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Stadtgespräche aus

Elmshorn

Patrizia Held

Uta Robbe-Oberhössel

Inhalt

Impressum

Zitat

1  »Ich kann nicht« heißt »Ich will nicht«

Brigitte Fronzek war 18 Jahre lang Chefin im Rathaus

2  Blinder Kaufmann mit Weitblick

Claus Panje verdankt Elmshorn seinen Bahnhof

3  Von Bullerbü zur Veranstaltungslocation

Heike und Anette Thormählen leiten die Gaststätte Sibirien

4  Eine Kultoase für Plattenliebhaber

Rainer Grundt schenkt in der Marktstraße Musikfans Gehör

5  Ich bin kein typischer Beamter

Thomas Becken liebt die Cafeteria der Brücke SH

6  Die Kinderbuchdetektivin

Christel Heidemann-Schmidt berät in der Buchhandlung

7  Wir werden miteinander alt

Werner Göring ist Trainer in der Traglufthalle am Krückaupark

8  In ganz Elmshorn zu Hause

Christiane Wehrmanns Wurzeln liegen in der Hamburger Straße

9  Tru un fast in Traditschoon un Heimatleev

Jürgen Kröger war Vereinschef im Konrad-Struve-Haus

10  Bloß keine Mittelmäßigkeit

Anna Haentjens füllt die Kulturstätte Haus 13 mit Leben

11  Vom Kaffeetrinker zum Coffee-Shop-Besitzer

Jörn Schielzeth führt die Snack Lounge in der Peterstraße

12  Geschichte muss gelebtes Leben beleuchten

Marga Hörster engagiert sich im Haus der Begegnung

13  Für immer Pfadfinder

Pitt Frauen kümmert sich in der Hainholzer Schulstraße

14  Was würden Sie zu diesem Werk sagen?

Christel Storm ist Vorsitzende des Kunstvereins im Torhaus

15  Vom Spitzensportler zum Stifter

Michael Stich feierte erste Erfolge im Lawn-Tennis-Club

16  Einmal Marktfrau, immer Marktfrau

Erinnerungen an Bärbel Boltzen auf dem Buttermarkt

17  Der Stadtlauf, eine Spitzenleistung

Olaf Seiler steht als Organisator am Ziel in der Schulstraße

18  Die Künstlerin, die mit dem Fluss lebt

Ruth Alice Kosnick schuf die Duckdalben am Hafenplatz

19  Willkommen im Fußballverein Gencler Birligi

Mehmet Karakavak betreibt Migrationsarbeit am Dohrmannweg

20  Einmal dramatisch auf der Bühne sterben

Femke Marsch spielt Theater in der Elsa-Brändström-Schule

21  Eine Legende des Reitsports

Fritz Thiedemann war der Reit- und Fahrschule verbunden

22  Das Auge Elmshorns

Sven Rohr und der Fotoschatz der Zeitung im Stadtarchiv

23  »Ich liebe es zu recherchieren«

Annkatrin Holbach plant ihre Stadtführungen am Waldweg

24  Beachvolleyballer baggert sich um die Welt

Mischa Urbatzka und seine KGSE-Wurzeln

25  Mit runden Formen hoch hinaus

Das Ehepaar Klein bewahrt den Wasserturm an der Jahnstraße

26  Ein Leben für die Natur

Matthias Kruse widmete sich der Erholung im Liether Wald

27  Sammeln und Archivieren auf Profi-Ebene

Bärbel Böhnke lenkt die Geschicke des Industriemuseums

28  Der Chefarzt zum Anfassen

Dr. Ernst Thies fühlte sich im Regio Klinikum heimisch

29  Von der Blechdose zum Traditionsschiff

Gerd Bestmann baute den Ewer Gloria im Museumshafen nach

30  Polepole ndiyo mwendo!

Thorsten Pachnicke bringt Afrika in die Thomaskirche

31  Der soziale »Bürgermeister« von Hainholz

Alfred Fichte ist im Eichenkamp zu Hause

32  Die Pionierin in der Pädagogik

Ingrid Kohlschmitt bietet Beratung im Verein Wendepunkt

33  Die Frau mit der goldenen Spur

Christa Wehling aus der Roonstraße machte Theaterkarriere

34  Nase nach unten, sonst gibt’s Mecker

Hans-Hermann Timm macht Pause in seinem »Büro« am Südufer

35  ... nur noch kurz Elmshorn retten

Hauke Fischer betreibt Politik im Rollenden Rathaus

Karte 1

Karte 2

Bildverzeichnis

Quellenverzeichnis

Stadtgespräche im Gmeiner-Verlag

Lieblingsplätze im Gmeiner-Verlag

Belletristik im Gmeiner-Verlag

Zitat

»Welke Stadt is de gröttste op de ganze Welt?«

»Elmshorn, denn dat reckt von’n Süüdpool övern Äquator bet an’n Nordpool (det sin all’n dree Wertshüüs).«

