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Deutsche Geschichte

Manfred Mai, geboren 1949, gehört zu den bekanntesten deutschen Kinder- und Jugendbuchautoren. Er hat Geschichte und Deutsch studiert und unterrichtet, bevor er zu schreiben begann. Heute lebt er als freier Schriftsteller in seinem Heimatort Winterlingen auf der Schwäbischen Alb. Bei Beltz & Gelberg erschienen auch sein Lesebuch zur deutschen Geschichte und die Geschichte der deutschen Literatur.

Mehr Informationen über den Autor und seine Bücher unter www.manfred-mai.de

Für meine Töchter Melanie und Daniela und meinen Enkel Joshua, denen die Zukunft gehört

Inhalt

Vorwort

Die Anfänge

Die Völker mischen sich

Machtwechsel

Karl der Große

Deutschland nimmt Gestalt an

Die mittelalterliche Ordnung

Vom Leben des »gemeinen Volkes«

Macht Stadtluft frei?

Wer ist der Höchste im Land?

Von edlen Rittern

Wer will Kaiser sein?

Finstere Zeiten

Eine neue Zeit beginnt

Vom rechten Glauben

Der »gemeine Mann« erhebt sich

Glaubens- und Kirchenspaltung

Der Dreißigjährige Krieg

Der Staat bin ich

Die Preußen kommen

Was ist Aufklärung?

Der kleine Friedrich wird groß

Ich bin der erste Diener meines Staates

Wo liegt Deutschland?

Ein Franzose ordnet Deutschland neu

Deutschland wird »französisch«

Die Deutschen befreien sich von Napoleon

Was ist des Deutschen Vaterland?

Wieder keine Revolution

Die Schlagbäume fallen

Die »soziale Frage« verlangt Antworten

Einigkeit und Recht und Freiheit

Durch Eisen und Blut zum Ziel

Sozialistengesetz und Sozialgesetze

Die gute alte Zeit?

Ein »Säbelrassler« auf dem Thron

Mit Freude in den Krieg

Durch Deutschland zur Revolution

Siegfrieden oder Verständigungsfrieden?

Die Novemberrevolution

Die Weimarer Verfassung und der Versailler Vertrag

Gefährdung und Stabilisierung der Weimarer Republik

Die braune Gefahr

Das Ende der Weimarer Republik

Wer drückt wen in die Ecke?

Auf dem Weg in den totalitären Führerstaat

Widerstand gegen das NS-Regime

Von Hitlers Rassenwahn zum Holocaust

Der totale Krieg

Was soll aus Deutschland werden?

Zwei Deutschland

Made in Western Germany

Die DDR mauert sich ein

Mehr Demokratie wagen

Wandel durch Annäherung

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben

Wir sind ein Volk!

Auf dem Weg ins »Euroland«

Nie wieder Krieg?

Reformen, Reformen, Reformen!

Von der Banken- zur Finanz- und Weltwirtschaftskrise

»Krisengewinner Deutschland«

Klimawandel und Energiewende

Ist Deutschland ein Einwanderungsland?

Vorwort

Die erste Ausgabe dieser Deutschen Geschichte wurde von ihren Lesern wie von der Fachkritik überaus positiv aufgenommen. Das hat mich sehr gefreut.

Zehn Jahre nach der letzten Aktualisierung scheint es mir nun wieder angebracht, ein paar Ergänzungen vorzunehmen. Denn in unserer schnelllebigen Zeit geschieht in zehn Jahren viel – auch Historisches.

Sonst gilt weiterhin, was ich im »deutschen Jubiläumsjahr 1999« im Vorwort zur ersten Ausgabe schrieb:

Dass wir Deutsche nicht zwei Jubiläen in zwei Staaten feiern müssen, ist vor allem das Verdienst der Menschen im Osten unseres Landes. Im Herbst 1989 gingen Hunderttausende von ihnen auf die Straße und demonstrierten für Freiheit und Demokratie. Was noch wenige Wochen zuvor kaum jemand für möglich gehalten hätte, geschah am 9. November 1989: Die Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten wurde geöffnet, und die Deutschen machten sich wieder einmal auf den Weg, ein Volk und ein Staat zu werden.

Das wiedervereinigte Deutschland hatte 1999 also doppelten Grund zum Feiern: seinen fünfzigsten und seinen zehnten Geburtstag.

