001

001

Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 

btb

Buch
In diesem anrührenden und sehr persönlichen Buch erzählt die Bestsellerautorin Sue Monk Kidd, wie sie aus einer Krise gestärkt und mit neuer Kraft hervorgegangen ist. Das Geheimnis? Sie hat sich Zeit gelassen. Wie eine Raupe hat sie sich verpuppt, hat das Alleinsein gesucht, sie hat nachgedacht, hat ihrem Lebensthema nachgespürt. Mit neuer Kraft, befreit wie ein Schmetterling aus dem Kokon, ist sie zurückgekehrt. Ein Buch für alle, die den Kontakt zu ihrer spirituellen Seite suchen und eine weise Ratgeberin an ihrer Seite wünschen.

Autorin
Sue Monk Kidd hat sich in den USA bereits mit dem Schreiben von Biografien einen Namen gemacht, ehe »Die Bienenhüterin« erst zum Geheimtipp, dann zum großen Bestseller wurde. Zwei ihrer Erzählungen wurden in die »Best American Short Stories« aufgenommen. »Die Bienenhüterin« war in England für den renommierten Orange Prize nominiert. Ihr zweiter Roman, »Die Meerfrau«, stand monatelang auf der New York Times Bestsellerliste. Sue Monk Kidd lebt mit ihrer Familie in South Carolina.

Sue Monk Kidd bei btb
Die Bienenhüterin. Roman (73281)
Die Meerfrau. Roman (HC 75163)

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »When the Heart Waits« bei HarperSanFrancisco, a Division of HarperCollins Publishers.

Für Sandy,
der mit mir zusammen die
Erneuerung gewagt hat.

Ich sprach zu meiner Seele: sei still und warte|...
dann wird die Nacht dir zum Tag
und die Stille zum Tanz.
T. S. ELIOT

VORWORT
Schmetterlingszeit schrieb ich aus einem Ort in meinem tiefsten Inneren heraus. Es entsprang der Quelle meiner Erfahrungen der Lebensmitte und meiner spirituellen Reise. Es ist immer besonders schwierig und riskant, wenn man das Bilden der Seele in Worte fassen will. Bei diesem Buch ganz besonders. Es hat mir sehr viel abverlangt. Es schrie regelrecht nach einer schmerzhaften Aufrichtigkeit und Verwundbarkeit, die ich beängstigend fand. Es forderte mich auf, in mein Intimstes vorzudringen, meine Geschichte zu eröffnen und Sie zu etwas einzuladen, was ich nur als gnädige Zusammenkunft von Autor und Leser bezeichnen kann.
Ich habe versucht, mich den heiligen Fragen des Lebens zu stellen, die Reise und das Mysterium der Seele beim spirituellen Wachsen zu begleiten, und ich habe mich dabei durch Abschnitte hindurchbewegt, von deren Existenz viele gar nicht mehr wissen. Sie werden bemerken, dass ich vom Warten erzähle, weil Warten in mancher Hinsicht das fehlende Glied im Verwandlungsprozess darstellt. Damit meine ich nicht die Art von Warten, die wir gewohnt sind, sondern Warten im Sinne einer so leidenschaftlichen wie beschaulichen Feuerprobe, aus der neues Leben und Spiritualität geboren werden.
In den letzten Jahren habe ich mich oft mit anderen über die spirituelle Entwicklung in ihrem Leben ausgetauscht. Sie erzählten mir, dass Gott sie aufgerufen hatte, Fühlung mit ihrem Innenleben aufzunehmen, mit der tiefgründigen und wunderbaren Beschäftigung der Formung der Seele. Dieses Buch ist der Versuch, sie – und Sie – in diesem Bestreben zu unterstützen.
Ich habe mich bemüht, Ihnen einen Weg aufzuzeigen – einen, der auf der Bibel beruht, auf Jahrhunderten christlicher spiritueller Schriften, auf zeitgenössischen geistigen Strömungen sowie der Entwicklungspsychologie. Ich habe versucht, Ihnen sowohl einfache, bodenständige Erfahrungswerte meines eigenen Daseins, als auch Weisheiten der gro ßen christlich-spirituellen Tradition anzubieten. Ich sah es als meine Aufgabe, sie in einen Bilderteppich aus Erzählungen und Lehren zu verweben, der Ihnen die Augen öffnet für die verwandelnde Christ-Reise, die wir alle antreten sollen.
Meine größte Hoffnung ist es, dass Sie nicht nur mit dem Verstand, sondern auch mit dem Herzen lesen, denn erst dann geschieht es, dass Gott den Worten eines jeden Autors Musik und Leben einhaucht.
Dieses Buch ist als ein glückhaftes Zusammentreffen vieler Menschen zu verstehen, die mir beim Schreiben geholfen haben. Zu allererst einmal schulde ich meinen Freunden und Kollegen bei Harper & Row größten Dank, die mir bei meiner Arbeit eine enorme Hilfe waren. Insbesondere möchte ich mich bei Rebecca Laird bedanken, die dieses Buch lektoriert und mir mit ihrem Feingefühl eine Umgebung aus kreativer Freiheit, Anleitung und Ermunterung geschaffen hat. Ein besonderes Dankeswort auch an Jan Johnson, deren permanente Unterstützung mir mehr bedeutet hat, als sie ahnt.
Ich fühle mich zahlreichen Freunden, die mich beim Entstehen dieses Buchs unterstützt haben, zu Dank verpflichtet, wie Roy M. Carlisle, der mir dabei geholfen hat, das ursprüngliche Konzept zu entwickeln, und mich immer wieder darin bestärkt hat, meine Vorstellungen in ein Buch umzuwandeln; den Frauen der Grace-Episkopalkirche von Anderson in South Carolina, die mich dazu einluden, sie bezüglich Themen und Material während der Entstehungsphase des Buchs immer wieder anzusprechen, und deren aufmunternde Reaktionen mir neue Energie gaben, um damit fortzufahren; all denjenigen, die auf meiner Reise mit mir gewartet haben und die ich auch im Buch erwähne – John, Betty und Mary Page. Sie waren mit ganzem Herzen meine Zuhörer und haben einen wesentlichen Teil zu meiner Geschichte beigetragen.
Ich danke Betty Blackerby, die für mich zu der Schwester geworden ist, die mir immer gefehlt hat. Ihr Beistand und unser Erfahrungsaustausch haben dieses Projekt beflügelt.
Ich bin meinen Kindern Bob und Ann dankbar für ihre Geduld mit mir beim Schreiben, wie auch für ihre blühende Fantasie, die in diese Seiten einfließt. Mein innigster Dank gebührt jedoch meinem Mann Sandy, der immer an mich und dieses Buch geglaubt hat. Seine Liebe, Hilfe und Bestätigung waren ein unermessliches Geschenk.
Heute ist der Festtag von Franz von Assisi. Während ich dieses Buch beende, geht mir eine Zeile seines wunderbaren Gebets durch den Kopf: »Dass ich das Licht bringe, wo Finsternis waltet.« So sei es.
SUE MONK KIDD
Anderson, South Carolina

