Alfred Bekker und Silke Bekker
Das kleine Weihnachtslesebuch: Erzählungen

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

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© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

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Inhaltsverzeichnis

Titelseite

Copyright-Seite

Erzählungen von Alfred Bekker

Ein Blatt im Wind

Zeitverschwendung

Schaf im Wolfspelz

Kostbare Zeit

Der gefallene Engel

Das Muttermal

Gedanken über den Tod

Immer Ärger mit den Mäusen

Coole Klamotten oder die Mode von gestern

Der Damentisch

Die gelbe Rose

Zwiesprache mit Gott

Der richtige Moment

Osterfeuer im Oktober

Alles ist möglich...

Wer zuletzt schnarcht...

Der Anhalter

Nie wieder!

Der Heiratsantrag

Etwas wagen

Ich bin wie ich bin

Der Tausch

1

2

3

4

5

6

Die Bruchlandung

Eine Liebeserklärung

Ein Abenteuer

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Also By Silke Bekker

Erzählungen von Alfred Bekker

Ein großer Künstler

Seine feingliedrigen Hände verrieten den Orgel-Virtuosen; zwei Hände, die zu einem Namen gehörten, der auf Dutzenden von Plattencovers zu sehen war.

Oft genug übrigens in viel größeren Lettern, als die Namen jener, die die Musik komponiert hatten!

Stets trug einen eleganten Zwirn, fast so, als müßte er jederzeit bereit dazu sein, sich auf einer Bühne vor einem tausendköpfigen Publikum zu präsentieren. Von Paris bis New York hatte ihm das Publikum Ovationen entgegengebracht und die Kritiker waren zu Lobeshymnen verführt worden, wenn er seine schnellen Finger elegant über die Tasten fliegen ließ.

Ein großer, geradezu genialer Künstler - darin war man sich sich einig. Die kleine, verwitterte Dorfkirche, in der der Orgel-Virtuose gemeinsam mit seiner Frau Platz genommen hatte, gehörte ganz bestimmt nicht zu den Orten, an denen dieser Künstler üblicherweise auftrat. Und so hatte sein Besuch in diesem Ort auch ausschließlich familiäre Gründe: Die Eltern seiner Frau stammten aus dieser Gegend und wegen seines dichtgedrängten Terminkalenders war er ihnen schon seit lan-gem einen Besuch schuldig geblieben.

Jetzt saßen sie hier in der leeren Kirche und ließen den Raum auf sich wirken. Für den Orgel-Virtuosen bedeutete dieser Raum nichts, aber seine Frau verband mit ihm alte Erinnerungen. Und deshalb waren sie hier her gekommen.

Plötzlich hörten sie ein Geräusch. Ein Rumpeln. Sie drehten sich herum.

"Was war das?" fragte die Frau.

"In diesem alten Gemäuer gibt es bestimmt Mäuse!" erwiderte ihr Mann. Aber es waren keine Mäuse, sondern ein Orgelspieler, der kräftig in die Tasten griff und offensichtlich ein paar Kirchenlieder übte.

"Schauderhaft!" murmelte der Virtuose flüsternd vor sich hin. Seine sensible Künstlerseele litt jedesmal unsagbare Qualen, wenn der Dorforganist das Tempo verschleppte und plötzlich stockte, um dann um so schneller fortzufahren. Wie man nur einen derart unbegabten Menschen an eine Orgel setzen konnte, das war dem Virtuosen schleierhaft.

Während sich sein Gesicht auf Grund der zahlreichen Mißtöne qualvoll verzog, bemerkte er plötzlich das Lächeln in den Zügen seiner Frau.

"Ich kenne den Orgelspieler!" sagte sie. "Er hat hier schon den Gottsdienst begleitet, als ich noch klein war... Das der immer noch spielt..."

Der Virtuose zuckte mit den Schultern. "Vielleicht hätte er sich früher zur Ruhe setzen sollen. Hat er eigentlich immer schon so schlecht gespielt?"

In diesem Moment war es völlig still geworden. Der Orgelspieler hatte aufgehört zu üben und blickte jetzt von der Empore herab ins Kirchenschiff.

"Dann habe ich mich ja doch nicht verhört!" meinte er. Und als er die Frau erkannte, lächelte er. Der Virtuose hingegen bemerkte das Hörgerät am Ohr des Orgelspielers und dachte: Mein Gott, das darf doch nicht wahr sein!

Unglücklicherweise erzählte die Frau des Virtuosen, daß ihr Mann ebenfalls Organist sei, und so kam es von der Empore herab: "Kommen Sie doch herauf! Es macht immer Freude, sich mit einem Kollegen zu unterhalten!"

*

Der Virtuose und seine Frau wollten bis Sonntag nachmittag im Dorf bleiben, um sich dann auf den Heimweg zu machen.

