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Buch

Als Maria in sein Leben tritt, weiß Joseph, dass sich alles ändern wird. Aber eigentlich hatte alles schon viel früher angefangen.

Wenn er genau darüber nachdenkt, begann es in New York: Er hatte den Auftrag bekommen, jemanden zu töten. Das ist nicht ungewöhnlich, denn es ist sein Job. Er ist Profikiller und kämpft in einem Krieg, den keiner so recht versteht. Schon als Kind hatte er gelernt: Nur wer zuerst schießt, wird am Ende überleben können. Und dein Mörder kann dir überall begegnen. Aber das wissen nur die wenigen Eingeweihten. Die meisten Menschen haben keine Ahnung, dass unter ihren Augen zwei verfeindete Seiten einen unerbittlichen Kampf führen.

Joseph zieht sich nach seinem Auftrag an die Küste von New Jersey zurück, aber dort gerät er in eine Falle. In letzter Sekunde gelingt ihm die Flucht und panisch meldet er sich bei seinem Kontaktmann, denn er braucht einen neuen, sicheren Unterschlupf. Er wird nach Kanada geschickt, um dort auf weitere Anweisungen zu warten, doch dann tritt Maria in sein Leben ...

Weitere Informationen zu Trevor Shane sowie
zu lieferbaren Titeln des Autors finden Sie
am Ende des Buches.

Trevor Shane

PARANOIA

Der Hinterhalt

ERSTES BUCH

Roman

Ins Deutsche übertragen
von Thomas Bauer

Die Originalausgabe erschien 2011 unter dem Titel
»Children of Paranoia« bei Dutton, a member of
Penguin Group (USA) Inc., New York.

1. Auflage

Copyright © der Originalausgabe 2011 by Trevor Shane

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2012

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

Copyright © des Coverbildes: Stephen Carroll / Trevillion Images; FinePic®, München

ISBN 978-3-641-07681-8

www.goldmann-verlag.de

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Für meinen Sohn Leo, der mich bereits inspiriert hat,
bevor ich überhaupt wusste, dass es ihn gibt.

PARANOIA
Erstes Buch

Christopher,
du musst erfahren, wer du bist.
Du musst erfahren, woher du kommst.
Nur so kannst du gegen sie kämpfen,
wenn sie hinter dir her sind.

In ewiger Liebe
Deine Mutter

ERSTER TEIL

PROLOG

Liebe Maria,

du hast vermutlich nicht erwartet, dass aus diesem Tagebuch viel werden würde, als du es mir geschenkt hast, aber hier ist es. Ich habe es für dich geschrieben. Als du es mir gabst, sagtest du, dass du mich verstehen möchtest. Ich bin mir nach wie vor nicht sicher, ob du verstehen wirst, was ich getan habe, aber ich hoffe es zumindest.

Du bist ein großer Teil dieser Geschichte – ein größerer Teil, als ich anfangs erwartet hatte. Ich habe einfach immer weitergeschrieben. Hier ist sie also, die Geschichte. Hier bin ich auf ein paar hundert schäbigen Seiten.

Ich weiß nicht, ob ich gesündigt habe oder ob Sünde überhaupt existiert. Wenn ja, habe ich vermutlich mehr als genug gesündigt. Vielleicht sollte ich mir deshalb Sorgen machen, doch das tue ich nicht. Ich sorge mich allein um deine und Christophers Sicherheit. Alles andere wird für sich selbst Sorge tragen.

Ich liebe dich.

Dein Joe

ERSTES KAPITEL

Es fällt mir schwer zu entscheiden, wo ich beginnen soll. Man soll am Anfang beginnen, heißt es, aber woher soll ich wissen, wo der Anfang ist? Schwer zu sagen. Ich hatte immer ein viel besseres Gespür für das Ende. Vermutlich begann es jedoch in Brooklyn, als ich in der Dunkelheit an einer Straßenecke stand und darauf wartete, dass eine Frau ihren Laden schließt.

Als sie aus dem Gebäude trat, wich ich ins Dunkel zurück. Sie blickte sich kurz in alle Richtungen um, doch ich wusste, dass sie nur eine menschenleere Straße sah. Deshalb richtete sie ihre Aufmerksamkeit wieder darauf, ihren Laden abzuschließen. Die letzte Stunde hatte sie damit zugebracht, aufzuräumen, die Theke abzuwischen und die Weinflaschen wieder zu ordnen, die Kunden verstellt hatten. Jetzt stand sie vor dem Laden auf dem Bürgersteig, um nach einem langen Arbeitstag nach Hause zu ihrer Familie zu gehen. Sie zog das Metallgitter herunter, das ihren Laden schützen sollte, sicherte es mit einem Vorhängeschloss, verstaute den Schlüssel in ihrer Handtasche und trat noch einmal einen Schritt zurück, um erneut einen kurzen Blick in beide Richtungen zu werfen. Noch immer nichts. Sie griff in ihre Handtasche, fischte eine einzelne Zigarette heraus und zündete sie an. Sie inhalierte tief, wandte sich nach links und ging die dunkle Straße hinunter.

