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DER AUTOR

Foto: © Andy Keilen

Ron McGee ist preisgekrönter Drehbuchautor, Produzent zahlreicher TV-Serien und hat etliche Kinofilme fürs Fernsehen adaptiert. Er lebt mit seiner Familie in Kalifornien. »Rebel Agent« ist sein erster Roman.

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Ron McGee

Fluchtpunkt New York

Aus dem amerikanischen Englisch

von Tanja Ohlsen

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1. Auflage 2018

Erstmals als cbt Taschenbuch Februar 2018

© 2016 by Ron McGee

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel

»Ryan Quinn and the Rebel’s Escape« bei Harper,

einem Imprint von HarperCollins Children’s Books,

a division of HarperCollins Publishers,

195 Broadway, New York 10007

© 2018 für die deutschsprachige Ausgabe

cbj Kinder- und Jugendbuch Verlag

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Aus dem amerikanischen Englisch von Tanja Ohlsen

Lektorat: Kerstin Kipker

Umschlaggestaltung: init | Kommunikationsdesign, Bad Oeynhausen

Umschlagmotive © GettyImages/Westend61/RF, Thinkstock/IStock/g0rZh

TP · Herstellung: ang

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN 978-3-641-20236-1
V001

www.cbj-verlag.de

Das Leben steckt voller spannender Abenteuer. Aber sie sind noch viel besser, wenn man sie mit tollen Leuten teilen kann. Deshalb vielen Dank an Mum, Dad und Brian für die fantastischen Abenteuer meiner Kindheit. Und Dank an Eufe, Alex und Claudia für die Reisen, die noch vor uns liegen.

RM

Prolog

Provinz Nansang, Andakar

Lan war erst sechzehn und sah dem Tod schon ins Auge.

Die Agenten des Geheimdienstes rückten näher und holten mit jeder Sekunde auf. Hektisch blickte Lan sich um, während sie den steilen Hügel erklomm und gegen Erschöpfung und Angst ankämpfte. Nur gelegentlich brach das Mondlicht durch das Blätterdach. Hier und da blitzte der Strahl einer Taschenlampe auf – ihre Verfolger waren ihr dicht auf den Fersen.

Lan rutschte auf den nassen Blättern aus, stolperte und wäre beinahe den steilen Abhang hinuntergestürzt, hätte sie nicht im allerletzten Augenblick eine kräftige Hand gepackt.

»Wenn wir den Tempel erreichen, sind wir in Sicherheit«, keuchte der Amerikaner. »Du schaffst das!« Im Dunkeln sah man nur Schatten und die Umrisse seines Gesichts, doch sein Blick drückte Entschlossenheit aus. Da er so viel riskiert hatte, um sie beide in Sicherheit zu bringen, durfte Lan ihn nicht enttäuschen. Und so halfen sie sich gegenseitig über den letzten, steilen Anstieg auf den Hügel und gelangten auf die offene Hochebene.

Die Ruinen des zweitausend Jahre alten Mae-Wong-Tempels waren in gespenstisches Mondlicht getaucht. Für Touristen war der Zutritt strengstens verboten, das wusste Lan. Als vor vierzig Jahren die Militärregierung die Macht ergriff, hatte sie unter den buddhistischen Priestern des Mae-Wong-Tempels ein Blutbad angerichtet. Und noch heute galt der Tempel als starkes Symbol für Rebellion – Lan hatte ihn schon lange besuchen wollen. Allerdings nicht so. Nicht, um hier ebenfalls ein Opfer der brutalen Regierung zu werden.

»Da«, keuchte der Amerikaner und deutete auf ein kleines Gebäude etwa dreißig Meter links von ihnen. »In diesem da, dem mit der goldenen Kuppel, ist das Versteck.«

Lan sah zu den leuchtenden Punkten der Taschenlampen zurück, die den Hügel hinauftanzten.

»Sie sind ganz dicht hinter uns.«

»Im Tempel sind wir sicher. Komm schnell, wir haben es fast geschafft.«

Nur zu gerne hätte Lan das geglaubt. Sollte es nach monatelanger Arbeit im Verborgenen, den vielen Risiken und der ständigen Furcht vor Entdeckung endlich vorbei sein? Konnte sie dieser Fremde wirklich retten? Doch sie hatte noch nicht zu Ende gedacht, da dröhnte ein Schuss, und der Amerikaner zuckte zusammen, als ihn eine Kugel traf. Blut spritzte Lan an die Wange.

Sie sah, wie der Mann zu Boden stürzte, und wusste, dass es keine Hoffnung mehr gab.

Teil I

Was ich nicht weiß,

macht mich nicht heiß

1

New York, USA

Keine Prügeleien mehr.

Das Versprechen, das Ryan Quinn seiner Mutter gegeben hatte, spukte ihm im Kopf herum, als er die Schule betrat. Drew Stieglitz, Unterstufler und angehender Mittelfeldspieler im Basketballteam, stieß Ryans Freund Danny gegen die Metallspinde. Stieglitz war einen ganzen Kopf größer als Danny, hatte einen kantigen Kiefer, riesige Hände und das Selbstbewusstsein eines Kerls, der es gewohnt war, seinen Willen zu bekommen.

»Hab ich dir nicht gesagt, du sollst sie in Ruhe lassen?«

Um die Sache noch klarer zu machen, donnerte Stieglitz Danny erneut gegen den Spind.

»Ich dachte, das sei nur ein Vorschlag«, gab Danny zurück. Er war klein und schlank, hatte hochgegelte schwarze Haare und ein freches Grinsen. Außerdem verfügte er über unendlich viel überschüssige Energie. Er zeigte keinerlei Furcht, aber Ryan wusste, dass er schwitzte.

