Umschlag

Rainer Wittkamp

Kalter Hund

Kriminalroman

 
 

 

Der Autor

Rainer Wittkamp wurde in Münster/Westfalen geboren. Schon während des Studiums der Theaterwissenschaft, Kunstgeschichte und Soziologie in Berlin arbeitete er als Regieassistent. Seit 1992 führte er Regie bei diversen Fernsehserien und Feature-Produktionen. Er betätigte sich als Producer, Dramaturg, Headwriter und Stoffentwickler für namhafte Produktionsfirmen. Seit Mitte der Neunzigerjahre schrieb er zahlreiche Drehbücher für Kriminal- und Familienserien. Kalter Hund ist nach Schneckenkönig sein zweiter Kriminalroman.

www.rainerwittkamp.de

 

Axel Witte gewidmet

Freund / Autorenkollege / Sparringspartner

I

Es stank. Es stank bestialisch. War das ein Wunder?

Diegos Leiche lag seit sieben Tagen im Kofferraum und verweste. Unaufhaltsam. Verbreitete einen Fäulnisgeruch, der langsam durch jede Ritze des BMW drang. Schleichend. Gnadenlos. Im Wageninnern roch es süßlich, nach verfaultem Fleisch, nach stofflicher Auflösung im Endstadium. Normalerweise hätte er den Kadavergeruch abstoßend gefunden, extrem widerlich. Normalerweise. Wenn er Diego nicht so sehr geliebt hätte.

Diego, my friend. Diego, you love of my life.

Es war Diegos Blick, dem Bilal vom ersten Moment an verfallen war, dem er nicht widerstehen konnte. Die Art, wie Diego ihn ansah. Vertrauensvoll und zärtlich. Mit seinen dunklen, unergründlichen Augen. Liebe … ja, es war Liebe. Bilal dachte an ihre letzten gemeinsamen Stunden und lächelte. Sie hatten zusammen auf der Couch gelegen, matt und schläfrig, während sich die schwülheiße Luft über Gropiusstadt wälzte. Berlin lag seit Tagen unter einer Hitzeglocke, ein Ende war nicht abzusehen. Im Gegenteil. Hoch Josephine und Tief Ansgar schaufelten unermüdlich heiße Wüstenwinde aus der Sahara heran. Keine Chance auf Abkühlung.

Gähnend hatte Bilal sich vorgebeugt, zärtlich Diegos Bauch gekitzelt und dann an seinen Schwanz gefasst. Diego war zurückgewichen, hatte sich auf die Seite gedreht und kurz darauf leise geschnarcht. Bilal hatte überlegt, es noch einmal zu versuchen, dann fielen ihm auch die Augen zu. Eigentlich ist das Leben schön, dachte er im Halbschlaf. Unendlich schön.

Eine Stunde später war Diego tot.

Von da an war nichts mehr wie zuvor. In Bilal war etwas zerbrochen und er fühlte eine Leere, die ihm fast das Herz zerriss. Eine Kälte, die nur Diego hätte erwärmen können. Bilal fühlte sich unfähig, sich von seiner großen Liebe zu trennen, schob den Moment des Abschiedes so lange wie möglich hinaus. Versuchte, die Notwendigkeit der endgültigen Trennung zu leugnen, stattdessen an all das Schöne zu denken, das sie gemeinsam erlebt hatten, an die Augenblicke puren Glücks. Bilal schaute sich auf dem Smartphone die Videoclips an, die zahllosen Fotos, die ihn und seinen Freund zeigten. Unendliche Freude überwältigte ihn.

Diego and Bilal – Bilal and Diego – big love forever!

Doch die Zeit ist gnadenlos, so viel hatte er gelernt in den letzten zehn Tagen. Schmerzhaft lernen müssen.

Das liebste Wesen in seinem Leben konnte nicht ewig in der Anderthalbzimmerwohnung in Gropiusstadt bleiben.

Am dritten Tag nach Diegos Tod sah das auch Bilal ein. Er schleppte den Leichnam seines Freundes über die Nottreppe zum Parkplatz, erst weit nach Mitternacht, als er sicher sein konnte, dass niemand der anderen Mieter etwas bemerkte. Versteckte Diego im Kofferraum des BMW, seinem ockerfarbenen Unglücksschiff.

Die nächsten Tage lang fühlte Bilal sich gelähmt, betäubt, wie unter Narkose. Zwar belieferte er weiterhin die Spielhallen mit Verbrauchsartikeln, Bergen von Toilettenpapier, 25-Liter-Behältern voll Cremeseife und Wischreiniger, schenkel-dicken Handtuchrollen aus Recyclingpapier, mit Süßwaren, Zigaretten, Softdrinks. Doch er agierte wie in Trance, dachte die ganze Zeit an den Leichnam im Kofferraum. Es musste etwas geschehen. Dringend. Aber was? Ihm wollte einfach nichts einfallen. Er verschob die Entscheidung von einem Tag auf den anderen.

Bis es nicht mehr ging. Diegos Todesgeruch verpestete das Wageninnere, vom Heck bis zum Fond. Und mit jeder Minute wurde es schlimmer. Siebenunddreißig Komma acht Grad im Schatten wirken sich verheerend auf Kadaver in verschlossenen Räumen aus. In Berlin und auch sonst wo. Obwohl er sämtliche Fensterscheiben des BMWs heruntergefahren hatte, blieb der Gestank Sieger auf der ganzen Linie. Bilal Gösemann kapitulierte. Er musste endlich handeln.

