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001

Inhaltsverzeichnis
 
Einleitung
 
KAPITEL EINS – Das Element
Drei Geschichten, eine Botschaft
Einheitsgröße passt nicht jedem
Das Tempo der Veränderung
Was ist das Element?
Ich kann etwas
Es begeistert mich
Ich will es tun
Wo ist es?
 
KAPITEL ZWEI – Verändern Sie Ihr Denken
Alles ganz selbstverständlich?
Wie intelligent sind Sie?
Wie sind Sie intelligent?
Die drei Merkmale menschlicher Intelligenz
 
KAPITEL DREI – Fantasie und mehr
Jeder Mensch ist kreativ
Nutzen Sie Ihre Vorstellungskraft
Ist Größe wichtig?
Die Macht der Kreativität
Kreative Dynamik
Seien Sie aufgeschlossen
Unser Denken engt uns ein … oder macht uns frei
 
KAPITEL VIER – Lieben, was man tut
Eins werden mit der Sache
Schon im Element angekommen?
Auf andere zugehen
Seien Sie Sie selbst
Raus aus der Schublade!
Eins und eins zusammenzählen
 
KAPITEL FÜNF – Finden Sie Ihren Clan
Ein Ort, um sich selbst zu entdecken
Was ist Ihr Metier? Domänen und Felder
Sie sind nicht allein
Wie machen es die anderen?
Gedanken Wirklichkeit werden lassen: Einflussbereiche
Die Alchemie der Synergie
Ein Sandkorn in der Menge
Zusehen, zuhören und lernen
 
KAPITEL SECHS – Was werden die anderen denken?
Persönliche Einschränkungen überwinden
»Wir wollen doch nur dein Bestes«: soziale Einschränkungen
Vorsicht – Gruppendenken!
Eine Ameise kommt selten allein
Kulturelle Einschränkungen: Tanga kann total daneben sein
Gegen den Strom schwimmen
 
KAPITEL SIEBEN – Fühlen Sie sich als Glückspilz?
Einstellung und Begabung
 
KAPITEL ACHT – Hilft mir jemand?
Eine Beziehung, die das Leben verändert
Die Rolle des Mentors
Mentoren: Mehr als Helden
 
KAPITEL NEUN – Es ist niemals zu spät
Chance verpasst?
Bleiben Sie flexibel
Engagieren Sie sich
Zeit genug
 
KAPITEL ZEHN – Geld oder Liebe
Aus Liebe zur Sache
Die verwandelnde Kraft des Elements
Mehr als Mußestunden
 
KAPITEL ELF – Das Bildungswesen auf dem Prüfstand
Belächelt, deklassiert, schlechtgemacht
Konformität oder Kreativität
Die Reform des Bildungswesens
Die Transformation des Bildungswesens
Das Element als Bildungsprinzip
 
Nachwort
Danksagung
Anmerkungen
Register
Copyright

Dieses Buch ist für euch: meine Schwester Ethel Lena und meine Brüder Keith, Derek, Ian, John und Neil; unsere außergewöhnlichen Eltern Ethel und Jim; meinen Sohn James und meine Tochter Kate; meine Seelengefährtin Terry. Es ist euren vielen Talenten und der unendlichen Liebe und Freude gewidmet, die wir einander geben. Wenn ich mit euch und euren Lieben zusammen bin, bin ich wirklich in meinem Element.