1
ZEIT DES WARTENS UND DER VERWANDLUNG

KAPITEL 1
Der Umweg
Auf halbem Weg des Menschenlebens fand
Ich mich in einen finstern Wald verschlagen,
Weil ich vom rechten Weg mich abgewandt|...
Nur wenig bitterer ist selbst der Tod.
Dante
 
Geduld ist alles!
Rainer Maria Rilke
 
 
 
Am Himmel zog eine dunkle Wolkenwand auf und hüllte alles in Grau. Es war Februar, und die Erde in South Carolina schien an den zähen, morastigen Überresten des Winters festzukleben. Ich war schon meilenweit gelaufen, ich weiß nicht mehr, wie weit. Ich spürte weder meine Zehen noch den Wind auf meinem Gesicht. Ich spürte nichts bis auf einen stechenden Schmerz in meiner Seele.
Seit einigen Monaten hatte ich mich in einer unterschwelligen Krise des Geistes verloren. Im vergangenen Herbst war ich in zunehmender Düsternis erwacht und in Missklang, als ob etwas in meinem Innersten aufschreien würde. Ein ganzer Chor von Stimmen. Verwaiste Stimmen. Sie schienen für all meine ungelebten Anteile zu sprechen und die Grenzen meines Daseins sprengen zu wollen, sie brachen mit solcher Wucht und Unvorhersehbarkeit über mich herein, dass ich sie nicht im Zaum halten konnte. Heute weiß ich, dass sie das lautstarke Geschrei eines neuen Selbst waren, das darum kämpfte, geboren zu werden.