Stieglitz neigte sich zu ihm.

»Pass bloß auf, du Zwerg, sonst kriegst du einen Tritt in den Arsch!«

»Dafür, dass ich mit einem heißen Mädchen spreche?« Danny sah zu Kasey, Stieglitz’ gut aussehender, beliebter kleiner Schwester, hinüber, die das Ganze ein wenig beunruhigt beäugte. »Weißt du was, Steeg, mir scheint das einen Arschtritt von dir durchaus wert zu sein.«

Ein paar andere Schüler, die sich um die Szene versammelt hatten, lachten über Dannys lässige Art.

»Reg dich ab, Drew!«, sagte Kasey und legte ihrem Bruder beruhigend die Hand auf den Arm. Sie besuchte zwei Kurse mit Ryan zusammen, aber sie hatten sich bislang nur ein einziges Mal unterhalten. Na ja, eigentlich hatte sie damals geredet, während Ryan nur genickt und sie angestarrt hatte. Was ihm dann so peinlich gewesen war, dass er sich von da an gar nicht mehr traute, sie anzusehen.

»Halt dich da raus!«, befahl Stieglitz und schüttelte seine Schwester ab, um sich wieder auf Danny zu konzentrieren. »Du hast eine ganz schön große Klappe. Hältst dich wohl für witzig?«

»Du bist wohl kein ausgesprochener Fan von mir?«, vermutete Danny. Er versuchte, tough zu klingen, doch so langsam zeigte er Nerven und sah Hilfe suchend zu Ryan.

»Das wirst du gleich sehen«, sagte Stieglitz.

Keine Prügeleien mehr.

Seit zwei Monaten war Ryan jetzt an seiner neuen Schule in New York, ohne dass es Probleme gegeben hätte. Für ihn war das fast ein Rekord. Im letzten Jahr hatte er mehrmals Ärger bekommen, weil er sich geprügelt hatte. Am schlimmsten war es gewesen, als seine Familie ein paar Monate in Ghana gewohnt hatte. Zwei englische Jungen hatten Kinder aus einem Dorf mit Steinen beworfen und beschimpft. Ryan hatte ihnen eigentlich nur sagen wollen, dass sie aufhören sollten, doch irgendwie geriet alles außer Kontrolle, und letztendlich hatte einer der Typen eine gebrochene Nase davongetragen, und der andere musste danach seinen Arm schienen lassen, während Ryan von der Polizei weggeschleift wurde. Glücklicherweise hatte sein Vater mit den Beamten reden können, sodass er mit einer Verwarnung davongekommen war.

Aber es hatte auch andere Prügeleien gegeben. Ryan hatte einfach die schlechte Angewohnheit, sich in die Probleme anderer hineinziehen zu lassen. Offenbar konnte er nicht anders. Aber hier in New York, da lief es eigentlich gut – ziemlich gut sogar. Und das Letzte, was er wollte, war, es zu vermasseln.

Zum Beispiel dadurch, dass er wieder in irgendeine Sache hineingeriet. Aber was sollte er denn tun? Sollte er etwa danebenstehen und zusehen, wie Danny zu Brei geschlagen wurde?

Also trat er vor.

»Lass ihn los!«

Stieglitz sah Ryan abschätzig an und warf seinen Blick auf seine beiden Kumpel hinter ihm.

»Hat irgendjemand den Achtklässlern dieses Jahr Verblödungspillen verabreicht?«

»Komm, hört auf! Er hat nur mit ihr gesprochen. Kasey ist in ein paar unserer Kurse.« Ryan kam näher, gab sich gelassen, machte aber deutlich, dass er nicht zurückweichen würde. »Das ist ja wohl erlaubt!«

Stieglitz drehte sich zu ihm um, und Ryan sah, dass er die Szene vor dem großen Publikum genoss.

»Das ist meine Schwester. Ich entscheide, was erlaubt ist und was nicht«, behauptete Stieglitz. Dann verlagerte er sein Gewicht und konzentrierte sich auf sein neues Opfer. Ryan tat gleichmütig, beobachtete ihn aber genau, um seine Absichten vorausahnen zu können.

Stieglitz’ erster Schlag war ein relativ schneller Faustschlag von rechts oben. Instinktiv wich Ryan aus und balancierte auf dem linken Ballen, während er sich aus dem Weg drehte. Durch den Schwung seines Schlages verlor Stieglitz das Gleichgewicht und wäre beinahe gestürzt. Ryan hätte gut einen Treffer landen können, hielt sich aber zurück. Er würde nur zurückschlagen, wenn es unbedingt notwendig war.

Stieglitz sah zu seinen Kumpeln.

»Zeig’s ihm, Stieglitz«, forderte einer von ihnen und schob sich ebenfalls in Position.

»Ich will mich nicht prügeln«, erklärte Ryan. »Ich habe meiner Mutter sozusagen versprochen, mich zurückzuhalten.«

»Dann hättest du an deine Mutter denken sollen, bevor du die Klappe aufgerissen hast«, behauptete Stieglitz und schoss vor, um Ryan mit seinen Riesenpranken an seinem abgetragenen Psychedelic-Furs-T-Shirt zu packen. Ryan wich erneut so schnell vor dem bulligen Typen zurück, dass dieser danebenschlug und stolperte.

»Uuups, daneben! Und die Menge tobt!«, rief Danny und strahlte, als Kaseys Freundinnen kicherten.

Ryan sah ihn finster an.

»Was ist?«, fragte Danny unschuldig.

Die Schüler witterten Blut und rückten näher, um einen guten Platz am Ring zu bekommen. Stieglitz wirbelte zornig herum – so schnell machte ihn keiner lächerlich.