Einleitung
Vor ein paar Jahren hörte ich eine wunderschöne Geschichte, die ich hier sehr gerne weitererzähle: Eine Grundschullehrerin unterrichtete eine Gruppe sechsjähriger Kinder im Zeichnen. In einer der hinteren Bänke saß ein kleines Mädchen, das normalerweise in der Schule nicht besonders aufmerksam war. Aber jetzt, im Zeichenunterricht, war es ganz bei der Sache. Über zwanzig Minuten saß die Kleine da, ihr Zeichenblatt fest vor sich, und war völlig vertieft in das, was sie da tat. Die Lehrerin war fasziniert. Schließlich fragte sie das Mädchen, was es malen würde. Ohne aufzuschauen sagte die Kleine: »Ich male ein Bild von Gott.« Überrascht erwiderte die Lehrerin: »Aber niemand weiß, wie Gott aussieht.«
Das Mädchen sagte: »Warten Sie einen Moment, gleich wissen Sie es.«
Ich liebe diese Geschichte, denn sie erinnert uns daran, dass kleine Kinder ein wunderbares Zutrauen in ihre Fantasie haben. Die meisten von uns verlieren diese Sicherheit, wenn sie größer werden. Fragen Sie eine Klasse von Erstklässlern, wie viele von ihnen sich für kreativ halten, und alle Hände fliegen in die Höhe. Stellen Sie die gleiche Frage einer Gruppe von College-Studenten, und die meisten Hände bleiben unten. Ich glaube felsenfest, dass wir alle mit außerordentlichen natürlichen Talenten geboren werden, aber zu einem Großteil von ihnen den Kontakt verlieren, je länger wir in dieser Welt sind. Paradoxerweise sind dafür vor allem Erziehung und Ausbildung verantwortlich. Die Folge? Viel zu viele Menschen finden nie den Kontakt zu ihren wahren Begabungen und wissen nicht, zu welchen Leistungen sie fähig sind.
Insofern wissen sie nicht, wer sie sind.
Ich bin sehr viel auf Reisen und arbeite mit Menschen auf der ganzen Welt – mit Bildungsträgern, Unternehmen und gemeinnützigen Organisationen. Überall begegnen mir Schüler und Studenten, die versuchen, sich über ihre Zukunft klar zu werden und nicht wissen, wo sie anfangen sollen. Mir begegnen besorgte Eltern, die ihnen dabei zu helfen versuchen, sie aber oft von ihren wahren Talenten abbringen, weil sie meinen, ihre Kinder müssten die üblichen Wege zum Erfolg einschlagen. Mir begegnen Arbeitgeber, die sich bemühen, die unterschiedlichen Begabungen ihrer Mitarbeiter zu verstehen und besser einzusetzen. Ich weiß nicht mehr, wie viele Menschen ich getroffen habe, die nicht so richtig wissen, welche individuellen Talente und Passionen sie haben. Das, was sie tun, macht ihnen keinen Spaß, aber sie wissen auch nicht, was sie stattdessen ausfüllen würde.
Andererseits habe ich Menschen kennengelernt, die auf den unterschiedlichsten Gebieten sehr erfolgreich waren, ihrer Beschäftigung leidenschaftlich gern nachgingen und sich nicht vorstellen konnten, irgendetwas anderes zu tun. Ich glaube, dass ihre Geschichten uns etwas Wichtiges über das Wesen des menschlichen Potenzials und eines erfüllten Lebens sagen können. Bei meinen Vorträgen rund um die Welt habe ich festgestellt, dass solche wahren Geschichten die Zuhörer mindestens ebenso sehr wie Statistiken und Expertenmeinungen davon überzeugen, dass wir zu uns und dem, was wir mit unserem Leben machen, eine andere Einstellung brauchen; dass wir die Erziehung und Ausbildung unserer Kinder überdenken müssen und ebenso die Art, wie wir unsere Firmen führen.
Dieses Buch enthält einen bunten Strauß von Geschichten über die kreativen Reisen ganz unterschiedlicher Menschen. Viele von ihnen wurden speziell für dieses Buch interviewt. Sie erzählen, wie sie ihre speziellen Talente entdeckt haben und dadurch, dass sie tun, was sie lieben, auch finanziell sehr erfolgreich geworden sind. Mich hat beeindruckt, dass diese Menschen oft nicht den konventionellen Wegen gefolgt sind. Vielmehr war ihre Lebensreise voller Brüche, Wendungen und Überraschungen. Oft sagten die Interviewten, die Gespräche zu diesem Buch hätten ihnen Gedanken und Erlebnisse deutlich gemacht, über die sie so noch nie gesprochen hätten. Der Augenblick der Erkenntnis. Die Entwicklung ihrer Begabungen. Die Er- oder Entmutigung durch Familienangehörige, Freunde und Lehrer. Das, was sie trotz zahlreicher Hindernisse weiter vorantrieb.
Trotzdem sind ihre Geschichten keine Märchen. All diese Menschen haben ein kompliziertes Leben, das sie vor viele Herausforderungen gestellt hat. Ihr Weg verlief nicht glatt und reibungslos.Jeder hatte seine Triumphe und seine Katastrophen. Keiner hat ein »perfektes« Leben. Aber alle erleben regelmäßig Augenblicke, die sich nahezu vollkommen anfühlen. Ihre Geschichten sind oft faszinierend.
Trotzdem geht es in diesem Buch nicht um diese Menschen. Sondern um Sie.
Ich habe dieses Buch geschrieben, damit Ihre Perspektive auf das Potenzial und die Kreativität von Menschen sich erweitert und Sie die Vorteile erkennen, die es für uns alle hat, wenn wir den Kontakt zu unseren individuellen Talenten und Passionen herstellen. Es geht um Themen, die für unser Leben und das unserer Kinder, Schüler und Mitarbeiter extrem wichtig sind. Ich verwende den Begriff Element, um den Ort zu beschreiben, an dem das, was wir gern tun, und das, was wir gut können, zusammenkommen. Ich halte es für unbedingt notwendig, dass jeder sein »Element« findet – nicht nur, weil jeder Einzelne dann ein erfüllteres Leben hat, sondern weil in einer bewegten Welt wie der unseren die Zukunft der Gemeinwesen und Institutionen darauf angewiesen ist.
Die Welt verändert sich schneller als je zuvor in unserer Geschichte. Für die Zukunft können wir nur hoffen, dass wir für das Potenzial des Menschen ein neues Paradigma entwickeln, das einer neuen Ära menschlichen Daseins gerecht wird. Wir müssen erkennen, wie wichtig die Förderung menschlicher Begabungen ist, und dass Talent sich bei jedem von uns anders äußert. Wir müssen – an unseren Schulen, Arbeitsplätzen und öffentlichen Institutionen – Umgebungen schaffen, in denen jeder dazu ermutigt wird, kreativ zu wachsen. Wir müssen dafür sorgen, dass jeder die Chance hat, das zu tun, was im Innersten in ihm angelegt ist, und auf seine Weise sein Potenzial entdeckt.
Dieses Buch ist der atemberaubenden Vielfalt an Begabungen und Passionen gewidmet und unserem unglaublichen Potenzial, zu wachsen und uns weiterzuentwickeln. Es handelt auch von den Umständen, unter denen menschliche Talente gedeihen oder verdorren. Es handelt davon, wie wir alle mehr in der Gegenwart sein und uns gleichzeitig auf die einzig mögliche Weise auf eine völlig unbekannte Zukunft vorbereiten können.
Um aus uns selbst und unseren Mitmenschen das Beste zu machen, brauchen wir dringend ein komplexeres Verständnis vom menschlichen Potenzial.Wir müssen unser Element finden.

