau Kessler an.
»Nee, worüber denn?«
»Über Gewalt … Über die Entstehung von Gewalt, genauer gesagt.«
Kevin verzieht keine Miene. Wieder so ein überflüssiges Gequatsche. Die sollen ihn doch in Ruhe lassen mit ihrem Kram. Die haben doch keine Ahnung.
Doch Frau Kessler lässt nicht locker.
»Nun, Kevin, was fällt dir zu dem Thema ein?«
Jetzt setzt sich Kevin aufrecht hin und schaut seiner Lehrerin ins Gesicht.
»Gewalt?«, fragt er. Tausend Gedankensplitter jagen ihm durch den Kopf, Erinnerungen, Gefühle, Bilder, unendlich viele Szenen. Sein ganzes fünfzehnjähriges Leben ist in diesem einen Wort zu finden. GEWALT.
Regungslos sieht er seine Lehrerin an. Seine Lehrerin, die so oberschlau ist und die so viel weniger weiß als er. Eine Sekunde zögert er. Dann lehnt er sich zurück und grinst. »Gewalt ist geil«, sagt er.
Frau Kesslers Augen werden schmal. Sie wendet den Blick von Kevin ab. Die Hälfte der Klasse lacht und johlt. Die andere Hälfte rollt genervt mit den Augen. Das sind die, die von ihm schon mal eine Abreibung gekriegt haben.
»Mensch, Kevin!«, stöhnt Frau Kessler. Sie dreht ihm den Rücken zu und holt tief Luft. Die Bemerkung des Jungen hat die Ruhe in der Klasse wieder zunichtegemacht. Alles schreit durcheinander.
»Es reicht«, sagt sie. »Nehmt eure Hefte raus. Ihr habt fünfzehn Minuten Zeit. Macht euch ein paar Gedanken über die Entstehung von Gewalt. Schreibt auf, was euch dazu einfällt.«
Jetzt stöhnt die 8b. »Nur wegen dir, du Penner!«, zischt Alina, die hinter Kevin sitzt.
Frau Kessler setzt sich an ihr Pult und reibt sich die Schläfen. Sie will sich nicht anmerken lassen, dass es auch ihr schwerfällt, sich zu konzentrieren. Montags besonders. Der ständige Lärm, gegen den sie anarbeiten muss, bereitet ihr Kopfschmerzen. Am liebsten würde sie wie Kevin den Kopf auf die Arme legen und die Augen schließen. Nein, am liebsten würde sie aufstehen und gehen.
Langsam wird es stiller in der Klasse. Die meisten schreiben, einige kauen auf ihren Kugelschreibern herum, manche tun zumindest so, als ob sie nachdenken würden.
Nur Kevin tut nichts. Er liegt wieder über dem Tisch. Er sieht aus, als ob er schläft.
Als Frau Kessler sich neben ihn stellt, weiß sie noch nicht, wie sie ihn ansprechen wird. Sie denkt nicht nach. Sie spürt nur eine unbestimmte Wut und Ohnmacht, als sie den Jungen vor sich sieht. Diesen Jungen, der immer querschießt, egal wie viel Mühe sie sich gibt.
»Kevin«, sagt sie. »Es kann ja wohl nicht sein, dass dir nichts zu diesem Thema einfällt, oder? Ausgerechnet dir!«
Hohn schwingt mit in ihrem letzten Satz. Hohn und Spott. Obwohl sie weiß, dass sie so nicht klingen sollte. In der Klasse wird gekichert.
Jetzt richtet sich Kevin auf. Träge, wie in Zeitlupe. Die Röte steigt ihm ins Gesicht und ihm wird plötzlich heiß. Er sieht Frau Kessler nicht an. Er sieht an ihr vorbei aus dem Fenster.
Ja, ausgerechnet ihm. Natürlich fällt ihm zu diesem Thema was ein. Eine ganze Menge fällt ihm ein. Keiner in der Klasse kennt sich damit so gut aus wie er. Keiner kriegt schon morgens eins aufs Maul, einfach so, weil er ein bisschen Lärm macht, wenn er aufsteht. Weil er es wagt, das Radio anzustellen. Weil er irgendeine Bemerkung macht, die seinem Alten nicht passt. Weil er überhaupt da ist.
