Christopher Ryan und Cacilda Jethá

Sex –
Die wahre
Geschichte



Aus dem Amerikanischen
von Birgit Herden

 

Mit einem Vorwort
zur deutschsprachigen Ausgabe
von Ulrich Clement

SB_98050_0001_vignette.jpg

Klett-Cotta

Impressum

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

 

Klett-Cotta

www.klett-cotta.de

 

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »Sex at Dawn. How We Mate, Why We Stray, and What It Means for Modern Relationships« bei HarperCollins Publishers, New York

© Christopher Ryan, 2010

Für die deutsche Ausgabe

© 2016 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung

Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Umschlag: Rothfos & Gabler, Hamburg

Unter Verwendung eines Fotos von © Dn Br/Shutterstock

Datenkonvertierung: Dörlemann Satz, Lemförde

Printausgabe: ISBN 978-3-608-98050-9

E-Book: ISBN 978-3-608-10056-3

Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.

 

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind

im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar

Inhalt

Vorwort zur deutschsprachigen Ausgabe

Vorwort
Eine Begegnung unter Primaten

Einleitung
Schon wieder eine gut gemeinte Inquisition

Ein paar Millionen Jahre auf wenigen Seiten

Teil I
Über die Entstehung der Arten

Kapitel 1
Die Lehre von Yucatán

Man ist, was man isst

Kapitel 2
Was Darwin nicht über Sex wusste

Das Fred-Feuerstein-Phänomen

Was ist evolutionäre Psychologie und warum sollte sie uns interessieren?

Lewis Henry Morgan

Kapitel 3
Die Evolution menschlicher Sexualität – das Standardnarrativ

Wie Darwin Ihre Mutter beleidigt: Die trostlose Ökonomie der Sexualität

Das Märchen von der schwachen weiblichen Libido

Väterliche Investitionen

»Gemischte Strategien« im Krieg der Geschlechter

Ausgedehnte Paarungsbereitschaft und verborgener Eisprung

Kapitel 4
Der Affe im Spiegel

Primaten und die menschliche Natur

Zweifel am Schimpansen-Modell

Auf der Suche nach unserem Primatenerbe

Teil II
Wollust im Paradies

Kapitel 5
Wer verlor was im Paradies?

Rock ’n’ Roll

Kapitel 6
Wer sind deine Väter?

Die Freuden von S.E.X.

Die Vorteile der Promiskuität

Die Anfänge bei den Bonobos

Kapitel 7
Meine lieben Mütter

Kernschmelze

Kapitel 8
Der Schlamassel von Ehe, Partnerschaft und Monogamie

Die Ehe als »Grundvoraussetzung« menschlichen Lebens

Hurerei im Ehebett

Kapitel 9
Genetische Vaterschaft: Das Standardnarrativ bröckelt

Freie Liebe am Lugu-See

Das angeblich unvermeidliche Patriarchat

Monogame Pinguine?

Kapitel 10
Eifersucht: Wie begehre ich meines Nächsten Weib?

Nullsummen-Sex

When a Man Loves a Woman

Teil III
Wie wir nicht waren

Kapitel 11
Der Reichtum der Natur

Ein armseliges Leben?

Die traurigen Millionäre

Zufriedenheit »auf der untersten Stufe menschlicher Wesen«

Kapitel 12
Das egoistische Mem

Homo oeconomicus

Die Tragödie des Allgemeinguts

Träume vom ewigen Fortschritt

Die Ur-Überflussgesellschaft

Steinzeitpolitik

Kapitel 13
Der endlose Streit um prähistorische Kriege

Der ›blutrünstige‹ Professor Pinker

Das geheimnisvolle Verschwinden der Margaret Power

Kriegsbeute

Die napoleonische Invasion (Die Yanomamö-Kontroverse)

Auf der Suche nach Hippie-Heuchelei und Bonobo-Brutalität

Kapitel 14
Die Kurzlebigkeitslüge

Wann beginnt das Leben? Wann endet es?

Ist 80 das neue 30?

Zu Tode gestresst

Eine naive Weltsicht?

Teil IV
Was unsere Körper erzählen

Kapitel 15
Kleiner großer Mann

In der Liebe und im Krieg der Spermien ist alles erlaubt

Kapitel 16
Das wahre Maß des Mannes

Steinzeitporno

Kapitel 17
Manchmal ist ein Penis nur ein Penis

Kapitel 18
Die Urgeschichte der O

»Welch grauenvolle Überspanntheiten des Gemüts«

Die Angst vor der Teufelszitze

Eine Naturgewalt

Kapitel 19
Wenn Frauen laut werden

Weibliche Kopulationsrufe

Die Macht der Kurven

Noch mal?

Teil V
Männer stammen aus Afrika, Frauen auch

Kapitel 20
Was Mona Lisa denkt

Kapitel 21
Die Klage des Perversen

Was sag’ ich nur?

Kelloggs Ratgeber für Kindesmisshandlungen

Der Fluch des Calvin Coolidge

Die Gefahren der Monotomie (= Monogamie + Monotonie)

Noch ein paar Gründe, warum ich jemand Neues brauche (jemanden wie dich)

Kapitel 22
Gemeinsam ins Ungewisse

Farbe bekennen

Die Hochzeit von Sonne und Mond

Nachbemerkung der Autoren

Danksagungen

Anmerkungen

Quellen und weiterführende Literatur






Eure Kinder sind nicht eure Kinder.

Es sind Söhne und Töchter von
des Lebens Verlangen nach sich selbst.

KAHLIL GIBRAN

Vorwort zur deutschsprachigen Ausgabe

Ein starkes Buch. Eine starke These. Wenn man die ernst nimmt, hat sie dramatische Konsequenzen für unsere Sexualmoral und ganz besonders für unsere Einstellung zu sexueller Treue.

Christopher Ryan und Cacilda Jethá attackieren das »Standardnarrativ«, also das herrschende Paradigma, der Verhaltensbiologie. Diesem zufolge werde als genetische Disposition weitergegeben, was sich seit der Steinzeit bei der sexuellen Partnerwahl durchgesetzt hat: Frauen suchen ressourcenreiche Männer, die wiederum hinter jungen attraktiven Frauen her sind. Und beide Geschlechter kontrollieren eifersüchtig, dass es trotz gegenläufiger Impulse halbwegs monogam zugeht.