KAPITEL EINS
Das Element
002
Gillian war zwar erst acht Jahre alt, aber ihre Zukunft stand bereits auf der Kippe. Ihre schulischen Leistungen waren eine Katastrophe, zumindest nach Meinung ihrer Lehrer. Hausaufgaben lieferte sie zu spät ab, ihre Handschrift war schrecklich, und Tests schaffte sie mit Ach und Krach. Aber nicht nur das, sie störte auch den gesamten Unterricht, indem sie mal geräuschvoll herumzappelte, mal aus dem Fenster starrte, so dass der Lehrer den Unterricht unterbrechen musste, um sie zur Ordnung zu rufen, und dann wieder irgendetwas anderes anstellte, das die Kinder um sie herum störte. Das alles machte zwar Gillian nicht großartig etwas aus – sie war es gewohnt, dass Autoritätspersonen sie korrigierten und hielt sich nicht für ein schwieriges Kind -, wohl aber der Schule. Die Situation spitzte sich zu, als die Schule ihren Eltern einen Brief schrieb.
Die Schulleitung war der Ansicht, Gillian hätte irgendeine Lernbehinderung und wäre in einer Schule für Kinder mit besonderen Bedürfnissen vielleicht besser aufgehoben. All das fand in den 1930er Jahren statt. Ich glaube, heute würde eine Schulleitung sagen, Gillian hätte eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS), und sie mit Ritalin oder Ähnlichem behandeln lassen. Aber damals war die ADHS-Epidemie noch nicht erfunden. Sie stand als Pathologie nicht zur Verfügung. Die Leute wussten nicht, dass sie so etwas haben konnten, und mussten ohne diesen Begriff zurechtkommen.
Gillians Eltern bereitete der Brief von der Schule große Sorgen, und sie wurden sofort aktiv. Gillians Mutter zog ihrer Tochter die besten Kleider und Schuhe an, band ihre Haare zu Zöpfen und brachte sie zu einem Psychologen, um dessen Urteil zu hören. Sie befürchtete das Schlimmste.
Gillian erzählte mir, sie würde sich daran erinnern, dass sie in einen großen, eichenvertäfelten Raum geführt wurde, in dem in Leder gebundene Bücher auf den Regalen standen. Neben einem riesigen Schreibtisch stand ein imposanter Mann im Tweedjackett. Er führte Gillian ans andere Ende des Raums und ließ sie auf einem ausladenden Ledersofa Platz nehmen. Gillian kam mit ihren Füßen nicht ganz auf den Fußboden, und die Umgebung schüchterte sie ein. Sie hatte Angst, einen schlechten Eindruck zu machen und setzte sich auf ihre Hände, damit sie nicht herumzappelten.
Der Psychologe ging zu seinem Schreibtisch zurück, und in den nächsten zwanzig Minuten fragte er Gillians Mutter nach den Schwierigkeiten, die Gillian in der Schule hatte und den Problemen, die sie nach Meinung der Schule machte. Obwohl er Gillian nicht direkt befragte, beobachtete er sie die ganze Zeit über aufmerksam. Gillian fühlte sich deshalb extrem unbehaglich, und ihr schwirrte der Kopf. Obwohl sie noch ein Kind war, wusste sie, dass dieser Mann eine wichtige Rolle in ihrem Leben spielen würde. Sie wusste, was es bedeutete, eine »Sonderschule« zu besuchen, und das wollte sie keinesfalls. Sie hatte nicht das Gefühl, irgendwelche echten Probleme zu haben, aber alle anderen schienen dieser Meinung zu sein. In Anbetracht der Art, wie die Mutter die Fragen beantwortete, war es möglich, dass auch sie so dachte.
Vielleicht, dachte Gillian, haben sie ja recht.
Schließlich hörten Gillians Mutter und der Psychologe auf zu reden. Der Mann stand von seinem Schreibtisch auf, ging zum Sofa und setzte sich neben das kleine Mädchen.
»Gillian, du warst sehr geduldig, und dafür danke ich dir«, sagte er. »Aber ich fürchte, du musst dich noch ein bisschen länger gedulden. Ich muss jetzt mit deiner Mutter allein reden.Wir gehen ein paar Minuten nach draußen. Hab keine Angst; wir sind nicht lange weg.«
Gillian nickte ängstlich, und die zwei Erwachsenen ließen sie allein auf dem Sofa sitzen.Aber bevor der Psychologe das Zimmer verließ, lehnte er sich über den Schreibtisch und schaltete das Radio ein.
Sobald sie draußen auf dem Flur waren, sagte der Arzt zu Gillians Mutter: »Bitte bleiben Sie einen Augenblick hier stehen und beobachten Sie, was Ihre Tochter tut.« Es gab ein Fenster in den Raum, und die beiden stellten sich seitlich von ihm hin, so dass Gillian sie nicht sehen konnte. Fast sofort sprang Gillian auf und bewegte sich zu der Musik im Raum herum. Die zwei Erwachsenen standen still da und beobachteten sie ein paar Minuten, sprachlos angesichts von so viel Anmut. Jedem wäre aufgefallen, dass Gillians Bewegungen etwas ganz Natürliches hatten und aus ihrem tiefsten Inneren zu kommen schienen. Auch ihr seliger Gesichtsausdruck war unübersehbar.
Schließlich wandte der Psychologe sich an Gillians Mutter und sagte: »Wissen Sie, Mrs. Lynne, Gillian ist nicht krank. Sie ist eine Tänzerin. Melden Sie sie bei einer Ballettschule an.«
Ich fragte Gillian, was dann passiert sei. Sie sagte, ihre Mutter hätte genau das getan, was der Psychologe vorgeschlagen hatte. »Ich kann Ihnen nicht sagen, wie herrlich es war«, erzählte sie mir. »Ich ging in diesen Raum hinein, und da waren lauter Menschen wie ich, die nicht stillsitzen konnten. Menschen, die sich bewegen mussten, um denken zu können
Gillian besuchte die Ballettschule jeden Tag, und täglich übte sie zu Hause. Schließlich tanzte sie an der Schule des Royal Ballet in London vor und wurde angenommen. Später gehörte sie dem Ensemble des Royal Ballet an, wurde Primaballerina und gab Vorstellungen auf der ganzen Welt. Als dieser Abschnitt ihrer Karriere endete, gründete sie ihre eigene Tanztruppe und produzierte eine Reihe von Shows, die in London und New York sehr erfolgreich waren. Schließlich lernte sie Andrew Lloyd Webber kennen und schuf mit ihm zusammen einige der erfolgreichsten Musicalproduktionen aller Zeiten, darunter Cats und Das Phantom der Oper.
Die kleine Gillian, das Mädchen mit der gefährdeten Zukunft, wurde von der Welt als Gillian Lynne umjubelt, eine der fähigsten Choreografinnen unserer Zeit und jemand, der Millionen Menschen Freude gebracht und Millionen Dollar verdient hat. All das konnte geschehen, weil jemand ihr tief in die Augen gesehen hatte – jemand, der Kinder wie sie schon gesehen hatte und ihre Zeichen zu lesen verstand. Ein anderer hätte ihr vielleicht Medikamente gegeben und ihr gesagt, sie solle sich beruhigen. Aber Gillian war kein Problemkind. Sie brauchte nicht auf eine Sonderschule zu gehen.
Sie brauchte nur zu sein, wer sie wirklich war.
 