*

Kriminalrätin Jutta Koschke, Leiterin des Dezernats Delikte am Menschen, starrte ihren Kollegen über den Schreibtisch hinweg fassungslos an: »Du willst die ganze Aktion abblasen, Martin? Vier Stunden bevor es losgeht?«

Nettelbeck nickte und schaute auf die präparierte Trophäe, die ihn einäugig-fischig von der Wand hinter Koschkes Arbeitsplatz anstarrte. Ihn mit ihrem bösen Blick zu durchdringen versuchte, um ihr mieses Karma bei ihm abzulaichen. Dem Ersten Kriminalhauptkommissar schossen wirre Gedanken durch den Kopf: Töten Fliegenfischer eigentlich Fische? Dürfen sie das nach ihrem Fliegenfischer-Kodex überhaupt? Müssen sie sie nicht sofort wieder ins Wasser zurückwerfen? Und wenn doch eines dieser kiemenatmenden, schillernden Wesen dabei draufgeht – hängen diese Fliegenfischer sich ihre Opfer dann auch noch an die Wände respektive an ihre Bürowände und protzen damit? Und falls nicht – war Jutta Koschke dann wegen ihrer unzweideutigen Mordlust überhaupt noch für den höheren Polizeivollzugsdienst geeignet? Nettelbeck rutschte auf dem Besucherstuhl hin und her. Fragte sich, ob das Wesen an der Wand ein Wels war, ein Barsch oder bloß irgendein mutiertes Fischlein, eine durch Chemikalien aufgeschwemmte Forelle beispielsweise.

Egal, seine Aufmerksamkeit galt inzwischen mehr dem unbequemen Stuhl, als der Fischleiche seiner Vorgesetzten. Nicht ergonomisch geformte Sitzflächen können wahre Schmerzattacken verursachen, dachte er gequält. Als Nettelbeck noch im Dezernat Dienstleistung, Referat Versorgung, zwangsversetzt war, hatte er sich vergeblich für den Ankauf eines Stuhltyps ausgesprochen, der gesäßgerechter geformt war. Aber aus Kostengründen hatte man sich für dieses Monsterstuhlmodell entschieden. Nettelbeck versuchte, sein Gesäß durch erneute Gewichtsverlagerung zu entlasten.

»Und warum, Martin? Mit welchem Argument? Wir haben doch alles bis ins Kleinste durchgesprochen«, sagte Jutta Koschke mit kaum unterdrückter Aggression.

»Mag sein, aber die letzte sogenannte Festnahme durch die Kollegen vom Dezernat 134 war nicht nur ein Fehlschlag, es war die totale Pleite. Da lacht jetzt noch das ganze LKA drüber. Außerdem sind inzwischen fast sechs Monate vergangen.«

»Ach ja? Und was willst du damit andeuten? Soll das etwa ein persönlicher Angriff werden? Bezweifelst du die Kompetenz meiner Untersuchung?«

»Das würde ich niemals, Jutta. Das solltest du wissen.«

»Und woher kommt dann dein plötzlicher Sinneswandel?«

»Ich habe nachgedacht. Gründlich nachgedacht. Heute Morgen, in aller Ruhe. Und ich bin zu der Überzeugung gekommen, dass Ploog Berlin verlassen hat.«

»Martin, es reicht!«

Die Kriminalrätin sprang auf, konnte sich kaum noch beherrschen, wäre am liebsten über den Schreibtisch gehechtet und hätte ihren Kollegen eigenhändig gelyncht. Gelyncht oder erdrosselt. Hauptsache tot. Genau: Kollege tot. Doch ihr war klar, dass sie Nettelbecks direkte Vorgesetzte war und dass sie deshalb Führungsstärke zeigen musste. Sie wandte ihm den Rücken zu, schaute auf den rückwärtigen Parkplatz, versuchte, sich zu beherrschen, Sarkasmus in ihre Erscheinung zu legen. Was ihr vom Naturell her – als Arbeiterkind mit einem unbändigen Aufstiegswillen, der von ihren Eltern allerdings nur mäßig gefördert wurde – schon von jeher schwergefallen war. Also begann sie, sich anders negativ aufzuladen, dachte an widerlich süße Süßigkeiten, an Bittermandelekel, an brechreizfördernde Fruktose-Exzesse. Dachte an die quietschsüßen Sacharintütchen, die ihr Mann Günther ständig mit sich herumtrug, im verzweifelten Versuch abzunehmen, und die er überall liegen ließ, ihr lieber dicker Pummelbär.

Ekelsüße! Ekelsüße! Ekelsüße!

Die Kriminalrätin starrte auf den Parkplatz, ließ die Augenlider auf- und zuklappen, bekam sich nach und nach in den Griff, erlangte Kontrolle über ihre Mimik. Bis ihr Gesicht die nötige Portion Sarkasmus ausstrahlte.

Sie drehte sich zu Nettelbeck herum.