Die düstere Mitte des Lebens

Ich stand auf dem unsicheren Gelände der Lebensmitte, kurz vor dem Zeitpunkt im Leben, der einen zu innerlichem Wandel anhält, zur Durchquerung von einer Identität zur nächsten. Wenn die Winde der Veränderung durch unser Leben wehen, besonders in der Lebensmitte, rufen sie uns oft dazu auf, einen neuen Abschnitt auf unserer spirituellen Reise zu begehen: denjenigen, der will, dass wir den verdrängten und unaufrichtigen Orten in uns gegenübertreten und unser tieferes innewohnendes Selbst befreien – das wahre Selbst. Sie fordern uns dazu auf, zu uns zurückzukehren und das anzunehmen, was wir wirklich sind.
In diesem Winter meiner Unzufriedenheit hatte ich keine wirkliche Ahnung von all dem. Ich war perplex über die Umwälzungen, die in mir vor sich gingen. Das konnte mir doch nicht passieren, sagte ich mir. Ich hatte mich schließlich schon einmal auf eine spirituelle innere Suche begeben – eine, die sich vor acht Jahren mit Schmerzen in der Brust und Stress angekündigt hatte. Meine Reise hatte mich zu einer besinnlicheren Lebensweise geführt und mir die erste richtige Ausgeglichenheit in meinem Leben geschenkt, die ich je erlebt hatte. Die Erfahrung, von Gott geliebt zu werden, und das erneuerte Vertrauen in seine Allgegenwart hatten meinem zerstückelten Leben ein großes Stück Heilung beschert.
Mir hätte allerdings klar sein müssen, dass das spirituelle Dasein niemals statisch verläuft. Wir werden irgendwann geboren, nur um zu entdecken, dass in uns ein neues Streben nach Ganzheit heranreift. Das ist die heilige Absicht, uns permanent der Reifung entgegenstreben zu lassen und dazu alles, was in uns verloren gegangen und verwaist ist, erneut aufzugreifen und das göttliche Abbild, das in unserer Seele wohnt, wieder herzustellen. Es ist eher die Ausnahme, dass bedeutende Veränderungen nicht mit einem Verlorengehen in dunklen Wäldern einhergehen, oder wie T. S. Eliot es bezeichnete, in »leeren Räumen zwischen den Gestirnen«1.
Ich bewegte mich durch das trübe Nachmittagslicht, als ob schon das pure Ritual des Einen-Fuß-vor-den-anderen-Setzens mich von meinem Schmerz erlösen könnte. Ich vergrub die Hände tiefer in den Manteltaschen und sah zu, wie der Wind einen Pappbecher den Rinnstein entlangfegte. Ich näherte mich dem College-Gelände. War ich wirklich schon so weit gelaufen? Das Sonnenlicht schwand allmählich. Ich wollte umkehren, doch ich fühlte mich innerlich wie gelähmt, beinahe unfähig, mich zu bewegen.
Ich schleppte mich zu einer kleinen Bank zwischen den Bäumen. Während ich dasaß, betrachtete ich eingehend ihre knochigen Arme und spürte ihre Kahlheit, ihr verzweifeltes Streben nach Licht und dem Himmel. Tränen schossen mir in die Augen und brannten auf meinen Wangen. Es ergab keinen Sinn. Ich hatte nie ernsthaft daran geglaubt, dass die Krisen in der Lebensmitte tatsächlich existieren könnten. Sie waren mir immer wie eine Modeerscheinung vorgekommen, wie ein weiteres Stück klischeebesetzter Amerikanismen. Aber jetzt, wo ich mich mitten in einer solchen Krise befand, wirkte sie beängstigend real.
Was mir bisher vertraut gewesen war, empfand ich als erdrückend. Meine Ehe kam mir auf einmal schal und leer vor, mein religiöser Überbau beklemmend. Die Dinge, die einmal von Bedeutung gewesen waren, waren es nicht mehr; andere Dinge, die nie wichtig gewesen waren, plötzlich von größter Tragweite. Mein gesamtes Leben hatte sich in ein beunruhigendes Fragezeichen verwandelt.
Ich bewältigte meine täglichen Aufgaben wie gewohnt: den Morgen und den frühen Nachmittag über schrieb ich, danach holte ich die Kinder aus der Schule ab, beantwortete die Post, ging einkaufen, kochte und arbeitete mich durch die nie enden wollende Liste der Erledigungen hindurch. Ich war schon immer gut darin gewesen, pflichtbewusst zu handeln (selbst in Zeiten der Krise). Nach außen hin wirkte ich völlig ruhig und gefasst, in mir drinnen tobte es.
Mein Mann Sandy war ebenso beunruhigt wie verwirrt über meine Erlebnisse. Er wollte, dass alles wieder so würde wie immer. Er wollte, dass ich endlich da herauskäme. Das habe ich natürlich auch versucht. Ich habe mir selbst mehrmals befohlen, genau das zu tun. Aber es war in etwa so, als ob man einer hereinbrechenden Welle sagt, sie solle zurückweichen. Befehle führten nicht unbedingt dazu, es auch geschehen zu lassen.
Ich seufzte, und meine Gedanken kehrten zu der Zeichnung zurück, die ich am Abend zuvor angefertigt hatte. (Kohlezeichnen ist mein Hobby, und in letzter Zeit hat mir mein Zeichenblock oftmals Trost gespendet.) Ich hatte ein Zelt inmitten von sturmgepeitschten Bäumen gemalt. Die Pflöcke, die den unteren Teil des Zeltes befestigen sollten, waren herausgerissen, und die Zeltplanen flatterten lose im Wind. Als ich den Stift beiseitelegte, sagte ich mir: »Genauso sieht es in mir aus.« Tatsächlich hatte es den Anschein, als ob die Pfähle, die für mein geordnetes, sicheres Dasein gesorgt hatten – Pflöcke, die ich fast mein ganzes Leben lang sorgfältig festgeklopft hatte -, herausgezogen worden waren, und alles umherwirbelte. Unter die Zeichnung schrieb ich »Die Lebensmitte«.
Als ich jetzt über die Skizze nachdachte, kam mir in den Sinn, dass ich niemals eine Zeltbewohnerin gewesen bin. Vielleicht sollte es bedeuten, dass ich mich zu neuen Gestaden meiner inneren Landschaft aufmachen sollte. Vielleicht ging es in der Lebensmitte genau darum: um eine Pilgerreise.
Ich klappte den Kragen meines Mantels hoch und dachte über mein tägliches Selbst nach – das, was ich nach außen hin darstellte. Ich betrachtete die Masken, die ich getragen hatte, die mir »innewohnenden Selbste« oder vorherrschenden Verhaltensweisen, die meinen Weg durch die Welt geprägt hatten.
In Bezug auf die vielfältigen Selbste, die jeder Person innewohnen, schrieb Elizabeth O’Conner: »Während eines schmerzhaften Konflikts habe ich zum ersten Mal erfahren, dass ich aus mehreren Selbsten bestand. Es kam mir so vor, als befände ich mich inmitten mehrerer Wesen.«2
Mir war es ebenso ergangen; ich war von mehreren verschiedenen Selbsten umgeben: der Gefallenwollenden, der Schauspielerin, der Perfektionistin. Mir wurde bewusst, dass diese alten Rollen eng mit einer anderen mächtigen Rolle verknüpft waren, die ich oft spielte, der des »braven, kleinen Mädchens«.
Sie war der Teil von mir, der über nur geringe Selbstachtung verfügte, die ihr eigenes Leben nach den Bedürfnissen anderer ausrichtete, gemäß allgemeiner Werte und Vorstellungen. Ich hatte manchmal das Gefühl, ich sei als Frau dazu bestimmt, alle mit allem zu bedienen. Aber meine Bemühungen führten meist dazu, dass ich meine tiefgründigste Identität einbüßte, meine eigene einzigartige Wahrheit als Geschöpf Gottes.
In meiner »braves-kleines-Mädchen«-Rolle ertrug ich alles ohne Murren, fürchtete mich davor, über die Begrenzungslinien im Malbuch hinauszumalen, und unterdrückte oft meine persönlichen Gedanken und Gefühle. Das kleine Mädchen in mir war es gewohnt, die Vorstellungen der anderen zu übernehmen und den Weg des geringsten Widerstands zu gehen.
Manchmal erschien sie mir wie eine Orchidee im Gewächshaus: zart, gefällig, etwas, das letztendlich immer zwischen den Seiten des Sammelalbums von jemand anderem landete. Meine Hauptrollen spielten sich wesentlich im Leben anderer ab. Ich war die Mutter, die Ehefrau, die Sonntagsschullehrerin, die Angestellte. Alles wunderbar. Aber wer war ich tief in meinem Innersten?
Jetzt nahm ich sie plötzlich wahr, die bisher unbekannte Frau, die in mir gefangen war und danach strebte zu leben und zu atmen, die alles, was nicht echt und lebenswichtig war, abwerfen wollte und das Wahre wiedergewinnen. Ich spürte die Schwingungen eines tiefer liegenden, authentischeren Selbst, das seine eigenen einzigartigen Vorstellungen von Individualität ausleben und sich seinem eigenen Geheimnis hingeben wollte. Wer war dieses Wesen in mir, das danach schrie, ins Leben gerufen zu werden?
In den darauf folgenden Wochen las ich Gedichte von T. S. Eliot, der mir gelegentlich wie ein Seelenverwandter erschien. In »Das Liebeslied des J. Alfred Prufrock« fand ich mich wieder, in den leisen Qualen von jemandem, der von der plötzlichen Dunkelheit der Lebensmitte umgeben ist und vor der überwältigenden Frage steht:
Hat es Zweck,
Das Weltall aufzustören?|...
Ich vertat mein Leben kaffeelöffelweis;
Ich kenn die Stimmen, sie starben so dahin
In der Musik, die im fernen Zimmer klagt.«3
Es war, als ob mein Leben in zu kleinen Portionen abgemessen worden war. Und aus einem entfernten Raum, von dem ich nicht wusste, wo er sich befand, drang betörende Musik, untermalt von Stimmen, die alles daransetzten, gehört zu werden. Wagte ich es, das Weltall in mir aufzustören?
Glauben Sie mir, ich hätte am liebsten all das von mir gewiesen und so getan, als würde es gar nicht existieren. Aber das konnte ich nicht. Das Leben schmeckte nach Pappe, und die Luft roch abgestanden. Manchmal fand ich mich in einem Wandschrank des Leidens wieder und wusste nicht mehr, wo die Tür war. Während meiner schwärzesten Augenblicke dachte ich sogar daran, von zu Hause wegzulaufen, um den entscheidenden, verlorenen Teil meines Selbst wiederzufinden.