Anders als Gillian hatte Matt in der Schule keine Probleme; seine Noten waren ganz ordentlich, und er bestand alle wichtigen Tests. Aber er langweilte sich enorm. Um sich bei Laune zu halten, fing er an, während des Unterrichts zu zeichnen. »Ich war ständig am Zeichnen«, erzählte er mir. »Und ich wurde darin so gut, dass ich zeichnen konnte, ohne hinzusehen, so dass der Lehrer dachte, ich würde aufpassen.« Für Matt war der Kunstunterricht eine Gelegenheit, seiner Leidenschaft mit Hingabe zu frönen. »Wir malten Malbücher aus, und ich dachte, ich werde mich nie darauf beschränken können, dass die Farben innerhalb der Umrisse bleiben. Das war dermaßen ätzend!« Matts Kreativität erreichte eine völlig andere Ebene, als er in die Highschool kam. »Wir hatten Kunstunterricht und die anderen Kinder saßen bloß da, der Kunstlehrer war desinteressiert und die Malutensilien lagen herum; niemand benutzte sie. Also malte ich so viele Bilder, wie ich konnte – dreißig in einer einzigen Stunde. Ich sah mir die einzelnen Bilder an, wie sie wirkten, und dann gab ich ihnen einen Titel. ›Delfin im Seetang‹, okay! Das Nächste! Ich erinnere mich, dass ich jede Menge Bilder malte, bis sie schließlich merkten, dass ich so viel Papier verbrauchte, dass sie mich stoppten.
Es war so ein Kribbeln – das besondere Gefühl, etwas zu erschaffen, was vorher nicht da gewesen war. Als meine Technik besser wurde, war es witzig, sagen zu können ›Hey, das sieht ja wirklich ungefähr so aus, wie es aussehen soll.‹ Aber dann merkte ich, dass meine Zeichnungen nicht viel besser wurden, also fing ich an, mich auf Geschichten und Witze zu konzentrieren. Ich dachte, das wäre unterhaltsamer.«
Matt Groening, der auf der ganzen Welt als Erfinder der Simpsons bekannt ist, fand seine wahre Inspiration durch die Arbeit anderer Künstler, deren Bilder zwar in technischer Hinsicht keine Meisterwerke waren, aber einen charakteristischen Kunststil mit fantasievollen Geschichten kombinierten. »Es ermutigte mich, wenn ich Leute sah, die nicht zeichnen konnten, aber trotzdem ihren Lebensunterhalt verdienten, zum Beispiel James Thurber. Auch John Lennon war sehr wichtig für mich. Seine Bücher In seiner eigenen Schreibe und Ein Spanier macht noch keinen Sommer sind voll von seinen wirklich lausigen Zeichnungen, und dazu witzige Prosagedichte und verrückte Geschichten. Ich durchlief eine Phase, in der ich versuchte, John Lennon zu imitieren. Auch Robert Crumb hatte sehr großen Einfluss auf mich.«
Matts Lehrer und seine Eltern – sogar sein Vater, der Karikaturist und Filmemacher war – rieten ihm, mit seinem Leben etwas anderes zu machen. Sie schlugen vor, er solle aufs College gehen und sich einen seriöseren Beruf aussuchen. Tatsächlich hatte er bis zum College (in seinem Fall eine unkonventionelle Einrichtung ohne Noten oder feste Klassen) nur einen Lehrer, der ihn wirklich inspirierte. »Meine Lehrerin aus der ersten Klasse bewahrte die Bilder auf, die ich im Unterricht gemacht hatte. Sie bewahrte sie tatsächlich auf, jahrelang. Ich war gerührt, denn sie hat ja mit Hunderten von Kindern zu tun. Sie heißt Elizabeth Hoover. Ich habe eine Figur aus den Simpsons nach ihr benannt.«
Die skeptische Haltung der Autoritätspersonen schreckte Matt nicht ab, weil er im tiefsten Inneren wusste, was ihn wirklich inspirierte.
»Wenn ich als Kind spielte und Geschichten erfand und kleine Figuren benutzte – Dinosaurier und solches Zeug -, wusste ich, dass ich das für den Rest meines Lebens machen würde. Ich sah Erwachsene mit Aktentaschen in Bürogebäude gehen und dachte: ›Das kann ich nicht. Eigentlich will ich nur das hier machen.‹ Die anderen Kinder in meinem Umfeld dachten das Gleiche, aber nach und nach zwitscherten sie ab und wurden seriöser. Für mich ging es immer darum, zu spielen und Geschichten zu erzählen.
Ich wusste, welche Phasen ich durchlaufen sollte – Highschool, College, ein Zeugnis bekommen, in die Welt hinausgehen und einen guten Job antreten. Ich wusste, dass das bei mir nicht funktionieren würde. Ich wusste, dass ich mein ganzes Leben lang Cartoons zeichnen würde.
An der Schule fand ich Freunde, die die gleichen Interessen hatten. Wir hingen zusammen herum und zeichneten Comics, und dann brachten wir sie in die Schule mit und zeigten sie herum.Als wir älter und ehrgeiziger wurden, fingen wir an, Filme zu machen. Es war super. Zum Teil kompensierte es die Tatsache, dass wir uns gesellschaftlich sehr unsicher fühlten. Statt am Wochenende zu Hause zu bleiben, gingen wir aus und machten Filme. Statt freitags abends zum Football-Spiel zu gehen, gingen wir zur örtlichen Universität und sahen uns Underground-Filme an.
Ich beschloss, in Zukunft meinen Lebensunterhalt mit meinem Grips zu bestreiten. Ich glaubte übrigens nicht, dass es funktionieren würde. Ich dachte, ich würde in irgendeinem miesen Job arbeiten und etwas tun, das ich hasste – in einem Reifenlager arbeiten beispielsweise. Keine Ahnung, warum ich ausgerechnet auf ein Reifenlager kam. Ich dachte, ich würde Reifen durch die Gegend rollen und in der Pause Cartoons zeichnen.«
Und dann ergab sich alles ganz anders. Matt zog nach Los Angeles, brachte schließlich seinen Comicstrip Life in Hell bei der Zeitung L.A. Weekly unter und begann sich einen Namen zu machen. Das führte dazu, dass der Fernsehsender Fox ihn aufforderte, für die Tracey Ullman Show kurze Animationen zu zeichnen. Während des Vorstellungsgesprächs bei Fox erfand Matt spontan die Simpsons - ohne vor dem Treffen jemals daran gedacht zu haben. Die Show entwickelte sich zu einer halbstündigen Sendung und läuft inzwischen seit neunzehn Jahren jeden Sonntag auf Fox. Filme, Comic-Bücher, Spielzeuge und zahllose andere Handelsartikel haben sich daraus ergeben. Mit anderen Worten: ein Popkultur-Imperium. All das wäre nicht passiert, hätte Matt Groening auf die Leute gehört, die ihm sagten, er solle eine »ordentliche« Karriere anstreben.
 
Nicht alle erfolgreichen Menschen hatten eine Abneigung gegen die Schule oder waren dort hoffnungslose Fälle. Der Highschool-Schüler Paul hatte sehr gute Noten, als er zum ersten Mal einen Hörsaal der Universität von Chicago betrat. Ihm war in diesem Moment nicht klar, dass das dazugehörige College eine der weltweit führenden Einrichtungen für das Studium der Ökonomie war. Er wusste nur, dass es nah an seinem Zuhause war. Minuten später war er, wie er in einem Artikel schrieb, »wiedergeboren«. »In der Vorlesung ging es an diesem Tag um die Theorie des Nationalökonomen Robert Malthus, der zufolge menschliche Bevölkerungen sich so lange wie die Kaninchen vermehren, bis die Bevölkerungsdichte pro Einheit Boden den Lohn auf jenes Existenzminimum absenkt, an dem die Sterberate so hoch wie die Geburtenrate ist. Es war so einfach, dieses ganze simple Differenzialgleichungszeugs zu verstehen, dass ich (irrtümlich) annahm, irgendeine mysteriöse Schwierigkeit würde mir entgehen.«
So begann Dr. Paul Samuelsons Leben als Ökonom – ein Leben, das er als »puren Spaß« beschreibt und in dem er als Professor am MIT arbeitete, Präsident der International Economic Association wurde, mehrere Bücher (darunter das meistverkaufte Ökonomie-Lehrbuch aller Zeiten) sowie Hunderte wissenschaftlicher Abhandlungen schrieb – und 1970 als erster Amerikaner den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhielt.
»Als neunmalkluger Jugendlicher war ich immer gut in logischen Manövern und IQ-Tests, bei denen Rätsel gelöst werden mussten. Wenn also die Ökonomie für mich wie geschaffen war, muss man auch sagen, dass ich für die Ökonomie wie geschaffen war. Unterschätzen Sie nie, wie enorm wichtig es ist, dass Sie früh im Leben die Arbeit finden, die für Sie ein Spiel ist. Genau das verwandelt potenzielle Schulversager in glückliche Lebensgewinner.«