Runde Geburtstage werden gern genutzt, um Rückschau zu halten und Bilanz zu ziehen. Allerdings reicht es nicht, den Weg der beiden deutschen Staaten nur seit ihrer Gründung zu verfolgen, wenn man verstehen will, warum es überhaupt zwei Deutschland gab. Dazu muss man weiter zurückschauen, das heißt Geschichte betreiben. Und so, wie es für den Einzelnen interessant und wichtig ist zu wissen, wer seine Vorfahren sind und was er von ihnen mitbekommen hat, so ist es auch für ein Volk wichtig, über seine Geschichte Bescheid zu wissen. Denn unsere Geschichte ist unser Erbe, im Guten wie im Schlechten. Wir können dieses Erbe auch nicht ausschlagen oder ignorieren – selbst wenn wir das manchmal gern möchten.

Die Frage ist nun: Wie weit müssen wir zurückschauen, wo fängt die deutsche Geschichte an? Darauf gab und gibt es unterschiedliche Antworten.

Lange Zeit ließen Historiker die deutsche Geschichte mit Karl dem Großen beginnen. Heute erscheint uns das zu kurz gegriffen; ein paar Jahrhunderte mehr müssen es schon sein: In der Zeit um Christi Geburt lebten dort, wo später Deutschland entstand, Menschen, die »Germanen« genannt wurden. Diese Germanen waren noch kein Volk und verstanden sich selbst auch nicht so. Aber ihren Nachbarn und vor allem den Römern erschienen sie doch als zusammengehörig. Darum spricht einiges dafür, die deutsche Geschichte mit ihnen beginnen zu lassen.

Dieses Buch will einen ersten großen Überblick über die deutsche Geschichte geben. Es kann deshalb nur von den wichtigsten Ereignissen, Personen und Entwicklungen erzählen. Vieles, was auch noch wissenswert wäre, muss unerwähnt bleiben. Trotzdem wird zwischendurch immer wieder von den einfachen Menschen und ihrem oft gar nicht einfachen Leben berichtet. Denn auch sie haben ihren Teil dazu beigetragen, Deutschland zu dem zu machen, was es heute ist.

Die Anfänge

Um Christi Geburt waren große Teile »Germaniens« noch von Sümpfen und dichten Wäldern bedeckt. In dem dünn besiedelten Gebiet lebten die Menschen in Einzelhöfen oder kleinen Dörfern, oft mit ihren Tieren unter einem Dach. Die Germanen waren kein einheitliches Volk. Es gab zahlreiche Stämme mit verschiedenen Gebräuchen und Dialekten – von letzteren kann man bei einer Reise durch Deutschland heute noch Reste heraushören.

Der römische Geschichtsschreiber Tacitus schilderte unsere Vorfahren in seinem Buch Über den Ursprung, die Lage und die Völkerschaften Germaniens, später kurz Germania genannt, als »reinen, nur sich selbst gleichen Menschenschlag von eigener Art. Daher ist auch die äußere Erscheinung trotz der großen Zahl von Menschen bei allen dieselbe: wild blickende blaue Augen, rötliches Haar und große Gestalten, die allerdings nur zum Angriff taugen. Für Strapazen und Mühen bringen sie nicht dieselbe Ausdauer auf, und am wenigsten ertragen sie Durst und Hitze; wohl aber sind sie durch Klima oder Bodenbeschaffenheit gegen Kälte und Hunger abgehärtet … Ihre Dörfer legen sie nicht in unserer Weise an, dass die Gebäude verbunden sind und aneinanderstoßen: Jeder umgibt sein Haus mit freiem Raum, sei es zum Schutz gegen Feuersgefahr, sei es aus Unkenntnis im Bauen. Nicht einmal Bruchsteine oder Ziegel sind bei ihnen im Gebrauch; zu allem verwenden sie unbehauenes Holz, ohne auf ein gefälliges oder freundliches Aussehen zu achten … Wenn die Männer nicht zu Felde ziehen, verbringen sie viel Zeit mit Jagen, noch mehr mit Nichtstun, dem Schlafen und Essen ergeben. Gerade die Tapfersten und Kriegslustigsten rühren sich nicht. Die Sorge für Haus, Hof und Feld bleibt den Frauen, den alten Leuten und allen Schwachen im Hauswesen überlassen; sie selber faulenzen. Ein seltsamer Widerspruch ihres Wesens: Dieselben Menschen lieben so sehr das Nichtstun und hassen zugleich die Ruhe.«

Da von den Germanen selbst nur bruchstückhaftes Wissen überliefert wurde, sind wir auf solche Beschreibungen angewiesen. Dabei sollte man allerdings bedenken, dass Tacitus das Leben der Germanen mit ihren Sitten und Gebräuchen nicht aus eigener Anschauung kannte. Er bezog seine Kenntnisse aus literarischen Quellen, zum Beispiel aus Cäsars Schriften über den Gallischen Krieg.