Kevin will nicht, dass jemand sieht, wie er rot geworden ist. Er will auch nicht, dass irgendjemand davon erfährt, was bei ihm zu Hause los ist. Das geht niemanden etwas an. Warum lässt sie ihn nicht in Ruhe, verdammt noch mal? Warum hackt sie immer auf ihn ein? Kevin beißt sich auf die Unterlippe. Er vergräbt wieder den Kopf in den Armen.
Frau Kessler schaut auf ihn herab. Auf die streichholzkurzen Haare, auf die starken Oberarme, die Hände mit den abgeknabberten, abgerissenen Fingernägeln. Er provoziert sie mit seiner Verweigerung. Dieses Thema, das ist doch wie maßgeschneidert für solche Jungen wie ihn. Warum geht er auf das Angebot nicht ein? Das ist doch eine Chance, oder? Was soll sie denn noch tun, damit er mitmacht?
»Jetzt setz dich doch endlich mal ordentlich hin«, sagt sie und zieht ihn an der Schulter.
Da fährt Kevin herum. Er springt auf wie ein Tiger, den eine Schlange aus dem Schlaf geweckt hat. »Fass mich nicht an!«, schreit er. Er stößt die Lehrerin weg, so heftig, dass sie gegen den nächsten Tisch taumelt und zu Boden stürzt. Für einen Moment sieht er den Schrecken und die Angst in ihren Augen. Für einen Moment durchzuckt ihn das Gefühl des Triumphs. Er ist stärker als sie!
»Haben Sie es jetzt kapiert?!«, schreit er. »So entsteht Gewalt! Wenn man einen nicht in Ruhe lässt, wenn man ihn quält von früh bis spät, dann entsteht Gewalt! So einfach ist das!«
Noch einmal sieht Kevin in das blasse, erschrockene Gesicht seiner Lehrerin. Er spürt die Angst, die die anderen vor ihm haben. Keiner kichert mehr. Eine lähmende Stille breitet sich in der Klasse aus. Es ist, als ob sie alle weit, weit wegrücken von ihm. Plötzlich ist nichts mehr in ihm von der Macht und der Stärke, die ihn für ein paar Sekunden über alle erhoben haben.
Kevin steht da wie ein angeschlagener Boxer. Heulen könnte er jetzt. Oder zuschlagen. Alles kurz und klein schlagen, damit er sich nicht mehr so hilflos fühlt, so ausgeschlossen.
»Kevin«, hört er da die Stimme seiner Lehrerin. »Hilf mir auf.« Sie streckt ihm die Hand entgegen.
Alle Muskeln schmerzen ihm vor Anstrengung. Er kämpft gegen den Wunsch an, zu brüllen, zu treten, zu schlagen, wegzulaufen, sich zu verstecken, irgendwo.
»Kevin«, sagt Alina hinter ihm leise.
Da bückt er sich. Er reicht Frau Kessler die Hand und zieht sie vom Boden. Ohne sie anzuschauen, setzt er sich auf seinen Platz.
Frau Kessler streicht sich den Rock glatt und reibt sich die Stirn. Zögernd geht sie nach vorne zu ihrem Pult und setzt sich.
Sie sieht in die Runde, in die erwartungsvollen Gesichter ihrer Klasse. »Okay«, sagt sie. »Dann schreibt mal weiter. Über Gewalt. Schreibt auf, was euch dazu einfällt. Und dann sprechen wir darüber.«
Noch immer ist die 8b sehr still. Alle beugen sich über ihre Hefte. Kevin sieht zu Frau Kessler hinüber. Sie nickt ihm zu. Und da nimmt auch er sein Heft aus der Tasche und beginnt zu schreiben.

Keiner von uns
Stefan Gemmel
Jonas erstarrte und zitterte. Kalter Angstschweiß brach ihm aus. Wie oft hatte er solche Szenen schon im Fernsehen oder im Kino miterlebt. Doch jetzt, hier in der Wirklichkeit, wirkte die Szene ganz anders.
Näher.
Ausweglos.
Er konnte die Spitze des Messers selbst durch seinen dicken Pullover hindurch spüren. Hart drückte sie sich bis an sein Schulterblatt. Ein Stoß, und Jonas’ Herz wäre durchstochen.