Drei Geschichten, eine Botschaft

Gillian Lynne, Matt Groening und Paul Samuelson sind drei ganz verschiedene Menschen mit drei ganz verschiedenen Geschichten. Aber sie verbindet eine unleugbar beeindruckende Botschaft: Alle fanden ein hohes Maß an Erfolg und persönlicher Zufriedenheit, nachdem sie die eine Sache entdeckt hatten, die sie von Natur aus gut konnten und die sie begeisterte. Ich nenne solche Geschichten »Offenbarungsgeschichten«, weil in ihnen etwas passiert, das die Welt in ein »Vorher« und ein »Nachher« einteilt. Die Offenbarungen haben das Leben dieser Menschen grundlegend verändert, ihnen ein Ziel und eine Richtung gegeben und sie beflügelt wie nichts anderes.
Genauso wie die anderen Personen, die Ihnen in diesem Buch begegnen werden, haben die drei geschilderten Menschen für sich das Richtige gefunden: ihr Element, das heißt den Ort, an dem das, was sie gerne tun, und das, was sie gut können, zusammenkommen.Wer in seinem Element ist, hat sein Potenzial erkannt. Es äußert sich bei jedem anders, aber seine Komponenten sind immer die gleichen.
Lynne, Groening und Samuelson haben in ihrem Leben sehr viel erreicht. Aber sie sind nicht die Einzigen, die dazu in der Lage sind. Sie sind etwas Besonderes, weil sie das, was sie gerne tun, gefunden haben und tatsächlich tun. Sie sind in ihrem Element. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die meisten Menschen das nicht sind.
Dass Sie Ihr Element finden, ist entscheidend für Ihr Wohlbefinden und letztlich auch für Ihren Erfolg, aufs Ganze gesehen damit also auch für die Gesundheit unserer Organisationen und die Effizienz unserer Bildungssysteme.
Ich glaube felsenfest, dass jeder von uns mehr leisten und glücklicher sein könnte, wenn er sein Element finden würde. Damit will ich nicht sagen, dass in jedem von uns eine Tänzerin, ein Cartoonist oder ein Wirtschaftswissenschaftler steckt, der den Nobelpreis erhält. Ich will sagen, dass jeder von uns charakteristische Talente und Passionen hat, die ihn dazu anregen können, sehr viel mehr zustande zu bringen, als er sich vorstellen kann. Diese Einsicht verändert alles. Und sie ist das Beste und vielleicht Einzige, was uns in einer äußerst ungewissen Zukunft echten und dauerhaften Erfolg verspricht.
Um unser Potenzial zu entdecken, müssen wir unsere einmaligen Begabungen und Leidenschaften finden.Warum ist das vielen von uns nicht gelungen? Vor allem deshalb, weil die meisten Menschen eine sehr begrenzte Vorstellung von ihren natürlichen Fähigkeiten haben. Und zwar in verschiedener Hinsicht.
Erstens haben wir eine begrenzte Vorstellung vom Umfang unserer Fähigkeiten. Wir alle werden mit einem unglaublichen Potenzial an Fantasie, Intelligenz, Gefühl, Intuition, Spiritualität sowie körperlicher und sensorischer Wahrnehmung geboren. Meist nutzen wir nur einen Bruchteil dieser Begabungen, und manche gar nicht. Viele Menschen haben ihr Element nicht gefunden, weil sie ihre Begabungen nicht kennen.
Zweitens ist uns nur teilweise klar, dass all diese Fähigkeiten ganzheitlich zusammenhängen. Häufig nehmen wir an, unser Verstand, unser Körper, unsere Gefühle und unsere Beziehungen zu anderen würden wie getrennte Systeme unabhängig voneinander funktionieren.Viele Menschen haben ihr Element nicht gefunden, weil sie das organische Zusammenwirken der einzelnen Bestandteile verkennen.
Drittens haben wir eine begrenzte Vorstellung von unserem Entwicklungs- und Veränderungspotenzial. Wir meinen, das Leben würde linear verlaufen, unsere Fähigkeiten würden mit dem Alter abnehmen und verpasste Chancen kämen nie wieder.Viele Menschen haben ihr Element nicht gefunden, weil sie ihr kontinuierliches Erneuerungspotenzial verkennen.
Der begrenzte Blick auf unser Potenzial wird möglicherweise noch weiter eingeengt durch die gesellschaftliche Gruppe, mit der wir uns identifizieren, die Kultur, in der wir leben, und die Erwartungen, die wir an uns stellen. Ein zentraler Faktor für jeden ist jedoch das Bildungssystem.