»Schau einer an, zu dieser Meinung bist du also gekommen. Auf einmal, von heute auf morgen? Wie die Jungfrau zum Kinde?«

»So würde ich das nicht ausdrücken. Es sind die Tatsachen, die mich überzeugt haben.«

»Tatsachen! Klingt ja echt spannend.«

»Ploog ist mehrmals zur Fahndung ausgeschrieben worden, Jutta. Und trotzdem haben wir nicht den kleinsten Hinweis erhalten, dass er sich noch in der Stadt aufhält.«

Nettelbecks Blick ging hoch zur Fischleiche, die ihn unheilschwanger von der Wand herab anstarrte, und er seufzte. »Vermutlich hat er sich längst ins Ausland abgesetzt. Nach Uruguay oder sonst wo hin.«

»Uruguay? Hallo, geht’s noch?«

»Vielleicht sogar nach Ozeanien.«

»Unsinn, Martin, Kindergarten! Ploog gehören hier zig Baufirmen. Solche Geschäfte kann man nicht aus dem Ausland führen. Man muss vor Ort sein, sonst ist man schnell weg von den Futtertrögen. Verdrängt von der Konkurrenz. Ich bin absolut sicher, dass Ploog sich noch immer in Berlin aufhält.«

»Selbst wenn du recht hättest – ich habe dabei ein komisches Gefühl. Vertrau mir, Jutta. Wenigstens dieses Mal. Lass uns die Razzia absagen.«

»Kommt gar nicht infrage, Martin. Ich habe die Aktion ewig vorbereitet. Ich will, dass wir sie zum Abschluss bringen und Ploog endlich verhaften. Punkt. Ende. Aus. Nur weil du plötzlich unter Entschlussschwierigkeiten leidest, werde ich nichts abblasen.«

»Entschlussschwierigkeiten?« Nettelbeck war verblüfft über die ungewöhnliche eloquente Wortwahl seiner Kollegin. »Wie kommst du überhaupt darauf, dass Ploog an dem Restaurant beteiligt ist?«

»Leitner und Ploog sind seit Urzeiten geschäftlich verbandelt. Schon seit Beginn der Achtzigerjahre. Die haben in Berlin eine Schneise der kriminellen Verwüstung geschlagen. Nicht nur in der Baubranche. Ohne dass wir ihnen das Handwerk legen konnten.«

»Du oder wir?«

»Martin, wir sind alle Kollegen!«

»Im Grundbuch ist Ploog jedenfalls nicht eingetragen.«

»Und wenn schon, die beiden machen seit dreißig Jahren miteinander Immobiliendeals. Leitner wiegt sich sowieso in Sicherheit. Er ist mit dem halben Bundestag auf Du und Du. Und Ploog schlendert wahrscheinlich seelenruhig durch die Jobcenter und hält Ausschau nach Frauen, an denen er sich vergehen kann.«

»Mit Leitner magst du recht haben …«

»Und mit Ploog liege ich auch richtig. Warte es ab, Martin, das bringt uns allen ein dickes Lob vom Innensenator ein.«

»Ich glaube eher, dass wir damit voll auf die Fresse fliegen. Lass es uns abblasen.«

»Nein, Martin, nein!«, Koschke schlug mit der Faust auf den Schreibtisch, dass alles wackelte. Einen Moment lang war die Kriminalrätin über ihren Ausbruch verwirrt, dann bündelte sie ihre Aggression: »Gut, Martin, du willst es nicht anders. Hiermit erteile ich dir die offizielle Anweisung, die Razzia im Restaurant Cassirer durchzuführen. Das ist eine dienstliche Anordnung, die du nicht zuletzt auch in deinem eigenen Interesse befolgen solltest.«

Koschke wartete auf eine Erwiderung, doch nichts kam.

Nettelbeck blickte noch einmal zu der Fischtrophäe hoch, lächelte seine Vorgesetzte an und stand auf. »Okay, Jutta, du wirst schon deine Gründe haben. Vielleicht sagst du sie mir ja irgendwann einmal.«

Die Kriminalrätin überlegte, was sie darauf antworten sollte, und war erleichtert, als Nettelbeck ihr zunickte und das Büro verließ.

*

Bilal Gösemann steuerte seinen Wagen durch die Innenstadt und schwitzte erbärmlich. Wie Deckhengst Fury auf dem Weg zur Besamungsstation, als würde ihn dort eine verführerische, rossige Phantomstute aus Polycarbonat erwarten.

Der Verkehr in Reichstagsnähe wurde immer dichter und Bilal schlug brutal auf die Hupe, als ihm ein SUV die Vorfahrt nehmen wollte. Verpiss dich, Arschloch. Dann zwang er sich zur Ruhe, schon aus Vernunftgründen, rein hitzebedingt. Cool, calm and collected, Bilal, rief er sich zur Räson. Er lächelte und wandte sich an den imaginären Hengst, der sich auf der Rückbank herumfläzte und gegen den Verwesungsmief aus dem Kofferraum anzustinken versuchte: »Pass mal auf, Fury, Polycarbonat ist Schrott. Totale Verarsche. Schrott – vergiss das bloß nicht, Schrott.«

Bilal wusste, warum. Den Polycarbonatdreck hatten sie auch in die Klimaanlage seiner Stinkekarre eingebaut. Die Aircondition war schon vor zwei Jahren ausgefallen, eine knappe Woche, nachdem ihm die Superriesenscheißarschlöcher aus dem Wedding den 523 i angedreht hatten. Seine eigenen Cousins. Für ganze siebentausend Euro. Mindestens viertausend zu viel. Bilal hatte die Klimaanlage nicht reparieren lassen, da er nie die nötige Kohle dafür besaß, schließlich musste er ewig lang, ganze zwei Jahre, die Restraten abstottern, besser gesagt, abarbeiten. Aber seit anderthalb Wochen war er ein freier Mann. Totally free forever.