Ryan und Jethá halten dem entgegen, dass das Modell nur für agrarische Kulturen mit langfristiger Erbfolge und Besitzregelungen Sinn mache. In der früheren Jäger- und Sammler-Horde sei nicht Besitz, sondern Teilen und Gemeinsamkeit viel funktionaler für das Überleben gewesen. Langfristigkeit sei damals irrelevant gewesen, man habe als Horde besser überlebt, wenn man sofort geteilt habe, was da war.

Das sei nicht nur in Bezug auf die gesammelte und erjagte Beute klug gewesen, sondern auch für die Geschlechterbeziehungen. »Geteilte Elternschaft« ist das Modell, das sie aus ihren Befunden herauslesen. Das für die Männer so heikle Problem der Vaterschaftsungewissheit sei erst beim Übergang in die agrarische Sesshaftigkeit aufgetaucht. Die Jäger und Sammler seien mit einer habituellen Großzügigkeit innerhalb der Gruppe besser gefahren. Damit drehen die Autoren den konventionellen Spieß um: Vaterschaftsungewissheit führe nicht zu Rivalität und Kontrolle der Frauen, sondern zu geteilter Verantwortung: Jedes Kind könnte ja das eigene sein.

Ihre sorgfältig belegten Befunde werden mit intellektuellem Pfiff und Ironie gegen eine ganze Zunft in Stellung gebracht, die Eifersucht, Rivalität und Monogamie als genetisch begründete anthropologische Konstanten behandelt. Die Mission für die heutigen Paare ist klar: Angesichts von Patchworkfamilie, Adoption, Untreue und Polyamorie solle man das mit Elternschaft und Untreue nicht so streng nehmen. Vielmehr werben Ryan und Jehtá für eine originell ausgelegte Form von Familienfreundlichkeit, derzufolge man sexuelle Zuneigung großzügiger sehen solle und sich bei Untreue nicht gleich aufregen oder gar trennen müsse.

Mir gefällt diese pfiffige Attacke auf den verhaltensbiologischen Mainstream: Selbst wenn Ryan und Jethá im strengen Sinne keine Beweise haben, können sie sich doch auf eine ganze Reihe von Plausibilisierungen beziehen und so die Paarungsgeschichte der Gattung Mensch neu erzählen. Ein Ratgeberbuch ist das nicht (davon gibt es ja genug), aber die Autoren haben einen kraftvollen Pflock in der Landschaft der Paar- und Familientheorien eingeschlagen. Das Dilemma zwischen monogamen Bindungswünschen und polygamer Offenheit, das die Gegenwartsmenschen umtreibt, haben sie damit nicht entschärft, ebensowenig wie sie für den Umgang mit Eifersucht eine entspannte Lösung bieten. Aber wer glaubt schon banalen Lösungen, wenn man sich klarmacht, dass man mit seinem Paarungsverhalten die ganze Gattungsgeschichte am Hals hat? Das Buch demontiert viele Gewissheiten, die uns die Verhaltensbiologie anbietet. Man mag das beunruhigend finden. Aber es hinterlässt auch eine heitere Spur, wenn man sich von seiner Botschaft von Gelassenheit und Großzügigkeit anstecken lässt.

Ulrich Clement,

Heidelberg, im März 2016

Vorwort


Eine Begegnung unter Primaten

Die Natur, Mister Allnut, ist das, worüber wir uns in dieser Welt erheben sollten.

KATHERINE HEPBURN als Miss Rose Sayer in African Queen

An einem schwülen Nachmittag im Jahr 1988 standen einige Einheimische am Eingang des botanischen Gartens im malaysischen Penang und verkauften Erdnüsse. Ich war mit meiner Freundin Ana unterwegs, wir wollten uns nach einem üppigen Mittagessen die Beine vertreten. Als die Männer unsere Verwunderung bemerkten, erklärten sie uns, dass die Erdnüsse nicht für uns gedacht seien, sondern für die niedlichen Affenkinder, von denen einige auch gerade auf einem Grünstreifen umhertollten, wie uns nun auffiel. Wir kauften einige Tüten.

Bald schon kamen wir zu einem kleinen Kerl, der an seinem Schwanz direkt über dem Weg hing. Die ach so menschlichen Augen hefteten sich flehentlich auf die Nusstüte in Anas Hand. Bezaubert blieben wir stehen und führten uns auf wie Mädchen vor einem Wurf kleiner Kätzchen – da brach plötzlich aus dem Unterholz die blanke Gewalt über uns herein. Ein ausgewachsener Affe schoss an mir vorbei, prallte von Ana ab und war blitzartig wieder verschwunden, mitsamt den Nüssen. Anas Hand blutete an der Stelle, wo er sie gekratzt hatte. Wie betäubt standen wir da, zitternd und sprachlos. Es war so schnell gegangen, dass wir noch nicht einmal hatten schreien können.

Als das Adrenalin allmählich abebbte, verwandelte sich mein Schreck in heftige Empörung. Ich fühlte mich betrogen wie nie zuvor. Zusammen mit den Nüssen hatte ich den kostbaren Glauben an die Reinheit der Natur verloren, die Vorstellung, dass das Böse ein speziell menschliches Gebrechen sei. Ich war nicht einfach nur wütend; ich war philosophisch gekränkt.

Zugleich hatte mich der Vorfall verwandelt. Meine Brust schien anzuschwellen, meine Schultern breiter zu werden. Ich meinte, mehr Kraft in den Armen zu verspüren, meine Sicht wurde schärfer. Ich fühlte mich wie Popeye nach einer Dose Spinat. Drohend starrte ich ins Gehölz, ganz das Primaten-Schwergewicht, das sich von diesen Fliegengewichten nichts mehr würde bieten lassen.