Bislang war alles genau so gewesen, wie man mir gesagt hatte. Sie hatte keine Begleitung. Sie schien keinen Verdacht zu hegen. Ihr Mann war geschäftlich unterwegs. Es hatte geheißen, die Sache sei einfach, und es sah ausnahmsweise einmal so aus, als würde sich das tatsächlich bewahrheiten.

Ich wartete, bis sie bei der nächsten Querstraße angelangt war, bevor ich aus dem Dunkel trat, in dem ich gewartet hatte. Dann wandte ich mich nach rechts und folgte ihr auf der anderen Straßenseite. Sie ging ziemlich schnell, mit entschlossenem, aber dennoch femininem Schritt. Alle paar Meter zog sie an ihrer Zigarette. Sie trug einen langen schwarzen Rock, schwarze Turnschuhe und eine lilafarbene Bluse. Sie war attraktiv, doch ich gab mir alle Mühe, diesen Umstand aus meinen Gedanken auszublenden. Stattdessen konzentrierte ich mich darauf, mein Tempo so zu wählen, dass ich sie ohne Verdacht zu erregen einholen würde, sobald sie ihre Wohnung erreichte. Ich tat das nicht zum ersten Mal. Meine Unschuld hatte ich schon Jahre zuvor verloren. Und es sollte auch nicht das letzte Mal sein, das war mir schon damals klar. Dieser Gedanke machte mir jedoch nicht zu schaffen. Ich hatte einen Job zu erledigen.

Als sie nach links zu ihrer Wohnung abbog, war ich weniger als einen Viertel-Häuserblock hinter ihr. Ich beobachtete, wie sie ihre Zigarettenkippe auf den Bürgersteig schnippte und mit einer Drehbewegung des Fußes austrat. Dann ging sie die noch ruhigere, baumgesäumte Seitenstraße entlang, in der sie wohnte. Sobald ich mir sicher war, dass ich mich außerhalb ihres Blickfelds befand, wechselte ich rasch die Straßenseite. Dabei nahm ich dünne schwarze Lederhandschuhe aus meiner Tasche und zog sie an. In der Seitenstraße war es noch dunkler. Es gab dort weniger Straßenlaternen.

Sie bewegte sich jetzt ziemlich schnell voran. Schneller, als sie es unter normalen Umständen getan hätte, vermute ich. Ich glaube nicht, dass sie mich gesehen hatte, aber sie muss irgendetwas gespürt haben. Das war normal. Eine Art sechster Sinn, eine bange Vorahnung, dass etwas Schreckliches geschehen würde. Sie wagte es nicht, sich umzublicken. Noch nicht. Mit ein paar langen Schritten verringerte ich den Abstand zwischen uns auf etwa drei Meter.

Inzwischen hatte sie zweifellos bemerkt, dass ich ihr folgte. Gesehen hatte sie mich allerdings immer noch nicht. Sie spürte mich einfach hinter sich. Sie hätte schreien können, doch ich wusste, dass sie das nicht tun würde. Sie würde nicht riskieren, sich lächerlich zu machen. Ich hätte auch einer ihrer Nachbarn sein können, der wie sie gerade von der Arbeit nach Hause kam. Sie war seit einiger Zeit nicht mehr im Geschäft. Sie war nicht mehr in der Lage, sich auf ihre Instinkte zu verlassen.

Ich sah, wie sie abermals in ihre Handtasche griff. Sie hätte nach allem Möglichen tasten können. Ich beobachtete ihre Hand. Wenn sie eine Pistole hervorgeholt hätte, Tränengas oder auch nur ein Mobiltelefon, wäre ich gezwungen gewesen, schneller zu handeln, als ich wollte. Ich hätte sie am Handgelenk packen, es ihr verdrehen und dafür sorgen müssen, dass sie das, was sie in der Hand hielt, fallen lässt. Doch das war nicht nötig. Ich hörte ein leises Klimpern. Sie griff nur nach ihrem Schlüsselbund.

Die Bäume warfen Schatten auf den Bürgersteig, und sie ging mit schnellen Schritten durch Licht und Dunkel. Noch drei Häuser, dann würde sie nach links zu dem Sandsteinhaus abbiegen, in dem sie wohnte. Ich gab mir alle Mühe, meinen Puls zu kontrollieren. Durch meinen Organismus begann Adrenalin zu strömen, von dem ich gehofft hatte, es sei nicht nötig. Wahrscheinlich reagierte ihr Körper genauso wie meiner. Sie ging schneller, sträubte sich aber noch immer dagegen zu rennen. Ich machte weiterhin große, gleichmäßige Schritte und konnte dadurch den Abstand zwischen uns weiter verringern, bis ich sie beinahe berührte.