Was Tacitus zu seinem Buch veranlasste, lässt sich heute nicht mehr mit Sicherheit sagen. Vermutlich sollte die Schilderung des einfachen Lebens ohne Luxus, des sittenstrengen Familienlebens, der Treue und Tapferkeit den Römern als Vorbild dienen. So wäre auch zu erklären, dass er die Germanen in einigen Punkten heftig idealisiert hat; das betrifft in jedem Fall seine Beschreibung eines einheitlichen, großen und blauäugigen Menschentyps – auch wenn man das in der späteren deutschen Geschichte gern anders las.

Als sicher gilt heute, dass die Germanen gute Krieger waren. Trotzdem unterlagen sie etwa fünfzig Jahre vor Christi Geburt den besser ausgebildeten und ausgerüsteten römischen Soldaten. Die hatte Cäsar über die Alpen geführt, um das Römische Weltreich zu vergrößern und noch mächtiger zu machen.

Alle germanischen Stämme westlich des Rheins und ganz Gallien (das spätere Frankreich) wurden unterworfen und Teil des Römischen Reichs.

Etwa sechzig Jahre nach Cäsar wollte Kaiser Augustus (das deutsche Wort »Kaiser« kommt von Cäsar, dessen Familienname zum Titel für die Herrscher des Römerreiches wurde) auch die germanischen Stämme weiter im Osten unterwerfen und seine Macht bis zur Elbe ausdehnen. Aber diesmal wehrten sich die Germanen mit allen Kräften – und schlugen zurück. Im Jahr 9 n. Chr. besiegten sie unter ihrem Heerführer Arminius (später Hermann der Cherusker genannt) in der Schlacht im Osnabrücker Land – nicht im Teutoburger Wald, wie man lange Zeit dachte – die römischen Truppen. Die Römer mussten sich wieder hinter den Rhein zurückziehen.

In den Jahren danach gab es immer wieder Kämpfe mit den Germanen. Als Bollwerk gegen sie errichteten die Römer den Limes, einen riesigen Grenzwall vom Rhein bei Bonn bis zur Donau bei Regensburg.

Jenseits des Limes lebten die Germanen weiterhin wie ihre Vorfahren. Über wichtige Angelegenheiten entschieden die freien Männer eines Stammes. Dazu trafen sie sich bei Neu- oder Vollmond zum »Thing«. Die Thingstätte war gleichzeitig Gerichtsplatz und galt als heiliger Ort.

Wie alle heidnischen Völker verehrten die Germanen viele Götter. Als höchster Gott galt Wodan, der nach germanischer Auffassung die Welt regierte und das Schicksal aller Menschen lenkte. Die Germanen glaubten fest an ein Leben nach dem Tod. Die Tapferen stiegen auf zu Wodan nach Walhalla, wo sie ein schönes Leben erwartete. Die feigen und schlechten Menschen mussten im Reich der Göttin Hel in ewiger Finsternis schmachten.

Die Völker mischen sich

Die Menschen im Römerreich und die germanischen Stämme lebten trotz aller Unterschiede lange Zeit in friedlicher Nachbarschaft. In den besetzten Gebieten waren viele Germanen vom Lebensstil der Römer bald so beeindruckt, dass sie wie die Römer zu leben versuchten. Wer es sich leisten konnte, schickte seine Söhne in römische Schulen. In Kleidung und Umgangsformen orientierte man sich am römischen Vorbild. Streitigkeiten wurden nach römischem Recht geregelt. Nach und nach entstanden römische Provinzstädte wie Trier, Worms, Köln, Mainz und Augsburg. Zentrum dieser Städte war das Forum, ein großer, von Gebäuden umgebener Platz, auf dem politische Versammlungen und Gerichtsverhandlungen stattfanden. Auch Werkstätten, Läden, Gasthäuser und öffentliche Bäder gehörten zum Stadtbild. Manche Gebäude und Wasserleitungen (Aquädukte) sind heute noch erhalten und zeugen von der hohen Baukunst jener Zeit. Allerdings sollte man bei der Bewunderung dieser Leistungen nicht vergessen, dass vieles nur durch die Ausbeutung der unterworfenen Völker, vor allem der unteren Schichten, möglich wurde. Die einfachen Menschen lebten mehr schlecht als recht und waren der Willkür der Reichen und Mächtigen oft schutzlos ausgeliefert.