Ich war lange genug durch Asien gereist, um zu wissen, dass die Affen dort keine Ähnlichkeit mit ihren Trompete spielenden, das Tamburin schlagenden Vettern haben, die ich als Kind im Fernsehen erlebt hatte. Freilebende asiatische Primaten zeichnen sich durch etwas aus, was mich schockierte und verwirrte, als ich es das erste Mal wahrnahm: Selbstachtung. Begeht man den Fehler, einem Affen auf den Straßen von Indien, Nepal oder Malaysia längere Zeit in die Augen zu blicken, findet man sich unvermittelt mit einer streitlustigen, intelligenten Kreatur konfrontiert. Mit finsterer, vage an Robert de Niro erinnernder Miene scheinen sie zu fragen: »Was zum Henker glotzt du denn so? Willst du dich etwa mit mir anlegen?« Diese Typen steckt man bestimmt nicht in eine niedliche rote Weste.

Wenig später gelangten wir zu einem weiteren flehentlichen, haarigen Gesicht, das inmitten einer Lichtung kopfüber von einem Baum hing. Ana war bereit, zu verzeihen und zu vergessen. Und obgleich ich selbst fest gewappnet gegen jede Niedlichkeit war, willigte ich ein, ihr die verbliebene Nusstüte zu geben. Das Unterholz schien ausreichend entfernt, um einen Überraschungsangriff unmöglich zu machen. Doch als ich die Tüte aus meiner schweißnassen Hosentasche zog, muss das Knistern des Zellophans wie eine Essensglocke durch den Dschungel geklungen haben.

Im Handumdrehen tauchte ein riesiges, arrogant dreinblickendes Vieh am Rand der Lichtung auf, knapp zwanzig Meter von uns entfernt. Der Affe starrte uns an, schien über die Lage nachzudenken, mich abzuschätzen. Mit einem übertriebenen Gähnen riss er sein Maul auf und entblößte seine Reißzähne, eine wohlkalkulierte Mischung aus beiläufiger Verachtung und Drohung. Entschlossen, hier jedem Machtvakuum zuvorzukommen, hob ich einen kleinen Ast auf und schleuderte ihn lässig in seine Richtung. Er sollte wissen, dass mit mir nicht zu spaßen war. Sein Blick folgte dem Ast, der ein bis zwei Meter vor ihm zu Boden fiel, dabei zuckte er mit keinem Muskel. Dann legte sich seine Stirn in Falten, und auf unheimliche Weise wirkte es, als hätte ich seine Gefühle verletzt. Er sah zu mir auf und blickte mir direkt in die Augen. In seiner Miene lag keine Spur von Angst, Respekt oder Humor.

Wie eine Kanonenkugel schoss er los, setzte über den Ast hinweg, die gelben, säbelartigen Reißzähne gebleckt, und sprang mit lautem Kreischen direkt auf mich zu.

Zwischen der angreifenden Bestie und meiner verängstigten Freundin gefangen, begriff ich zum ersten Mal, was ein »wildgewordener Affe« wirklich bedeutet. In meinem Geist legte sich ein Schalter um, und ich verlor jede Kontrolle. Schneller als ich denken konnte, flogen meine Arme nach oben, die Beine sprangen in Kampfstellung und meine von Kaffee verfärbten und vom Kieferchirurgen begradigten Zähne entblößten sich zu einem wilden Schrei. Hilflos war ich im Dominanz-Gehabe gefangen, ein wie wahnsinnig umherspringendes und spuckendes Abbild meiner selbst.

Ich war genauso überrascht wie er. Er richtete sich auf und starrte mich ein oder zwei Sekunden an, bevor er langsam wieder zurückwich. Dieses Mal, da bin ich mir ziemlich sicher, lag in seinen Augen ein leises Lachen.

Über die Natur erheben? Keine Chance. Lassen Sie es sich von Mr. Allnut gesagt sein.

Einleitung


Schon wieder eine gut gemeinte Inquisition

Vergessen Sie, was man Ihnen über die Abstammung des Menschen erzählt hat. Wir stammen nicht von den Affen ab. Wir sind Affen, genauer gesagt Menschenaffen: Sowohl metaphorisch als auch rein faktisch gehört Homo sapiens zu den fünf noch existierenden Arten der Großen Menschenaffen, zusammen mit den Schimpansen, Bonobos, Gorillas und Orang-Utans (Gibbons zählt man zu den Kleinen Menschenaffen). Wir und zwei dieser Arten – die Bonobos und die Schimpansen – stammen von einem gemeinsamen Vorfahren ab, der vor nur fünf Millionen Jahren lebte.1 In evolutionären Maßstäben war das quasi vorgestern. Unterschiede findet man nur im Kleingedruckten, weshalb eine Unterteilung in Menschen und Große Menschenaffen von den meisten Primatologen heute als künstlich angesehen wird.2

Wenn wir »über« der Natur stehen, dann nur wie ein Surfer, der seine zitternden Beine in ein Brett »über« dem Ozean stemmt. Selbst wenn wir nicht ausrutschen, kann unsere innere Natur uns jeden Augenblick in die Tiefe ziehen. In westlichen Kulturen entsteht leicht der Eindruck, wir Menschen seien etwas Besonderes, einzigartig unter allen Lebewesen. Wir wähnen uns über und außerhalb der natürlichen Welt, befreit von den Einschränkungen, die das Leben für Tiere bereithält. Die Natur ist unter unserer Würde, und wo sie doch durchscheint, empfinden wir Scham oder Ekel – als sei sie etwas Übelriechendes und Unordentliches, das man besser hinter zugezogenen Läden verbirgt und mit frischem Minzgeruch überdeckt. Oder aber wir überkompensieren und stellen uns die Natur als weichgespültes Paradies vor, unschuldig und zugleich weise, edel und im inneren Gleichgewicht.

In Wahrheit sind wir, genau wie Bonobos und Schimpansen, die triebgesteuerten Nachkommen hypersexueller Vorfahren. Das mag übertrieben klingen, doch es sind schlichte Fakten, die eigentlich zur Allgemeinbildung gehören sollten. Die Konvention der monogamen Bis-dass-der-Tod-euch-scheidet-Ehe droht unter dem Ballast einer falschen Überlieferung zu kollabieren, die uns beharrlich eine andere Identität andichten will.