»Du – du willst doch nicht wirklich zustechen?« Im Kino hatten die Helden immer bessere Sprüche drauf. Die waren cooler und lockerer.
Aber dies hier war kein Film. Dies hier war die Realität. Die Wahrheit, ebenso kalt und hart wie das Messer, das ihn bedrohte.
Keine Antwort.
Jonas schluckte.
Tausend Gedanken schossen ihm durch den Kopf. Tausend Fragen.
Wie hatte es nur so weit kommen können? Wieso hatte er nicht auf die anderen gehört? Auf Matthias, den Neider, und auch – auf sich selbst. Vor allem auf sich selbst.
Damals.
Vor zwei Wochen.
Als alles begann.
Als all das seinen Anfang genommen hatte, was hier so böse enden sollte …
 
Selbst jetzt, mit einem Messer im Rücken, dachte Jonas noch mit Freuden an die Redaktionssitzung der Schülerzeitung zurück. Paul hatte sich hinter ihn gestellt und ihm vor allen anderen Redaktionsmitgliedern beide Hände auf die Schultern gelegt.
»Er ist der Richtige für den Job«, hatte Paul gesagt. »Jonas kriegt das bestimmt super hin.«
»Aber er ist doch noch so jung. Und gerade erst seit wenigen Monaten dabei«, widersprach Matthias dem Redaktionschef. Doch Paul hatte Jonas schon vorher gewarnt: »Matthias, der Neider, wird bestimmt wieder meckern. Der hat immer was auszusetzen.«
Wütend sprang Matthias von seinem Platz auf. »Wieso soll ein Anfänger die beste Story bekommen, die wir jemals hatten? Ich versteh das nicht.«
»Das brauchst du auch nicht zu verstehen«, warf Paul zurück. »Es reicht, wenn ich das sage. Ich bin der Redaktionschef. Ich kann gute Leute einschätzen. Und Jonas ist gut. Das hat er schon bewiesen. Seine Bürgermeister-Geschichte war erstklassig.«
»Klar war sie gut. Aber das war doch nichts Besonderes!«, entgegnete Matthias. »Die hätte jeder so schreiben können.«
»Aber Jonas hat sie geschrieben. Er bekommt die Messer-Story, und damit fertig!«
Jonas hatte sich selbst gewundert. Tagelang hatte er sich gefragt, warum gerade er diese Wahnsinnsstory schreiben sollte.
Die Bürgermeistersache war tatsächlich nichts Besonderes gewesen. Da gab er Matthias recht. Paul hatte Jonas die Angelegenheit aufgetragen, als Jonas sich für die Redaktion der Schülerzeitung angemeldet hatte. Schon seit Jahren mussten die Duschräume der Sporthalle renoviert werden. Doch der Bürgermeister hatte es immer wieder aufgeschoben. Also hatte sich Jonas den gesamten Briefwechsel der Schule mit dem Bürgermeister in dieser Sache aushändigen lassen, die Briefe zusammengefasst und so veröffentlicht, dass der Bürgermeister wie ein Lügner dastehen würde, wenn er nicht innerhalb dieses Schuljahres endlich die Umbauarbeiten beginnen würde.
Und tatsächlich: Letzte Woche waren die ersten Handwerker erschienen.
Ein großer Erfolg, ja. Aber eine einfache Geschichte. Und lange nicht so interessant wie die Messer-Story. Jonas war stolz und Paul überaus dankbar, dass gerade er diese ungewöhnliche Story bekommen sollte.
 
Wie dumm war er doch gewesen. Und wie naiv! Die Klinge des Messers an seiner Schulter wirkte wie kalter Spott auf Jonas. Und auch wenn er sich nicht umdrehen und es anschauen konnte, wusste er genau, welche Sorte Messer ihn bedrohte: ein Wurfmesser mit rotem Griff.
 
»Warum schreibst du die Story nicht selbst?« Jonas hatte sich die Frage nicht verkneifen können. Jeder in der Schule wusste, dass Paul einmal Reporter werden wollte. Er träumte davon, für den »Stern« oder den »Spiegel« in Krisengebiete zu reisen, um dort über Kriege und Katastrophen zu berichten. »Paul, der Ehrgeizige« wurde er von allen genannt. Und Paul gefiel dieser Name.