Konrad Struve: Die Geschichte der Stadt Elmshorn, herausgegeben von der Stadt Elmshorn 1953 – 1956, Band III, Seite 148

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1  »Ich kann nicht« heißt »Ich will nicht«

Brigitte Fronzek war 18 Jahre lang Chefin im Rathaus

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1  »Ich kann nicht« heißt »Ich will nicht«

Brigitte Fronzek war 18 Jahre lang Chefin im Rathaus

Behindert, klein und dann noch Frau. Ist es möglich, mit diesen Attributen erfolgreich, prominent und öffentlich präsent zu sein? Brigitte Fronzek kann dies uneingeschränkt bejahen. Von 1995 bis 2013 hat sie als erste weibliche Verwaltungschefin von Elmshorn und erste hauptamtliche Bürgermeisterin auf dem schleswig-holsteinischen Festland an den kommunalpolitischen Strippen gezogen, um die knapp 50.000 Einwohner große Stadt für die Zukunft zu positionieren. Zum Jahreswechsel 2013/14 hat sie ihre Amtsgeschäfte abgegeben und das persönlich eingerichtete Büro im obersten Stockwerk des Rathauses, dekoriert mit Kerzen, Fotos, Blumen, ihrer geliebten Eulensammlung und Bildgeschenken von Elmshorner Kindern, für ihren Nachfolger leer geräumt. Die goldene, circa 60.000 Euro teure Amtskette mit dem Stadtwappen, wird jetzt von Volker Hatje getragen, der sie um einige Glieder verlängern ließ. Die nur 1,56 Meter große Fronzek hatte das ungeliebte Prachtstück kürzen lassen, weil es ihr »immer vor dem Bauch baumelte und so schwer ist«.

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Die Amtskette hat einen Wert von circa 60.000 Euro

Als Privatperson kann die Sozialdemokratin nun solche Begebenheiten erzählen, Einblicke in Empfindungen sowie Gedanken ihres persönlichen und früheren beruflichen Lebens geben. Am schönsten sei, meint sie, dass sie nun als Ruheständlerin über ihre Zeit verfügen könne. Am Seglerhafen in der Sonne sitzen, dem Plätschern der Wellen lauschen, die Boote im Wasser betrachten – all das empfindet sie als ausgesprochen genussvoll. »Als Bürgermeisterin hatte ich keine Kontrolle über meinen Tagesablauf und arbeitete weitestgehend fremdbestimmt, oft auch, wenn andere Freizeit hatten wie abends und an Wochenenden.« Bei öffentlichen Terminen hatte sich die sonst sehr spontane Fronzek das Zeigen von Emotionen tunlichst verkniffen. »Ich habe mich bemüht, möglichst sachlich zu agieren. Ich bin schließlich wegen meiner Kompetenz und der Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, in diese Position gewählt worden.« Dennoch erinnert sie sich an eine Versammlung, in der sie verbal derart heftig angegriffen wurde, dass ihr die Tränen kamen. »Ich musste aufstehen und rausgehen. Ich fand das von mir völlig unpassend und habe mich über mich selbst geärgert«, gesteht sie. Ebenso dünnhäutig habe sie reagiert, als sie eine Zeit lang wegen ihrer politischen Haltung gegen Aufmärsche von Rechtsradikalen durch Neonazis attackiert wurde.