Worum geht es eigentlich beim Sex zwischen Menschen, und wie ist unsere Sexualität entstanden? Mit diesem Buch möchten wir darlegen, wie durch die radikalen kulturellen Umwälzungen, die vor ungefähr 10 000 Jahren begannen, die wahre Geschichte der menschlichen Sexualität zu einem derart subversiven Gedankengut umgeformt wurde, dass sie nun schon seit Jahrhunderten von Religionen unterdrückt, von Medizinern pathologisiert, von Wissenschaftlern geflissentlich ignoriert und von moralisierenden Therapeuten vertuscht wird.

Unsere heutige Sexualität wird von tiefen inneren Konflikten heimgesucht; die von der Gesellschaft kultivierte Ignoranz wirkt dabei verheerend. Jede zweite Ehe zerbricht in einem Strudel aus sexueller Frustration, Langeweile, schwindender Libido, Seitensprüngen, Funktionsstörungen, Verwirrung und Scham. Die serielle Monogamie erleben viele Menschen als eine Kette des Versagens, als vereinzelte Glücksmomente in einem dunklen Meer der Enttäuschung. Wie viele Paare würden langfristig überhaupt zusammenbleiben, hätten sie nicht ihr Liebesleben auf dem Altar dreier Freuden geopfert, die im Leben durch nichts zu ersetzen sind: Familie, Kameradschaft und, wenn schon nicht sexuelle, dann wenigstens emotionale Intimität? Ist, wer nichtsahnend dieses Glück anstrebt, wirklich von der Natur dazu verdammt, die Libido des Partners langsam, aber sicher zu strangulieren?

Das spanische Wort esposas bedeutet sowohl »Ehefrauen« als auch »Handschellen«. Im Englischen witzeln Männer wehmütig über ihre Fußfessel. Aus gutem Grund bezeichnet man die Heirat oft melancholisch als den Anfang vom Ende des männlichen Sexlebens. Und den Frauen ergeht es keineswegs besser. Wer möchte schon sein Leben mit einem Mann verbringen, der sich durch seine Liebe gefangen und reduziert fühlt, dessen Anstand die Beschränkung seiner Freiheit bedeutet? Wer will sich schon sein Leben lang dafür entschuldigen, nur eine einzige Frau zu sein?

Ganz offensichtlich läuft etwas grundlegend falsch. Laut der American Medical Association leiden etwa 42 Prozent der amerikanischen Frauen unter sexuellen Funktionsstörungen, während die Verkaufszahlen von Viagra Jahr um Jahr sämtliche Rekorde brechen. Die weltweiten Einnahmen aus Pornografie werden auf jährlich 57 bis 100 Milliarden Dollar geschätzt. In den USA sind sie größer als die der drei großen Fernsehanstalten (CBS, NBC und ABC) zusammen und übersteigen auch die Lizenzeinnahmen aus Football, Baseball und Basketball. Im U.S. News and World Report heißt es: »Amerikaner geben mehr Geld in Stripclubs aus als insgesamt für Theater, Oper, Ballett und klassische Konzerte.«3

Es lässt sich nicht leugnen – wir sind eine Spezies mit einer Schwäche für Sex. Derweil scheint die sogenannte traditionelle Ehe von allen Seiten unter Beschuss zu sein – und zerbricht zugleich an inneren Widersprüchen. Selbst die eifrigsten Verfechter einer »normalen« Sexualität geraten allmählich ins Schleudern, angesichts der zahllosen bloßgestellten Politiker, wie zum Beispiel Clinton und Kirchenmänner, die vollmundig von Familienwerten tönen, bevor sie sich zu ihren Stelldicheins mit Geliebten, Prostituierten und Praktikantinnen davonstehlen.

Die Verleugnung hat nicht funktioniert. Hunderte katholischer Priester haben Tausende Sexualverbrechen allein in den vergangenen Jahrzehnten gestanden. 2008 zahlte die katholische Kirche 435 Millionen Dollar Schmerzensgeld wegen sexuellen Missbrauchs. Mehr als ein Fünftel der Opfer war jünger als zehn Jahre. So viel wissen wir. Das noch länger zurückliegende Leid ist kaum vorstellbar – das Leid aus siebzehn Jahrhunderten, seit Papst Siricius (um 385?) mit den ersten Dekreten »Decreta« und »Cum in unum« Priestern jegliches Sexualleben untersagt hat. Lässt sich die Schuld, die aus dieser irregeleiteten Unterdrückung grundlegender sexueller Bedürfnisse entstanden ist, überhaupt ermessen?

Unter Androhung der Folter wurde Galileo 1633 von der Inquisition der Römisch-katholischen Kirche zu der öffentlichen Falschaussage gezwungen, die Erde sei das unbewegliche Zentrum des Universums. Dreieinhalb Jahrhunderte später, im Jahr 1992, gab Papst Johannes Paul II. zu, dass der Wissenschaftler recht gehabt hatte – die Inquisition sei aber »gut gemeint« gewesen. Es geht doch nichts über eine gut gemeinte Inquisition!

Genau wie die kindisch-eigensinnige Vorstellung von einem Universum, das um die Erde kreist, bietet das Standardnarrativ der prähistorischen Vergangenheit raschen und schlichten Trost. Und wie Papst um Papst jegliche Kosmologie untersagte, die dem Menschen seine zentrale Stellung in den endlosen Weiten des Alls nehmen wollte, so wie Darwin früher (und in manchen Kreisen noch immer) für seine Erkenntnis, der Mensch sei durch Naturgesetze entstanden, verspottet wurde, genauso können manche Wissenschaftler auf Grund emotionaler Widerstände noch immer nicht den Gedanken zulassen, dass es eine Evolution der Sexualität ohne monogame Kernfamilie gegeben haben könnte. Wir leben zwar angeblich in liberalen Zeiten, doch manche auf der Hand liegenden, schmerzhaften Wahrheiten darf man nicht aussprechen. Der Gegensatz zwischen dem, was wir fühlen sollen, und dem, was wir tatsächlich fühlen, ist möglicherweise die Hauptursache von Verwirrung, Unzufriedenheit und unnötigem Leid. Die üblichen Antworten lösen ja nicht das Rätsel, das unser Liebesleben durchzieht: Warum sind Männer und Frauen in ihren Sehnsüchten, Fantasien, Reaktionen und in ihrem Sexualverhalten so verschieden? Warum betrügen wir einander und lassen uns immer häufiger scheiden, sofern wir überhaupt noch heiraten? Woher kommen die Heerscharen alleinerziehender Mütter und Väter? Warum schwindet die Leidenschaft oft schon bald nach der Hochzeit? Wodurch erlischt das Verlangen? Nachdem doch beide Geschlechter hier auf Erden von der Evolution geformt wurden, warum fühlt es sich für viele Frauen und Männer an, als stammten wir von unterschiedlichen Planeten?