»Drew, jetzt lass das doch«, mahnte Kasey und sah Ryan besorgt an. Hatte sie etwa Angst um ihn – oder hielt sie ihn nur für völlig bekloppt, weil er sich mit ihrem Bruder anlegte? Ryan war sich nicht ganz sicher.

»Großer Fehler«, knurrte Stieglitz.

Ryan konnte seinen Blick gerade noch rechtzeitig von Kasey losreißen, als Stieglitz auch schon auf ihn zustürmte, um ihn gegen die Spinde zu werfen. Mit der Geschmeidigkeit eines Tänzers wich Ryan ihm aus. Es sah so aus, als würde die mangelnde Körperbeherrschung dem größeren Jungen noch zum Verhängnis werden. Stieglitz schoss an Ryan vorbei, der ihm gerade stark genug gegen die Schulter rempelte, dass er völlig das Gleichgewicht verlor und mit der Wucht eines Rammbocks in die Spinde krachte.

Die umstehenden Zuschauer stöhnten kollektiv auf, als sie hörten, wie Stieglitz’ Schädel auf das Metall prallte. Benommen ging er zu Boden, gerade als es zur vierten Stunde klingelte und alle aufgeregt auseinanderliefen, um zu verkünden, dass Stieglitz von einem Jungen ausgeschaltet worden war, der nur halb so groß war wie er selbst.

»Das war super«, flüsterte Danny Ryan zu. »Dämlich und irgendwie selbstmörderisch – aber auf jeden Fall super.«

»Mr Quinn!«

Ryan und Danny wirbelten herum und sahen Direktor Milankovic hinter ihnen stehen. Schnell leerte sich der Gang – alle Schüler verdrückten sich. Ryan sah aus dem Augenwinkel, wie Kasey von ihrer Freundin am Arm weggezogen wurde. Stieglitz sah den Direktor an, rappelte sich dann auf und humpelte ebenfalls davon.

»Mr Quinn, in mein Büro!«, befahl der Direktor.

Ryan ließ die Schultern hängen.

»Ich habe ihn kaum angefasst!«

»Sofort!«

2

New York, USA

Die internationale Schule von New York war nur sechs Blocks vom UN-Hauptquartier entfernt und unterrichtete Schüler vom Kindergartenalter bis zur Highschool-Abschlussklasse. Viele davon waren Söhne und Töchter von UN-Angestellten. Allein in Ryans Algebrakurs saßen eine saudi-arabische Prinzessin, die Tochter eines thailändischen Ministers und ein somalischer Flüchtling, dessen Mutter im Menschenrechtskomitee tätig war.

Für Ryan, dessen Vater im Entwicklungsausschuss der UNO saß, war das Leben hier in New York perfekt. Bis vor Kurzem hatte er ein Nomadenleben geführt und war von Ort zu Ort gezogen. Sein Vater war jeweils für ein oder zwei Jahre in verschiedenen Ländern stationiert gewesen und die Familie hatte in der ganzen Welt gewohnt.

Als Ryan noch kleiner gewesen war, hatte es ihm gefallen, an exotischen Orten zu leben. Es fiel ihm leicht, sich mit den Kindern dort anzufreunden, und überall gab es etwas Neues, Spannendes zu entdecken. Verstecken spielen in einem Wald in Weißrussland, Stand-up-Paddeln an der Küste von Nicaragua, Eisangeln in Norwegen. Er hatte sich nie irgendwo gelangweilt, weil sie dafür zu schnell wieder an einen anderen Ort gezogen waren.

Notwendigerweise hatte Ryan gelernt, sich anzupassen. Er beobachtete die einheimischen Kinder, um zu sehen, wie sie sich verhielten, und machte es genauso. Er änderte seinen Kleidungsstil, seinen Gesichtsausdruck und seine Essgewohnheiten – alles, was nötig war, um sich einzufügen. Als er klein war, stellte die Sprache kaum ein Hindernis dar, schon gar nicht unter Jungen, die sich stundenlang mit Sport und Spielen beschäftigen konnten.

Doch je älter er wurde, desto schwieriger wurde es, sich anzupassen. Die Kinder hatten bereits ihre festen Freundeskreise und interessierten sich nicht mehr so brennend für Neue. Ryan war zu einer Art Chamäleon geworden, der sich in einer neuen Umgebung änderte, doch er hatte das Gefühl, trotzdem nirgendwo dazuzugehören. Er wurde immer zu einem Außenseiter, der nur zusah.

So begann er, mehr und mehr für sich zu bleiben. Wenn er aus der jeweiligen Schule nach Hause kam, ging er in sein Zimmer. An manchen Tagen übte er die Zaubertricks, die ihm sein Vater beigebracht hatte, als er noch kleiner war, oder spielte Gitarre. Er las, bis ihm die Buchstaben vor den Augen flimmerten, setzte Kopfhörer auf und hörte Musik.

Sein Zimmer wurde sein Zufluchtsort. Auch wenn sich bei jedem Umzug die Umgebung änderte, blieb eines doch immer gleich: seine beeindruckende Sammlung von Baseballkappen an der Wand. Ryan hatte Mützen von jedem Team der amerikanischen Mayor League. Mit elf Jahren hatte er angefangen, sie zu sammeln, als seine Eltern mit ihm ein Spiel der Washington Nationals sahen. Das war auf einer ihrer Reisen »nach Hause« gewesen, wie sie es nannten. Ryan fand das lächerlich, es »zu Hause« zu nennen, weil er noch nie länger als ein oder zwei Monate am Stück in den Vereinigten Staaten zugebracht hatte.