Sich der Frage stellen

Als ich an jenem Tag unter dem grauen Himmel auf der Bank saß, war alles in mir aufgewühlt und wirbelte umher wie der Pappbecher, dem ich auf der Straße hinterhergesehen hatte. Auf dem Höhepunkt meines inneren Chaos fing ich an, mich mit der übermächtigen Frage zu beschäftigen, die sich mir aufdrängte. Ich hatte sie bereits umkreist, aber jetzt zu guter Letzt steuerte ich direkt auf sie zu. Das war nicht ungefährlich, weil diejenigen, die sich dem Zentrum einer essenziellen Frage nähern und deren sengende Hitze zu spüren bekommen, meist auch gezwungen sind, sie bis zur Beantwortung auszuhalten.
Ist es möglich, fragte ich mich, dass ich zu einem tief liegenden und heiligen Ort in mir zitiert worden bin? Bin ich dazu aufgefordert, einen neuen Abschnitt im geistigen Leben zu begehen – die Reise vom falschen zum wahren Selbst anzutreten? Geht es darum, alte Masken und Muster abzulegen und ein grundlegenderes, authentischeres Selbst zu entfalten – eines, das Gott für mich ausersehen hat? Soll ich dazu gebracht werden, mein inneres Universum aufzurütteln auf der Suche nach dem unentdeckten Wesen, das in mir tobt?
Leider wird dieser Aufforderung in christlichen Kreisen wenig Bedeutung beigemessen. Wenn es passiert, begreifen wir gar nicht, dass wir zu einer persönlichen Verwandlung angehalten werden, zu der Aufgabe, ein »Ich« zu gebären, das noch nicht vollendet ist. Wir halten es für eine weitere Zwangslage oder Misere, die wir möglicherweise als Ergebnis von Überanstrengung oder einer Unzufriedenheit mit unserem Leben deuten.
Ich glaube aber, dass wir dabei eine spirituelle Entwicklungsaufgabe gestellt bekommen. Wir sind dazu aufgefordert, ein innewohnendes Selbst zu entfalten – etwas, das man auch als Gottes Leben in uns bezeichnen könnte.
Sich darauf einzulassen, bringt eine grundlegende Bewegung der Seele mit sich, die uns von dem kollektiven »Sie« zu der Entdeckung des individuellen »Ichs« führt und schließlich, wie sich noch zeigen wird, zu einer Umarmung des mitfühlenden »Wirs«. Diese Aufgabe führt uns wahrhaftig auf einen der riskanteren und geheimnisvolleren Wege im geistigen Leben, denn sie hat gravierenden Einfluss auf unsere gesamte Einstellung uns selbst gegenüber, gegenüber Gott und der Welt, je nachdem, wie wir sie meistern.
Während ich über meinen Kampf an diesem Nachmittag nachdachte, wanderten meine Gedanken zu den Entdeckungen, die ich in den Werken des Schweizer Psychiaters C. G. Jung gemacht hatte. Ich hatte mich während der vorangegangenen vier Jahre intensiv mit seinen Schriften beschäftigt. Eine Freundin hatte mich darauf hingewiesen, dass ich an recht unkonventionellen Orten nach der Wahrheit suchte, aber genau dort hielt Gott sie ja auch oft versteckt.
Zu Beginn meiner spirituellen Reise hatte ich mich begierig durch die westlichen geistigen Mystiker gearbeitet und meine Helden in der Heiligen Theresa von Avila, Johannes vom Kreuz, Juliana von Norwich, Meister Eckhart und besonders in dem Mönch und Schriftsteller Thomas Merton gefunden. Immer wieder war ich auf die besinnliche Reise zu Gott gestoßen, die es mit sich bringt, dass man Zugang zu den eigenen Tiefen findet. Später dann, als ich Jung las, war ich verblüfft, wie viele Parallelen es in seinem Werk der Tiefenpsychologie zu der Spiritualität, die ich bereits kannte, gab und wie sie sich gegenseitig bereicherten.
Jung war der Ansicht, dass »jede Lebensmitte-Krise eine geistige Krise ist, bei der wir aufgefordert werden, das alte Selbst (Ego) sterben zu lassen, die Früchte der ersten Lebenshälfte, und den neuen Mann oder Frau in uns frei zu setzen«. 4 Hier handelt es sich um einen verborgenen und oft missverstandenen seelischen Wendepunkt, dachte ich bei mir. Leider wird nicht jeder sich auf den Weg in sein unübersichtliches Labyrinth aufmachen. Würde ich es wagen?
Ich erinnerte mich an Jungs Worte in »Die Lebenswende«:
Gänzlich unvorbereitet treten sie die zweite Lebenshälfte an. Oder gibt es irgendwo Schulen, nicht bloß Hoch-, sondern Höhere Schulen für Vierzigjährige, die sie ebenso auf ihr kommendes Leben und seine Anforderungen vorbereiten, wie die gewöhnlichen und Hochschulen unsere jungen Leute in die Kenntnis von Welt und Leben einführen? Nein, aufs tiefste unvorbereitet treten wir in den Lebensnachmittag, schlimmer noch, wir tun es unter der falschen Voraussetzung unserer bisherigen Wahrheiten und Ideale. Wir können den Nachmittag des Lebens nicht nach demselben Programm leben wie den Morgen, denn was am Morgen wahr ist, wird am Abend unwahr sein.5
Jung unterteilte das Leben in zwei Phasen. Die erste Phase ist die des »Morgens«, dem die Beziehungen und die Orientierung an der äußeren Welt vorbehalten sind und in der das Ego entwickelt wird. Die zweite Phase oder der »Nachmittag« dient dazu, sich an die innere Welt anzupassen, durch die Entwicklung des wahren und vollständigen Selbst. Den Übergang von der einen zur anderen Phase in der Lebensmitte verglich Jung mit einer schwierigen Geburt.
Dieser Übergang ist so schwierig, weil er die tatsächliche Auflösung unserer geistigen und seelischen Strukturen voraussetzt – das Ablegen der alten Masken und Rollen, die uns in der Vergangenheit gute Dienste geleistet haben, aber nicht mehr zu uns passen. Die Inszenierungen, die mein gesamtes Leben überspannten – die Perfektionistin, die Schauspielerin, die Gefällige, das brave kleine Mädchen, die treue Kirchgängerin, die passive und traditionelle Ehefrau -, verloren ihren Einklang. Es ist qualvoll, wenn man im Leben an der Stelle angelangt ist, wo man zwar die Worte noch kennt, aber die Melodie dazu nicht mehr hört.
In unserer Jugend stellen wir Fantasiegebilde und Geschichten auf, nach denen wir leben wollen, aber ungefähr zum Zeitpunkt der Lebensmitte lösen sich diese Vorlagen allmählich auf. Es erscheint uns wie der Zusammenbruch von allem, was wir bisher kannten, aber es handelt sich eigentlich eher um ein heiliges Beben. »Erst wenn die Ordnung einstürzt, beginnt sich das Mysterium zu offenbaren«, schreibt John Shea.6
Einer meiner Lieblingstexte stammt aus dem Kohelet: »Für alles gibt es eine Stunde. Und für jedes Vorhaben unter dem Himmel eine Zeit: Zeit fürs Gebären und Zeit fürs Sterben; Zeit fürs Pflanzen und Zeit fürs Ausreißen des Gepflanzten.« (Koh. 3:1-2, Hervorhebung durch die Autorin). Wir brauchen die Bestätigung, dass es in Ordnung sei, die alten Masken fallen zu lassen, das auszureißen, was vor langem gepflanzt wurde.
Mir fehlt oftmals die Erlaubnis, etwas Riskantes anzugehen, und wenn ich sie mir nicht selbst geben kann, schickt Gott manchmal jemanden, der sie mir erteilt. Während ich mit mir rang, ob ich diese Erfahrung willkommen heißen oder sie mir aus dem Kopf schlagen sollte, sprach mich eine Freundin an: »Wenn du meinst, Gott würde dich nur an flache Gewässer heranführen, denk doch noch mal darüber nach. Gott wird dich nämlich auch zu ganz anderen Ufern mit einer Brandung lenken. Wenn du den Mut hast, dich hineinzubegeben, wirst du erst einmal glauben, du ertrinkst. Aber in Wirklichkeit wirst du nur in etwas Neues mitgerissen. Es ist schon in Ordnung, Sue, tauch ein.«
Wenn die Zeit reif ist, schreit eine heilige Stimme aus unserer Mitte auf und erschüttert uns in unseren alten Grundfesten. Sie zieht uns in einen Strudel, der uns dazu zwingt, uns unseren tiefgründigsten Angelegenheiten zu stellen. Offenbar ist eine göttliche innere Kraft auf unsere Entwicklung und unser Wohlergehen bedacht und steckt uns, wenn nötig, in einen Kessel voller brodelnder Stimmen und Fragen, die wir lieber nicht hören wollen. Auf die eine oder andere Art quellen die falschen Rollen, Identitäten und Fantasiegebilde an den Rändern unseres Lebens über, und wir sind gezwungen, mitten in diesem Chaos auszuharren.
Ohne derartige Umbrüche würden wir wahrscheinlich so weitermachen wie bisher. Es sieht uns sehr ähnlich, Dinge zu verleugnen, bis eines Tages etwas passiert, was uns herausreißt und uns die Augen öffnet.
»In jedem von uns steckt ein Selbst, das darauf drängt, geboren zu werden«, meint der Theologe Alan Jones.7 Und wenn dieses Verlangen in unser Leben eindringt – ob durch eine Auseinandersetzung in unserer Lebensmitte oder eine andere Krise -, müssen wir den Mut aufbringen, es zu akzeptieren.
Ich lehnte mich an diesem kalten Februartag auf meiner kleinen Bank zurück und versuchte mit aller Macht, das zu bejahen, was in mir rumorte. Die Zweige über mir warfen ihre Schatten auf den Bürgersteig zu meinen Füßen. Ich beobachtete sie, und dabei fiel mir aus irgendeinem Grund die klassische Ausgabe von J. M. Barries Peter Pan ein, die ich erst kürzlich mit meiner Tochter Ann gekauft hatte und die wir zusammen lasen. Meine Gedanken wanderten zu Peter, dem ewigen kleinen Jungen, der die Angewohnheit hatte, ein Kindergartenfenster in einer ruhigen Straße aufzusuchen, um dort Wendy zuzuhören, wie sie den Kleinen Gutenachtgeschichten vorlas. Bei einem dieser Besuche schnappte sich der Hund Nana, als Peter floh, seinen Schatten. Eines Abends kam Peter zurück und suchte verzweifelt nach seinem Schatten. Zu guter Letzt fand er ihn tief unten in einer Kiste und nähte ihn mit Wendys Hilfe wieder an.
Es schien, als wäre ich auf der Suche nach etwas von mir, das ich verloren hatte, während ich an einem Fenster eines Kindergartens lehnte. Der Schatten stellte einen unentbehrlichen Teil meiner selbst dar, den Teil, der im Dunkeln verborgen lag – den Teil, der sich hinter Masken und Fantasien versteckte. Jung war der Ansicht, jeder von uns besitze einen »Schatten«. Er symbolisiert die zurückgewiesene, untergeordnete Person in uns, die wir stets ignoriert haben und nie sein wollten.8
Ich wünschte mir eine Wendy, eine kluge, liebevolle Helferin, die käme und mir meinen Schatten wieder annähte. Ich habe tatsächlich einen Therapeuten aufgesucht und ihn um Hilfe gebeten. Wir haben den Übergang in der Lebensmitte besprochen und die dabei notwendige spirituelle Nachprüfung. Aber ich hatte immer noch keine eigene Vision für meine Verwandlung und glaubte auch nicht unbedingt daran, dass sie möglich war. Was sollte passieren? Was wurde von mir erwartet?