»Du bist der Richtige dafür. Ganz sicher. Außerdem muss ich mich um mein Abi kümmern. In wenigen Monaten stehen die Prüfungen an. Und ich glaube nicht, dass man mich mit einer Fünf in Deutsch in die großen Redaktionen lässt, was?« Er lachte und klopfte Jonas auf die Schulter und Jonas lachte glücklich und erleichtert mit.
Dann wurde Paul jedoch ernst: »Noch einmal die Fakten. Seit einem halben Jahr haben wir es mit den Messern zu tun. Vor genau sechs Monaten war der erste Vorfall. Auf die Tür unseres Direktors hatte jemand einen Totenkopf geritzt. Und auf dem Boden lag ein Wurfmesser …«
»… mit rotem Griff«, ergänzte Jonas schnell. »Ich weiß.« Er wusste alles über diese Messerattacken. Alle in der Schule waren informiert. Es war das Thema auf dem Schulhof.
»Unterbrich mich bitte nicht!«, sagte Paul. »Hör einfach nur zu. Die Story ist wichtig. Du musst dir alles einprägen und genau recherchieren. Keine Fehler. Klar? Ich will nicht, dass Matthias am Ende über uns lachen kann.«
»Entschuldige. Sprich weiter.«
»Dann war die Tasche unseres Konrektors zerschnitten. In der Tasche lag ebenfalls so ein Wurfmesser.«
Jonas nickte stumm. Er hatte begonnen, sich in seinem Block Notizen zu machen.
»Die dritte Tat war gegen unseren Hausmeister gerichtet. Jemand hat seine Tür aufgebrochen und seine kleine Kasse für den Pausenverkauf geknackt. Mit einem Messer. Mit einem Wurfmesser. Man hat es auf dem Boden gefunden. Ein Wurfmesser mit rotem Griff.«
Wieder nickte Jonas. »Zu der Zeit hatte noch niemand einen Verdacht«, sagte er. »Alles war sehr gut vorbereitet und durchgeführt worden.«
»Ja, zum ersten Mal rannte Polizei hier herum. Weißt du noch? Und die ersten Zeitungen schrieben darüber. Doch dann begann der Täter, Fehler zu machen. Seine nächste Attacke ließ alle aufhorchen. Ein Huhn mit durchtrennter Kehle baumelte von der Fahnenstange unserer Schule. Wie in einem Horrorfilm. Ein Ritualmord sozusagen. Im Gras unter dem Mast steckte das Messer. Der Täter hatte das Wort ›RACHE‹ auf Französisch in den Mast geritzt.«
Jonas schrieb eilig mit.
»Auf Französisch!«, wiederholte Paul mit Nachdruck. »Wer hinterlässt schon auf Französisch Hinweise am Tatort? Doch nur jemand, der gerne oder oft diese Sprache spricht.«
»Da kam zum ersten Mal die Sprache auf Kalaan.«
»Genau. Auf Kalaan, den Afrikaner. Dort, wo er herkommt …«
»… Ruanda, glaube ich …«
»… genau. In diesem Land spricht man Französisch.«
Paul stand auf und ging durch den Raum. »Und schließlich beging er seinen größten Fehler. Und seine schrecklichste Tat.«
Jonas erschauerte. Daran wollte er gar nicht mehr zurückdenken. Man hatte das Mädchen erst am nächsten Morgen entdeckt. Es hatte gefesselt auf einem Stuhl gesessen. Ihr langer Pferdeschwanz lag abgeschnitten vor ihren Füßen und daneben ein Wurfmesser mit rotem Griff.
»Und seitdem haben wir die Presse im Haus, nicht wahr? Sie haben die ganze Geschichte herrlich ausgeschlachtet. In allen Farben haben sie von dem Überfall auf das Mädchen geschrieben und davon, wie der Täter sie gefesselt, ihre Haare abgeschnitten und sie schließlich die ganze Nacht in der Schule gelassen hatte. Aber kein Wort – kein Wort davon, wer der Täter ist. Sie wollen es wohl nicht wahrhaben, dass unser afrikanischer Freund …«
»Noch ist nichts bewiesen«, warf Jonas ein.