Sie hatten am Sonntag noch nichteinmal gefrühstückt, da erreichte sie der Anruf des Orgelspielers. Er habe sich die rechte Hand verstaucht und könne unmöglich im Gottesdienst spielen. Umständlich und in aller gebotener Ehfurcht fragte er an, ob nicht der große Virtuose sich ausnahmsweise herablassen könnte, ein paar Choräle zu begleiten.

Erst wollte dieser nicht, aber seiner Frau zu Liebe sagte er schließlich doch ja.

"Ich würde Ihnen empfehlen, etwas früher in die Kirche zu gehen, damit Sie sich an die Orgel gewöhnen können!" empfahl der Alte, während der Virtuose nur ein gepreßtes "Danke!"

über die Lippen brachte. Auf einen solchen Ratschlag konnte er verzichten! Und so saß er wenig später an der Orgel. Der Gottesdienst fing an und der Virtuose griff in die Tasten.

Eine Choralbegleitung war für nichteinmal eine Fingerübung.

Aber schon nach den ersten Akkorden stockte er plötzlich -

und mit ihm die Gemeinde, die mitsang und sich wohl oder übel nach ihm richten mußte. Es fiel dem Virtuosen wie Schuppen von Augen: Eine ganze Reihe von Tasten brachte nichts weiter als ein dumpfes Ächszen hervor, andere blieben völlig stumm, wenn sie betätigt wurden. In diesem Moment, als es völlig still in der Kirche war und die Gemeinde darauf wartete, weitersingen zu können, da empfand der Virtuose tatsächlich soetwas wie professionelle Hochachtung für den alten Orgelspieler, der es Sonntag für Sonntag geschafft hatte, seine Choräle ausschließlich mit jenen Tasten zu spielen, die noch funktionierten.

Heiße Kartoffeln

Ein junger Pfarrer war am Tag vor seiner ersten Predigt von seinem Vorgänger abends auf einen Cognac eingeladen worden.

Die beiden Männer verstanden sich hervorragend. Der Ältere schätzte die offene, unbekümmerte Art des Jüngeren und glaubte, in diesem einen Nachfolger zu haben, dem er die Verantwortung guten Gewissens übergeben konnte. Der Abend war schon fast vorbei und der Jüngere war bereits auf dem Weg zur Tür, da hielt ihn der Ältere plötzlich am Arm Arm und sagte: "Eine Sache, wäre da noch, auf die ich Sie gerne noch hinweisen möchte, damit Sie nicht ins offene Messer laufen."

Der Jüngere lächelte. "Offene Messer in einer christlichen Gemeinde?" erwiderte er scherzhaft.

Der Ältere zuckte bedauernd die Schultern.

"Auch das gibt es! Das Messer in unserer Gemeinde, das einem neuen Pfarrer gefährlich werden könnte, heißt Lotte Berger, trägt eine strenge Knotenfrisur und und hat ebenso strenge Maßstäbe, was die Beurteilung einer Predigt angeht."

Ein Lächeln spielte um die Lippen des Älteren. "Ihre theologischen Ansichten sind dabei höchst eigenwillig. Ich kann ein Lied davon singen... Und wenn sie mit Ihnen nicht einverstanden ist, dann wird sie unbarmherzig das Urteil über Sie fällen und Sie fallenlassen wie eine heiße Kartoffel!"

Der Jüngere machte eine wegwerfende Handbewegung und blieb völlig unbekümmert. "Sonderlinge gibt es überall", meinte er leichthin.

"Aber in diesem Fall ist es jemand mit erheblichen Einfluß! Wenn man als Pfarrer die gestrenge Frau Berger nicht auf seiner Seite hat, dann sollte man zusehen, daß man in eine andere Gemeinde kommt! Sie kann Ihnen das Leben hier zur Hölle machen - Sie verzeihen den Vergleich! Sie mischt in jedem Kreis und jeder Runde hier im Dorf mit und überall, wo sie mitmischt, hat sie nach kurzer Zeit die Fäden in der Hand..."

Der Jüngere zuckte mit den Schultern. Das klang ja sehr gefährlich. "Und was kann ich tun, um dem Mißfallen dieser Frau zu entgehen?"

"Eine gute Frage!" lachte der Ältere. "Solange ich schon in dieser Gemeinde bin, rätsele ich erfolglos daran herum!"

*

Als der junge Pfarrer am nächsten Tag auf der Kanzel stand, hatte er ein flaues Gefühl m Magen. Und je näher die Predigt im Ablauf des Gottesdienstes rückte, desto flauer wurde die-

ses Gefühl. Lotte Berger saß in der ersten Reihe und Ihre Frisur war ebenso streng wie ihre Gesichtszüge. Die ganze Zeit über hielt sie den jungen Pfarrer mit ihrem unerbittli-chen Blick fixiert, dem nicht der geringste Fehler entgehen konnte. Dann kam die Predigt. Der junge Pfarrer fühlte den Puls bis zum Hals schlagen, als die ersten Worte über seine Lippen kamen und dieses eine, unbestechliche Augenpaar ihn immer noch anstierte und nur auf einen Faux-pas zu warten schien.