Die amerikanische, an Medizin und Wirtschaft orientierte Gesellschaft hat als Antwort auf die anhaltende Krise eine ganze Industrie aus Paartherapeuten, Erektionshilfen, Sex-Kolumnen und gruseligen Vater-Tochter-Jungfräulichkeitsriten hervorgebracht, dazu einen endlosen Strom aufdringlicher Werbemails (»Lass dein Liebesmonster von der Leine! Sie wird es dir danken!«). Monat um Monat beliefern uns ganze Wagenladungen von Hochglanzmagazinen mit den immer gleichen Tricks, die unserem Sex neues Leben einhauchen sollen. Ein paar Kerzen, verruchte Dessous, eine Handvoll übers Bett gestreute Rosenblüten, und es wird wieder wie beim ersten Mal sein! Wie – er schaut noch immer anderen Frauen hinterher? Sie wirkt immer noch irgendwie distanziert und enttäuscht? Er ist schon fertig, kaum dass Sie angefangen haben?

Na, dann sollen doch die Fachleute herausfinden, woran es hapert – bei Ihnen, Ihrem Partner oder in der Beziehung. Vielleicht braucht er eine Penisvergrößerung, oder sie muss sich ihre Vagina machen lassen. Vielleicht leidet er unter Bindungsängsten oder einem »fragmentierten Super-Ego«, oder – Gott bewahre – am Peter-Pan-Komplex. Sie fühlen sich depressiv? Sie lieben Ihren Partner seit zwölf Ehejahren, fühlen sich aber sexuell nicht mehr so wie früher zu ihm hingezogen? Einer von Ihnen oder Sie beide liebäugeln mit einem anderen? Vielleicht sollten Sie mal versuchen, es auf dem Küchenboden zu treiben. Oder sich dazu zwingen, ein Jahr lang jede Nacht miteinander zu schlafen.4 Vielleicht durchlebt er gerade eine Midlife-Crisis. Nehmen Sie diese Pillen. Lassen Sie sich eine neue Frisur machen. Irgendetwas muss doch mit Ihnen falsch sein! Haben Sie sich je als Opfer einer gut gemeinten Inquisition gefühlt?

Für die Unterhaltungsindustrie ist das schizophrene Verhältnis zu unserer wahren Sexualität nichts Neues, man findet hier die gleichen Brüche zwischen öffentlich geäußerten Empfindlichkeiten und heimlich ausgelebten Trieben. Unter der Überschrift »Wall Street Meets Pornography« berichtete die New York Times im Jahr 2000, dass General Motors mehr explizite Sexfilme verkauft hatte als Larry Flynt, der Besitzer des Hustler-Imperiums: Die mehr als acht Millionen amerikanischen Abonnenten von DirecTV, einer Tochtergesellschaft von General Motors, gaben jährlich um die 200 Millionen Dollar für Pay-per-View-Sexfilme aus. Ganz ähnlich verdiente auch Rupert Murdoch, der Besitzer von Fox News Network und dem Wall Street Journal, der führenden konservativen Zeitung in den USA, mehr Geld mit über Satellitenfernsehen ausgestrahlten Pornos als der Playboy mit all seinen Magazinen und den über Kabel und Internet verbreiteten Angeboten.5 Der amerikanische Telekommunikationskonzern AT&T, ebenfalls ein Vertreter konservativer Werte, verkauft an mehr als eine Million amerikanischer Hotels Hardcore-Pornos.

Die angestrengte Heuchelei ist angesichts des traditionellen Modells der menschlichen Sexualität eigentlich unerklärlich – diesem zufolge ist Monogamie ja naturgegeben, die Ehe eine universelle menschliche Konstante und jede Abweichung von der Kernfamilie etwas Abnormes. Wir brauchen daher dringend ein ganz neues Verständnis unserer Sexualität, eines, das nicht von der Kanzel herab gepredigt oder durch Hollywood-Wohlfühlfantasien vermittelt wird, sondern auf einer unerschrockenen Sichtung der reichen Datenlage beruht.

Derzeit befinden wir uns im Krieg gegen unsere erotischen Sehnsüchte. Wir kämpfen gegen unsere Begierden, Erwartungen und Enttäuschungen an. Religion, Politik und die Wissenschaft stellen sich gegen die Biologie und ihre in Jahrmillionen entstandenen Vorlieben und Bedürfnisse. Welchen Ausweg kann es aus diesem verfahrenen Kampf geben?

In diesem Buch werden wir einige der wichtigsten Forschungsarbeiten unserer Zeit vorstellen und überdenken. Wir werden die grundlegenden Thesen hinterfragen, auf denen unsere Vorstellungen von Ehe, Familienstruktur und Sexualität beruhen, Vorstellungen, die uns alle betreffen und unser Leben unmittelbar beeinflussen.

Wir werden zeigen, dass sich die Menschwerdung in kleinen Gruppen vertrauter Individuen vollzog, in denen nahezu alles geteilt wurde – Essen, Zuflucht, Schutz, Kinderbetreuung und sogar die sexuelle Lust. Wir behaupten nicht, dass Menschen als marxistische Hippies auf die Welt kommen oder dass romantische Liebe in prähistorischen Gemeinschaften unbekannt oder unwichtig gewesen sei. Doch wir werden zeigen, dass unsere heutige Kultur den Zusammenhang von Liebe und Sex falsch interpretiert. Ob mit oder ohne Liebe, für unsere prähistorischen Vorfahren war eine ungezwungene Sexualität die Norm.