Also ignorierte er mannhaft die defekte Klimaanlage, beachtete weder Diegos Todesgestank noch die Trockenheit in seiner Kehle. Steuerte den BMW in Richtung Mahlsdorf, diesen komischen Stadtteil mit hundert Millionen Eigenheimen. Gehörte der überhaupt noch zu Berlin? Egal, die Hitze machte ihn langsam kirre. Völlig bekloppt. Bilal konnte nur noch an seinen Durst denken. Er brauchte etwas Kühles. Etwas kühles Alkoholisches. Auf Wodkabasis. Kampf der Hitze. Scheiß auf die Klimaanlage. Doch trotz der erbarmungslosen Innenraumschwüle mochte er seinen BMW, liebte er sein ockerfarbenes Schlachtschiff. Fast genauso sehr, wie er Diego geliebt hatte. Aber Liebe allein reicht manchmal echt nicht aus, dachte Bilal, während der Schweiß unter seinem dünnen Stretchoberteil herablief. Nein, Liebe kann auch tödlich sein. Spätestens dann, wenn der Sensenmann in die Manege gehumpelt kommt und seine müden Witze reißt.

Wie viele Lieben hat man wohl in seinem Leben, fragte sich Bilal. Und zwar echte Lieben, richtig große Lieben und nicht bloß solche Ficky-Ficky-Bums-Nummern wie mit Nadine und Jessica. Zwei, drei oder mehr? Bislang hatte Bilal nur eine einzige richtige Liebe erlebt. Die zu Diego. Sein Freund war nicht nur wunderschön gewesen. Er war einzigartig. Allein seine Eleganz … Wie lässig Diego sich bewegt hatte, wenn sie unter den Bäumen am Wildmeisterdamm entlangliefen, um beim Discounter das Flaschenpfand einzutauschen. Diego von hinten zu sehen – Wahnsinn! Gegen seine Rückansicht verblasste einfach alles. Niemand würde Diego in seinem Herzen je ersetzen können. Ausgeschlossen.

Er hatte eine ganze Woche gebraucht, um sich darüber klar zu werden, was er mit Diegos Leichnam machen sollte. Es musste etwas Besonderes sein. Etwas Ausgefallenes, Ungewöhnliches. Etwas Göttliches.

Noch hatte Bilal die Hoffnung nicht aufgegeben, etwas zu finden, das seinem Freund gerecht wurde, das Diego verdient hatte.

*

Nach dem Gespräch mit der Kriminalrätin hatte Nettelbeck das Dienstgebäude verlassen und war zum Landwehrkanal gegangen. Während er an dem Gitterzaun entlangschritt, der den Uferweg vom Zoo abgrenzte, versuchte er zu entschlüsseln, wieso seine Kollegin sich derartig auf den Zugriff im Restaurant Cassirer versteift hatte. Auf wen hatte sie es eigentlich abgesehen? Auf Robert Ploog, wie sie durchgehend behauptet hatte, oder doch auf Carsten Leitner? Jutta war die ganze Zeit geschwommen, hatte ihm keinen einzigen triftigen Grund nennen können, wieso Ploog ihnen bei der Razzia ins Netz gehen würde. Was seine Kollegin vorgebracht hatte, waren nur Mutmaßungen, falsche Deduktionen, absurde Hypothesen. Wie bereits bei den vorherigen missglückten Zugriffen in Sachen Robert Ploog. An denen er zum Glück nicht beteiligt gewesen war.

Nettelbeck trat einen Schritt ans Ufer und ließ eine lautstarke Gruppe Radfahrer vorbei, die auf unförmigen Fat-Tire-Bikes in Richtung Diplomatenviertel radelten. Nachdem er der kurzsilbig-verdichteten, vermutlich schwedischen Klangwolke entkommen war, fasste Nettelbeck das Dilemma für sich zusammen: Er verstand die Kriminalrätin einfach nicht. Ja, er hatte Jutta noch nie verstanden. Weder als Mensch noch als Frau. Und schon gar nicht als Kollegin.

Für Nettelbeck war es allerdings so eine Sache mit den Kolleginnen und Kollegen. Wer konnte sie sich schon aussuchen? Man musste nehmen, was man kriegte. Er hatte eben Jutta Koschke bekommen. Sein pain in the ass. Seit über zwanzig Jahren. Jutta nervte. Und das schon, als sie in der Polizeischule gemeinsam ausgebildet wurden, als sie bei Einsätzen vor Ort Seite an Seite kämpften, als sie um die gleichen Leitungsposten konkurrierten. Das mit dem Nerven hatte bei Jutta nie aufgehört und jetzt war sie eben seine direkte Vorgesetzte. Aber bislang hatten ihre zahllosen Reibereien und Kämpfe immer die entscheidende Grenze eingehalten, war es niemals zu Ausrutschern wie Handgreiflichkeiten gekommen.

Außerdem gab es schließlich noch viel unangenehmere kollegiale Verhältnisse. Wahre Albtraumbeziehungen. Nettelbeck brauchte nicht einmal weit auszuschreiten, es reichte, wenn er sich bei seinen Tromboneheroes umsah. Jimmy Knepper zum Beispiel, einer der faszinierendsten Hardbop-Posaunisten überhaupt, der nach Nettelbecks Meinung sogar J. J. Johnson übertraf, da es ihm als erstem Posaunisten gelungen war, den Geist Charlie Parkers mittels der Phrasierung auf sein Instrument zu übertragen. Der wunderbare Jimmy Knepper musste fürchterlich unter seinem Kollegen Charles Mingus gelitten haben. Egal, wie groß dessen Genie gewesen war, Mingus’ Jähzorn war mindestens ebenso groß. Angeblich konnte der Bassist schon bei dem kleinsten Anlass ausrasten und seinen Kollegen an den Kragen gehen. Jimmy Knepper war wohl sein prominentestes Opfer. Bei einer nicht enden wollenden Konzertprobe weigerte sich der Posaunist irgendwann weiterzuarbeiten. Mingus drehte durch, schlug Knepper einen Zahn aus. Dessen Ansatz, also die Fähigkeit, durch Lippenspannung in Verbindung mit erhöhtem Luftdruck die Ausdauer und den Klang zu kontrollieren und somit hohe Töne spielen zu können, war ruiniert. Der Posaunist konnte zwei Jahre lang nur eingeschränkt spielen. Und alles nur, weil Jimmy Knepper Arbeit abgelehnt hatte, die er für unnötig hielt. Eigentlich nicht anders als Nettelbeck selber vor gerade mal vierzig Minuten. Es fragte sich, wie weit Jutta gegangen wäre, wenn er nicht rechtzeitig eingelenkt hätte.