Als Bürgermeisterin im Rampenlicht hatte sich Fronzek bestimmte Gewohnheiten abstreifen müssen. Vor allem umgangssprachliche Redewendungen und Floskeln. Ein Beispiel mag sie allerdings nicht nennen, denn: »Ich habe es mir ja abgewöhnt«. Beim Bearbeiten von Schriftverkehr verkniff sie sich kommentierende Randnotizen. »Früher habe ich ›so ’n Quatsch‹ oder ›Unsinn‹ an die Seite geschrieben, später setzte ich stattdessen Fragezeichen«, meint sie. Auch ironische Bemerkungen seien solche Fallstricke. »Ich musste feststellen, dass Ironie nicht für Kommunikation zu verwenden ist.« Eine Einsicht, die sie ebenfalls auf ihr Privatleben übertragen hat. »Es ist gut, wenn man behutsamer miteinander umgeht.« Das habe sie vor allem im Umgang mit ihren mittlerweile erwachsenen Kindern Christopher und Dorothee erfahren müssen. »Hast du anderen Menschen gegenüber auch so einen Umgangston?«, habe sie einmal ihrer Tochter vorgehalten und die niederschmetternde Rückfrage erhalten: »Und pöbelst du in deinem Job ebenso wie zu Hause?« Das hat Fronzek nachdenklich gemacht. »Ich bin ein disziplinierter Mensch. Und dennoch geht man oft mit Menschen, die einem am wichtigsten sind, unvorsichtig um. Dabei sollten gerade die besondere Wertschätzung erfahren.«

Brigitte Fronzek ist von Geburt an behindert. Ihre Eizelle hatte sich in der Gebärmutter nicht mittig eingenistet, sondern linksseitig angesaugt. Deshalb wurde der Embryo auf der rechten Seite schlechter versorgt. »Bei der Ausbildung der Extremitäten hat sich die Situation wohl verbessert, denn bei mir ist nur der rechte Arm verkürzt.« Die Hand ist nicht komplett ausgebildet, der kleine Finger, Daumen und Zeigefinger sind versteift. Auf die Frage, ob sie wegen des Handicaps als kleines Kind gehänselt wurde, antwortet sie spontan: »Nein, überhaupt nicht. Ich weiß nicht einmal, ob ich es überhaupt wahrgenommen habe. Ich hatte wunderbare Eltern, die mir vermittelt haben, dass ich alles kann. Meine Mutter sagte stets: ›Ich kann nicht‹ heißt ›Ich will nicht‹.« Eine Regel, die Fronzek ihr Leben lang begleitet hat. »Ich bin immer ein Meinungsbilder gewesen und habe oft eine Führungsposition eingenommen. Ich war zwar nicht Klassensprecher, allerdings wurde es die Person, von der ich das wollte«, erklärt sie und ihr fröhlich, spontanes Lachen ertönt wieder. Bis zur Pubertät sei sie ein sehr selbstbewusster Mensch gewesen, erzählt Fronzek. Doch dann habe sie begonnen, sich zu wünschen, so normal wie andere Mädchen auszusehen. »Ich war schwer weitsichtig, wollte aber keine Brille tragen. Beim Lesen habe ich lieber Kopfschmerzen in Kauf genommen, als dass ich so ein Gestell aufgesetzt hätte. Ich dachte mir: ›Verkürzter Arm, Zahnspange im Mund und auch noch eine Brille – das geht zu weit.‹« Ein traumatisches Erlebnis war die Tanzschulzeit. »Ich bin wegen meiner Behinderung sitzengeblieben. Mehrmals.« Darunter habe sie stark gelitten und heute noch denkt sie, dass der Tanzschullehrer vorsorglicher mit dieser Situation hätte umgehen müssen. »Aber ich habe die Zeit durchgestanden. Ich bringe alles zu Ende.«

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Die kleine Brigitte bekommt zu Weihnachten ein Puppenhaus

Heute noch vermeiden es Menschen, sie auf ihre Behinderung anzusprechen. »Man merkt, es ist ein Tabuthema. Als ein kleines Kind rief: ›Die Frau hat ja einen komischen Arm‹, habe die Mutter gezischt: ›Pst, so etwas sagt man nicht.‹« Warum eigentlich nicht, fragt sich Fronzek. Wohltuend empfand sie die amerikanische Art, mit Behinderten umzugehen. Als sie mit 17 Jahren zwölf Monate lang eine Schule in den USA besuchte, sei man offen auf sie zugegangen. »Was hast du da? Macht dir das was aus?«, wurde sie gefragt. Die Aufgeschlossenheit habe sie gefreut und ihr ein Gefühl von Zugehörigkeit vermittelt. Bei späteren Partnern war ihr Handicap glücklicherweise kein Thema – wohl aber bei den Schwiegereltern ihres ersten Ehemannes. Sie hatten ihrem Sohn vor der Hochzeit nahegelegt, seine Entscheidung zu überdenken, schließlich sei seine Freundin durch ihre körperliche Beeinträchtigung lediglich dritte Wahl. Das tat weh, doch Fronzek zuckt rückblickend nur mit den Schultern. »Das Leben ist eben kein Ponyhof.« Ihren jetzigen Mann, den Arzt Thomas Fronzek, habe sie nach dem dritten Treffen gefragt, ob es ihn nicht stören würde, dass sie gehandicapt sei. Er reagierte überrascht und hakte erstaunt nach: »Wo denn?« Und ihre Tochter antwortete einst auf die Frage einer Bekannten, ob ihr nicht peinlich sei eine behinderte Mutter zu haben: »Warum das? Du bist doof, das finde ich viel schlimmer.«