Einheitsgröße passt nicht jedem

Einige der brillantesten, kreativsten Menschen, die ich kenne, waren Schulversager.Viele von ihnen entdeckten ihre Fähigkeiten – und ihre wahre Identität – erst, als sie die Schule verlassen hatten und sich von ihrer Ausbildung erholten.
Ich bin in Liverpool in England geboren und habe dort in den 1960er Jahren eine Schule namens Liverpool Collegiate besucht. Am anderen Ende der Stadt befand sich das Liverpool Institute. Einer der Schüler dort war Paul McCartney.
Paul brachte seine Zeit am Liverpool Institute überwiegend damit zu, irgendeinen Unsinn anzustellen. Statt konzentriert zu lernen, wenn er nach Hause kam, hörte er viel Rockmusik und lernte Gitarre spielen. Das erwies sich für ihn als kluge Entscheidung, vor allem nachdem er bei einem Schulfest in einem anderen Stadtteil John Lennon kennengelernt hatte. Jeder war vom anderen beeindruckt, und schließlich beschlossen sie, mit George Harrison und später Ringo Starr eine Band zu gründen, die sich The Beatles nannte. Das war eine super Idee.
Mitte der 1980er Jahre hatten beide Schulen ihre Pforten geschlossen. Die Gebäude standen leer und verkamen. Inzwischen sind beide wiederbelebt worden, und zwar auf unterschiedliche Weise. Meine alte Schule haben Immobilienhändler in Luxusapartments verwandelt – eine gewaltige Veränderung, denn zu meiner Zeit war dort von Luxus rein gar nichts zu spüren. Und das Liverpool Institute wurde zum Liverpool Institute for Performing Arts (LIPA – Liverpooler Institut für darstellende Kunst), einem der führenden europäischen Zentren für professionelle künstlerische Ausbildungen. Wichtigster Schirmherr ist Sir Paul McCartney. Die alten, eingestaubten Klassenräume, in denen er tagträumend seine Jugend verbrachte, werden jetzt von Schülern aus der ganzen Welt besucht, die genau das tun, wovon sie geträumt haben – Musik machen oder sich auf andere Weise auf einer Bühne produzieren.
Ich war in der Frühphase an der Entwicklung des LIPA beteiligt, und zum zehnjährigen Bestehen zeichnete die Leitung mich mit einer Companionship aus. Ich kehrte nach Liverpool zurück, um anlässlich des Jubiläums die Auszeichnung von Sir Paul entgegenzunehmen. Und ich hielt vor den Studenten der Abschlussklassen eine Rede über einige der Ideen, die jetzt in diesem Buch stehen – über die Notwendigkeit, die eigenen Passionen und Talente zu finden, und die Tatsache, dass die Ausbildung dabei oft nicht hilfreich ist und häufig sogar das Gegenteil bewirkt.
Auch Paul McCartney hielt an diesem Tag eine Rede und antwortete direkt auf das, was ich gesagt hatte. Er sagte, er habe die Musik immer geliebt, der Musikunterricht in der Schule habe ihm aber nie Spaß gemacht. Seine Lehrer dachten, sie könnten die Kinder für die Musik begeistern, indem sie ihnen verkratzte Aufnahmen mit klassischen Kompositionen vorspielten. Paul McCartney fand das genauso langweilig wie alles andere in der Schule.
Er erzählte mir, er habe seine gesamte Schulbildung absolviert, ohne dass irgendjemand sein musikalisches Talent bemerkt habe. Er bewarb sich sogar um Aufnahme in den Chor der Liverpooler Kathedrale – und wurde mit der Begründung abgelehnt, er würde nicht gut genug singen.Wirklich? Wie gut war dieser Chor? Wie gut kann ein Chor überhaupt sein? Interessanterweise führte genau der Chor, der den jungen McCartney abgelehnt hatte, später zwei seiner klassischen Stücke auf.
McCartney ist nicht der Einzige, dessen Talente in der Schule übersehen wurden. Elvis Presley wurde offenbar von den Organisatoren daran gehindert, im Chor seiner Schule mitzusingen. Sie sagten, seine Stimme würde ihren Sound ruinieren.Wie der Chor an der Liverpooler Kathedrale hatte auch der Schulchor ein gewisses Niveau zu wahren. Wir alle wissen, wie gigantisch erfolgreich der Chor wurde, nachdem man es geschafft hatte, Elvis auf Distanz zu halten.
Vor ein paar Jahren sprach ich bei verschiedenen Veranstaltungen über Kreativität mit John Cleese von Monty Python. Ich fragte John nach seiner Schulbildung. Offenbar war er in der Schule sehr gut, nur nicht als Possenreißer – der Sache, die schließlich sein Leben bestimmte. Er sagte, vom Kindergarten bis zur Uni in Cambridge sei keinem seiner Lehrer aufgefallen, dass er Humor hatte. Mittlerweile sind ziemlich viele Leute anderer Ansicht.
Wenn das Einzelfälle wären, gäbe es kaum Anlass, sie zu erwähnen. Aber das sind sie nicht. Viele der Menschen, die Ihnen in diesem Buch begegnen werden, hatten Schwierigkeiten in der Schule oder waren dort jedenfalls nicht gerne. Natürlich gibt es mindestens genauso viele Leute, die in der Schule gut abgeschnitten haben und sich freuen über das, was das Bildungssystem zu bieten hat. Trotzdem gibt es viel zu viele, die mit oder auch ohne Abschluss die Schule verlassen haben und nicht genau wissen, wo ihre Begabungen eigentlich liegen und welche Richtung sie einschlagen sollen. Viel zu viele haben das Gefühl, dass das, was sie gut können, in der Schule nicht wertgeschätzt wird.Viel zu viele meinen, sie wären zu überhaupt nichts gut.
Ich habe den größten Teil meines Lebens im und mit Bezug zum Bildungswesen gearbeitet, und ich glaube nicht, dass dafür einzelne Lehrer verantwortlich sind. Manche sollten natürlich wirklich etwas anderes machen, am besten möglichst weit weg von jungen Menschen. Aber es gibt eine Menge guter Lehrer, und viele ganz hervorragende.
Die meisten von uns können sich an einzelne Lehrer erinnern, die uns inspiriert und unser Leben verändert haben. Diese Lehrer haben sich engagiert und uns erreicht, aber das schafften sie gegen die allgemeine Kultur und die Mentalität im öffentlichen Bildungswesen. Diese Kultur weist gravierende Probleme auf, und ich sehe nicht, dass sich das großartig bessert. In vielen Bildungssystemen werden die Probleme sogar schlimmer. Das gilt fast überall.
Als meine Familie und ich von England nach Amerika zogen, fingen James und Kate, unsere beiden Kinder, an einer Highschool in Los Angeles an. In mancher Hinsicht war das System ganz anders, als wir es aus Großbritannien kannten. Zum Beispiel hatten die Kinder einige Fächer, die sie noch nie gehabt hatten – etwa amerikanische Geschichte. In Großbritannien gibt es keinen speziellen Unterricht in amerikanischer Geschichte. Sie wird verdrängt. Unsere Politik besteht darin, über diese traurige Epoche den Mantel des Schweigens zu breiten. Nun, wir kamen vier Tage vor dem Unabhängigkeitstag in den Vereinigten Staaten an – gerade rechtzeitig, um zuzusehen, wie der Rausschmiss der Briten ausgelassen gefeiert wurde. Nachdem wir jetzt ein paar Jahre hier sind und wissen, was wir zu erwarten haben, verbringen wir den Unabhängigkeitstag lieber in den eigenen vier Wänden, lassen die Rollläden herunter und schauen uns alte Fotos von der Queen an.
In vieler Hinsicht gleicht das Bildungssystem in den Vereinigten Staaten jedoch dem in Großbritannien und an den meisten anderen Orten dieser Welt. Insbesondere drei Merkmale fallen auf. Erstens die Beschäftigung mit bestimmten Arten kognitiver Fähigkeiten. Ich weiß, dass kognitive Fähigkeiten sehr wichtig sind. Aber Schulsysteme tendieren dazu, um bestimmte Arten von kritischer Analyse und logischem Denken viel Aufhebens zu machen, vor allem was Worte und Zahlen betrifft. So wichtig diese Fertigkeiten auch sind – die menschliche Intelligenz hat mehr zu bieten als das. Dazu mehr im nächsten Kapitel.
Das zweite Merkmal ist die Hierarchie der Fächer. Ganz oben stehen Mathematik, Naturwissenschaften und sprachliches Können. In der Mitte die Geisteswissenschaften. Am Ende die Künste. Auch innerhalb der Künste besteht eine Hierarchie: Musik und bildende Künste haben normalerweise einen höheren Stellenwert als Theater und Tanz. Immer mehr Schulen streichen den Kunstunterricht sogar ganz aus dem Lehrplan. Eine riesige Highschool hat so unter Umständen nur einen einzigen Kunstlehrer, und sogar Grundschulkinder bekommen sehr wenig Zeit, einfach zu malen und zu zeichnen.
Das dritte Merkmal ist die zunehmende Abhängigkeit von bestimmten Bewertungsschemata. Kinder auf der ganzen Welt stehen unter dem enormen Druck, ein schmales Angebot standardisierter Tests immer besser zu bewältigen.
Warum sind Schulsysteme so? Die Gründe sind kultureller und historischer Natur. Auch das wird in einem späteren Kapitel ausführlich erörtert, und ich werde dort auch sagen, was wir am Bildungssystem meines Erachtens ändern sollten. Im Moment ist die Erkenntnis wichtig, dass die meisten für die breite Masse bestimmten Bildungssysteme relativ jung sind – sie stammen aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Diese Systeme wurden geschaffen, um die ökonomischen Interessen jener Zeit zu bedienen – einer Epoche, die in Europa und Amerika von der industriellen Revolution beherrscht wurde. Mathematische, naturwissenschaftliche und sprachliche Kompetenzen waren für Arbeitsplätze in industrialisierten Ökonomien unerlässlich. Der zweite große Einfluss auf die Bildung rührt von der akademischen Kultur der Universitäten her, die dazu neigte, alle Aktivitäten an den Rand zu drängen, an denen das Herz, der Körper, die Sinne und eine gute Portion unseres tatsächlichen Hirnpotenzials beteiligt sind.