Die »Porta nigra«, das »schwarze Tor«, in Trier ist eines der römischen Bauwerke auf deutschem Boden, die bis heute erhalten sind. Der Zeichner hat einen römischen Legionär und einen Germanen davorgestellt – so hätten sich die beiden dort begegnen können.

Mit den germanischen Stämmen jenseits des Limes gab es regen Handel. Und viele junge Germanen dienten sogar als Soldaten in der römischen Armee. So lernten auch sie die römische Kultur und Lebensweise kennen.

Doch im dritten Jahrhundert zogen Alemannen, Sachsen, Franken, Sweben, Vandalen und Gepiden aus dem Norden Europas nach Süden und Westen. Niemand kann genau sagen, weshalb es zu dieser Völkerwanderung kam. Klimaveränderungen, zu wenig fruchtbares Land, Überfälle durch andere Stämme und die Hoffnung, anderswo bessere Lebensbedingungen zu finden, mögen wichtige Gründe gewesen sein. Eine Zeit lang konnten die römischen Truppen die »Barbaren«, wie sie alle nicht-römischen Völker und also auch die Germanen nannten, abwehren. Aber letztlich waren die Germanen stärker und drangen in das Römische Reich ein. Sie wollten es jedoch nicht zerschlagen, sondern seine Errungenschaften für sich nutzen. So mischten sich römische Kultur und Lebensart langsam mit germanischen Sitten und Gewohnheiten.

Germanische Stämme beherrschten nun weite Teile Europas. Aber sie waren untereinander keineswegs einig. Vor allem der gerissene und skrupellose Frankenfürst Chlodwig gab keine Ruhe. Durch List, Verrat und Mord schaffte er nach und nach andere Stammesfürsten aus dem Weg. Auf diese Weise wurde er immer mächtiger, ließ sich zum König machen und eroberte mit seinen Soldaten die Gebiete der Alemannen, Burgunder, Westgoten und ganz Gallien. So entstand um 500 n. Chr. das große Frankenreich, aus dem später Frankreich und Deutschland hervorgingen.

Im Nachhinein scheint es, als wären die Menschen und Völker jener Zeit dauernd in Bewegung und auf der Suche nach Neuem gewesen. Auch in Glaubensfragen gab es große Veränderungen. Die Lehre von Jesus Christus verbreitete sich in Europa. Römer und Germanen glaubten zwar noch an ihre alten Götter, wollten von einem neuen Gott nichts wissen und verfolgten die ersten Christen. Doch die Botschaft des Mannes aus Nazareth übte bald eine große Anziehungskraft auf die Menschen aus. Und schon im 4. Jahrhundert wurde das Christentum zur offiziellen Religion im Römischen Reich.

So schnell ging es bei den germanischen Stämmen nicht; sie hielten noch lange an ihren Göttern fest. Selbst als Chlodwig sich taufen ließ und das auch vom ganzen Volk verlangte, konnte von einer Glaubenswende keine Rede sein. Die heidnischen Sitten, Bräuche und Vorstellungen lebten noch zweihundert Jahre neben christlichem Gedankengut fort.

Die endgültige Christianisierung des Frankenreichs gelang erst durch den Mönch und späteren Bischof Bonifatius. Der Angelsachse kam im Jahr 716 aus England, um die Friesen zu missionieren. Drei Jahre später beauftragte ihn der Papst mit der Germanenmission. Im Lauf der Zeit wurde aus dem Missionar ein kirchlicher Organisator, der Klöster gründete und die Bistümer neu ordnete. Im Alter von 80 Jahren kehrte Bonifatius noch einmal zur Friesenmission zurück. Am 5. Juni 754 wurde er von heidnischen Friesen erschlagen.