Fronzek fühlt sich körperlich nicht beeinträchtigt. Sie segelt für ihr Leben gern, radelt, zeigt sich als aktive Sportlerin bei Stadtläufen, benutzt zu Hause keine Hilfsmittel und macht alle Arbeiten möglichst mit beiden Händen. »Behinderung behindert«, betont sie. »Und ich kann meine Kinder in den Armen halten, Kartoffeln abgießen oder Flöte spielen, wenn ich das F mit dem kleinen Finger der linken Hand greife.« Ganz gemäß dem Leitsatz ihrer Mutter: »Ich kann nicht« heißt »Ich will nicht«.

Das körperliche Defizit habe ihre politische Laufbahn eher beeinträchtigt als gefördert, meint Fronzek. Von wegen »Behinderten-Bonus«. Vor allem bei überregionalen Konferenzen, wo man sie nicht kannte, wurde die promovierte Fachanwältin für Verwaltungsrecht und Notarin skeptisch als »irgendeine Ehrenamtliche vom Dorf« angesehen. »Man musste sich erst eine Weile unterhalten, bevor solche Leute merkten, dass auch kleine Menschen Größe beweisen können, mit ihrer Behinderung locker umgehen und was im Kopf haben.« Das Sprechen in der Öffentlichkeit ist ihr nie schwergefallen, gebremst worden sei sie höchstens durch die Höhe des Rednerpults. Wenn ihr dann gesagt wurde: ›Ich hätte Sie mir nicht so klein vorgestellt‹, antwortete sie: »Edelsteine gibt es nicht größer«. Sie bricht wieder in ihr ansteckendes spontanes Lachen aus. »Aber wie war das mit der Ironie in der Öffentlichkeit?«

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Rathaus Elmshorn

Schulstraße 15–17

25335 Elmshorn

www.elmshorn.de

2  Blinder Kaufmann mit Weitblick

Claus Panje verdankt Elmshorn seinen Bahnhof

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2  Blinder Kaufmann mit Weitblick

Claus Panje verdankt Elmshorn seinen Bahnhof

An seiner Person scheiden sich die Geister. Die einen sehen in Claus Panje (1795 – 1875) den ersten Kapitalisten der Stadt, der eigene Interessen mit denen des Förderers vermischte. Für andere ist er ein Visionär, ohne dessen Einsatz der Ort 1844 nicht an die erste Zugstrecke Schleswig-Holsteins angeschlossen worden wäre. Er sorgte dafür, dass der Bahnhof erbaut wurde und Elmshorn in die Neuzeit dampfen konnte. Seine Durchsetzungskraft, gepaart mit eisernem Willen, war umso bemerkenswerter, als er mit 45 Jahren erblindete, vermutlich wegen einer Quecksilbersalbe, die vor der grassierenden Krätze-Krankheit schützen sollte.

Panje stammte aus Elskop, in Altona hatten ihm seine Eltern eine gute Schulausbildung ermöglicht. Als junger, an allem Neuen interessierter Kaufmann kam er nach Elmshorn und führte am Alten Markt einen ertragreichen Laden für Eisen, Kolonialwaren und Korn. Panje hatte eine große Nase und einen noch größeren Riecher für Geschäfte. Ihn faszinierten dampfgetriebene Maschinen. Er erkannte bald, dass sie das Leben seiner und nachfolgender Generationen revolutionieren würden. Als erster Elmshorner baute er in sein Haus eine Zentralheizung ein. Ein Kessel in der Küche (in Form einer Lokomotive) erzeugte Dampf, der durch Rohre in kupferne Heizkörper geleitet wurde.