Inzwischen wusste sie Bescheid. Sie muss Bescheid gewusst haben. Ich war nur noch anderthalb Schritte hinter ihr. Sie muss sich ihrem Schicksal mehr oder weniger ergeben haben. Vermutlich schossen ihr gewisse Gedanken durch den Kopf, womöglich dachte sie mit Bedauern darüber nach, was sie hätte anders machen können, um ihre Haut zu retten. Ich bin sicher, ihr ging durch den Kopf, wie dumm es von ihr gewesen war, abends allein nach Hause zu gehen, auch wenn sie das schon hunderte Male getan hatte. Jahrelang. Über Jahre hinweg angenehme Spaziergänge durch die ruhigen Straßen von Brooklyn nach einem Tag ehrlicher Arbeit. Brooklyn war ihr Zuhause. Zwölf Jahre. Zwei Kinder. Wer weiß, wie viele schöne Erinnerungen … Könnte sie trotzdem schreien? Was wäre, wenn ihr Schreien ihre Kinder wecken würde? Sie wollte sie nicht erschrecken. Das wusste ich. Was hätte sie also anders machen können? Sie hätte ihre Kinder am Morgen umarmen können. Sie hätte ihnen sagen können, wie sehr sie sie liebt. Sie hätte den armen vierjährigen Eric nicht so anzufahren brauchen, als er seine Cornflakes auf dem Küchenboden verschüttete.

Ich erinnerte mich an jenen Augenblick am Morgen zurück, als ich sie von der Eingangstreppe auf der gegenüberliegenden Straßenseite durchs Küchenfenster beobachtet hatte und gerne etwas zu ihr gesagt hätte. Ich hätte sie gerne wissen lassen, wie sehr sie es noch bereuen würde, ihr Kind so anzuschreien. Lass ihn seine Cornflakes doch verschütten, dachte ich, als es passierte, lass ihn sie doch verschütten. Selbstverständlich hatte ich nichts gesagt.

Jetzt, ein Haus vor dem, in dem sie wohnte, ging ich meinen Plan in Gedanken noch einmal durch. Während ich das tat, drehte sie sich nach links und drückte das kleine Tor auf, das zu ihrer Wohnung führte. Ich war ihr dicht genug auf den Fersen, um das Tor auffangen zu können, ehe es wieder ins Schloss fiel. Inzwischen konnte ich sie sogar atmen hören. Aus ihrer Wohnung drangen die Geräusche eines Fernsehers an mein Ohr. Ihre Babysitterin musste ihn eingeschaltet haben.

Ich konnte ihr Gesicht nicht sehen, mir den Ausdruck darin aber vorstellen. In diesem Augenblick muss er Panik oder Entschlossenheit verraten haben, entweder oder. Ich hatte schon beides gesehen und hoffte auf Entschlossenheit. Panik konnte das Ganze zu einer schmutzigen Angelegenheit machen. Bevor sie einen Fuß auf die unterste Stufe der Treppe setzen konnte, die zu ihrer Wohnungstür führte, streckte ich die Hand aus und packte sie fest am Handgelenk. Ich griff nach der Hand, in der sie die Schlüssel hielt, damit sie diese nicht als Waffe benutzen konnte. Das war ihr nämlich mit Sicherheit irgendwann beigebracht worden. »Geh auf die Augen los«, hatte sie gelernt. Alle Frauen lernen das. Nachdem ich sie am Handgelenk gepackt hatte, drehte ich sie zu mir her und presste ihr meine freie Hand auf den Mund, bevor sie mehr als ein kurzes Keuchen ausstoßen konnte.

Wir standen uns gegenüber. Im Licht konnte sie einen flüchtigen, aber deutlichen Blick auf mein Gesicht erhaschen, der sie in einem Punkt bestätigt haben muss: Sie kannte mich nicht. Ich drängte sie rückwärts ins Dunkel neben der Treppe; dabei entwand ich ihr den Schlüsselbund und ließ ihn auf den weichen Boden neben dem Eingang zur Gartenwohnung fallen. Sie wohnte in einem für Brooklyn typischen Sandsteinhaus, bei dem sich die Tür zur Gartenwohnung leicht zurückgesetzt unterhalb der Treppe zum Haupteingang befand. Ich drängte sie weiter zurück, bis sie mit dem Rücken gegen die Tür gepresst dastand. Hier wurden wir von Dunkelheit verschluckt. Niemand konnte uns sehen. Niemand würde sie sterben sehen. Jeder Schritt meines Plans war ohne Probleme aufgegangen.