Das Ergebnis? Heutige Schulsysteme überall auf der Welt basieren auf einem sehr begrenzten Intelligenz- und Begabungsbegriff und überschätzen bestimmte Arten von Talenten und Fähigkeiten. Dabei vernachlässigen sie andere Begabungen, die genauso wichtig sind, und verkennen die Beziehungen zwischen ihnen, die für die Vitalität unseres Lebens und unserer Gemeinwesen sorgen. Der hierarchisierende Bildungsansatz, der alle Schüler über einen Kamm schert, drängt all jene ins Abseits, denen diese Art des Lernens nicht entspricht.
Sehr wenige Schulen und noch weniger Schulsysteme auf der Welt unterrichten Tanz als Teil ihres offiziellen Lehrplans jeden Tag genauso wie Mathematik – und das, obwohl wir wissen, dass viele Schüler sich nur auf eine Sache einlassen können, wenn sie ihren Körper benutzen. Gillian Lynne zum Beispiel erzählte mir, dass sie in allen Fächern besser wurde, nachdem sie das Tanzen entdeckt hatte. Sie gehört zu den Menschen, die sich bewegen müssen, um denken zu können. Leider finden die meisten Kinder niemanden, der die Rolle von Gillians Psychologen übernimmt – schon gar nicht heutzutage. Wenn sie zu viel herumzappeln, bekommen sie Medikamente und werden angewiesen, Ruhe zu geben.
Heutige Bildungssysteme schränken auch rigoros ein, wie Lehrer unterrichten und Schüler lernen sollen. Das logischrationale Denken ist sehr wichtig, aber andere Arten des Denkens sind es auch. Menschen, die visuell denken, würden ein bestimmtes Thema oder Fach vielleicht mögen, wissen dies aber nicht, wenn der Lehrer die Materie ausschließlich nicht-visuell präsentiert. Trotzdem ermuntern unsere Bildungssysteme Lehrer zunehmend dazu, Schüler im Einheitsgrößenmodus zu unterrichten. Wenn wir »Offenbarungsgeschichten«, die ich hier erzähle, ernst nehmen – und unsere eigene schreiben wollen -, müssen wir unsere Auffassung von Intelligenz radikal überdenken.
Die zeitgenössischen Bildungsansätze ersticken auch einige der wichtigsten Fähigkeiten, die junge Menschen heute brauchen, um sich in der zunehmend anspruchsvollen Welt des 21. Jahrhunderts zu behaupten: das Potenzial zum kreativen Denken. Unsere Bildungssysteme legen großen Wert darauf, die einzig richtige Antwort auf eine Frage zu wissen. Kampagnen wie No Child Left Behind (»Kein Kind bleibt zurück« – ein US-Programm, das die Leistung öffentlicher Schulen dadurch verbessern will, dass diese für die Einhaltung vorgeschriebener Leistungsstandards stärker zur Verantwortung gezogen werden) und das Beharren darauf, dass alle Kinder aus allen Teilen des Landes an den gleichen Maßstäben zu messen sind, machen deutlich, dass wir auf Konformität und »richtige« Antworten mehr Wert legen als je zuvor.
Alle Kinder beginnen ihre Schulkarriere mit einer sprühenden Fantasie, einem fruchtbaren Geist und der Bereitschaft, sich frei von inneren Beschränkungen auf das Denken einzulassen. Als mein Sohn vier Jahre alt war, organisierte seine Vorschule eine Aufführung der Weihnachtsgeschichte. Während der Aufführung gab es einen wunderschönen Augenblick, als drei kleine Jungen, verkleidet als die drei Weisen aus dem Morgenland, mit ihren Geschenken – Gold, Weihrauch und Myrrhe – auf die Bühne traten. Ich glaube, der zweite Junge war ein bisschen aufgeregt und verlor den Faden. Der dritte Junge musste eine Zeile improvisieren, die er nicht gelernt hatte und auf die er bei den Proben nicht besonders geachtet hatte, was in Anbetracht seines Alters – vier Jahre – nicht wundert. Der erste Junge sagte also: »Ich bringe dir Gold«, der zweite Junge sagte: »Ich bringe dir Myrrhe«, und der dritte Junge sagte: »Das bringt dir Frank.«
Wer bitte ist Frank, mögen Sie sich fragen. Der dreizehnte Apostel? Gibt es ein verlorenes Evangelium nach Frank?
Mir gefällt diese Geschichte, weil sie veranschaulicht, dass kleine Kinder sich nicht großartig darum scheren, ob sie etwas falsch machen.Wenn sie sich nicht sicher sind, was sie in einer bestimmten Situation tun sollen, legen sie einfach los und sehen zu, wie die Dinge sich entwickeln. Damit will ich nicht andeuten, dass etwas falsch machen dasselbe ist wie kreativ sein. Manchmal ist ein Fehler einfach ein Fehler. Wahr ist aber auch, dass Sie nie etwas Originelles hervorbringen werden, wenn Sie nicht bereit sind, etwas falsch zu machen.
Einigen politischen Entscheidungsträgern ist bei ihrer Interpretation der Auffassung, man müsse »zurück zu den Wurzeln«, wenn man die Bildungsstandards verbessern wolle, ein grundlegender Fehler unterlaufen. Sie betrachten die Rückkehr zu den Wurzeln als eine Möglichkeit, die alte Fächerhierarchie aus der Zeit der industriellen Revolution zu stärken. Sie scheinen zu glauben, dass wir in der Welt wettbewerbsfähiger und auf die Zukunft besser vorbereitet wären, wenn wir unseren Kindern ein verordnetes Einheitsmenü aus Lesen, Schreiben und Rechnen vorsetzen.
Diese Auffassung ist insofern katastrophal falsch, als sie die menschlichen Fähigkeiten massiv unterschätzt. Wir legen enormen Wert auf standardisierte Testverfahren, kürzen die Mittel für vermeintlich »unwichtige« Programme und wundern uns dann, dass unseren Kindern die Fantasie und die Begeisterung abhanden kommen. Auf diese Weise lässt das gegenwärtige Bildungssystem die Kreativität unserer Kinder systematisch verkümmern.
Die meisten Schüler kommen nie dazu, die ganze Bandbreite ihrer Begabungen und Interessen auszuloten. Jene Schüler, deren Gehirn anders arbeitet – und wir sprechen hier von vielen, vielleicht sogar den meisten -, fühlen sich von der gesamten Bildungskultur möglicherweise ausgeschlossen. Genau deshalb waren einige der erfolgreichsten Menschen, die Ihnen je begegnen werden, Schulversager. Eigentlich sollte das Bildungssystem unsere natürlichen Fähigkeiten entwickeln und uns in die Lage versetzen, in der Welt zu bestehen. Stattdessen erstickt es bei viel zu vielen Schülern die individuellen Talente und Fähigkeiten und trocknet ihre Lernmotivation aus. All das ist vollkommen paradox.
Viele Schulsysteme verfolgen diese Richtung, weil Politiker zu denken scheinen, dass sie für das Wirtschaftswachstum und die Wettbewerbsfähigkeit notwendig ist und den Schülern hilft, einen Arbeitsplatz zu finden. Aber Fakt ist, dass im 21. Jahrhundert Arbeitsplätze und Wettbewerbsfähigkeit auf genau die Qualitäten angewiesen sind, die von den Schulsystemen eingestampft werden und für die dieses Buch sich stark macht. Firmen überall auf der Welt sagen, dass sie Mitarbeiter brauchen, die kreativ sind und unabhängig denken können.Aber es geht mir hier nicht nur ums »Business«. Es geht mir darum, dass unser Leben einen Sinn und eine Bedeutung hat, egal welche Arbeit wir tun.
Der Gedanke, zu den Grundlagen zurückzukehren, ist nicht an sich falsch. Auch ich glaube, dass wir dafür sorgen müssen, dass unsere Kinder wieder bei den grundlegenden Dingen anfangen.Aber wenn wir tatsächlich bei den Grundlagen anfangen wollen, dann bitte auch wirklich ganz unten. Wir müssen überdenken, welche grundlegenden Charakteristika das menschliche Potenzial hat und wie grundlegende Bildungsziele heute aussehen könnten.
Es gab in unserer Geschichte eine Zeit, in der die Dampfmaschine das uneingeschränkte Vorrecht innehatte. Sie war stark, leistungsfähig und sehr viel effizienter als das Antriebssystem, das ihr vorausgegangen war. Irgendwann jedoch erfüllte sie die Bedürfnisse der Menschen nicht mehr, und mit dem Verbrennungsmotor entstand ein neues Paradigma. In vieler Hinsicht gleicht unser heutiges Bildungssystem der Dampfmaschine – der momentan erkennbar der Dampf ausgeht.
Dieses problematische alte Denkmodell endet nicht mit dem Schulwesen. Die genannten Merkmale des gegenwärtigen Bildungswesens wiederholen sich in öffentlichen Einrichtungen und Firmenstrukturen, und so setzt der Kreislauf sich endlos fort. Wie im Unternehmenskontext jeder weiß, geschieht es sehr leicht, dass man gleich zu Beginn der Karriere in eine bestimmte Schublade gesteckt wird. Es ist dann ausgesprochen schwierig, aus den – vielleicht wahreren – Talenten, die man sonst noch so hat, das Beste zu machen. Wenn die Unternehmenswelt Sie für einen Finanzmenschen hält, wird es Ihnen sehr schwerfallen, im »kreativen« Bereich einer Firma eine Beschäftigung zu finden. Das lässt sich korrigieren, indem wir zu uns und unseren Organisationen eine andere Einstellung entwickeln und entsprechend handeln. Es muss sein.