Viele Leser werden sich nun fragen: Wie können wir überhaupt etwas über das Sexleben prähistorischer Menschen wissen? Da das Sozialverhalten keine Fossilien hinterlässt, ist das nicht alles nur wilde Spekulation?

Nicht ganz. Es gibt eine Geschichte über einen Mann, der angeklagt worden war, einem anderen Mann bei einem Kampf den Finger abgebissen zu haben. Ein Augenzeuge trat in den Zeugenstand. Der Verteidiger fragte: »Haben Sie wirklich gesehen, wie mein Klient den Finger abgebissen hat?« »Nein, das habe ich nicht.« »Aha!«, triumphierte der Verteidiger, »wie können Sie dann behaupten, er hätte den Finger des Mannes abgebissen?« »Na ja«, erwiderte der Zeuge, »ich habe gesehen, wie er ihn ausspuckte«.

Abgesehen von den vielen Indizienbeweisen aus Gesellschaften rund um den Globus und von nah verwandten nichtmenschlichen Primaten werden wir uns auch genauer ansehen, was die Evolution ausgespuckt hat. Wir werden die Anatomie unserer Körper studieren wie auch das Verlangen nach sexueller Abwechslung, das man der Pornografie, der Werbung oder auch den After-Work-Partys entnehmen kann. Sogar die Laute, die Frauen beim Sex von sich geben, werden wir dekodieren und herausfinden, was eigentlich hinter den nächtlichen Lustschreien Ihrer Nachbarin steckt.

Wer sich mit den neueren Theorien über menschliche Sexualität ein bisschen auskennt, dem wird bereits vertraut sein, was wir als das Standardnarrativ von der Evolution der menschlichen Sexualität bezeichnen (im Folgenden kurz »Standardnarrativ«). Es geht ungefähr so:

  1. Junge trifft Mädchen.

  2. Junge und Mädchen begutachten einander und schätzen die Attraktivität des potentiellen Partners auf der Basis ihrer unterschiedlichen reproduktiven Ziele/Funktionen ein:

    • Er schaut nach Anzeichen für Jugend, Fruchtbarkeit, Gesundheit, sexueller Unerfahrenheit und der Wahrscheinlichkeit für zukünftige sexuelle Treue. Mit anderen Worten wird sein Urteil davon beeinflusst, dass er auf der Suche nach einer fruchtbaren, gesunden jungen Partnerin ist, die noch viele Jahre Kinder zur Welt bringen kann und die bislang noch keine Kinder hat, an die er seine Ressourcen verschwenden müsste.

    • Sie hält Ausschau nach Anzeichen für Wohlstand (oder wenigstens der Aussicht darauf), sozialen Status, Gesundheit und einer hohen Wahrscheinlichkeit, dass er bei ihr bleiben und ihre Kinder versorgen wird. Ihr Mann muss willens und in der Lage sein, sie und ihre Kinder zu versorgen, insbesondere während der Schwangerschaft und der Stillzeiten (auch bekannt als väterliche Investition).

  3. Junge bekommt Mädchen: Falls die beiden die Kriterien des jeweils anderen erfüllen, »paaren« sie sich, d.h. sie bilden eine langfristige Paarbindung aus – die »Grundvoraussetzung der menschlichen Spezies«, wie es der bekannte Autor Desmond Morris ausgedrückt hat. Ist die Paarbindung entstanden, werden die beiden sich folgendermaßen verhalten:

    • Sie wird argwöhnisch auf Anzeichen achten, dass er sie verlassen könnte, wachsam gegenüber möglichen intimen Beziehungen mit anderen Frauen sein, die ihren Zugang zu seinen Ressourcen und seinem Schutz gefährden würden, dabei aber nach Möglichkeit kurze Affären mit Liebhabern pflegen, die ihrem Mann genetisch überlegen sind (besonders während der Zeit ihres Eisprungs).

    • Er wird empfindlich auf Anzeichen sexueller Untreue reagieren, die sein zentrales Anliegen, die gesicherte Vaterschaft, in Frage stellen, aber nach Möglichkeit Sex mit anderen Frauen haben (da er über reichlich Sperma verfügt).

Dieses Grundmuster wurde über Jahrzehnte hinweg in vielen, weltweit durchgeführten Studien immer wieder beobachtet, was das plausibel wirkende Standardnarrativ zu bestätigen scheint. Doch der Schein trügt.

Wir bestreiten nicht, dass sich diese Verhaltensmuster in vielen Teilen der modernen Welt so abspielen, doch wir halten sie nicht für einen Bestandteil der menschlichen Natur, sondern für eine Anpassung an gesellschaftliche Bedingungen, die sich größtenteils erst mit der Neolithischen Revolution vor 10 000 Jahren herausbildete, als Landwirtschaft und Viehzucht entstanden. Das geschilderte Verhalten ist daher kein genetisches Programm, sondern zeugt vielmehr von der Anpassungsfähigkeit des menschlichen Gehirns und dem kreativen Potential der Gemeinschaft.

Um nur ein Beispiel zu nennen: Die scheinbare weibliche Präferenz für potentiell wohlhabende Männer ist keine angeborene evolutionäre Programmierung, wie das Standardmodell behauptet, sondern einfach eine Verhaltensanpassung in einer Welt, in der Männer einen überproportional großen Anteil der Ressourcen kontrollieren. Wie wir noch im Detail erörtern werden, hatten Frauen vor der Neolithischen Revolution vor hundert Jahrhunderten normalerweise den gleichen Zugang zu Nahrung, Schutz und sozialer Unterstützung wie Männer. Erst durch den Wechsel zur Sesshaftigkeit und zu der damit verbundenen, radikal veränderten Gesellschaftsordnung fanden sich Frauen plötzlich in einer Welt wieder, in der sie ihre Reproduktionskapazitäten gegen den Zugang zu lebensnotwendigen Ressourcen eintauschen mussten. Doch es war eine Welt, die sich grundlegend von der unterschied, in der sich unsere Spezies entwickelt hatte.