In einer schnellen, koordinierten Bewegung ließ ich ihr Handgelenk los und nahm die andere Hand von ihrem Mund, um ihr beide Hände um den Hals zu legen. Ohne Zeit zu verlieren, drückte ich zu. Alles ging so schnell, dass auch dann kein Laut zu hören gewesen wäre, wenn sie den Mut aufgebracht hätte zu schreien. Ich sah ihr ins Gesicht, während ich ihr die Luft zwischen Lunge und Gehirn abdrückte. Sie starrte mir in die Augen, als sich meine behandschuhten Hände fester um ihre Kehle schlossen. Ihr Gesicht lief langsam rot an, während sich ihr Mund öffnete und schloss und vergeblich versuchte, ein letztes Mal nach Luft zu schnappen. Sie zeigte kaum Gegenwehr. Kein Treten, kein Schlagen, nur Keuchen. Ein paar Tränen rollten ihre Wangen hinunter, und ihr rot angelaufenes Gesicht verfärbte sich langsam bläulich. Inzwischen konnte ich ihren Puls selbst durch meine Handschuhe spüren, als ihr Herz wie wild zu arbeiten begann, um ihr Gehirn mit Sauerstoff zu versorgen. Ich konnte ihren Puls in meinen Daumen und in meinen kleinen Fingern fühlen. Meine Zeigefinger spürten nur, wie sich die Muskeln in ihrem Hals anspannten. Falls sie noch zu klaren Gedanken fähig war, galten diese jetzt zweifellos ihren Söhnen, ob es ihnen gut ging, ob sie sie noch ein letztes Mal würde hören können, ihre kleinen Stimmen, ihr Lachen. Fehlanzeige. Das einzige Geräusch, das aus der Wohnung drang, war das des Fernsehers.

Ihre Augen wurden glasig, und aus ihrem linken Nasenloch begann ein Rinnsal Blut zu fließen. Zuerst sammelte es sich innerhalb der Nase, und dann rann es schnell nach unten zu ihren Lippen. Ihr eigenes Blut sollte das Letzte sein, was sie schmeckte. Sie wandte nicht ein einziges Mal den Blick von mir ab. Ihre Augen hatten keinen fragenden Ausdruck. Sie kannte mich nicht, doch sie wusste, weshalb ich sie töten musste. Sekunden später war sie tot.

Ich ließ ihren Körper zu Boden sinken und richtete mich wieder auf. Sie lehnte im Dunkeln mit angezogenen Knien zusammengesackt an der Tür, und das Blut auf ihrem Gesicht begann bereits zu gerinnen. Ihre Augen waren geöffnet, aber leblos. Ich empfand so gut wie nichts. Ich war gefühllos. Ich fand keinen Gefallen an dem, was ich getan hatte. In der Vergangenheit hatte ich verschiedene Stadien durchgemacht. Wir alle machen Stadien durch – verschiedene Emotionen. Macht. Stolz. Schuld. Ich empfand jedoch nichts von alledem. Das Einzige, was ich empfand, war Zufriedenheit mit einem gelungenen Job. Von diesem hatte es geheißen, er sei einfach. Ich nehme an, das war er auch.

Ich entfernte mich von der Leiche, trat zurück ins Licht, drehte mich um und ging davon, als sei nichts geschehen. Sie würde in ein paar Stunden gefunden werden. Die Babysitterin würde sich bald fragen, weshalb die Mutter der Kinder so lange nicht von der Arbeit nach Hause kam. Sie würde ihre Eltern anrufen, die daraufhin in der Weinhandlung anrufen würden. Die Eltern würden schließlich vorbeikommen und die Polizei verständigen, die die Leiche finden würde. Als ich wegging, normalisierte sich mein Puls. Ich zog die Handschuhe aus und verstaute sie wieder in meiner Tasche. Morgen würde ich die Stadt verlassen, und dieses Verbrechen würde unaufgeklärt bleiben. Das Viertel würde für ein paar Wochen in leichte Panik verfallen, doch dann würden sich die Wogen wieder glätten. Für alle, außer für ihre Angehörigen, würden die Ereignisse dieser Nacht irgendwann nur noch eine Geschichte sein, die Kinder sich gegenseitig erzählen, wie eine Gespenstergeschichte am Lagerfeuer, ein echter Tod, zum Großstadtmythos mutiert. Ihre Angehörigen würden ebenso wenig wie sie selbst hinterfragen, weshalb sie getötet worden war. Genauso wie ich nicht hinterfragte, weshalb ich sie getötet hatte. Die Antwort war nämlich ganz simpel: Ich hatte sie getötet, weil ich gut bin und sie böse war. Zumindest war mir das so beigebracht worden, Maria.

Ich müsste lügen, wenn ich abstreiten würde, dass ich das manchmal noch immer glaube.

ZWEITES KAPITEL

Am nächsten Morgen spulte ich nach dem Aufwachen mein normales Programm ab. Training. Zweihundert Liegestütze, vierhundert Sit-ups. Frühstück und anschließend acht Meilen laufen. Da ich früh aufgestanden war, waren die Straßen noch wie ausgestorben. Ich war gegen halb zwei Uhr nachts wieder in der Wohnung meines Gastgebers in Jersey City angekommen. Nach vier Stunden Schlaf war ich aufgewacht und hatte meinen Tag begonnen. Es handelte sich um einen Reisetag. Ich wollte so früh loslegen, wie mein Körper es zuließ. Ich musste am frühen Nachmittag einen Flug in Philadelphia erwischen und konnte es kaum erwarten wegzukommen. Nach einem Job konnte ich es immer kaum erwarten wegzukommen. Vielleicht bereute ein Teil von mir das, was ich getan hatte. Ich weiß es nicht. Mein Plan war, mit dem Bus von Jersey City zum Parkplatz eines Einkaufszentrums am Stadtrand zu fahren. Dort würden mich meine Freunde auflesen und zum Flughafen bringen.