Das Tempo der Veränderung

Kinder, die jetzt mit der Schule anfangen, werden etwa um das Jahr 2070 in Rente gehen. Niemand kann sich auch nur entfernt vorstellen, wie die Welt in zehn Jahren aussehen wird, geschweige denn 2070. Vor allem zwei Faktoren treiben die Veränderung voran: die Technologie und die Demografie.
Die Technologie – insbesondere die digitale – entwickelt sich in einem Tempo, mit dem die wenigsten richtig mitkommen. Sie trägt auch zu einem Phänomen bei, das manche Experten als den größten Generationssprung seit dem Rock’n’ Roll bezeichnen. Leute über dreißig wurden geboren, bevor es mit der digitalen Revolution so richtig losging. Wir haben als Erwachsene gelernt, die digitale Technologie zu nutzen – Laptops, Kameras, PDAs, Internet -, und das war in etwa so, als würden wir eine Fremdsprache lernen. Die meisten von uns schaffen das, und einige sind sogar Experten.Wir schreiben E-Mails und gestalten PowerPoint-Präsentationen, surfen im Internet und fühlen uns auf der Höhe der Zeit. Aber im Vergleich zu den meisten Leuten unter dreißig und auf jeden Fall zu denen unter zwanzig sind wir linkische Amateure. Menschen dieser Altersgruppen wurden nach dem Start der digitalen Revolution geboren. Sie sprechen »digital« als Muttersprache.
Wenn mein Sohn James seine Hausaufgaben machte, hatte er auf seinem Computer fünf oder sechs Fenster offen, Instant Messenger blinkte ständig, immer wieder machte sein Handy sich bemerkbar, er lud Musik herunter und sah gleichzeitig mit einem Auge fern. Ich weiß nicht, ob er dabei auch noch irgendwelche Hausaufgaben machte, aber soweit ich sehen konnte, dirigierte er ein Imperium, und deshalb machte ich mir keine Sorgen.
Aber jüngere Kinder, die mit noch komplexeren Technologien aufwachsen, spielen schon jetzt die Teenager seiner Generation an die Wand. Und diese Revolution ist noch nicht vorbei. Eigentlich hat sie gerade erst begonnen.
Manche meinen, schon in naher Zukunft würde die Leistungsfähigkeit von Laptop-Computern die Rechenleistung des menschlichen Gehirns erreichen. Wie wird es sich anfühlen, wenn Sie Ihrem Computer einen Befehl geben und er Sie fragt, ob Sie wissen, was Sie tun? In nicht allzu langer Zeit werden wir möglicherweise erleben, dass Informationssysteme mit dem menschlichen Bewusstsein verschmelzen. Wenn Sie an die Wirkung denken, die relativ einfache digitale Technologien in den vergangenen zwanzig Jahren auf unsere Arbeit und deren Ausführung – und die Volkswirtschaften dieser Erde – hatten, können Sie sich vielleicht vorstellen, dass einiges an Veränderungen noch vor uns liegt. Machen Sie sich nichts daraus, wenn Sie sie nicht vorhersagen können: Niemand kann das.
Zu diesem Einflussfaktor kommt das Bevölkerungswachstum hinzu. Die Weltbevölkerung hat sich in den letzten dreißig Jahren verdoppelt, von drei auf sechs Milliarden Menschen. Mitte des Jahrhunderts könnte sie auf die neun Milliarden zusteuern. Diese große neue Menschenmasse wird Technologien anwenden, die noch nicht erfunden sind – auf eine Art, die wir uns nicht vorstellen können, und in Berufen, die heute noch nicht existieren.
Technologische Entwicklung und Bevölkerungswachstum werden als treibende Kräfte in der Weltwirtschaft zu tiefgreifenden Verwerfungen führen. Unser Alltag wird vielfältiger und komplexer werden, vor allem bei jungen Menschen. Fakt ist schlicht und einfach, dass wir in einer Zeit noch nie dagewesener globaler Veränderungen leben.Wir können Trends für die Zukunft erkennen, aber genaue Vorhersagen sind fast unmöglich.
In den 1970er Jahren war für mich eins der nachhaltig prägenden Bücher Alvin Tofflers Zukunftsschock. In diesem Buch erörtert Toffler die erdbebenartigen Auswirkungen sozialer und technologischer Veränderungen. Zu den unerwarteten Freuden und Vorzügen des Lebens in Los Angeles gehört, dass meine Frau Terry und ich uns mit Alvin und seiner Frau Heidi angefreundet haben. Bei einem gemeinsamen Abendessen fragten wir, ob sie mit uns der Meinung