Paul nickte. »Genau deshalb brauche ich dich ja. Du sollst die Beweise liefern. Recherchiere genauso gut wie in dem Bürgermeisterfall. Und dann schreib darüber. Liefere Kalaan aus. Und zwar bevor die Presse es tut!«
 
Jonas schluckte hart. Noch immer hatte sein Besucher keinen Ton von sich gegeben. Nur die Spitze des Messers, die sich durch seinen Pullover bohrte, erinnerte ihn an die Bedrohung.
 
Die Recherchen im Messerfall erwiesen sich als nicht allzu schwierig. Mit Pauls Hilfe konnte Jonas die Schulakte einsehen, die er benötigte. Wie Paul allerdings an diese Akte herangekommen war, erzählte er Jonas natürlich nicht.
»Ich verrate doch nicht alle meine journalistischen Tricks«, hatte er gekichert, bevor er Jonas den Aktenordner überreicht hatte.
Jonas erfuhr, dass Kalaan erst seit drei Jahren in Deutschland lebte. Über eine internationale Hilfsorganisation war er in dieses Land gekommen. Seine Eltern und auch seine Großeltern waren 1994 bei dem großen Bürgerkrieg in Ruanda ums Leben gekommen. Im sogenannten »Genozid«, in dem sich die beiden Völkergruppen Ruandas gegenseitig bekämpft hatten. Auf der Flucht, erfuhr Jonas, war Kalaan von seinen Geschwistern getrennt worden. Damals war Kalaan gerade mal vier Jahre alt gewesen. Er war auf der Straße groß geworden, bevor ihn Mitarbeiter einer Organisation aufgelesen und hierher gebracht hatten.
Er galt als ruhig und verschlossen. Kaum ein Schüler hat ihn jemals sprechen gehört. Man wusste nur, dass Kalaan die deutsche Sprache recht gut verstand.
»Das sieht mir alles nicht nach einem Gewalttäter aus«, sagte Jonas, als er Paul die Akte zurückbrachte. Doch Paul sah das ganz anders.
»Es passt doch alles zusammen. Dieser Kalaan ist Gewalt gewohnt. Er ist mit der Gefahr und der Angst groß geworden. Seine ganze Familie hat er im Krieg verloren. Wie würdest du denn reagieren? Doch mit Gewalt, oder nicht? Vielleicht macht er uns Deutsche verantwortlich, dass wir diesen Krieg nicht verhindert haben. Er ist ja keiner von uns. Oder vielleicht will er auf das Unrecht aufmerksam machen, das ihm passiert ist. Auf seine Weise.«
»Ich weiß nicht recht … Auch Matthias sieht das alles anders. Er …«
»Matthias?« Paul blickte Jonas überrascht an. »Was hat denn Matthias damit zu tun?«
Jonas zog die Schultern in die Höhe. »Er kam zu mir und riet mir ab, die Geschichte zu schreiben. Ich sei zu unerfahren dafür, sagte er, und da hab ich ihm erzählt, dass …«
»Ich hatte dich doch gewarnt. Matthias ist neidisch. Er hätte die Story gerne für sich. Das weißt du doch. Jetzt geh! Verlier keine Zeit. Schreib die Geschichte. Hau alles in den PC. Ich muss mich um mein Abi kümmern.«
Jonas wandte sich ab und dachte nach. War wirklich alles so klar? So logisch? Konnte er tatsächlich schon seinen Artikel schreiben? Sollte er Kalaan beschuldigen? Ohne Beweise?
»Wo sind die Beweise?«, hakte er nach.
»Welche Beweise denn noch? Du hast doch alles in den Akten …«
»Das ist mir zu wenig. Ich brauche mehr.«
Paul warf die Hände in die Luft. »Was brauchst du denn noch? Bei dem Bürgermeister warst du nicht so zimperlich.«
»Wenn wir die Messer finden könnten oder eine Spur …«
Paul schlug sich an die Stirn. »Mann! Da liegt eine dicke Story vor deiner Nase und du kneifst. Willst du warten, bis die Zeitungen darüber berichten? In zwei Tagen können wir unsere Schülerzeitung in den Druck geben. Dann halten wir sie in der nächsten Woche in den Händen und sind die Ersten, die die Wahrheit aufdecken.« Seine Stimme überschlug sich beinahe. »Verdammt, vielleicht hätte ich doch Matthias die Story geben sollen. Der hat wenigstens einen Arsch in der Hose und traut sich was!«
Jonas erschrak. So wütend hatte er Paul noch nie erlebt. Er wandte sich um und rannte davon.