Die frühmorgendliche Luft war frisch. Ich lief durch einen leichten Nebel, der sich zwischen den vierstöckigen Sandsteinhäusern entlang der Straßen von Jersey City niedergelassen hatte. Ich lief schnell, um alle Gedanken aus meinem Kopf zu vertreiben. Beim Laufen hielt ich Ausschau nach irgendetwas Verdächtigem, blickte bei jedem Schritt nach links und nach rechts, sah mich um, ob mir irgendetwas seltsam oder fehl am Platz erschien, und versuchte, Blickkontakt mit den Ladeninhabern herzustellen, die ihre Geschäfte öffneten, um herauszufinden, ob es auch nur den leisesten Hinweis darauf gab, dass mich einer von ihnen wiedererkannte. Es würde nicht lange dauern, bis ihnen klar werden würde, was passiert war. »Sie« konnten überall sein. Der Abend zuvor war eine gemeinsame Anstrengung gewesen. Drei Mordanschläge in einer Nacht über ein und dieselbe Stadt verteilt. Alles in allem hinterließen wir fünf Leichen. Ich hatte den einfachen Mord gehabt. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich nur annehmen, dass meine Freunde ihre Jobs ebenfalls hatten erledigen können. Wenn nicht, konnte ich lange auf meine Mitfahrgelegenheit warten.

Ich bog um eine Ecke und lief eine steile Straße hinauf. Vor mir lud ein Mann vor einer Reinigung sorgfältig gebügelte Hemden und Anzüge aus einem Lieferwagen. Als unsere Blicke sich trafen, nahm sein Gesicht einen mürrischen Ausdruck an. Ich bog schnell in eine Seitenstraße ein und lief weiter. Ich bezweifelte, dass er mich erkannt hatte, aber man konnte sich nie ganz sicher sein. Bei der nächsten Querstraße drehte ich mich um und blickte zurück, es war jedoch nichts zu sehen. Paranoia. Ein nützliches Hilfsmittel in meiner Branche. Mir wurde früh beigebracht, dass nur die Paranoiden überleben. Vernachlässige auch nur für einen Augenblick deine Deckung, und dieser Augenblick könnte dein letzter sein.

Wenn Jareds und Michaels Mordanschläge ohne großes Aufsehen über die Bühne gegangen waren, würde womöglich erst im Lauf des Tages bekannt werden, was geschehen war. So wie ich Jared und Michael jedoch kannte, waren sie nicht unauffällig vonstattengegangen. Falls ihre Jobs schmutzig gewesen waren, war vermutlich bereits ein ganzes Team von Leuten auf der Suche nach uns. Drei Jobs und fünf Leichen in einer Nacht würden mit Sicherheit Unruhe stiften. Vermutlich war das jedoch genau der Sinn und Zweck der Sache.

Die Polizei machte mir keine Sorgen. Sicher, die Bullen würden ermitteln, und die New Yorker Bullen gehörten zu den besten, aber sie mussten sich an Vorschriften halten. Sie hatten ein System. Scheinbar blindwütiges, sinnloses Töten durch Täter, die für ein oder zwei Nächte in die Stadt kommen und anschließend spurlos verschwinden, war nicht ihre Stärke. Das Motiv? Welches Motiv? Wer in der Lage war, das Motiv für diese Morde zusammenzufügen, wusste bereits, weshalb alle diese Personen getötet worden waren. Derjenige gehörte bereits einer Seite an. Hatten wir irgendwelche eingeweihten Leute in New York? Ich weiß es nicht. Vermutlich schon. Hatten sie welche? Ebenso wahrscheinlich. Wir sind überall – sie ebenfalls.

Ich bog um eine weitere Ecke und lief zur Wohnung meines Gastgebers zurück. Dabei winkelte ich die Arme an, schaltete noch einen Gang höher und gab auf den letzten zwei Meilen alles.

Mein Gastgeber war ein netter Kerl. Er war ungefähr dreißig Jahre alt, alleinstehend und wohnte in einer Zweizimmerwohnung in Jersey City. Er arbeitete als Computer-Programmierer bei einer Versicherung im Zentrum von Manhattan. Als wir an meinem ersten Abend in der Stadt zusammen etwas trinken gingen, überschüttete er mich mit Fragen. Ich beantwortete einige davon und ließ den weitaus größeren Teil unbeantwortet. Er wusste, wie die Sache läuft. Und er wusste, je mehr Informationen er mir entlocken konnte, desto gefährlicher wurde es für ihn.

Ich beendete meinen Lauf mit einem langsameren Tempo als sonst. Die Schuld dafür gab ich meinem Schlafmangel.