Machtwechsel

Im Geschlecht der Merowinger, aus dem Chlodwig stammte, kam es öfter zur Erbstreitigkeiten. Überhaupt waren die Merowinger wohl keine besonders guten Könige. Man sagte von ihnen, dass sie nicht viel mehr konnten als auf dem Thron sitzen und mit Mühe die Reden halten, die ihnen ihre Minister eingetrichtert hatten. Die letzten dieser Könige waren so schwach, dass an ihrer Stelle praktisch der höchste Beamte im Reich, der »Hausmeier«, regierte. Einer dieser Hausmeier hieß Karl und herrschte 25 Jahre lang mit starker Hand über das Frankenreich, weshalb er den Beinamen »Martell«, das heißt »Hammer«, erhielt.

Nachdem es einem großen arabischen Heer gelungen war, über die Pyrenäen in das Frankenreich einzudringen, marschierte ihm Karl Martell mit seiner Armee entgegen. Bei Tours und Poitiers siegte die fränkische Armee im Oktober 732 und drängte die Araber wieder über die Pyrenäen zurück. Dieser Sieg war für die weitere Geschichte Europas von großer Bedeutung. Die Ausbreitung des Islam war damit gestoppt und blieb auf das »Morgenland« beschränkt. Im »Abendland« ging die Christianisierung weiter, weshalb Karl Martell auch als »Retter des Abendlandes« gefeiert und geehrt wurde.

Karls Sohn Pippin wollte nicht mehr nur als Hausmeier regieren, er wollte König werden – und er wusste auch, wie. Weil die Kirche und ihr Oberhaupt bei den Franken hoch angesehen waren, suchte Pippin für sein Vorhaben die Unterstützung des Papstes. Er ließ in Rom anfragen, ob es eigentlich gut und richtig sei, dass jemand König genannt werde, der in Wirklichkeit gar keine königliche Macht mehr besitze. Der Papst antwortete, es sei besser, den als König zu bezeichnen, der die Macht habe.

Nach diesem Spruch des Papstes wurde der Merowingerkönig Childerich III. in ein Kloster verbannt und Pippin von den Adligen zum König ausgerufen. Damit war die Herrschaft der Merowinger auch formal zu Ende.

Pippin wollte dem neuen Königsgeschlecht der Karolinger von Anfang an eine zusätzliche Sicherung geben. Deshalb ließ er sich im November 751 von den Bischöfen des Reiches mit geweihtem Öl salben. Diese Salbung machte ihn zum christlichen König, ja zum König von Gottes Gnaden. Damit hat Pippin Politik, Religion und Kirche erstmals in der Geschichte in einer Weise verbunden, die für fast alle deutschen Könige und Kaiser bis in unser Jahrhundert richtungsweisend war. Seit Pippin erhoben sie den Anspruch, ihr Amt von Gott zu haben und nach göttlichem Recht zu handeln.

Karl der Große

Auch wer nur wenig von der Geschichte des Mittelalters weiß, hat bestimmt einen Namen und eine Zahl im Kopf: Karl der Große und das Jahr 800, in dem er zum Kaiser gekrönt wurde. »Vater Europas« und »Beschützer der Christenheit« wird Karl der Große auch heute noch genannt.

Wir wissen nicht wirklich, wie Karl der Große ausgesehen hat – den Künstlern seiner Zeit kam es nicht auf die realistische Darstellung eines Herrschers an, sondern darauf, ihn in seiner herrschaftlichen Größe zu zeigen. So wie hier kennen wir Karl von einem bronzenen Reiterstandbild; der Zeichner hat ihn absteigen lassen und auf seinen Thron gesetzt, den man in Aachen heute noch besichtigen kann.

Begonnen hat Karls Karriere, als er nach dem Tod seines Bruders Karlmann im Jahr 771 Alleinherrscher über das Frankenreich wurde. Wie die meisten Könige vor und nach ihm führte er viele Kriege, über die hier nicht im Einzelnen berichtet werden soll. Karls Ziel war von Anfang an, alle Germanen in sein Reich zu holen – es fehlten ihm noch die Langobarden, Bayern und Sachsen. Die beiden ersten unterwarf Karl ohne Probleme. Aber die Sachsen wehrten sich 32 Jahre mit allen Mitteln. Schließlich wurden sie doch besiegt und mussten den christlichen Glauben annehmen.

Damit hatte Karl sein Ziel erreicht: Zum ersten Mal in der Geschichte waren alle germanischen Stämme, die später zum deutschen Volk zusammenwuchsen, in einem Reich vereint. Das allein hätte für manche schon ausgereicht, ihn »der Große« zu nennen. Doch zu einem großen König gehört mehr, als Kriege zu gewinnen.