Der Aufruf zum Warten

Während ich grübelnd in der Kälte saß, wurde mir bewusst, dass sich meine Familie wahrscheinlich fragte, was mit mir geschehen war. Ich hatte sie zu Hause am Kaminfeuer zurückgelassen. »Wann kommst du denn wieder?«, hatte Sandy gefragt, als ich losging. »Was ist mit dem Abendessen?«
Abendessen? Abendessen! »Wen interessiert jetzt das Abendessen?«, wollte ich schreien. Ich habe es nicht getan. Ich habe einfach nur gesagt: »Kannst du nicht schon mal damit anfangen? Ich muss dringend raus.«
Aber was hatte mir dieser Spaziergang gebracht? Ich versuchte es mit beten. »Bitte, Gott|... bitte.« Ich murmelte die Worte und verließ mich darauf, dass Gott ihre tiefere Bedeutung hervorholen und mir den Weg aus meiner schrecklichen Sackgasse freiräumen würde. Eine Windbö rauschte durch das Geäst und sang ein Lied der Abwesenheit. Das war zu viel. Ich stand auf und ging davon.
Ich duckte mich in den Wind, den Kopf gesenkt, als ich unter den Zweigen eines Hartriegels hindurchging und mein Blick ein seltsames kleines Anhängsel streifte, das von einem Zweig genau über meinem Kopf herabhing.
Ich ging weiter. Nein, halt... Schau dir das mal näher an. Weil ich nicht wusste, was ich sonst tun sollte, wenn ich nicht meiner Eingebung folgte, machte ich kehrt. Ich ging einen Schritt darauf zu, dann noch einen, bis ich so dicht davorstand, dass es vom Hauch meines Atems eingehüllt wurde. Ich war auf einen Kokon gestoßen.
Ich wurde plötzlich von einer Welle der Ehrfurcht erfasst, die mich beinahe in die Knie zwang. Irgendwie war mir bewusst, dass ich auf eine göttliche Erscheinung gestoßen war, eine eigenartige Gnade für die Dunkelheit in mir. Mit dem Zeigefinger berührte ich den unteren Teil der braunen Schmetterlingspuppe, der Chrysalis, und spürte etwas, das wie Licht durch mich hindurchflutete. In diesem Augenblick schien Gott mit mir über Verwandlung zu sprechen. Über das Abtauchen und Wiederhervortreten der Seele. Über die Hoffnung.
Ich brach den Zweig vom Ast und trug die Chrysalis nach Hause. Denn dies war mein Kokon. Meine Finsternis, in der meine Seele heranreifte.
Hinten in unserem Garten befestigte ich den Zweig mit dem Kokon vorsichtig an einem Ast des Holzapfelbaums. Dann ging ich hinein.
Die Kinder waren mit ihren Hausaufgaben beschäftigt, und Sandy deckte gerade den Tisch. Ich stand am Fenster und betrachtete den Kokon, der wie ein umgekehrtes Fragezeichen in der kalten Winterluft schwebte. Lebe die Frage, flüsterte Gott.
In diesem Moment drang die Gewissheit bis in mein Herz, und ich verstand endlich. Verstand wirklich. Krisen, Veränderungen – all die unzähligen Umbrüche, die den Geist attackieren und uns nach einer Lösung suchen lassen – sind nicht einfach Stimmen des Leidens, sondern auch Ausdruck schöpferischer Kraft. Und wenn wir nur zuhören würden, könnten wir in diesen Zeiten Aufrufe zu Ruhephasen erkennen, an einem Ort der fruchtbaren Leere.
Der Augenblick hatte mich beflügelt, und ich wandte mich abrupt vom Fenster ab. Jetzt wusste ich es. Ich musste mich verpuppen.