Es war beinahe Mittag, als Jared und Michael mit ihrem Mietwagen vorfuhren. Wir würden uns ziemlich beeilen müssen, wenn ich meinen Flug noch erwischen wollte. Da Jared fuhr, war Tempo jedoch kein Thema. Er riss den Wagen herum, und Michael lehnte sich zum Fenster auf der Beifahrerseite hinaus. »Joe«, rief er mir zu, als das Auto zum Stehen kam, »dein Streitwagen ist da!« Er breitete die Arme weit aus, um mich zu begrüßen. »Komm her und lass dich umarmen, du hässlicher Mistkerl.«

Ich hob meine Tasche auf und ging zum Auto. Die letzte Stunde hatte ich auf dem Bürgersteig vor einer Macy’s-Filiale Leute beobachtet. Ich hatte ihnen dabei zugesehen, wie sie in das Einkaufszentrum schlenderten, um ihren Tag damit zu verbringen zu entscheiden, in welchen Jeans ihr Hintern am kleinsten aussah oder welcher Fernseher am besten in ihr Wohnzimmer passte. Es gab Momente, in denen ich eifersüchtig war, doch mein Leben – unser Leben – wird nie so normal sein. »Ihr seid spät dran, Leute«, sagte ich, als ich auf Michaels ausgebreitete Arme zuging.

»Besser spät als nie«, flüsterte Michael mir zu, als er mich mit einer ungestümen Umarmung an sich zog. »Steig ein. Wir müssen los.«

Ich warf meine Tasche auf die Rückbank und kletterte hinterher.

»Jared.« Ich begrüßte meinen alten Freund mit einem kurzen Nicken, als sich unsere Blicke im Rückspiegel trafen.

»Wie geht’s, Joey? Ich nehme an, alles ist glatt gelaufen?« Er schenkte mir ein breites Grinsen.

»So einfach war’s noch nie. Keine Probleme. Was ist mit euch, Leute?«

»Du brauchst nichts ›anzunehmen‹«, sagte Michael. Er warf mir ein Exemplar der New York Post auf den Schoß. »Du fauler Sack hast es nicht mal in die Zeitung geschafft.« Ich warf einen Blick auf die Titelseite. Über einem Foto von zwei blutigen, mit ehemals weißen Laken zugedeckten Leichen prangte die fett gedruckte Überschrift: »Blutbad in der Bronx«. Unter dem Foto, in kleinerer Schrift, stand zu lesen: »Mets nehmen den Phillies zwei Punkte ab und rücken bis auf einen heran.«

»Heilige Scheiße«, sagte ich und blätterte auf Seite drei vor, um den Artikel zu lesen. »Irgendwann bringt ihr euch noch ins Grab.« Ich warf abermals einen Blick auf das Foto und die Überschrift. »Und mich bringt ihr mit euch ins Grab.«

»Sie haben mir und Michael gesagt, dass sie die Sache aufheizen möchten. Tja, Michael ist vielleicht ein bisschen zu weit gegangen.« Jared sah mich erneut im Rückspiegel an. Sein Lächeln war noch immer nicht verschwunden. Er war stolz, stolz auf Michael, stolz auf den Job, den wir soeben erledigt hatten, stolz auf uns alle. Ich begann zu lesen.

Vergangene Nacht um 00:35 Uhr wurden vor der Yankee Tavern, einer gut besuchten Bar in der Nähe des Yankee-Stadions, zwei Männer erstochen. Joseph Delentano und Andrew Braxton wurden beim Verlassen der Bar überfallen, in der sie nach dem Besuch eines Spiels der Yankees etwas getrunken hatten. Der Angreifer ging zuerst auf Delentano los und stach ihm zweimal in die Brust, ehe er sich Braxton zuwandte und ihm in den Hals stach. Beide Männer starben binnen weniger Minuten nach dem Überfall. Zeugen zufolge verlor der Angreifer, ein etwa fünfundzwanzigjähriger Weißer, keine Zeit. Er hielt sich nicht damit auf, die Opfer zu berauben, und schien auch sonst kein Tatmotiv zu haben. »Ich war den ganzen Abend mit Joe und Andy zusammen«, sagte deren Freund Steven Marcomi. »Wir waren nur für ein oder zwei Getränke in der Bar. Ich hatte den Täter noch nie in meinem Leben gesehen. Und ich habe so etwas noch nie in meinem Leben gesehen. Schließlich sind wir nicht in einen Streit geraten oder so. Ich habe keine Ahnung, wieso das passiert ist.« Das Motiv ist weiterhin unklar, die Polizei geht jedoch davon aus, dass es sich um das Werk eines erfahrenen Killers handelt. »Wer auch immer dafür verantwortlich ist«, erklärte Lieutenant John Gallow heute am frühen Morgen Journalisten, »wusste genau, was er tat. Er war effizient und präzise.« Andrew verblutete am Tatort. Delentano erlitt Stichverletzungen an der Lunge. »Genau genommen ertrank Delentano in seinem eigenen Blut«, teilte der amtliche Leichenbeschauer mit. »Beide Lungenflügel wurden durch Stiche verletzt und füllten sich schnell mit Blut. Letztendlich ertrank der arme junge Mann.« Delentanos Mutter sagte dem Verfasser dieses Artikels: »Ich begreife einfach nicht, wie jemand das tun konnte. Mein Sohn war so ein netter Junge. Das hat er nicht verdient.« Braxtons Familie stand für einen Kommentar nicht zur Verfügung.

