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Jules Evans

Philosophie fürs Leben

… und für andere gefährliche Situationen

Aus dem Englischen übersetzt

von Karin Weingart

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Die englische Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel »Philosophy For Life And Other Dangerous Situations« bei Rider, einem Imprint von Ebury Publishing.

Lotos Verlag

Lotos ist ein Verlag der Verlagsgruppe Random House GmbH.

ISBN 978-3-641-09012-8

1. Auflage 2012

Copyright © 2012 by Jules Evans

First published as »Philosophy For Life« by Rider Books, an imprint of Ebury Publishing, a Random House Group Company.

Jules Evans has asserted his right to be identified as the author of this Work in accordance with the Copyright, Designs and Patents Act 1988.

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2012 by Lotos Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Alle Rechte sind vorbehalten. Printed in Germany.

Einbandgestaltung: Christine Klell, Wien

Gesetzt aus der Minion Pro bei EDV-Fotosatz Huber/Verlagsservice G. Pfeifer, Germering

www.ansata-integral-lotos.de

»Gegen Abend kehre ich nach Hause zurück und begebe mich in mein Studienzimmer. Auf der Schwelle streife ich meine mit Schlamm bespritzten, durchgeschwitzten Arbeitskleider ab und lege die Robe der Kanzlei an. In diesem gediegeneren Gewand betrete ich die Kemenate der Alten und werde von ihnen willkommen geheißen … Ich fasse Mut, sie anzusprechen und nach den Beweggründen ihres Handelns zu fragen, und in ihrer ganzen Menschlichkeit stehen sie mir Rede und Antwort. Vier Stunden lang kann ich so die Welt um mich herum vergessen, ich erinnere mich keiner Verletzung, kenne keine Angst vor Armut und zittere nicht mehr vor dem Tode …«

Niccolò Machiavelli in einem Brief an Francesco Vettori, 10. Dezember 1513

Vorwort – Herzlich willkommen an der Schule von Athen

Papst Julius II unternahm viel, um es sich zu Hause richtig, richtig schön zu machen. So betraute seine Heiligkeit etwa Donato Bramante mit dem Neubau des Petersdoms oder erteilte Michelangelo den Auftrag, die Deckengewölbe der Sixtinischen Kapelle auszumalen. Für die Ausschmückung der Wände eines seiner Privatgemächer im Vatikanpalast engagierte er einen relativ unbekannten Siebenundzwanzigjährigen namens Raffael. Seine Fresken widmen sich den wichtigsten Themenbereichen, die auch in der Bibliothek des Papstes aufschienen: Theologie, Rechtswesen, Dichtkunst und Philosophie.

Heute noch mit am meisten bewundert wird das Letzte der großen Wandgemälde, das unter dem Namen Die Schule von Athen bekannt ist. Wir sehen darauf eine Gruppe antiker Philosophen vor allem aus Griechenland, aber auch aus Rom, Persien und Vorderasien, die in lebhafte Gespräche miteinander verwickelt sind. Welche Philosophen Raffael im Einzelnen abgebildet hat, lässt sich wissenschaftlich nicht mit letzter Sicherheit sagen. Aufgrund der Bücher, die sie in den Händen halten, darf man jedoch davon ausgehen, dass es sich bei den beiden debattierenden Männern im Mittelpunkt des Gemäldes um Platon und Aristoteles handelt. Die Figur, die vorn links im Bild mathematische Gleichungen aufschreibt, dürfte Pythagoras sein. Und der für sich allein sitzende, melancholisch wirkende Denker Heraklit. Bei der etwas zwielichtigen Gestalt auf den Marmorstufen handelt es sich wahrscheinlich um den Kyniker Diogenes. Sokrates finden wir in der hinteren Reihe im Gespräch mit einem hübschen jungen Mann und der versonnen lächelnde Philosoph mit dem Blumenkränzchen im Haar ganz links dürfte Epikur darstellen.

Alles in allem handelt es sich hier um eine äußerst heterogene Gruppe von Philosophen, die sehr unterschiedliche, teilweise radikale Ideen vertraten, von denen viele weit jenseits des Dogmas der römisch-katholischen Kirche liegen: Epikur war Materialist, Plato und Pythagoras glaubten an die Wiedergeburt, Heraklit an eine kosmische Intelligenz aus Feuer. Und trotzdem sind sie hier alle beisammen – friedlich vereint an einer Wand im Vatikanpalast.

Die Schule von Athen gehört zu meinen Lieblingsgemälden. Ich mag daran das Gleichgewicht von Ordnung und Anarchie, die klare Zeichnung der einzelnen Charaktere, aber auch die tiefere Übereinstimmung der Ideen. Besonders gefällt mir die Darstellung des Disputs zwischen Plato und Aristoteles: Wie sie so dastehen in ihren hellen, fließenden Gewändern, der eine gen Himmel zeigt, der andere auf den Erdboden deutet. Sehr sagt mir auch das urbane Flair des Gemäldes zu, das im Unklaren lässt, ob sich die Szene nun in einem Tempel abspielt, auf dem Marktplatz oder in der Arkade irgendeiner idealen Stadt, in der jeder Mitspracherecht hat und das Alltägliche mit dem Göttlichen verbunden ist.