Als Dänenkönig Christian VIII. 1840 Pläne zum Bau einer Eisenbahnlinie von Altona nach Kiel erarbeiten ließ, sah Panje die Möglichkeit, die wirtschaftliche Bedeutung seiner Stadt zu stärken. Diskutiert wurden Strecken über Uetersen, Barmstedt und Elmshorn. Da die Barmstedt-Trasse am günstigsten war, wurde im fernen Machtzentrum Kopenhagen entschieden, die Gleise »unabänderlich« über den Nachbarort zu führen. Unabänderlich? Das wollte Panje nicht hinnehmen. Immerhin hatte Elmshorn Anschluss an die Elbe und die Nordsee, hier schnitten sich mehrere Landstraßen, die fruchtbare Marsch lag vor der Haustür und auf engstem Raum lagen wichtige Ortschaften. Barmstedt, argumentierte er, habe nur 7.802 Einwohner, während der Elmshorner Interessenkreis auf 40.000 geschätzt werde. Im Itzehoer Wochenblatt schrieb er 1842: »Elmshorn hat 87 Schiffe, zwei Grönlandfahrer, zwei Oelmühlen, drei Salzraffinerien, drei Käcks- und Mehlfabriken, welche jährlich 50.000 Tonnen Weizen und Hafer verarbeiten und nach Hamburg und Altona verschicken, drei Schiffswerften, drei Ziegeleien, zwei Kalkbrennereien, eine Sägemühle und zwei bedeutende Holzsägereien, von welchem allen in Barmstedt keine Spur ist.«

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Das ehemalige Wohnhaus von Panje beherbergt heute ein Blumenladen

Doch auch Panjes Mitbürger mussten erst mühsam vom Nutzen der Bahn überzeugt werden. So soll dem dritten Band der Geschichte der Stadt Elmshorn von Konrad Struve zufolge damals Bauer Harm Früchtenicht den Ölmüller Michel Junge gefragt haben, was er davon halte. Dieser antwortete: »Ich und drei oder vier von hier fahren viermal im Jahre nach Hamburg; dann sind acht bis zehn da, die die Reise zweimal im Jahre machen, und die doppelte Zahl fährt wohl einmal im Jahre dahin. Nun kannst du dir selbst ein Urteil bilden, ob eine Notwendigkeit und ein Glück darin liegt, wenn die Bahn über Elmshorn gebaut wird. Wie viel Geschäfte, die Fuhrwerk betreiben, dadurch ruiniert werden, davon wollen wir nicht reden.« Viele sorgten sich, dass das rasende Ungetüm für Kinder, Hunde und Hühner gefährlich sei und aus Hamburg diebische Herumtreiber kämen, die sittliches Verderben bringen würden.

Panje ließ sich dennoch nicht entmutigen. Er verhandelte mit Bauern, Bürgern und politischen Vertretern. Er setzte alle Energie daran, seine Vision zu verwirklichen. Dazu musste er mit König und Ministern Kontakt halten. Der blinde Kaufmann ließ Koffer packen und machte sich mit seinem Diener Christian Kruse auf die mühsame Reise in die dänische Hauptstadt. Sein Ziel: der Regierung die Streckenführung über Elmshorn schmackhaft machen (und die »unabänderliche« Barmstedt-Trasse vergessen lassen). Der Bahnminister soll mit einigen Beuteln Geld überzeugt worden sein, die Panje »zufällig« mitgenommen hatte. Nun wurde von der Regierung in Kopenhagen die Bedingung gestellt, dass Elmshorn 40.000 schleswig-holsteinische Mark zu den Baukosten beitragen und das Doppelte dieses Kapitals in Bahnaktien investiert werden müsse. Das sollte machbar sein, meinte Panje, und ging wieder auf Reisen, besuchte die wohlhabenden Marschendörfer seiner Heimat und warb für die Aktienzeichnung. Dabei nutzte er sowohl geschäftliche Verbindungen als auch verwandtschaftliche Beziehungen seiner Frau Catharine, Tochter des reichen Herzhorner Hofbesitzers Mehlen. Damit nichts schieflaufen konnte, ließ er sich von den Aktienzeichnern stante pede die Vertretung bei der Abstimmung übertragen. Zugleich nutzte der Kaufmann seine Überlandfahrten für eigene Zukunftsinvestitionen: Er verstreute Tüten mit Samen des bis dato unbekannten Rhabarbers und verteilte Pflanzanweisung und Zubereitungstipps um den Anbau des Gemüses zu fördern, schließlich vertrieb er ebenfalls Gartensämereien.