Die Kunst des geistigen Verpuppens

Das griechische Wort für Seele ist Psyche und wird oft durch einen Schmetterling symbolisiert. Die Seele wie auch der Schmetterling unterziehen sich einer Verwandlung, einer Metamorphose. Obwohl ich gerne geglaubt hätte, die Reifung und das Hervorgehen meines authentischen Selbst würde nur einen geringen Zeit- und Arbeitsaufwand von meiner Seite erfordern, wusste ich im Prinzip, dass dem nicht so war. Die Ganzheit der Seele entwickelt sich langsam. Wir sind aufgefordert, Einkehr zu halten, um das Neue, das Gott formen will, in uns reifen zu lassen; wir sind aufgefordert, uns mit der Gnade Gottes zu verbünden.
Das soll weder heißen, Gnade sei kein Geschenk, noch dass schon alleine der willkürliche Prozess des Wartens Gnade erzeuge. Aber das Warten sorgt für den Raum und die Zeit, die nötig sind, damit solche Gnade geschehen kann. Der Geist braucht ein Behältnis, um sich zu ergießen. Gnade braucht einen Schauplatz zur Verkörperung. Das Warten kann solch ein Ort sein, wenn wir es zulassen.
Vor nicht allzu langer Zeit entdeckte ich in einem Kunstgeschäft ein Plakat. Darauf war ein goldener Schmetterling abgebildet, der seine Flügel vor einem strahlend blauen Himmel ausbreitete. »Die Seele ist dein größtes Kunstwerk« lautete der Titel. Als ich genauer hinsah, entdeckte ich in der unteren linken Ecke die Hülse des leeren Kokons, eine leidvolle Erinnerung daran, dass leuchtende Flügel und Kunstwerke nicht von ungefähr kamen. Sie erforderten den Mut, etwas loszulassen und die Chrysalis zu spinnen. Beim Bilden der Seele können wir den Kokon nicht auslassen. Wo auch immer leuchtende neue Flügel auftauchen, liegt irgendwo in der Ecke auch eine leere Hülse des Wartens.
In den Tagen nach meinem Februarspaziergang fragte ich mich immer wieder, was passieren würde, wenn ich die Kunst der geistigen Verpuppung erlernte. Erfuhr ich womöglich eine Beruhigung meiner Seele, die Gott einlud und eine Neugestaltung des Lebens vorbereitete? Würde ich erkennen, dass das Warten, mit all seiner stillen Leidenschaft und seiner verborgenen Glut, die eigentliche Feuerprobe war? Konnte die Ausrichtung des Kokons es mir gestatten, festgefahrene Verhaltensweisen abzulegen und mich auf eine echtere Menschlichkeit zuzubewegen, bei der das wahre Selbst durchbricht?
Vielleicht war das Warten das fehlende Glied bei der spirituellen Reifung, die verlorene und vergessene Erfahrung, die ausschlaggebend dafür war, durch und durch Mensch zu werden, durch und durch Christ, durch und durch ein Selbst.
Als ich einmal im Evangelium las, wurde mir bewusst, dass Jesus, immer wenn ihm wichtige Übergangsphasen bevorstanden, sich hinter die Einfriedungen des Wartens zurückzog – die Wildnis, den Garten, das Grab. Das Leben Jesu verlief in einem ausgewogenen Rhythmus zwischen Warten auf Gott und den Offenbarungen dieses Wartens.
Vorher hatte ich dazu geneigt, Warten als rein passiven Vorgang zu betrachten. Als ich aber im Wörterbuch nachsah, stellte sich heraus, dass sowohl passiv als auch Passion auf den gleichen lateinischen Ursprung pati zurückgingen, das »aushalten, ertragen, erdulden« bedeutet. Damit ist das Warten sowohl passiv als auch leidenschaftlich. Es ist ein kraftvolles, besinnliches Werk. Es bedeutet, zu den tiefer liegenden Wurzeln der Gebete hinabzutauchen. Dazu gehört auch, den verwaisten Stimmen in uns zu lauschen, den Wunden der Seele furchtlos zu begegnen, dem Verleugneten und dem Unentdeckten, und die Orte zu erkennen, an denen wir uns fälschlicherweise aufhalten. Es bedeutet, unsere Vision von dem, was wir wirklich vor Gott sein wollen, durchzusetzen und den Mut aufzubringen, diese Vision auch zu leben.
Meine Begegnung mit dem Kokon hatte mich derart berührt, wie ich es mir nicht hätte vorstellen können. Dass ich überhaupt darauf gestoßen war, dieses Zusammentreffen schien mir schon ein kleines Wunder zu sein, es bewies die schiere Fähigkeit des Daseins, zu uns zu sprechen.
Über ein Jahr lang habe ich innerlich mit der Symbolik von Raupen, Puppen und Schmetterlingen gelebt und gearbeitet. Ich hatte sie als ein Geschenk Gottes betrachtet – heilende Sinnbilder, deren Bedeutung weit über die üblichen Rührseligkeiten, die sie sonst auslösten, hinausging. Wir neigen dazu, die Kraft eines Symbols, das uns Gnade vermittelt und uns zur Veränderung treibt, zu unterschätzen.
Von dem Moment an, wo ich diese Bilder in mich aufnahm, stieß ich in meiner Umgebung immer und immer wieder auf sie. Plötzlich waren sie überall. Sie kamen zu mir, unangefordert wie Gaben – auf Grußkarten, Geschenkpapier, Halsketten, Büchern, Briefbeschwerern, Plakaten, Schlüsselanhängern, Glasfiguren, Zeichnungen. Als ich einmal durch New York schlenderte, entdeckte ich rein zufällig eine Schmetterlingsgalerie, die voll von kunstvollen Glaskästen mit präparierten Schmetterlingen war. Zwei von ihnen nahm ich mit nach Hause, wo sie meinen Schreibtisch zieren. Auch in meinen Träumen traf ich wiederholt auf dieses Symbol. Und nicht nur ein- oder zweimal, sondern gleich dreimal ließ sich ein echter Schmetterling auf mir nieder. Dies waren die unerklärlichen, aber beredten Salbungen des Lebens. Ehrlich gestanden, führte das Ganze bei mir zu wahrem Übermut. »Ist ja in Ordnung, Gott«, wollte ich ausrufen. »Ich hab’s kapiert.«