Und dann geschah es! Die Augen der strengen Frau weiteten sich vor Entsetzen. Sie sprang mitten in der Predigt auf und lief in eiligem, fast konnte man sagen, empörten Schritt aus der Kirche.

Als der junge Pfarrer nach dem Gottesdienst die Gemeindeglieder mit Handschlag verabschiedete, war er völlig fertig. Dann sah er Lotte Bergers hagere Gestalt auf ihrem rostigen Damenrad heranklappern. Sie stieg ab und kam auf den jungen Pfarrer zu, während sich ihr unbarmherziger, fast schon stechender Blick in seine Augen zu bohren schien. Sie reichte ihm die Hand. Der junge Pfarrer nahm sie und fühlte, daß die seine schweißnaß war. "Ihre Predigt hat mir so gut gefallen wie schon seit Jahren keine mehr!" sagte sie.

"Leider konnte ich die zweite Hälfte nicht mehr mitbekommen."

Sie zuckte mit echtem Bedauern die Schultern. "Zu dumm! Ich hatte meine Kartoffeln auf dem Herd vergessen!"

Der Papagei

Ich hatte einen Papagei, und da die Wände meiner Wohnung so dünn wie Papier waren, hörte man dessen Geschrei manchmal im ganzen Haus. Doch das war halb so schlimm. Der Mieter in der Wohnung über mir war schon in den Achtzigern und fast völlig taub, während der Mittdreißger, der unter mir wohnte, oft wochenlang auf Montage war und seine Wohnung mehr oder weniger nur als Aufbewahrungsort für seine Sachen benutzte.

Einzig und allein der Hausverwalter machte mir zu schaffen.

Sein Name war König.Er wohnte zwar im Erdgeschoß und bekam so sicher am allerwenigsten von den Sprechversuchen meines Papageis mit, aber das hinderte ihn nicht daran, sich um so heftiger darüber aufzuregen. Zwar gehörte ihm das Haus nicht, aber er verhielt sich so und konnte recht unangenehm werden.

Er pflegte regelmäßig an meiner Tür Sturm zu klingeln und wenn ich dann öffnete, bließ er sich regelrecht auf und stemmte die kurzen, kräftigen Arme dorthin, wo vor vielen Jahren einmal seine Taille gewesen sein mußte.

"Hören Sie gut zu, junger Freund", pflegte er dann zu sagen, obwohl er mich sicher nicht im Ernst zu seinen Freunden zählte. "Ihr schreiendes Vogelvieh muß weg! Der Krach ist einfach nicht zum Aushalten! Gestern hat der Papagei den ganzen Tag 'Alle meine Entchen' gesungen! Wer soll sich das denn anhören!"

Ich wollte es auf die heitere Tour versuchen und sagte:

"'Alle meine Entchen' ist das einzige Lied, das ich so singen kann, daß man es noch wiedererkennt, wenn der Papagei es nachsingt. Aber Sie können Ihm gerne ein anderes beibringen, wenn Sie wollen!"

Er hielt mir seinen Zeigefinger drohend unter die Nase.

"Ich habe Sie gewarnt! Aber anscheinend wollen Sie unbedingt, daß wir uns vor Gericht wiedersehen! Sie werden schon merken, was Sie davon haben!"

Damit stampfte er dann davon. Ich schlug die Tür hinter ihm zu und, und murmelte vor mich hin: "König, nimm' dich nicht so wichtig!" Der Papagei stimmte mir zu und wiederholte laut-

hals: "König, nimm dich nicht so wichtig!" In den nächsten Tag hatte mein Hausverwalter diese paar Worte ziemlich oft zu hören, denn der Papagei schmetterte sie zu jeder Tages- und Nachtzeit durch das Haus.

Nun war König leider in einer Rechtschutzversicherung und außerdem offenbar der Meinung, daß man diese auch in Anspruch nehmen sollte, wenn man schon die Prämien bezahlt. Der gehar-nischte Brief eines Rechtsanwalts erreichte mich, dann noch einer und schließlich die Vorladung zu einem Gerichtstermin.

Gegenstand des Verfahrens war eine Beleidungsklage. Ich hätte meinem Papagei vorsätzlich Schmähungen beigebracht, die eindeutig dem Kläger gelten würden.

Das Corpus delicti - der Papagei - sei zur Verhandlung mitzubringen. Ich konnte mir an den Fingern einer Hand ausrechnen, was das für Desaster geben würde! Laut und deutlich würde mein Papagei in den Gerichtssaal plärren:

"König, nimm dich nicht so wichtig!"

Nein, dem mußte vorgebeugt werden!