Wenn ich mir das Bild so betrachte, frage ich mich unwillkürlich, wie es wohl wäre, wenn man sich in die Gespräche der Philosophen einmischen, Teil dieser Schule von Athen sein könnte. Wenn man den großen Lehrmeistern lauschen dürfte und den Mut fände, sie anzusprechen. Was sie uns Heutigen wohl zu sagen hätten?

Ich präsentiere Ihnen in diesem Buch meine Traumschule, den für meine Begriffe idealen Lehrplan, mit anderen Worten: meine Vorstellung von einem Tagesbesuch der Schule von Athen. Ich habe zwölf der größten Lehrmeister der Antike gebeten, uns in den Dingen zu unterrichten, die im heutigen Bildungswesen meistens unter den Tisch fallen, Themen wie die Beherrschung der Emotionen, unser Verhältnis zur Gesellschaft oder allgemeine Lebensführung.

Sie unterweisen uns in der Kunst der Selbsthilfe (schon Cicero schrieb über die Philosophie, dass sie uns beibringe, der eigene Arzt zu werden) – und zwar Selbsthilfe vom Feinsten, die sich nicht auf das Individuum beschränkt, sondern unseren Blickwinkel erweitert und uns mit der Gesellschaft, der Wissenschaft, der Kultur und dem Kosmos verbindet.

In den Kursen, die wir besuchen werden, gibt es nichts fix Vorgeschriebenes: Die Angehörigen unseres Lehrkörpers vertreten keineswegs alle dieselben Auffassungen (im Gegenteil: Manche sind sich untereinander alles andere als grün). Und auch in diesem Buch wird nicht einer Philosophie das Wort geredet, sondern mehreren.

Denn bei aller Unterschiedlichkeit haben die Philosophen, denen wir begegnen werden, doch einen gemeinsamen Nenner, der auch in Raffaels Gemälde zum Ausdruck kommt: ihren Optimismus, was die menschliche Vernunft und die Fähigkeit der Philosophie angeht, unser Leben zu verbessern.

In seinen einleitenden Worten beim Morgenappell erklärt uns Sokrates, der Rektor der Schule, warum die Philosophie so hilfreich ist und was sie uns heute noch zu sagen hat. Im Anschluss daran stehen vier Unterrichtseinheiten auf dem Lehrplan.

Am Vormittag bringen uns die Stoiker bei, »Krieger der Tugend« zu werden (diesen Titel trägt die Lektion, weil viele der heutigen Stoiker Soldaten sind).

Um die Mittagszeit unterweist uns Epikur in der Kunst, den Augenblick zu genießen.

Nach dem Essen – einem philosophischen Buffet, bei dem alle auf ihre Kosten kommen – stellen sich die Mystiker und die Skeptiker vor. In diesem Zusammenhang befassen wir uns auch mit der Natur des Universums und der Frage, ob es einen Gott gibt oder nicht.

Die letzte Unterrichtseinheit ist der Politik gewidmet. Darin geht es um unser Verhältnis zur Gesellschaft und den Einfluss der antiken Philosophie auf unsere aktuelle Politik.

Am Ende des Tages kommt dann noch einmal Rektor Sokrates zu Wort – mit einer kleinen Lektion über die Kunst des Abschieds.

Für den Fall, dass darüber hinaus noch Informationsbedarf besteht, habe ich auf meiner Internetseite weiteres Material für Sie zusammengestellt (allerdings in Englisch), zum Beispiel Interviews mit einigen der Personen, denen Sie in diesem Buch begegnen werden – ganz abgesehen von den wunderbaren Werken unserer Lehrmeister selbst, den Philosophen der Antike.

Ich hoffe, dass es mir gelungen ist, ein wenig von der Aufgeschlossenheit und Hemdsärmeligkeit wiederaufleben zu lassen, die aus Raffaels Gemälde sprechen, die quirlige Atmosphäre auf den Straßen, die lebhaften Diskussionen, die dort geführt wurden und zu denen jeder etwas beitragen konnte.

Viele sind heute dabei, die »Alten« neu für sich zu entdecken. Sie greifen die Ideen der Antike auf, um ein besseres, erfüllteres und sinnvolleres Leben führen zu können. Tauchen also auch wir ein in die angeregte, vielschichtige Debatte, die Raffael so wunderbar eingefangen hat. Trauen wir uns, die Alten anzusprechen! In ihrer ganzen Menschlichkeit werden sie uns Rede und Antwort stehen, da bin ich mir ganz sicher.