Im Kreis is verharren

In der Nacht nach der Entdeckung meines Kokons hatte ich einen unvergesslichen Traum. Laut der Bibel sind Träume das wichtigste Kommunikationsmittel Gottes. Der Episkopal-Prediger und Psychologe Morton Kelsey hat darauf hingewiesen, die christliche Kirche neige dazu, die religiöse Bedeutung von Träumen zu vernachlässigen.9 Schon vor einiger Zeit hatte ich es schätzen und begreifen gelernt, dass Träume, die dem Unbewussten entsteigen, Offenbarungen und symbolhafte Bilder beinhalteten und uns zu einem tieferen spirituellen Bereich Zugang verschafften. Und in der Tat, der Traum, den ich in dieser Nacht hatte, war von au ßerordentlicher Bedeutung.
Am nächsten Morgen notierte ich Folgendes:
Ich sitze alleine da und lese Zeitung. Ich wende mich den Kleinanzeigen zu und hoffe, darin etwas Neues für mich zu finden. Plötzlich entdecke ich einen Artikel, in dem mein Tod angezeigt wird. Ich bin wie vor den Kopf gestoßen. Wie konnte mein Nachruf nur unter die Gesuche geraten?
Durchs Fenster sehe ich eine alte, weißhaarige Frau auf meine Haustür zusteuern. Sie trägt meterweise lavendelfarbenes Tuch. Als sie anklopft, öffne ich ihr. Sie lächelt mich mit ihrem verwitterten Gesicht an, und ich bitte sie hinein.
Wortlos umhüllt sie mich mit lavendelfarbenem Stoff, als wäre ich eine Mumie. Ich versuche, ihn abzuschütteln. »Halt still«, befiehlt sie mir streng. »Es ist an der Zeit.«
Ich verharre reglos und schweigend. Sie wickelt mich von Kopf bis Fuß ein. Dann malt sie einen Kreis auf den Boden und stellt mich hinein. »Bleib da stehen, bis ich wiederkomme«, weist sie mich an.
Mein Gesicht ist bedeckt, aber ich kann undeutlich erkennen, wie sie sich entfernt. Als sie sich umdreht, entdecke ich auf ihrem Rücken einen lavendelfarbenen Schmetterling.
Ich schreckte auf, mein Herz klopfte wild. Die Chrysalis im Baum war zur inneren Chrysalis geworden. Die Metaphorik dieses Traums, die aus meiner eigenen Tiefe hervortanzte – von Gott choreografiert, wie ich mir einbilde -, offenbarte mir den Weg, einen Weg, der für jeden das Gleiche bedeutet, der sich auf unwegsames Gelände begibt und die Kleinanzeigen studiert, in der Hoffnung, darin etwas Neues für sein Leben zu finden. Es scheint, als müsse man erst über seine eigene Todesanzeige stolpern, um etwas Neues zu schaffen, um das Alte sterben zu lassen und dem Warten die Tür zu öffnen, um die Erfahrung des Austragens dessen, was geboren werden muss, anzunehmen. Es gilt zunächst, genug Vertrauen für diesen Prozess aufzubringen, um sich in den Kreis hineinzuwagen und dort auszuharren, bis die Zeit für das Hervortreten reif ist.
Ich ging in diesem kalten Winter jeden Morgen und manchmal sogar in der kalten Dämmerung hinaus zum Holzapfelbaum und bewunderte den Kokon. Irgendwie half er mir dabei, das zu tun, worum Gott mich offensichtlich bat. Im Kreis zu verharren, ohne davonzulaufen, »stillzuhalten« und zu warten.
Eines Tages kam Ann mit hinaus, um sich den Kokon anzusehen. »Erinnerst du dich noch an Stripe and Yellow?«, fragte sie.
Ich nickte und musste lächeln. Stripe and Yellow waren zwei Raupen in Trina Paulus’ Buch Hoffnung für die Blumen. Die Erzählung handelte davon, wie aus ihnen Schmetterlinge wurden.
Yellow hatte eine andere Raupe beim Spinnen eines Kokons gesehen und gefragt: »Wenn ich beschließen sollte, dass ich ein Schmetterling werden will|... was muss ich dann tun?«
»Sieh mir zu«, hörte man eine Stimme. »Ich baue einen Kokon. Es sieht aus, als ob ich mich versteckte, ich weiß schon, aber ein Kokon ist keine Fluchtburg. Er ist eine Zwischenstation, wo die Verwandlung stattfindet|... Während der Verwandlung scheint nichts zu passieren. Aber der Schmetterling ist schon in Arbeit. Es dauert nur etwas.«10
Yellow hatte Angst gehabt, doch sie ging das Risiko ein und spann ihren eigenen Kokon, um später daraus zu schlüpfen und ihre Flügel auszubreiten.
Während ich mir die Geschichte in Erinnerung rief, zeigte Ann auf den Kokon und fragte: »Mama, glaubst du, dass ein Stripe oder eine Yellow drin ist?«
Plötzlich schossen mir die Tränen in die Augen. »Oh, das hoffe ich«, entgegnete ich. »Ich hoffe es.«
Von da an verfolgten mich die einfachen und doch so grundlegenden Worte der Geschichte. »Ein Kokon ist keine Fluchtburg|... Es dauert.«
Ein junger Mönch fragte einst Abba Moses, einen der Wüstenväter, wie man echte geistige Reife erlangen könne. »Geh und setz dich in deine Zelle«, sagte der alte Mönch, »die wird dich alles lehren, was du brauchst.«11 Irgendwann ist uns dieses grundlegende Geheimnis des spirituellen Lebens verloren gegangen, dass wir mit der Gelassenheit, »Gesetztheit« nannte es George Fox, den Bereich der Verwandlung finden. Im stoischen Warten finden wir alles, was wir brauchen, um zu reifen. Kopfüber im Zentrum der Frage schwebend, berühren wir die heiligen Räume des wahren Werdens.
Die Gefahren, die lauern, wenn man zu früh den Kokon verlässt, sind offensichtlich. Mein Therapeut hat mir eine Geschichte erzählt, in der ein Kind einen Kokon findet. Es wollte das eingeschlossene Wesen befreien und schnitt mit seinem Taschenmesser eine Öffnung in den Boden der Chrysalis und ermöglichte so dem Schmetterling herauszuschlüpfen, aber als das Geschöpf seine Flügel ausbreiten wollte, konnte es nicht fliegen. Durch die verkürzte Reifungsdauer des Schmetterlings waren seine Flügel hoffnungslos unterentwickelt.
Der Appell, nicht nur zu warten, sondern dabei gelassen zu bleiben, war zu mir durchgedrungen. Langsam aber sicher sollte ich begreifen, was es mit diesem dunklen und geheimnisvollen Prozess auf sich hatte.