Nettelbeck blieb neben dem Lamafreigehege stehen und suchte auf seinem Smartphone nach einem Album von Jimmy Knepper. Er entschied sich für Tell me … aus dem Jahre 1979.

Als die Ballade Nearer my God in G erklang, schaute ihn eines der Lamas fragend an, als erwartete es von Nettelbeck eine lebensentscheidende Antwort. Der Kommissar zuckte hilflos die Achseln.

Abrupt dreht das Lama sich zu einem Artgenossen herum und spuckte ihn an.

Nettelbeck nickte bekümmert. Es stimmte schon, manchmal konnten Kollegen wirklich echte Arschlöcher sein. Dafür mussten sie nicht mal Jutta Koschke heißen.

*

Wilbert Täubner hatte bei Irina Eisenstein schon einige Gefühlsausbrüche mitbekommen. Die Angestellte im Ermittlungsdienst konnte sich in Sekundenbruchteilen von einem ruhig daliegenden Bergsee in einen brodelnden Geysir verwandeln. Aber so wie jetzt hatte der Kommissar seine Kollegin noch nie erlebt. Irina Eisenstein war nicht nur empört, sie war außer sich, schien von einem Furor erfasst zu sein.

»Der Mann ist ein Serienvergewaltiger, ein mieses Stück Dreck. Der gehört für Jahre weggesperrt, Wilbert. Und anschließend in Sicherheitsverwahrung.«

»Mich musst du nicht überzeugen«, versuchte Täubner, sie zu beruhigen. »Ich weiß, dass Ploog immer nach demselben Muster vorgeht. Die Bewerbungsverhandlungen führt seine Personalabteilung, aber das entscheidende Schlussgespräch macht er selbst. Nach Betriebsende, wenn außer ihm keiner mehr im Büro ist.«

»Und fällt brutal über die Frauen her. Nachdem er sie vorher nach seinem perversen Beuteschema ausgesucht hat. Und zwar gezielt, wenn du mich fragst. Einige der Frauen hat er sogar mit einer Pistole bedroht, während er sie missbraucht hat.« Irina beugte sich über Täubners Schreibtisch, zog die rote Handakte der Staatsanwaltschaft Referat 1 Kapitalverbrechen heran: Ermittlungsverfahren gegen Robert Ploog wegen des Verdachts der Vergewaltigung zum Nachteil von Jennifer Grunert – sowie sieben weiteren namentlich aufgeführten Frauen.

Irina schlug die Akte auf, schob sie Täubner hin. »Hier … Die erste Anzeige wegen Vergewaltigung wurde bereits vor acht Jahren gestellt. Seitdem gab es jedes Jahr mindestens einen neuen Vorfall. Von der Dunkelziffer ganz zu schweigen. Und nichts ist passiert. Soll das Dreckschwein etwa ewig so weitermachen?«

»Das sagt doch keiner. Aber die Zeuginnen haben die Beschuldigungen jedes Mal wieder zurückgezogen.«

»Nachdem sie von Ploogs korrupten Rechtsverdrehern als unglaubwürdig diffamiert wurden. Und endlich haben wir zwei Frauen, die dem Druck standhalten, und da wollt ihr …«

»Genau deshalb dürfen wir es auch nicht vermasseln«, unterbrach Täubner seine Kollegin. »Sonst kriegen wir nämlich ein echtes Problem.«

»Das habt ihr doch schon. Das Problem heißt Nettelbeck!«

»Irina, bleib fair.«

»Und wieso will Martin diesen Abschaum dann nicht verhaften? Kannst du mir das erklären?«

»Das will er doch. Er glaubt nur nicht, dass die Razzia eine gute Idee ist. Aber jetzt komm mal runter, Irina. Lass uns über die Wohnung reden.«

Irina starrte ihn an. Wenn sie dazu nicht viel zu gut erzogen gewesen wäre, hätte ihr der Mund offen gestanden. »Wilbert, ich rede mit dir über einen Frauenschänder der übelsten Sorte. Erwartest du, dass ich jetzt mit dir schmuse? Mit dir auf deinem Schreibtisch eine schnelle Nummer schiebe?«

»Was hat denn das eine mit dem anderen zu tun? Außerdem habe ich von der Wohnung gesprochen.«

»Dafür habe ich im Moment keinen Kopf. Erklär mir lieber, auf welcher Seite du stehst.«

»Wie? Auf welcher Seite?«

»Du kapierst es nicht, oder?«

Der Kommissar blickte die junge Frau sehnsüchtig an. Betrachtete ihr honigfarbenes Haar, das im hereinfallenden Mittagslicht verführerisch leuchtete. Und stand wirklich völlig auf dem Schlauch.

*

Ohne Dich ist nichts mehr, wie es war,
doch Du lebst weiter in meinem Herzen.

Bilal Gösemann stand vor der verwitterten Sandsteinfassade und betrachtete die Inschrift, die oberhalb des mächtigen Eichenportals eingemeißelt worden war.