Neben einem Foto von der Bar war das Phantombild des Täters abgedruckt. »Hübsches Bild, Michael. Deine Mutter ist bestimmt richtig stolz auf dich.«

»Dieser Scheiß sieht mir überhaupt nicht ähnlich.« Michael riss mir die Zeitung aus der Hand, um noch einmal einen Blick auf die Zeichnung zu werfen. Sie sah ihm tatsächlich überhaupt nicht ähnlich. Das war typisch. Phantombilder dienten einzig und allein dazu, einen Generalverdacht zu schüren. Ganz egal, wie die Zeichnung aussah, jeder kannte jemanden, der ihr ein bisschen ähnelte.

»Und das Zitat seiner Mutter. Echt die Krönung. Als wüsste sie nicht, warum ihr Sohn getötet wurde.« Michael hielt kurz inne, ging die Geschichte in Gedanken noch einmal durch. »Aber hast du das Zitat des Polizisten gesehen? ›Präzise und effizient.‹ Das würde ich mir gern auf meine Visitenkarten drucken lassen.«

»Musstest du unbedingt so ein Gemetzel veranstalten?« Ich sah mir erneut das Foto auf der Titelseite an und blickte dann zu Michael auf.

»Vielleicht nicht, aber es war das Beste, was ich tun konnte. Ich musste sie beide erledigen, und ich musste es vor ein Uhr nachts tun, sonst hätte ich riskiert, dass sie von euren Jobs Wind bekommen und sich wehren. Als ich sie in die Bar gehen sah, wusste ich, dass ich die beste Chance hätte, wenn ich sie umlege, sobald sie wieder rauskommen. Ich nahm an, dass sie angeheitert und ihre Reflexe verlangsamt wären.«

»Konntest du deshalb zweimal auf den ersten Typen einstechen, bevor du dich um den zweiten kümmern musstest?« Michael war gut in dem, was er tat. Das musste man ihm lassen.

»Ja. Deshalb, und weil der zweite Typ geahnt hat, was los war. Ein Unbeteiligter hätte das Weite gesucht. Aber der Typ blieb wie angewurzelt stehen. Er wusste, was vor sich geht, konnte sich aber nicht erinnern, wie er hätte reagieren sollen. Er hat total belämmert dreingeschaut, so ungefähr wie: ›Soll ich wegrennen? Soll ich kämpfen? Soll ich kacken gehen?‹ Pffft.« Michael imitierte das Geräusch eines Ballons, aus dem die Luft entweicht. »Zu spät.«

»Und was hast du dann gemacht?«, fragte ich Michael.

»Ich bin in der kühlen Bronx-Nacht verschwunden. Das ist vielleicht ein unheimliches Pflaster, Mann. Ich sage dir, ich war der am harmlosesten aussehende Typ auf der Straße.«

Ich blätterte weiter in der Zeitung. »Jared ist auf Seite vierzehn«, sagte Michael. Ich blätterte um. Dort, ganz am rechten Seitenrand, befand sich ein Artikel über ein wohlhabendes Pärchen aus Westchester. Die beiden hatten den Motor ihres Wagens in der Garage laufen lassen und waren an einer Kohlenmonoxidvergiftung gestorben. Er war Partner in einer großen Anwaltskanzlei in Manhattan, sie früher leitende Angestellte in einer Werbeagentur gewesen und hatte ihren Beruf aufgegeben, um sich um die Kinder zu kümmern. Das Seltsame an der Geschichte war, dass beide Kinder am Morgen schlafend auf der Veranda gefunden worden waren, in Decken eingewickelt und vor den Dämpfen geschützt. Die Ermittler gingen davon aus, dass die Eltern ihre Kinder nach draußen gebracht hatten, ehe sie sich das Leben nahmen. Niemand konnte verstehen, weshalb ein anscheinend so glückliches Paar Selbstmord beging.

»Du bist ein Genie, Jared. Wirklich brillante Arbeit«, sagte ich, während ich die Zeitung weiter durchblätterte, nachdem ich die Artikel über meine Freunde gelesen hatte.

»Du bist nicht drin, Joe«, sagte Michael, der mich weiterhin beim Blättern beobachtete. »Absolut nichts über deinen Mordanschlag.« Nur eine weitere Leiche, dachte ich. Nicht berichtenswert. Nur eine stinknormale Frau, die auf stinknormale Art und Weise getötet worden war. Nicht der Rede wert. »Bist du dir sicher, dass du nicht vergessen hast, deine Zielperson zu erledigen?«, wollte Michael wissen.