Der Umweg

Als ich noch ein Kind war, hatte meine Familie eine Angestellte namens Sweet. Sie kümmerte sich um meine Brüder und mich, als wären wir ihre eigenen Kinder. Eines Tages spielten wir bei meiner Großmutter im Garten und entdeckten eine Schubkarre, voller Regenwasser. Darin schwammen Hunderte von Kaulquappen.
Wir stürmten ins Haus und baten Sweet um drei Einweckgläser. Nachdem sie sie uns gegeben hatte, trat meine Großmutter hinzu. »Mädchen fangen doch keine Kaulquappen«, sagte sie lachend. »Sue, komm mit mir, ich bring dir bei, wie man ›Chopsticks‹ auf dem Klavier spielt.« Meine Brüder stoben hinaus zur Schubkarre und ich fand mich auf der Klavierbank wieder.
Ein paar Tage später zog ich mit Sweet los zu einem unserer regelmäßigen Spaziergänge im Stadtpark, der etwa vier Häuserblocks entfernt lag. Der Park war das Beste von allem und ich konnte es kaum abwarten, dort hinzukommen. Aber an diesem Tag nahm mich Sweet bei der Hand und führte mich in die entgegengesetzte Richtung. »Wir machen einen Umweg«, erklärte sie mir.
Einen Umweg? Diese Worte klangen wie ein Fluch in meinen Ohren. Warum sollten wir absichtlich einen längeren Weg gehen? Ich machte Theater, aber Sweet zeigte sich unbeirrt. Los ging es auf den Umweg, nicht vier Häuserblocks weit, sondern acht! Wir hatten mindestens sechs davon hinter uns gebracht, als wir an einem Graben anhielten, der vor Wasser und Kaulquappen fast überquoll. Sie zog ein Vorratsglas mit Blechdeckel aus der Tasche, oben hatte sie mit einem Nagel Löcher hineingestochen. »Bist du jetzt froh, dass wir einen Umweg gemacht haben? Auf dem kurzen Weg gibt es nämlich keine Kaulquappen«, bemerkte sie.
In meinem Kopf ertönte die Stimme meiner Großmutter: »Nur Jungs fangen Kaulquappen.« Nur Jungs. Ich zögerte, aber Sweet stieß mich mit dem Vorratsglas an. Bald darauf hing ich bis zu den Ellenbogen in der braunen Brühe und versuchte, das reiche, davonschnellende Leben einzufangen. Ich ergötzte mich an meinem neu gewonnenen Universum, und das Erlebnis wurde zu einer meiner herrlichsten Kindheitserinnerungen. Es war der Tag, an dem ich lernte, die engen Vorgaben, die festlegten, was von mir erwartet wurde und was für mich möglich war, in Frage zu stellen. Wie die Kaulquappen war ich dabei, mich zu einem neuen Wesen zu entwickeln.
Als ich dann erwachsen war und von zu Hause auszog, wurde ich wiederum in enge, ordentliche Bahnen von herkömmlichen Erwartungen gelenkt. Ich lernte, mich den Rollen anzupassen, und trug alle möglichen Masken, die mein wahres Selbst verbargen. Ich hatte das Kaulquappenerlebnis vergessen.
Eines Tages, zu Beginn meines Verpuppungsstadiums, las ich ein Gedicht von Henry David Thoreau, dem einsamen Wanderer Amerikas, mit dem Titel Among the Worst of Men that ever lived. Die letzte Zeile traf mich wie der Bug eines Schiffes, das auf einer winzigen Insel, die in meiner Erinnerung versteckt gewesen war, strandete: »Wir näherten uns dem Himmel auf Umwegen.«12
Gütiger Gott, dachte ich, wir machten Umwege. Dieser Satz rief in mir den lang vergessenen Spaziergang zum Park wach und Sweets schwärmerische Stimme: »Bist du jetzt froh, dass wir einen Umweg gemacht haben? Auf dem kurzen Weg gibt es nämlich keine Kaulquappen.« Die Lektion tat ihre Wirkung erneut: Lebe dein wahres, uneingeschränktes, von Gott geschenktes Selbst, unabhängig davon, was man dir eingetrichtert hat.
Es schien mir, als ob Sweet wie auch Thoreau über dasselbe Talent verfügten. Verwandlungen können nur vor sich gehen, wenn wir einen Umweg in Kauf nehmen, wenn wir bereit sind, eine andere, längere, mühsamere, mehr nach innen gerichtete und mit mehr Gebeten verbundene Strecke zu beschreiten. Wenn man wartet, nimmt man bewusst einen Umweg in Kauf, acht Häuserblocks anstatt vier, und vertraut darauf, dass irgendwo unterwegs eine verändernde Entdeckung für einen daliegt.
»Nichts kann einem Menschen mehr von Nutzen sein als der feste Wille, sich nicht drängen zu lassen«, schrieb Thoreau mit fünfundzwanzig Jahren.13 Er beschloss, sich von »einem Leben der stillen Verzweiflung abzuwenden«, das er überall um sich herum sah, und sich nach seinem eigenen »andersartigen Rhythmus« fortzubewegen, auf Umwegen dem Himmel entgegenzustreben. Am 8. Februar 1857 notierte Thoreau in sein Tagebuch: »Man könnte meinen, ich würde mich vor den Menschen zurückziehen, aber in meiner Einsamkeit habe ich mir ein seidenes Netz, eine Chrysalis gewebt, und larvengleich soll hieraus ein vollendeteres Geschöpf hervorbrechen.«14