Es stimmte. Es stimmte voll und ganz. Diego war in ihm und würde auch immer dort bleiben. In seinem Herzen. Waiting for you will break my heart, yeah!

Bilal schaute zu seinem BMW, der neben der von Schlingknöterich überwucherten Mauer parkte, die das Anwesen umgab, und fragte sich, ob er noch einen letzten Blick in den Kofferraum werfen sollte. Doch er befürchtete, dass er dem Anblick nicht gewachsen war. Also schob er den Gedanken beiseite und betrat das Gebäude.

Die Eingangshalle war grau gestrichen und mit weißen Lilien dekoriert, an der Stirnseite stand ein kleiner Konferenztisch mit mehreren Stühlen. Kein Mensch war zu sehen.

Bilal war unschlüssig, was er tun sollte. Lautes Rufen war hier wahrscheinlich nicht angebracht. Er wartete, doch nichts passierte. Schließlich räusperte er sich mehrmals vernehmbar.

Eine Seitentür öffnete sich und zwei Personen betraten die Halle. Beide trugen dunkle Anzüge, weiße Hemden und schwarze Krawatten. Erst auf den zweiten Blick merkte Bilal, dass eine der beiden eine Frau war. Die zwei wirkten wie Geschwister oder wie ein sich aufgrund vieler gemeinsamer Jahre immer ähnlicher gewordenes Ehepaar. Sie trugen das grau melierte Haar nach hinten gekämmt und erinnerten mit ihren schlaffen Hängebacken an müde, alte Bulldoggen. Bilal fasste sofort Vertrauen zu ihnen.

»Gösemann. Ich hatte angerufen.«

Der Mann schnippte einen Speisekrümel aus dem Mundwinkel und gab Bilal die Hand. »Carl Lorenz … meine Schwester Almut. Wir möchten Ihnen noch einmal unser herzlichstes Beileid ausdrücken.«

»Danke.«

Der Bestatter deutete zum Konferenztisch und sie nahmen daran Platz.

Almut Lorenz griff nach Block und Kugelschreiber, lächelte Bilal an. »Vielleicht sagen Sie uns erst einmal, welche Bedeutung der Tote für Sie hatte. Wie nah standen Sie ihm? Seit wann kannten Sie sich?«

»Sechs Jahre, glaub ich. Ungefähr jedenfalls. Ganz wundervolle Jahre.«

Almut Lorenz machte sich Notizen. »Ich nehme an, es war eine außergewöhnlich intensive Beziehung?«

»Ja. Die schönste Zeit meines Lebens. Diego war einmalig. Einfach toll. Immer gut drauf. Tierisch sexy. Und außerdem unheimlich verschmust.«

»Das allein ist es, was wirklich im Leben zählt«, sagte Carl Lorenz. »Wärme und Zuversicht.«

»So was kannte ich bis dahin gar nicht …«, Bilal stockte, schüttelte den Kopf. »Wenn meine Mutter bloß ein bisschen was von Diego gehabt hätte. Aber Rosa … Ach, scheiß drauf.«

Das Gespräch verstummte. Die zwei Bestatter machten keinerlei Anstalten, Bilal zum Weiterreden zu drängen, schauten ihn teilnahmsvoll an, mit treuherzigem Bulldoggenblick.

Bilal schluckte, unterdrückte aufkommende Tränen. »Diego war topfit gewesen, wir haben morgens noch vor unserem Wohnblock Fußball gespielt. Ich habe überhaupt nicht bemerkt, dass es ihm schlecht ging, er war … Diego war eigentlich so wie immer.«

»Der Tod kommt manchmal völlig unerwartet. Aus heiterem Himmel«, Carl Lorenz blickte zur Decke. »Aber Erinnerungen, die unser Herz berühren, gehen niemals verloren.«

»Dessen können Sie sicher sein, Herr Gösemann«, ergänzte seine Schwester. »Das einzig Wichtige im Leben sind die Spuren der Liebe, die wir hinterlassen, wenn wir ungefragt gehen müssen. Ob Mensch, ob Tier, ob Pflanze, ob Stein.«

»Sie sind die Profis«, Bilal zuckte die Achseln. »Jedenfalls wachte ich irgendwann auf, da lag Diego auf dem Küchenboden. Ich wollte ihn wecken, aber das ging nicht. Er war tot. Einfach so.«

»Ihr Freund ist also friedlich eingeschlafen, leise und in aller Ruhe«, sagte Almut Lorenz behutsam.

Bilal nickte, mit feuchten Augen. »Ich habe auf der Couch geschlafen und nichts mitgekriegt«, ihm kamen doch die Tränen, aber das war jetzt egal, er hielt sie nicht länger zurück, ließ fließen, was fließen wollte. »In meinem Leben habe ich niemanden so geliebt wie Diego. Er war der Einzige.«

Jetzt hatten auch die beiden Bestatter Tränen in den Augen, nickten synchron. »Es ist gut, dass Sie zu uns gekommen sind. Wir können Ihren Schmerz verstehen und Ihnen helfen«, sagte Carl Lorenz. »Wie alt war Ihr Freund Diego denn?«

»Sieben Jahre.«

»Ein halbes Kind. Und die Rasse, wenn ich fragen darf?«

»Deutsche Dogge, schwarz-weiß gefleckt.«

»Das sind besonders liebevolle Tiere. Anhänglich und treu. Ihr Verlust muss ungeheuer groß sein, Herr Gösemann.«

Bilal nickte unter Tränen, schniefte, fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. »Deshalb soll Diegos Beerdigung auch etwas Besonderes sein. Eine würdevolle Verabschiedung zweier Freunde.«