 
Jetzt, mit dem Messer in seinem Rücken, sah er die Dinge natürlich anders. Jetzt wusste er, dass er Fehler begangen hatte.
Doch es war zu spät. Viel zu spät.
»Komm! Vielleicht haben wir ja Glück.« Paul zog Jonas am Ärmel und führte ihn durch die halbe Schule, bis in die Klasse 8b. »Die haben gerade Sport. Und ich habe mir einen Schlüssel besorgt. Komm!«
Er öffnete die Klassentür und schob Jonas hinein. »Vielleicht finden wir deine Beweise.«
»Aber …«
Paul legte einen Finger an die Lippen. »Leise! Willst du die Story noch oder nicht?«
Jonas kam sich vor wie ein Dieb. In der hintersten Reihe fanden sie neben einem Stuhl Kalaans Tasche. Paul öffnete sie hastig und Jonas traute seinen Augen nicht. Vier Wurfmesser mit rotem Griff und ein riesiger Schlüsselbund.
»Seit dem Einbruch in seinen Raum vermisst unser Hausmeister doch seine Schlüssel, oder? Ich gehe jede Wette ein, dass dieser Schlüsselbund ihm gehört.«
Er baute sich zufrieden vor Jonas auf. »Jetzt hast du also deine Beweise, oder?«
Jonas starrte auf die Messer und die Schlüssel in Pauls Händen. Tatsächlich. Hier hatte er alles, was er benötigte.
»Dann schreib endlich die Story!«
 
Er starrte auf die Tastatur und auch auf seine zitternden Hände. Das Messer in seinem Rücken hinderte Jonas daran, die Geschichte zu Ende zu bringen. Seine Story. Jetzt. Jetzt, wo alle Geheimnisse gelüftet waren und die Geschichte in Druck gehen könnte.
Der Hauptdarsteller seiner Story stand hinter ihm. Mit einem Wurfmesser in der Hand hinderte er Jonas daran, die ganze Wahrheit zu Papier zu bringen.
Und endlich! Endlich redete sein Gast.
»Die Story über mich?«
Jonas nickte. »Die ganze Wahrheit. Ich meine, die echte Wahrheit.«
Die Spitze des Messers zog sich zurück. Jonas atmete erleichtert auf. Langsam – zögerlich – drehte er sich auf seinem Schreibtischstuhl herum und konnte seinem Besucher endlich in die Augen sehen: Paul. Das Gesicht schweißnass. Das Messer in seinen Händen. Paul trug Handschuhe. Er hatte wieder einmal an alles gedacht. Er wollte keine Spuren hinterlassen. Er wollte Spuren legen. Weg von der grauenhaften Wahrheit hin zu Kalaan. So wie er alle Spuren gelegt hatte, als er an den Tatorten gewesen war. Alle Spuren der vergangenen Wochen.
»Meine Mutter hat mir von deinem Besuch erzählt«, stieß Paul hervor, und seine Stimme ließ Jonas wieder erzittern. »Ein Kaffeekränzchen mit meiner Mutter! Sie hat mir gesagt, dass ihr über meinen Bruder gesprochen habt.«
Jonas nickte. »Und über seine Sammlung an Wurfmessern, die er hiergelassen hat, als er zum Studium nach Amerika aufgebrochen ist.«
»Was hat dich auf meine Spur gebracht, hm?«
»Die Beweise«, antwortete Jonas. »Das war zu verdächtig, als du mich zu Kalaans Tasche geführt und mir alles gezeigt hattest, was ich brauchte. Ich begann nachzudenken. Zum ersten Mal richtig nachzudenken. Wo könnten die Messer herstammen, wenn sie nicht Kalaan gehören? Nach dem Gespräch mit deiner Mutter hat plötzlich alles gepasst. Wie bist du an die Akten gekommen? Wie konnten wir in Kalaans Klasse und an seine Schultasche gelangen? Nur mit den Schlüsseln des Hausmeisters! Du bist in das Hausmeisterhäuschen eingebrochen und hast die Schlüssel die ganze Zeit behalten. Sonst hättest du mir niemals die Akten geben können. Kein Lehrer hätte sie dir freiwillig gegeben. Das ist verboten. Und nur mit den Schlüsseln hattest du den Überfall auf die Schülerin so perfekt ausführen können. Du hast die Fährten so gelegt, dass für mich alles auf Kalaan deuten musste.«
Paul spielte nervös mit dem Messer in seiner Hand.