Man muss sich dabei bewusst machen, dass 10 000 Jahre nur eine sehr kurze Zeitspanne in der gesamten Geschichte des Menschen bedeuten. Selbst wenn wir die rund zwei Millionen Jahre nicht mitzählen, in denen unsere direkten Vorfahren innerhalb der Gattung Homo in kleinen Wildbeuter-Gruppen lebten, gibt es anatomisch moderne Menschen schätzungsweise bereits seit 200 000 Jahren.6 Da die frühesten Zeugnisse von Landwirtschaft auf ungefähr 8000 v. Chr. datiert werden, hat unsere Spezies höchstens fünf Prozent ihrer kollektiven Erfahrung in sesshaften Agrargesellschaften gesammelt. Noch bis vor ein paar hundert Jahren lebten auf dem Planeten größtenteils Wildbeuter.

Um also die tiefer reichenden Wurzeln der menschlichen Sexualität zu studieren, muss man unter die dünne Kruste der neueren Geschichte blicken. Der größte Teil der Menschwerdung vollzog sich in Gesellschaften, in denen das Gebot zu teilen über nahezu allem anderen stand. Das machte allerdings niemand zum edlen Wilden. Es ging in den Prä-Agrargesellschaften nicht edelmütiger zu als bei uns, wenn wir Steuern oder Krankenkassenbeiträge zahlen. Durch die Kultur des Teilens gelang es unserer hochsozialen Spezies einfach am effektivsten, Risiken zu minimieren. Wie wir noch sehen werden, schließen Teilen und Eigeninteresse einander nicht aus. Was viele Anthropologen als strengen Egalitarismus bezeichnen, war über viele Jahrtausende hinweg auf der ganzen Erde die vorherrschende Gesellschaftsform.

Als die Menschen allerdings begannen, Land zu bestellen und Vieh zu halten, kam es zu einem tiefgreifenden Wandel. Die Gesellschaftsordnung wurde nun durch politische Hierarchien, Privatbesitz und dichtbevölkerte Siedlungen geprägt, und der Status von Frauen und andere Gesellschaftsstrukturen veränderten sich radikal. Es kam zu einem rätselhaften Desaster in der Geschichte unserer Art: innerhalb kurzer Zeit wuchs die Bevölkerung stark, während zugleich die Lebensqualität sank. Nach Jared Diamond war der Wechsel zur Landwirtschaft »eine Katastrophe, von der wir uns bis heute nicht erholt haben«.7

Eine Reihe unterschiedlicher Befunde belegt, dass unsere Vorfahren zuvor in Gruppen gelebt hatten, in denen die meisten Erwachsenen mehrere sexuelle Beziehungen gleichzeitig hatten. Obwohl oft beiläufig, waren diese Beziehungen nie zufällig oder bedeutungslos. Ganz im Gegenteil: Sie verstärkten die lebenswichtigen sozialen Bande, die die in hohem Maße aufeinander angewiesene Gemeinschaft zusammenhielten.8

Die überwältigende Fülle an Beweisen für eine ausgesprochen ungezwungene und freundliche prähistorische Sexualität findet sich in unseren Körpern, aber auch in den Gebräuchen vergleichsweise isoliert lebender Völker und überraschenderweise auch in manchen Nischen der modernen westlichen Kultur. Wir werden zeigen, dass unser Verhalten im Schlafzimmer, die menschliche Vorliebe für Pornografie, die Fantasien, Träume und sexuellen Reaktionen sämtlich dieses neue Verständnis unserer sexuellen Anfänge stützen. Unter anderem wird dieses Buch Antworten auf die folgenden Fragen geben:

Ein paar Millionen Jahre auf wenigen Seiten

Die Geschichte, von der wir in diesem Buch erzählen, lautet in aller Kürze so: Vor ein paar Millionen Jahren veränderte sich bei unseren frühen Vorfahren (Homo erectus) das Paarungsverhalten. Während zuvor wie bei den Gorillas ein Alphamann um einen Harem gekämpft hatte, erhielten nun die meisten Männer Zugang zu Frauen. Kaum ein Experte zweifelt die fossilen Belege für diesen Wandel an.9

Über die Bedeutung dieser Veränderung sind wir allerdings mit den Vertretern des Standardnarrativs nicht einig. Sie behaupten, dass nun die Zeit der langfristigen Paarbindung begann: Da jeder Mann nur eine Partnerin auf einmal haben konnte, hatten am Ende die meisten Männer eine Frau für sich. Es scheint dabei nur zwei akzeptable Optionen zu geben: Entweder sind die Menschen von Natur aus monogam (M-W) oder polygyn (M-WWW+), wobei nach allgemeinem Verständnis Frauen eher die erste Konfiguration vorziehen, die meisten Männer dagegen die zweite wählen würden.

Was aber ist mit der Möglichkeit multipler Paarungen – bei denen die meisten Männer und Frauen mehr als eine sexuelle Beziehung zugleich gehabt haben könnten? Warum – abgesehen von der moralischen Empörung – zieht man niemals prähistorische Promiskuität in Betracht, wenn doch nahezu alles darauf hindeutet?

Schließlich ist bekannt, dass die Wildbeuter-Gesellschaften in den Zeiten der Menschwerdung aus kleinen, äußerst egalitären Gruppen bestanden, in denen nahezu alles geteilt wurde. Wildbeuter, die von der Hand in den Mund leben, haben überall auf der Welt bemerkenswerte Gemeinsamkeiten.10 Die !Kung San in Botswana ähneln in vieler Hinsicht den australischen Ureinwohnern und den Stämmen im entlegenen Regenwald des Amazonasgebiets. So herrscht in solchen Jäger-und-Sammler-Gesellschaften, wie Anthropologen wiederholt gezeigt haben, nahezu immer ein strenger Egalitarismus. Das Teilen ist nicht nur erwünscht, sondern vorgeschrieben. Nahrung zu horten oder zu verstecken gilt in diesen Gesellschaften als schändliches, beinahe unverzeihliches Vergehen.11

Wildbeuter teilen untereinander Fleisch, stillen die Säuglinge der anderen, haben wenig oder gar keine Privatsphäre, und ihr Überleben hängt stark von den Mitgliedern der Gruppe ab. Während sich in unserer Gesellschaft alles um das Konzept von Privatbesitz und Eigenverantwortlichkeit dreht, ist es dort genau umgekehrt – entscheidend sind Gemeinwohl und Gruppenidentität.