Nach dieser Reise hatte er viel über das Leben in Amerika nachdenken müssen. Wie würde es wohl sein, an einem Barbecue in irgendeinem Garten teilzunehmen und sich mit Hotdogs und Hamburgern vollzustopfen? Oder sich freitagabends ein Rugbyspiel mit Cheerleadern und Kapelle anzusehen? Oder mit den Freunden aufzuwachsen, die einen länger kannten als ein paar Monate? Mit jeder neuen Baseballkappe fühlte Ryan sich einem Amerika, das er hauptsächlich aus Büchern und Filmen kannte, mehr verbunden.

Zu dieser Zeit begann er, sich zu prügeln. Seinen Eltern versicherte er stets, dass es einen guten Grund dafür gegeben hatte: dass ein kleineres Kind gemobbt wurde oder dass irgendjemand versucht hatte, auf Ryan herumzuhacken. Schließlich gab es in jedem Land der Welt Idioten, auch unter Kindern. Aber insgeheim wusste Ryan, dass mehr dahintersteckte. Manchmal hatte er das Gefühl, als müsse er einfach aus der Haut fahren, als müsse er all seine Kräfte mobilisieren, um irgendetwas zurückzuhalten, was nach einem Weg suchte, hervorzubrechen. Durch die Prügeleien fühlte er sich nicht unbedingt besser, aber es kam trotzdem immer wieder dazu.

Eines Abends hörte er einen Streit seiner Eltern mit an. Ryans Vater hielt seine Stimmungsschwankungen und Temperamentsausbrüche für normal, dies gehöre zum Leben eines Teenagers. Doch seine Mutter erkannte, wie unglücklich Ryan im Grunde genommen war. Dieses unstete Leben täte Ryan nicht gut, sagte sie. Er müsse irgendwo Wurzeln schlagen und Freunde finden. Er brauche eine Heimat. Und Ryan, der hinter der Wand saß und lauschte, stellte fest, dass sie recht hatte. Er wollte einfach nur ein normales amerikanisches Kind mit einem normalen, langweiligen Leben sein.

Es dauerte eine Weile, bis alles geregelt war, aber schließlich bekam er, was er wollte: eine Wohnung in New York (wo es zwei Baseballteams gab, die Mets und die Yankees!), eine Schule, an der er das Gefühl hatte, endlich er selbst sein zu können, und einen besten Freund, mit dem er wirklich reden konnte.

Alles war nach Wunsch gelaufen – aber jetzt stand er kurz davor, alles wieder zu verlieren.

Direktor Milankovic sah Ryan unter seinen dichten Augenbrauen finster an.

»Du weißt, dass Prügeln Grund genug für einen sofortigen Schulverweis sein kann, nicht wahr?«

Für einen Schulleiter war er erstaunlich groß, hatte kräftige Arme und einen breiten Brustkasten, der ihn mehr wie einen alternden Boxer wirken ließ als wie einen Highschool-Direktor.

»Ja, Sir.«

»Ist das alles? Du willst mir nicht sagen, dass er angefangen hat? Dass es eine Art Notwehr war?«, fragte der Direktor mit deutlich slawischem Akzent.

»Würde das einen Unterschied machen?«

Direktor Milankovic lächelte.

»Nein, würde es nicht.«

Er kam um seinen großen Schreibtisch herum, der von wild aufeinandergestapelten Papierhaufen überquoll. »Jede Handlung hat Konsequenzen. Der Grund für eine Handlung kann triftig oder edel sein, vielleicht rechtfertigt er das, was du getan hast. Aber mit den Konsequenzen musst du dich dennoch abfinden.«

Ryan sah Milankovic nicht in die Augen und sein Magen verkrampfte sich. Wenn er das irgendwie durchstand, ohne aus der Schule geworfen zu werden, versprach er sich, würde er sich das nächste Mal aus den Streitereien heraushalten und nicht mehr seinen Hals riskieren, nicht mal für einen Freund wie Danny.

Milankovic setzte sich neben ihn und sagte milder: »Dein Großvater hat das mit den Konsequenzen verstanden.«

Ryan hob ruckartig den Kopf und sah den Direktor an. »Sie kannten meinen Großvater?«

»Ein wenig. Er war ein außergewöhnlicher Mann. Es war schmerzhaft, von seinem Tod zu erfahren.«

»Wie haben Sie ihn kennengelernt?«

»Er hat mir vor vielen Jahren einmal einen großen Gefallen getan.«

»Was für einen Gefallen?«

Milankovic sah einen Moment lang nachdenklich drein, als sei er mit seinen Gedanken weit fort. Dann sah er Ryan wieder an, schob die Erinnerungen, die ihn überfallen hatten, von sich und ermahnte ihn streng: »An meiner Schule wirst du dich nicht prügeln, verstanden?«

»Das werde ich nicht. Versprochen.« Ryan nickte.

»Zufällig weiß ich, dass die Quinns ihre Versprechen immer halten.« Milankovic stand auf. »Geh zum Unterricht. Hier drinnen will ich dich nie mehr sehen.«

Ryan sprang auf und rannte hinaus, bevor der Direktor es sich anders überlegen konnte.

3

New York, USA

Nach Schulschluss kam Danny die Treppe hinuntergestürmt und auf Ryan zugerannt.

»Wo hast du das denn gelernt? Du warst ja wie ein Geist – in einem Moment hast du da gestanden, und im nächsten warst du abgetaucht!«

»Das hat mir mein Dad mal beigebracht«, antwortete Ryan und tat, als sei das keine große Sache. »Wir haben an ein paar ziemlich gefährlichen Orten gewohnt. Da hielt er es für besser, wenn ich mich selbst verteidigen konnte.«

»Kannst du auch jemanden umbringen oder so?«

»Ja, aber das habe ich erst ein paarmal gemacht.«

Mit großen Augen blieb Danny an der untersten Stufe stehen.