Nach allem, was wir heute wissen, verstand sich Karl als eine Art Vater seiner großen Völkerfamilie und kümmerte sich mehr als andere Könige um die Sorgen und Nöte des einfachen Volkes, das ein armseliges Leben führte. Er regierte nicht von einer Hauptstadt aus, sondern reiste oft durch das Reich, um sich selbst ein Bild von den Zuständen zu machen. Dafür gab es überall so genannte »Pfalzen«, Paläste, in denen der König Hof hielt. In manchen Pfalzen blieb er nur wenige Tage, in anderen viele Monate. Karls Lieblingspfalz war Aachen, wo er 814 starb und begraben wurde.

Trotz der vielen Reisen kam Karl in manche Gebiete des riesigen Reiches höchstens alle paar Jahre. Deswegen ließ er sich von überall her berichten und bestimmte dann, was zu geschehen hatte. Dabei regelte er auch kleinste Angelegenheiten wie den Verkauf von Feldfrüchten, Federvieh und Eiern.

Er ließ Wald roden, um mehr Ackerland für die Bauern zu schaffen, und führte die »Dreifelderwirtschaft« ein, die schonender mit dem Ackerboden umging und zu besseren Ernten führte.

Auch die Bildung lag Karl am Herzen. Er ließ Kloster- und Domschulen einrichten, in denen Kinder von freien Bauern und Handwerkern in Religion, Lesen und Schreiben unterrichtet wurden. Er selbst beschäftigte sich mit allen Wissenschaften, mit Kunst und Literatur und war immer bemüht, Neues zu lernen.

Karl sah sich jedoch nicht nur als Vater der Menschen im Frankenreich, sondern auch als Schutzherr aller Christen. Als er am Weihnachtsabend des Jahres 800 in Rom einen Gottesdienst besuchte, setzte ihm der Papst, dem Karl schon mehrfach gegen Angreifer geholfen hatte, eine Krone auf. Dann fiel er auf die Knie und rief: »Karl dem Erhabenen, dem von Gott gekrönten großen und Frieden schaffenden Kaiser der Römer, Leben und Sieg!«

Karl soll sehr erschrocken sein und später gesagt haben, dass er die Kirche nie betreten hätte, wenn er von der Absicht des Papstes gewusst hätte. Aber so wurde er der erste deutsche Kaiser des Mittelalters und gleichzeitig der weltliche Führer der Christenheit.

Dass Karl wirklich ein großer König und Kaiser war, zeigte sich nach seinem Tod noch deutlicher als zu seinen Lebzeiten.

Deutschland nimmt Gestalt an

So merkwürdig es klingen mag: Für die Karolinger war es leichter gewesen, das Frankenreich zusammenzuerobern als es zu regieren und zu verwalten. Bei den damaligen Verkehrswegen dauerte es Wochen, ja Monate, bis Anordnungen des Kaisers überall im Reich bekannt waren. Ein großer Kaiser, wie Karl es war, konnte das Reich dank seiner Autorität noch zusammenhalten. Aber diese Autorität besaß sein Sohn Ludwig der Fromme nicht. Schon zu Ludwigs Lebzeiten begannen seine drei Söhne um das Erbe zu streiten. Zwei von ihnen – Karl der Kahle und Ludwig der Deutsche – verbündeten sich gegen Lothar, ihren älteren Bruder. Im Straßburger Eid von 842 schworen sie sich vor ihren Heeren die Treue. Dieser Eid musste den Soldaten Karls in Altfranzösisch, denen Ludwigs in Altgermanisch vorgelesen werden, damit sie ihn verstehen konnten. Das zeigt, dass Westfranken von Ostfranken auch durch eine Sprachgrenze getrennt war. Die Menschen in den verschiedenen Teilen des großen Frankenreiches verstanden einander nicht.

Nach dem Tod Ludwigs des Frommen erhielt Karl den westlichen, Ludwig den östlichen Teil des Reiches und Lothar das Land in der Mitte. Als Lothars Geschlecht ausstarb, fielen große Teile dieses Mittelstückes an West- und Ostfranken. Damit war der Kernbereich Europas geteilt, und die entstandene Grenze blieb für 800 Jahre fast unverändert.