Das mag wie ein naiver New-Age-Idealismus klingen, der das verlorene Wassermannzeitalter beklagt, oder wie die Ausrufung eines prähistorischen Kommunismus – doch keines dieser Charakteristika prähistorischer Gesellschaften wird von ernstzunehmenden Wissenschaftlern bestritten. Nach allgemeinem Konsens leben Wildbeuter in jeder Umgebung de facto in einer egalitären Gesellschaftsordnung – nicht aus einer edlen Gesinnung heraus, sondern aus purem Pragmatismus.

Nach unserer Überzeugung erstreckte sich die Kultur des Teilens auch auf die Sexualität, so wie es eine Vielzahl von Forschungsarbeiten innerhalb der Primatologie, Anthropologie, Anatomie und Psychologie belegt: Menschen und ihre menschenartigen Vorfahren haben den größten Teil der vergangenen Millionen Jahre in kleinen Horden gelebt, in denen die meisten Erwachsenen mehrere sexuelle Beziehungen zugleich hatten. Außer durch die vielen wissenschaftlichen Belege wird dieses Bild auch durch Berichte von Entdeckern, Missionaren und Anthropologen gestützt, die von orgiastischen Ritualen, selbstverständlichem Partnertausch und einer freien, von Schuldgefühlen oder Scham unbelasteten Sexualität erzählen.

Zudem wird, wer etwas Zeit mit den nächsten Verwandten der Menschen verbringt, Schimpansenfrauen erleben, die Dutzende Male am Tag Geschlechtsverkehr mit allen willigen Männern haben, oder ungezügelten Gruppensex unter Bonobos, der für allgemeine Entspannung sorgt und das komplexe soziale Netz stabilisiert. Wer die heutigen Menschen mit ihrer Lust an gewissen Arten der Pornografie oder ihren notorischen Problemen mit langfristiger Monogamie reflektiert, wird rasch auf das Erbe unserer hypersexuellen Vorfahren stoßen.

Auch unsere Körper bezeugen diese Geschichte. Menschliche Männer haben weit größere Hoden, als ein monogamer Primat sie jemals benötigen würde, und sie sind obendrein sehr verletzlich außerhalb des Körpers angebracht, wo die kühleren Temperaturen dazu beitragen, dass jederzeit genügend Samenzellen für multiple Ejakulationen bereitgehalten werden. Unter allen Primaten auf diesem Planeten sind Menschen außerdem mit den längsten und dicksten Penissen bestückt und kommen tendenziell beschämend schnell zum Orgasmus. Die herabhängenden Brüste der Menschenfrauen (für das Stillen völlig überflüssig), ihre unüberhörbaren Lustschreie (der Fachterminus lautet weibliche Kopulationsrufe) und ihre Fähigkeit zu multiplen Orgasmen – das alles sind Belege für eine prähistorische Promiskuität. Jeder dieser Punkte bringt das Standardnarrativ arg ins Wanken.

Als die Menschen erst einmal begannen, Jahr um Jahr dasselbe Land zu bestellen, wurde anstelle des Gemeinschaftseigentums bald der Privatbesitz zum Modus Operandi. Aus offensichtlichen Gründen müssen nomadisch lebende Wildbeuter persönlichen Besitz auf ein Minimum beschränken, schließlich muss alles getragen werden. Man verschwendet wenig Gedanken darauf, wer das Land oder die Fische im Fluss oder die Wolken am Himmel besitzt. Die Männer (und oft auch Frauen) stellen sich den Gefahren gemeinsam. Die väterliche Investition – das zentrale Element des Standardnarrativs – wird tendenziell eher diffus verteilt, anstatt nur einer bestimmten Frau und ihren Kindern zugute zu kommen, wie es das konventionelle Modell behauptet.

Als die Menschen begannen, sich in Siedlungen niederzulassen, veränderte sich die Gesellschaft grundlegend und unwiderruflich. Plötzlich war es von entscheidender Bedeutung, wo das eigene Feld endete und das des Nachbarn begann. Man denke an das Zehnte Gebot: »Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Vieh noch alles, was dein Nächster hat.« Die größten Verlierer der Agrarrevolution waren (vielleicht abgesehen von den Sklaven) ganz offensichtlich die Frauen. Während sie in den Wildbeuter-Gesellschaften eine zentrale, respektierte Rolle innegehabt hatten, wurden sie nun zum Besitz des Mannes, den dieser zusammen mit Haus, Sklaven und Vieh verteidigen musste.SB_98050_0001_abb_001.jpg

»Die Entstehung der Landwirtschaft«, schreibt der Archäologe Steven Mithen, »ist das entscheidende Ereignis in der Geschichte der Menschheit – der Wendepunkt, der dazu führte, dass moderne Menschen völlig anders als alle anderen Tiere und früheren Menschentypen leben und denken«.12 Dieser zentrale Punkt beeinflusste den Verlauf der menschlichen Geschichte stärker als die Beherrschung des Feuers, die Magna Carta, der Buchdruck, die Dampfmaschine, die Kernspaltung oder sonst etwas. Durch die Landwirtschaft verändert sich buchstäblich alles: die Natur von Status und Macht, Gesellschafts- und Familienstrukturen, der Umgang mit der Natur, die Götter, die Wahrscheinlichkeit und die Art kriegerischer Auseinandersetzungen, die Lebensqualität, die Lebensspanne und mit Sicherheit die Regeln, nach denen die Menschen sexuelle Beziehungen hatten. Nach Sichtung der relevanten archäologischen Befunde kommt der Archäologe Timothy Taylor, Verfasser von The Prehistory of Sex, 13