»Im Ernst?«

»Echt jetzt, Kumpel?«, grinste Ryan.

»Blödmann.« Danny grinste.

Im Grunde genommen wusste Ryan, wie man jemanden bewusstlos schlagen oder ihm die Knochen brechen konnte, wenn es sein musste. Aber das Letzte, was er wollte, war sich einen Ruf als Kämpfer zuzulegen, denn er wusste aus Erfahrung, dass er sich auf diese Weise mit Sicherheit nur noch mehr Ärger einhandeln würde.

Vor der Schule standen jede Menge Limousinen mit Bodyguards, die die Kinder der Würdenträger abholten. Ryan und Danny gingen um die Leibwächter in ihren schwarzen Anzügen herum, die keine Anstalten machten, ihnen aus dem Weg zu gehen, und ihre kalten Blicke ein wenig leer umherstreifen ließen, während die Schüler an ihnen vorbeiströmten.

»Kannst du mir was von diesem Ninja-Zeug beibringen?«, fragte Danny.

»Klar, du wärst sicher gut darin.«

»Na sicher doch. Ich bin klein und schnell. Da kann man mich nicht so leicht treffen.«

Danny brachte Ryan oft zum Lachen. Sie hatten sich während Ryans erster Woche an der ICS kennengelernt, in der Physikstunde. Danny hatte Ryan auf sein T-Shirt angesprochen, ein Vintage-T-Shirt der Meat is Murder-Tournee von The Smiths, und sie hatten angefangen, sich über die Rockbands der 80er zu unterhalten. Danny war ein eingefleischter Cure-Fan, woraufhin sich eine Debatte entspann, welches die bessere Band war – eine Diskussion, die ihnen beiden beinahe Nachsitzen eingetragen hätte.

Nach der Schule hatten sie das Gespräch fortgesetzt und stundenlang diskutiert. Schließlich hingen sie so lange bei Danny herum, bis dessen Mutter Ryan zum Essen einlud. Ursprünglich kam die Familie von den Philippinen, und Dannys Eltern waren völlig perplex, als Ryan sagte, wie sehr er Kare-kare-Eintopf und Reis mit Bagoong liebte. Nachdem er sich auf Tagalog – der philippinischen Sprache – bedankt hatte, wurde er praktisch zu einem Ehrenmitglied der Familie.

Seitdem hingen Ryan und Danny oft zusammen ab. Beide waren auf ihre Art Außenseiter: Danny war ein Technik-Freak, mit dem seine Mitschüler nicht viel anfangen konnten, und Ryan beschlich das Gefühl, dass seine neue amerikanische Schule womöglich genauso fremd war wie die in den vielen anderen Ländern, in denen er gewohnt hatte. Aber bei Danny hatte er nicht das Gefühl, sich verstellen zu müssen. Er konnte einfach nur er selbst sein. Wer auch immer das war. Das würde er erst noch herausfinden müssen.

»Ryan, Danny! Wartet mal!«, hörten sie eine Mädchenstimme, und als sie sich umsahen, bemerkten sie überrascht Kasey Stieglitz, die sich durch die Menge schob und zu ihnen ans untere Ende der Treppe kam.

»Hi Kasey, was ist los?«, fragte Danny, als wäre es völlig normal, dass das hübscheste Mädchen der Klasse hinter ihnen herlief. Ryan wusste selbst nicht, warum er in Kaseys Gegenwart immer zu einem stammelnden Idioten wurde. Es war nicht so, dass er nicht mit Mädchen reden konnte. Zwar nicht halb so gut wie Danny, aber es war jedenfalls nicht komplett furchtbar (soweit er das beurteilen konnte). Aber Kasey mit ihren wilden Haaren und ihrem lässigen Selbstbewusstsein brachte ihn jedes Mal völlig aus der Bahn.

»Das mit Drew tut mir leid«, sagte sie. »Ich habe ihm bereits ordentlich Bescheid gesagt – er hat sich wirklich albern aufgeführt.«

Danny zuckte mit den Achseln.

»Der macht uns keine Angst. Ich hoffe nur, dass wir ihm keine weitere Lektion verpassen müssen.«

Kasey lächelte und sah Ryan an, der nur zurückgrinste. Und sich gleich darauf innerlich selbst trat. Rede!, befahl er sich.

»Wohin geht ihr?«, fragte Kasey.

»Rauf zur Bibliothek«, antwortete Danny. »Und du?«

»Downtown – ich habe da eine Verabredung. Dann sehen wir uns wohl im Unterricht!«

Als sie sich abwandte, stieß Ryan hervor: »Also ich muss eigentlich auch nach Downtown.«

»Echt?«, sagte Kasey und drehte sich um.

»Ich helfe meiner Mutter im Laden.«

»Hast du etwas dagegen, wenn wir zusammen gehen?«

»Ich … nein … das heißt …«

Danny verdrehte die Augen.

»Er meint: sehr gerne!«

Kasey begann zu strahlen.

»Toll! Ich sage nur schnell Lisa Bescheid, damit sie nicht auf mich wartet. Bin gleich zurück!«

Als sie davonlief, stieß Danny Ryan spielerisch vor die Brust.

»Die steht total auf dich.«

»Was? Nein …«

»Doch, glaub mir. Ich kenn mich da aus.«

Ryan beobachtete Kasey, wie sie ihren Freundinnen von ihren neuen Plänen erzählte und dann wieder zu ihnen kam. Die Mädchen sahen zu Ryan hinüber, tuschelten, grinsten und würden unverzüglich die Gerüchteküche anheizen.