Anfangs hielten trotz der Teilung alle noch an der Idee von der Einheit des karolingischen Reiches fest. Aber mit dem Aussterben der Karolinger im 10. Jahrhundert fielen die beiden Teile endgültig auseinander. Und mit der Wahl des Sachsen Otto I. durch die ostfränkischen Stammesfürsten zu ihrem König begann im Jahr 936 endgültig die deutsche Geschichte, auch wenn von Deutschland oder einem Deutschen Reich noch keine Rede war.

Die mittelalterliche Ordnung

Mit Otto I. saß 150 Jahre nach Karl dem Großen wieder ein starker Herrscher auf dem Thron. Ihm gelang es, die Macht der Stammesherzöge einzuschränken und die Macht des Königshauses wieder zu festigen. Wesentlich dazu beigetragen hat der Sieg über die Ungarn, die mehrfach mit Reiterheeren aus dem Osten zu Raubzügen ins Reich eingedrungen waren. Im Jahr 955 schaffte es Otto I. mit seinem Heer, die Ungarn in der Schlacht auf dem Lechfeld bei Augsburg so entscheidend zu schlagen, dass sie sich nie mehr so weit vorwagten. Damals soll ihm der Beiname »der Große« gegeben worden sein.

Sieben Jahre später wurde er vom Papst in Rom zum Kaiser gekrönt und galt damit als Nachfolger Karls des Großen. Von nun an waren die deutschen Könige wieder Römische Kaiser und Schutzherren der Christenheit. Ihnen gehörte das Land von Italien bis zur Nordsee, vom Rhein bis zur Elbe. Immer noch war die Sicherung und Verwaltung eines so großen Reiches nicht einfach. Für beides war der Kaiser auf Hilfe angewiesen. Er suchte sich geeignete Gefolgsleute, die ihm mit Rat und Tat zur Seite standen und dafür belohnt wurden. »Vasallen« nannte man diese Gefolgsleute, und der Kaiser bezahlte sie nicht mit Geld, sondern mit Landgütern. Die bekamen sie allerdings nicht als Eigentum, sondern nur geliehen. Solche Landgüter nannte man »Lehen«, die Vasallen waren Lehnsmänner des Kaisers. Viele Lehen waren so groß, dass die Besitzer selbst wieder Lehnsmänner brauchten, so genannte Untervasallen. Und selbst die konnten wieder Vasallen haben.

Mit der Zeit bildete sich eine Lehnsordnung heraus, die genau festlegte, wer wessen Lehnsherr sein durfte. Als direkte Lehnsmänner des Kaisers kamen nur die höchsten weltlichen und geistlichen Adligen in Frage. Diese Reichsfürsten konnten Lehen an Grafen und Freiherren vergeben und die wieder an Ritter und hohe Beamte.

Als Lehen konnten nicht nur Land samt allen darauf lebenden Bauern vergeben werden, sondern auch Herrschaftsrechte des Kaisers wie Gerichts-, Markt-, Zoll- und Münzrechte. Lehnsherr und Lehnsmann schworen sich gegenseitig einen Treueeid: »Deine Feinde sind meine Feinde, deine Freunde sind meine Freunde. Ich will dir allzeit treu zugetan und gegenwärtig sein, wenn du mich brauchst.«

Ursprünglich erhielten Vasallen ihr Lehen nur auf Lebenszeit, aber im Lauf der Zeit wurde es üblich, Lehen an die Erstgeborenen weiterzugeben – sie wurden erblich und damit der Verfügungsgewalt des Kaisers entzogen. Das trug langfristig zur Stärkung der Reichsfürsten bei.

Die mittelalterliche Ordnung in Staat und Gesellschaft beruhte auf dem Lehensprinzip. Weil das lateinische Wort für Lehen »feudum« heißt, sprechen wir von einer Feudalordnung. Welche Stellung jemand in der mittelalterlichen Gesellschaft einnahm, war bestimmt durch den Stand, in den er hineingeboren wurde. Das Standesdenken war stark ausgeprägt. Die verschiedenen Stände unterschieden sich nicht nur in ihrem Ansehen und ihrem Vermögen, sondern auch in ihrer Kleidung voneinander. Man kleidete sich »an-ständig«, also so, wie es nach festgelegten Regeln für die einzelnen Stände vorgeschrieben war. Den Bäuerinnen war es zum Beispiel verboten, eng anliegende, ausgeschnittene Kleider, Pelze oder teuren Schmuck zu tragen, auch wenn sie es sich leisten konnten. Diese Dinge waren adligen Damen und reichen Bürgerinnen vorbehalten.