»Sehr weise, Herr Gösemann«, sagte Carl Lorenz. »Diesen Weg können Sie mit Ihrem Gefährten schließlich nur einmal beschreiten.«

Almut Lorenz schob Bilal einen Prospekt hin. »Haben Sie sich schon entschieden, ob Sie eine Erd-, Feuer- oder Seebestattung wollen?«

»Seebestattungen für Deutsche Doggen? So was gibt es?«

»Selbstverständlich. Für Doggen, Pudel, Schäferhunde, die Rasse spielt keine Rolle. Wir können Ihnen entsprechende Arrangements auf der Nord- und Ostsee anbieten, vor Mallorca, Menorca und neuerdings auch vor Ibiza.«

»Diego hatte es nicht so mit Wasser. Was ist denn mit Verbrennen?«

»Eine Einäscherung stellt für viele Trauernde heute die erste Wahl dar, Herr Gösemann«, Bestatter Lorenz erlaubte sich ein Lächeln. »Wir verfügen selbstverständlich über ein großes Angebot an Urnen in verschiedenen Materialien und Formen.«

Almut Lorenz nahm Bilals Prospekt und blätterte für ihn eine paar Seiten vor. »Schauen Sie hier … bei einer Einzeleinäscherung unterscheiden wir zwischen Soforteinäscherung oder einer Termineinäscherung.«

»Und was ist der Unterschied?«

»Die rituelle Empathie, Herr Gösemann. Bei einer Termineinäscherung können Sie Ihrem Liebling in unserem Abschiedsraum in aller Ruhe Lebewohl sagen. Und von dort aus auch den Akt der Verbrennung über einen Monitor mitverfolgen.«

»Das klingt gut.«

»Aber es ist noch nicht alles«, Carl Lorenz strahlte. »Wenn Sie zum Beispiel aus geschäftlichen Gründen nicht persönlich vor Ort sein können, bieten wir Ihnen auch die Möglichkeit, die Einzeleinäscherung via Internet mitzuverfolgen.«

»Oder zu einem späteren Zeitpunkt per DVD nachzuvollziehen.«

»Richtig, Almut. Das ebenfalls.«

»Das wird nicht nötig sein. Meine Geschäfte laufen vorwiegend in Berlin. Ab und zu auch mal in Potsdam oder Nauen«, Bilal strich sich sein feuchtverklebtes Stretchoberteil glatt. »Was passiert denn mit der Urne nach so einer Verbrennung?«

»Das hängt allein von Ihnen ab. Sie könnten die Asche Ihres Freundes zum Beispiel in unserem Himmelsgartenhain verstreuen und dort einen Rosenstock mit seinem Namensschild pflanzen. Das Gelände befindet sich gleich hinter diesem Gebäude.«

»Oder Sie lassen sein Aschegefäß in unserer Urnenwand beisetzen. Mit einer von Künstlerhand gestalteten Verschlussplatte, sodass Sie für alle Zeit einen Ruhepunkt für Ihre Trauer haben. Ein Diego wurde dort bislang noch nicht beigesetzt.«

»In beiden Fällen erhalten Sie selbstverständlich ein beglaubigtes Zertifikat über die erfolgte Einäscherung. Als ewige Erinnerung auf Dokumentpapier.«

»Letztendlich ist das alles natürlich auch eine Frage der finanziellen Möglichkeiten.«

»Die Kohle ist egal«, sagte Bilal. »Mir geht es nur um Diego.«

»Dann liegt die Wahl allein bei Ihnen.«

»Was Sie mir bisher gesagt haben, das ist …«, Bilal zögerte. »Es ist nicht schlecht, aber einfach nicht ausgefallen genug. Nichts Besonderes. Das hat doch jeder. Mir fehlt irgendwie das Göttliche. Das ewige Element. Wie Diego es verdient hat.«

Die beiden Bestatter tauschten einen Blick aus, zögerten ihrerseits.

»Was meinst du …«, fragte Lorenz seine Schwester leise.

Almut nickte eindringlich: »Ja, Carl, sag es ihm.«

Der Bestatter zwang sich zur Ruhe und holte Luft. »Herr Gösemann, wir haben noch eine Beisetzungszeremonie, eine außergewöhnliche sogar. Ich würde sagen, eine absolut Vollkommene. Die für manche Menschen allerdings den Rahmen der herkömmlichen Trauerempathie sprengt.«

Bilal beugt sich vor, neugierig, ganz Ohr: »Und was ist das?«

»Wir nennen es … ein Karat Unendlichkeit.«

*

Nettelbeck trat aus dem Fahrstuhl und ging in Richtung seines Büros. Als er es fast erreicht hatte, wurde die Tür aufgestoßen.

Irina Eisenstein kam herausgestürzt, wütend, mit Tränen in den Augen. Sie knallte die Tür hinter sich zu und lief an Nettelbeck vorbei. Ohne ihn mit einem Blick zu registrieren. Am Ende des Ganges verschwand sie in ihrem Büro.

Nettelbeck schaute ihr verwirrt hinterher, dann betrat er seinen eigenen Arbeitsraum.

Täubner starrte mit verbissener Miene auf seinen Monitor, tat so, als hätte er Nettelbecks Eintreten nicht bemerkt.