»Ja, ich bin mir sicher. War ein Kinderspiel.«

»Ja, aber dein Mord war vermutlich der gefährlichste«, sagte Jared. »Für deinen war alles arrangiert. Wir sollten nur Aufsehen erregen. Du musstest sie umlegen, ihnen zeigen, dass es Konsequenzen gibt.« Jared fuhr auf der I-295 weiter, wechselte immer wieder die Fahrspur und schlängelte sich durch den Verkehr. »Ihrem Ehemann musste eine Lektion erteilt werden. Man legt nicht in einem Jahr acht von unseren Leuten um, ohne dass es ein Nachspiel hat.«

»Ich habe die Hintergrundinfos gelesen«, sagte ich zu Jared. Ich starrte durchs Fenster die Gesichter in den Autos an, die wir überholten, musterte jedes einzelne und versuchte zu erraten, ob es sich um jemanden handelte, der zu uns gehörte, zu den anderen oder zu den vielen glücklichen Unbeteiligten. Es war unmöglich zu sagen. Wir überholten einen silberfarbenen VW Jetta mit einer hübschen Studentin am Steuer und einer Freundin auf dem Beifahrersitz, überholten einen großen schwarzen Cadillac Escalade, den ein korpulenter Mann mit Schnurrbart und einer Tätowierung am linken Arm fuhr, überholten ein schwarzes Pärchen in einem kleinen roten Sportwagen, fuhren dahin, überholten immer mehr Leute, alles potentielle Freunde, alles potentielle Feinde. Das Einzige, was ich mit Sicherheit wusste, war, dass es einen weiteren professionellen Killer gab, der jede Menge Gründe hatte, mich tot sehen zu wollen.

»Was steht bei dir als Nächstes auf dem Plan?«, fragte mich Jared.

»Ich muss einen Vortrag halten. Und bei euch?«

»Ich kann mich ein bisschen ausruhen und entspannen.« Michael lächelte. Ich sah zu Jared hinüber und fragte mich, was er wohl als Nächstes vorhatte.

»Ich habe noch einen Job zu erledigen. Der dürfte allerdings nicht allzu schwierig werden. Vielleicht sollten wir versuchen, uns anschließend zu treffen.« Jared nickte in Richtung Beifahrersitz. »Wohin geht’s bei dir im Urlaub, Michael?«

»Du weißt doch, dass ich das euch zwei Losern nicht erzählen soll. Was ist, wenn ihr geschnappt und gefoltert werdet? Dann verpfeift ihr mich womöglich.« So lauteten die Vorschriften. Selbst ein kurzes Treffen nach einem Job war unorthodox. Uns wurde stets eingetrichtert, dass so wenige Leute wie möglich wissen sollten, wo wir uns aufhielten. Das war sicherer. Bleibe in Bewegung, verhalte dich unauffällig, und du bist sicher. Das war langweilig und verdammt einsam. »Außerdem wärt ihr beiden mir wahrscheinlich nur im Weg.« Er machte eine Pause. »Aber vielleicht fliege ich nach Saint Martin – auf die französische Seite. Jede Menge Sonne, tolles Essen. Meine Unterkunft ist groß genug für uns fünf. Für mich, euch zwei und die beiden Mädels, die ich jeden Abend abschleppe.«

»Was meinst du, Joe? Saint Martin? In der Sonne sitzen, Cocktails trinken und die hübschen Frauen anglotzen, die am Strand flanieren?« Mein Blick traf sich abermals mit dem von Jared im Rückspiegel. Er war mein ältester Freund. Wir kannten uns schon lange, bevor wir wussten, für welche Art von Leben wir bestimmt waren. Als wir in die erste Klasse gingen, spielten wir Räuber und Gendarm. Wir gaben vor, Feuerwehrmänner zu sein oder Astronauten. Das hier hatten wir uns allerdings nie vorgestellt. Wir hatten nie Gut gegen Böse gespielt. Jared wirkte ein wenig müde, ein wenig ausgelaugt.

»Ich bin dabei«, sagte ich.

Am Flughafen gingen wir wieder getrennte Wege. Michael setzte zuerst mich ab. Er würde Jared an einer anderen Stelle rauslassen und anschließend den Mietwagen zurückgeben. Als sie davonfuhren, lehnte sich Michael aus dem Fenster auf der Beifahrerseite, legte die hohlen Hände an den Mund und rief: »Vergiss nicht, junger Jedi, die Macht wird immer mit dir sein!« Ich konnte Michael noch lachen hören, als ich durch die Glastür das Flughafengebäude betrat. Wenn wir uns in Zukunft wieder begegneten, wären wir drei Fremde.

Als ich in meinem Terminal angelangt war, ging ich zum Flugschalter und ließ mir einen Sitzplatz für eine Person zuweisen, deren Name nicht der meine war. Ich zeigte einen Ausweis mit einem Foto von mir vor, der auf den Namen eines Fremden ausgestellt war. Dann ging ich an Bord einer Maschine nach Chicago. Schade, dass es sich nicht um einen längeren Flug handelte, denn ich fiel sofort in einen tiefen, traumlosen Schlaf, als ich mich in meinem Sitz zurücklehnte. Ich wachte nicht auf, als wir abhoben. Ich bekam kaum mit, als wir landeten. Inzwischen waren Flugzeuge der einzige Ort, an dem ich noch tief schlafen konnte.