»Kumpel, hör auf zu grinsen – das ist so offensichtlich«, mahnte Danny.

»Halt die Klappe«, sagte Ryan, versuchte dann aber so cool wie möglich zu wirken, als Kasey wieder zu ihnen trat.

»Fertig?«, fragte sie.

»Viel Spaß euch beiden!« Danny grinste und zog sich zurück.

Ryan sah ihn finster an, aber Danny zwinkerte nur und verschwand dann zwischen den anderen Schülern.

»Er ist lustig«, fand Kasey und sah ihm nach. »Als käme er direkt aus einem Comic oder so.«

»Das hält er bestimmt für ein Kompliment.«

Ryan hoffte, dass Stieglitz nicht mitbekam, wie er mit Kasey wegging – er brauchte keinen weiteren Streit. Aber als er sich umsah, ob irgendwo Ärger drohte, erstarrte er plötzlich. Hinter einem Geländewagen auf der anderen Straßenseite stand ein Mann in einem dunklen Anzug, der genau in ihre Richtung blickte. Er war zwar noch ziemlich weit weg, aber Ryan kam es vor, als sähe er ihn direkt an.

»Kommst du?«, fragte Kasey, die mittlerweile ein paar Schritte voraus war.

»Ja.«

Als Ryan wieder über die Straße sah, war der Mann verschwunden.

4

New York, USA

Ryan und Kasey schlenderten die 37. Straße entlang. Es war ein kühler Novembertag und sie fröstelten in ihren leichten Jacken. Ryan war entschlossen, sich seine Nervosität nicht anmerken zu lassen und griff in die Jacke nach seiner Geheimwaffe – Schokolade.

Egal, wie unterschiedlich und ungewöhnlich die Kulturen der Orte gewesen waren, an denen Ryan bislang gewohnt hatte, eines war immer gleich gewesen. Alle liebten Schokolade. Kinder liebten sie. Erwachsene liebten sie. Und Ryan war geradezu besessen davon. In Belgien hatte es dunkle, reichhaltige Schokolade gegeben, in Indien Milchschokolade mit Currypulver, und er kannte sogar Xocolatl, das dickflüssige Kakaogetränk mit Chili, das die Azteken vor tausend Jahren schon geliebt hatten. Schokolade war der ultimative Eisbrecher.

An der nächsten roten Ampel hielt er Kasey mehrere kleine, bunt verpackte Riegel hin.

»Magst du?«

»Gerne. Sind die alle verschieden?«

Ryan deutete auf einen langen, dünnen grünen Riegel.

»Der da ist aus der Schweiz. Einfache Schokoladencreme mit einer Kakaopulverkruste. Schlicht, aber köstlich. Der blaue ist aus Ecuador. Da verarbeiten sie die Kakaobohnen direkt auf der Plantage. Und der in Gold ist Schokolade mit Schinken. Hört sich eklig an, ist aber unglaublich gut. Der Chocolatier wurde im Le Cordon Bleu in Paris ausgebildet und verwendet nur Zutaten höchster Qualität.«

»Du bist wohl eine Art Schokoladen-Snob, oder?«, lachte Kasey.

Ryan merkte, dass ihr Spott freundschaftlich war.

»Ich probiere sie überall, wo ich bin. Und ich war schon an einer Menge Orte.«

»Und welchen sollte ich jetzt nehmen?«

Ryan gab ihr den grünen Riegel. »Den hier. Die Schokolade machen sie in Zürich, aber die Kakaobohnen stammen von einer Plantage in Kamerun in der Nähe des Ortes, wo ich früher gewohnt habe.«

Die Ampel wurde grün, und sie überquerten die Straße, während Kasey ihren kleinen Schokoriegel auspackte.

»Du hast mal in Kamerun gewohnt?«, fragte sie. »Warst du auch während der Studentenunruhen letztes Jahr dort?«

Überrascht sah Ryan sie an. »Du hast davon gehört?«

»Ich habe die Videos gesehen, die online gepostet wurden. Die ganzen Studenten, die sich versammelt haben, um für ihre Rechte einzutreten. Ich wünschte, ich wäre dabei gewesen.« Sie biss in ihre Schokolade. »Oh mein Gott, ist die gut!«

»Nicht wahr?«

»Hast du eine der Demonstrationen gesehen?«

Die meisten Jugendlichen an Ryans Schule hatten keine Ahnung, was in der Welt vorging, und schon gar nicht davon, was in einem so kleinen Land in Afrika passierte. Aber Kasey schien sich wirklich dafür zu interessieren.

»Ich habe an einer davon teilgenommen.«

Kasey blieb stehen.

»Nein! Wirklich? Ganz echt?«

»Eine Gruppe von Studenten ist direkt an unserer Schule vorbeigezogen«, erzählte Ryan. »Es waren fast alles junge Leute und so sind ein paar von uns einfach mitgegangen. Die Anführer hatten dazu aufgerufen, eine Brücke zu blockieren. Wir haben einen Haufen Reifen und anderes Zeug aufgestapelt, damit keiner durchkam.«

»Hört sich an wie bei den Barrikaden während der französischen Revolution.«

»So fühlte es sich auch an. In jeder Richtung staute sich der Verkehr und die ganze Stadt war auf einmal lahmgelegt. Bis schließlich die Cops gekommen sind, mit Tränengas und Maschinengewehren. Da sind alle einfach weggerannt. Es war das totale Chaos.«

»Hast du Gas abgekriegt?« Die Vorstellung schien sie sowohl zu entsetzen als auch zu faszinieren.