»Und schließlich gab es noch die wichtigste Frage«, fuhr Jonas fort. »Warum hast du mir die Story gegeben? Mir, einem Anfänger? Nur weil du wusstest, dass ich Fehler machen würde, und weil du gedacht hast, ich falle schneller auf deine Tricks herein. Ich denke nicht so nach, weil …«
»… du mein eigentliches Opfer bist!«, fuhr Paul dazwischen. »Die ganze Zeit schon.«
»Ich?«
»Es sollte die Geschichte einer hinterhältigen Lüge werden. Du hättest in der nächsten Ausgabe Kalaan aller Taten bezichtigt und deine Beweise vorgetragen. Doch dann wäre ich gekommen und hätte eine Sonderausgabe unserer Schülerzeitung gedruckt. Eine Sonderausgabe, in der ich dich bloßgestellt hätte. Von deiner Wut auf Ausländer hätte ich geschrieben und neue Beweise herangeschafft.«
»Ich habe nichts gegen Ausländer. Das stimmt doch alles nicht.«
»Ganz egal! Die Zeitungen hätten es geschluckt. Garantiert. Und das Fernsehen wäre bestimmt auch gekommen. Ich hätte als Held dagestanden. Als der einzig wahre Reporter in diesem ganzen Spiel …«
»Darum ist es also gegangen? Es ging die ganze Zeit nur um dich?«
»Um meine Karriere. Doch jetzt kommt es noch besser: Dieses Messer in deinem Rücken wird mich über Nacht berühmt machen. Ich habe alles vorbereitet. Morgen früh wird es so aussehen, als hätte Kalaan dich überfallen, und nur ich kann die nötigen Fakten liefern. In unserer Schülerzeitung. Die großen Zeitungen werden sich um mich reißen. Sie werden …«
»Du opferst zwei Menschenleben nur für deine Karriere?« Jonas schrie Paul seine Wut entgegen. Er hatte das Messer in Pauls Hand völlig vergessen.
Doch der reagierte schnell und hielt Jonas das Messer an den Hals.
»Das ist doch ganz normal! Glaubst du, die ganzen Bilder aus den Kriegsgebieten, die wir jeden Tag im Fernsehen und in den Zeitungen sehen, die sind echt? Ein paar vielleicht. Doch viele werden gestellt. In irgendeinem Wohnzimmer in Hamburg aufgenommen und dann als Krisenfotos verkauft. Das ist ganz normal. Alle machen so was. Und warum gerade du? Du bist selbst schuld. Du hast dich selbst in diese Lage gebracht. Und Kalaan? Was kümmert mich der? Er hätte in Afrika bleiben können. Er ist ja nicht einmal einer von uns.«
Paul wedelte mit dem Messer vor Jonas’ Gesicht. »Setz dich hin«, zischte er. »Und dreh dich auf dem Stuhl herum. Bringen wir es hinter uns!«
»Du bist verrückt …«
»Nicht verrückt«, entgegnete Paul mit sarkastischer Stimme. »Nur ehrgeizig. Paul, der Ehrgeizige. Das ist doch mein Name in dieser Schule.«
Jonas nahm tief Luft. »Du bist verrückt«, rief er, »wenn du meinst, dass ich nicht auch vorgesorgt habe! Sieh mal hinter dich.«
Paul wandte vorsichtig den Kopf. Er zuckte sichtbar zusammen, als er Matthias erblickte. Und hinter ihm den Direktor der Schule.