Allmählich wuchs die Zahl der Bahnbefürworter. Als 1842 der Beschluss gefasst wurde, die Elmshorn-Strecke zu bauen, ehrte die Bevölkerung Panje mit einem Fackelzug. Heimatautor Christian Eckermann schreibt in seinen Jugenderinnerungen: »Un de Barmstedter weern uns eerst recht nicht grön, sid de Isenbahn, de Christian VIII. Barmstedt verspraken harr, doch aewer Elmshorn keem.« In der Tat schäumten die Bewohner des Nachbarortes vor Wut. Ein Spottbild in der zeitgenössischen Zeitschrift Reform zeigt, wie sich ein Barmstedter und Panje, an der kräftigen Nase erkenntlich, mühen, die Dampflok auf ihre Seite zu ziehen. Heimatforscher Struve erklärt: »Während der Barmstedter auf den Rücken fällt, dass die Pantoffeln fliegen, reißt der Elmshorner die Bahn an sich und dreht dem Unterlegenen eine Nase. Zwischen beiden thront die Gerechtigkeit in Gestalt einer grießgrämlichen alten Schachtel mit verrutschter Augenbinde und abgebrochenem Schwert. Unter dem Zug der Aktionäre senkt sich die Waagschale zugunsten Elmshorns.«

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Fackelzug zu Ehren von Claus Panje, gemalt von Wilhelm Petersen (1900 – 1987)

Am 18. September 1844, dem Geburts­tag von Christian VIII., erschien der König persönlich, um den Bahnhof einzuweihen. Panje führte ihn umher und genoss sicherlich den Tag seines Triumphes. Zumal er plante, eines seiner eigenen »Schäfchen« ins Trockene zu bringen und nahe des Schienenstrangs die Schweizer Halle zu errichten. Sie sollte Reisenden Unterkunft bieten und rasch zum gesellschaftlichen Mittelpunkt des Ortes werden. Panje hatte vorausschauend großflächig Ländereien entlang der Trasse bis zum Gebiet Sibirien am Rande der Stadt aufgekauft und nahe dem heutigen Fußgängertunnel an der Mühlenstraße ein Schlachthaus gebaut. Von hier aus wollte er Handel mit Altona und Hamburg treiben. Je nach Sichtweise auf den ersten Kapitalisten oder großzügigen Förderer bleibt zu bewerten, was Pastor Hans Heinrich Prieß 1922 in den Elmshorner Nachrichten schrieb: »Auch in kleinen Dingen zeigte Panje besondere Fürsorge über seine Eisenbahn. Er sorgte dafür, dass für die Bahnbeamten Häuser erbaut wurden, dass nette Gärten dabei waren und sie mit Fruchtsträuchern und Obstbäumen bepflanzt wurden. Er lieferte ihnen dazu gute Gartensämereien aus seinem Geschäft.«

Bis ins hohe Alter war Panje als Erfinder tätig. Laut Prieß entwickelte er ein brauchbares Straßenautomobil, stellte künstliches Mineralwasser her und baute eine Seesprengmine, die er für Kriegszwecke dem König vorführte. Im Winter erprobte er sie auf der Stauung bei der Krückaubrücke und brachte zum Ergötzen der Zuschauer die Eisdecke zum Bersten.

Doch der umtriebige Kaufmann hatte auch eine weiche Seite. Er soll eine glückliche, aber kinderlose Ehe mit Catharine geführt haben (die 100.000 Mark Mitgift in die Ehe brachte). Außerdem liebte er seinen parkähnlichen Garten hinter dem Haus am Alten Markt, der sich bis über die Gärtnerstraße hinauszog und von Zeitgenossen als »schön wie das Paradies« beschrieben wurde. Auf dem Gelände befanden sich unter anderem eine Halle mit exotischen Vögeln und gepolsterte Rundsofas, die zum Ausruhen einluden. Durch den Obstgarten mit edlen Fruchtsorten führte ein breiter Weg bis zu einem Teich, auf dem Seerosen blühten und den Panje – ganz Geschäftsmann – zur gewerbsmäßigen Blutegelzucht nutzte. Während seiner letzten Lebensjahre verbrachte er viel Zeit in seinem Park und soll dem Gesang der Nachtigallen gelauscht haben. Nach seinem Tod fiel die Anlage dem Bau der Kirchenstraße sowie dem »nüchternen Spekulationsgeist« zum Opfer, dem auch Panje einst huldigte. Erhalten blieb jedoch sein wichtigstes Erbe: der Bahnhof, der den Grundstein dafür legte, dass aus einem verschlafenen Flecken eine aufstrebende Stadt werden konnte.

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Bahnhof Elmshorn

Holstenplatz 1

25335 Elmshorn

3  Von Bullerbü zur Veranstaltungslocation

Heike und Anette Thormählen leiten die Gaststätte Sibirien

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