»Ein bisschen. Mir hat stundenlang die Kehle gebrannt.«

»Das ist unglaublich!«

»Das war es. Und irgendwie schockierend war es auch.« In Wirklichkeit hatte sich Ryan recht kopflos darauf eingelassen, bevor er erkannt hatte, wie verrückt das Ganze werden würde. Es war zu Plündereien und Vandalismus gekommen. Überall war Rauch gewesen. Ryan war mitgerissen worden. Er hatte es genossen, Teil eines größeren Ganzen zu sein – dass seine Handlungen einen Sinn hatten und vielleicht sogar etwas bewirken könnten. Aber als die Polizei anrückte, waren die Proteste immer gewalttätiger geworden. Eine seiner Mitschülerinnen, eine Deutsche, mit der er gelegentlich zusammen gelernt hatte, war von einem Schlagstock getroffen worden und gestürzt. Ryan hatte sich mit dem blutenden Mädchen durch die Menge gekämpft und sie in Sicherheit gebracht.

»Letztendlich haben wir nicht viel ausgerichtet«, stellte Ryan fest. »Es hat sich eigentlich nichts verändert.«

»Aber du hast es zumindest versucht.«

»Es wurden Menschen verletzt. Ich weiß immer noch nicht, ob es das wert war.«

Ryan hatte noch nie mit jemandem über diesen Tag gesprochen, noch nicht einmal mit seinen Eltern. Er wollte lieber nicht wissen, was sie dazu sagen würden, dass er sich so unüberlegt in Gefahr gebracht hatte. Aber es war cool, sich mit Kasey darüber zu unterhalten.

»Wie hast du davon gehört?«

Kasey lächelte ihn schwach an.

»Ich weiß schon ungefähr, was in der Welt vor sich geht.«

»Tut mir leid, ich wollte nicht …«

»Schon gut, ich mache doch nur Spaß. Ich habe mich dafür interessiert, als ich letztes Semester in diesem bizarren kleinen Theaterstück mitgespielt habe.«

»Du spielst Theater?«, fragte Ryan.

Kasey nickte.

»Ja. Und die Schule hat einen rumänischen Regisseur angeschleppt, der zwar brillant, aber total verrückt war. In dem Stück ging es um Revolution mit Charakteren aus allen möglichen Epochen. Römische Sklaven, französische Bauern, George Washington … Es war völlig irre.«

Ryan liebte Kaseys Lachen. »Ich wünschte, ich hätte es sehen können.«

»Es war ziemlich schrecklich. Aber es hat dazu geführt, dass ich mich für Dinge interessiert habe, von denen ich zuvor noch gar nichts wusste. Ich habe seitdem viel mehr Geschichtsbücher gelesen als früher und mir mehr Nachrichten angesehen. Aber manches davon ist einfach nur traurig«, meinte sie. »Es ist, wie du sagst. Man hat das Gefühl, dass es viel zu viel Schlechtes auf der Welt gibt und wir nicht viel dagegen unternehmen können.«

Als sie in die Lexington Avenue einbogen, blieb Kasey vor der Tür eines älteren Bürogebäudes stehen.

»Nun, hier habe ich mein Treffen.«

»Was ist das für ein Treffen?«

»Nicht lachen«, sagte Kasey und nahm aus einer Mappe ein Blatt Papier und reichte es Ryan. Es war ein Flyer mit der Überschrift: »Bücher statt Bomben.«

»Wir versuchen, die Regierung dazu zu bringen, mehr Geld für Schulen und Bildung aufzuwenden anstatt für Waffen«, fuhr Kasey fort. »Wenn du willst, kannst du mitkommen.«

»Ich habe meiner Mutter versprochen, ihr zu helfen. Vielleicht nächstes Mal?«

»Klar.« Kasey war im Begriff, die Glastür aufzudrücken, um hineinzugehen, aber Ryan griff an ihr vorbei und hielt sie ihr auf. »Danke.« Plötzlich schien sie nervös und stieß hervor: »Du hast wohl nicht zufällig Lust, am Samstag mit mir zum Herbstball zu gehen?«

»Äh, ich habe nicht viel Übung im Tanzen.«

»Kein Problem, ich bin auch total unbegabt. Wir könnten uns gegenseitig auf die Füße treten.«

Ryan musste sich zwingen, nicht zu grinsen wie ein Idiot.

»Klar«, sagte er. »Das wäre dann meine erste offizielle Tanzveranstaltung.«

»Super!« Kasey ging durch die aufgehaltene Tür. »Oh, und geh meinem Bruder aus dem Weg. Er ist nicht so schlimm wie er scheint, aber er kann ein wenig überfürsorglich sein.«

»Das habe ich auch schon gemerkt.«

Grinsend sah Ryan ihr nach. Erst nachdem sie im Treppenhaus verschwunden war, trat er schließlich zurück und ließ die Tür los. Als sie sich langsam schloss, erstarrte er.

In der Spiegelung des Glases sah Ryan die Straße hinter sich. Der Mann in dem dunklen Anzug, der vor der Schule gestanden hatte, war wieder da und starrte zu ihm rüber.

5

New York, USA

Ryan unterdrückte den Wunsch, sich umzudrehen und zurückzustarren. Stattdessen lief er mit raschen Schritten die Straße entlang. Er wusste, dass der Fremde seine Bewegungen genau beobachtete. Seine Eltern hatten ihm während ihrer vielen Wohnortwechsel beigebracht, überall, wo sie sich niederließen, vorsichtig zu sein, doch bislang war er der Meinung gewesen, dass New York im Vergleich zu einigen anderen Orten relativ sicher sei.

Ryan nahm sein Telefon und fuhr mit den Daumen über den Bildschirm, als schreibe er jemandem, wobei er das Telefon ein wenig über seine Schulter hielt, sodass seine Kamera die Straße hinter ihm fotografierte.