»Hallo, Wilbert.«

»Ach, Martin … Na, wie war’s?«

»Hielt sich in Grenzen«, Nettelbeck zog sein Jackett aus und hängte es über die Schulter. »Ziemlich schwül hier drin.«

»Das ist keine Anspielung, oder?«

»Wieso?«

»Ist dir Irina nicht gerade in die Arme gelaufen?«

»Sie lief an mir vorbei.« Nettelbeck trat an ein Fenster und öffnete es. »Die Kollegin Koschke besteht darauf, dass der Zugriff noch heute erfolgt.«

»Nicht dein Ernst …«

»Ich habe alles versucht, ich konnte sie nicht davon abbringen. Dann lass uns die Kollegen zusammentrommeln.«

Täubner blickte Nettelbeck wortlos an und der lächelte.

»Du packst die Unterlagen zusammen. Ich hole Irina.«

»Gute Idee«, antwortete Täubner und grinste schwach.

*

»Er ist wunderschön«, fasziniert betrachtete Bilal den Edelstein, der vor ihm auf dem Samtkissen glitzerte.

»Er wurde aus der Asche eines verstorbenen Rauhaardackels erschaffen«, sagte Almut Lorenz. »In einem sehr aufwendigen Verfahren, wie Sie sich vorstellen können.«

»Und das ginge auch mit einer Deutschen Dogge? Mit Diego? Er war ja mindestens anderthalb Meter größer als so ’n Dackel.«

»Jede Hunderasse ist geeignet. Vom Afghanischen Windhund bis zum Zwergpinscher.«

»Wir sprechen übrigens von einer Diamantbestattung«, ergänzte Carl Lorenz. »Und der Stein heißt Erinnerungsdiamant.«

»Wäre es nicht eine wundervolle Verbindung zu Ihrem geliebten Freund, Herr Gösemann? Zeitlos, individuell und einzigartig zugleich.«

»Und darüber hinaus äußerst pietätvoll.«

»Ja, Wahnsinn – ein Erinnerungsdiamant! Das ist die Lösung. Dann könnte ich Diego immer dabeihaben.«

»Natürlich. Sie können den Stein als Rohdiamant erhalten oder wir lassen ihn speziell nach Ihren Wünschen schleifen«, Almut Lorenz bewegte das Samtkissen ein wenig, sodass ein Lichtstrahl auf den Diamanten fiel und er bläulich aufleuchtete. »Bei unseren Trauernden sind Brillant- und Smaragdschliff besonders beliebt.«

»Auf Wunsch kann der Stein auch noch mit einer Inschrift versehen werden. Mittels einer hochpräzisen Lasergravur, die nur unter dem Mikroskop sichtbar ist.«

»Ist ja irre …«

»Sicherlich interessiert es Sie, wie der Herstellungsprozess im Einzelnen abläuft, Herr Gösemann.«

»Klar.«

»Nach der Einäscherung wird aus der Totenasche der Kohlenstoff extrahiert und mit Höchsttemperatur und unter größtmöglichem Druck in Grafit umgewandelt. Daraus wird dann in einem längeren Wachstumsprozess der eigentliche Diamant transformiert. Die Dauer dieses Vorgangs ist natürlich abhängig von der gewünschten Steingröße.«

»Auf ein, zwei Tage mehr kommt es mir echt nicht an.«

»Pardon, Herr Gösemann, wir reden hier von einem längeren Zeitraum …«

»Und das heißt?«

»Mehrere Wochen. Mindestens. Möglicherweise sogar Monate.«

»Was? Geht das nicht schneller?«

Die Geschwister tauschten einen Blick aus. Zögerten. Überlegten. Wechselten erneut einen Blick.

»Unter Umständen gäbe es eine Möglichkeit.«

»Allerdings nicht ganz legal.«

»Und es wäre mit höheren Kosten verbunden.«

»Es käme nämlich noch ein Eilaufschlag dazu.«

»Kein Problem, das zahl ich.«

»Ausgezeichnet, Herr Gösemann. Unter dieser Voraussetzung könnten wir Ihnen Ihren Erinnerungsdiamanten schon innerhalb der nächsten Tage liefern.«

»Wie soll der Stein denn ausfallen?« Bestatter Lorenz deutet auf das Samtkissen. »Etwa in dieser Form und Größe? Würde Ihnen das zusagen?«

»Das wäre perfekt.«

Almut Lorenz nahm ein Formular aus einem Aktenschrank: »Dann halte ich fest: ein Diamant mit einem Karat … Smaragdschliff … Möchten Sie auch noch eine Gravur?«

»Unbedingt, Sekunde …«, Bilal überlegte einen Moment, grübelte, dann ging ein Strahlen über sein Gesicht. »Ich hab’s: Diego, my love, forever unforgotten.«

»Das ist äußerst poetisch, Herr Gösemann, wirklich sehr schön.«

»Finde ich auch.«

Die Bestatterin füllte das Formular aus, addierte die Summen. Dann lächelte sie Bilal treuherzig an. »Elftausendneunhundertneunzig Euro für den Diamanten einschließlich der Einäscherung … eine Lasergravur für vierhundertachtzig Euro … Plus des Eilzuschlages für die Blitz-Diamanten-Herstellung in Höhe von eintausendfünfhundert Euro … Prima, ist ja viel weniger als ich dachte. Macht insgesamt dreizehntausendneunhundertundsiebzig Euro.«

Almut Lorenz schob Bilal das Formular zur Unterschrift hin. Der betrachtete die Endsumme geschockt.

»Stimmt etwas nicht, Herr Gösemann?«

»Doch, doch, alles in Ordnung.« Todesmutig griff Bilal nach dem Kugelschreiber. Zögerte erneut. Und unterschrieb.

Das Bestattergeschwisterpaar lächelte Bilal an. Aber keineswegs bulldoggenhaft grimmig, sondern wie zwei liebesbedürftige Chihuahuas.

*