Vom Leben des »gemeinen Volkes«

Zur Zeit Karls des Großen lebten auf dem Gebiet Deutschlands etwa 4 Millionen Menschen, die allermeisten davon als Bauern. Viele besaßen eigenes Land, waren frei und hatten das Recht, Waffen zu tragen. Damit waren sie auch verpflichtet, mit dem König in den Krieg zu ziehen. Weil der König viele Kriege führte, waren die Bauern oft nicht auf ihren Höfen, wenn es Zeit gewesen wäre, zu säen und zu ernten – und viele kamen nie mehr nach Hause.

Um der Kriegspflicht zu entgehen, unterstellten sich freie Bauern den Adligen, Bischöfen und Klöstern. Diese übernahmen dann für ihre Bauern die Kriegspflicht, schützten sie auch vor Überfällen und halfen ihnen in Notzeiten. Das taten die neuen Herren natürlich nicht umsonst. Die Bauern mussten ihnen dafür ihren Besitz übergeben. Zwar durften sie das Land weiter bewirtschaften, mussten aber einen Teil der Ernte und regelmäßig Fleisch, Käse, Milch und Eier abliefern. Außerdem mussten die Bauern »Frondienste« leisten, das heißt ohne Lohn auf den Wiesen und Feldern ihres Herrn mitarbeiten. Sie mussten Wege anlegen, Brücken bauen und beim Bau von Burgen und Schlössern mithelfen. Sie konnten auch nicht einfach wegziehen, denn sie gehörten zu dem Land, das sie bebauten. Deswegen nannte man sie »Hörige«. Der Grundherr durfte ihnen zwar alles befehlen, aber vom Hof vertreiben oder verkaufen durfte er die Hörigen nicht, denn sie waren nicht sein Eigentum.

Anders sah die Sache bei den »Leibeigenen« aus. Nach germanischer und römischer Überlieferung galten sie nicht als Personen, sondern als Sachen. Sie waren völlig rechtlos und wurden nicht besser behandelt als das Vieh. »Wenn ich das nicht erfülle oder mich Eurem Dienst irgendwie entziehen will, sollt Ihr das Recht haben, mich nach Gutdünken zu bestrafen, zu verkaufen oder sonst mit mir zu tun, was Ihr wollt«, heißt es in einer Schwurformel zwischen Leibherr und Leibeigenem.

Die Grundherrschaft: Der Grundherr besitzt Grund und Boden und alle Sachen darauf, zu denen auch die Leibeigenen zählen. Er hat die Gerichtsbarkeit über seine Grundhörigen, denen er Land zur Bewirtschaftung überlässt, wofür sie ihm Dienste und Abgaben schulden. Der Grundherr garantiert dafür Schutz.

Um das Jahr 1000 gab es nur noch wenige freie Bauern und den meisten von ihnen ging es nicht besser als den Hörigen. Ob frei, hörig oder leibeigen, das »gemeine Volk« wurde von den höheren Ständen verachtet. Davon zeugen Sprüche wie: »Der Bauer und sein Stier, sind zwei grobe Tier»; oder: »Der Bauer ist an Ochsen statt, nur dass er keine Hörner hat.« Dabei trugen die Bauern alle anderen Stände sozusagen auf ihren Schultern.

Die Bauern lebten zusammen in kleinen Dörfern, die 20 bis 30 Höfe umfassten. Jeder war auf die Mithilfe des anderen angewiesen, deshalb wurden die wichtigsten Arbeiten miteinander geplant und ausgeführt. Vor allem das Roden der Wälder konnte nur gemeinsam geschafft werden. Daran hatten die Bauern und der Grundherr ein großes Interesse. Denn mehr Land für Ackerbau und Viehzucht bedeutete zwar noch mehr Arbeit, aber auch mehr Einkommen. Die landwirtschaftliche Nutzfläche war in drei Hauptflächen aufgeteilt, an denen jeder Bauer seinen Anteil hatte. Auf einem Teil wurde Sommergetreide, auf einem Wintergetreide angebaut. Der dritte Teil blieb ein Jahr unbebautes Brachland, damit sich der Boden wieder erholen konnte. Diese Dreifelderwirtschaft hatte seit der Zeit Karls des Großen nach und nach die alte Zweifelderwirtschaft abgelöst.