Klick-klick-klick.

Er drehte das Telefon so, dass er die Bilder betrachten konnte, die er gerade gemacht hatte. Der Mann ging immer ein paar Leute hinter ihm. Doch sein Blick blieb fest auf Ryans Rücken gerichtet wie ein Laserstrahl. Er war Asiate, mittelgroß mit militärisch kurzem Haarschnitt und einem Mund, dessen Winkel permanent zu einem missbilligenden Ausdruck heruntergezogen zu sein schienen. Ryan vermutete, dass er irgendwo aus Südostasien stammte, vielleicht Indonesien oder Thailand.

Ryan ging schnell weiter und versuchte, etwas Abstand zu gewinnen. Daher bog er in die Park Avenue ab, in der Hoffnung, seinen Verfolger auf dieser belebten Straße abschütteln zu können. Immer wieder verschwand er zwischen den Leuten und duckte sich, damit der Mann ihn aus den Augen verlöre.

Kurz bevor eine Ampel rot wurde, rannte Ryan über die Straße auf den mit Bäumen und langen Reihen von Büschen bepflanzten Mittelstreifen und versteckte sich hinter den Sträuchern. Der Mann musste an der Ecke stehen bleiben, weil der Verkehr zu dicht an ihm vorüberrauschte. Er nahm ein Handy, wählte und sprach über einen Bluetooth-Kopfhörer mit jemandem, während er weiter nach Ryan suchte.

Ryan musste unwillkürlich an das Verfolgungsspiel denken, das sein Vater und er sich ausgedacht hatten. Dabei musste der Verfolger unsichtbar bleiben, während der Verfolgte hingehen konnte, wo er wollte. Als sie das Spiel einmal auf einem überfüllten Markt in Rio de Janeiro gespielt hatten, hatte Ryan sich so gut versteckt, dass sein Vater panisch wurde, weil er glaubte, Ryan verloren zu haben.

Sobald die Ampel auf Grün sprang, schoss der Fremde über die Straße. Auf halbem Weg blieb er plötzlich stehen und drehte sich um, fixierte den Mittelstreifen und durchsuchte ihn mit einer Professionalität, die bewies, dass er ein geübter Verfolger war. Ryans erster Impuls war, aufzuspringen und weiterzurennen. Doch er zwang sich, still sitzen zu bleiben, denn er erkannte das Ablenkungsmanöver. Der Mann war verzweifelt und versuchte offenbar, sein Opfer dazu zu bringen, sich zu früh zu bewegen.

Als die Ampel wieder umsprang, hupte ein heranrauschendes gelbes Taxi den Mann an. Er sprang aus dem Weg und lief auf die andere Seite. Dort sah er sich in alle Richtungen um, enttäuscht, dass er seine Zielperson verloren hatte, und ging dann schließlich die Park Avenue hinunter.

Ryan entschloss sich, den Spieß umzudrehen und selbst den Verfolger zu spielen. Sobald die Ampel wieder grün wurde, mischte er sich unter die Leute, zog die grüne Jacke aus und wendete sie um, sodass das schwarze Innenfutter außen war. Dann machte er den Rucksack auf und nahm eine der Baseballkappen aus seiner Kollektion heraus: ein Andenken an die World-Series-Meisterschaft von 1996. Er ging davon aus, dass ihn der Mann anhand seiner grünen Jacke im Auge behalten hatte und dass er mit einer schwarzen Jacke und einer Mütze sich ausreichend verändert hatte, um ihm nicht aufzufallen. In der Menge unterzutauchen fiel Ryan sowieso leicht.

Der Mann war jetzt am Ende des nächsten Blocks, und Ryan beeilte sich, ihn einzuholen. Er hielt den Kopf unten und seinen Körper so gut wie möglich verdeckt. Als der Mann stehen blieb und sich erneut umdrehte, sprang Ryan gerade noch rechtzeitig in den Eingang einer Bäckerei und drückte sich flach gegen die Wand.

Dort zwang er sich, langsam bis fünf zu zählen, und hielt sich kampfbereit für den Fall, dass er entdeckt worden war. Erst bei fünf sah er um die Ecke. Der Mann bog gerade in die 40. Straße ab. Ryan schoss aus seinem Versteck, um sich wieder an seine Fersen zu heften, doch als er um die Ecke bog, erstarrte er – sein Verfolger war umgedreht und stieß beinahe mit ihm zusammen.

Im letzten Moment wich Ryan zur Seite aus – beinahe hätten sich ihre Schultern noch gestreift. Doch zum Glück war der Mann so in sein Telefongespräch vertieft, dass er nicht auf Ryan achtete. Er hatte eine tiefe, gutturale Stimme und klang zornig. Ryan hatte recht gehabt. Er sprach eine südostasiatische Sprache – welche, wusste Ryan nicht.

Im Vorbeigehen hörte er den Mann deutlich sagen: »John Quinn.« Vor Schreck darüber, den Namen seines Vaters zu hören, vergaß Ryan alle Vorsicht, drehte sich unwillkürlich um und starrte den Mann an. Im nächsten Augenblick hielt eine schwarze Lincoln-Limousine mit quietschenden Reifen am Straßenrand. Der Mann riss den hinteren Wagenschlag auf und sprang hinein.

Am liebsten hätte Ryan geschrien, den Kerl angehalten und gefragt, woher er seinen Vater kannte. Dann sah er das rot-weiß-blaue Diplomaten-Nummernschild. Der Mann, der ihn verfolgt hatte, gehörte offenbar zu einer der Botschaften in New York. Blitzschnell machte Ryan mit dem Handy eine Aufnahme, bevor der Wagen davonbrauste.